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Biographien und Lebensbeschreibungen
Clara Schlaffhorst
Hedwig Andersen
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Clara Schlaffhorst - Erinnerungen von Waltraud Seyd
Das Erscheinungsbild
Clara Schlaffhorst wurde am 16. Oktober 1860 in Memel geboren. Ich lernte sie im Mai 1931 kennen. Sie war mittelgroß, hatte zierliche Glieder. Die Hände waren weich, sehr durchlässig. Wir wagten, diese nur behutsam anzufassen. C. Schlaffhorst zeigte stets eine aufrechte Haltung. Das Brustbein und der Kopf waren etwas gehoben, die Schultern waren abfallend. bei der einströmenden Luft hob sie das intensiv wahrnehmende Gesicht ein wenig, weitete die Nasenflügel. Sie besaß auffallend große Ohren, volle Lippen, die Unterlippe schob sie manchmal vor, reiches, etwas gelocktes Haar, kaum Falten im Gesicht, eine Brille nahm sie nur zum Lesen und bei Handarbeiten.
Zeigte uns C. Schlaffhorst kleine Tanzschritte, hob sie die Arme etwas vom Körper ab und drehte die Hände nach außen, als ob sie Luft schöpfen wolle. Alle Bewegungen zeigten ihre tänzerische Begabung, sie waren nie unkontrolliert, immer schön anzusehen.
C. Schlaffhorst lachte selten, war meistens ernst. Man erkannte in ihrer Mimik das intensive Beobachten der sie umgebenden Menschen. Es gab manche, die meinten, C. Schlaffhorst sähe sie durch und durch bis ins Innerste. Eine Heilpraktikerin sagte einmal zu Elisabeth Goebel bedeutungsboll: "Sehen sie auch die Flammen, die aus den Fingern von Fräulein Schlaffhorst hervortreten?"
Die Sprechstimme von C. Schlaffhorst war tief, etwas rauh und verschleimt. Der liebenswürdige, singende Tonfall der Ostpreußen klang in ihrer Sprache auf. Wir freuten uns öfter über ihre spontanen Äußerungen, die allerdings auch manchmal "bissig" sein konnten und manche Gäste hart trafen. Ihre Unberechenbarkeit ließ die Menschen in einer gewissen Alarmhaltung stehen. Hier sei eine Anekdote eingefügt. Eine Lehrerin saß beim Mittagessen neben C. Schlaffhorst. Sie aß in schnellem Tempo, und während sie kaute, füllte sie schon die Gabel mit dem nächsten Bissen. C. Schlaffhorst ergriff temperamentvoll deren arm mit dem Ausruf: "Halt, Sie Ungeheuer! erst kauen und dann die Gabel mit neuem Essen füllen!" Auch ihren alten Schülerinnen gegenüber konnte C. Schlaffhorst sich unkollegial äußern. Sie zeigte da wenig Menschenkenntnis, und durch ihre Verletzungen gab es oft Tränen. Die Qualität des pädagpogischen Könnens ihrer älteren Lehrkräfte sah sie nicht objektiv und erkannte sie nur selten an. Ein Dozent, der seine Atemlehrerin, Helene Gertz, sehr schätzte und zeitweise täglich bei ihr Unterricht nahm, erlebte während seiner gesangsstunde bei C. Schlaffhorst wie diese über die zuhörende Helene gertz wenig anerkennend sprach. er war entsetzt über diese Äußerungen von C. Schlaffhorst.
C. Schlaffhorst liebte die schönen Stimmen der Schüler, die bereits nach einer intensiven Ausbildung zu ihr kamen, um von ihr noch ein Atembewußtsein zu erhalten. Jeder Künstler wurde von C. Schlaffhorst als Mensch überschätzt. Sie galten ihr als geniale persönlichkeiten. Die Pädagogen standen bei ihr im Rang weit darunter.
Erziehung im Alltag
Es gab im Hause Schlaffhorst-Andersen vielfache Möglichkeiten des begegnens und Kommunizierens. Schüler und Gäste wurden von Clara Schlaffhorst geprägt und gebildet nicht nur durch ihr beispielhaftes Verhalten, sondern durch immer wiederkehrende persönliche Ansprache. Diese Forderungen, die C. Schlaffhorst an die sie umgebenden Menschen stellte, erfüllte sie selbst in vorbildlicher Weise.
Aufstehen nach der Nachtruhe: "Wenn Ihr aufgewacht seid, steht nicht gleich auf, sondern wartet, bis es Euch hebt!"
Bei den gemeinsamen Mahlzeiten: "Sitzt aufrecht, ohne Euch anzulehnen, nehmt die Kraft vom Zwerchfell! Schlagt die Beine nie übereinander und wickelt sie nie um die Stuhlbeine. Die Füße müssen in Hüftbreite stets parallel nebeneinander stehen."
Das Einschenken der Mehlsuppe: "Reicht die Tasse mit der Einatmung dem Einschenkenden an, setzt die Tasse mit abspannender Muskulatur wieder auf den Tisch zurück!"
Zum Einschenkenden: "Lassen Sie das Zwerchfell steigen, während Sie die Mehlsuppen einschenken!"
Zum Kauen: "Kaut rhythmisch, laßt dabei die Hände neben dem Teller ruhen. Auch die Mehlsuppe könnt Ihr ein bißchen kauen!"
Beim Mittagessen: "Bleibt in aufrechter Haltung, während Ihr die Gabel oder den Löffel zum Mund führt! Während des Kauens laßt das besteck ruhig auf dem Teller liegen!"
Zu den Vegetariern: "Sie müssen mindestens einmal in der Woche Fleisch essen, um das Tier in sich zu füttern!"
Tischunterhaltung: "Sprecht mit dem Band, deutlich und laut genug, aber nicht zu laut!"
Zur Ernährung: "Schwarzen Tee, Kaffee und Alkohol dürft Ihr nicht trinken! Eßt nur ja keine Süßigkeiten ! Durch die Atmung werdet Ihr genug angeregt !"
Bei Begegnungen im Haus: "Geht in angemessenem Tempo rhythmisch durchs Haus ! Geht in dreiphasigem Rhythmus die treppe hinauf ! Setzt den Fuß leicht auf die nächste Stufe, der andere Fuß ruht noch auf der vorherigen. Die Haltung bleibt immer aufrecht!"
Auf Spaziergängen: "Beachtet den leichten Rückschwung des Körpers beim Spazierengehen! Geht jeden Tag mindestens eine Stunde spazieren ! Legt Euch aber nicht in die Sonne, das macht Euch schlaff !"
Unterricht: "Legt Euch nach den Einzelgesangsstunden etwa eine halbe Stunde aufs bett. Deckt immer beim Liegen den Unterkörper mit einer leichten Decke zu !" "Am Sonntag darf nicht geübt werden, auch ein Stadtgang nach Celle ist unerwünscht. Der Sonntag ist dafür da, daß frische Kräfte für die kommende Woche aufgebaut werden. Langweilt Euch ruhig ein bißchen !"
Freizeitbeschäftigungen: "Lest nicht so viel! Lesen ist nicht gut für euch, Ihr kommt dabei zu sehr in den Kopf ! Lernt lieber Gedichte auswendig !" "Jeden deutschen text müßt Ihr groß und deutlich in Sütterlinschrift schreiben, atemverbunden !" Sogar das Staubwischen wurde kritisch beobachtet: "Sie müssen nicht nur den Staub wischen, sondern die Möbel polieren!"
Begrüßung: "Jeder Ankömmling hörte als erstes: "Wir geben uns hier nicht die Hand, wir machen eine Zwerchfellverbeugung!"
Zur Eigenwahrnehmung: "Sorgt dafür, daß Ihr immer warme Hände habt!" "Falls durch eine Anstrengung Euer Puls zu schnell schlägt, beruhigt ihn durch Übung II nach Kofler (in gleichem tempo wie der Pulsschlag)! Jede unwillkürliche Einatmung geschieht durch die Nase, sowohl bei der Phonation als auch bei der Ruheatmung !" "Die Haare dürft Ihr nicht abschneiden lassen, sie müssen wachsen ! In ihnen steckt die Kraft !" "Ihr dürft Euch nicht operieren lassen ! Druch die Atmung könnt Ihr Euren Organismus gesund erhalten."
Bei Krankheit: "Sie sind nicht krank ! Sie haben einen Zustand !" Wenn man sich wieder gesund fühlte, durfte man nicht allein aus eigener Initiative aufstehen. Clara Schlaffhorst kam an das Krankenbett, faßte beide Hände und hob den Genesenden mehrere Male etwas hoch. Sie legte ihn jedesmal wieder hin, so lange bis er zum Sitzen kam. Dann hob sie die Beine vom Bett auf den Boden und verhalf ihn zum Aufrichten im Stehen. Bei Schnupfen: "Wenn Sie einen Niesreiz haben, dürfen Sie das Niesen nicht unterdrücken. Der Atemstoß muß kräftig herausgehen: Hatschi ! (Interjektion für das Niesen.)" Zahnschmerzen: "Schmerzen geben Kraft!"
Tabuthemen: Folgende Begriffe habe ich von C. Schlaffhorst und H. Andersen nie gehört: Kreuzlendenbereich, Sitzhöcker, Sex, menstruation, die Brüste, das Gesäß, die Geschlechtsorgane, Flirt, Schwangerschaft. Einmal wurde ich gemeinsam mit einer jungen Frau in Zimmer Nr. 4 A untergebracht. Sie blieb mehrere Tage im Bett liegen und erklärte mir, sie sei krank. Ich war darüber recht verwundert, weil sie blühend gesund aussah. Sie wurde von H. Andersen besucht, und ich wurde aus dem Zimmer geschickt. Mir kam die ganze Situation merkwürdig vor, nachdem sie mich noch gebeten hattem ich sollte mir meine Hände mit einem Waschlappen waschen. Sie konnte das Geräusch des Waschens sonst nicht ertragen. Erst nach Jahren erfuhr ich, daß sie damals schwanger gewesen war. Das einzige, wovon ich gehört habe, daß C. Schlaffhorst einmal im Unterricht einen älteren Pfarrer fragte: "Küssen Sie auch manchmal Ihre Frau ?", worauf er antwortete: "Nein, Fräulein Schlaffhorst, das tun wir nicht mehr". Sie brauste auf: "Das ist aber schlimm ! Das sollten Sie unbedingt tun !"
Es war selbstverständlich, daß niemand rauchte, auch nicht außerhalb des Hauses.
Die Regeln wurden von allen strikt befolgt, sogar in der heimatlichen Umgebung weiterhin beachtet.
C. Schlaffhorst schätzte nicht, wenn Menschen zu korpulent waren. Sie bezeichnete das mit "Diejenige hat zu viel Stoff". Einmal war unter uns eine süddeutsche Lehrerin, ein fröhlicher Mensch, der viel lachte und gerne aß. An einem Abend gab es die von uns besonders geschätzten süßen Quarkküchlein. Die fröhliche Lehrerein saß weit von C. Schlaffhorst entfernt. Diese sah in die Runde und bemerkte die genüßlich kauende junge Lehrerin. Sie rief ihr zu: "Fräulein..., von diesen Küchlein dürfen Sie nur zwei essen!" Darauf antwortete diese mit vollem Mund: "Ach, Fräulein Schlaffhorst, es ist schon mein viertes!" Darauf C. Schlaffhorst: "Erbarmung ! Die bekommt morgen keine Stunde!"
Aufgabenbereiche
Clara Schlaffhorst war zuständig für das Aufstehen nach verflossener Krankheit. Sie legte großen Wert auf den Übergang vom Liegen im Bett zum aufrechten Gang. Dies blieb dem Kranken nicht selbst überlassen. Sie wollte ihn eigenhändig in den Gesundheitszustand zurückführen. Clara Schlaffhorst trat ans Bett, nahm beide Hände, zog den Rekonvaleszenten erst eion Stückchen hoch, legte ihn mit der Ausatmung wieder hin, zog ihn dann langsam wieder höher, bis er zum Sitzen kam. Dann folgte das Herunterheben der Beine auf den Boden. So wurde die Aufrichtung bis zum Stehen langsam erreicht. Ich habe niemals erlebt, daß Dr. Aubel als mediziner zu einem der Kranken gerufen wurde.
Clara Schlaffhorst sagte nie: "Sie sind krank", sondern: "Sie haben einen Zustand." Wurde einem Schüler oder Gast zu einer Operation geraten, so forderte sie die strikte Ablehnung einer solchen. Sie meinte, jegliche Krankheit könne durch die Atmung geheilt werden. So brachte ihr Schwester marie Selbmann ihre Tochter mit einer schweren Nierenerkrankung zu ihr. Sie war voller Hoffnung, daß das Kind in Hustedt durch die Atmung geheilt werden könnte. Da ich mit der Kranken gemeinsam in Zimmer 4 wohnte, erlebte ich unmittelbar die Heilversuche von Clara Schlaffhorst. Ich sah, wie die junge Frau schwer leidend die Bemühungen über sich ergehen ließ. Jedoch verstarb sie wenige Wochen später in München. Ebenso beschreibt Hedwig Andersen in einem Brief, wie ein Kind ihrer Schwester durch Atemübungen in Hustedt geheilt werden sollte, doch starb auch dieses Kind.
Clara Schlaffhorst beobachtete ihren eigenen Körper genau und erzählte uns davon: "Heute hatte ich einen Brustkrampf (das muß angina pectoris gewesen sein)." Weiterhin: "Beim Kämmen ist mir kein Haar ausgegangen" oder "Ich hatte die beste verdauung, es war eine Spirale." Hedwig Andersen sprach nie von ihrem körperlichen Befinden. Clara Schlaffhorst ließ sich von Dr. Güthenkel beraten. Sie selbst emüfand diese Beurteilung als sehr positiv, wobei wir Schüler sie manchmal eher besorgniserregend fanden. Angst kannte sie nur bei Tuberkulose. Bei dieser Krankheit sollte auf keinen Fall die Atmung als heilende Kraft eingesetzt werden. "Laßt die Finger davon! Wenn ihr mit diesen Menschen atmet, bricht die Krankheit erst richtig aus." Auch geistige Behinderung und Verhaltensstörungen versuchte sie durch Atemarbeit zu bessern. Sie wandte bei allen die gleichen Übungen an. Die Menschen hatten großes Vertrauen zu ihrem Können.
Schwingen
Das Gebiet des Schwingens überließ Hedwig Andersen ganz und gar ihrer Freundin. Das ganze Jahr hindurch kam Clara Schlaffhorst morgens um 8 Uhr in den Garten zum Schwingen. Nur bei ganz heftigem Regen oder starkem Frost (ab - 6° C) wurde in der Diele geschwungen. Clara Schlaffhorst schwang fast immer mit einer helferin, der sie verfängliche Fragen stellte. So wurde diese gefragt, als Elisabeth Goebel geschwungen wurde: "Wo steckt bei Frl. Goebel die Kraft?" Die Helferin äußerte verschiedene Mutmaßungen, die alle barsch abgelehnt wurden. Clara Schlaffhorst: "Sie sitzt in den roten Kugeln ihrer Kette, die sie um den Hals trägt!" Sie schwang mit Handhaltung oder legte die Hände an die seitichen Rippen und spürte deren Ausdehnung. Sie fühlte am Schlüsselbein, ob der Geschwungene keine "Salzfässer" hatte. "Die müssen verschwinden!" Das Brustbein mußte durch den "Frechdachs" nach außen gehoben werden. Die Ausatmung sollte durch den weit geöffneten Mund in der Artikulationsstellung "A" geschehen (Übung I nach Kofler). Bei der Übung 2 nach Kofler achtete sie auf die entspannt vorgeschobenen Lippen und ließ die Luft mit zwei Unterbrechungen ausblasen. In der dritten Übung (Schlürfen) wurde die Luft langsam durch den Mund eingesaugt, danach kurz angehalten. Diese Übung endete wieder mit der Ausatmung durch den weit geöffneten Mund. Bei der Übung 4 wurde die Luft nach der Einatmung kurz angehaltenm danach wieder mit weit geöffnetem Mund ausgeatmet. Kleine schwingende und kreisende Bewegungen unterstützten die Atemnübungen nach Kofler. Sie freute sich über jede tiefe, unwillkürliche Einatmung beim Schwingen.
Das Beugen von Knie- und Hüftgelenken wurde von Clara Schlaffhorst gerne geübt. Sie achtete bei der Abwärtsbewegung auf einen bestimmten Punkt und rief dann: "Halt ! Nicht weiter abwärts !"
Beliebt war auch die "Presse" mit dem Schwingenden. Dann stand Clara Schlaffhorst und die Helferin seitlich des Schwingenden. Sie drückten mit beiden Händen gegen die unteren Rippenbögen. Der Schwingende stemmte sich mit der Einatmung dagegen. Es folgte wieder die Ausatmung durch den weit geöffneten Mund, während die Intensität des Pressens gleichmäßig nachließ. Fast nie berührte Clara Schlaffhorst den Bauch oder den Kreuzlendenbereich.
Das Schwingen endete jedesmal mit dem Beklopfen des Brustkorbes. Dabei mußte der Schwingende die Luft anhalten (es durfte nur auf den gefüllten Brustkorb geklopft werden). Wenn sie mit einem Menschen geschwungen hatte, rief sie ihm beim Fortgehen nach: "Gehen Sie rhythmisch!" Das hieß: langsam, aufrecht, und mit "Rückschwung" (Rückschwung bedeutete, daß die Verlagerung nicht zu schnell auf den vorderen Fuß übertragen wurde). Nachdem alle geschwungen worden waren, rief Clara Schlaffhorst die Anleitenden zu einem kurzen Schwingen in der Gruppe zusammen, das sie selbst anleitete.
Schwingen in der Gruppe
Am Mittwoch und Samstag leitete C. Schlaffhorst vor dem Frühstück das Schwingen in der Gruppe an. Am Mittwoch fand es am Hause und am Samstag am Waldrand statt. Sie führte das Schwingen nach den 5 Regenerationswegen durch Schwingen, Kreisen, Rhythmus, Atmen, Tönen. Wir faßten uns an Händen im Kreis. Falls der kreis zu groß wurde, bildeten wir noch einen kleinenm kreis in der Mitte. In die Bewegungsbaläufe baute C. Schlaffhorst die Atemübungen nach Leo Kofler ein: die Übung I und II nur bei Vorschwung; die Übung III, das Schlürfen, setzte sie beim langsamen Schwingen nach hinten ein. Es folgte darauf die Übung I beim Rückschwung. Die Übung IV setzte sie am Ende des Spannungsaufbaus beim Schwingen nach hinten ein. Es folgte beim Vorschwung wieder die Übung I
Die schwingende Bewegung führte C. Schlaffhorst zunächst in kleinem Ausmaß im Stand durch. Dann erweiterte sie diese durch Schrittfolgen nach vorne und nach hinten. Die kreisende Bewegung ließ sie mit den Armen oder wechselweise mit einem Bein ausführen.
Die rhythmische Bewegung, d.h. das Beugen der Knie- und Hüftgelenke, wurde stets geübt. Ebenso das Gehen im Rhythmus, wobei das im Knie gebeugte Bein angehoben wurde (3 = Einatmung), danach bei der Streckung wieder auf den Boden gesetzt (1 = Ausatmung), bei der Lockerheit parallel neben den anderen Fuß zum Ruhen zurückgezogen (2 = Atempause). nach diesem koordinierten Bewegen der Beine im physiologischen Atemrhythmus wandte sich C. Schlaffhorst seitwärts und ließ uns im Kreis schnell gehen (1-1-1-1). Das Tempo beschleunigte sie bis zum Laufen im Kreis.
Im Anschluß an diese Bewegungsabläufe setzte C. Schlaffhorst gerne Spielformen ein. Beim Schwingen in der Gruppe vor dem Frühstück war das "Dritten abschlagen" bei ihr sehr beliebt. Es wurde auf zweierlei Weise gespielt. Die Schwingenden stellten sich in Zweiergruppen hintereinander im Kreis auf. Zwei, sich verfolgend, liefen um diesen Kreis herum. Der Verfolgte konnte sich ausruhen, in dem er in der Laufrichtung sich vor ein Zweierpaar stellte. Dann mußte der Dritte sofort die Rolle des Verfolgten aufnehmen. C. Schlaffhorst paßte genau auf, ob das Sicheinordnen in Laufrichtung geschah, was immer wieder von Gästen, die nicht so gewandt im Spiel waren, mißachtet wurde, wprauf sie schimpfend reagierte. Gerne bot C. Schlaffhorst noch die erschwerte Art des "Dritten abschlagen mit Gegenschlag" an, was eine sehr gute Reaktionsfähigkeit erforderte. Bei diesem Spiel konnte sich der Verfolgte durch Vorstellen retten, aber der Dritte wurde statt zum Verfolgten zum Verfolger. Dieser schnelle Wechsel brachte öfter, wenn nicht schnell genug reagiert wurde, Zusammenstöße hervor. Das Spielen wurde wilder und wilder, was uns Jungen natürlich großen Spaß bereitete, während C. Schlaffhorst mit Zorn auf jegliches Unvermögen reagierte.
Die Rhythmische Stunde in der Diele
Vor Clara Schlaffhorsts 70. Geburtstag am 16. Oktober 1933 leitete sie noch einige Male die rhythmischen Stunden am Samstagvormittag. Die Rhythmische Stunde wurde stes mit improvisierter Klaviermusik vereint. C. Schlaffhorst wurde von Hedwig Andersen am Flügel unterstützt.
Der Aufbau einer jeden Stunde richtete sich nach den fünf Regenerationswegen. Sie begann immer mit der schwingenden Bewegung, worauf die kreisende folgte, sowohl mit wie auch ohne Handfassung. Sowohl die schwingenden wie die kreisenden bewegungsabläufe wurden mit der rhythmischen Bewegung, dem Beugen und Strecken der Knie- und Hüftgelenke und der Wirbelsäule, koordiniert und ausgeweitet. Die Atemverbundenheit mit den Bewegungen, sowie das Atembewußtsein, waren für die Ausführenden selbstverständlich.
Einen besonderen raum nahm das rhythmische Gehen und Laufen innerhalb der rhythmischen Stunde ein.
Clara Schlaffhorst baute gerne Tanzweisen, wie u.a. die Kette, den Seitgalopp und geschrittene Formen mit ein.
Am Ende einer jeden rhythmischen Stunde wurde getönt. Hedwig Andersen spielte Kadenzen und führte damit das tönende Singen. Es wurden nur Vokale, keine Konsonanten benutzt. Beim Tönen wurden kreisende Bewegungen mit oder ohne Handfassung in aufrechter Haltung gemacht.
Den Abschluß der etwa 45-minütigen Stunde bildete eine Vertonung eines Verses aus dem Gesangs-Hey. Besonders beliebt war die "Lachübung".
Das Sprechen von Hey-Versen
Nach dem Einzelschwingen versammelten sich Gäste, Schüler und Mitarbeiter im Gelben Zimmer. Es wurde im Kreis gestanden, in dem zwei Personen je einen Hey-Vers auswendig sprechen mußten. Clara Schlaffhorst beurteilte das Sprechen. Jeder Vers hatte seinen persönlichen Charakter, der von dem Sprecher genau getroffen werden mußte, worauf Clara Schlaffhorst strikt achtete. Die Stimmlage mußte beim Sprechen der Verse gleichmäßig erhöht sein und in dieser Lage durchgehalten werden. Die Verse mit Vollklingern (l, m, n, ng) wurden langsamer als die Verse mit Explosivkonsonanten gesprochen. Diese letzte klangen eher abgehackt und gestoßen. Auf die Prosodie wurde nicht geachtet. Das Sprechtempo war bei den einzelnen Versen vorbestimmt. Das Zungen-R mußte durchweg benutzt werden. Tr und tz wurden impulshaft gesprochen, die Naturlaute immer in gleicher Artikulationsstellung, gleicher Tonhöhe und gleichem Tempo. Das Warten auf die unwillkürliche Einatmung durch die Nase bei jedem Satzzeichen und an den Zeilenenden war selbstverständlich. Nur einzelne Worte wurden mit Gefühl gesprochen, z.B. "mannhaft", "hierher, Hofhund!" oder nur das Wort "Fluch". Auf den Inhalt wurde kaum eingegangen. Aber bei kabarettistischen Veranstaltungen hatten wir alle unser größtes Vergnügen beim Parodieren der Hey-Verse.
Die Allgemeine Stunde
Am Samstagvormittag versammelte Clara Schlaffhorst Schüler und Gäste um 11 Uhr im Blauen Zimmer. Die meisten von ihnen nahmen etwas zum Schreiben mit, um den Verlauf der Stunde festzuhalten. Clara Schlaffhorst sah das nicht gerne, nur wenn ihr eine Formulierung sehr gut gelungen war, sagte sie: "Das könnt ihr aufschreiben."
Ich greife nur einige Themen auf, die in den Allgemeinen Stunden behandelt wurden. Einmal sprach C. Schlaffhorst über die naturlaute: "Wir unterscheiden bei den Lauten die Naturlaute (a, u, i) von den Menschenlauten (o, e=. Die Naturlaute finden wir auch beim Husten = u, beim Niesen = i, beim Lachen = a. Beim Niesen gebraucht bitte die Interjektion "Hatschi", beim Lachen "Ha-ha-ha" und "hu" beim Husten. H. Andersen bemerkte einmal: "Wer viel hustet, lebt lange."
C. Schlaffhorst erklärte während der Allgemeinen Stunde ihre Begriffe, von denen ich an dieser Stelle einige nennen möchte. Clara Schlaffhorst neigte zu Gruppierungen. Entweder stellte sie zwei Begriffe nebeneinander, von denen der eine positiv und der andere negativ besetzt wurde. So "Psyche = negativ" und "Seele = positiv". Oder sie gruppierte drei begriffe, die sie mit dem dreiphasigen Rhythmus verband: "leicht = Spannung" , "schwer = Abspannung", "schwebend = Lockerheit". Die Regenerationswege finden wir in der 5fachen Gruppierung: Schwingen - Kreisen - Rhythmus - Atmen - Tönen. Auch siebenfache Gruppierungen wurden den Tönen der Septime zugeordnet: "g = Schwerkraft", "a = Schwungkraft", "h = Spannkraft", "c = Zeugungskraft", "d = Gestaltugskraft", "e = plastische Kraft", "f = Schöpferkraft".
Ich hörte einmal in den 60er Jahren eine Bemerkung von Herrn Professor Paul Vogler (Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Freunde):" Am besten lassen Sie die Gruppierungen von Clara Schlaffhorst ganz weg."
Ein Pfarrer aus Sachsen sprach von "Philosophatsch".
Eine kleine Anekdote möchte ich noch hinzufügen. Clara Schlaffhorst pflegte, nachdem sie etwa eine halbe Stunde gesprochen hatte, zu neu hinzugekommenen Gästen zu sagen: "Für Sie ist das nun genug, Sie gehen am besten jetzt hinaus." Das sagte sie auch einmal zu einem Lehrer aus Sachsen. Dieser antwortete fröhlich: "Och nee, ich kann mir stundenlang den jrößten Blödsinn anhör'n." Wir reagierten darauf mit fröhlichem Lachen.
Ich möchte an dieser Stelle auch etwas von meinen Aufzeichnungen zeigen. Ich wähle zwei Zitate von C. Schlaffhorst aus:
1. "Die Stimme kann nicht genug Fäden spinnen, zwischen Tod und Leben, Mensch und Wesen, Natur und Geist, Nerven und Blut, Blut und Geist."
2. "Wir trachten nicht nach Vollkommenheit, weil wir dann die Sehnsucht verlören - wohl ringen wir nach Vollendung in einzelnen Stadien, damit wir in einem neuen Stadium wieder von Grund beginnen können."
Gesangsunterricht
Bei Clara Schlaffhorsts Gesangsstunden saß stets eine der Helferinnen, sich Notizen über den Verlauf der Stunde machend, auf der langen Bank. Clara Schlaffhorst saß am Flügel, der Notenständer war heruntergeklappt, damit sie den Schüler, der in der Ausbuchtung des Flügels stand, besser beobachten konnte. Sie erwartete von dem Schüler den ersten Ton, gab ihn nie selbst an. Er wurde in der Artikulationsstellung "A" gebildet und sollte solange in gleicher Klangstärke gehalten werden, bis die Luft verbraucht war. Clara Schlaffhorst unterstützte die Phonation durch wiederholtes, leises Antippen des Tones. Der Schüler mußte in aufrechter Haltung stillstehen. Sie achtete darauf, daß die Hände zusammengelegt, aber nicht gefaltet waren. Die Arme wurden dabei gebeugt auf der Höhe des Zwerchfells gehalten. "Die Arme bilden vor dem Körper einen geschlossenen Kreis, was den Kreislauf fördert und den oberen Brustkorb weitet." "Schaukeln Sie beim Singen nicht hin und her! Die äußere sichtbare Bewegung verhindert die innere unsichtbare Bewegung." Wenn Clara Schlaffhorst die Tonhöhe des ersten Tones am Flügel festgestellt hatte, stellte sie diesen in einen größeren Zusammenhang. So sagte sie beim Ton "fis": "Das ist der Künstlerton". Das "c" war männlich und stellte die Mitte dar. "A" und "e" waren Töne der Lockerheit. Sie gab auch Töne aus dem Bereich der Septime an, die der Schüler nachsingen mußte, z.B. absteigend "f-e-d-c-h-a-gis-h-a" und aufsteigend (als Spiegelbild) "g-a-h-c-d-e-f-d-e". Dazu zeichnete sie auf einer Schreibtafel diese Form
als dargestellte absteigende Tonlinie und diese Form
als aufsteigende Tonfolge. Zusammen ergab dies folgende Melodie: "f-d-e-gis-h-a" und die Form
Sich in symbolhaften Zeichnungen auszudrücken war Clara Schlaffhorst ein großes Bedürfnis und eine große Freude. Dies regte auch so manchen Schüler an, mit eigenen Zeichnungen das Ideengut von Clara Schlaffhorst darzustellen. Aus dem Anfangston entwickelte Clara Schlaffhorst weitere Einzeltöne, chromatisch auf- oder absteigend, Oktavsprünge, Vokalreihen ("a-ä-e-i" oder "a-o-u") und diatonisch kreisende Tonreihen. Diese kreisenden Tonreihen bestanden aus drei, fünf oder acht Tönen (bei acht war die None als Wechselton dabei) und wurden solange in verschiedenartigem Tempo gesungen, wie die jeweilige Luftkapazität es zuließ. Auch Arpeggien waren sehr beliebt: c, e, g, c, e, c, g, e, c, oder c, e, g, c, h, g, f, d, c. Triller oder Vorschläge wurden bei Clara Schlaffhorst nie geübt. An diese Töne und Tonfolgen schloß sie gerne einige Übungen aus dem Gesangs-Hey an. Sie begleitete diese recht sicher, aber nicht prägnant oder hart anschlagend.
Wir empfanden ihren Anschlag als "luftig". Zunächst nahm sie Übungen aus dem 1. Teil des Gesangs-Hey, die zum größten Teil Vokalübungen waren, z.B. die "Lachübung", die allgemein sehr beliebt war und oft gesungen wurde. Auch die anspruchsvollere Oktavübung wurde gern gesungen. Aus dem 2. Teil schätzten wir vor allem "Wer wägt klar (e-ä-a)", "Nun nahen neue Wonnen", "Leeren Wahn wohl will man nennen", "Prangende Wangen" und die nchromatische Übung "Nah dem Hage, Tannen schwanken". Dieser zweiter Teil enthielt die Vertonungen der Sprechverse. Im Anschluß an die Hey-Übungen bot sie verschiedenes Liedgut an. Zu diesem gehörten u.a. die "Kinderlieder" von Schumann oder Reinecke, sowie Volkslieder aus dem "Zupfgeigenhansel" und die Lieder von Robert Franz. Dieses Liedgut verwandte Clara Schlaffhorst bei allen Schülern und Gästen, die vorher keine Gesangsausbildung absolviert hatten. Mit denen im Gesang Ausgebildeten ging sie zu Schubert, Schumann oder Brahms über, ließ diese auch Arien aus Opern und Oratorien singen. Nur das Liedgut von Hugo Wolf und Gustav Mahler setzte sie ungern ein, weil ihr die Begleitungen zu schwer waren, aber vor allem, weil sie davon nur einzelne Lieder kannte. Mit den bereits ausgebildeten Sängerinnen konnte es manchmal in Gesangsstunden zu Konflikten kommen, weil diese eine ausgeprägte künstlerische Vorstellung besaßen, die aber nicht Clara Schlaffhorsts Vorstellungen entsprach. Ebenso kam es zu Konflikten mit den noch nicht ausgebildeten Schülern, die aber musikalisch waren, viel Beziehung zu Liedern hatten, aber wenig Möglichkeit besaßen, sich durch die Stimme künstlerisch auszudrücken. Diese ließ sie zu deren Verdruß Kinderlieder oder einfache Lieder aus dem "Zupfgeigenhansel" singen, was deren geistigem Niveau überhaupt nicht entsprach, aber ein Lied von Franz Schubert kam für diese Schüler nach Clara Schlaffhorsts Ansicht überhaupt nicht in Frage. Hörte sie zufällig eine von den Sängerinnen ein Lied singen, das sie nicht mit ihnen erarbeitet hatte, wurde diese aufgefordert, darauf zu verzichten, oder damit vertröstet, es später einmal singen zu dürfen.
Auch mir wurden nur Kinderlieder angeboten. Aus diesem Grunde hatte ich persönlich wenig Lust zu singen ! Clara Schlaffhorsts Gesangsunterricht hatte für mich wenig Anziehungskraft, und ich fühlte mich immer angestrengt, und was sie mir an Techniken anbot, paßte nicht zu meiner Konstitution. Die höhere Lage mußte immer sehr kraftvoll gesungen werden, wobei sich bei mir die Luft sehr stark staute. In diesen Gesangsstunden fühlte ich mich weder durch die Liederauswahl noch in der Führung der Stimmfunktionen in meiner Person verstanden. So gab ich das Singen, was ich vorher viel und gerne getan hatte, allmählich ganz auf. Ich fühlte mich beim eigenen Singen unverstanden und wandte mich mehr den Liedbegleitungen zu. Ich erinnere mich nur an zwei Lieder, die mir im Singen große Freude gemacht haben. Es war Mozart "Komm, lieber Mai, und mache..." und das Siebenbürgener Heimatlied "Es saß ein klein wild Vögelein..."
Den Gesangsunterricht unterbrach Clara Schlaffhorst mehrere Male, um dem Schüler Näheres von ihrem Gedankengut mitzuteilen. Sie zeigte Dreierordnunge auf: 3 = leicht, 1 = schwer, 2 = schwebend. Eine andere Gruppierung war: 3 = Tag, 1 = Nacht, 2 = Dämmerung. Auch zeigte sie Bilder, zu denen sich ihre Schüler äußern mußten. Ich erinnere mich an eine Zeichnung der Nervenbahnen im Gehirn, das sehr schlecht produziert war. Clara Schlaffhorst fragte den Schüler: "Wo ist vorne und wo ist hinten ?" (es war überhaupt nichts zu erkennen). Wenn dieser eine falsche Antwort gab, sagte sie: "Ja, das paßt zu Ihnen!" Auch die sieben Naturformen (Fläche, Kugel, Kegel, Band, Kristall, Spirale, Schraube), die sie aus gedrechseltem Holz besaß, gehörten zu ihrem didaktischen Material. Die Spirale erklärte Clara Schlaffhorst durch ein Kinderspielzeug, eine Karte, auf der ein spiraliger Wurm aus dünnem Draht angebracht war. Unter der Karte war ein Knopf. Wenn daran gezogen wurde, krümmte sich der Wurm auf der Karte. Diese Dinge begeisterten Clara Schlaffhorst und bereiteten auch uns Spaß.
C. Schlaffhorst war gegen jedes Absingen von Liedern: "Die Noten lenken den Singenden von der Ebene des Fühlens und Empfindens ab. Der Blick kann beim Ablesen von Text und Noten nicht nach innen gerichtet werden. Wie sollten Bilder vor dem ineren Auge erscheinen, wenn Worte und Noten vor den Augen flimmern?"
Am Sonntagvormittag
Am Sonntagvormittag gegen 10 Uhr bot C. Schlaffhorst ihren Schülern und Gästen einen Spaziergang in die Landschaft der Südheide an. Sie ging nicht weit. An einem schönen Platz, der sich zum Lagern eignete, setzten wir uns in die Heide. Einer von uns hielt einen weißen Sonnenschirm über den Kopf von C. Schlaffhorst. Sie schützte sich stets gegen die Sonnenstrahlen. Während des Lagers wurde uns aus den Predigten von Meister Eckhard vorgelesen. H. Andersen ging nie auf diese Spaziergänge mit.
Im Gelben Zimmer
Am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag öffnete C. Schlaffhorst das Gelbe Zimmer von 20 bis 21 Uhr für alle Schüler und Gäste. Es war üblich, daß in dieser Zeit vorgelesen, gehandarbeitet und gespielt wurde. C. Schlaffhorst saß mit der Brille auf der Nase mit einer Handarbeit unter uns. Sie strickte gerne Kindersachen, bei denen sie manchmal Fehler entdeckte. Ich galt für sie als die fähigste Helferin. Dann reichte sie mir ihr Strickzeug, und ich brachte es wieder in Ordnung. Clara Schlaffhorst besaß eine Vorliebe für in Unordnung geratene Garne. Sie widmete sich diesen fasziniert und mit großer Geduld. Die Schüler kannten diese Begeisterung und brachten ihr manchmal von Zuhause in Unordnung geratene Garne mit. Sie wickelte diese auf und ordnete sie auf dem Tisch vor sich. Ich verstand Clara Schlaffhorst sehr gut, da mich in gleicher Weise bereits als Kind das Ordnen von Garnen fasziniert hatte.
Öffnete sich etwas verspätet die Türe zum Gelben Zimmer, ließ C. Schlaffhorst ihre Brille auf die Nasenspitze rutschen, um zu sehen, wer hereinkam. War es ein Gast, der neu in unserer Runde war, fragte sie ihn gleich: "Kennen Sie schon Scharwenzel?" Fast niemand kannte dieses Spiel. Und so wurde es gleich gespielt. C. Schlaffhorst nahm die Sache in die Hand. Sie sagte: "Scharwenzel, hör aufs Wort und geh nicht eher fort, als bis ich's sagen werde, und gib dem die Hand, dem ich sie geben werde!" Nach dieser Ansprache saßen wir so lange still zusammen, bis einer anfing zu sprechen. Gleich sagte C. Schlaffhorst: "Scharwenzel, hörst Du ? Geh!" Daraufhin ging 'Scharwenzel' aus dem Zimmer. Jetzt gab C. Schlaffhorst dem die Hand, der gesprochen hatte, worauf der Hinausgegangene wieder herein gerufen wurde, der sofort, weil er das Spiel kannte, dem die Hand gab, der gesprochen hatte. Der Neuankömmling staunte !
Gelesen wurde das Buch von Richard Wilhelm "Der Mensch und das Sein". Es waren fernöstliche Weisheiten. Mir gefiel das Buch so gut, daß ich es mir gleich kaufte.
H. Andersen war nie bei diesen Abenden anwesend.
Die Nachfolgerinnen und deren Beziehungen zu Clara Schlaffhorst
Mutter-Kind-Beziehung
Ilse Töpfer nannte Clara Schlaffhorst stets "Muttchen". Sie hatte freien Zutritt zu den Räumen von Clara Schlaffhorst (Schlaf- und Unterrichtsraum). Elisabeth Goebel trat nach Ilse Töpfers Fortgang 1935 an die leer gewordene Stelle in der Mutter-Kind-Beziehung.
Freundschaftliche Beziehungen
Die Schüler, die bereits eine Gesangsausbildung absolviert hatten, "die Sängerinnen", wurden von Clara Schlaffhorst bevorzugt. Allerdings fühlten sich einige von ihr nicht verstanden, weil sie diese in einer bestimmten Richtung führen wollte. Es gab durch dieses Mißverständnis viel Tränen und erst nach dem Tod von Clara Schlaffhorst 1945 entwickelten sich diese zu hervorragenden Sängerinnen, z.B. Lotte Bleul.
Die Jugendfreundin Aline Fried hatte im Elternhaus von Clara Schlaffhorst verkehrt. Sie war eine berühmte Sängerin und fühlte sich über Clara Schlaffhorst stehen, was ich in Hustedt beobachten konnte. Clara Schlaffhorst stand ihr gegenüber in alter Herzlichkeit.
Auch Otti Hey, die Tochter von Prof. Julius HEy, fühlte sich freundschaftlich mit Clara Schlaffhorst verbunden, ohne besondere Ehrerbietung zu zeigen. Ich lernte sie in Hustedt kennen.
Auch die Fürstin Emma Lich-zu-Hohensolms-Lich, die Mutter von Prinzessin Elisabeth und deren Schwester Johanna, gehörte schon in Clara Schlaffhorst's Berliner Zeit zu ihren bevorzugten Schülerinnen. Die Fürstin blieb eine Mäzenin, besuchte von Zeit zu Zeit die Damen und wirde von ihnen mit Ehrfurcht empfangen. Die Damen zeigten den Unterschied zu ihr in gesellschaftlicher Beziehung durch Gespräche "unter vier Augen" im Gelben Zimmer.
Erne und Matte Nissen waren ausgesprochene Freundinnen von den Damen. Wenn die Damen nach Berlin zu ihrem Zahnarzt gingen, wohnten sie bei den Schwestern Nissen. Diese zeigten ihr ganzes Leben hindurch ihre feste Freundschaft zu den Damen. Sie teilten mit ihnen Freud und Leid. Sie pflegten in gleicher Weise die Beziehung zu Ilse Töpfer, auch nachdem sich diese von Hustedt getrennt hatte. Nach dem Tod von Matte Nissen löste Erne Nissen die Berliner Wohnung auf und zog nach Schöndorf auf das Obstgut von Anne Fischer, wo Hedwig Andersen ihren letzten Lebensabschnitt verbrachte.
Den bereits von ihnen ausgebildeten Lehrerinnen begegnete Clara Schlaffhorst einigen freundschaftlich gegenüber, z.B. Dora Idler durfte in ihrem Schlafzimmer wirken, um Kleidungsstücke wieder heil zu machen. Aber den anderen zeigte Clara Schlaffhorst die gewünschte Rangordnung. Eine Ausnahme bildete Prinzessin Elisabeth mit ihrer Schwester Johanna, die bereits als Kinder ihre Schülerinnen waren. Prinzessin Elisabeth durfte sich mansche erlauben, was für uns galt, z.B. trug sie einen "Bubikopf", auch kam sie öfter lächelnd zu spät zum Schwingen, was Clara Schlaffhorst ihr zugestand. Für die alten ausgebildeten Schülerinnen blieb sie immer die anerkannte Lehrerin, der sie stets ehrfurchtsvoll begegneten, z.B. Ilse Krüger, Anka Schulze, Gertrude Schümann, Margarete Ottmer, Martha Luise Merckens, Helene Gertz. Diese wurden bei ihrem wiederholten In-die-Schule-Kommen in ihren Leistungen kritisch betrachtet.
Beziehung zu der Generation ihrer Enkel
Dann folgten diejenigen, die noch in der Ausbildung waren: die Enkelgeneration. Sie zeigte verschiedenes Verhalten. Lonny von Metzsch, die bereits in Rotenburg bei Clara Schlaffhorst lernte, wurde von ihr verhätschelt. Sie gehörte später zum Freundeskreis Ilse Töpfer. Milla von Prosch sagte: "Ich habe immer nur Angst vor Clara Schlaffhorst gehabt. Fast alle, Martha von der Recke, Hilde Rühl, Margarete Lentze, Waltraud Seyd, erika Brigleb und noch weitere gingen mit Ilse Töpfer nach Berlin. Nur einzelne wurden von der Ausbildung ausgeschlossen: Lilli Usener, weil sie rebellierte, eine andere, weil sie Jüdin war. Wir, "die Enkel", solten artige Kinder sein und bleiben. Von diesen erhielten nur Ilse Lowes und Waltraud Seyd die Unterrichtserlaubnis von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen im Jahre 1943.
Nach dem Tod von Clara Schlaffhorst
Bis zu dem Tod von Hedwig Andersen begleitete sie uns liebevoll auf unserem weiteren Lebensweg.
Die Schule Schlaffhorst-Andersen in Lieme
Gräfin BRedow, die 1942 die Schule in Seefeld/Pommern aufbaute, verlor 1945 alles. Sie engagierte sich in Lieme/Lippe 1949 beim Wiederaufbau der Schule. Sie wurde von allen, außer von Dorothea Kalk, die ihr bis zu ihrem Lebensende treu ergeben war, mit kritischer Distanz angesehen. Die Leitung der Schule übernahmen Anita Grauding, Irmgard von Harling, Anna Bruckner und Dorothea Kalk. In diesen Kreis versuchten einzudringen Lotte Bleul, Margarete Ottmer, Elisabeth Goebel und ich. Das gelang keiner von ihnen. Gegen eine Weiterentwicklung der Schule, wie sie von Goebel und mir gefordert wurde, errichtete die Leitung eine feste Mauer. Alles wurde weitergeführt, wie unter Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen: der Wochenplan, der Tagesplan, die Ausbildungsziele usw. Das Gedankengut von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen blieb unangetastet und wurde den Auszubildenden in konservativer Weise vermittelt. Die Schule konnte sich nur bis 1958 halten, sie ging finanziell zugrunde und wurde aufgelöst. Alle suchten nach einem Objekt für einen weiteren Aufbau der Schule Schlaffhorst-Andersen.
Die Schule Schlaffhorst-Andersen in Eldingen
Durch einen glücklichen Zufall ergab sich eine finanzielle Hilfe durch Anka Schulze, deren Schule in Rotenburg an der Fulda von der Gemeinde enteignet wurde. Sie stellte ihr Vermögen zur Verfügung als das Schloß Eldingen zu neuem Sitz der Schule gekauft wurde. Im Jahre 1960 war die feierliche Eröffnung der Schule. Anita Grauding und Irmgard von Harling gaben die Leitung ab und gingen in den Ruhestand. Anita Grauding zog zu ihrer Schülerin nach Marburg, Irmgard von Harling ging in das Kloster Ebsdorf. Die neue Schulleiterin wurde Gertrude Schümann, die gemeinsam mit Heidi Noodt die Schule wieder aufbaute. Gertrude Schümann war eine starke Persönlichkeit, die eigene Ideen entwickelte und eigene Wege ging. Inzwischen war auch Hedwig Andersen gestorben. Die neuen Ausbildungsschüler ließen sich nicht mehr so wie gewohnt führen. Frau Schümann versuchte noch einige Zeit den Samstag als Unterrichtstag beizubehalten, aber die Schüler strebten schon freitags nach ihrem Einzelunterricht nach Hause zu eigenen Unternehmungen. Weiterhin wurden Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen tief verehrt. Doch wenn auch bei ihnen das Leben im Alltag eine Zielsetzung war, so konnte das in Eldingen nicht mehr gehalten werden. Das ging nicht von den Lehrenden aus, sondern von den Schülern. Gertrude Schümann prägte die Ausbildung mit ihrer starken Persönlichkeit neu. Die Schule geriet immer mehr in finanzielle Bedrängnis. Die Lehrer arbeiteten nur mit einem ganz geringem Gehalt, so wurde das Christliche Jugenddorfwerk als neuer Träger der Schule willkommen geheißen.
Die Schule Schlaffhorst-Andersen in Bad Nenndorf unter der Trägerschaft des Christlichen Jugenddorfwerkes
1979 wurde Eldingen verkauft, das Christliche Jugenddorfwerk baute die Schule in Bad Nenndorf wieder auf. Elisabeth Goebel und ich trennten sich von der Schule, sie errichteten in Sülze ein eigenes Zentrum. Über die Ausbildung von Praktikanten blieb die Beziehung zur Schule bestehen.
Allmählich schwand immer mehr der Mensch Clara Schlaffhorst aus dem Bewußtsein der jungen Ausbildungsschüler. Sie machten sich ein eigenes Bild von ihr, das immer weniger authentisch wurde. Sie klammerten sich an die schriftlichen Äußerungen von Menschen, die Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen nicht mehr gekannt haben. Aus diesem Grunde habe ich versucht, den Menschen Clara Schlaffhorst aus dem Zusammenleben mit ihr darzustellen.
Waltraud Seyd, den 4.4.2003
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Hedwig Andersen
Waltraud Seyd:
Alltägliche Beobachtungen während meiner Ausbildungszeit bei Schlaffhorst-Andersen von 1931 - 1942
Wußten Sie schon, daß
- Hedwig Andersen 3 Jahre jünger als Clara Schlaffhorst war ? - sie immer nach Clara Schlaffhorst ein Zimmer betrat ? - Hedwig Andersen nie gesungen hat ? `- sie nie vor dem Frühstück von 8-9 Uhr beim Schwingen dabei war, weil sie die Zeit zum eigenen Üben benutzte ? Sie begann immer mit Übungen von Czerny. - Hedwig Andersen einen perlenden leichten Anschlag hatte ? - sie abends von 20-21 Uhr nie mit uns im Gelben Zimmer anwesend war ? - Hedwig Andersen nie Handarbeiten gemacht hat ? - sie den sonntäglichen Spaziergang am Vormittag nie mitgemacht hat ? - Hedwig Andersen eine ausgebildete Klavierlehrerin war, jedoch keine Pianistin? Sie hat Klavierunterricht gegeben, Lieder begleitet und zur Rhythmischen Stunde improvisierend gespielt. Sie hat nie ein öffentliches Konzert gegeben. - sie grundsätzlich Clara Schlaffhorst beim Singen begleitete ? - Hedwig Andersen Robert Schumanns Werke am meisten liebte ? Z.B. Waldszenen, Papillons, Karneval, Fantasiestücke. - sie jedes samstägliche Vorsingen mit dem C-Dur-Präludium von J.S.Bach begann ? - Hedwig Andersen alle Klavierstücke auswendig spielte und dasselbe auch von ihren Schülern verlangte ? - sie jedes vorgetragene Stück vom Vorspielen am Mittwoch und am Samstag in ein Büchlein eintrug ? - Hedwig Andersen kein "starkes In-die-Tasten-Greifen" vertragen konnte ? - sie ihren Klavierschülern eine Gruppenstunde in Musiktheorie gab ? - Hedwig Andersen in Gruppenstunden die Sütterlin-Schrift vermittelte (Schreiben im Atemrhythmus) ? - sie Wilhelm Busch liebte und uns kleine Stücke daraus schmunzelnd vorlas ? - Hedwig Andersen Humor besaß und uns gerne Witze erzählte ? - ihr Niesen aus 5 schnell aufeinander folgenden Niesern bestand ? - Hedwig Andersen mit leiser Stimme, sehr deutlich, jedoch ohne Einsatz der tiefen Brustresonanzen sprach ? - sie für Bronchialkatarrhe anfällig war ? - Hedwig Andersen für die Kranken im Haus zuständig war ? - sie verantwortlich für die Buchführung war ? - Hedwig Andersen die besetzung des Hauses unter sich hatte ? - sie die Ausbildungsschüler in Familien und Heime zum Unterrichten nach Schlaffhorst-Andersen vermittelte ? - Hedwig Andersen den Speisezettel mit Marie Roloff besprach ? - sie jeden Morgen zum 2. Frühstück eine Tasse mit heißer Fliederbeersuppe in den Unterricht gebracht bekam ? - Hedwig Andersen Fräulein Roloff und den Gärtner, Herrn Seligmüller, nur mit dem Nachnamen, jedoch ohne "Fräulein" oder "Herr", wie wir es gewohnt waren, anredete ? - Hedwig Andersen deutsch-national gesonnen war ? - ihre Sehkraft im alter abnahm ? - Hedwig Andersen nach dem Krieg und dem Tod von Clara Schlaffhorst mit Marie Roloff auf dem Apfelgut von Annemarie Fischer in Schönborn ( Schleswig-Holstein lebte ? - Clara Schlaffhorst nie Anita grauding kritisierte, wenn sie Gedichte sprach ? Sie distanzierte sich von Anita Graudings Sprechen. - sie sich vor allem für die Singstimmen ihrer Schüler interessierte ? - Clara Schlaffhorst keine Blockflöten vertragen konnte ? Sie meinte, daß das Blasen der Singstimme schaden würde. - wie Fräulein Schlaffhorst und Fräulein Andersen, wenn wir von beiden sprachen, sie "die Damen" nannten ? - am Mittwoch, amstag und Sonntag die Damen das Abndessen im Gelben Zimmer ohne uns einnahmen ? Sie tranken dann zum Essen gerne ein Glas Bier, was sie vor uns verheimlichten, aber wir wußten es. Am Sonntagmorgen frühstückten die Damen ebenfalls ohne uns. - was eine "Zwerchfellverbeugung" ist (Begrüßungsform bei Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen : kein Handschlag, sondern sich nur ein wenig in den Hüftgelenken beugen) ? - Clara Schlaffhorst und hedwig Andersen nie bei den Konzerten ihres Chores dabei anwesend waren ? - beim "Lebensatem" sich nur die seitlichen Kuppen des Zwerchfells auf und ab bewegten ? - in der Schule das Vorlesen von Prosatexten nicht im Unterricht erarbeitet wurde ? - wenn eine Köchin ohne Thalamus kochte, dann ist das essen entweder versalzen, zu süß, verbrannt, ohne Geschmack usw. - es im Haus kein Telefon, kein Rundfunkgerät, kein Grammophon gab ? Das einzige Medium war die "Cellesche Zeitung".
Bergen/Sülze, den 29.01.2003
Waltraud Seyd
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