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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)

 

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Hustedt, den 6. Januar 1936

Liebes Fräulein Goebel !

Mitten in Ihre Arbeit hinein möchte ich Ihnen einen kurzen Gruß senden, den Sie aber nicht zu beantworten brauchen. Ich erwarte keine Nachricht, außer wenn Sie irgend eine Hilfe brauchen, wenn Ihnen also die Puste ausgeht. Auch heute schreibe ich Ihnen nur, um Ihnen erstens zu sagen, wie sehr ich in Gedanken bei Ihnen bin, und dann will ich Ihnen erklären, daß wenn Sie Atemübungen machen oder auch selbst beim natürlichen Atmen sich Widerstand geben durch die Idee der nicht ganz offenen Nase, beim Einatmen, desgleichen durch Übg. 3 Kofler, wo die Luft durch die geschlossenen Lippen gehen soll.

Also durch Nase und Mund Widerstand geben, - beim natürlichen Atmen. Dann spüren Sie deutlicher die innerere Kraft der Natur; das Zwerchfell wird zur tieferen Senkung gezwungen; die Stimmbänder gehenweiter auf, es strömt mehr Sauerstoff hinein und Sie fühlen sichbelebter und freier und können danach aus tiefster Lunge ausatmen,dann die tiefste Ruhe abwarten, aus der ein neuer Lebensatem quillt.

Hinter mir übt der Chor mit Chemin-Petit - immer wieder "Zur Ruh' gebracht" in vielen Variationen. Gestern hörten wir ihn (den Chor) in der Kirche - Publikum tief beeindruckt durch die Stimmfarben - Himmelsklänge.

Nun Schluß - denn unser beider Zeit ist knapp.

Sehr herzliche Grüße von uns beiden - Grüße auch Ihrer Freundin, Brief folgt.

Ihre Clara Schlaffhorst


Hustedt, den 8. März 1936

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !

Wir beide, meine Freundin und ich, waren heute herzlich erfreut durch die guten Nachrichten von Ihrem glücklich bestandenen Examen. Dem Vergleich zwischen den beiden Kompositionen mit demselben Text hätte man gerne beigewohnt; auch die weiteren zu behandelnden Themen müssen lehrreich gewesen sein, und auch die Vorpubertätsgedanken von Ihnen, alles war uns schon aus dem Brief interessant. Gelernt wird dort durch ein gut Teil, wodurch Sie nun  befähigt sind, zu wirken in all den für die Erziehung der Jugend wichtigen Fächern.

Von anderer, Ihnen fernstehender Seite hörten wir zur gleichen Zeit, als wir die Nachricht hier bei Tisch verkündeten, daß Ihre große Ruhe vor und im Examen ein köstlicher Beweis für das gewesen sein soll, was Sie hier an guter Atmung begriffen haben müssen. Die Dame, die davon gesprochen hat, möchte jetzt auch nach Hustedt, um ihre Angst beim Vorspielen zu beherrschen. Ist das nicht eigen ? Ruth Harder ist noch hier; ihr bestellte ich auch Ihre Grüße, und sie freute sich wie alle andern, die Sie von hier aus kennen, über das Resultat Ihres Fleißes. Fräulein Harder ist ein schwieriges Problem, weil sie gar zu lange ohne inneres, geregeltes Leben vegetieren mußte. Aber sie ist eine liebe, aufmerksame Schülerin, die man gerne fördert, weil alles in ihr förmlich nach dem Gesetz schreit.

Was Sie uns über das "Gummiband" schreiben ist uns nicht fremd, Darum wählten wir die Freiheit auf Gedeih und Verderb. Wir sind hier allesamt froh über das Erstere, was sooo langsam nicht hätte reifen können, wie es hat reifen müssen.

Es wäre, angesichts der bestandenen Prüfung doch wichtig, wenn Sie auch nur kurz hier sein könnten. Im Übrigen müssen wir beide, wie immer in besonderen Fällen, geduldig des Kommenden harren. Daß wir Sie herzlich gern fördern möchten, wissen Sie.

So nehmen wir vorläufig unsere beiderseitigen lieben Grüße entgegen; wir erwarten also, so zeitig wie möglich, Ihre fernere Nachricht über Ihr Kommen...

Alle, und wir beide besonders, grüßen Sie bis aufs Wiedersehen.

Ihre Clara Schlaffhorst, H. Andersen


Hustedt, 20. Juni 1936

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !

heute ist so recht eine Stimmung, um an Sie (zu) schreiben; wir beide, meine Freundin und ich, haben eben recht bekümmert an Sie gedacht, die Sie bei der enormen Glut, die nicht nur außen, sondern, wie wir ahnen, auch innen brennt, sich in der Schule an den gewiß schlaffen Kindern plagen müssen. Wie sind nämlich in Ferien, d.h. aber bei uns im Hause und es wäre, wenn der Teufel uns nicht so oft durch die Flieger einen Besuch abstatten würde, so wie man's sich nicht schöner denken kann. Einsamkeit - Ruhe - Arbeit - Spiel und Sang alles in Abwechslung, dazu gehen oder liegen nach Herzenslust, so wie wir es in unserem langen Leben noch nie gehabt haben. Daß man in solchen wenigen Augenblicken an Andere, besonders seine Schüler denkt, ist doch kein Wunder, zu dem hat heute Fräulein Noack um ein Plätzchen gebeten, das wir ihr sogar noch geben können. Wie mag es Ihnen in der Zeit ergangen sein ? Ihr Brief datiert keine Zeit; aber der Poststempel sagt's: den 23.04.1936 - da hatten Sie sich noch kaum eingewöhnt. - Hoffentlich ist es nicht bei dem einen Mal, wo Sie so schön singen konnten, geblieben ! Ich habe inzwischen noch viel Wertvolles entdeckt. Das Arbeiten an mir geht nun, da ich kaum zu sprechen habe, alles von selbst. Ob Ihre Kinder "eingestimmt" sind; wie gerne hülfe ich Ihnen dabei. Das wäre das beste Lernen ! - Was Sie da an Stimmen gefunden haben, ist ja ein großes Elend. - Die Tochter von Erdmann ist beseelt; die weiß, was sie muß; ob Sie ihr den Weg zu ihrem Selbst zeigen können, schon ein Wenig in unserem Sinne ? Oder ist Ihnen draußen in der Welt viel verlorengegangen ? Bei Ihrem letzten mal Hiersein, waren Sie noch zu benommen vom Examen. Ihr Kopf hätte sich erst erholen müssen, denn um bewußt aufzunehmen, war auch die Zeit zu kurz. Instinktiv kamen Sie ja köstlich voran. Ihr Ausspruch von Nietzsche ist sehr vielsagend und betreffs seiner würdig. - Und nun muß ich Sie verlassen, ich sitze und schreibe viel - viel. -

Wir grüßen beide und wünschen von Herzen, daß Sie nicht mehr zu weit von den Ferien sind. Durch Fräulein Dr. Noack hören wir bald von Ihnen. Inzwischen alles gute für Ihre Arbeit und für Ihr eigenes Weiterkommen. Wann kann das wieder sein ? -

Immer in stillem Gedenken - Ihre Clara Schlaffhorst.


Hustedt, 22. November 1936

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !

Es ist lieb von Ihnen, daß Sie mir einen Bericht über Ihre Arbeit an andern und insbesondere an sich selbst schreiben; so kann ich Ihnen gleich aus der Ferne helfen. Daß es von selbst weitergeht, freut mich sehr; gerade darum möchte ich Einiges zum "Engel" sagen. Das Dumme auf dem "Fis" oder Vokal "e" ist nur dann da, wenn die Verbindung zur zweiten Urform (Fläche, dritter Kegel) verloren gegangen ist; - zweimal mußte ich niesen - d.h. die zweite kommt nur, wenn die erste Form da ist. Und Sie singen allein für sich natürlich nur mit Tiefgriff ohne Vollatem und daher mit zu viel Innenluft. Und, was die Stimme anbetrifft, mit Stimmlippen statt mit dem Band. Das ist an sich gerade kein Verbrechen; aber dann ist keine Skelettbewegung da; die hat nur das Band durch die es umgebenden Knorpel. Wenn Sie dagegen "Träume" auf A ganz prachtvoll singen, dann haben Sieda die Skelettbewegung. Der Text ist extra zu üben; und zwar erst zu sprechen mit Tonbewußtsein für die Eigentöne der Vokale - Luft unterhalb der Zunge und wo Vokaldehnung ist - (zwei oder mehr Töne auf einem Vokal) die Hypophyse, also auch die Nase zur Einatmungstätigkeit hinzu nehmen.

Was Ihnen gräßlich ist, brauchen Sie für sich oder von sich aus nicht zu üben. Einmal singen genügt. Noch etwas vom Vokal "E" - Er, sowohl wie "o" und "a", müssen vom Menschen aus stumm gegeben werden. Sonst stellt sich der muskulus vokalis nicht von selbst ein. Und dieser ist sehr notwendig (hängt aber von der Luftfülle in der Lunge ab) - damit das Band immer in seiner Länge erhalten bleibt. Dann geht die Kürze von selbst. Machen Sie, bitte, auch im Gehirn Unterschied - bei der 1. Septime, langes Denken - bei der zweiten Septime kürzer und bei der dritten ganz kurz (gestopft). Nun habe ich Ihre Fragen nicht beantwortet; uns geht es gut, Arbeit schreitet rüstig voran. Graf Bredow ist hier, läßt grüßen. Anita ist zu einem Arzt nach Gütersloh gefahren, der ein prachtvoller Mensch ist. Endlich finde ich in ihm den Arzt, den ich gesucht habe. Geschwür geht auf - ist nichts Krankes, Schlechtes. Das wäre trostlos. - So wird sie mit Gottes Hilfe gesunden.

Meine Freundin und ich grüßen Sie, Fr. Noack, Gertz, Benedix und alle sonst herzlich - Stets

Ihre Clara Schlaffhorst.

Dank für Ihre lieben Wünsche zum 16. - Es war ein schöner Tag mit aller Liebe.

  

 

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