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19. September 1937 im Zug von Berlin (Postkarte)
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
Daheim
habe ich die Anschrift geschrieben; hoffte ich von Ihnen von Nissens
aus die Karte schreiben zu können, um Ihnen für Ihren letzten Brief zu
danken, der uns die Ankündigung Ihres Kommens brachte. Und nun kann ich
dies erst auf der Rückfahrt von Berlin tun. Es war auch dieses Mal der
Anschub - der Zahnarzt, bei dem wir den ersten Teil unserer Reise
zubrachten, der zweite kommt nun in Eilsen beim Augenarzt, der dritte
in Hustedt - So jagt man durch's Leben, sobald die Arbeit Zeit dazu
läßt. - In Berlin half ich Nissens, Erne hat dieses Mal einen
köstlichen Schluß gemacht. Das war für uns alle eine Riesenfreude, auch
für sie selbst. - Daß Frau Dr. Noack und Sie solch eine schöne Zeit bei
Gräfin Bredow verleben konnten, das war doch herrlich. Eben hält der
Zug, da kann ich Ihnen noch einen Gruß an die Kieler und an Sie selbst
von und beiden schreiben. Hoffentlich sehen wir Sie froh wieder.
Ihre H.A.
Hustedt, den 26.12.1937
Mein liebes Fräulein Goebel,
Ihr
schöner Weihnachtsbrief hat uns sehr erfreut und grade, daß Sie so
ernst über die Zukunft denken, beweist uns von Neuem, was wir ja schon
so wie so wissen, daß Sie nicht leichtsinnig das bisher Errungene
aufgegeben und sich blindlings auf ein neues Abenteuer eingelassen
haben, sondern sich der Schwere Ihres Entschlusses bewußt sind. Solche
Denkart ist grade das, was wir brauchen und an uns soll es gewiß nicht
liegen, wenn es vielleicht nicht ganz so schnell vorwärts geht, wie Sie
es sich wünschen oder gedacht haben. Auch uns eilt es, den jungen
Nachwuchs nach jeder Möglichkeit zu fördern, denn unsre Jahre sind
gezählt und noch ist die Nachfolgerin nicht zu erschauen. Es kann wohl auch nicht eine
sein, es müssen viele, alle sein und jeder muß seinen Acker bebauen und
besäen und die Ernte in Geduld erwarten: Überstürzen läßt sich auch
nichts, es kommt auf Natur, Entwicklungsmöglichkeit und - auf Schicksal
an und da sind wir froh, daß auch Fräulein Noack bei Ihnen Fortschritte
in der selben Richtung festgestellt hat, wie wir. Hoffen wir also, daß
das Schicksal gnädig sei im Neuen Jahre, daß es keine störenden
Ereignisse in den Weg legt, sondern Ihre Entwicklungsmöglichkeit frei
wachsen und sich entfalten läßt, so wie Ihre Einsichten, Ihre
Zuversicht, Ihren Glauben an Gott und alle guten Geister. Das ist mein
Neujahrswunsch für Sie, mein Liebes, und er kommt aus hoffnungsvollem,
zuversichtlichen Herzen.
Das Fest
ist vergangen und der Schnee auch, in zwei Tagen konnten wir trockenen
Fußes nach allen Hinrichtungen spazieren gehn und die Blicke richten
sich bereits auf die nächste Woche, bzw. das nächste Jahr, das uns
gleich von Anbeginn an wieder vor eine große und schwere Aufgabe
stellt. Sie wissen, daß 2/3 des alten Chores zu einer Arbeitswoche
herkommen und die bisher angelangten Nachrichten lassen darauf
schließen, daß es wieder all unsrer Kraft und Konzentration bedürfen
wird, um die vom äußeren Leben wieder arg verwehten Seelen und Stimmen
zu einer Einheit und Einheitlichkeit zusammen zu fassen. Denn darauf -
und nicht nur auf die Herrichtung jedes Einzelwesens für seinen
individuellen Zweck - kommt es ja beim Chor hauptsächlich an. Und wenn
wir auch einstweilen die Choridee begraben haben (nicht ohne bittres
Weh im Herzen), so schlummert doch in der Tiefe der Seele immer noch
ein Hoffnungsfünkchen auf bessere Zeiten und so kann meine Freundin es
noch nicht über sich gewinnen, alles bisher Erarbeitete wieder ganz
auseinander flattern zu lassen, sondern hat doch den heißen Wunsch,
wenigstens diese Gemeinschaft immer noch zusammenzuhalten. Das
werden Sie verstehen, um so mehr, da ja Aussicht auf Nachwuchs da ist
und da Sie ja selbst zu diesem ersehnten Nachwuchs gehören. So werden
Sie hoffentlich auch verstehen, daß wir den Wunsch haben, ja die
Notwendigkeit fühlen die ersten Tage der Arbeitswoche mit diesen
Teilnehmerinnen allein zu sein. Und so bitten wir Sie, nicht gleich wie
die Anderen, am 2. Januar zu kommen, wie Sie vielleicht geplant haben,
sondern erst Ende der Woche, ich würde Ihnen dann noch mitteilen an
welchem Tage, sobald wir einen Überblick haben, wie sich alles
gestaltet. Ganz ohne ernste und vielleicht schwierige Besprechungen und
Auseinandersetzungen wird es wohl kaum abgehen und wir möchten auch
nicht, daß Sie darin mit verwickelt würden. Sollte es Ihnen
Schwierigkeiten mit Ihrer Unterkunft machen, so will ich gern für
etwaige Unkosten aufkommen, bitte schreiben Sie mir ganz offen
deswegen, so offen, wie ich Ihnen eben auch schreibe.
[Bis dahin schrieb Hedwig Andersen]
So
weit kam gestern meine liebe Freundin, liebes Fräulein Goebel; sie war
ganz erledigt. - Warum auch, - Sie hätten mit Ihrem Herzlein alles
erfaßt, auch wenn es kürzer gewesen wäre ! Eben habe ich sie beim Üben
festgenagelt. Solche "Pflicht-Menschen" haben ihren eigenen Kopf
"gepachtet". Auch ich habe mich über Ihre und Frau Noacks Zeilen
herzlich gefreut. Möge das Schicksal uns nun seinen Segen geben; alles
Andere fügt sich von selbst. ich wollte Ihnen beiden herzlichst danken
für das "schöne kleine Werk". Wo und wann werde ich es lesen können.
Immer noch heißt's schreiben - Ihnen beiden wünsche ich, der Segen
Gottes möge auf Ihrer Freundschaft ruhn, da spreche ich aus Erfahrung.
Und sonst möge das Neue Jahr Sie beide fördern, damit Ihnen Ihre
innersten Anlagen zur Erfüllung bringen. Bleiben Sie gesund und freuen
Sie sich des Lebens, dem Sie entgegen pilgern.
Ihre Clara Schlaffhorst
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