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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)

 

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19. September 1937 im Zug von Berlin (Postkarte)

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !

Daheim habe ich die Anschrift geschrieben; hoffte ich von Ihnen von Nissens aus die Karte schreiben zu können, um Ihnen für Ihren letzten Brief zu danken, der uns die Ankündigung Ihres Kommens brachte. Und nun kann ich dies erst auf der Rückfahrt von Berlin tun. Es war auch dieses Mal der Anschub - der Zahnarzt, bei dem wir den ersten Teil unserer Reise zubrachten, der zweite kommt nun in Eilsen beim Augenarzt, der dritte in Hustedt - So jagt man durch's Leben, sobald die Arbeit Zeit dazu läßt. - In Berlin half ich Nissens, Erne hat dieses Mal einen köstlichen Schluß gemacht. Das war für uns alle eine Riesenfreude, auch für sie selbst. - Daß Frau Dr. Noack und Sie solch eine schöne Zeit bei Gräfin Bredow verleben konnten, das war doch herrlich. Eben hält der Zug, da kann ich Ihnen noch einen Gruß an die Kieler und an Sie selbst von und beiden schreiben. Hoffentlich sehen wir Sie froh wieder.

Ihre H.A.


Hustedt, den 26.12.1937

Mein liebes Fräulein Goebel,

Ihr schöner Weihnachtsbrief hat uns sehr erfreut und grade, daß Sie so ernst über die Zukunft denken, beweist uns von Neuem, was wir ja schon so wie so wissen, daß Sie nicht leichtsinnig das bisher Errungene aufgegeben und sich blindlings auf ein neues Abenteuer eingelassen haben, sondern sich der Schwere Ihres Entschlusses bewußt sind. Solche Denkart ist grade das, was wir brauchen und an uns soll es gewiß nicht liegen, wenn es vielleicht nicht ganz so schnell vorwärts geht, wie Sie es sich wünschen oder gedacht haben. Auch uns eilt es, den jungen Nachwuchs nach jeder Möglichkeit zu fördern, denn unsre Jahre sind gezählt und noch ist die Nachfolgerin nicht zu erschauen. Es kann wohl auch nicht eine sein, es müssen viele, alle sein und jeder muß seinen Acker bebauen und besäen und die Ernte in Geduld erwarten: Überstürzen läßt sich auch nichts, es kommt auf Natur, Entwicklungsmöglichkeit und - auf Schicksal an und da sind wir froh, daß auch Fräulein Noack bei Ihnen Fortschritte in der selben Richtung festgestellt hat, wie wir. Hoffen wir also, daß das Schicksal gnädig sei im Neuen Jahre, daß es keine störenden Ereignisse in den Weg legt, sondern Ihre Entwicklungsmöglichkeit frei wachsen und sich entfalten läßt, so wie Ihre Einsichten, Ihre Zuversicht, Ihren Glauben an Gott und alle guten Geister. Das ist mein Neujahrswunsch für Sie, mein Liebes, und er kommt aus hoffnungsvollem, zuversichtlichen Herzen.

Das Fest ist vergangen und der Schnee auch, in zwei Tagen konnten wir trockenen Fußes nach allen Hinrichtungen spazieren gehn und die Blicke richten sich bereits auf die nächste Woche, bzw. das nächste Jahr, das uns gleich von Anbeginn an wieder vor eine große und schwere Aufgabe stellt. Sie wissen, daß 2/3 des alten Chores zu einer Arbeitswoche herkommen und die bisher angelangten Nachrichten lassen darauf schließen, daß es wieder all unsrer Kraft und Konzentration bedürfen wird, um die vom äußeren Leben wieder arg verwehten Seelen und Stimmen zu einer Einheit und Einheitlichkeit zusammen zu fassen. Denn darauf - und nicht nur auf die Herrichtung jedes Einzelwesens für seinen individuellen Zweck - kommt es ja beim Chor hauptsächlich an. Und wenn wir auch einstweilen die Choridee begraben haben (nicht ohne bittres Weh im Herzen), so schlummert doch in der Tiefe der Seele immer noch ein Hoffnungsfünkchen auf bessere Zeiten und so kann meine Freundin es noch nicht über sich gewinnen, alles bisher Erarbeitete wieder ganz auseinander flattern zu lassen, sondern hat doch den heißen Wunsch, wenigstens diese Gemeinschaft immer noch zusammenzuhalten. Das werden Sie verstehen, um so mehr, da ja Aussicht auf Nachwuchs da ist und da Sie ja selbst zu diesem ersehnten Nachwuchs gehören. So werden Sie hoffentlich auch verstehen, daß wir den Wunsch haben, ja die Notwendigkeit fühlen die ersten Tage der Arbeitswoche mit diesen Teilnehmerinnen allein zu sein. Und so bitten wir Sie, nicht gleich wie die Anderen, am 2. Januar zu kommen, wie Sie vielleicht geplant haben, sondern erst Ende der Woche, ich würde Ihnen dann noch mitteilen an welchem Tage, sobald wir einen Überblick haben, wie sich alles gestaltet. Ganz ohne ernste und vielleicht schwierige Besprechungen und Auseinandersetzungen wird es wohl kaum abgehen und wir möchten auch nicht, daß Sie darin mit verwickelt würden. Sollte es Ihnen Schwierigkeiten mit Ihrer Unterkunft machen, so will ich gern für etwaige Unkosten aufkommen, bitte schreiben Sie mir ganz offen deswegen, so offen, wie ich Ihnen eben auch schreibe.

[Bis dahin schrieb Hedwig Andersen]

So weit kam gestern meine liebe Freundin, liebes Fräulein Goebel; sie war ganz erledigt. - Warum auch, - Sie hätten mit Ihrem Herzlein alles erfaßt, auch wenn es kürzer gewesen wäre ! Eben habe ich sie beim Üben festgenagelt. Solche "Pflicht-Menschen" haben ihren eigenen Kopf "gepachtet". Auch ich habe mich über Ihre und Frau Noacks Zeilen herzlich gefreut. Möge das Schicksal uns nun seinen Segen geben; alles Andere fügt sich von selbst. ich wollte Ihnen beiden herzlichst danken für das "schöne kleine Werk". Wo und wann werde ich es lesen können. Immer noch heißt's schreiben - Ihnen beiden wünsche ich, der Segen Gottes möge auf Ihrer Freundschaft ruhn, da spreche ich aus Erfahrung. Und sonst möge das Neue Jahr Sie beide fördern, damit Ihnen Ihre innersten Anlagen zur Erfüllung bringen. Bleiben Sie gesund und freuen Sie sich des Lebens, dem Sie entgegen pilgern.

Ihre Clara Schlaffhorst


 

 

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