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Hustedt, den 08.05.1938
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
Mit
einer großen Ruhe, die durch die letzte Woche über mich gekommen ist,
und einen großen Bogen beginne ich kühn einen Brief an Sie, die Sie mir
so bald einen Bericht sandten. Auch er gab mir Beruhigung und Freude,
daß Sie an der Arbeit an Anderen sich betätigen; d.h. Fremden. In Kiel
haben Sie, wie mir Fräulein Gertz schrieb, auch geholfen. Der gestrige
Sonnabend verlief eigen; wir waren nur vier Schülerinnen, Fräulein Kalk
und wir beide zum Musizieren beisammen. Das erlebten wir noch nie -
Ach! - ich habe Madden als Freundschaftsmensch vergessen. Sie ist wohl
den letzten Sonnabend hier und gab uns den größten Impuls, die Stunde
wie immer abzuhalten. Es war aber schließlich eine von den schönsten
Sonnabendstunden ! Das kam ganz urplötzlich. meine Freundin war freudig
bereit, zu spielen; es gelang auch herrlich: Etüde Czerny, Chopin
f-moll und Schumann "Elfe". zum Schluß, kurz vor sieben Uhr, noch das
Präludium. Alles in großer Vollendung. Und mein Schaffen stand daher
auch unter einem guten Stern., wenn ich auch nicht gerade vollkommen
begleitet wurde. So waren wir alle mit einander eins in dem stillen
Bewußtsein - es ist und bleibt doch das schönste im Leben, so in Musik
zu leben und zu atmen. Fräulein Kalk hat auch gut gesungen und gut
deklamiert. Hinterher waren alle bis spät in die Nacht sehr erregt. Das
sind doch immer große Augenblicke, von denen man nie weiß, ob sie
wieder kommen. Wie sehr wir Sie dabei vermissen, brauche ich Ihnen
nicht zu schreiben, und doch denke ich gerne an Sie, die Sie nun schon
in der Ferne helfen. Sie werden es dort Ihrer Beschreibung nach nicht
leicht haben; denn es wird schon, wie Sie selbst denken, dieser Krampf
weit zurück liegen. Daß da kein Selbstvertrauen ist, verstehe ich wie
immer, trotz bester Erziehung gut. Das müßte bewußt erarbeitet worden
sein und wer versteht es ? Auf unserem Wege doch nur und mit welcher
Mühe ? Wer kommt denn auf richtigem Wege zu sich selbst ? Etwa die
Mütter ? Die Kennzeichen: aufrechte Haltung - Sprache - Gang ! Wo
finden Sie es ? Höchstens durch Drill. Aber von innen her, stetig
wachsend und den Menschen fördernd, doch nur von der Natur her. Von ihr
weiß man selbst dem Namen nach, nur Verkehrtes. ob Sie zum Singen
kommen ? das wäre schön. Das erleichterte Ihnen Eingang zu finden in
die Seele der Menschen, wie ich es gestern bei sehr fremden Neuen
erlebte. Ich bin mit meiner Freundin viel bei Ihnen in Gedanken und
hoffe, es geht dort gut. Viele Grüße, viele ! - ach so viele senden
Ihnen
Ihre "Beiden" und Madden, die eben bei mir singt.
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
Hustedt, 15.11.1938
Mein liebes Fräulein Goebel !
Das
Glück will mir doch noch hold. Es beschenkt mich mit einem kurzen
Augenblick Ruhe vor der großen Abfahrt. So kann ich meine Seele endlich
entlasten und Ihnen wenigstens noch einen Weihnachtsgruß senden und mit
ihm eine kleine Schrift, die Ihnen hoffentlich, wie uns, wohl tun wird
in dieser Zeit der Not.
Ihre
Ausführungen über das, was Sie im Leben und in der Kunst durchleben
mußten, verstehe ich nur zu wohl, das begann bereits in unserer
Jugendzeit, schürte in uns beiden die Not so, daß wir diesen Weg, der
jetzt alle so überglücklich macht, finden mußten. Bis hierher sind
schon dauernd Störungen gewesen. Trotzdem schlängle ich mich mit meinem
positiven Willen, Ihnen den Gruß zu senden, durch. - Es war hier wieder
eine gute und sogar teilweise schöne Arbeitszeit. Gut, weil sich mir
noch vieles offenbarte, was den Lernenden besseres Verständnis,
Fassungsmöglichkeiten und damit nach beiden Seiten hin Erleichterung
brachte. Die Menschen waren von guter Art und fanden sich als solche
zusammen. Fräulein Wilmanns schenkte uns jeden Sonnabend eine schöne
musikalische Leistung, zu der ich Sie oft herbeigewünscht habe. Meine
Freundin fand Zeit zum Üben und überraschte uns öfters am Sonnabend -
letzten sogar mit dem "Aufschwung" von Schumann, der total umgeschaffen
wurde. Und von mir kann ich Ihnen betreffs der Stimme Gutes sagen. Sie
hat keine Hemmungen mehr - und giebt nun in dem Styl, den Sie von mir
kennen, Alles her, was der Schöpfer in mich hineingelegt hat. Und nun
zu Ihnen, die Sie hoffentlich die Singpause hinter sich haben und Ihrer
Freude und Begeisterung über die Wirkung Ihrer Arbeit an Anderen freien
Lauf lassen können. Wie froh bin ich, Sie bald wieder sehen und
hören zu können ! Von herzen wünsche ich Ihnen auf Ihrem nun schon
befestigten, inneren Lebensdrang - und -flug in's Weite alles, was sich
Ihr Herz wünscht. Die Welt verlangt immer dringender nach dem, was wir
ihr bringen und so möge Gottes reicher Segen Ihnen im nächsten Jahr
gegeben werden. Mit guten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest von
uns Beiden, sendet Ihnen viel liebe Gedanken
Ihre Clara Schlaffhorst
Hustedt, 17.11.1938
Mein liebes Fräulein Goebel !
Nun
ist Fräulein Grimmsen heute früh abgefahren; und trotzdem ich es
täglich liebend gern getan hätten, war es mir nicht möglich, eine halbe
Stunde wenigstens abzuknöpfen von dem gewöhnlichen Tagespensum, um
Ihnen zu schreiben und mir damit endlich Luft zu machen. Die war mir
nach Ihrem ersten Brief sozusagen ausgegangen, weil mir Angst und Bange
wurde, daß Sie hinter der immerhin schweren Chorzeit, so gar keine Ruhe
haben konnten, sondern gleich so viele und schwere, eigentlich auch
noch unstudierte Sachen singen mußten. Die Stimmung konnte von innen
her noch nicht da sein. So haben Sie eine schöne Probe für Ihr "Können"
geleistet. Das ist für andre schon wertvoll. Ich war geradezu beruhigt
von Ihrem zweiten - geteilten Brief. Danke Ihnen herzlich für Ihr so
baldiges Gedenken an mich. Als ob Sie ahnten, wie es in mir sorgte. Nun
sind auch nach dem Brief (04.11.) wieder Wochen dahingeeilt.
Mein "Zustand" war in seinem ersten Stadium bald behoben; es blieb bis
heute noch Schonung übrig. Nicht, daß ich mich krank oder elend fühle,
ich vertrage nur schwer die Welt, und je mehr draußen, desto weniger.
Und wer ist denn drinnen so wie ich selbst angelegt ?! "Keiner kann
keinem Erbe hier sein" - wie wahr ! Gesungen habe ich gestern wieder
zum ersten Mal nach dem 16. Oktober. Und so gut wie nie. Ich hatte mit
meinem Stiftzahn noch einmal Pech - das lief bereits während der
Chorzeit. Dann kam die Woche im Bett: und dann noch eine Woche des
"Auferstehens" und da war er plötzlich draußen: am Freitag, den 11.
abends wurde es mir klar, daß ich sofort nach Berlin muß. Meine
Freundin war froh, denn sie mußte auch dorthin. So entschlossen wir
uns, gaben Sonnabend noch einige Stunden und fuhren gen Berlin. Herr
Schmidt war telegrafisch benachrichtigt, besorgte auch Logis, und so
saß ich dort von 5 1/2 bis 8.00 Uhr auf dem Stuhl. Eine schöne Prüfung
für die Nerven. Alles ging gut von statten und am Sonntag waren wir bei
Erne, die sich unendlich freute, uns bei sich zu haben. Am Montag kam
Hedwig heran. Erne war doch noch sehr in dem, was sie durchlebt; wenn
sie nur erst wieder Stunden geben wollte ! Es ist aber noch so viel zu
ordnen, wie sie sagt ! Noch habe ich nicht Ihre beiden Fragen
beantwortet. Fräulein Steiner hat viel Ruhe nötig. Die falsch benutzten
Nerven müssen sich immer noch zurecht finden. Darum ist das
Vorwärtsgehen gehemmt. Das Musikalische lernt sie von Grund auf bei
Fräulein Andersen; sie selbst ist glückselig. Willmans geht wie auf
Hefe - prachtvolle Arbeit -. Es wäre noch viel zu erzählen, ich habe zu
viel von uns geschrieben. Professor Högener schreibt und spricht
beglückt, hoffnungsfreudig über die Arbeit und den Chor. Er hat Sonntag
in Hannover georgelt. Mehrere hörten ihn, leider hatte ich Pech, ich
war in Berlin. Es freut mich unendlich zu hören, wie sehr Sie zu tun
haben und daß es Ihnen Freude macht. Auch über Ihr bewußtes,
selbständiges Singen, daß so gut wie nie ging. Hoffentlich
singen Sie in Weimar auch vor ! - Nun aber Schluß - und viele viele
Grüße und Gutes für Ihre Stimme und Ihre Arbeit wünscht Ihnen
Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.
Kleines Kärtchen mit einer Rose
Im Andenken an die schönste Arbeit meines Lebens
Ihre Clara Schlaffhorst
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