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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

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Hustedt, den 08.05.1938

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !

Mit einer großen Ruhe, die durch die letzte Woche über mich gekommen ist, und einen großen Bogen beginne ich kühn einen Brief an Sie, die Sie mir so bald einen Bericht sandten. Auch er gab mir Beruhigung und Freude, daß Sie an der Arbeit an Anderen sich betätigen; d.h. Fremden. In Kiel haben Sie, wie mir Fräulein Gertz schrieb, auch geholfen. Der gestrige Sonnabend verlief eigen; wir waren nur vier Schülerinnen, Fräulein Kalk und wir beide zum Musizieren beisammen. Das erlebten wir noch nie - Ach! - ich habe Madden als Freundschaftsmensch vergessen. Sie ist wohl den letzten Sonnabend hier und gab uns den größten Impuls, die Stunde wie immer abzuhalten. Es war aber schließlich eine von den schönsten Sonnabendstunden ! Das kam ganz urplötzlich. meine Freundin war freudig bereit, zu spielen; es gelang auch herrlich: Etüde Czerny, Chopin f-moll und Schumann "Elfe". zum Schluß, kurz vor sieben Uhr, noch das Präludium. Alles in großer Vollendung. Und mein Schaffen stand daher auch unter einem guten Stern., wenn ich auch nicht gerade vollkommen begleitet wurde. So waren wir alle mit einander eins in dem stillen Bewußtsein - es ist und bleibt doch das schönste im Leben, so in Musik zu leben und zu atmen. Fräulein Kalk hat auch gut gesungen und gut deklamiert. Hinterher waren alle bis spät in die Nacht sehr erregt. Das sind doch immer große Augenblicke, von denen man nie weiß, ob sie wieder kommen. Wie sehr wir Sie dabei vermissen, brauche ich Ihnen nicht zu schreiben, und doch denke ich gerne an Sie, die Sie nun schon in der Ferne helfen. Sie werden es dort Ihrer Beschreibung nach nicht leicht haben; denn es wird schon, wie Sie selbst denken, dieser Krampf weit zurück liegen. Daß da kein Selbstvertrauen ist, verstehe ich wie immer, trotz bester Erziehung gut. Das müßte bewußt erarbeitet worden sein und wer versteht es ? Auf unserem Wege doch nur und mit welcher Mühe ? Wer kommt denn auf richtigem Wege zu sich selbst ? Etwa die Mütter ? Die Kennzeichen: aufrechte Haltung - Sprache - Gang ! Wo finden Sie es ? Höchstens durch Drill. Aber von innen her, stetig wachsend und den Menschen fördernd, doch nur von der Natur her. Von ihr weiß man selbst dem Namen nach, nur Verkehrtes. ob Sie zum Singen kommen ? das wäre schön. Das erleichterte Ihnen Eingang zu finden in die Seele der Menschen, wie ich es gestern bei sehr fremden Neuen erlebte. Ich bin mit meiner Freundin viel bei Ihnen in Gedanken und hoffe, es geht dort gut. Viele Grüße, viele ! - ach so viele senden Ihnen

Ihre "Beiden" und Madden, die eben bei mir singt.

Immer Ihre Clara Schlaffhorst


Hustedt, 15.11.1938

Mein liebes Fräulein Goebel !

Das Glück will mir doch noch hold. Es beschenkt mich mit einem kurzen Augenblick Ruhe vor der großen Abfahrt. So kann ich meine Seele endlich entlasten und Ihnen wenigstens noch einen Weihnachtsgruß senden und mit ihm eine kleine Schrift, die Ihnen hoffentlich, wie uns, wohl tun wird in dieser Zeit der Not.

Ihre Ausführungen über das, was Sie im Leben und in der Kunst durchleben mußten, verstehe ich nur zu wohl, das begann bereits in unserer Jugendzeit, schürte in uns beiden die Not so, daß wir diesen Weg, der jetzt alle so überglücklich macht, finden mußten. Bis hierher sind schon dauernd Störungen gewesen. Trotzdem schlängle ich mich mit meinem positiven Willen, Ihnen den Gruß zu senden, durch. - Es war hier wieder eine gute und sogar teilweise schöne Arbeitszeit. Gut, weil sich mir noch vieles offenbarte, was den Lernenden besseres Verständnis, Fassungsmöglichkeiten und damit nach beiden Seiten hin Erleichterung brachte. Die Menschen waren von guter Art und fanden sich als solche zusammen. Fräulein Wilmanns schenkte uns jeden Sonnabend eine schöne musikalische Leistung, zu der ich Sie oft herbeigewünscht habe. Meine Freundin fand Zeit zum Üben und überraschte uns öfters am Sonnabend - letzten sogar mit dem "Aufschwung" von Schumann, der total umgeschaffen wurde. Und von mir kann ich Ihnen betreffs der Stimme Gutes sagen. Sie hat keine Hemmungen mehr - und giebt nun in dem Styl, den Sie von mir kennen, Alles her, was der Schöpfer in mich hineingelegt hat. Und nun zu Ihnen, die Sie hoffentlich die Singpause hinter sich haben und Ihrer Freude und Begeisterung über die Wirkung Ihrer Arbeit an Anderen freien Lauf lassen können. Wie froh bin ich, Sie bald wieder sehen und hören zu können ! Von herzen wünsche ich Ihnen auf Ihrem nun schon befestigten, inneren Lebensdrang - und -flug in's Weite alles, was sich Ihr Herz wünscht. Die Welt verlangt immer dringender nach dem, was wir ihr bringen und so möge Gottes reicher Segen Ihnen im nächsten Jahr gegeben werden. Mit guten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest von uns Beiden, sendet Ihnen viel liebe Gedanken

Ihre Clara Schlaffhorst



Hustedt, 17.11.1938

Mein liebes Fräulein Goebel !

Nun ist Fräulein Grimmsen heute früh abgefahren; und trotzdem ich es täglich liebend gern getan hätten, war es mir nicht möglich, eine halbe Stunde wenigstens abzuknöpfen von dem gewöhnlichen Tagespensum, um Ihnen zu schreiben und mir damit endlich Luft zu machen. Die war mir nach Ihrem ersten Brief sozusagen ausgegangen, weil mir Angst und Bange wurde, daß Sie hinter der immerhin schweren Chorzeit, so gar keine Ruhe haben konnten, sondern gleich so viele und schwere, eigentlich auch noch unstudierte Sachen singen mußten. Die Stimmung konnte von innen her noch nicht da sein. So haben Sie eine schöne Probe für Ihr "Können" geleistet. Das ist für andre schon wertvoll. Ich war geradezu beruhigt von Ihrem zweiten - geteilten Brief. Danke Ihnen herzlich für Ihr so baldiges Gedenken an mich. Als ob Sie ahnten, wie es in mir sorgte. Nun sind auch nach dem Brief (04.11.) wieder Wochen dahingeeilt. Mein "Zustand" war in seinem ersten Stadium bald behoben; es blieb bis heute noch Schonung übrig. Nicht, daß ich mich krank oder elend fühle, ich vertrage nur schwer die Welt, und je mehr draußen, desto weniger. Und wer ist denn drinnen so wie ich selbst angelegt ?! "Keiner kann keinem Erbe hier sein" - wie wahr ! Gesungen habe ich gestern wieder zum ersten Mal nach dem 16. Oktober. Und so gut wie nie. Ich hatte mit meinem Stiftzahn noch einmal Pech - das lief bereits während der Chorzeit. Dann kam die Woche im Bett: und dann noch eine Woche des "Auferstehens" und da war er plötzlich draußen: am Freitag, den 11. abends wurde es mir klar, daß ich sofort nach Berlin muß. Meine Freundin war froh, denn sie mußte auch dorthin. So entschlossen wir uns, gaben Sonnabend noch einige Stunden und fuhren gen Berlin. Herr Schmidt war telegrafisch benachrichtigt, besorgte auch Logis, und so saß ich dort von 5 1/2 bis 8.00 Uhr auf dem Stuhl. Eine schöne Prüfung für die Nerven. Alles ging gut von statten und am Sonntag waren wir bei Erne, die sich unendlich freute, uns bei sich zu haben. Am Montag kam Hedwig heran. Erne war doch noch sehr in dem, was sie durchlebt; wenn sie nur erst wieder Stunden geben wollte ! Es ist aber noch so viel zu ordnen, wie sie sagt ! Noch habe ich nicht Ihre beiden Fragen beantwortet. Fräulein Steiner hat viel Ruhe nötig. Die falsch benutzten Nerven müssen sich immer noch zurecht finden. Darum ist das Vorwärtsgehen gehemmt. Das Musikalische lernt sie von Grund auf bei Fräulein Andersen; sie selbst ist glückselig. Willmans geht wie auf Hefe - prachtvolle Arbeit -. Es wäre noch viel zu erzählen, ich habe zu viel von uns geschrieben. Professor Högener schreibt und spricht beglückt, hoffnungsfreudig über die Arbeit und den Chor. Er hat Sonntag in Hannover georgelt. Mehrere hörten ihn, leider hatte ich Pech, ich war in Berlin. Es freut mich unendlich zu hören, wie sehr Sie zu tun haben und daß es Ihnen Freude macht. Auch über Ihr bewußtes, selbständiges Singen, daß so gut wie nie ging. Hoffentlich singen Sie in Weimar auch vor ! - Nun aber Schluß - und viele viele Grüße und Gutes für Ihre Stimme und Ihre Arbeit wünscht Ihnen

Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.



Kleines Kärtchen mit einer Rose

Im Andenken an die schönste Arbeit meines Lebens

Ihre Clara Schlaffhorst


 

 

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