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Hustedt, den 16.02.1939
Mein liebes Fräulein Elisabeth Goebel !
Daß ich Ihnen selbst und noch dazu so bald
schreibe, hat verschiedene Gründe, die Sie gewiß aus dem
Brief herauslesen werden.
Zuerst
erfreute mich Ihr noch beinahe dauerndes Hiersein. Es kann bedrückend,
aber auch manchmal beglückend sein. Das Erstere wohl, weil Sie mich
nicht gerade auf der Höhe des Wohlseins zurückließen. Darüber will ich
Sie ganz zuvörderst beruhigen. Seit Sonntag früh, nachdem ich mich in
Ruhe und Vernunft ernährte und zwar nach den Regeln, die ich von früher
kenne, schlug die Sache über drei Tage in's Gegenteil um. Das hat sich
aber schon geändert, weil eine neue Erkenntnis mir eine neue
Geistesrichtung zuwies. Dafür hat es mir heute Nachmittag nach heißem
Pflichtarbeiten - Stunden - Briefe Aufsatz - fünf Minuten vor sieben
Uhr mir und meiner Freundin, ein herrliches, vollreifes, künstlerisches
Erlebnis der beiden Septimen. (Mir soll erlaubt sein, so verkehrt zu
erzählen) es gibt ja nur eine ! Und nun schreibe ich Ihnen sofort nach
dem Abendessen so ausführlich und vor Allem unmittelbar - Ihnen, die
Sie sich um mein Ergehen sorgen, Das können Sie abtun. Dafür schreibe
ich nun von meiner Bangigkeit um Sie, liebes Herze. Durch Zufall erfuhr
ich von einer neuen Reithose. haben Sie Absicht aufs Roß zu steigen ?
So viel Ruhe lebt noch nicht in mir, daß ich das denken kann, ohne
nicht um Sie zu bangen. Und zwar in vieler Richtung. Ausmalen möchte
ich hier nichts; aber bitten, wenn's möglich, garnicht zu tun, oder mit
äußerster Vorsicht auf Seele (Stimme) und Körper.
Und
nun zu Ihren Worten und denen von Rilke - Sie können nun, da Sie mich
erlebten, verstehen, wie und mit welcher Vehemenz das Durchschlagen vor
sich geht, und wie das Wachs, wenn es erst glüht, mit fast magischer
Gewalt das Loslösen bewirkt, so daß man glaubt, vom Teufel selbst
verzehrt zu werden. Dieser Zustand war es und ist es hoffentlich noch
eine kleine Weile, bis daß das deutsche Wesen in mir genesen konnte.
Somit sorgen Sie nicht - ich gehe Ihnen ja durch mein Alter voraus.
Eilen Sie nur weder zu schnell und halten Sie, nach anderer Richtung
durch das äußere nur Dasein, nichts auf.
Hoffentlich
werden Sie in der nächsten Woche schon wissen, ob Sie dort helfen
können. Dann höre ich wieder von Ihnen. Die Bilder sind doch köstlich
geworden. besonders Sie im Solopart. Danke für Ihre lieben Zeilen und den Rilke! - Die Künstler wissen alles. Mit vielen Grüßen von
Ihrer Clara Schlaffhorst und Freundin.
Was sagt Fräulein Dr. Noack von Ihrem Singen ?
Hustedt, den 18.02.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Sie
sind in Ihrem Schreiben dieses Mal wirklich fleißig gewesen ! Und !
werden Sie sagen -: Sie nicht minder. Dieses mal muß ich Ihnen im
Gegensatz zu vorigem Mal aus zweierlei wichtigen Gründen schnell
mitteilen, daß der Arzt - Herr Güthenke - aus eigenem inneren Ruf hier
war - gestern Vormittag - und nach gründlicher Untersuchung feststellte
- daß ich total normal sei ! Was will man mehr? Jetzt wird meine
Freundin es mir glauben.
Was ich
aushielt waren Folterqualen, die ich mir durch den Beruf des Forschens
zugezogen hatte. - Herz hat sogar kein Atom Verkalkung - Blinddarm
tadellos - Därme ohne irgend eine Stauung. Lunge - Puls - Blutdruck
gut, letzterer 180!!!
Na also -
daraufhin habe ich gestern um 6 Uhr gesungen. Fünf Lieder - bei jedem
lernte ich etwas. So daß ich am liebsten bis in die Nacht gesungen
hätte. Alle andern waren auch erstaunlich gut. (Es ist rührend, wie die
Seele das alles gefunkt hat) Steiner hat sich brav bemüht an "Die
Blümelein sie schlafen" genau wie in der Stunde am Freitag. - Für mich
und besonders Fräulein Andersen eine moralische Kraftleistung ohne
Gleichen. So, nun sind Sie im Bilde - nein Irmel Wilmans spielte Bach
Sonate Adagio c, Mozart c moll - beides voll und mit starker, innerer
Beteiligung. Harling "Oh wüßt ich doch" - hell und klar, fast
durchsichtig.
Auf diese Weise leben
Sie weiter bei uns bis Sie dort heimisch geworden. Ihrem heutigen Brief
nach geht's voran. Die Gräfin wird ganz von selbst umgewandelt. - Und
nun kommt mein zweiter Grund. Ihre Beobachtung über den Buben stimmt,
außerdem, daß Sie Falsches, Psychisches fortzuschaffen versuchen,
knüpfen Sie entweder durch Zählen oder Septimen - Vorstellung vom
Gehirn aus an, um durch dessen Ausatmung zur Stimme zu finden. So weckt
man die Durchlüftung (Verbindung) von Gehirn zur Stimme und gewinnt ein
neues, wahrscheinlich winziges richtiges Piepsen oder
Stimmchen. Ersteres mit Stimmlippen - zweites mit Band ? Fraglich für
mich, weil ich ihn nicht kenne. - Und nun lockt der Himmel zum Wandern.
Alles um mich ist ruhig und sonntäglich. Daher auch der Gruß an Sie,
liebes herze. Gutes wünscht ferner
Ihre Clara Schlaffhorst.
Einziger schwere Gedanke: Elly Ney !! Alle besonders Fräulein Andersen grüßen.
Hustedt, den 08.03.1939
Liebes Fräulein Goebel !
lang
lang ist's her, daß ich von Ihnen persönlich Nachricht erhielt. Ihr
letzter Brief vom 21.02. schloß mit dem Stoßseufzer: "Ich wollte Ihre
Zeit nicht so lange in Anspruch nehmen." Unter diesem Empfinden hörte
ich nichts mehr. Und doch gehen oft Fragen von mir zu Ihnen und landen
dann im besten Fall bei Ilse Krüger, die mir dann Brocken zuerteilt von
dem, was Sie dort erleben, im wahrsten Sinn das Wortmüssen ! Ja,
die Menschen sind das Merkwürdigste auf dieser schwarzen Erde. Bis in
sie Leuchtkugeln fliegen, dauert lang. Und manchmal ist's
ausgeschlossen. Aber bei Kindern geht es immer noch, und die werden
Ihnen Arbeit geben in Hülle und Fülle und damit Freude. Ihr letzter
Brief entlud einen wahren Lachsalvenstrom; denn ich gab die
Kartoffelkomödie natürlich zum besten.
Von
hier aus kann ich Ihnen, trotz wechselnden Zuständen in meinem Innern -
die Lage des Zwerchfells oder noch besser der Fläche scheint sich noch
um ein Bedeutendes zu senken, denn mein Rücken macht Anspruch auf
äußerst spannkräftige Haltung, sonst schmerzt's, Gutes melden. Aus dem,
daß es oft am Tage ist, erkenne ich, wie leicht man nachlässig ist.
Mein Ideal für mich und mein eigenes Leben ändert sich demzufolge
stets. Das ist für die Übrigen von großer Wirkung. Die Strenge nimmt
nach außen hin zu. Besonders bei denen, die sich ausbilden wollen.
Fräulein Steiner hat's erreicht, die Altarie "Erbarm' dich mein Gott"
von Bach mit Violinbegleitung studieren zu können. Es ging ihrem Maße
nach gut. Ich gab ihr acht Tage Urlaub, den sie bei uns verbringt. Alle
Anderen, besonders Fräulein Wilmans geht auch voran.
Wie
mag es Ihrer Stimme ergehen bei all dem Chaos um Sie herum und auch
sonst ? Nachmittags weiter und Schluß. Inzwischen war heute eine
bedeutende Mittwochsstunde, in der ich von den ältesten wie eine
Zitrone ausgepreßt wurde. Die Stunde stand unter dem Ausspruch von
Rückert: "Halt' ein paar Freund' im Haus, das Wissen und den Glauben,
und laß' von Keinem dir des andern Freundschaft rauben. Von einem sei
genährt dein Geist und aufgeklärt; vom andern dir in Not und Zweifel
Trost gewährt." Für heute muß ich Schluß machen, denn nun steht auch
meine Freundin und mahnt zum "Gang" - Sie läßt Sie herzlich grüßen, wie
auch
Ihre werdende Clara Schlaffhorst
Hustedt, den 06.04.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Danke
Ihnen für die so schnelle Benachrichtigung über Ihren neuen
Wirkungskreis. Nun sieht man Sie doch wieder unter "Dach und Fach" und
auf dem Wege, anderen zu helfen. Es freute mich zu lesen, daß es
Herzeleide so gut geht, daß ihr Aufenthalt hier nachgewirkt hat. Das
war für das Mädel damals sehr nötig, daß sie aus ihrem Schraubstock
herauskam; so wäre sie nicht mit dem Leben fertig geworden. Wenn Sie
nur weiter an ihr und, hoffentlich auch mit ihr, zusammen weiter
kommen, dann kann's vielleicht gut werden. Die Jugend ist ein großer
Faktor, der mithilft. Das habe ich in diesen wenigen Tagen an dem
jungen Hennig erlebt. Denken Sie, der ist erst 20 Jahre. Sie würden
gestaunt haben, wie gut er am Mittag seine kleinen Lieder von sich gab
- noch keine oder wenig Stimme, aber ein Seelchen, wie ein Morgentau so
frisch und weltfern. Und gar heute, als er die letzte Stunde hatte. er
wuchs zusehens bis zum c'''. Die beiden alten Herren - Menzel und von
Schenck - staunten. Und Rohde's sangen auch beide wie neugeboren; ihm
erfüllte ich seinen Wunsch und versuchte noch einmal sein Probelied
"Laß o Welt" von Hugo Wolf - und sie war sprachlos - er herzlich froh
und dankbar. er sprach sogar von Ausbildung, ehe er Tenor-Arien bei
Herrn Schmidt singt, der will ihn stets dazu pressen.
Im
übrigen weint ein Auge und eines lacht; einige ruhige Stunden,
vielleicht auch Tage. Daß Sie um uns Sorge hatten, war schon begründet;
einfach war es deshalb nicht, weil die Zeit zur Aussprache von unserer
Seite zu knapp bemessen war. Wir taten's doch. Man konnte uns von
alledem, das und was unser Gemüt belastete, nichts erwidern. Das gab
peinliche Situationen. Wir waren froh, alles hinter uns zu haben.
Mädchen haben sich auch gefunden. Wie es ausfallen wird - ahnt man
nicht. - Den 8. weiter. Schön ist der Brief nicht gerade ausgefallen.
Ich bleibe Ihnen die Antwort auf das, was edel oder nicht ist,
brieflich schuldig; - aber mündlich reden wir noch einmal darüber.
Inzwischen ist das Osterfest näher gerückt. Hier prangt der
Sonnenschein und die Wärme. Bei Ihnen dort hoffentlich auch; gut, daß
ich den Brief bereits geschrieben hatte. Heute ist meine Brille kaputt
- Hedsch setzte sich drauf, der Schreck war arg !! - Ich singe nicht,
brauche absolute Ruhe. Stimmung hier gut bei den Menschen. Viele Grüße
von uns beiden, die wir Sie sehr entbehren. Alles Gute, Frohe, Liebe
zum Fest von
Ihren beiden Clara Schlaffhorst und H. Andersen.
Viele
herzliche Ostergrüße sendet Ihnen, liebes Frl. Goebel, Ihre H. Andersen
und freut sich schon auf Ihren nächsten Brief. - Bitte, Frau von Bredow
frohe Ostern zu sagen; desgl. Herzeleide. -
Hustedt, den 17.04.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Inzwischen
ist manches anders geworden; Freude und Leid wechselt stetig, aber
erstere überwiegt und darum schreibe ich Ihnen. Das Organ ist heil ! es
ist mit wiedergegeben, zart, duftig, luftig trotz aller Not oder gerade
durch die Not. Schon an jedem Tag nach dem letzten Singen am 2.
Ostertage waren Anzeichen. Stimmung ging leicht und sacht, von Tag zu
Tag mehr nach vorne zum Licht; so auch das Hirn nach oben zur Rinde
hin. Nun kam noch einmal ein Nieder, darnach hoben sich die Schatten
aus dem Tal zum hellen Jubel: Es ward Licht !! Das war Sonnabend. Ich
spürte selbst eine große Schwäche, schwieg und ließ andere singen und
versuchte gestern Sonntag mit Frau Arnim's Begleitung Händel "O hör
mein Flehn" - Darauf nach Frau Bleul's Singen: "Wanderers Nachtlied" ,
"Tiefe Stille", Frau Bleul und ich noch einmal "Bitte" von Franz.
Letzteres zeigte die volle Höhe. Weil ich so dankbar und froh bin,
sollen Sie, liebes Herze, es wissen. - Dahinter Nacht und alles in
Ordnung - ich auf total neuem Wege - kein Hindernis, wenn auch noch
genug Froschlaich ! - Ihr Brief soll noch beantwortet werden. Dank
dafür, - er malt die Umwelt, in der Sie eben leben gut und plastisch;
daß Sie am meisten Eindruck bei den Jungen durch den Sport haben,
verstehe ich gut. So muß man sich bei jedem ein Loch bohren, wo man
hineinkriechen kann, nicht nur bei sich selbst. - Den Aufsatz lasen Sie
mit "heißem Herzen" - Wie mich das freut; so brannte es in mir, als ich
ihn schrieb. Findet es nun doch bei einem Herzen den Widerhall aus dem
"es" gezeugt wurde. Das soll mir genug sein! Vom Herzen aus wärmt sich
auch der Sterz an, des bin ich gewiß. Nur viel lesen und noch öfters
tun. Eben habe ich hier alle drei Chormitglieder am schwingenden Band,
also beim Anfang. Sie sind willig und brav. - Ostern war durch die Nähe
von Ilse Krüger ganz besonders festlich; überhaupt ging es "gemütlich"
her. Schenk, Schümann, Idler, und kein Fremder. Genau so wie Sie es von
sich aus schildern, war es auch hier "von einer leuchtenden Schönheit".
Wir lagen wie die Lämmer auf der Heide - und sonnten uns.
Danke für Ihren Veilchengruß und nun
ein Gruß, leider ohne -; aber von Herzen, auch von meiner
Freundin, die fleißig übt.
Hoffentlich ging dort alles in bester Ruhe und Sie selbst kommen zum Arbeiten an Stimme - Fingern und zum Aufatmen !!!
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
Der Kuckuck ruft - lebe wohl, ich bin da.
Mittwoch, den 23. August 1939
Liebes Fräulein Goebel !
Noch
zittert mir Hand und Herz vor Freude über diese Offenbarung einer
keimhaften, sich ihres Daseins noch nicht bewußten Gemütsseele.
Wohl
ahnte ich Ihren Ursprung, aus der musikalischen Schöpfung eines
Schubert, heraushörend; aber, daß sie Wirklichkeit werden könnte, und
noch dazu - ohne durch Stimme und sonstige Kleinigkeiten gestört zu
werden - das war für mich überwältigend und unvergeßlich.
Ihnen
kann ich nicht danken, denn "es" fragte nicht nach Ihnen, sondern
gehörte dem Schöpfer und strömte aus unentdeckten Gründen. Es wird erst
viel später zum Wachsein in Ihnen heranreifen, so Gott will; aber der
Schöpfer sei gepriesen, daß Er das Werk, an dem wir arbeiten, durch
dieses Heiligtum krönte.
Nun kann ich Ihm das Werk, als Sein Eigentum in
die Hände zurück legen, und die Augen, ja - auch die Ohren,
wie alles, was an nur Sinnenfreudigkeit wach war, schließen, einschließlich in ein "kühles Grab".
Ihnen,
liebes Fräulein Goebel, möge es beschieden sein, in dieser Ehrfurcht,
Anmut und Bescheidenheit vor den Kunstschöpfungen "immer" stehen zu
können. - Das soll mein Wunsch von heute sein und bleiben.
Ihre Clara Schlaffhorst
Hustedt, den 15.09.1939
Mein liebes Fräulein Goebel !
Mit
freudig bewegtem Herzen kann ich Ihnen, die Sie an meinem persönlichen
Leben Anteil nehmen, berichten, daß mir eine neue Offenbarung dessen,
was im Sänger vor sich gehen muß, damit er ohne Hemmungen singen kann,
eben zu freiem Singen verholfen hat. Puh ! Das ist ein langer Satz; er kam aus einem unerhört kreisenden und
schwingenden Gehirn. Die Erstgeburt fällt Ihnen in den Schoß. Sie
müssen nun damit fertig werden. Entschuldigen Sie, daß ich gleich mit
mir selbst beginne, wo doch alles sich um die Weltereignisse dreht, die
eigentlich atemberaubend sind. Da soll es sich beweisen, was wir
alle können, die wir auf neuem Weltpunkt angelangt sind. - Ihre
Freundin Frau Dr. Noack in erster Linie, das ist geradezu tragikomisch,
wenn man das innere Wesenhafte in ihr mit dem äußeren Tun vergleicht.
Übrigens laufen von überall gute Nachrichten und liebevolles Gedenken
an uns und die Arbeit ein. Ihnen dankte ich für den ersten Brief im
Stillen sehr herzlich, für diesen letzten Brief nicht minder. Beide
geben mir die Gewißheit, daß Sie noch daheim sind und den Faden
weiterspinnen können. Mag er zum Stricke führen, aber nicht zum
Sterben, sondern zum Leben und ein lebendiger Beweis dafür bleiben, daß
das deutsche Volk seinen Mann und das Weib geschenkt bekommen hat, das für seine Erhaltung nach Gottes Ratschluß zeugt.
In
der Wirtschaft, nach deren Erhaltung Sie fragen, geht es mit Allen
bergauf. Roloff ist Ia und Wismar gesund. Gearbeitet wird wie immer. Es
kommt alles in das Geleise, aus dem kein Entweichen mehr möglich ist.Später:
So auch leider bei Fräulein Steiner: durch die kranke Seele ist der
Leib so außer Kurs, daß vorläufig nicht mit ihm zu rechnen ist. Also
heißt es Schweigen. Fräulein G. kann auch nur bis zum gewissen Grad,
ein Grad über Null ist gefährlich. Sie werden verstehen, liebes
Fräulein Goebel, wie dem zu Mut ist, der nichts verlangen darf. Es
heißt wie außen, so auch innen: Mit Geduld warten. Ihnen rate ich, in
dem so mit Stoff beladenen Zimmer nichts Großes zu singen. Nichts ist
ärger für die Stimme, als Stoff, innen wie außen. Wir wollen hoffen,
daß über England eine höhere Macht steht und daß der Krieg nicht endlos
ist. Jedenfalls bringen sie alle Nationalitäten gegen sich auf. Damit
fällt die Masketotal. Alles, was heutzutage als ein Totales sich
auswirkt, ist ein Segen für die Zukunft. In bösem wie in gutem Sinne,
wie in Ihnen persönlich. Da geht der Samen endlich auf und erleuchtet
die Gehirne. Herr Christophersen hat guten Brief geschrieben, Er hat
bei uns so denken gelernt über die Menschheit, daß es auch in ihm
hoffnungsvoll für die Zukunft ist. - Grüßen Sie Ihre tapfere Freundin.
Die meinige ist's auch. So wollen wir beide weiter gehütet sein. Mehr
kann ich eben nicht - Papier - Zeit - Ruhe hat versagt. Tausend Grüße
von uns beiden.
Ihre Clara Schlaffhorst
Hustedt, den 05.10.1939
Liebes Fräulein Goebel !
In
meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nie gedacht, daß ich je solch
eine Nachricht voll Säuglingsangelegenheiten von Ihnen erhalten würde !
Fast unter innerem kicherndem Neid las ich mit großer Spannung Seite
für Seite - nein Reihe für Reihe. Ich hatte nämlich ebenso an Sie
gedacht, doch war ich unterwegs nach Berlin zum Zahnarzt mit meiner
Freundin, und wir beide haben viel aushalten müssen und besonders auf
den Fahrten. Hedwig ist heute noch nicht in Reih und Glied und ich habe
täglich Zahnweh, aber nicht durch den Zahn, der ist gesund, sondern den
Trigeminus -, Ich verstehe aber eben heute schon damit umzugehen und
darum kann ich Ihnen endlich schreiben.
Also
nun noch einmal zu Ihrem Brief. Es geht mir immer so im Leben: Alles,
was ich mir wünsche zu erleben, erleben meine Nachfolger. Sie können
sich denken, wie ich das aus Ihrem Brief aufsauge. Nun bin ich auch
dabei gewesen, wenn auch aus der Ferne. Spontangeburten haben meist
solche Frauen, die es nicht sind, die in freier Liebe leben. Wie lange
wissen wir's, daß Hebammen erst bei uns atmen lernen müßten ! Unter
unseren Schülerinnen ist eine, und zwar Prinzessin Friedericke zu
Solms-Lich; sie hat meistens Schüler von uns - und da geht's - hoppel
di poppel. - Und wie werden die Kinder ? Ein neues Geschlecht. - Wir
haben in diesen Tagen in großer Sorge um Fräulein Steiner gelebt.
Untersuchungen ergaben die Notwendigkeit einer Operation. Die geschah
am Sonnabend vor acht Tagen. Danach kam vom Vater und heute von ihr
selbst eine Nachricht. Demnach ist festgestellt worden, daß sich eine
Fistel gebildet hatte, die total vereitert war. Nun kann man von der
letzten Zeit viel verstehen. Wozu die Arbeit an der Kunstausübung sich
als sehr nötig erwiesen hat ! Hoffentlich läuft alles Weitere gut ab.
Gearbeitet wurde am Ablauf viel ! V. Arnim, Bleul, Erne sahen wir in
Berlin. Die beiden erstern sind so gut wie hindurch und gestern gab es
hier einen sehr guten Mittwoch - alles gute Leistungen in jedem
kleinsten Fall. Musik hören wir gute von Lonny von Metzsch - Schümann
will nach Hustedt kommen. Ob es ihr gelingt, ahne ich nicht. - Die über
uns schwer hängende Wolke läßt uns auch noch nicht aufatmen. Daladier
ließ sich heute hören, daß er keinen Krieg will. Gott gebe es. - Ich
hätte noch Ihren ersten Brief zu beantworten. Danke für geschichtlichen
Überblick. Ja, wenn man den nicht hätte. - Grüßen Sie bitte Frau Dr.
Noack - hoffentlich hält sie durch bei dem Geschäft. Ihnen, liebes
Herze, alles Gute wünschend, grüßt Sie von allen und uns beiden recht
herzlich
Ihre Clara Schlaffhorst
Was macht die von ?!!!
Hustedt, den 25.10.1939
Mein liebes Fräulein Goebel !
Viel
Liebe umgab mich an dem stillen, nun längst dahingeschwundenen
Festtage. Darunter war Ihr Brief besonders persönlich aus großen
Gesichtspunkten für mein kleines Glühwürmchen, das mir auf der Seele
brennt. Nun aber bereits heftig. So sehr, daß ich etwas Fertiges am 16.
und vollfertig am 21. des Monats herausbringen konnte. Das ist Freude,
weil es endlich Erfüllung bringt. Nun kommt aber als Begleiterscheinung
die Sehnsucht, andere auch so weit zu bringen. Da sind die Hände oft
leer, weil sich die Hoffnungsvollsten fortentwickelt haben. Ich sehe,
um zur Menschwerdung zu kommen auch das vollkommen ein, und hätte
nichts dagegen, wenn ich selbst nur noch viele Jahre vor mir hätte.
Aber da ich weiß, daß alles nur kommt, wie es für uns alle gut ist,
klage ich nicht. Doch läßt sich die Sehnsucht nicht bannen. - Sie
fragen nach unserem Leben. Es lebt sich wie sonst; äußerlich ist's
stiller denn je - innerlich kocht es oft vor Wut über die
Unmenschlichkeit der Nation, die Kultur haben müßte. Von
den Chormitgliedern sind noch Fräulein Ottmer, Gertz bis Freitag hier
und natürlich von Harling, Schümann. Auch von Schenk, der endlich
dahinterkommt. Mehr oder weniger alle. Aber unter welchen Wehen
! - Oft gedenke ich Ihrer und rede mit Ihnen. Aber - schreiben kann
ich's nicht. Eben ist meine Freundin wieder zu Bett. Wärme und Ruhe
tut's schon wieder. Steiner ist daheim ! Gottlob. - Herzliche Grüße und
Dank von
Ihrer Clara Schlaffhorst
Hustedt, den 30.11.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Viel
und oft schreibe ich Ihnen in Gedanken, und je länger ich schweige,
desto mehr drückt's. Einige Augenblicke reden wäre ganz gut gewesen.
Besonders dort in Berlin ! Aber dort, wie unterwegs gab es so schwere
Augenblicke, daß ich noch heute nicht frei von verschiedenen Leuten bin.
Das Stille bewahren,
das Müde erneuern,
das Große verehren,
das Leidende lieben.
Wiechert
In's
Letzte ist all mein heißes Lieben hinabgerutscht. Es ist eine unsagbare
schwere Zeit, Euch alle verstreut in der Welt zu wissen und Keinem
etwas zu entlocken ! Brrr brrr he ! Ihnen von all dem zu erzählen, was
jetzt durch meine Adern tobt, ist unmöglich. Eines nur muß ich sagen:
Ich darf nur zwei Stunden täglich geben, und schreiben ist noch eine
große Anstrengung. Die Augenentzündung ist noch nicht vorüber und
manches Andere auch nicht. Aber ein neues Flämmchen brennt im Herzen
und in der Stimme. Vorläufig nur für uns beide, sobald der Morgen tagt.
Eben heute will ich es am Nachmittag üben. - Ihr Brief mit
Untersuchung, Röntgen etc. flößte mir Schrecken ein. Tun Sie besonders
"Röntgenlassen" nicht auf. Für Nerven das Schlimmste. Ob es noch einen
Januar giebt! Das, womit man uns droht ist unausdenkbar. Hoffentlich
vergiften die uns töten wollen, erst mal sich und ihre Denkart. Ich
glaube an nichts als nur an Rettung durch höhere Kräfte statt der
niederen. - Schreiben Sie bald. Urteil heute von Anita großartig, genau
wie ich's mir dachte, nach dem, was ich erfahren mußte. Daher die
Trennung, weil ich die Unmöglichkeit des Verstehens endlich einsah.
Gerne hätte ich es auch, das Urteil. Viele allerherzlichste Grüße von
uns beiden stets
Ihre Clara Schlaffhorst.
Grüße allen, besonders Fr. Dr. Noack.
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