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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

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Hustedt, 11. August 1940

Liebes Fräulein Goebel !

Statt einer Rede lieber schriftlich - Alles, was werden soll, muß daraufhin angelegt sein, daß es das ohne Mühe kann. Der physische Leib muß nach seinen, ihm, angeborenen Gesetzen leben und sich frei bewegen, um dem Astralleib Palette sein zu können.

Die verschiedenen Gesetze wie Atmung, Sprache, Stimme, Schleimhäute, Blut, Nerven, Muskeln müssen unter einander bei der Musikausübung einig geworden sein. Trotz ihrer sich gegenseitig störenden Überschneidungen. Nur eine konzentrierte Kraft giebt den Unterton, der jeder Persönlichkeit eigen; wenn sie erst voll und ganz geworden ist. Teilarten - im subjektiven Sinne - gehen stets auseinander statt ineinander über. Erst wenn Stimme, Luft und Laut sich sicher gefunden, kann alles in sich zur Einheit übergehen und gesunden und dann aus sich heraus in den Leib übergehen, der absolut, rücksichtslos gegen sich selbst, sich frei und leicht angehören darf.

Da ich Sie um 6 1/2 Uhr auf einem Wege hörte, der Sie dahin führen wird, konnte ich nicht hören, wie Sie fernab davon um 8.00 Uhr sangen - ohne Sie zu stören. Verstehen kann ich es wohl, weil ich aus Erfahrung weiß, daß jene seltenen Augenblicke in ihrem ersten Erscheinen kaum vom eigenen Menschen im Ursprung erfaßt werden können:

Da braucht man einen Freund. Ihm folgt man lieber als der Lehrerin, die in Sorge um die endlich gewonnene Stimme bangt; der Mensch weiß nicht, ob es ihm gelingt, zum zweiten Mal sie noch einmal zu finden. Zu jeglicher Kunstausübung im Sprechen und Singen ist der Stimmreiz als solcher notwendig.

Alles dieses Ihnen zur Kenntnis ! Sie brauchten es eigentlich nicht, denn Sie folgten sofort. Vielleicht ist es doch gut ! Daher sende ich Ihnen meine Gedanken.

Ihre Clara Schlaffhorst

(Brief wurde im Hause geschrieben, nach dem Vorsingen am Samstag, als sie Elisabeth in ihrem Zimmer allein hatte singen hören.)



Hustedt, 19. August 1940

Mein liebes Fräulein Goebel,

die beste Gottesgabe ist ein reines Herz. -

So stand es auf meinem heutigen Kalenderspruch. In solch ein Herz durfte ich heute schauen. Hierin liegt Ihr Problem.

Vom ersten Schritt an, den ich mit Ihnen in das überweltliche Reich der Musik tat, sah ich es als groß an. Vor meinem geistigen Auge sind die großen Probleme erst wert, gelöst zu werden; denn in ihnen steckt das, was zum Kampf gehört: Der Widerstand. Ohne ihn kein Kampf, ohne den Kampf kein geistiges Leben. Ein frühes Geschick hat mich zum Kämpfer für die Natur und ihr innerstes Geschehen ausersehen und ausgestattet mit den verschiedensten Waffen. Viel irrte ich, um das, wodurch sie sich uns Menschen offenbart, zu finden. Endlich stand es vor mir leibhaftig zwar, aber doch gespenstisch. Es ist das deutsche Wesen, das hinter dem wahrhaftigen, echten Deutschen steht.

Wohl empfand ich vom ersten Augenblick an bei all Ihren Leistungen, daß ein wirklicher, aufrechter Mensch hinter Ihnen stand. Aber es ist nicht alles, weil er einseitig ist; wenn auch wie bei Ihnen stark in seiner Einheitlichkeit. Letztere mußte und muß immer wieder noch gestört werden, damit die zweite Hälfte in Erscheinung treten konnte, und es wieder und wieder kann. Nun tritt das Wesen auf - natürlich in einer noch geknechteten Gestalt - so wird es natürlich von Ihnen verneint, weil es nicht sofort mit der so viel reiferen Geistigkeit übereinstimmt; ja, nicht übereinstimmen kann; denn diese brachte die Verbundenheit dieser Gestalt nicht mit auf die Welt. Also heißt es Geduld, Liebe, Gehorsam, im Sinne von horchen, schauen, ahnen. -

"Ahnung ist mehr als Beweis; doch geb' ich dem den höchsten Preis, der es vollbringt mit heil'gen Händen, Ideen durch Taten zu vollenden".

C. L. Schleich

Die Idee ist das Element, das hinter dem Schöpferischen, die Tat, die über ihm steht. Die Vollendung ist der kleinste Augenblick im großen Wandel des Geschehens. Freuen wir uns auf die Arbeit !

Ihre Mitstreiterin Clara Schlaffhorst

(Schrieb mir C.S. im Hause nach meinem Vorsingen)



Hustedt, 5. November 1940

Liebes Fräulein Goebel !

Für mich hier war es klar, daß Fräulein Stampa nicht länger hier bleiben wollte. Sie wissen, daß ich bereits Anfang der zweiten Hälfte Oktober wollte, daß sie mit dem Lernen aufhörte, weil es für sie Zeit war. Jetzt hatte sie sich allerdings erholt, da es ruhiger um sie her war. So habe ich sie denn unbesorgt fortgehen lassen, ganz gleich, wann Ihre Vertretung beendet ist. Aber die Ungewißheit, wie es in Darmstadt geht, war erregend. Nun hat Frau Dr. Noack selbst geschrieben. Sie sieht dem Ende mit Fassung entgegen und scheint durchzuhalten. In solchen Augenblicken zeigt es sich, in wieweit die Naturkräfte gediehen ! - und was sie dem Menschen an Werten giebt. Betreffs Ihrer bin ich nun auch beruhigt; es ist ja nicht immer ein Brief nötig. Inge Stampa war ja verpflichtet. Und nun möchte ich von Ihnen hören, wohin das Geld gehen soll oder ob Sie es selbst in Empfang nehmen wollen; so schicke ich es dorthin. Wann Sie kommen können, erfahre ich wohl. Bleiben Sie nur in Ruhe, verstehen tue ich Sie ganz. Nur umgekehrt scheint's schwer.

Immer Ihre Clara Schlaffhorst


 

 

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