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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

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z.Zt. Bad Eilsen, den 5. Juni 1941

Liebes Fräulein Goebel !

Ihr Brief vom 20. Mai und die Karte vom 26. April - also doch falsch: natürlich umgekehrt - liegen schon lange zur Beantwortung in mir. Aber ich wartete noch die Nachricht vom Amtsgerichtsrat Goette ab. Heute kam sie. So etwas wie Ferienruhe nach dieser Richtung giebt es weder in der Arbeit, noch in den Ferien. Besagter Herr rief mich vor Wochen an's Telefon. Man rief mich nicht; denn ich ruhte gerade, schlief sogar und da gab's eine falsche Antwort. Er wollte nur wissen, ob die Abmachung betreffs des Chorkonzertes im Januar bleibt ? Von Harling sagt glatt ab, worüber ich sehr ärgerlich war, und dies wieder durch einen Brief persönlich gut machen wollte. Nun schreibt er mir, daß er sich sofort mit Gümmer in Verbindung gesetzt und eine zusagende Antwort bekommen hätte; er legt das Chorkonzert für Winter 1942/43 fest. Da nennt man wie ? Pech und vielleicht auch nicht ! Ich danke Ihnen für die etwaige Zusage - alle außer drei Faulen haben freudigste Zustimmung gegeben. Denn wenigstens zum gemeinsamen Arbeiten für Solosingen und falls unser Dirigent etliche Tage kommen sollte, für etwaiges Chorsingen. Ich kann diesen einen Teil meiner Lebensarbeit nicht stecken bleiben lassen;es muß zum Schluß kommen. Der Arm möchte noch manchmal eigene Wege gehen (eben  tat er es extra fein). Das ist die eine Sache: die zweite in der Kulturkammer - Landesleiter Gau, Lüneburg - erhielt ich eine Aufforderung junge, aufstrebende Kräfte zu nennen, die in Aufführungen ihr Können zeigen sollen. Diese dürfen das 30. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Das giebt wenige davon. Aber auch Konzerte reiferer Künstler in Musik - Gesang - Klavier sogar Instrumentalkünstler, können vom Herrn Landrat Unterstützung für eventuelle Konzerte erhalten. Ich habe mich gemeldet und man hat es dankend quittiert. und damit komme ich nun zu Ihnen, liebes Herz. Da findet sich ein Weg zum Bekanntwerden Ihrer Gaben; es stand auch eine Erwähnung Klavier achthändig auf zwei Klavieren. Sie hätten also Auswahl. Ich finde diese Art der Öffentlichkeit durchaus fördernd für alle diejenigen, die nicht schon auf eigenen Füßen stehn. Soviel davon. Ach, ich habe noch Manches; aber reden wird mir leichter. (Wir haben hier Gluthitze - alles auch sonst, was uns wohl tut; ich bin gesund wie ehemals, nur der Arm braucht Pflege. Meiner Freundin geht es täglich besser mit Fernlesen, kommt auf 6 Meter.)

erstens die Freude über Weimars Gelingen. Wenn Anita nur gesünder wäre ! Die Strapazen sind doch groß ! Daran denken doch nur wir. Mir ist nun nicht der dahinterstehende Mensch als Resultat wichtig, sondern die Tatsache, daß die Menschheit erfaßt, durch welche Kraft der Mensch das vermag. Die Kraft selbst muß davor stehen. Wie oft erleben wir es schon in unseren Räumen, daß alle mitjauchzen, sobald Natur sich als Form erweist. Aber der Anfang ist getan; und soll es fortschreitend werden. Anita Grauding ist ja, wie Sie es selbst erlebt, in der "Zuneigung" ein Stück Weges geschritten. Ich danke Ihnen für Ihre Worte.

Nun zu Ihnen; ich fürchte, Sie sind so belastet durch Geben an Andere, daß Sie nicht einmal für materielle Seiten des Lebens Zeit haben. Am 1. Mai wartete ich vergebens auf die Zusendung der Quittung, und jetzt im Juni auch. Da ich hier nicht genau weiß, ob ich mit meiner Kasse reiche, wir sind hier gut verpflegt und zahlen mehr, als wir es sonst getan, so möchte ich es von hier aus nicht schicken. Wohl aber von Bevensen, nachdem ich Ihnen Näheres geschrieben habe. Wir sind hier bis 10. Juni und wohnen in Bevensen bei Uelzen - Haus Grau. - Da kam eine lange Störung. Jetzt muß ich erst noch einmal lesen, was ich nicht geschrieben habe. Das Lamento, das mir bei all denen, die ich noch zum Teil unbewußt, aus meinen Händen lassen mußte, wo ich bestimmt weiß, daß sie berufen sind, zur Erfüllung ihres Gottesgeschenkes - die Stimme - zu kommen, könnte ich mir sparen. Sie kennen es; aber einen Stoßseufzer muß ich tun; ich tue ihn ja nicht für mich. Wie ein Traum liegt Hustedt hinter Ihnen, liebes Fräulein Goebel; für mich liegt er noch vor mir. Können Sie denn wenigstens an das Erreichte heran, daß Sie Augenblicke finden, in denen Sie "gut deutsch" sprechen ? Oder gar singen ? Ohne üben zu müssen, einfach das für sich tun, was Sie vor Publikum trotz allem erlebten ? Ein einfaches Ja genügt mir auf der Karte; sogar Hieroglyphen würde ich verstehen. - Sie scheinen viel Krankheit um sich zu haben ! Fräulein Bostedt, Krüger ! Sie sehen, wo es hinführt, wenn Natur sich rächt. - Ich hoffe, Sie sind selbst gesund und guter Dinge ! Meine Freundin grüßt herzlich und von mir lauter gute Wünsche.

Ihre Clara Schlaffhorst

Bitte Grüße an alle, die nach uns fragen.



Bevensen, 22. Juni 1941

Liebes Fräulein Goebel !

Nun habe ich mein Versprechen wegen des Geldes doch nicht einhalten können; natürlich nur für die Ferienzeit. Da meine Freundin ihr Kontobuch auf der Bank liegen hatte, hat sie, von sich aus, sich Geld senden lassen, und ich konnte nun nicht zu dem Meinigen kommen. Das ist mir Ihnen gegenüber peinlich. Sobald ich wieder daheim und in Ordnung bin, das heißt zu meinem Kontobuch kommen kann, erhalten Sie Nachricht. Wir haben dieses Mal - das Schreiben von Hustedt und allen Andern war erschwerend - eine ganz herrliche Ferienruhe, das heißt Miteinanderarbeiten gehabt. Dazu auch ein schönes "Draußen im Walde" Leben. Heute kam die Kriegserweiterung durch Rußland wie eine Bombe in unsere Ruhe gefahren. Ein Wort von Raabe und die Waldeinsamkeit unter blauem Himmel, der Vogelgesang und das Glockengeläut brachte uns wieder ins Gleichgewicht. "Das Ewige ist Stille, laut die Vergänglichkeit, - Schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit". Möge sich Sein Wille, Deutschland zu erhalten, auch ferner auswirken. Von Fräulein Friede's Wagner Konzert erhalten wir schöne Nachrichten. Sie ist mit Blumen übersät empfangen und hat begeisternd gesungen. Kritik können Sie dereinst lesen. So viel Briefe kamen noch nie in die Ferien; bald ist Schluß damit. - Wir grüßen Sie beide herzlich und hoffen, daß es, da Fräulein Krüger gesund ist, Ihnen gut geht.

Immer Ihre Clara Schlaffhorst



Hustedt, 27. November 1941

Liebes Fräulein Goebel !

Heute nur schnell, damit Sie Antwort auf Ihren Brief haben, ein paar Zeilen mit Grüßen und Dank für gute Nachrichten. Was Sie von allen Seiten her belastet sind, weiß ich an meines Herzens Wehe. Doch man muß heutzutage schweigend dulden. Es kommt vieles so anders, als man es für seine wohlgepflegten Stimmen wünscht; und statt, daß sie die Herrschaft findet über alles, was geschieht, erdrückt man sie aus Not um manches Unwesentliche. Und doch kommen alle wieder, denn die zeit des Erkennens rückt jedem auf den Leib. Wir beide ahnten viel von der kommenden Not; aber eine solche Zeitstimmung erhofften wir uns für die heranwachsende Jugend nicht. Noch können Sie Ihre Freude daran haben, für Andere da zu sein, und ich wünsche es Ihnen auch weiter, daß Sie Stand halten können. Nur nicht über das Maß hinaus. Ich bitte Sie herzlich darum. Wir haben ja hinreichend Erfahrung darin, daß einmal dann doch der Zusammenbruch kommt, denn für die heutige Art der Lebensführung muß erst der Mensch als neuer Deutscher nicht nur erzogen, sondern geboren werden. Diese Gebärtüchtigkeit ist bei den heutigen Müttern noch nicht zu finden. Im Gegenteil, es wird immer noch unwesentlicher. - Also nun zu Ihrem Herkommen.

Weil es unbestimmt war, hatten wir Fräulein Grauding nichts gesagt. Ich hoffe nur inständigst, daß Sie Urlaub bekommen. Sie können doch in Ihrem Urlaubsgesuch angeben, daß es um keine Erholung, sondern um ein Weiterstudieren geht. Dann giebt man es Ihnen eher; denn man ist doch überall besorgt, daß die Jugenderzieher sich stetig vervollkommnen. Im letzten Grunde ist es Schicksal für uns Alle. Wir haben, wie Sie sich denken können, ungeheuer viel arbeiten müssen, und brauchen die Ferien nötig; sie sind bis zum Montag, den 5. geplant, für uns wenigstens, die wir im Hause bleiben. Der 1. Januar soll Donnerstag sein. Mit den ersten Tagen geht die Woche leider zu Ende. Wie wär's, wenn wir dann mit Ihnen am 5. Januar, am Montag, anfingen ? Wenn Sie keinen Urlaub erhalten sollten, hätten Sie auch nur noch den einen Sonnabend - Früher als am Freitag können Sie nicht reisen ?! -

Nun habe ich es Ihnen in Kürze geschrieben, wie die Dinge hier stehen, und Sie schreiben mir persönlich, wann Sie kommen. Das Haus ist bis in das Frühjahr hinein schon besetzt. Wir hatten viel und haben noch große Freude an dem Fortschreiten aus innerster Kraft. Diese mobil zu machen ist keine Kleinigkeit bei den schweren Zeiten. Frau Dr. Noack, bitte zu grüßen; ebenso Fräulein Bostedt - Ihnen besonders herzliche Grüße von uns beiden.

Ihre Clara Schlaffhorst

P.S.
Der Zettel wird für Dezember besorgt. Wir hörten Professor Hüsch - und hören am 4. Kempff!!!



Hustedt, den 19. Dezember 1941

Liebes Fräulein Goebel !

Die Bescheinigung war bereits gestern geschrieben, ich wollte Ihnen noch ein paar Worte mitsenden, die jedes erneute Mißverständnis unmöglich machen.

In Ihrer vorletzten Karte fragten Sie an, ob Sie wohl früher als am 5. kommen könnten ? Selbstverständlich kommen Sie früher, denn am 5. zu reisen, möchten wir Ihnen nicht raten. Erne ist gestern abend unter steter Lebensgefahr bei uns eingerückt. Wenn Sie, liebes Fräulein Goebel, am 2. fahren, das ist am Freitag, so haben Sie etliche Ruhezeit hier. Ich prüfe den augenblicklichen Stand am Sonnabend, und dann können Sie sich für die eigentliche Stunde Montag schon vorbereiten. Wir beide waren hocherfreut über die gutlautende Karte. Da haben Sie jetzt mehr davon als im Oktober, wo es mir hauptsächlich auf die Lehrzeit für unsere ältere Generation ankam. Wir wollen uns wünschen, daß diese Hoffnungen auf eine Arbeitszeit erster Ordnung nicht zu Wasser werden kann. Ihnen friedvolle Tage zum Fest wünschend, grüße Sie, auch von meiner Freundin, herzlichst

Ihre Clara Schlaffhorst.

Bitte Bettwäsche, Mundtücher, Handtücher mitbringen oder zu schicken.


 

 

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