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Hustedt, 9. März 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Wie
oft habe ich einen Brief - der nächstens kommen sollte - erwartet; und
noch öfters wollte ich mahnen wegen des Zettels. Es unterblieb alles.
Ihr letzter Brief war vom 24.1. Sie freuen sich, daß der Sohn von Frau
Arnim gerettet ist; noch liegt er in wechselndem Fieber. Das
Fleckfieber ist weg, dafür hat sich eine Thrombose eingestellt. Die
liebe Mutter sammelt hier Kraft auf Kraft zum Aushalten für seine
Zukunft und lernt, als Mensch ungeheuer viel zu seiner Behandlung. Von
hier aus wird schon manches bewirkt. Wie mag es Ihnen in diesem harten
Winter ergangen sein ? Jetzt liegt wohl eine heiße Arbeitszeit vor
Ihnen ! Und doch ist das Arbeiten, das auch hier um mich herum und am
meisten in mir drinnen vor sich geht, das Schönste im Leben. Die Tiefe
der Empfindungen im Atem- und Stimmleben war nur ahnender Weise in mir.
An Beweisen lag es mir garnicht, es genügte nur die Ahnung; sie war das
heiligste Feuer und jetzt merke ich erst, daß es verzehrend wirkt, wenn
es keinen Ausweg findet.
den 10ten.
In
einer total anderen Stimmung setze ich mich leider eben hier hin. Den
Brief wird wohl Ilse Krüger mitnehmen, wenn es so weiter geht.
Vielleicht knüpfe ich aber doch hier an Ihren Brief an, in dem Sie
glauben, mich durch einen Ausspruch vom "nicht heilig sein im Leben"
verstanden zu haben. Ich habe es in einem anderen Sinn gesprochen,
natürlich auch gedacht: Mehr ganz Sie selbst sein, zu innerst verbunden
als Gottnatur. Oder noch einfacher gedacht mit Klopstocks Worten: "Daß
nur Menschen wir sind, das beuge das Haupt uns; doch daß 'Menschen' wir
sind, das hebe es freudig empor." Also von mir aus ohne Anspielung auf
Allgemeines. Ich denke, Sie kennen mich zur Genüge und besonders in
meiner Arbeit, wie sehr ich alles Unechte hasse und nur das Eine, was
Not tut, gelten lasse. Darum macht jedes Scheinwesen auf mich
persönlich keinen Eindruck. Ich liebe sogar, wo es hingehört, das
menschlich allzu Menschliche, weil ich darin Arbeitsmöglichkeiten sehe.
Nach meinen lebenslangen Erfahrungen fällt der Schein immer mehr ab in
dem Maße, als sich das Sein zu entwickeln beginnt. Oft dauert es lange,
aber geduldig ausharren habe ich lernen müssen, sonst hätte ich noch
weniger erreichen können. Der Standpunkt des nur nackten Menschen ist
auch unerträglich, besonders da, wo er doppelt zu sehen ist. - Viel
Freude an der Arbeit hat nach wieder neu aufgetauchten Erkenntnissen
eingesetzt. Fräulein Fleck gehört seit Januar den Ausbildungsschülern
an, geht stimmlich gut voran und macht Freude. Die Kälte, von der Sie
schreiben, haben auch wir hier gehabt; es war oft hart. In Gedanken an
unsere tapferen Kriegsleute hat man's ertragen können. Nun scheint's
Frühling werden zu wollen. Was dieses Jahr noch alles bringen wird, ist
nicht abzusehen ! Neulich war der Landesleiter aus Lüneburg hier und
prüfte den Nachwuchs der musikalischen, besonders gesanglichen Kräfte.
Es gelang gut und gefiel auch. Für die nächste Musikalische Aufführung
sind sie vorgemerkt. Das gab Stimmung. So bringt jeder Tag, besonders
der Mittwoch und Sonnabend Fortschritte. Den 13. werde ich nun endlich
Schluß machen, denn Ilse Krüger fährt erst Montag früh - vielleicht
auch dann noch nicht. Mit herzlichen Grüßen auch von Fräulein Andersen
Ihre Clara Schlaffhorst
Hustedt, den 23. März 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Als
Drittes kommt nun noch ein kurzer Briefgruß und Dank für Ihre
Nachricht, die Fräulein Stampa noch ergänzt hat. So bin ich und
Fräulein Andersen mit mir, nun ganz im Bilde. Es wäre natürlich das
Günstigste für Sie, wenn Sie Arbeiten, die unter Ihrer Ebene stehen, an
Andere abgeben und Sie lieber da arbeiten können, wo Sie und Ihre
Berufung stehen. Am meisten kränkt es mich in Ihrer Seele, wenn Sie im
Singen sich selbst und Andere nicht hören können. Das muß mit der Zeit
anders werden. Und so wäre es eine glückliche Lösung, wenn Sie auch mit
Anderen nicht nur atmender Weise, sondern vor Allem nach
stimmgesetzlicher Richtung arbeiten müßten. Nämlich da sind Sie im
Irrtum, daß schönes Stimmaterial von selbst den Weg findet.. Im
Gegenteil, da ist's am Wichtigsten zur Kunst des Atmens geführt zu
werden. Sie selbst brauchen dazu wenig tun; die Sänger umsomehr. Er
ist der faulste Menschentyp auf der Welt. Das müssen sie erst einsehen;
sonst hält das bißchen Atmen nicht lange vor. Das jugendliche Element
verbirgt Vieles an Festem. Aber wehe - wehe ! Also ich wünsche Ihnen
ein Weiter auf Ihrer Bahn, die für Sie allein schwer zu erkennen ist. -
Nun, wir sehen uns wieder in nicht zu langer Zeit. Alles anderes
interessierte mich sehr. Ihr Bruder - Ihre Freundin ! Allen wünscht man
ein gutes Hindurch !!! - Mit vielen guten Grüßen von uns beiden lege
ich Ihnen den Chor an's Herz ! Ob er steigt, weiß der Himmel allein -
Uns steht viel bevor. - Zettel sind besorgt, März/April.
Hustedt, 20. April 1942
Mein liebes Fräulein Goebel !
Unter
Donner und Blitz setze ich mich nieder, um Ihnen zu danken für Ihre
Nachrichten. Es freut mich riesig, aus Ihrer Kampfansage die Kraft zu
spüren, die ich hier in Ihren Leistungen zu hören bekam. Ich lebe noch
sehr mit Ihnen und nicht nur am Tag, sondern auch bei Nacht. Wenn einer
sich freuet, daß Sie versuchen, sich Ihren eigentlichen Beruf zu
erkämpfen, dann bin ich es. Bei uns hört es auch noch nicht auf. Die
Wenigsten wissen, um was es für mich persönlich geht. Wenn ich, wie es
gerade im heutigen Parteistaat betont wird, "ein Jeder solle den Platz
für seine Arbeit dort finden, wo er hingehört". Und wie steht es damit
im wirklichen Leben ? Gerade das Gegenteil versucht man durchzudrücken.
Unglaublich für den, der es an sich selbst erleben muß. Wir haben
heutzutage genug an solchen, denen irgend ein Platz zugewiesen wird, wo
er nicht weiß, wie er es anfangen soll ! Wenn je, dann
ist es heute wichtig, daß die Jugend gut geführt wird. Na ich hoffe
nur, es gelingt Ihnen. Zeugt doch Ihre Energie dafür, daß Sie
aufgewacht und wissender darüber geworden sind, sich nicht zu opfern,
sondern mit vollen Händen hinzugeben aus dem Schatz, der Ihnen vom
Schöpfer gegeben wurde, zum Zeichen davon, daß Sein Odem das aufbauen
wird, was Er als Keim in Sie gelegt hat. Mitten aus den Stunden wie
diesen.
Gruß an Sie von Ihrer Clara Schlaffhorst.
Hustedt, den 3. Mai 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Zu
der Wendung Ihres Geschickes kann ich Ihnen nur Glück wünschen und zwar
tue ich dies von Herzen. Die letzte Studienzeit hat Ihre
Bewußtseinskraft wachgerufen ! Solche Zeiten sind heutzutage nötiger,
denn Brot und Wasser. Die Menschheit schreit mehr denn je darnach. Wer
es hört, der kann nicht anders, als ihnen ihren Hunger zu stillen, wenn er ihnen den Schrei zu bringen imstande ist. Der allein, nachdem er die Seligkeit
erlebt hat, kann die Menschheit erquicken. Er rettet sie aus dem
Wirrsal des Irrens in Chaos und Dunkelheit, und zeigt ihnen den Weg zum
Licht und zur Freiheit. Gottes Segen zu Ihrem Antrieb !
Daß
Sie nun auch gerade den Begleiter gefunden haben und den Herrn Dr.
Merkel, der ein solcher Mann ist, sich für die Arbeit einzusetzen, das
sind Zeichen, daß es an der Zeit ist, dem Ruf zu folgen. Herr Professor
Volkmann hat, als unser Dirigent, den Beginn der Chorzeit erlebt. Es
war eine Freude, mit ihm zu musizieren. Ob die Reihenfolge der Lieder
gut gewählt ist, muß noch bedacht werden. Jedenfalls ist die Wahl durch
die intime Arbeit der Stimme, nur für geschultes Publikum; besonders
die erste Gruppe. - Gut ist daran, daß es noch Zeit hat, da kann
inzwischen noch viel reifen. Der Sommer kommt ja erst. -
Hier geschieht auch Manches; besonders bemerkbar noch
immer in mir. Wenn das bei Allen so gehen wird, so sieht es
zukunftsfroh aus ! Fräulein Andersen ist auch wieder flott ! Und so
jubelt jeder über sein Werden ! Meine Freundin schreibt durch mich und
sendet Grüße viele - viele. Von mir auch Grüße an Alle und Ihnen
besonders herzliche Ihre
Clara Schlaffhorst.
Hustedt, den 14. Mai 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Dank
für guten Brief; die Tage eilen, ich muß Sie heute nur kurz fragen,
wann Sie noch einmal nach Hustedt zu kommen gedenken, Sie mit Frau Dr.
Noack ? - Denn wir haben nur wenig Plätze, die ich bald festlegen muß,
daher die Frage und Bitte, Frau Dr. Noack in Kenntnis zu setzen. Ihrem
Singen wegen in Jena möchte ich Sie doch noch fördern; besonders, da
Sie sich betreffs Stimme selbst gefunden haben, muß ein anderer Weg gegangen werden. Bitte, wenden Sie sich an mich,
weil es nur uns angeht. Hoffentlich klappt alles, und wir können gut
weiter kommen. Es braucht noch nicht der bestimmte Termin zu sein;
nicht der Tag, aber doch ungefähr, ob Anfang Juli oder Ende - oder gar
August ? So wünschen wir uns Allen ein schönes Weiterarbeiten noch
hier. Herzliche Grüße von
Ihrer H.A.
Hustedt, den 23. August 1942
Mein liebes Fräulein Goebel !
Endlich
ist die nötige Ruhe in dem wüsten Packen um mich herum, so daß ich
Ihnen schreiben kann. In der ganzen Zeit ging es nicht immer glatt zu;
ganz im Gegenteil. Doch darüber Schweigen. Ich will nur versuchen,
ebenda anzuknüpfen, wo wir mit der Musik aufhörten. Inzwischen kam ein
Brief vom Freitag morgen von Ihnen an. Über das, was als Elend über
mich kam, schweige ich, über die Maskensache auch. Die trieb mich ja
aus der Welt des Gewöhnlichen auf das Suchen nach Menschen. "Wollen"
findet man selten, aber Sehnsucht nach Menschwerdung viel; selten
bewußt; - aber sofort klar, wenn das Geschöpf seine eigentliche
"Menschenstimme" hört. So weit reicht meine Geduld, so lange das Gemüt
vorhanden oder hörbar ist. Lahm war in einem noch ärgeren Zustand vor 5
Jahren - nur noch Holz, nicht Stein wie dieser Herr, der uns Jahrzehnte
in der Tasche trägt, bis er endlich frägt. Was Sie mir, liebes Herze
raten, rieten mir schon Viele. Mein Schicksal will es anders. Was ich
an ihm erlebte, war einzig und darum lebt er in mir
weiter. Ob ich in ihm ? Ist mehr als fraglich. - Nun aber zu Ihrem
letzten Schaffen; das war mir wichtiger denn alles. Ob Sie so weiter
finden ? Ich hoffe es. Was zu befürchten ist bei diesem Weg, das ist
das Fehlen der "Bestimmung". Stimme war da - an allen Enden -
"Stimmung" so krystallisierend, wie noch nie, - aber Bestimmung
zum Lebensspenden durch die Stimme - nicht. Bei Ihrer Jugend scheint es
Ihnen gewiß überflüssig. Wohl - wenn Sie nur dem Gesang leben
könnten. Da Ihr Leben aber auch Pflicht und Arbeit ist, dürfen Sie als
Stimmbeseelte, diese "Seele der Stimme" nicht nur allein für das
Schaffen im Gesang besitzen, sondern sie Ihrem täglichen Leben
einverleiben. Siehe Atmen - Denken - Reden - Essen - Schlafen.
Dies leben darf nicht nur wie beim Gesang, durch die Musik, den Text da
sein oder wach werden, sondern, das muß Sie als Quelle in jeder Minute
durchrieseln. - Ob Sie es spüren, daß "es" eben auch durch die Zeilen
über das Papier rieselt ? Es ist total frisch und belebt michso,
daß ich hoffe, reisen zu können. Meiner lieben Hedwig geht es gut; sie
lebt es mir vor. Falls wir die gedachte Fahrt unternehmen sollten,
sehen wir Sie ja wieder. inzwischen wünsche ich mit vielen Grüßen von
Fräulein Andersen und mir Ihnen und Ihrer Freundin Gutes !
Ihre Clara Schlaffhorst
Seefeld, den 3. November 1942
Liebes Fräulein Goebel !
So
allmählich findet sich eins nach dem Andern wieder - auch das
Schreiben. Es gab Zeiten, wo das Schreiben mir schwer wurde. Und so
möchte ich Ihnen gerne einen ordentlichen Brief schreiben; doch es
kommt meistens Störung. Dank vorerst für Ihre Glückwünsche. der Tag
selbst war eine 0 - ich lag da. Das war sehr nötig, denn alles, was
seit März vor sich gegangen, war nervendurchtränkt; weil die
eigentliche Kraft einfach nicht mit tat. Von dem Glühwürmchen erlosch
täglich ein neues Flämmchen; ich spürte es ganz genau. - Was nun folgen
würde, war mir neu. Und ist es bis auf den heutigen Tag. Sie wünschen
mir Geduld mit Euren Umwegen. Die fehlt mir nicht; da ich sie selbst
getan, macht es mir direkt vergnügen, im Stillen weiter zu gehen. Aber
natürlich nur in der Hoffnung, daß der Krengel einmal, nein tausendmal
sich im Kreis dreht, bis die Spirale in jede Faser der Seele, nicht des
Leibes eingespurt ist. Das wünsche ich nicht allein für jeden von Euch
persönlich, sondern ich wünsche es für das "Werk an sich", damit es
leuchtet für alle, die nachfolgen werden. - Noch einmal danke Ihnen für
Ihre Hilfe beim Chor. Ob Sie ahnten, wie nötig die war. Ohne Sie wäre
der Zusammenbruch früher gekommen. - Ich habe noch sehr gut arbeiten
können mit denen, die blieben. - Die Fliegen machen mich rasend,
schreibe ander mal weiter. Alles Gute wünsche ich Ihnen für Ihre
Arbeit. Einliegend die Quittungen. Es grüßen Sie herzlich
Ihre Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.
Seefeld, den 17.11.1942
Mein liebes Fräulein Goebel !
nun
muß ich Ihnen endlich schreiben, die Pflicht gebietet's; so lange ich
nur wollte, konnte sich keine Zeit finden, die mir lange genug Ruhe
gab. Also zuerst will die Pflicht an's Wort. Frl. (unleserlich) reist
morgen früh ab, ich gab ihr eben noch eine halbe Stunde. Eigentlich
hätte es täglich sein müssen. Doch ist es für mich jetzt Gebot, weniger
Stunden zu geben, besonders da 3 schwere Fälle hier sind, die mich so
in Anspruch nehmen, daß andere verzichten müssen. Nur der kranken
Stimmen konnte ich mich annehmen. Eine halbe Woche nahm mich noch
Berlin in Anspruch durch den Zahnarzt, der gestern noch einmal zu
meiner Freundin kam; die ist nun auch fertig. -
Also
Frl. D. ist so weit, daß sie heute, allerdings nicht von sich aus, bis
zur 3ten Sept. auf chromatischem Wege zum Weiterschwingen kam. Im
Hintergrunde liegt aber noch große Stimmschwäche, die nicht von der
Stimme herrührt, sondern vom Charakter. Sie ist noch jung und hat noch
nicht ihren Kern im Glauben gefunden. Mündlich könnte ich Ihnen noch
mehr sagen. Es wird ihr bisher noch nichts von innen hinzuwachsen. Sie
braucht Anleitung und zwar nicht von den Sinnen her (musikalisch
allein), sondern ein Eingehen auf ihr "Ich", das wie bei allen, auch
bei ihr beschränkt ist. Von Natur kaum eine Spur; höchstens Sehnsucht,
aber keine Ahnung. Der Weg für sie ist von mir aus ihr geraten;
ausgehend von den Vollklingern, hinüberleitend nach Worten, z.B.: m l n
- nichts - nimmer - immer - Flimmer - Schimmer etc. - Da fand sie für
winziges "ich" ihre Menschenstimme ohne Heiserkeit. Sie kommt gleich zu
Ihnen und setzt Hoffnung auf Ihre Weiterarbeit. Ich wünsche Ihnen Mut
und Geduld dazu.
Doch nun endlich
zu Ihnen; erstens Ihr Kommen. Fr. Dr. Noack schrieb ich schon, daß wir
beide Sie Beide gerne am 3ten Januar nehmen wollen. Die andern fangen
später an; sie schrieb so, wenn Sie schon am 2ten
kommen wollen, ist es uns auch recht so. Nur bitte Nachricht. Nun
beantworte ich Ihren Brief. Fliegen sind erledigt - Herbst ist noch da,
beinahe April. Der Herbst war auch hier berauschend. Ich habe ihn in
meinem Glasparadies mit vollen Zügen genossen. Und Sie sparen Briketts
! Wie schön !! Eine Frage tun Sie, die ich unbedingt beantworten muß.
In diesem Fall steht hinter der Stimmkraft so wenig, vorläufig nichts,
daß man eben durchaus nicht dazu raten darf, sich darauf einen Beruf zu
gründen. Diejenige Stimme, die dazu befähigen würde, muß ohne Fehler
von Natur aus da sein und der Mensch, der sie besitzt, muß durch sie wach werden können. Das, was hinter der Stimme steht, fehlt hier bei Frl. D. total. -
Nun weiter zu Ihren
Leistungen. Es ist doch ein Verhängnis, daß zur Zeit die Menschen, die
befähigt sind, so über Gebühr angestrengt werden müssen. Wenn zwei Kräfte da sind, so muß doch eine Einzige
dahinter stehen, aus welcher die beiden stammen. Wenn die Seelenkraft
dem "Menschen" angehört, hat sie nicht die Dauer des Aushaltens, die
sie in so schweren Fällen nötig braucht; die aushalten kann, hat ihren
Ursprung in Gottnatur und überpersönlichem Geist, aus dem die
wurzelechte Sprache quillt: der Funke überpersönlichen Lebens kann da
nur zünden; doch nie, wenn er einen trägen Teig vor sich hat. Wenn man,
wie Sie schreiben, auf sie (besser auf ihn - den Teig -) "eingehen"
kann, läßt man sie doch nicht so, wie sie sind - sondern man donnert
sie an -; damit geht aber Ihre Stimme verloren; das dürfen Sie mir nie
antun, denn wem gegenüber haben Sie die größere Verantwortung -
Fräulein Bostedt oder mir ? -
Erstere
tut nix für die Ausgrabung Ihrer Gemütsseele durch die Stimme. Also
können Sie nur durch unerbittliche Strenge über die Masse herrschen.
Und diesen Erziehungsfaktor können Sie sich auch wieder nur selbst
erarbeiten aus dem Phlegma - im Tat- und Bewegungs-Naturell jeglichen
Tuns; auch in den Stimmbandspannungen. -
Dauernd
Störungen; es ist zum Verzweifeln. Doch noch ein Wort über Frl. Dr. Ich
mußte noch ein ernstes Wort mit ihr reden. Ihre Examens-Arbeit sollte
heißen "Atmung und Stimme". Das Kälbchen - Es kam dann aber ein
Gefühlsüberschuß heraus, der zu Hoffnung berechtigt, wenn es gelingt,
den Überschuß in's Gemüt zu verlegen. Die Erziehung des Menschen ist ja
tausendmal schwieriger, als die Herstellung der Stimme, Eins ohne das
Andere unmöglich. -
Nun aber zum
Schluß. Kurz vor dem Abendessen. Inzwischen waren unerhörte
Sprechstunden. Menschen alle mit Piepvogel-Gehirnen und großer
Anmaßung. Die erst klein zu kriegen ist ein Kunststück. - Ach, mein
Herz ist voll Hoffnung. mein kranker Ton "d" scheint zu gesunden !
Ihnen viel Herzliches und alles Gute für ihre drittes Kinde, das Ihnen
eines Tages, oder in einem Augenblick geschenkt wird ! Lassen Sie die
schwere Arbeit an sich herankommen. Behalten - Sie Ihre Stimme für sich
und damit Ihre Ruhe. Die Feder fliegt, ich flöge gerne mit und sänge
Ihnen, lieber ohne Worte - nur Musik !! - Gott segne Sie mit viel
Geduld und Mut zum leben, auch in Ihnen selbst.
Immer in Liebe bis auf ein gesundes Wiedersehen !
Ihre Clara Schlaffhorst
Fräulein Andersen ruft Ihnen Grüße zu.
Seefeld, den 6. Dezember 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Beginne
nach dem Lesen Ihres gestern empfangenen Briefes sofort mit einer
Antwort. Warum ? Weil Sie die brennendste Not des Seins oder Nichtseins
in der Welt und besonders in der heutigen berühren. Das regt mich an,
Ihnen ein Sonntagsstündchen zu widmen. Wir kommen als
doppelgeschlechtlicher erzeugter Sprößling zur Welt. Wer hat je dem
Rechnung getragen, daß dieses in uns, indem es weiterlebt, (in der
Kindheit teils als Art, teils als Unart sich austobt) auch sein Recht
nach Erziehung - Richtung, maß, Führung, Form und Inhalt in sich
verborgen hält und sich nur dem offenbart, was namenlos,
wortlos, sinnvoll, edel und gut ihm nahe tritt. Da ist die Atmung
sowohl, als das Wort und im höchsten Sinn die Musik das Einzige, was
zur Ab-, Aus- und Loslösung führt. Sogar ohne, daß vom Lehrer durch
Lockerungen (das Schlimmste) daran gerührt wird ! Es muß zu dem
chaotischen Wirrwarr, der im Dunkeln gärt, im Trüben fischt oder gar in
Wellen kocht, nur das rhythmisch-musische Gesetz treten. Natürlich
gepaart mit unendlichem Feingefühl und mit engelhafter Geduld des
Menschen, der es als sein eigenes Leben auf dem Herzen trägt, löst sich
die Ballung, schwingt die Wallung in höheren Welten, schließlich in dem
Teil, der gewissermaßen dazu vom Schöpfer gegeben, dazu da ist,
um das heiße Glühen zum "Wurm" in der Stimme zu fügen ! Oh, könnte ich
reden ohne Papier und Tinte, oder singen, wie es sein müßte, um der
glühenden Seele ihre nötige Kühle zu geben ! - Die armen
Seelenwaisenkinder, die bereits im ersten Erwachen schon zu Grunde
gehen müssen - kaum geboren, schon verloren, verwaist, verwundet, zu
müde zum Leben und zu tot, um sterben zu können. Wenn ich denke, welche
hohe Gottesgabe es ist, in seiner frühesten Jugend durch musikalische
Instinkte, musische Triebe, menschliche christliche Liebe in das
Fahrwasser hinein zu finden, das uns nährt, währt und wächst zum
heiligen Strom, in dessen Wellen man auf- und nieder tauchen kann ! O
Aline - du Gottes Kind - hast so gesungen, ohne auch nur zu ahnen,
welche Welt dich in ihren Schoß nahm und dich dem Himmel nah bleiben
hieß. Dieses Leben, das ich vom 16. Tag meines Lebens einsog mit allen
Poren des Seins - war der Stern, der mir schien, das Fernere leuchtete
mir in meiner Freundin und das geistige Ziel in meinem lieben und
verehrten Professor Hey. Letzteres ist auf dem Wege, sich zu runden.
Endlich habe ich oder hat "es" sich dahin gefunden, daß aus der
Vielheit eine Einheit sich heraus krystallisiert. Ich habe bereits zwei
Sonnabende meinen hiesigen Mitarbeiterinnen so geben können, daß keine
Not, keine Qual mich an dem Schaffen hinderte.
Wolle
der Himmel mir weiterhelfen; eine treue Begleiterin hilft mir zu immer
neuen Erkenntnissen über das was formt und das, was zerstört.
Nachschrift: Und nun gestern Sie selbst ! 06.04.1943
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