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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

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Hustedt, 9. März 1942

Liebes Fräulein Goebel !

Wie oft habe ich einen Brief - der nächstens kommen sollte - erwartet; und noch öfters wollte ich mahnen wegen des Zettels. Es unterblieb alles. Ihr letzter Brief war vom 24.1. Sie freuen sich, daß der Sohn von Frau Arnim gerettet ist; noch liegt er in wechselndem Fieber. Das Fleckfieber ist weg, dafür hat sich eine Thrombose eingestellt. Die liebe Mutter sammelt hier Kraft auf Kraft zum Aushalten für seine Zukunft und lernt, als Mensch ungeheuer viel zu seiner Behandlung. Von hier aus wird schon manches bewirkt. Wie mag es Ihnen in diesem harten Winter ergangen sein ? Jetzt liegt wohl eine heiße Arbeitszeit vor Ihnen ! Und doch ist das Arbeiten, das auch hier um mich herum und am meisten in mir drinnen vor sich geht, das Schönste im Leben. Die Tiefe der Empfindungen im Atem- und Stimmleben war nur ahnender Weise in mir. An Beweisen lag es mir garnicht, es genügte nur die Ahnung; sie war das heiligste Feuer und jetzt merke ich erst, daß es verzehrend wirkt, wenn es keinen Ausweg findet.

den 10ten.

In einer total anderen Stimmung setze ich mich leider eben hier hin. Den Brief wird wohl Ilse Krüger mitnehmen, wenn es so weiter geht. Vielleicht knüpfe ich aber doch hier an Ihren Brief an, in dem Sie glauben, mich durch einen Ausspruch vom "nicht heilig sein im Leben" verstanden zu haben. Ich habe es in einem anderen Sinn gesprochen, natürlich auch gedacht: Mehr ganz Sie selbst sein, zu innerst verbunden als Gottnatur. Oder noch einfacher gedacht mit Klopstocks Worten: "Daß nur Menschen wir sind, das beuge das Haupt uns; doch daß 'Menschen' wir sind, das hebe es freudig empor." Also von mir aus ohne Anspielung auf Allgemeines. Ich denke, Sie kennen mich zur Genüge und besonders in meiner Arbeit, wie sehr ich alles Unechte hasse und nur das Eine, was Not tut, gelten lasse. Darum macht jedes Scheinwesen auf mich persönlich keinen Eindruck. Ich liebe sogar, wo es hingehört, das menschlich allzu Menschliche, weil ich darin Arbeitsmöglichkeiten sehe. Nach meinen lebenslangen Erfahrungen fällt der Schein immer mehr ab in dem Maße, als sich das Sein zu entwickeln beginnt. Oft dauert es lange, aber geduldig ausharren habe ich lernen müssen, sonst hätte ich noch weniger erreichen können. Der Standpunkt des nur nackten Menschen ist auch unerträglich, besonders da, wo er doppelt zu sehen ist. - Viel Freude an der Arbeit hat nach wieder neu aufgetauchten Erkenntnissen eingesetzt. Fräulein Fleck gehört seit Januar den Ausbildungsschülern an, geht stimmlich gut voran und macht Freude. Die Kälte, von der Sie schreiben, haben auch wir hier gehabt; es war oft hart. In Gedanken an unsere tapferen Kriegsleute hat man's ertragen können. Nun scheint's Frühling werden zu wollen. Was dieses Jahr noch alles bringen wird, ist nicht abzusehen ! Neulich war der Landesleiter aus Lüneburg hier und prüfte den Nachwuchs der musikalischen, besonders gesanglichen Kräfte. Es gelang gut und gefiel auch. Für die nächste Musikalische Aufführung sind sie vorgemerkt. Das gab Stimmung. So bringt jeder Tag, besonders der Mittwoch und Sonnabend Fortschritte. Den 13. werde ich nun endlich Schluß machen, denn Ilse Krüger fährt erst Montag früh - vielleicht auch dann noch nicht. Mit herzlichen Grüßen auch von Fräulein Andersen

Ihre Clara Schlaffhorst



Hustedt, den 23. März 1942

Liebes Fräulein Goebel !

Als Drittes kommt nun noch ein kurzer Briefgruß und Dank für Ihre Nachricht, die Fräulein Stampa noch ergänzt hat. So bin ich und Fräulein Andersen mit mir, nun ganz im Bilde. Es wäre natürlich das Günstigste für Sie, wenn Sie Arbeiten, die unter Ihrer Ebene stehen, an Andere abgeben und Sie lieber da arbeiten können, wo Sie und Ihre Berufung stehen. Am meisten kränkt es mich in Ihrer Seele, wenn Sie im Singen sich selbst und Andere nicht hören können. Das muß mit der Zeit anders werden. Und so wäre es eine glückliche Lösung, wenn Sie auch mit Anderen nicht nur atmender Weise, sondern vor Allem nach stimmgesetzlicher Richtung arbeiten müßten. Nämlich da sind Sie im Irrtum, daß schönes Stimmaterial von selbst den Weg findet.. Im Gegenteil, da ist's am Wichtigsten zur Kunst des Atmens geführt zu werden. Sie selbst brauchen  dazu wenig tun; die Sänger umsomehr. Er ist der faulste Menschentyp auf der Welt. Das müssen sie erst einsehen; sonst hält das bißchen Atmen nicht lange vor. Das jugendliche Element verbirgt Vieles an Festem. Aber wehe - wehe ! Also ich wünsche Ihnen ein Weiter auf Ihrer Bahn, die für Sie allein schwer zu erkennen ist. - Nun, wir sehen uns wieder in nicht zu langer Zeit. Alles anderes interessierte mich sehr. Ihr Bruder - Ihre Freundin ! Allen wünscht man ein gutes Hindurch !!! - Mit vielen guten Grüßen von uns beiden lege ich Ihnen den Chor an's Herz ! Ob er steigt, weiß der Himmel allein - Uns steht viel bevor. - Zettel sind besorgt, März/April.



Hustedt, 20. April 1942

Mein liebes Fräulein Goebel !

Unter Donner und Blitz setze ich mich nieder, um Ihnen zu danken für Ihre Nachrichten. Es freut mich riesig, aus Ihrer Kampfansage die Kraft zu spüren, die ich hier in Ihren Leistungen zu hören bekam. Ich lebe noch sehr mit Ihnen und nicht nur am Tag, sondern auch bei Nacht. Wenn einer sich freuet, daß Sie versuchen, sich Ihren eigentlichen Beruf zu erkämpfen, dann bin ich es. Bei uns hört es auch noch nicht auf. Die Wenigsten wissen, um was es für mich persönlich geht. Wenn ich, wie es gerade im heutigen Parteistaat betont wird, "ein Jeder solle den Platz für seine Arbeit dort finden, wo er hingehört". Und wie steht es damit im wirklichen Leben ? Gerade das Gegenteil versucht man durchzudrücken. Unglaublich für den, der es an sich selbst erleben muß. Wir haben heutzutage genug an solchen, denen irgend ein Platz zugewiesen wird, wo er nicht weiß, wie er es anfangen soll ! Wenn je, dann ist es heute wichtig, daß die Jugend gut geführt wird. Na ich hoffe nur, es gelingt Ihnen. Zeugt doch Ihre Energie dafür, daß Sie aufgewacht und wissender darüber geworden sind, sich nicht zu opfern, sondern mit vollen Händen hinzugeben aus dem Schatz, der Ihnen vom Schöpfer gegeben wurde, zum Zeichen davon, daß Sein Odem das aufbauen wird, was Er als Keim in Sie gelegt hat. Mitten aus den Stunden wie diesen.

Gruß an Sie von Ihrer Clara Schlaffhorst.



Hustedt, den 3. Mai 1942

Liebes Fräulein Goebel !

Zu der Wendung Ihres Geschickes kann ich Ihnen nur Glück wünschen und zwar tue ich dies von Herzen. Die letzte Studienzeit hat Ihre Bewußtseinskraft wachgerufen ! Solche Zeiten sind heutzutage nötiger, denn Brot und Wasser. Die Menschheit schreit mehr denn je darnach. Wer es hört, der kann nicht anders, als ihnen ihren Hunger zu stillen, wenn er ihnen den Schrei zu bringen imstande ist. Der allein, nachdem er die Seligkeit erlebt hat, kann die Menschheit erquicken. Er rettet sie aus dem Wirrsal des Irrens in Chaos und Dunkelheit, und zeigt ihnen den Weg zum Licht und zur Freiheit. Gottes Segen zu Ihrem Antrieb !

Daß Sie nun auch gerade den Begleiter gefunden haben und den Herrn Dr. Merkel, der ein solcher Mann ist, sich für die Arbeit einzusetzen, das sind Zeichen, daß es an der Zeit ist, dem Ruf zu folgen. Herr Professor Volkmann hat, als unser Dirigent, den Beginn der Chorzeit erlebt. Es war eine Freude, mit ihm zu musizieren. Ob die Reihenfolge der Lieder gut gewählt ist, muß noch bedacht werden. Jedenfalls ist die Wahl durch die intime Arbeit der Stimme, nur für geschultes Publikum; besonders die erste Gruppe. - Gut ist daran, daß es noch Zeit hat, da kann inzwischen noch viel reifen. Der Sommer kommt ja erst. -

Hier geschieht auch Manches; besonders bemerkbar noch immer in mir. Wenn das bei Allen so gehen wird, so sieht es zukunftsfroh aus ! Fräulein Andersen ist auch wieder flott ! Und so jubelt jeder über sein Werden ! Meine Freundin schreibt durch mich und sendet Grüße viele - viele. Von mir auch Grüße an Alle und Ihnen besonders herzliche Ihre

Clara Schlaffhorst.


Hustedt, den 14. Mai 1942

Liebes Fräulein Goebel !

Dank für guten Brief; die Tage eilen, ich muß Sie heute nur kurz fragen, wann Sie noch einmal nach Hustedt zu kommen gedenken, Sie mit Frau Dr. Noack ? - Denn wir haben nur wenig Plätze, die ich bald festlegen muß, daher die Frage und Bitte, Frau Dr. Noack in Kenntnis zu setzen. Ihrem Singen wegen in Jena möchte ich Sie doch noch fördern; besonders, da Sie sich betreffs Stimme selbst gefunden haben, muß ein anderer Weg gegangen werden. Bitte, wenden Sie sich an mich, weil es nur uns angeht. Hoffentlich klappt alles, und wir können gut weiter kommen. Es braucht noch nicht der bestimmte Termin zu sein; nicht der Tag, aber doch ungefähr, ob Anfang Juli oder Ende - oder gar August ? So wünschen wir uns Allen ein schönes Weiterarbeiten noch hier. Herzliche Grüße von

Ihrer H.A.



Hustedt, den 23. August 1942

Mein liebes Fräulein Goebel !

Endlich ist die nötige Ruhe in dem wüsten Packen um mich herum, so daß ich Ihnen schreiben kann. In der ganzen Zeit ging es nicht immer glatt zu; ganz im Gegenteil. Doch darüber Schweigen. Ich will nur versuchen, ebenda anzuknüpfen, wo wir mit der Musik aufhörten. Inzwischen kam ein Brief vom Freitag morgen von Ihnen an. Über das, was als Elend über mich kam, schweige ich, über die Maskensache auch. Die trieb mich ja aus der Welt des Gewöhnlichen auf das Suchen nach Menschen. "Wollen" findet man selten, aber Sehnsucht nach Menschwerdung viel; selten bewußt; - aber sofort klar, wenn das Geschöpf seine eigentliche "Menschenstimme" hört. So weit reicht meine Geduld, so lange das Gemüt vorhanden oder hörbar ist. Lahm war in einem noch ärgeren Zustand vor 5 Jahren - nur noch Holz, nicht Stein wie dieser Herr, der uns Jahrzehnte in der Tasche trägt, bis er endlich frägt. Was Sie mir, liebes Herze raten, rieten mir schon Viele. Mein Schicksal will es anders. Was ich an ihm erlebte, war einzig und darum lebt er in mir weiter. Ob ich in ihm ? Ist mehr als fraglich. - Nun aber zu Ihrem letzten Schaffen; das war mir wichtiger denn alles. Ob Sie so weiter finden ? Ich hoffe es. Was zu befürchten ist bei diesem Weg, das ist das Fehlen der "Bestimmung". Stimme war da - an allen Enden - "Stimmung" so krystallisierend, wie noch nie, - aber Bestimmung zum Lebensspenden durch die Stimme - nicht. Bei Ihrer Jugend scheint es Ihnen gewiß überflüssig. Wohl - wenn Sie nur dem Gesang leben könnten. Da Ihr Leben aber auch Pflicht und Arbeit ist, dürfen Sie als Stimmbeseelte, diese "Seele der Stimme" nicht nur allein für das Schaffen im Gesang besitzen, sondern sie Ihrem täglichen Leben einverleiben. Siehe Atmen - Denken - Reden - Essen - Schlafen. Dies leben darf nicht nur wie beim Gesang, durch die Musik, den Text da sein oder wach werden, sondern, das muß Sie als Quelle in jeder Minute durchrieseln. - Ob Sie es spüren, daß "es" eben auch durch die Zeilen über das Papier rieselt ? Es ist total frisch und belebt michso, daß ich hoffe, reisen zu können. Meiner lieben Hedwig geht es gut; sie lebt es mir vor. Falls wir die gedachte Fahrt unternehmen sollten, sehen wir Sie ja wieder. inzwischen wünsche ich mit vielen Grüßen von Fräulein Andersen und mir Ihnen und Ihrer Freundin Gutes !

Ihre Clara Schlaffhorst



Seefeld, den 3. November 1942

Liebes Fräulein Goebel !

So allmählich findet sich eins nach dem Andern wieder - auch das Schreiben. Es gab Zeiten, wo das Schreiben mir schwer wurde. Und so möchte ich Ihnen gerne einen ordentlichen Brief schreiben; doch es kommt meistens Störung. Dank vorerst für Ihre Glückwünsche. der Tag selbst war eine 0 - ich lag da. Das war sehr nötig, denn alles, was seit März vor sich gegangen, war nervendurchtränkt; weil die eigentliche Kraft einfach nicht mit tat. Von dem Glühwürmchen erlosch täglich ein neues Flämmchen; ich spürte es ganz genau. - Was nun folgen würde, war mir neu. Und ist es bis auf den heutigen Tag. Sie wünschen mir Geduld mit Euren Umwegen. Die fehlt mir nicht; da ich sie selbst getan, macht es mir direkt vergnügen, im Stillen weiter zu gehen. Aber natürlich nur in der Hoffnung, daß der Krengel einmal, nein tausendmal sich im Kreis dreht, bis die Spirale in jede Faser der Seele, nicht des Leibes eingespurt ist. Das wünsche ich nicht allein für jeden von Euch persönlich, sondern ich wünsche es für das "Werk an sich", damit es leuchtet für alle, die nachfolgen werden. - Noch einmal danke Ihnen für Ihre Hilfe beim Chor. Ob Sie ahnten, wie nötig die war. Ohne Sie wäre der Zusammenbruch früher gekommen. - Ich habe noch sehr gut arbeiten können mit denen, die blieben. - Die Fliegen machen mich rasend, schreibe ander mal weiter. Alles Gute wünsche ich Ihnen für Ihre Arbeit. Einliegend die Quittungen. Es grüßen Sie herzlich

Ihre Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.



Seefeld, den 17.11.1942

Mein liebes Fräulein Goebel !

nun muß ich Ihnen endlich schreiben, die Pflicht gebietet's; so lange ich nur wollte, konnte sich keine Zeit finden, die mir lange genug Ruhe gab. Also zuerst will die Pflicht an's Wort. Frl. (unleserlich) reist morgen früh ab, ich gab ihr eben noch eine halbe Stunde. Eigentlich hätte es täglich sein müssen. Doch ist es für mich jetzt Gebot, weniger Stunden zu geben, besonders da 3 schwere Fälle hier sind, die mich so in Anspruch nehmen, daß andere verzichten müssen. Nur der kranken Stimmen konnte ich mich annehmen. Eine halbe Woche nahm mich noch Berlin in Anspruch durch den Zahnarzt, der gestern noch einmal zu meiner Freundin kam; die ist nun auch fertig. -

Also Frl. D. ist so weit, daß sie heute, allerdings nicht von sich aus, bis zur 3ten Sept. auf chromatischem Wege zum Weiterschwingen kam. Im Hintergrunde liegt aber noch große Stimmschwäche, die nicht von der Stimme herrührt, sondern vom Charakter. Sie ist noch jung und hat noch nicht ihren Kern im Glauben gefunden. Mündlich könnte ich Ihnen noch mehr sagen. Es wird ihr bisher noch nichts von innen hinzuwachsen. Sie braucht Anleitung und zwar nicht von den Sinnen her (musikalisch allein), sondern ein Eingehen auf ihr "Ich", das wie bei allen, auch bei ihr beschränkt ist. Von Natur kaum eine Spur; höchstens Sehnsucht, aber keine Ahnung. Der Weg für sie ist von mir aus ihr geraten; ausgehend von den Vollklingern, hinüberleitend nach Worten, z.B.: m l n - nichts - nimmer - immer - Flimmer - Schimmer etc. - Da fand sie für winziges "ich" ihre Menschenstimme ohne Heiserkeit. Sie kommt gleich zu Ihnen und setzt Hoffnung auf Ihre Weiterarbeit. Ich wünsche Ihnen Mut und Geduld dazu.

Doch nun endlich zu Ihnen; erstens Ihr Kommen. Fr. Dr. Noack schrieb ich schon, daß wir beide Sie Beide gerne am 3ten Januar nehmen wollen. Die andern fangen später an; sie schrieb so, wenn Sie schon am 2ten kommen wollen, ist es uns auch recht so. Nur bitte Nachricht. Nun beantworte ich Ihren Brief. Fliegen sind erledigt - Herbst ist noch da, beinahe April. Der Herbst war auch hier berauschend. Ich habe ihn in meinem Glasparadies mit vollen Zügen genossen. Und Sie sparen Briketts ! Wie schön !! Eine Frage tun Sie, die ich unbedingt beantworten muß. In diesem Fall steht hinter der Stimmkraft so wenig, vorläufig nichts, daß man eben durchaus nicht dazu raten darf, sich darauf einen Beruf zu gründen. Diejenige Stimme, die dazu befähigen würde, muß ohne Fehler von Natur aus da sein und der Mensch, der sie besitzt, muß durch sie wach werden können. Das, was hinter der Stimme steht, fehlt hier bei Frl. D. total. -

Nun weiter zu Ihren Leistungen. Es ist doch ein Verhängnis, daß zur Zeit die Menschen, die befähigt sind, so über Gebühr angestrengt werden müssen. Wenn zwei Kräfte da sind, so muß doch eine Einzige dahinter stehen, aus welcher die beiden stammen. Wenn die Seelenkraft dem "Menschen" angehört, hat sie nicht die Dauer des Aushaltens, die sie in so schweren Fällen nötig braucht; die aushalten kann, hat ihren Ursprung in Gottnatur und überpersönlichem Geist, aus dem die wurzelechte Sprache quillt: der Funke überpersönlichen Lebens kann da nur zünden; doch nie, wenn er einen trägen Teig vor sich hat. Wenn man, wie Sie schreiben, auf sie (besser auf ihn - den Teig -) "eingehen" kann, läßt man sie doch nicht so, wie sie sind - sondern man donnert sie an -; damit geht aber Ihre Stimme verloren; das dürfen Sie mir nie antun, denn wem gegenüber haben Sie die größere Verantwortung - Fräulein Bostedt oder mir ? -

Erstere tut nix für die Ausgrabung Ihrer Gemütsseele durch die Stimme. Also können Sie nur durch unerbittliche Strenge über die Masse herrschen. Und diesen Erziehungsfaktor können Sie sich auch wieder nur selbst erarbeiten aus dem Phlegma - im Tat- und Bewegungs-Naturell jeglichen Tuns; auch in den Stimmbandspannungen. -

Dauernd Störungen; es ist zum Verzweifeln. Doch noch ein Wort über Frl. Dr. Ich mußte noch ein ernstes Wort mit ihr reden. Ihre Examens-Arbeit sollte heißen "Atmung und Stimme". Das Kälbchen - Es kam dann aber ein Gefühlsüberschuß heraus, der zu Hoffnung berechtigt, wenn es gelingt, den Überschuß in's Gemüt zu verlegen. Die Erziehung des Menschen ist ja tausendmal schwieriger, als die Herstellung der Stimme, Eins ohne das Andere unmöglich. -

Nun aber zum Schluß. Kurz vor dem Abendessen. Inzwischen waren unerhörte Sprechstunden. Menschen alle mit Piepvogel-Gehirnen und großer Anmaßung. Die erst klein zu kriegen ist ein Kunststück. - Ach, mein Herz ist voll Hoffnung. mein kranker Ton "d" scheint zu gesunden ! Ihnen viel Herzliches und alles Gute für ihre drittes Kinde, das Ihnen eines Tages, oder in einem Augenblick geschenkt wird ! Lassen Sie die schwere Arbeit an sich herankommen. Behalten - Sie Ihre Stimme für sich und damit Ihre Ruhe. Die Feder fliegt, ich flöge gerne mit und sänge Ihnen, lieber ohne Worte - nur Musik !! - Gott segne Sie mit viel Geduld und Mut zum leben, auch in Ihnen selbst.

Immer in Liebe bis auf ein gesundes Wiedersehen !

Ihre Clara Schlaffhorst

Fräulein Andersen ruft Ihnen Grüße zu.



Seefeld, den 6. Dezember 1942

Liebes Fräulein Goebel !

Beginne nach dem Lesen Ihres gestern empfangenen Briefes sofort mit einer Antwort. Warum ? Weil Sie die brennendste Not des Seins oder Nichtseins in der Welt und besonders in der heutigen berühren. Das regt mich an, Ihnen ein Sonntagsstündchen zu widmen. Wir kommen als doppelgeschlechtlicher erzeugter Sprößling zur Welt. Wer hat je dem Rechnung getragen, daß dieses in uns, indem es weiterlebt, (in der Kindheit teils als Art, teils als Unart sich austobt) auch sein Recht nach Erziehung - Richtung, maß, Führung, Form und Inhalt in sich verborgen hält und sich nur dem offenbart, was namenlos, wortlos, sinnvoll, edel und gut ihm nahe tritt. Da ist die Atmung sowohl, als das Wort und im höchsten Sinn die Musik das Einzige, was zur Ab-, Aus- und Loslösung führt. Sogar ohne, daß vom Lehrer durch Lockerungen (das Schlimmste) daran gerührt wird ! Es muß zu dem chaotischen Wirrwarr, der im Dunkeln gärt, im Trüben fischt oder gar in Wellen kocht, nur das rhythmisch-musische Gesetz treten. Natürlich gepaart mit unendlichem Feingefühl und mit engelhafter Geduld des Menschen, der es als sein eigenes Leben auf dem Herzen trägt, löst sich die Ballung, schwingt die Wallung in höheren Welten, schließlich in dem Teil, der gewissermaßen dazu vom Schöpfer gegeben, dazu da ist, um das heiße Glühen zum "Wurm" in der Stimme zu fügen ! Oh, könnte ich reden ohne Papier und Tinte, oder singen, wie es sein müßte, um der glühenden Seele ihre nötige Kühle zu geben ! - Die armen Seelenwaisenkinder, die bereits im ersten Erwachen schon zu Grunde gehen müssen - kaum geboren, schon verloren, verwaist, verwundet, zu müde zum Leben und zu tot, um sterben zu können. Wenn ich denke, welche hohe Gottesgabe es ist, in seiner frühesten Jugend durch musikalische Instinkte, musische Triebe, menschliche christliche Liebe in das Fahrwasser hinein zu finden, das uns nährt, währt und wächst zum heiligen Strom, in dessen Wellen man auf- und nieder tauchen kann ! O Aline - du Gottes Kind - hast so gesungen, ohne auch nur zu ahnen, welche Welt dich in ihren Schoß nahm und dich dem Himmel nah bleiben hieß. Dieses Leben, das ich vom 16. Tag meines Lebens einsog mit allen Poren des Seins - war der Stern, der mir schien, das Fernere leuchtete mir in meiner Freundin und das geistige Ziel in meinem lieben und verehrten Professor Hey. Letzteres ist auf dem Wege, sich zu runden. Endlich habe ich oder hat "es" sich dahin gefunden, daß aus der Vielheit eine Einheit sich heraus krystallisiert. Ich habe bereits zwei Sonnabende meinen hiesigen Mitarbeiterinnen so geben können, daß keine Not, keine Qual mich an dem Schaffen hinderte.

Wolle der Himmel mir weiterhelfen; eine treue Begleiterin hilft mir zu immer neuen Erkenntnissen über das was formt und das, was zerstört.

Nachschrift: Und nun gestern Sie selbst ! 06.04.1943


 

 

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