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Seefeld, 02.02.1943
Mein liebes Fräulein Goebel !
Ein
lieber Schüler brachte mir, als er heute zur ersten Stunde kam, einen
Stoß Briefpapier an; nun kann ich wieder auf anständigem Papier
schreiben. Ihr Brief brachte mir Freudiges, und darum habe ich Kraft,
wie Sie sie von hier mitgenommen - es ist der selbe Ursprung - die
geliebte Natur -, um noch am späten Abend Ihnen zu antworten. In jedem
Wort haben Sie recht. "Wer kann sagen, daß er Möglichkeiten hat,
abzurücken und sich von innen her zu erneuern ?" Und dieses selige
Bewußtsein hört auch in meinen Jahren nicht nur nicht auf, sondern es
steigert sich immer noch, wie ich es eben nach der letzten Stunde
erleben konnte ! Daß nun Sie nicht allein sind, daß auch Fräulein
Bostedt das Erlebte noch "sicher in sich trägt", das giebt mir
ein Doppeltes von Freude und Dank. Wäre der Weg nur erst
"Allgemeingut". Anders wird man uns nicht aufhören zu beneiden. Ich
meine die anderen Völker, die mehr davon ahnen als die Deutschen
selbst, und auf den Deutschen gehofft haben. - Daß Dora Waege nicht zu
Fräulein Krüger kam, hat uns allen Leid getan; und nun bedaure ich es
in Ihrer Seele besonders. Was Sie schreiben ist mir nur allzu
verständlich. Daß es Sie zwickt und zwackt verstehe ich ganz.
War doch gerade das nirgends finden, was als Ideal in mir lebte, der
Hauptgrund allen Forschens. Wie litten meine Freundin und ich unter dem
verkehrten Singen, selbst bei großen: Wüllner, Lilli Lehmann, Frau
Joachim, Meschart und Andere; - selbst bei Fräulein Friede ! Wenn ich
sie begleitete, habe ich sie stets gelenkt, natürlich nur rein aus
Liebe und Instinkt. - Morgen sind Sie bei der berühmten (!) Pitzinger -
hoffentlich hören Sie Gutes. Ich wünschte es schon in Ihrem Interesse.
Für ein paar Worte wäre ich dankbar. Lege Ihnen Brief und Umschlag mit
Marke ein. Von Frau Dr. Noack kam auch gute Nachricht, und von uns kann
ich Ihnen auch Gutes berichten. Wie oft denke ich, nun hab ich's
heraus. Und immer noch findet man Leichteres ! So lasse ich es sein,
von mir zu berichten. Die Schüler sind am Sonnabend gut und freuen und
wundern sich über mich gar sehr. Und ich ? Ich bin so nahe dem Ziel,
daß ich mich freue, noch etwas Zukünftiges vor mir zu haben. Mein Gram
über die Menschheit, die nicht aufwacht, wird überstimmt durch Ihre und
andere Nachrichten. - Hoffentlich können Ihre angemeldeten Zeiten sich
verwirklichen. Und dann giebt es ein Wiedersehen. Auch Frau Dr. Noack ?
Meine Freundin übt jetzt oft stundenlang, wie auch eben - und auch so,
wie sich es sich immer gewünscht hat. - Beim Zusammenlegen erkenne ich,
daß ich auf anständigem Papier nicht mehr zu schreiben verstehe. Ich
schicke es trotzdem ab. Sie können den Brief sofort vernichten. Nur
noch herzliche Grüße, auch Fräulein Bostedt und Frau Dr. Noack - Stampa
und wen Sie sonst noch sehen, von
Ihrer oft gestörten Schreiberin Clara Schlaffhorst
Seefeld, den 27.08.1943
Liebes Fräulein Goebel !
Ihr
Brief vom 1. August soll möglichst ungestört heute beantwortet werden.
Ich freue mich herzlich über Ihre Begeisterung für die "so eigenwillige
rhythmisch gegliederte Erde". So sind Sie gerade durch die Steigung
dieser Massen auf hohen Bergen dem Erdinnern näher gekommen. Extreme
berühren sich und diese Berührung ist gerade für Sie und Ihre
Erlebniskraft gut. Der Himmel schickt den Seinen immer das, was ihnen
gut tut - und so konnten Sie nichts besseres Tun, als auf die berge
wandern. Nun sind Sie inzwischen gewiß schon wieder längst im flachen
Lande und die Sehnsucht läßt Ihnen - da kam Störung. Erne sollte Stunde
haben. Kaum fing sie an, kam meine Freundin sie holen. Sie sollte zu
ihr kommen. Nun kann ich mit Ihnen weiter plaudern. - Keine Zeit zum
Ruhen. Daß Ihnen das Alleinsein zu schaffen macht, ist mir sehr
verständlich; daß Sie es schließlich genossen, erfreute mich innigst.
Inzwischen ist hier Hochbetrieb gewesen; nicht allein dadurch daß so
viele da waren, sondern hauptsächlich dadurch, daß es Schauspieler
waren und der eine ein ziemlich umfangreicher Bariton - ein Herr
Professor Hüsch ! Ja, er ist noch da und er ist die Ursache, daß meine
Gedanken viel bei Ihnen sind. O - ist diese Arbeit interessant. Wir
sind immer nur bei Tönen. Heute hat er von sich aus endlich einsehen
gelernt, daß er die gemachte Artikulation - Einstellung des
Mundes - fortlassen muß. Sein Ideal ist absolut richtig; aber seine
Selbstkritik wacht, trotz bewußten Singens, hier erst gründlich auf. Er
lachte heute aus vollem Halse, als er erfuhr, wie ich ihn in und bei
seiner mache ertappte. Wir haben noch eine ganze Woche vor uns. Da wird
noch manches zu Tage treten für ihn. - Daß auch Sie Augenblicke hatten,
wo Sie Menschen Freude machen konnten, freut mich für Sie und die
Menschen. Und wer ahnt, was Sie noch alles erlebt haben und noch werden
! Wo ich diesen Schrieb hinsenden soll, ich weiß es nicht; ich glaube
nach Weimar. -
Inzwischen wieder
Störung - meine Vorgeschrittenen machen mir viel Freude. Man glaubt
kaum, daß es immer noch Wege giebt, die noch dunkler sind als das Leben
selbst. "Unergründlich süße Nacht!" - Morgen wird es gewiß kritisch
werden ! Und Sie sind weit von hier !! Wie weit ?? Wie mag es Frau Dr.
Noack gehen ? Bitte einen Gruß an sie zu bestellen. Erne grüßt Sie und
meine Freundin herzlich.
Immer Ihre oft Ihrer gedenkende Clara Schlaffhorst
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