Logo

 
 

Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

1935  1936  1937  1938  1939  1940  1941  1942  1943  1944  Anhang 

  
 


Seefeld, 02.02.1943

Mein liebes Fräulein Goebel !

Ein lieber Schüler brachte mir, als er heute zur ersten Stunde kam, einen Stoß Briefpapier an; nun kann ich wieder auf anständigem Papier schreiben. Ihr Brief brachte mir Freudiges, und darum habe ich Kraft, wie Sie sie von hier mitgenommen - es ist der selbe Ursprung - die geliebte Natur -, um noch am späten Abend Ihnen zu antworten. In jedem Wort haben Sie recht. "Wer kann sagen, daß er Möglichkeiten hat, abzurücken und sich von innen her zu erneuern ?" Und dieses selige Bewußtsein hört auch in meinen Jahren nicht nur nicht auf, sondern es steigert sich immer noch, wie ich es eben nach der letzten Stunde erleben konnte ! Daß nun Sie nicht allein sind, daß auch Fräulein Bostedt das Erlebte noch "sicher in sich trägt", das giebt mir ein Doppeltes von Freude und Dank. Wäre der Weg nur erst "Allgemeingut". Anders wird man uns nicht aufhören zu beneiden. Ich meine die anderen Völker, die mehr davon ahnen als die Deutschen selbst, und auf den Deutschen gehofft haben. - Daß Dora Waege nicht zu Fräulein Krüger kam, hat uns allen Leid getan; und nun bedaure ich es in Ihrer Seele besonders. Was Sie schreiben ist mir nur allzu verständlich. Daß es Sie zwickt und zwackt verstehe ich ganz. War doch gerade das nirgends finden, was als Ideal in mir lebte, der Hauptgrund allen Forschens. Wie litten meine Freundin und ich unter dem verkehrten Singen, selbst bei großen: Wüllner, Lilli Lehmann, Frau Joachim, Meschart und Andere; - selbst bei Fräulein Friede ! Wenn ich sie begleitete, habe ich sie stets gelenkt, natürlich nur rein aus Liebe und Instinkt. - Morgen sind Sie bei der berühmten (!) Pitzinger - hoffentlich hören Sie Gutes. Ich wünschte es schon in Ihrem Interesse. Für ein paar Worte wäre ich dankbar. Lege Ihnen Brief und Umschlag mit Marke ein. Von Frau Dr. Noack kam auch gute Nachricht, und von uns kann ich Ihnen auch Gutes berichten. Wie oft denke ich, nun hab ich's heraus. Und immer noch findet man Leichteres ! So lasse ich es sein, von mir zu berichten. Die Schüler sind am Sonnabend gut und freuen und wundern sich über mich gar sehr. Und ich ? Ich bin so nahe dem Ziel, daß ich mich freue, noch etwas Zukünftiges vor mir zu haben. Mein Gram über die Menschheit, die nicht aufwacht, wird überstimmt durch Ihre und andere Nachrichten. - Hoffentlich können Ihre angemeldeten Zeiten sich verwirklichen. Und dann giebt es ein Wiedersehen. Auch Frau Dr. Noack ? Meine Freundin übt jetzt oft stundenlang, wie auch eben - und auch so, wie sich es sich immer gewünscht hat. - Beim Zusammenlegen erkenne ich, daß ich auf anständigem Papier nicht mehr zu schreiben verstehe. Ich schicke es trotzdem ab. Sie können den Brief sofort vernichten. Nur noch herzliche Grüße, auch Fräulein Bostedt und Frau Dr. Noack - Stampa und wen Sie sonst noch sehen, von

Ihrer oft gestörten Schreiberin Clara Schlaffhorst



Seefeld, den 27.08.1943

Liebes Fräulein Goebel !

Ihr Brief vom 1. August soll möglichst ungestört heute beantwortet werden. Ich freue mich herzlich über Ihre Begeisterung für die "so eigenwillige rhythmisch gegliederte Erde". So sind Sie gerade durch die Steigung dieser Massen auf hohen Bergen dem Erdinnern näher gekommen. Extreme berühren sich und diese Berührung ist gerade für Sie und Ihre Erlebniskraft gut. Der Himmel schickt den Seinen immer das, was ihnen gut tut - und so konnten Sie nichts besseres Tun, als auf die berge wandern. Nun sind Sie inzwischen gewiß schon wieder längst im flachen Lande und die Sehnsucht läßt Ihnen - da kam Störung. Erne sollte Stunde haben. Kaum fing sie an, kam meine Freundin sie holen. Sie sollte zu ihr kommen. Nun kann ich mit Ihnen weiter plaudern. - Keine Zeit zum Ruhen. Daß Ihnen das Alleinsein zu schaffen macht, ist mir sehr verständlich; daß Sie es schließlich genossen, erfreute mich innigst. Inzwischen ist hier Hochbetrieb gewesen; nicht allein dadurch daß so viele da waren, sondern hauptsächlich dadurch, daß es Schauspieler waren und der eine ein ziemlich umfangreicher Bariton - ein Herr Professor Hüsch ! Ja, er ist noch da und er ist die Ursache, daß meine Gedanken viel bei Ihnen sind. O - ist diese Arbeit interessant. Wir sind immer nur bei Tönen. Heute hat er von sich aus endlich einsehen gelernt, daß er die gemachte Artikulation - Einstellung des Mundes - fortlassen muß. Sein Ideal ist absolut richtig; aber seine Selbstkritik wacht, trotz bewußten Singens, hier erst gründlich auf. Er lachte heute aus vollem Halse, als er erfuhr, wie ich ihn in und bei seiner mache ertappte. Wir haben noch eine ganze Woche vor uns. Da wird noch manches zu Tage treten für ihn. - Daß auch Sie Augenblicke hatten, wo Sie Menschen Freude machen konnten, freut mich für Sie und die Menschen. Und wer ahnt, was Sie noch alles erlebt haben und noch werden ! Wo ich diesen Schrieb hinsenden soll, ich weiß es nicht; ich glaube nach Weimar. -

Inzwischen wieder Störung - meine Vorgeschrittenen machen mir viel Freude. Man glaubt kaum, daß es immer noch Wege giebt, die noch dunkler sind als das Leben selbst. "Unergründlich süße Nacht!" - Morgen wird es gewiß kritisch werden ! Und Sie sind weit von hier !! Wie weit ?? Wie mag es Frau Dr. Noack gehen ? Bitte einen Gruß an sie zu bestellen. Erne grüßt Sie und meine Freundin herzlich.

Immer Ihre oft Ihrer gedenkende Clara Schlaffhorst


 

 

1935  1936  1937  1938  1939  1940  1941  1942  1943  1944  Anhang