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Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

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Seefeld, den 07.01.1944

Mein sehr liebes Fräulein Goebel !

Während ich nach Ihrem lieben Brief mich noch immer weiter beschäftige und mir nur nicht Zeit zu einem zweiten Brief an Sie nehme, kommt plötzlich, unerwartet wieder ein Brief von Ihnen ! Ich danke Ihnen sehr für die treue Fürsorge um mich. Ich war gar nicht so aufgestöbert darüber, daß Sie überhaupt und so viel gesungen haben, sondern daß die Verhältnisse gerade einen Strich durch die Gedanken meinerseits machten; ich hätte Ihnen gerade in jenen Tagen das Alles sagen können, was sich in mir in Vorbereitung zu Ihrem Kommen aufgespeichert hatte. Ich bin durch den heutigen, lieben Brief insofern beruhigt, weil ich nun weiß, daß Sie vorläufig von selbst weiter zu gehen scheinen. Ich bitte Sie nur, falls irgendwann etwas wie eine Stockung eintreten sollte, nicht zu probieren, davon los zu kommen, sondern mir sofort zu schreiben. Mir sind in den Ferien Erkenntnisse aufgegangen, die auch Sie kennen lernen müssen. Natürlich schließt sichdaran in mir eine weitere Folge Erleichterungen mancher Art an, die für mich persönlich ungemein wertvolle Möglichkeiten geben. So kann ich, genau wie Sie auch, nur wünschen, wir begehen ein baldiges Wiedersehen, die dreidimensionale Bewegung (Kugelform) ist im Werden, bei den Schülern und bei mir. O die Ferne !!! Viele Grüße an Sie und die Vielen !!!

Ihre Clara Schlaffhorst



Seefeld, den 23.01.1944

Liebes Fräulein Goebel !

Gegen das Schicksal oder die Fügung kann niemand etwas ! Besonders nichts, der Wille des Menschen. Was nützt das Denken, Fühlen und Wollen! Ich hätte nun stille zu sein, und doch muß ich Ihnen schreiben. Denn Ihr Brief war so voller Tatendrang, daß mir dabei Angst und Bange wurde. Ich fügte mich still und ergeben in den Willen des Schicksals; in Ihnen bäumte sich alles auf und es schrie vernehmlich: Dennoch - Das ist wohl zu verstehen auch noch von mir aus, die ich auf einer total anderen Ebene liebe und lebe. - Ich möchte Sie aber doch gewarnt haben für ähnliche Wiederkehr. Denn das chaotische Durcheinander darf sich nicht oft wiederholen; besonders nicht in immer wechselnder Stimmung. Aus jeder Partie die verschiedensten Stimmungen hergeben zu müssen, hat eine große Gefahr gegenüber der Stimme und ihrer Entwicklung. Letztere ist meiner meinung nach noch wertvoll, und darum bin ich nun doch sehr traurig darüber, daß ich Sie nicht hier haben konnte, um nach dem Rechten zu sehen und zu hören. Der Rausch "an sich selbst" ist zu verstehen, aber nach ihm hätte noch ein erwachen in treuen Händen kommen müssen. Und wären es nur Tage gewesen !!! Nun hätte ich gerne eine Ahnung, wie "es" Ihnen weiter geht ! Damit wäre die Sorge um die Stimme, deren Wohl mir am Herzen liegt, etwas gehoben. Bitte, Grüße zu bestellen, besonders an Ihre Freundin, der ich so bald nicht schreiben werde. Ihnen selbst und Ihrer Umgebung viel Gutes von

Ihrer Clara Schlaffhorst,

die sich Ihnen nicht als genesen vorstellen konnte. Leider - Sie hätten Freude gehabt.



Seefeld, Pfingsten 1944

Mein liebes Fräulein Goebel !

Pfingsten ist! Daher die Ruhe zum Schreiben an Sie, liebes Herze ! Trotzdem ihr Brief leider nichts über Ihr Singen brachte, fühle ich mich Ihnen und Frau Dr. Noack gegenüber verpflichtet, Ihnen von dem zu schreiben, was nach Ihrer Zeit noch alles eingetroffen ist. Gerade, weil das Schicksal Sie vom Singen fern hielt, so ist's innerlich voran gegangen und vielleicht leichter gestimmt, neues aufzunehmen. Ich kann nicht warten, bis wir uns wiedersehen, trotz Ihrer und unserer Sehnsucht. Das Waldhaus soll uns aufnehmen, Holz werden wir, d.h. meine Freundin wohl auch haben zum Pfannkuchen backen ! Aber ob er gegessen wird - wer kann heute schon etwas voraus sagen ? Ich beginne, ehe der Bogen zu Ende geht, mit dem, was sich bei mir einfand. Hier sind die Fortschritte groß - besonders auch in mir selbst, die sowohl singen, als auch gehen kann.

Also erstens: Die drei Septimen gliedern sich als "natürlich - wahr - richtig". Ferner gliedern sie sich in sich selbst als "atmen (ga) - reden (hcd) - singen (ef)". Als Bestimmung - Stimmung - Stimme. Ihre innere Kraft gliedert sich auch in: größeste - mittlere - geringste Kraft. Ferner: bei g a atmend - keine Luft unter der Zunge, bei hcd - beim Reden Luft unter der Zunge, bei ef reine Stimmluft. Wie früher bereits drei Einsätze: ga Windrohr - hcd Kehlrohr - ef Ansatzrohr. Ferner: Bei individueller Einatmung, Ruhe in der Lunge nach der Lufteinströmung:ehe der Stimmton einsetzt, die Luft schnell durch's Stimmband hindurch lassen in den Mund, wo sie sich allmählich entleert; nie die Lunge ! nach dem Einsatz - lieber nach dem Durchlassen der Luft also beim Einsatz selbst, fester Stimmbandschluß - darnach während der Stimmgebung, Zwerchfelltätigkeit so lange der Satz dauert, den man singen muß (in einem Atem).

So nun habe ich es geschafft, vom Herzen hinunter geschrieben. Es bleibt alles auf der Linie des bisherigen Studiums; fördert das Leben, mindert die Arbeit und gab bei mir, weil ich am intensivsten arbeite, ein geradezu Fertiges, mit dem ich erst jetzt wieder etwas schaffen kann. Hoffentlich verstehen, d.h. geht es in Sie, liebe Seele, hinein; und dann kann es auch Ihre Freundin wissen. Den Anderen, Fräulein Schü - möchteich es beibringen. Hier erlebten wir gestern eine Pfingstvorfreude. -

Sie seufzen in Ihrem Brief, für den ich Ihnen danke - "warum muß, nein sind wir so weit fort" - und was tue ich ? Ich stöhne dasselbe - der Himmel gebe Ihnen im Sommer Tourneen, daß Sie zum Singen kommen ! Ich flehe darum und grüße Sie herzlichst aus einem schönen ruhigen Pfingsttage heraus. - Ich ging bis zum Waldhäuschen. Immer

Ihre Clara Schlaffhorst

Fräulein Andersen grüßt.



Seefeld, 31.07.1944

Mein liebes Fräulein Goebel

Ihren Wunsch erfülle ich gern, damit Ihre Sehnsucht gestillt ist !!! Die Meinige wurde bereits von Frau Noack beruhigt. Nämlich darin, daß es Ihnen gut geht. Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß Sie Ihre Kräfte einmal noch einer andern und noch dazu einer, die Sie so noch nie gebrauchen mußten, prüfen dürfen. Das wird Ihnen für spätere Tage von großem Nutzen sein. Der Mensch kann selbst am besten beurteilen, was ihm dient und ihn fördert, als irgend ein anderer. Auch der treueste Lehrer und Freund zugleich ist dem Schüler nie so nah, als er sich selbst. Und hat der Mensch im Schüler erst sich selbst zurecht gefunden, dann hat der Lehrer erst das in in Händen, was er als Werkzeug zu seiner Arbeit braucht. - Ich freue mich und habe das garnicht anders erwartet, daß Sie den tapferen Soldaten das bringen, was sie brauchen: Musik, die ihnen Kraft aus dem Kosmos, dem ewigen Leben zuführt. Daß Sie alle sich so gut verstehen, ist noch ein besonderes Glück. Möge gerade das Ihnen bis zum guten Ende erhalten bleiben ! Das wünsche ich Ihnen, Fräulein Wilmanns, Fräulein Rohwer und den Mitspielenden, die ich nicht kenne. Ob Sie in Bremen ohne Angriff durchkamen ?

Frau Noack ging strahlend fort; sie hat erreicht, was für sie möglich war. Selbst beim Abschiedsingen hielt es stand.Sie kann nun, ihr weiteres Leben damit bereichernd, froh bleiben. Fräulein Bostedt ist ganz und gar mit Leib und Seele dabei und machte dabei große Fortschritte; alles, was sie quälte, hat sich, wie es scheint, zurück entwickelt. Seit Wochen scheint alles in Ordnung. Ob sie sich all das Gute erhalten kann, d.h. so daß es ihr bewußt geworden ist, das muß die Zeit lehren ! Für mich war diese Arbeit eine stete Bestätigung dafür, daß es Krankheit nicht giebt, wenn der betreffende Mensch dazu angehalten wird, die Natur zu erfassen und sie zu belehren.

Doch nun ist's vorbei, die Zeit ist hin mit öfteren Unterbrechungen. leben Sie wohl bis zum Schluß der Vorstellung und "dann und wann" ein kleiner Augenblick Besinnung. - Mit Grüße, auch von meiner Freundin, denken wir öfters Ihrer in Liebe.

Ihre Clara Schlaffhorst



Seefeld, den 19.09.1944

Liebes Fräulein Goebel !

Nun sind Sie längst wieder im Geleise der täglichen Stunden, und die Erinnerung zaubert Ihnen hin und wieder die Fahrterlebnisse herbei. - Daß Sie mit Ihren Mitarbeitern so Schweres erleben mußten, ist für alle Teile zu bedauern. Fräulein Rohwer ist hoffentlich nicht schwer krank geworden !! Bei nächster Gelegenheit höre ich wohl darüber. Eben ist Herr Dobe hier (Herr Dobe bleibt noch länger hier, so sende ich den Brief ab); ich weiß noch nicht wie lange, schreibe diesen Brief aber gleich und gebe ihn Herrn Dobe mit. So ist es mir sicherer, daß er in Ihre Hände kommt. Und ich brauche ihn nicht auf einen Hieb zu schreiben. Es sind wieder neue Klarheiten und Wahrheiten über mich gekommen, die von mir Ruhe verlangten. Da hieß es: stunden aussetzen. Aber nun geht es wieder umso flotter voran. Es freute mich zu lesen, mit welcher Stimmung Sie unterwegs Ihren schönen Plan zu Ende geführt haben. Das war eine rechte Erquickung für ihr Herz. An Frau Dr. Noack habe ich auch oft gedacht. Sie wird viel Aufregung gehabt haben und schwere Nächte. Wenn Sie an sie schreiben, grüßen Sie Ihre Freundin herzlich. Frau Dr. war hier so sehr glücklich, als sie die Freiheit der Stimmgebung empfand. Und dann kam das Nachspiel. Wo mag sie geblieben sein ? Man muß die Schule doch fortgeschickt haben ! Fräulein Wilmanns kommt als Helferin her; da kann sie gut weiterkommen. Man glaubt nicht, wie viel noch zu tun übrig bleibt. Mit Fräulein Bostedt war es eine eigene Fügung. Nach einer köstlichen Stunde mit dramatischem Schwung geschah das scheinbarste Unglück, das sich aber zu einer wunderbaren Fügung für ihre Weierentwicklung herausstellte. Schließlich konnte sie zu ihrer und unserer aller Freude glücklich in Weimar landen. Bitte, liebes Fräulein Goebel, grüßen Sie Fräulein Bostedt sehr herzlich von mir. Die Sache war also kein Pech und brachte ihr viel Kraft ein. Daß Sie auch am Sprechen Freude hatten und andere damit erfreuten, begrüße ich besonders. Nun wünsche ich Ihnen weitere schöne Fortschritte in Ihrem reichen Leben. Ich schreite auch noch voran, kann wieder gut singen, Freude haben und spenden. Meine Freundin läßt Sie grüßen und von mir viel gute Wünsche in Hoffnung auf baldiges, gutes Sein !!

Immer Ihre Clara Schlaffhorst



Seefeld, 27.10.1944

Mein liebes Fräulein Goebel !

Ihr Brief jagte mir einen Höllenschrecken ein; so muß ich den Meinigen anders fassen, als wie ich ihn gerne schreiben möchte. Von alledem, was Sie in Ihrer Not geschrieben haben, weiß ich nichts und konnte es mir auch nicht erklären; denn solange ich hier bin, habe ich nie eine derartige Stimmung über Sie, liebes Herze, wahrgenommen. So konnte ich mich nicht anders von dem seelischen Druck befreien, als bald nach dem Geburtstag mit der Gräfin offen und ehrlich zu reden. Sie war denn auch dankbar dafür, setzte sich sofort hin und verfaßte einliegenden Brief an Sie. Vielleicht sind Sie nun nicht damit einverstanden, aber ich glaubte, Sie selbst wollten Klarheit über den Zustand haben, der Sie so in Not gebracht hatte. Solche quälenden Gedanken verleiden einem das Leben, was heute schon an sich schwer genug zu tragen ist. Und was das Schlimmste bei der ganzen Sache wäre - daß die Arbeit, die ich mit so warmer Liebe an Ihnen getan, könnte nicht zu Ende geführt werden. Das wäre ein harter Schlag für mich, den ich in meinem Alter wohl nie überwinden würde. Ich lebe, auch trotz der Trennung, immer weiter und neu mit dem, was ich weiter erkannt habe, mit Ihnen. Das wäre mir wohl die größte Freude gewesen, wenn Sie zu anderer Zeit hätten kommen können, um mir ein Lied zu singen. Bei dem einen wäre es gewiß nicht geblieben ! Unsere Sehnsüchte können zu diesen Zeiten nicht in Erfüllung gehen. Wollen wir uns nur wünschen, daß der grausige Krieg zu wüten aufhört. Sie haben die schweren Tage mit uns in Gedanken verlebt. Noch schwereres leid ist uns allen hier im Hause gekommen: Irmgard Schmitt, die 14 Tage nach Hause fuhr, um ihre Sachen zu ordnen und ihre Familie zu sehen, ist beim letzten Terrorangriff mit ihren Eltern gemeinsam verschüttet. Das lastet auf allen Mitarbeitern schwer ! So wünsche ich Ihnen allen und Ihnen besonders, daß Sie wie wir hier treu der Arbeit bleiben können und danke Ihnen mit vielen Grüßen, auch von Fräulein Andersen, für Ihre Gedenken als

Ihre Sie herzlich liebende Clara Schlaffhorst.

P.S. Bitte alle zu grüßen, die nach mir fragen. ich schreibe bald an Fräulein Bostedt. Die Briefbogen sind besonders wertvoll, sie sollen geschont werden.

 

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