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Seefeld, den 07.01.1944
Mein sehr liebes Fräulein Goebel !
Während
ich nach Ihrem lieben Brief mich noch immer weiter beschäftige und mir
nur nicht Zeit zu einem zweiten Brief an Sie nehme, kommt plötzlich,
unerwartet wieder ein Brief von Ihnen ! Ich danke Ihnen sehr für die
treue Fürsorge um mich. Ich war gar nicht so aufgestöbert
darüber, daß Sie überhaupt und so viel gesungen haben, sondern daß die
Verhältnisse gerade einen Strich durch die Gedanken meinerseits
machten; ich hätte Ihnen gerade in jenen Tagen das Alles sagen können,
was sich in mir in Vorbereitung zu Ihrem Kommen aufgespeichert hatte.
Ich bin durch den heutigen, lieben Brief insofern beruhigt, weil ich
nun weiß, daß Sie vorläufig von selbst weiter zu gehen
scheinen. Ich bitte Sie nur, falls irgendwann etwas wie eine Stockung
eintreten sollte, nicht zu probieren, davon los zu kommen, sondern mir
sofort zu schreiben. Mir sind in den Ferien Erkenntnisse aufgegangen,
die auch Sie kennen lernen müssen. Natürlich schließt sichdaran in mir
eine weitere Folge Erleichterungen mancher Art an, die für mich
persönlich ungemein wertvolle Möglichkeiten geben. So kann ich, genau
wie Sie auch, nur wünschen, wir begehen ein baldiges Wiedersehen, die
dreidimensionale Bewegung (Kugelform) ist im Werden, bei den Schülern
und bei mir. O die Ferne !!! Viele Grüße an Sie und die Vielen !!!
Ihre Clara Schlaffhorst
Seefeld, den 23.01.1944
Liebes Fräulein Goebel !
Gegen
das Schicksal oder die Fügung kann niemand etwas ! Besonders nichts,
der Wille des Menschen. Was nützt das Denken, Fühlen und Wollen! Ich
hätte nun stille zu sein, und doch muß ich Ihnen schreiben. Denn Ihr
Brief war so voller Tatendrang, daß mir dabei Angst und Bange wurde. Ich
fügte mich still und ergeben in den Willen des Schicksals; in Ihnen
bäumte sich alles auf und es schrie vernehmlich: Dennoch - Das ist wohl
zu verstehen auch noch von mir aus, die ich auf einer total anderen
Ebene liebe und lebe. - Ich möchte Sie aber doch gewarnt haben für
ähnliche Wiederkehr. Denn das chaotische Durcheinander darf sich nicht
oft wiederholen; besonders nicht in immer wechselnder Stimmung. Aus
jeder Partie die verschiedensten Stimmungen hergeben zu müssen, hat
eine große Gefahr gegenüber der Stimme und ihrer Entwicklung. Letztere ist meiner meinung nach noch
wertvoll, und darum bin ich nun doch sehr traurig darüber, daß ich Sie
nicht hier haben konnte, um nach dem Rechten zu sehen und zu hören. Der
Rausch "an sich selbst" ist zu verstehen, aber nach ihm hätte noch ein
erwachen in treuen Händen kommen müssen. Und wären es nur Tage gewesen
!!! Nun hätte ich gerne eine Ahnung, wie "es" Ihnen weiter geht ! Damit
wäre die Sorge um die Stimme, deren Wohl mir am Herzen liegt, etwas
gehoben. Bitte, Grüße zu bestellen, besonders an Ihre Freundin, der ich
so bald nicht schreiben werde. Ihnen selbst und Ihrer Umgebung viel
Gutes von
Ihrer Clara Schlaffhorst,
die sich Ihnen nicht als genesen vorstellen konnte. Leider - Sie hätten Freude gehabt.
Seefeld, Pfingsten 1944
Mein liebes Fräulein Goebel !
Pfingsten
ist! Daher die Ruhe zum Schreiben an Sie, liebes Herze ! Trotzdem ihr
Brief leider nichts über Ihr Singen brachte, fühle ich mich Ihnen und
Frau Dr. Noack gegenüber verpflichtet, Ihnen von dem zu schreiben, was
nach Ihrer Zeit noch alles eingetroffen ist. Gerade, weil das Schicksal
Sie vom Singen fern hielt, so ist's innerlich voran gegangen und
vielleicht leichter gestimmt, neues aufzunehmen. Ich kann nicht warten,
bis wir uns wiedersehen, trotz Ihrer und unserer Sehnsucht. Das
Waldhaus soll uns aufnehmen, Holz werden wir, d.h. meine Freundin wohl
auch haben zum Pfannkuchen backen ! Aber ob er gegessen wird - wer kann
heute schon etwas voraus sagen ? Ich beginne, ehe der Bogen zu Ende
geht, mit dem, was sich bei mir einfand. Hier sind die Fortschritte
groß - besonders auch in mir selbst, die sowohl singen, als auch gehen
kann.
Also erstens: Die drei
Septimen gliedern sich als "natürlich - wahr - richtig". Ferner
gliedern sie sich in sich selbst als "atmen (ga) - reden (hcd) - singen
(ef)". Als Bestimmung - Stimmung - Stimme. Ihre innere Kraft gliedert
sich auch in: größeste - mittlere - geringste Kraft. Ferner: bei g a
atmend - keine Luft unter der Zunge, bei hcd - beim Reden Luft unter
der Zunge, bei ef reine Stimmluft. Wie früher bereits drei Einsätze: ga
Windrohr - hcd Kehlrohr - ef Ansatzrohr. Ferner: Bei individueller
Einatmung, Ruhe in der Lunge nach der Lufteinströmung:ehe der
Stimmton einsetzt, die Luft schnell durch's Stimmband hindurch lassen
in den Mund, wo sie sich allmählich entleert; nie die Lunge ! nach dem
Einsatz - lieber nach dem Durchlassen der Luft also beim Einsatz
selbst, fester Stimmbandschluß - darnach während der Stimmgebung,
Zwerchfelltätigkeit so lange der Satz dauert, den man singen muß (in
einem Atem).
So nun habe ich es
geschafft, vom Herzen hinunter geschrieben. Es bleibt alles auf der
Linie des bisherigen Studiums; fördert das Leben, mindert die Arbeit
und gab bei mir, weil ich am intensivsten arbeite, ein geradezu
Fertiges, mit dem ich erst jetzt wieder etwas schaffen kann.
Hoffentlich verstehen, d.h. geht es in Sie, liebe Seele, hinein; und
dann kann es auch Ihre Freundin wissen. Den Anderen, Fräulein Schü -
möchteich es beibringen. Hier erlebten wir gestern eine Pfingstvorfreude. -
Sie
seufzen in Ihrem Brief, für den ich Ihnen danke - "warum muß, nein sind
wir so weit fort" - und was tue ich ? Ich stöhne dasselbe - der Himmel
gebe Ihnen im Sommer Tourneen, daß Sie zum Singen kommen ! Ich flehe
darum und grüße Sie herzlichst aus einem schönen ruhigen Pfingsttage
heraus. - Ich ging bis zum Waldhäuschen. Immer
Ihre Clara Schlaffhorst
Fräulein Andersen grüßt.
Seefeld, 31.07.1944
Mein liebes Fräulein Goebel
Ihren
Wunsch erfülle ich gern, damit Ihre Sehnsucht gestillt ist !!! Die
Meinige wurde bereits von Frau Noack beruhigt. Nämlich darin, daß es
Ihnen gut geht. Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß Sie Ihre Kräfte einmal noch einer andern und noch dazu einer, die Sie so
noch nie gebrauchen mußten, prüfen dürfen. Das wird Ihnen für spätere
Tage von großem Nutzen sein. Der Mensch kann selbst am besten
beurteilen, was ihm dient und ihn fördert, als irgend ein anderer. Auch
der treueste Lehrer und Freund zugleich ist dem Schüler nie so nah, als
er sich selbst. Und hat der Mensch im Schüler erst sich
selbst zurecht gefunden, dann hat der Lehrer erst das in in Händen, was
er als Werkzeug zu seiner Arbeit braucht. - Ich freue mich und habe das
garnicht anders erwartet, daß Sie den tapferen Soldaten das bringen,
was sie brauchen: Musik, die ihnen Kraft aus dem Kosmos, dem ewigen
Leben zuführt. Daß Sie alle sich so gut verstehen, ist noch ein
besonderes Glück. Möge gerade das Ihnen bis zum guten Ende erhalten
bleiben ! Das wünsche ich Ihnen, Fräulein Wilmanns, Fräulein Rohwer und
den Mitspielenden, die ich nicht kenne. Ob Sie in Bremen ohne Angriff
durchkamen ?
Frau Noack ging
strahlend fort; sie hat erreicht, was für sie möglich war. Selbst beim
Abschiedsingen hielt es stand.Sie kann nun, ihr weiteres Leben damit
bereichernd, froh bleiben. Fräulein Bostedt ist ganz und gar mit Leib
und Seele dabei und machte dabei große Fortschritte; alles, was sie
quälte, hat sich, wie es scheint, zurück entwickelt. Seit Wochen
scheint alles in Ordnung. Ob sie sich all das Gute erhalten kann, d.h.
so daß es ihr bewußt geworden ist, das muß die Zeit lehren ! Für mich
war diese Arbeit eine stete Bestätigung dafür, daß es Krankheit nicht
giebt, wenn der betreffende Mensch dazu angehalten wird, die Natur zu
erfassen und sie zu belehren.
Doch
nun ist's vorbei, die Zeit ist hin mit öfteren Unterbrechungen. leben
Sie wohl bis zum Schluß der Vorstellung und "dann und wann" ein kleiner
Augenblick Besinnung. - Mit Grüße, auch von meiner Freundin, denken wir
öfters Ihrer in Liebe.
Ihre Clara Schlaffhorst
Seefeld, den 19.09.1944
Liebes Fräulein Goebel !
Nun
sind Sie längst wieder im Geleise der täglichen Stunden, und die
Erinnerung zaubert Ihnen hin und wieder die Fahrterlebnisse herbei. -
Daß Sie mit Ihren Mitarbeitern so Schweres erleben mußten, ist für alle
Teile zu bedauern. Fräulein Rohwer ist hoffentlich nicht schwer krank
geworden !! Bei nächster Gelegenheit höre ich wohl darüber. Eben ist
Herr Dobe hier (Herr Dobe bleibt noch länger hier, so sende ich den
Brief ab); ich weiß noch nicht wie lange, schreibe diesen Brief aber
gleich und gebe ihn Herrn Dobe mit. So ist es mir sicherer, daß er in
Ihre Hände kommt. Und ich brauche ihn nicht auf einen Hieb zu
schreiben. Es sind wieder neue Klarheiten und Wahrheiten über mich
gekommen, die von mir Ruhe verlangten. Da hieß es: stunden aussetzen.
Aber nun geht es wieder umso flotter voran. Es freute mich zu lesen,
mit welcher Stimmung Sie unterwegs Ihren schönen Plan zu Ende geführt
haben. Das war eine rechte Erquickung für ihr Herz. An Frau Dr. Noack
habe ich auch oft gedacht. Sie wird viel Aufregung gehabt haben und
schwere Nächte. Wenn Sie an sie schreiben, grüßen Sie Ihre Freundin
herzlich. Frau Dr. war hier so sehr glücklich, als sie die Freiheit der
Stimmgebung empfand. Und dann kam das Nachspiel. Wo mag sie geblieben
sein ? Man muß die Schule doch fortgeschickt haben ! Fräulein Wilmanns
kommt als Helferin her; da kann sie gut weiterkommen. Man glaubt nicht,
wie viel noch zu tun übrig bleibt. Mit Fräulein Bostedt war es eine
eigene Fügung. Nach einer köstlichen Stunde mit dramatischem Schwung
geschah das scheinbarste Unglück, das sich aber zu einer wunderbaren
Fügung für ihre Weierentwicklung herausstellte. Schließlich konnte sie
zu ihrer und unserer aller Freude glücklich in Weimar landen. Bitte,
liebes Fräulein Goebel, grüßen Sie Fräulein Bostedt sehr herzlich von
mir. Die Sache war also kein Pech und brachte ihr viel Kraft ein. Daß
Sie auch am Sprechen Freude hatten und andere damit erfreuten, begrüße
ich besonders. Nun wünsche ich Ihnen weitere schöne Fortschritte in
Ihrem reichen Leben. Ich schreite auch noch voran, kann wieder gut
singen, Freude haben und spenden. Meine Freundin läßt Sie grüßen und
von mir viel gute Wünsche in Hoffnung auf baldiges, gutes Sein !!
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
Seefeld, 27.10.1944
Mein liebes Fräulein Goebel !
Ihr
Brief jagte mir einen Höllenschrecken ein; so muß ich den Meinigen
anders fassen, als wie ich ihn gerne schreiben möchte. Von alledem, was
Sie in Ihrer Not geschrieben haben, weiß ich nichts und konnte es mir
auch nicht erklären; denn solange ich hier bin, habe ich nie eine
derartige Stimmung über Sie, liebes Herze, wahrgenommen. So konnte ich
mich nicht anders von dem seelischen Druck befreien, als bald nach dem
Geburtstag mit der Gräfin offen und ehrlich zu reden. Sie war denn auch
dankbar dafür, setzte sich sofort hin und verfaßte einliegenden Brief
an Sie. Vielleicht sind Sie nun nicht damit einverstanden, aber ich
glaubte, Sie selbst wollten Klarheit über den Zustand haben, der Sie so
in Not gebracht hatte. Solche quälenden Gedanken verleiden einem das
Leben, was heute schon an sich schwer genug zu tragen ist. Und was das
Schlimmste bei der ganzen Sache wäre - daß die Arbeit, die ich mit so
warmer Liebe an Ihnen getan, könnte nicht zu Ende geführt werden. Das
wäre ein harter Schlag für mich, den ich in meinem Alter wohl nie
überwinden würde. Ich lebe, auch trotz der Trennung, immer weiter und
neu mit dem, was ich weiter erkannt habe, mit Ihnen. Das wäre mir wohl
die größte Freude gewesen, wenn Sie zu anderer Zeit hätten kommen
können, um mir ein Lied zu singen. Bei dem einen wäre es gewiß nicht
geblieben ! Unsere Sehnsüchte können zu diesen Zeiten nicht in
Erfüllung gehen. Wollen wir uns nur wünschen, daß der grausige Krieg zu
wüten aufhört. Sie haben die schweren Tage mit uns in Gedanken verlebt.
Noch schwereres leid ist uns allen hier im Hause gekommen: Irmgard
Schmitt, die 14 Tage nach Hause fuhr, um ihre Sachen zu ordnen und ihre
Familie zu sehen, ist beim letzten Terrorangriff mit ihren Eltern
gemeinsam verschüttet. Das lastet auf allen Mitarbeitern schwer ! So
wünsche ich Ihnen allen und Ihnen besonders, daß Sie wie wir hier treu
der Arbeit bleiben können und danke Ihnen mit vielen Grüßen, auch von
Fräulein Andersen, für Ihre Gedenken als
Ihre Sie herzlich liebende Clara Schlaffhorst.
P.S.
Bitte alle zu grüßen, die nach mir fragen. ich schreibe bald an
Fräulein Bostedt. Die Briefbogen sind besonders wertvoll, sie sollen
geschont werden.
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