Logo

 
 

Briefe von Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935-1944)
 

1935  1936  1937  1938  1939  1940  1941  1942  1943  1944  Anhang 

  
 


Anhang


Ein undatierter Brief

den 13 ten

Gedanken nach Ihrer Stunde, liebes Fräulein Goebel !

Sie gehören Ihnen, darum dieser Gruß.

Der Schubert war in seiner spielenden Bewegtheit bezaubernd ! Gäbe der Himmel, Sie fänden das Alles wieder und zaubern von nun an. Ob es in dem Sinne auch den schwerblütigen Gesängen von Brahms eigen sein kann ? Das Männliche wird wohl durch die Drüse allein nicht zu erreichen sein. Vorwiegend muß der Stimmcharakter helfen; ich meine der Charakter der Contra-Alt-Stimme. Im andern Falle wird stets das Kehlige durchdringen. Ich glaube, da Sie bereits daran geübt haben, wächst der Kehlkopf noch mehr nach der Breite hin; ähnlich wie heute das Herz in Ihnen schuf. Die Zeit heilt viele Wunden, also heißt's nur warten ! das Hirn wird auch noch nach der Breite hin wachsen. Da liegt nach Goethe (Quell: Schädel-Lehre) Mordsinn - Diebsein - Rachsinn - Darstellungsvermögen - Anhänglichkeit.

   Die Zeit ist vorgeschritten. Also Lebewohl -

Ihre Clara Schlaffhorst


Ein undatierter Brief ohne Anfang

... Antworten muß ich Ihnen, und auch selbst eine Frage tun. Sie brauchen die Psyche nicht willkürlich fortzulassen - das bedeutete ihren, der Psyche eingebildeteten, Tod. Nur unbewußter beim Gestalten oder Schaffen zu sein. Das wäre ein Weg. Der andere hieße: die Psyche hebt sich von selbst durch die Physis, wenn diese, wenn letztere total verpsycht ist. D.h. wenn die Psyche den vollkommenen Kreis im Leiblichen (den 3 Rümpfen) erreicht hat, und zwar im 2ten Teil des Lebensrhythmus, der Schwungkraft: 3 - 1 - 2. -

Die eine Richtung, nämlich die von der Mitte ausgehende, besonders bei Volksliedern und bei modernen Sachen, gelingt Ihnen meistens. Das packt die Psyche, von der Mitte, dem Herzen ausgehend, den obern, wie untern Teil zusammen. -

Bei klassischer Musik brauchen wir mehr. Da kann sich der obere Teil - die Gehirne - Nervenpartien - nicht so verschlingen mit den organischen und sinnlichen Teilen, der große Blutkreislauf hält sich auch oft zurück, und ein Entgegenkommen von unten her ist unmöglich gemacht, wenn die Psyche nicht, allgemein geworden, den ganzen Leib durchtränkt und durchbebt. -

Ich zeichne Ihnen hier zwei Gemälde auf.



Was Sie da erkennen, ahne ich nicht -. Darüber läßt sich mündlich reden. Die Psyche hat nichts Besseres zu tun, als sich zu entwickeln bis zum vollkommenen Kreis, Das geschieht nicht vom Wollen des Menschen aus, sondern entweder gegen ihn oder ohne ihn mit Hilfe vom Denken und Fühlen. Sowohl auf f - als auf g hat er nichts zu sagen. Die Stärke war somit nichts Falsches, wie überhaupt Stärke nichts Falsches "an sich" ist; sie saß in den Sinnen, statt im Geistig-Seelischen; folglich brauchen Sie nur die Richtung der Beteiligung durch die Psyche zu verlegen - vom organischen Ohr in's Denken und Fühlen.

Noch eine Erklärung von mir aus. Es kommen nach jeder neuen Richtung, die wir durch Veränderung der Luftwege einschlagen, stets Fehler heraus: Ohne Luft unter der Zunge für die echt deutsche wurzelhafte Sprache wird der untere Teil der Psyche sich nicht zum oberen Teil hinfinden. In solchem Augenblick steht einem der Ton und mit ihm die Stimme, die wir durch Hergabe der Eigentöne der Vokale, nicht gegen Klangprodukt hervorbringen sollen, nie zur Verfügung. -

Meine Frage bezieht sich darauf, daß es mir neu ist, daß Sie da Ave Maria nicht wieder gefunden haben. Wir haben es seither nicht zusammen gesungen. Das Wiederfinden besorgt der Leib, wenn er aus der Stärke sich gewandelt - also die Macht selbst entdeckt hat, nicht durch mich dahin geführt wurde.

Ihre Clara Schlaffhorst



Gedankensplitter vom 15.12.1930

Wollen wir in der Welt Einigkeit finden, muß sie zuerst unter einander da sein. Dies ist erschwert durch die individuelle Verschiedenheit der Rasse - Nation - Volk - Stamm - Sippe - Familie - Beruf - Mensch - Stimme. - Alter und Erfahrung wertvoll. Dies ist ein langer Weg, den man zu gehen hat. Erkenntnis ist noch nicht immer Erlebnis und umgekehrt.

Begeisterung durchleuchtet den, der etwas zu sagen hat.

"Ahnung ist früher da als Beweis." Nur der, der etwas aufzeigenkann, giebt den Beweis dafür.

"Doch geb' ich dem den höchsten Preis,
der es vollbringt, mit heil'gen Händen,
Ideen durch Taten zu vollenden."       (C.L. Schleich)

Zu warnen ist hier davor, daß man nicht verpflichtet ist, das, was man im Andern sieht oder hört, aus ihm für ihn selbst heraus zu holen.

"Wehe dem, der dem ewig Blinden
des Lichtes Himmelsfackel wollte leih'n,
sie leucht' ihm nicht, sie kann nur zünden
und äschert Städt' und Länder ein."           (Schiller)

Man soll ihm nur Können geben. Können ist somit die Losung. Können ist das Gegenteil von Machen. Letzteres entbehrt des Ursprungs. Es ist nichts Unmittelbares, - sondern ein durch Überlegung Entstandenes, Gewissenhaftigkeit - Verantwortungsgefühl - Instinktsicherheit. Es erfordert: Zeit - Raum - Geduld - Vernunft (siehe Aline Friede: 1914 - 1939, dann erst die Septime erfaßt); oder umgekehrt.
Unterschied zwischen dem Künstler und dem nur Menschen: seine Produktivität.

Mensch hört es und macht es; folglich hat er es auch nicht total gehört. Wie lange dauert es allein schon bis die Sinne erwachen !
Künstler schafft, weil er es im Innern hört.
Sein Ideal - seine Glaubenskraft - seine Liebe ist Eins.
Dies ist der Beweis für die Wahrhaftigkeit seines Strebens.
Das Genie dringt mit seinem Leben und Streben und dem daran gewendeten Fleiß bis zur Weltreligion. Bei ihm durchdringt der Formtrieb den Stofftrieb so, daß Beides sich von selbst zum Spieltrieb entwickelt. Wenn das der Welt und der Menschheit erhalten werden sollte, so muß man dahinter zu kommen suchen - wie der Weg dahin zu diesem Selbst führt. Dann durch die Kunst zum Leben. Im andern Fall dient das Leben der Kunst. -

Clara Schlaffhorst



Aus einem Brief von Hedwig Andersen an Herrn Dr.von Dobrogoiski, 25.8.1951:

Meine Freundin sagte ja beim Unterrichten oft recht wunderliche Sachen und Vergleiche - erreichte aber immer ihren Zweck und eine gute Wirkung damit. Sie würde aber so etwas nie in einem Lehrbuch veröffentlicht haben. Und eigentlich kann ein Gesangslehrer überhaupt kein allgemein gültiges Lehrbuch schreiben, denn "singen" ist eine so individuelle, geistig und körperlich verschiedene Sache, daß jeder Sänger oder Gesangsschüler eine eigens für ihn geschriebene "Schule" haben müßte. Z.B. meine Freundin und ich - wir stimmten doch wahrhaftig gut überein, aber in Punkto "singen" waren wir so verschieden wie Himmel und erde oder gar Hölle.

 

 
 

Folgende Menschen, die in den Briefen von Clara Schlaffhorst erwähnt werden, sollen an dieser Stelle vorgestellt werden:
 

Bruckner, Anna: 1907-1994, sie begleitete Clara Schlaffhorst in deren letzten Lebensjahren auf dem Klavier. Nach dem Krieg wirkte sie bei dem Neuaufbau in Lieme/Lippe als Lehrerin für Klavier, Chor und Bewegung und später ebenso in Eldingen bei Celle.

Emge, Ingegard: 1906-1994, war Ende der Dreißiger Jahre als Atem-, Stimm- und Sprechlehrerin in Hustedt und Seefeld. Bei ihrem Ehemann Professor Emge wurde sie in Gesang ausgebildet. Vielfache Konzerttätigkeit. Gestorben in Herzberg/Harz.

Fleck, Brigitte: 1914-1992, A-Prüfung als Organistin, ab 1935 Ausbildung zur Atem-, Sprech- und Stiummlehrerin, Organistin und Kantorin an der Christuskirche in München. Sie starb nach jahrelanger Krankheit bei ihrer Schwester in Konstanz.

Friede, Aline: war bereits im Elternhaus von Clara Schlaffhorst in Memel als Sängerin zu Gast, unterstützte später Claras Wunsch nach Ausbildung ihrer Stimme und blieb mit ihr bis an ihr Lebensende verbunden. Clara Schlaffhorst hat sie sehr verehrt.

Gertz, Helene: wurde schon früh von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen ausgebildet. Sie begleitete mehrere Male Gräfin Waldersee nach Italien, um diese mit ihrem Atemunterricht zu unterstützen. Sie arbeitete und lebte bis zu ihrem Tode in Weimar.

Prof. Högener: war der letzte und kompetenteste Chorleiter des Schlaffhorst-Andersen-Chores.

Grauding, Anita: 1899-1980, geboren in Riga/Lettland, Lehrerinnenexamen in Dorpat, Schülerin von Monika Hunnius. Sie war in Hustedt Lehrerin für Sprechen und Bewegung und baute von 1949 an die Schule wieder auf. Sie wirkte dort als Lehrerin bis 1959. Aus gesundheitlichen Gründen zog sie sich nach Marburg zurück, wo sie bis zu ihrem Lebensende weiter Sprech- und Atemunterricht gab.

von Harling, Irmgard: 1897-1964, Ausbildung bei Clara Schlaffhorst ab 1930, sie wurde 1935 die Nachfolgerin von Ilse Töpfer, von 1949-1959 führte sie die Schule an der Seite von Anita Grauding in Lieme/Lippe weiter. Sie starb im Kloster Ebstorf, Lüneburger Heide, sie wurde in Sülze auf der Familiengrabstätte beigesetzt.

Dr. Holzer, Ingeborg, geborene Stampa: 1914 - heute, Ausbildung zur Atem., Stimm- und Sprechlehrerin ab 1935, anschließend Studium der Medizin, sie heiratete nach dem Krieg Prof. Dr. Holzer und lebte mit ihm in München.

Kalk, Dorothea: 1901-1992, nach dem Wiederaufbau der Schule 1949 in Lieme/Lippe gehörte sie dem Kollegium an und war in diesen Jahren intensiv an der Ausbildungsarbeit (Gesang) und an den Ferienkursen beteiligt. Nach 1959 ging sie nach Oldenburg, wo sie bis zu ihrem Tode unterrichtete.

Krüger, Ilse: 1894-1985, leitete das Kinderhaus der Schule Schlaffhorst-Andersen, zunächst in Herchen/Sieg, dann in Weimar bis Kriegsende. Sie arbeitete eng mit der sozialpädagogischen Ausbildungsstätte von Mintje Bostedt zusammen. nach dem Kriege wirkte sie in Berlin in der Klinik von Professor Vogler als Atem-, Stimm- und Sprechlehrerin. Außerdem unterrichtete sie an der dortigen Ausbildungsstätte für Krankengymnastinnen. Die letzten Lebensjahre verbrachte sie in Celle.

Lowes, Ilse: Professorin für Spracherziehung, 1919-1994, ab 1934 in der Ausbildung zur Atem-, Stimm- und Sprechlehrerin. Danach Ausbildung bei Elfriede Feudel für musikalisch-rhythmische Erziehung, an der Musikhochschule Stuttgart machte sie die Ausbildung zur Sprecherzieherin und arbeitete dort bis zu ihrem Lebensende.

Prof. Menzel, Wilhelm: war Germanist an der Universität Dortmund, wurde der "schlesische Spielmann" genannt, hielt viele Vorträge über schlesische Dichter, war mit Käte Heuer verheiratet, ASSL.

von Metzsch, Karoline (Lonny): 1909-1996, schon als Kind lernte sie in Rotenburg/Fulda Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen kennen. Sie war begabt für Tanz, Gesang, Malerei und Klavierspiel. Sie unterrichtete ihr ganzes Leben lang nach den Prinzipien von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, im Freiburger Raum, wo sie auch Konzerte als Altistin gab. Sie starb bei ihrer Nichte in Stuttgart.

Dr. Noack, Elisabeth: 1898-1974, wenn Clara Schlaffhorst "Ihre Freundin" schreibt, meinte sie Frau Dr. Noack. Sie war Elisabeth Goebels Mentorin in Kiel und wurde ihre mütterliche Freundin.

Nissen, Erne und Madden: häufige Gäste im Hause, liebevolle Gastgeberinnen bei Aufenthalten in Berlin.

Ottmer, Margarete: 1900-1988, unterrichtete als Lehrerin für Atmung und Stimme in München und Marburg.

Rolof, Marie: war langjährige treue Haushälterin im Hause Schlaffhorst-Andersen. Sie zog nach dem Kriege mit Hedwig Andersen auf das Apfelgut von Anne-Marie Fischer in Holstein.

Wilhelm Baron Schenk zu Schweinsberg: war in den 30er Jahren als ASSL ausgebildet.

Schümann, Gertrude: 1898-2000, Verfasserin der Atemschriftzeichen. 1961-1969 Schulleiterin in Eldingen, unterrichtete bis 1994 in der Schule in Bad Nenndorf.

Steiner, Wera: -1988, als Altistin und ASSL ausgebildet.

Töpfer, Ilse: 1895-1985, bis 1935 arbeitete sie in Hustedt bei Celle eng mit Clara Schlaffhorst zusammen; sie galt allgemein als Nachfolgerin von Clara Schlaffhorst. Nachdem es zu Zerwürfnissen gekommen war, trennte sie sich von Clara Schlaffhorst und baute eine eigene Schule in Berlin auf, wohin ihr zwölf der Ausbildungsschüler folgten. Sie unterrichtete Stimmbildung unter anderem am der Pädagogischen Hochschule in Berlin, sie starb in der Familie ihrer Schwester in einem Dorf bei Treuchtlingen.

Voßler, Elisabeth, geborene Prinzessin zu Solms-Hohensolms-Lich: 1903-1992, heiratete 1943 Otto Voßler, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Frankfurt, sie war bereits als Kind mit ihrer Schwester Johanna bei Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen in Berlin/Babelsberg und Rotenburg/Fulda. Als ausgebildete Atem-, Sprech- und Stiummlehrerin gab sie ihr ganzes Leben hindurch das Gelernte weiter. Sie starb bei ihrer Schwester in Castell-Rüdenhausen.

Wilmanns, Irmel: 1909-heute, in früher Kindheit war sie bei Marie Selbmann, der Schwester von Clara Schlaffhorst in Rotenburg an der Fulda, ab 1935 Ausbildung in Hustedt, Konzertexamen für Violine, als Sprecherzieherin und Geigenlehrerin an der Pädagogischen Hochschule in Osnabrück.

1935  1936  1937  1938  1939  1940  1941  1942  1943  1944  Anhang