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Briefe
Clara Schlaffhorst an Elisabeth Goebel (1935 - 1944)
Geleitwort
Briefe: 1935 1936193719381939 1940 1941 1942 1943 1944
Anhang
Geleitwort
nach dem Tod von Elisabeth Goebel im Juni 2001 übergab ihre Lebensgefährtin, Waltraud Seyd, dem Vorstand des Freundeskreises Schlaffhorst-Andersen Briefe von Clara Schlaffhorst, die diese von 1935 bis 1944 an Elisabeth Goebel geschrieben hat. Der Vorstand des Freundeskreises kommt dem Angebot, diese Briefe veröffentlichen zu dürfen, mit großer Freude entgegen.
Clara Schlaffhorst war 1935 zweiundsiebzig, 1944 einundachtzig Jahre alt. Das Jahr 1935, in dem Elisabeth Goebel die Schule kennenlernte, war für Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen ein Schicksalsjahr. Ilse Töpfer, die geliebteste und vielseitig begabte und zur Nachfolgerin erkorene langjährige Mitarbeiterin von Clara Schlaffhorst, hatte nach langen zermürbenden Auseinandersetzungen in Berlin eine eigene Schule eröffnet. Zwölf Ausbildungsschülerinnen gingen mit ihr. Clara Schlaffhorst trug schwer an dieser Trennung.
Clara Schlaffhorst pflegte die Beziehung zu ihren Schülern durch einen regen Briefwechsel. Die Briefe geben ein Zeichen davon, mit welcher Intensität Clara Schlaffhorst mit ihren Schülerinnen lebte, dachte und fühlte. Wir können den Briefen an Elisabeth Goebel entnehmen, dass Clara Schlaffhorst ihr gegenüber besonders aufgeschlossen war, dass sie Großes von ihr erwartete und besondere Hoffnungen in sie setzte. Die Briefe zeigen viel von der Persönlichkeit Clara Schlaffhorsts: ihre Suche nach dem wahren Menschsein, ihre Gefühlsintensität und Begeisterungsfähigkeit, aber auch die Alltäglichkeit mit den körperlichen Beschwerden des Alterns. Wir lernen ihre Sprache kennen, ihre Art zu denken und sich auszudrücken. Das Schriftbild ist voll von Ausrufungszeichen, Unterstreichungen und Gedankenstrichen, d.h. sie war ganz und gar bei dem, was sie gerade tat. Wir erleben die Tiefe ihrer Gedankengänge, aber auch das Schweifende, dem zu folgen den Schülern oft Schwierigkeiten bereitete. Es bestand eine feste Weltsicht, die sie immer in anderen Begriffen versuchte zu verdeutlichen, Begriffen, denen wir uns behutsam nähern müssen, um zu erfahren, was damit gemeint war.
Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg. Er brachte für das Leben der Schule in Hustedt-Jägerei viele Einschränkungen und Lärm durch den in der Nähe gebauten Flugplatz. Der von Clara Schlaffhorst geliebte Chor der Schule konnte seine Konzertreisen nicht mehr fortführen. 1942 verließen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen die Schule in Hustedt bei Celle und zogen in die neu von Maria Gräfin Bredow aufgebaute Schule in Seefeld bei Stargard in Pommern. Anfang 1945 starb dort Clara Schlaffhorst, die Schule löste sich im Anmarsch der Russen und im allgemeinen Flüchtlingsstrom nach Westen auf. Hedwig Andersen konnte noch von Schülerinnen nach Schleswig-Holstein auf das Apfelgut von Annemarie Fischer, einer alten Schülerin, gebracht werden. Sie nahm von dort aus großen Anteil am Wiederaufbau der Schule in Lieme/Lippe im Jahr 1949.
Nun zu Elisabeth Goebel, der Empfängerin der Briefe. 1911 in Kiel geboren, studierte sie nach dem Abitur "Musik" an der "Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik" in Berlin und "Germanistik" an der dortigen Humboldt-Universität und machte dort 1934 ihr Staatsexamen für das "Höhere Lehramt". Ihre Referendarzeit absolvierte sie in Kiel unter Frau Dr. Noack (1895 - 1974). Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. (Wenn in den Briefen Clara Schlaffhorsts von "Ihrer Freundin" die Rede ist, ist stets Frau Dr. Elisabeth Noack gemeint. Die Freundschaft mit Waltraud Seyd begann später.) Auf Anraten von Frau Dr. Noack fuhr Elisabeth Goebel im Sommer 1935 zum ersten Mal in die Schule Schlaffhorst-Andersen, wo sie Waltraud Seyd kennenlernte. Sie suchte bei Clara Schlaffhorst Hilfe für ihre im Schuldienst strapazierte Stimme. Die Persönlichkeit beider Frauen, die Lehrweise und die Menschenführung beeindruckten sie tief, und es wuchs der Wunsch in ihr, sich in dieser Arbeit ausbilden zu lassen. Doch die Damen rieten, dass sie vorher ihren "Assessor" machen sollte. 1936 bestand sie diese zweite Prüfung mit "gut" und erhielt einen Lehrauftrag an einem Flensburger Lyzeum. Trotz der sehr befriedigenden Arbeit verließ sie im Herbst 1937 den Schuldienst, um sich ganz der Ausbildung in Hustedt zu widmen. Zu der Ausbildung in Hustedt gehörten im Wechsel zu den Unterrichtseinheiten im Hause vierwöchentliche Aufenthalte in Familien oder Instituten. Diese wurden von der Schule als Praktika vermittelt, um dort die Arbeit Schlaffhorst-Andersen zu vertreten. 1938 arbeitete Elisabeth Goebel viele Monate in dem Kinderhaus Schlaffhorst-Andersen in Weimar, das von Ilse Krüger geleitet wurde. Daneben leistete sie die einjährige "Helferzeit" in Hustedt ab. Bei Beginn des 2. Weltkrieges meldete sie sich freiwillig zum Hilfsdienst beim Roten Kreuz und wurde in der Kieler Universitäts-Frauen-Klinik als Schwesternhelferin eingesetzt. Bis Ende des Jahres blieb sie dort tätig. Anfang 1940 siedelte sie ganz nach Weimar über. Am Sozialpädagogischen Institut in Weimar wurde für sie eine Beamtenstelle eingerichtet mit Unterricht in Musik und Deutsch. Außerdem wurde sie als Chorleiterin eingesetzt. Die Leiterin der Sozialpädagogischen Ausbildungsstätte, Mintja Bostedt, war mit Ilse Krüger befreundet und stand der Schule Schlaffhorst-Andersen sehr aufgeschlossen gegenüber. Dort blieb Elisabeth Goebel bis zum Kriegsende. Danach trennte sie sich nicht mehr von Waltraud Seyd. Sie begannen ihr gemeinsames Leben 1945 in Wuppertal.
Und nun wünschen wir Ihnen viel Freude beim Lesen der Briefe.
Im Oktober 2001 Für den Vorstand des Freundeskreises gez. Heidi Noodt
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Hustedt, 30. September 1935
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
An inliegender Karte ersehen Sie, daß ich Ihnen schon vor 8 Tagen einen Gruß schicken wollte. Es lebt doch irgendwo zwischen Ihnen und uns weiter; es gelang mir nicht, die Karte kam wieder, weil ich 8 statt 81 geschrieben hatte. In meinem Buch steht aber Nummer 8 vermerkt. - Nun sende ich Ihnen die Karte auf diesem Wege und hoffe, sie trifft Sie bei fester Arbeit und bester Atmung. Wir rutschen schon nicht mehr vorwärts, sondern es geht im Siebenmeilenschritt. Alles ist froh darüber und täglich fliegen mir neue Worte zu ! Man soll aber nicht glauben, daß die Schwere beendet ist - sie hält treulich Schritt. Hoffentlich können auch Sie weiter.
Bitte Grüße Ihrer Freundin und Ihnen.
Ihre H. A.
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Hustedt, 17. November 1935
Liebes, sehr geehrtes Fräulein Goebel !
Rund vier Wochen sind seit meinem Geburtstag dahingeflogen, ja beinahe gesaust und noch liegen unzählige Briefe zur Beantwortung da. Nun, da Ihre Freundin wirklich hier ist, können Sie denken, wie sehr oft wir Sie hierher wünschen. Das Leben ist grausam, wenn es gerade die trennt, die vereint etwas Gutes schaffen würden. Könnten wir hier oder sonstwo mit Ihnen beiden an der Hebung des Menschtums arbeiten ! Geduld, Geduld - Sie beide werden es noch erreichen. Ihre Freundin geht hier ganz mit, zu aller und unser beider - Hedwig und meiner Freude. Ist das nicht schön !! Sie überrascht es gewiß nicht; aber wir haben so etwas unbockiges - also ganz Großes, Kluges noch nicht erlebt unter unserer Gefolgschaft. Sie geht nicht nur mit, sondern hilft mit, arbeitet zur Begeisterung mit allen Theorie in einer Weise, nach der ich immer Sehnsucht gehabt habe. Und diese Schmach - ich konnte noch nie dabeisein ! "nur nicht denken", nur weiter - mit jedem Atemzug.
Danke Ihnen herzlich für Ihre lieben Worte. Ja, ich muß leben, denn so schöpferisch wie nach meinem Geburtstag war ich noch nie. Mitten in meinem eigenen Singen gebiert die Seele stetig neu - groß - einzig - aber hoffentlich Erreichbares. Gern schrieb ich Ihnen Ideen; wenn ich nur ahnte, was sich in Ihnen erhalten hat und wo Stockungen sind. Was Sie dort aushalten müssen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Viel Glück wünsche ich Ihnen zu Ihrer Examensarbeit. - Alle sitzen am Kamin, ich muß dorthin, seit ich alleine bin. Ilse Töpfer ist in Berlin. -
Viele herzliche Grüße, auch von meiner Freundin stets
Ihre Clara Schlaffhorst.
Auch ich warte, daß Sie wieder hier sind, oh.
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Hustedt, 30. November 1935
Liebes Fräulein Goebel,
nach einem wundervollen - "Wunder-vollen" Tag und Abend, an dem Ihre Freundin noch zur Freude aller hier weilte, sollen Sie noch einen kurzen Gruß haben. Mündlich werden Sie Bände zu hören bekommen, ich hoffe, Fräulein Dr. Noack wird Ihnen am laufenden Band, d.h. in rhythmischer Folge berichten. Achten Sie nur drauf, daß Sie nicht ins alte Gehirn gleitet. - Ihnen möchte ich nach Ihrem letzten Brief noch schreiben, daß Sie versuchen sollten, von der Nase aus Stützpunkte dem Zwerchfell zu geben; und zwar im Tiefgriff, nicht im Lebensatem bei Ton g vorne - c Mitte - f hinten in den Schenkeln, der Zwerchfellwurzeln beim Ausatmen. - Und nun weiter zu zweien -
Alles Gute und viele Grüße von uns beiden Hustedtern,
Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.
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Hustedt, den 6. Januar 1936
Liebes Fräulein Goebel !
Mitten in Ihre Arbeit hinein möchte ich Ihnen einen kurzen Gruß senden, den Sie aber nicht zu beantworten brauchen. Ich erwarte keine Nachricht, außer wenn Sie irgend eine Hilfe brauchen, wenn Ihnen also die Puste ausgeht. Auch heute schreibe ich Ihnen nur, um Ihnen erstens zu sagen, wie sehr ich in Gedanken bei Ihnen bin, und dann will ich Ihnen erklären, daß wenn Sie Atemübungen machen oder auch selbst beim natürlichen Atmen sich Widerstand geben durch die Idee der nicht ganz offenen Nase, beim Einatmen, desgleichen durch Übg. 3 Kofler, wo die Luft durch die geschlossenen Lippen gehen soll.
Also durch Nase und Mund Widerstand geben, - beim natürlichen Atmen. Dann spüren Sie deutlicher die innerere Kraft der Natur; das Zwerchfell wird zur tieferen Senkung gezwungen; die Stimmbänder gehenweiter auf, es strömt mehr Sauerstoff hinein und Sie fühlen sichbelebter und freier und können danach aus tiefster Lunge ausatmen,dann die tiefste Ruhe abwarten, aus der ein neuer Lebensatem quillt.
Hinter mir übt der Chor mit Chemin-Petit - immer wieder "Zur Ruh' gebracht" in vielen Variationen. Gestern hörten wir ihn (den Chor) in der Kirche - Publikum tief beeindruckt durch die Stimmfarben - Himmelsklänge.
Nun Schluß - denn unser beider Zeit ist knapp.
Sehr herzliche Grüße von uns beiden - Grüße auch Ihrer Freundin, Brief folgt.
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 8. März 1936
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
Wir beide, meine Freundin und ich, waren heute herzlich erfreut durch die guten Nachrichten von Ihrem glücklich bestandenen Examen. Dem Vergleich zwischen den beiden Kompositionen mit demselben Text hätte man gerne beigewohnt; auch die weiteren zu behandelnden Themen müssen lehrreich gewesen sein, und auch die Vorpubertätsgedanken von Ihnen, alles war uns schon aus dem Brief interessant. Gelernt wird dort durch ein gut Teil, wodurch Sie nun befähigt sind, zu wirken in all den für die Erziehung der Jugend wichtigen Fächern.
Von anderer, Ihnen fernstehender Seite hörten wir zur gleichen Zeit, als wir die Nachricht hier bei Tisch verkündeten, daß Ihre große Ruhe vor und im Examen ein köstlicher Beweis für das gewesen sein soll, was Sie hier an guter Atmung begriffen haben müssen. Die Dame, die davon gesprochen hat, möchte jetzt auch nach Hustedt, um ihre Angst beim Vorspielen zu beherrschen. Ist das nicht eigen ? Ruth Harder ist noch hier; ihr bestellte ich auch Ihre Grüße, und sie freute sich wie alle andern, die Sie von hier aus kennen, über das Resultat Ihres Fleißes. Fräulein Harder ist ein schwieriges Problem, weil sie gar zu lange ohne inneres, geregeltes Leben vegetieren mußte. Aber sie ist eine liebe, aufmerksame Schülerin, die man gerne fördert, weil alles in ihr förmlich nach dem Gesetz schreit.
Was Sie uns über das "Gummiband" schreiben ist uns nicht fremd, Darum wählten wir die Freiheit auf Gedeih und Verderb. Wir sind hier allesamt froh über das Erstere, was sooo langsam nicht hätte reifen können, wie es hat reifen müssen.
Es wäre, angesichts der bestandenen Prüfung doch wichtig, wenn Sie auch nur kurz hier sein könnten. Im Übrigen müssen wir beide, wie immer in besonderen Fällen, geduldig des Kommenden harren. Daß wir Sie herzlich gern fördern möchten, wissen Sie.
So nehmen wir vorläufig unsere beiderseitigen lieben Grüße entgegen; wir erwarten also, so zeitig wie möglich, Ihre fernere Nachricht über Ihr Kommen...
Alle, und wir beide besonders, grüßen Sie bis aufs Wiedersehen.
Ihre Clara Schlaffhorst, H. Andersen
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Hustedt, 20. Juni 1936
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
heute ist so recht eine Stimmung, um an Sie (zu) schreiben; wir beide, meine Freundin und ich, haben eben recht bekümmert an Sie gedacht, die Sie bei der enormen Glut, die nicht nur außen, sondern, wie wir ahnen, auch innen brennt, sich in der Schule an den gewiß schlaffen Kindern plagen müssen. Wie sind nämlich in Ferien, d.h. aber bei uns im Hause und es wäre, wenn der Teufel uns nicht so oft durch die Flieger einen Besuch abstatten würde, so wie man's sich nicht schöner denken kann. Einsamkeit - Ruhe - Arbeit - Spiel und Sang alles in Abwechslung, dazu gehen oder liegen nach Herzenslust, so wie wir es in unserem langen Leben noch nie gehabt haben. Daß man in solchen wenigen Augenblicken an Andere, besonders seine Schüler denkt, ist doch kein Wunder, zu dem hat heute Fräulein Noack um ein Plätzchen gebeten, das wir ihr sogar noch geben können. Wie mag es Ihnen in der Zeit ergangen sein ? Ihr Brief datiert keine Zeit; aber der Poststempel sagt's: den 23.04.1936 - da hatten Sie sich noch kaum eingewöhnt. - Hoffentlich ist es nicht bei dem einen Mal, wo Sie so schön singen konnten, geblieben ! Ich habe inzwischen noch viel Wertvolles entdeckt. Das Arbeiten an mir geht nun, da ich kaum zu sprechen habe, alles von selbst. Ob Ihre Kinder "eingestimmt" sind; wie gerne hülfe ich Ihnen dabei. Das wäre das beste Lernen ! - Was Sie da an Stimmen gefunden haben, ist ja ein großes Elend. - Die Tochter von Erdmann ist beseelt; die weiß, was sie muß; ob Sie ihr den Weg zu ihrem Selbst zeigen können, schon ein Wenig in unserem Sinne ? Oder ist Ihnen draußen in der Welt viel verlorengegangen ? Bei Ihrem letzten mal Hiersein, waren Sie noch zu benommen vom Examen. Ihr Kopf hätte sich erst erholen müssen, denn um bewußt aufzunehmen, war auch die Zeit zu kurz. Instinktiv kamen Sie ja köstlich voran. Ihr Ausspruch von Nietzsche ist sehr vielsagend und betreffs seiner würdig. - Und nun muß ich Sie verlassen, ich sitze und schreibe viel - viel. -
Wir grüßen beide und wünschen von Herzen, daß Sie nicht mehr zu weit von den Ferien sind. Durch Fräulein Dr. Noack hören wir bald von Ihnen. Inzwischen alles gute für Ihre Arbeit und für Ihr eigenes Weiterkommen. Wann kann das wieder sein ? -
Immer in stillem Gedenken - Ihre Clara Schlaffhorst.
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Hustedt, 22. November 1936
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
Es ist lieb von Ihnen, daß Sie mir einen Bericht über Ihre Arbeit an andern und insbesondere an sich selbst schreiben; so kann ich Ihnen gleich aus der Ferne helfen. Daß es von selbst weitergeht, freut mich sehr; gerade darum möchte ich Einiges zum "Engel" sagen. Das Dumme auf dem "Fis" oder Vokal "e" ist nur dann da, wenn die Verbindung zur zweiten Urform (Fläche, dritter Kegel) verloren gegangen ist; - zweimal mußte ich niesen - d.h. die zweite kommt nur, wenn die erste Form da ist. Und Sie singen allein für sich natürlich nur mit Tiefgriff ohne Vollatem und daher mit zu viel Innenluft. Und, was die Stimme anbetrifft, mit Stimmlippen statt mit dem Band. Das ist an sich gerade kein Verbrechen; aber dann ist keine Skelettbewegung da; die hat nur das Band durch die es umgebenden Knorpel. Wenn Sie dagegen "Träume" auf A ganz prachtvoll singen, dann haben Sieda die Skelettbewegung. Der Text ist extra zu üben; und zwar erst zu sprechen mit Tonbewußtsein für die Eigentöne der Vokale - Luft unterhalb der Zunge und wo Vokaldehnung ist - (zwei oder mehr Töne auf einem Vokal) die Hypophyse, also auch die Nase zur Einatmungstätigkeit hinzu nehmen.
Was Ihnen gräßlich ist, brauchen Sie für sich oder von sich aus nicht zu üben. Einmal singen genügt. Noch etwas vom Vokal "E" - Er, sowohl wie "o" und "a", müssen vom Menschen aus stumm gegeben werden. Sonst stellt sich der muskulus vokalis nicht von selbst ein. Und dieser ist sehr notwendig (hängt aber von der Luftfülle in der Lunge ab) - damit das Band immer in seiner Länge erhalten bleibt. Dann geht die Kürze von selbst. Machen Sie, bitte, auch im Gehirn Unterschied - bei der 1. Septime, langes Denken - bei der zweiten Septime kürzer und bei der dritten ganz kurz (gestopft). Nun habe ich Ihre Fragen nicht beantwortet; uns geht es gut, Arbeit schreitet rüstig voran. Graf Bredow ist hier, läßt grüßen. Anita ist zu einem Arzt nach Gütersloh gefahren, der ein prachtvoller Mensch ist. Endlich finde ich in ihm den Arzt, den ich gesucht habe. Geschwür geht auf - ist nichts Krankes, Schlechtes. Das wäre trostlos. - So wird sie mit Gottes Hilfe gesunden.
Meine Freundin und ich grüßen Sie, Fr. Noack, Gertz, Benedix und alle sonst herzlich - Stets
Ihre Clara Schlaffhorst.
Dank für Ihre lieben Wünsche zum 16. - Es war ein schöner Tag mit aller Liebe.
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19. September 1937 im Zug von Berlin (Postkarte)
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
Daheim habe ich die Anschrift geschrieben; hoffte ich von Ihnen von Nissens aus die Karte schreiben zu können, um Ihnen für Ihren letzten Brief zu danken, der uns die Ankündigung Ihres Kommens brachte. Und nun kann ich dies erst auf der Rückfahrt von Berlin tun. Es war auch dieses Mal der Anschub - der Zahnarzt, bei dem wir den ersten Teil unserer Reise zubrachten, der zweite kommt nun in Eilsen beim Augenarzt, der dritte in Hustedt - So jagt man durch's Leben, sobald die Arbeit Zeit dazu läßt. - In Berlin half ich Nissens, Erne hat dieses Mal einen köstlichen Schluß gemacht. Das war für uns alle eine Riesenfreude, auch für sie selbst. - Daß Frau Dr. Noack und Sie solch eine schöne Zeit bei Gräfin Bredow verleben konnten, das war doch herrlich. Eben hält der Zug, da kann ich Ihnen noch einen Gruß an die Kieler und an Sie selbst von und beiden schreiben. Hoffentlich sehen wir Sie froh wieder.
Ihre H.A.
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Hustedt, den 26.12.1937
Mein liebes Fräulein Goebel,
Ihr schöner Weihnachtsbrief hat uns sehr erfreut und grade, daß Sie so ernst über die Zukunft denken, beweist uns von Neuem, was wir ja schon so wie so wissen, daß Sie nicht leichtsinnig das bisher Errungene aufgegeben und sich blindlings auf ein neues Abenteuer eingelassen haben, sondern sich der Schwere Ihres Entschlusses bewußt sind. Solche Denkart ist grade das, was wir brauchen und an uns soll es gewiß nicht liegen, wenn es vielleicht nicht ganz so schnell vorwärts geht, wie Sie es sich wünschen oder gedacht haben. Auch uns eilt es, den jungen Nachwuchs nach jeder Möglichkeit zu fördern, denn unsre Jahre sind gezählt und noch ist die Nachfolgerin nicht zu erschauen. Es kann wohl auch nicht eine sein, es müssen viele, alle sein und jeder muß seinen Acker bebauen und besäen und die Ernte in Geduld erwarten: Überstürzen läßt sich auch nichts, es kommt auf Natur, Entwicklungsmöglichkeit und - auf Schicksal an und da sind wir froh, daß auch Fräulein Noack bei Ihnen Fortschritte in der selben Richtung festgestellt hat, wie wir. Hoffen wir also, daß das Schicksal gnädig sei im Neuen Jahre, daß es keine störenden Ereignisse in den Weg legt, sondern Ihre Entwicklungsmöglichkeit frei wachsen und sich entfalten läßt, so wie Ihre Einsichten, Ihre Zuversicht, Ihren Glauben an Gott und alle guten Geister. Das ist mein Neujahrswunsch für Sie, mein Liebes, und er kommt aus hoffnungsvollem, zuversichtlichen Herzen.
Das Fest ist vergangen und der Schnee auch, in zwei Tagen konnten wir trockenen Fußes nach allen Hinrichtungen spazieren gehn und die Blicke richten sich bereits auf die nächste Woche, bzw. das nächste Jahr, das uns gleich von Anbeginn an wieder vor eine große und schwere Aufgabe stellt. Sie wissen, daß 2/3 des alten Chores zu einer Arbeitswoche herkommen und die bisher angelangten Nachrichten lassen darauf schließen, daß es wieder all unsrer Kraft und Konzentration bedürfen wird, um die vom äußeren Leben wieder arg verwehten Seelen und Stimmen zu einer Einheit und Einheitlichkeit zusammen zu fassen. Denn darauf - und nicht nur auf die Herrichtung jedes Einzelwesens für seinen individuellen Zweck - kommt es ja beim Chor hauptsächlich an. Und wenn wir auch einstweilen die Choridee begraben haben (nicht ohne bittres Weh im Herzen), so schlummert doch in der Tiefe der Seele immer noch ein Hoffnungsfünkchen auf bessere Zeiten und so kann meine Freundin es noch nicht über sich gewinnen, alles bisher Erarbeitete wieder ganz auseinander flattern zu lassen, sondern hat doch den heißen Wunsch, wenigstens diese Gemeinschaft immer noch zusammenzuhalten. Das werden Sie verstehen, um so mehr, da ja Aussicht auf Nachwuchs da ist und da Sie ja selbst zu diesem ersehnten Nachwuchs gehören. So werden Sie hoffentlich auch verstehen, daß wir den Wunsch haben, ja die Notwendigkeit fühlen die ersten Tage der Arbeitswoche mit diesen Teilnehmerinnen allein zu sein. Und so bitten wir Sie, nicht gleich wie die Anderen, am 2. Januar zu kommen, wie Sie vielleicht geplant haben, sondern erst Ende der Woche, ich würde Ihnen dann noch mitteilen an welchem Tage, sobald wir einen Überblick haben, wie sich alles gestaltet. Ganz ohne ernste und vielleicht schwierige Besprechungen und Auseinandersetzungen wird es wohl kaum abgehen und wir möchten auch nicht, daß Sie darin mit verwickelt würden. Sollte es Ihnen Schwierigkeiten mit Ihrer Unterkunft machen, so will ich gern für etwaige Unkosten aufkommen, bitte schreiben Sie mir ganz offen deswegen, so offen, wie ich Ihnen eben auch schreibe.
[Bis dahin schrieb Hedwig Andersen]
So weit kam gestern meine liebe Freundin, liebes Fräulein Goebel; sie war ganz erledigt. - Warum auch, - Sie hätten mit Ihrem Herzlein alles erfaßt, auch wenn es kürzer gewesen wäre ! Eben habe ich sie beim Üben festgenagelt. Solche "Pflicht-Menschen" haben ihren eigenen Kopf "gepachtet". Auch ich habe mich über Ihre und Frau Noacks Zeilen herzlich gefreut. Möge das Schicksal uns nun seinen Segen geben; alles Andere fügt sich von selbst. ich wollte Ihnen beiden herzlichst danken für das "schöne kleine Werk". Wo und wann werde ich es lesen können. Immer noch heißt's schreiben - Ihnen beiden wünsche ich, der Segen Gottes möge auf Ihrer Freundschaft ruhn, da spreche ich aus Erfahrung. Und sonst möge das Neue Jahr Sie beide fördern, damit Ihnen Ihre innersten Anlagen zur Erfüllung bringen. Bleiben Sie gesund und freuen Sie sich des Lebens, dem Sie entgegen pilgern.
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 08.05.1938
Sehr geehrtes, liebes Fräulein Goebel !
Mit einer großen Ruhe, die durch die letzte Woche über mich gekommen ist, und einen großen Bogen beginne ich kühn einen Brief an Sie, die Sie mir so bald einen Bericht sandten. Auch er gab mir Beruhigung und Freude, daß Sie an der Arbeit an Anderen sich betätigen; d.h. Fremden. In Kiel haben Sie, wie mir Fräulein Gertz schrieb, auch geholfen. Der gestrige Sonnabend verlief eigen; wir waren nur vier Schülerinnen, Fräulein Kalk und wir beide zum Musizieren beisammen. Das erlebten wir noch nie - Ach! - ich habe Madden als Freundschaftsmensch vergessen. Sie ist wohl den letzten Sonnabend hier und gab uns den größten Impuls, die Stunde wie immer abzuhalten. Es war aber schließlich eine von den schönsten Sonnabendstunden ! Das kam ganz urplötzlich. meine Freundin war freudig bereit, zu spielen; es gelang auch herrlich: Etüde Czerny, Chopin f-moll und Schumann "Elfe". zum Schluß, kurz vor sieben Uhr, noch das Präludium. Alles in großer Vollendung. Und mein Schaffen stand daher auch unter einem guten Stern., wenn ich auch nicht gerade vollkommen begleitet wurde. So waren wir alle mit einander eins in dem stillen Bewußtsein - es ist und bleibt doch das schönste im Leben, so in Musik zu leben und zu atmen. Fräulein Kalk hat auch gut gesungen und gut deklamiert. Hinterher waren alle bis spät in die Nacht sehr erregt. Das sind doch immer große Augenblicke, von denen man nie weiß, ob sie wieder kommen. Wie sehr wir Sie dabei vermissen, brauche ich Ihnen nicht zu schreiben, und doch denke ich gerne an Sie, die Sie nun schon in der Ferne helfen. Sie werden es dort Ihrer Beschreibung nach nicht leicht haben; denn es wird schon, wie Sie selbst denken, dieser Krampf weit zurück liegen. Daß da kein Selbstvertrauen ist, verstehe ich wie immer, trotz bester Erziehung gut. Das müßte bewußt erarbeitet worden sein und wer versteht es ? Auf unserem Wege doch nur und mit welcher Mühe ? Wer kommt denn auf richtigem Wege zu sich selbst ? Etwa die Mütter ? Die Kennzeichen: aufrechte Haltung - Sprache - Gang ! Wo finden Sie es ? Höchstens durch Drill. Aber von innen her, stetig wachsend und den Menschen fördernd, doch nur von der Natur her. Von ihr weiß man selbst dem Namen nach, nur Verkehrtes. ob Sie zum Singen kommen ? das wäre schön. Das erleichterte Ihnen Eingang zu finden in die Seele der Menschen, wie ich es gestern bei sehr fremden Neuen erlebte. Ich bin mit meiner Freundin viel bei Ihnen in Gedanken und hoffe, es geht dort gut. Viele Grüße, viele ! - ach so viele senden Ihnen
Ihre "Beiden" und Madden, die eben bei mir singt.
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, 15.11.1938
Mein liebes Fräulein Goebel !
Das Glück will mir doch noch hold. Es beschenkt mich mit einem kurzen Augenblick Ruhe vor der großen Abfahrt. So kann ich meine Seele endlich entlasten und Ihnen wenigstens noch einen Weihnachtsgruß senden und mit ihm eine kleine Schrift, die Ihnen hoffentlich, wie uns, wohl tun wird in dieser Zeit der Not.
Ihre Ausführungen über das, was Sie im Leben und in der Kunst durchleben mußten, verstehe ich nur zu wohl, das begann bereits in unserer Jugendzeit, schürte in uns beiden die Not so, daß wir diesen Weg, der jetzt alle so überglücklich macht, finden mußten. Bis hierher sind schon dauernd Störungen gewesen. Trotzdem schlängle ich mich mit meinem positiven Willen, Ihnen den Gruß zu senden, durch. - Es war hier wieder eine gute und sogar teilweise schöne Arbeitszeit. Gut, weil sich mir noch vieles offenbarte, was den Lernenden besseres Verständnis, Fassungsmöglichkeiten und damit nach beiden Seiten hin Erleichterung brachte. Die Menschen waren von guter Art und fanden sich als solche zusammen. Fräulein Wilmanns schenkte uns jeden Sonnabend eine schöne musikalische Leistung, zu der ich Sie oft herbeigewünscht habe. Meine Freundin fand Zeit zum Üben und überraschte uns öfters am Sonnabend - letzten sogar mit dem "Aufschwung" von Schumann, der total umgeschaffen wurde. Und von mir kann ich Ihnen betreffs der Stimme Gutes sagen. Sie hat keine Hemmungen mehr - und giebt nun in dem Styl, den Sie von mir kennen, Alles her, was der Schöpfer in mich hineingelegt hat. Und nun zu Ihnen, die Sie hoffentlich die Singpause hinter sich haben und Ihrer Freude und Begeisterung über die Wirkung Ihrer Arbeit an Anderen freien Lauf lassen können. Wie froh bin ich, Sie bald wieder sehen und hören zu können ! Von herzen wünsche ich Ihnen auf Ihrem nun schon befestigten, inneren Lebensdrang - und -flug in's Weite alles, was sich Ihr Herz wünscht. Die Welt verlangt immer dringender nach dem, was wir ihr bringen und so möge Gottes reicher Segen Ihnen im nächsten Jahr gegeben werden. Mit guten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest von uns Beiden, sendet Ihnen viel liebe Gedanken
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, 17.11.1938
Mein liebes Fräulein Goebel !
Nun ist Fräulein Grimmsen heute früh abgefahren; und trotzdem ich es täglich liebend gern getan hätten, war es mir nicht möglich, eine halbe Stunde wenigstens abzuknöpfen von dem gewöhnlichen Tagespensum, um Ihnen zu schreiben und mir damit endlich Luft zu machen. Die war mir nach Ihrem ersten Brief sozusagen ausgegangen, weil mir Angst und Bange wurde, daß Sie hinter der immerhin schweren Chorzeit, so gar keine Ruhe haben konnten, sondern gleich so viele und schwere, eigentlich auch noch unstudierte Sachen singen mußten. Die Stimmung konnte von innen her noch nicht da sein. So haben Sie eine schöne Probe für Ihr "Können" geleistet. Das ist für andre schon wertvoll. Ich war geradezu beruhigt von Ihrem zweiten - geteilten Brief. Danke Ihnen herzlich für Ihr so baldiges Gedenken an mich. Als ob Sie ahnten, wie es in mir sorgte. Nun sind auch nach dem Brief (04.11.) wieder Wochen dahingeeilt. Mein "Zustand" war in seinem ersten Stadium bald behoben; es blieb bis heute noch Schonung übrig. Nicht, daß ich mich krank oder elend fühle, ich vertrage nur schwer die Welt, und je mehr draußen, desto weniger. Und wer ist denn drinnen so wie ich selbst angelegt ?! "Keiner kann keinem Erbe hier sein" - wie wahr ! Gesungen habe ich gestern wieder zum ersten Mal nach dem 16. Oktober. Und so gut wie nie. Ich hatte mit meinem Stiftzahn noch einmal Pech - das lief bereits während der Chorzeit. Dann kam die Woche im Bett: und dann noch eine Woche des "Auferstehens" und da war er plötzlich draußen: am Freitag, den 11. abends wurde es mir klar, daß ich sofort nach Berlin muß. Meine Freundin war froh, denn sie mußte auch dorthin. So entschlossen wir uns, gaben Sonnabend noch einige Stunden und fuhren gen Berlin. Herr Schmidt war telegrafisch benachrichtigt, besorgte auch Logis, und so saß ich dort von 5 1/2 bis 8.00 Uhr auf dem Stuhl. Eine schöne Prüfung für die Nerven. Alles ging gut von statten und am Sonntag waren wir bei Erne, die sich unendlich freute, uns bei sich zu haben. Am Montag kam Hedwig heran. Erne war doch noch sehr in dem, was sie durchlebt; wenn sie nur erst wieder Stunden geben wollte ! Es ist aber noch so viel zu ordnen, wie sie sagt ! Noch habe ich nicht Ihre beiden Fragen beantwortet. Fräulein Steiner hat viel Ruhe nötig. Die falsch benutzten Nerven müssen sich immer noch zurecht finden. Darum ist das Vorwärtsgehen gehemmt. Das Musikalische lernt sie von Grund auf bei Fräulein Andersen; sie selbst ist glückselig. Willmans geht wie auf Hefe - prachtvolle Arbeit -. Es wäre noch viel zu erzählen, ich habe zu viel von uns geschrieben. Professor Högener schreibt und spricht beglückt, hoffnungsfreudig über die Arbeit und den Chor. Er hat Sonntag in Hannover georgelt. Mehrere hörten ihn, leider hatte ich Pech, ich war in Berlin. Es freut mich unendlich zu hören, wie sehr Sie zu tun haben und daß es Ihnen Freude macht. Auch über Ihr bewußtes, selbständiges Singen, daß so gut wie nie ging. Hoffentlich singen Sie in Weimar auch vor ! - Nun aber Schluß - und viele viele Grüße und Gutes für Ihre Stimme und Ihre Arbeit wünscht Ihnen
Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.
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Kleines Kärtchen mit einer Rose
Im Andenken an die schönste Arbeit meines Lebens
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 16.02.1939
Mein liebes Fräulein Elisabeth Goebel !
Daß ich Ihnen selbst und noch dazu so bald schreibe, hat verschiedene Gründe, die Sie gewiß aus dem Brief herauslesen werden.
Zuerst erfreute mich Ihr noch beinahe dauerndes Hiersein. Es kann bedrückend, aber auch manchmal beglückend sein. Das Erstere wohl, weil Sie mich nicht gerade auf der Höhe des Wohlseins zurückließen. Darüber will ich Sie ganz zuvörderst beruhigen. Seit Sonntag früh, nachdem ich mich in Ruhe und Vernunft ernährte und zwar nach den Regeln, die ich von früher kenne, schlug die Sache über drei Tage in's Gegenteil um. Das hat sich aber schon geändert, weil eine neue Erkenntnis mir eine neue Geistesrichtung zuwies. Dafür hat es mir heute Nachmittag nach heißem Pflichtarbeiten - Stunden - Briefe Aufsatz - fünf Minuten vor sieben Uhr mir und meiner Freundin, ein herrliches, vollreifes, künstlerisches Erlebnis der beiden Septimen. (Mir soll erlaubt sein, so verkehrt zu erzählen) es gibt ja nur eine ! Und nun schreibe ich Ihnen sofort nach dem Abendessen so ausführlich und vor Allem unmittelbar - Ihnen, die Sie sich um mein Ergehen sorgen, Das können Sie abtun. Dafür schreibe ich nun von meiner Bangigkeit um Sie, liebes Herze. Durch Zufall erfuhr ich von einer neuen Reithose. haben Sie Absicht aufs Roß zu steigen ? So viel Ruhe lebt noch nicht in mir, daß ich das denken kann, ohne nicht um Sie zu bangen. Und zwar in vieler Richtung. Ausmalen möchte ich hier nichts; aber bitten, wenn's möglich, garnicht zu tun, oder mit äußerster Vorsicht auf Seele (Stimme) und Körper.
Und nun zu Ihren Worten und denen von Rilke - Sie können nun, da Sie mich erlebten, verstehen, wie und mit welcher Vehemenz das Durchschlagen vor sich geht, und wie das Wachs, wenn es erst glüht, mit fast magischer Gewalt das Loslösen bewirkt, so daß man glaubt, vom Teufel selbst verzehrt zu werden. Dieser Zustand war es und ist es hoffentlich noch eine kleine Weile, bis daß das deutsche Wesen in mir genesen konnte. Somit sorgen Sie nicht - ich gehe Ihnen ja durch mein Alter voraus. Eilen Sie nur weder zu schnell und halten Sie, nach anderer Richtung durch das äußere nur Dasein, nichts auf.
Hoffentlich werden Sie in der nächsten Woche schon wissen, ob Sie dort helfen können. Dann höre ich wieder von Ihnen. Die Bilder sind doch köstlich geworden. besonders Sie im Solopart. Danke für Ihre lieben Zeilen und den Rilke! - Die Künstler wissen alles. Mit vielen Grüßen von
Ihrer Clara Schlaffhorst und Freundin.
Was sagt Fräulein Dr. Noack von Ihrem Singen ?
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Hustedt, den 18.02.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Sie sind in Ihrem Schreiben dieses Mal wirklich fleißig gewesen ! Und ! werden Sie sagen -: Sie nicht minder. Dieses mal muß ich Ihnen im Gegensatz zu vorigem Mal aus zweierlei wichtigen Gründen schnell mitteilen, daß der Arzt - Herr Güthenke - aus eigenem inneren Ruf hier war - gestern Vormittag - und nach gründlicher Untersuchung feststellte - daß ich total normal sei ! Was will man mehr? Jetzt wird meine Freundin es mir glauben.
Was ich aushielt waren Folterqualen, die ich mir durch den Beruf des Forschens zugezogen hatte. - Herz hat sogar kein Atom Verkalkung - Blinddarm tadellos - Därme ohne irgend eine Stauung. Lunge - Puls - Blutdruck gut, letzterer 180!!!
Na also - daraufhin habe ich gestern um 6 Uhr gesungen. Fünf Lieder - bei jedem lernte ich etwas. So daß ich am liebsten bis in die Nacht gesungen hätte. Alle andern waren auch erstaunlich gut. (Es ist rührend, wie die Seele das alles gefunkt hat) Steiner hat sich brav bemüht an "Die Blümelein sie schlafen" genau wie in der Stunde am Freitag. - Für mich und besonders Fräulein Andersen eine moralische Kraftleistung ohne Gleichen. So, nun sind Sie im Bilde - nein Irmel Wilmans spielte Bach Sonate Adagio c, Mozart c moll - beides voll und mit starker, innerer Beteiligung. Harling "Oh wüßt ich doch" - hell und klar, fast durchsichtig.
Auf diese Weise leben Sie weiter bei uns bis Sie dort heimisch geworden. Ihrem heutigen Brief nach geht's voran. Die Gräfin wird ganz von selbst umgewandelt. - Und nun kommt mein zweiter Grund. Ihre Beobachtung über den Buben stimmt, außerdem, daß Sie Falsches, Psychisches fortzuschaffen versuchen, knüpfen Sie entweder durch Zählen oder Septimen - Vorstellung vom Gehirn aus an, um durch dessen Ausatmung zur Stimme zu finden. So weckt man die Durchlüftung (Verbindung) von Gehirn zur Stimme und gewinnt ein neues, wahrscheinlich winziges richtiges Piepsen oder Stimmchen. Ersteres mit Stimmlippen - zweites mit Band ? Fraglich für mich, weil ich ihn nicht kenne. - Und nun lockt der Himmel zum Wandern. Alles um mich ist ruhig und sonntäglich. Daher auch der Gruß an Sie, liebes herze. Gutes wünscht ferner
Ihre Clara Schlaffhorst.
Einziger schwere Gedanke: Elly Ney !! Alle besonders Fräulein Andersen grüßen.
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Hustedt, den 08.03.1939
Liebes Fräulein Goebel !
lang lang ist's her, daß ich von Ihnen persönlich Nachricht erhielt. Ihr letzter Brief vom 21.02. schloß mit dem Stoßseufzer: "Ich wollte Ihre Zeit nicht so lange in Anspruch nehmen." Unter diesem Empfinden hörte ich nichts mehr. Und doch gehen oft Fragen von mir zu Ihnen und landen dann im besten Fall bei Ilse Krüger, die mir dann Brocken zuerteilt von dem, was Sie dort erleben, im wahrsten Sinn das Wortmüssen ! Ja, die Menschen sind das Merkwürdigste auf dieser schwarzen Erde. Bis in sie Leuchtkugeln fliegen, dauert lang. Und manchmal ist's ausgeschlossen. Aber bei Kindern geht es immer noch, und die werden Ihnen Arbeit geben in Hülle und Fülle und damit Freude. Ihr letzter Brief entlud einen wahren Lachsalvenstrom; denn ich gab die Kartoffelkomödie natürlich zum besten.
Von hier aus kann ich Ihnen, trotz wechselnden Zuständen in meinem Innern - die Lage des Zwerchfells oder noch besser der Fläche scheint sich noch um ein Bedeutendes zu senken, denn mein Rücken macht Anspruch auf äußerst spannkräftige Haltung, sonst schmerzt's, Gutes melden. Aus dem, daß es oft am Tage ist, erkenne ich, wie leicht man nachlässig ist. Mein Ideal für mich und mein eigenes Leben ändert sich demzufolge stets. Das ist für die Übrigen von großer Wirkung. Die Strenge nimmt nach außen hin zu. Besonders bei denen, die sich ausbilden wollen. Fräulein Steiner hat's erreicht, die Altarie "Erbarm' dich mein Gott" von Bach mit Violinbegleitung studieren zu können. Es ging ihrem Maße nach gut. Ich gab ihr acht Tage Urlaub, den sie bei uns verbringt. Alle Anderen, besonders Fräulein Wilmans geht auch voran.
Wie mag es Ihrer Stimme ergehen bei all dem Chaos um Sie herum und auch sonst ? Nachmittags weiter und Schluß. Inzwischen war heute eine bedeutende Mittwochsstunde, in der ich von den ältesten wie eine Zitrone ausgepreßt wurde. Die Stunde stand unter dem Ausspruch von Rückert: "Halt' ein paar Freund' im Haus, das Wissen und den Glauben, und laß' von Keinem dir des andern Freundschaft rauben. Von einem sei genährt dein Geist und aufgeklärt; vom andern dir in Not und Zweifel Trost gewährt." Für heute muß ich Schluß machen, denn nun steht auch meine Freundin und mahnt zum "Gang" - Sie läßt Sie herzlich grüßen, wie auch
Ihre werdende Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 06.04.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Danke Ihnen für die so schnelle Benachrichtigung über Ihren neuen Wirkungskreis. Nun sieht man Sie doch wieder unter "Dach und Fach" und auf dem Wege, anderen zu helfen. Es freute mich zu lesen, daß es Herzeleide so gut geht, daß ihr Aufenthalt hier nachgewirkt hat. Das war für das Mädel damals sehr nötig, daß sie aus ihrem Schraubstock herauskam; so wäre sie nicht mit dem Leben fertig geworden. Wenn Sie nur weiter an ihr und, hoffentlich auch mit ihr, zusammen weiter kommen, dann kann's vielleicht gut werden. Die Jugend ist ein großer Faktor, der mithilft. Das habe ich in diesen wenigen Tagen an dem jungen Hennig erlebt. Denken Sie, der ist erst 20 Jahre. Sie würden gestaunt haben, wie gut er am Mittag seine kleinen Lieder von sich gab - noch keine oder wenig Stimme, aber ein Seelchen, wie ein Morgentau so frisch und weltfern. Und gar heute, als er die letzte Stunde hatte. er wuchs zusehens bis zum c'''. Die beiden alten Herren - Menzel und von Schenck - staunten. Und Rohde's sangen auch beide wie neugeboren; ihm erfüllte ich seinen Wunsch und versuchte noch einmal sein Probelied "Laß o Welt" von Hugo Wolf - und sie war sprachlos - er herzlich froh und dankbar. er sprach sogar von Ausbildung, ehe er Tenor-Arien bei Herrn Schmidt singt, der will ihn stets dazu pressen.
Im übrigen weint ein Auge und eines lacht; einige ruhige Stunden, vielleicht auch Tage. Daß Sie um uns Sorge hatten, war schon begründet; einfach war es deshalb nicht, weil die Zeit zur Aussprache von unserer Seite zu knapp bemessen war. Wir taten's doch. Man konnte uns von alledem, das und was unser Gemüt belastete, nichts erwidern. Das gab peinliche Situationen. Wir waren froh, alles hinter uns zu haben. Mädchen haben sich auch gefunden. Wie es ausfallen wird - ahnt man nicht. - Den 8. weiter. Schön ist der Brief nicht gerade ausgefallen. Ich bleibe Ihnen die Antwort auf das, was edel oder nicht ist, brieflich schuldig; - aber mündlich reden wir noch einmal darüber. Inzwischen ist das Osterfest näher gerückt. Hier prangt der Sonnenschein und die Wärme. Bei Ihnen dort hoffentlich auch; gut, daß ich den Brief bereits geschrieben hatte. Heute ist meine Brille kaputt - Hedsch setzte sich drauf, der Schreck war arg !! - Ich singe nicht, brauche absolute Ruhe. Stimmung hier gut bei den Menschen. Viele Grüße von uns beiden, die wir Sie sehr entbehren. Alles Gute, Frohe, Liebe zum Fest von
Ihren beiden Clara Schlaffhorst und H. Andersen.
Viele herzliche Ostergrüße sendet Ihnen, liebes Frl. Goebel, Ihre H. Andersen und freut sich schon auf Ihren nächsten Brief. - Bitte, Frau von Bredow frohe Ostern zu sagen; desgl. Herzeleide. -
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Hustedt, den 17.04.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Inzwischen ist manches anders geworden; Freude und Leid wechselt stetig, aber erstere überwiegt und darum schreibe ich Ihnen. Das Organ ist heil ! es ist mit wiedergegeben, zart, duftig, luftig trotz aller Not oder gerade durch die Not. Schon an jedem Tag nach dem letzten Singen am 2. Ostertage waren Anzeichen. Stimmung ging leicht und sacht, von Tag zu Tag mehr nach vorne zum Licht; so auch das Hirn nach oben zur Rinde hin. Nun kam noch einmal ein Nieder, darnach hoben sich die Schatten aus dem Tal zum hellen Jubel: Es ward Licht !! Das war Sonnabend. Ich spürte selbst eine große Schwäche, schwieg und ließ andere singen und versuchte gestern Sonntag mit Frau Arnim's Begleitung Händel "O hör mein Flehn" - Darauf nach Frau Bleul's Singen: "Wanderers Nachtlied" , "Tiefe Stille", Frau Bleul und ich noch einmal "Bitte" von Franz. Letzteres zeigte die volle Höhe. Weil ich so dankbar und froh bin, sollen Sie, liebes Herze, es wissen. - Dahinter Nacht und alles in Ordnung - ich auf total neuem Wege - kein Hindernis, wenn auch noch genug Froschlaich ! - Ihr Brief soll noch beantwortet werden. Dank dafür, - er malt die Umwelt, in der Sie eben leben gut und plastisch; daß Sie am meisten Eindruck bei den Jungen durch den Sport haben, verstehe ich gut. So muß man sich bei jedem ein Loch bohren, wo man hineinkriechen kann, nicht nur bei sich selbst. - Den Aufsatz lasen Sie mit "heißem Herzen" - Wie mich das freut; so brannte es in mir, als ich ihn schrieb. Findet es nun doch bei einem Herzen den Widerhall aus dem "es" gezeugt wurde. Das soll mir genug sein! Vom Herzen aus wärmt sich auch der Sterz an, des bin ich gewiß. Nur viel lesen und noch öfters tun. Eben habe ich hier alle drei Chormitglieder am schwingenden Band, also beim Anfang. Sie sind willig und brav. - Ostern war durch die Nähe von Ilse Krüger ganz besonders festlich; überhaupt ging es "gemütlich" her. Schenk, Schümann, Idler, und kein Fremder. Genau so wie Sie es von sich aus schildern, war es auch hier "von einer leuchtenden Schönheit". Wir lagen wie die Lämmer auf der Heide - und sonnten uns.
Danke für Ihren Veilchengruß und nun ein Gruß, leider ohne -; aber von Herzen, auch von meiner Freundin, die fleißig übt.
Hoffentlich ging dort alles in bester Ruhe und Sie selbst kommen zum Arbeiten an Stimme - Fingern und zum Aufatmen !!!
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
Der Kuckuck ruft - lebe wohl, ich bin da.
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Mittwoch, den 23. August 1939
Liebes Fräulein Goebel !
Noch zittert mir Hand und Herz vor Freude über diese Offenbarung einer keimhaften, sich ihres Daseins noch nicht bewußten Gemütsseele.
Wohl ahnte ich Ihren Ursprung, aus der musikalischen Schöpfung eines Schubert, heraushörend; aber, daß sie Wirklichkeit werden könnte, und noch dazu - ohne durch Stimme und sonstige Kleinigkeiten gestört zu werden - das war für mich überwältigend und unvergeßlich.
Ihnen kann ich nicht danken, denn "es" fragte nicht nach Ihnen, sondern gehörte dem Schöpfer und strömte aus unentdeckten Gründen. Es wird erst viel später zum Wachsein in Ihnen heranreifen, so Gott will; aber der Schöpfer sei gepriesen, daß Er das Werk, an dem wir arbeiten, durch dieses Heiligtum krönte.
Nun kann ich Ihm das Werk, als Sein Eigentum in die Hände zurück legen, und die Augen, ja - auch die Ohren, wie alles, was an nur Sinnenfreudigkeit wach war, schließen, einschließlich in ein "kühles Grab".
Ihnen, liebes Fräulein Goebel, möge es beschieden sein, in dieser Ehrfurcht, Anmut und Bescheidenheit vor den Kunstschöpfungen "immer" stehen zu können. - Das soll mein Wunsch von heute sein und bleiben.
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 15.09.1939
Mein liebes Fräulein Goebel !
Mit freudig bewegtem Herzen kann ich Ihnen, die Sie an meinem persönlichen Leben Anteil nehmen, berichten, daß mir eine neue Offenbarung dessen, was im Sänger vor sich gehen muß, damit er ohne Hemmungen singen kann, eben zu freiem Singen verholfen hat. Puh ! Das ist ein langer Satz; er kam aus einem unerhört kreisenden und schwingenden Gehirn. Die Erstgeburt fällt Ihnen in den Schoß. Sie müssen nun damit fertig werden. Entschuldigen Sie, daß ich gleich mit mir selbst beginne, wo doch alles sich um die Weltereignisse dreht, die eigentlich atemberaubend sind. Da soll es sich beweisen, was wir alle können, die wir auf neuem Weltpunkt angelangt sind. - Ihre Freundin Frau Dr. Noack in erster Linie, das ist geradezu tragikomisch, wenn man das innere Wesenhafte in ihr mit dem äußeren Tun vergleicht. Übrigens laufen von überall gute Nachrichten und liebevolles Gedenken an uns und die Arbeit ein. Ihnen dankte ich für den ersten Brief im Stillen sehr herzlich, für diesen letzten Brief nicht minder. Beide geben mir die Gewißheit, daß Sie noch daheim sind und den Faden weiterspinnen können. Mag er zum Stricke führen, aber nicht zum Sterben, sondern zum Leben und ein lebendiger Beweis dafür bleiben, daß das deutsche Volk seinen Mann und das Weib geschenkt bekommen hat, das für seine Erhaltung nach Gottes Ratschluß zeugt.
In der Wirtschaft, nach deren Erhaltung Sie fragen, geht es mit Allen bergauf. Roloff ist Ia und Wismar gesund. Gearbeitet wird wie immer. Es kommt alles in das Geleise, aus dem kein Entweichen mehr möglich ist.Später: So auch leider bei Fräulein Steiner: durch die kranke Seele ist der Leib so außer Kurs, daß vorläufig nicht mit ihm zu rechnen ist. Also heißt es Schweigen. Fräulein G. kann auch nur bis zum gewissen Grad, ein Grad über Null ist gefährlich. Sie werden verstehen, liebes Fräulein Goebel, wie dem zu Mut ist, der nichts verlangen darf. Es heißt wie außen, so auch innen: Mit Geduld warten. Ihnen rate ich, in dem so mit Stoff beladenen Zimmer nichts Großes zu singen. Nichts ist ärger für die Stimme, als Stoff, innen wie außen. Wir wollen hoffen, daß über England eine höhere Macht steht und daß der Krieg nicht endlos ist. Jedenfalls bringen sie alle Nationalitäten gegen sich auf. Damit fällt die Masketotal. Alles, was heutzutage als ein Totales sich auswirkt, ist ein Segen für die Zukunft. In bösem wie in gutem Sinne, wie in Ihnen persönlich. Da geht der Samen endlich auf und erleuchtet die Gehirne. Herr Christophersen hat guten Brief geschrieben, Er hat bei uns so denken gelernt über die Menschheit, daß es auch in ihm hoffnungsvoll für die Zukunft ist. - Grüßen Sie Ihre tapfere Freundin. Die meinige ist's auch. So wollen wir beide weiter gehütet sein. Mehr kann ich eben nicht - Papier - Zeit - Ruhe hat versagt. Tausend Grüße von uns beiden.
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 05.10.1939
Liebes Fräulein Goebel !
In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nie gedacht, daß ich je solch eine Nachricht voll Säuglingsangelegenheiten von Ihnen erhalten würde ! Fast unter innerem kicherndem Neid las ich mit großer Spannung Seite für Seite - nein Reihe für Reihe. Ich hatte nämlich ebenso an Sie gedacht, doch war ich unterwegs nach Berlin zum Zahnarzt mit meiner Freundin, und wir beide haben viel aushalten müssen und besonders auf den Fahrten. Hedwig ist heute noch nicht in Reih und Glied und ich habe täglich Zahnweh, aber nicht durch den Zahn, der ist gesund, sondern den Trigeminus -, Ich verstehe aber eben heute schon damit umzugehen und darum kann ich Ihnen endlich schreiben.
Also nun noch einmal zu Ihrem Brief. Es geht mir immer so im Leben: Alles, was ich mir wünsche zu erleben, erleben meine Nachfolger. Sie können sich denken, wie ich das aus Ihrem Brief aufsauge. Nun bin ich auch dabei gewesen, wenn auch aus der Ferne. Spontangeburten haben meist solche Frauen, die es nicht sind, die in freier Liebe leben. Wie lange wissen wir's, daß Hebammen erst bei uns atmen lernen müßten ! Unter unseren Schülerinnen ist eine, und zwar Prinzessin Friedericke zu Solms-Lich; sie hat meistens Schüler von uns - und da geht's - hoppel di poppel. - Und wie werden die Kinder ? Ein neues Geschlecht. - Wir haben in diesen Tagen in großer Sorge um Fräulein Steiner gelebt. Untersuchungen ergaben die Notwendigkeit einer Operation. Die geschah am Sonnabend vor acht Tagen. Danach kam vom Vater und heute von ihr selbst eine Nachricht. Demnach ist festgestellt worden, daß sich eine Fistel gebildet hatte, die total vereitert war. Nun kann man von der letzten Zeit viel verstehen. Wozu die Arbeit an der Kunstausübung sich als sehr nötig erwiesen hat ! Hoffentlich läuft alles Weitere gut ab. Gearbeitet wurde am Ablauf viel ! V. Arnim, Bleul, Erne sahen wir in Berlin. Die beiden erstern sind so gut wie hindurch und gestern gab es hier einen sehr guten Mittwoch - alles gute Leistungen in jedem kleinsten Fall. Musik hören wir gute von Lonny von Metzsch - Schümann will nach Hustedt kommen. Ob es ihr gelingt, ahne ich nicht. - Die über uns schwer hängende Wolke läßt uns auch noch nicht aufatmen. Daladier ließ sich heute hören, daß er keinen Krieg will. Gott gebe es. - Ich hätte noch Ihren ersten Brief zu beantworten. Danke für geschichtlichen Überblick. Ja, wenn man den nicht hätte. - Grüßen Sie bitte Frau Dr. Noack - hoffentlich hält sie durch bei dem Geschäft. Ihnen, liebes Herze, alles Gute wünschend, grüßt Sie von allen und uns beiden recht herzlich
Ihre Clara Schlaffhorst
Was macht die von ?!!!
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Hustedt, den 25.10.1939
Mein liebes Fräulein Goebel !
Viel Liebe umgab mich an dem stillen, nun längst dahingeschwundenen Festtage. Darunter war Ihr Brief besonders persönlich aus großen Gesichtspunkten für mein kleines Glühwürmchen, das mir auf der Seele brennt. Nun aber bereits heftig. So sehr, daß ich etwas Fertiges am 16. und vollfertig am 21. des Monats herausbringen konnte. Das ist Freude, weil es endlich Erfüllung bringt. Nun kommt aber als Begleiterscheinung die Sehnsucht, andere auch so weit zu bringen. Da sind die Hände oft leer, weil sich die Hoffnungsvollsten fortentwickelt haben. Ich sehe, um zur Menschwerdung zu kommen auch das vollkommen ein, und hätte nichts dagegen, wenn ich selbst nur noch viele Jahre vor mir hätte. Aber da ich weiß, daß alles nur kommt, wie es für uns alle gut ist, klage ich nicht. Doch läßt sich die Sehnsucht nicht bannen. - Sie fragen nach unserem Leben. Es lebt sich wie sonst; äußerlich ist's stiller denn je - innerlich kocht es oft vor Wut über die Unmenschlichkeit der Nation, die Kultur haben müßte. Von den Chormitgliedern sind noch Fräulein Ottmer, Gertz bis Freitag hier und natürlich von Harling, Schümann. Auch von Schenk, der endlich dahinterkommt. Mehr oder weniger alle. Aber unter welchen Wehen ! - Oft gedenke ich Ihrer und rede mit Ihnen. Aber - schreiben kann ich's nicht. Eben ist meine Freundin wieder zu Bett. Wärme und Ruhe tut's schon wieder. Steiner ist daheim ! Gottlob. - Herzliche Grüße und Dank von
Ihrer Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 30.11.1939
Liebes Fräulein Goebel !
Viel und oft schreibe ich Ihnen in Gedanken, und je länger ich schweige, desto mehr drückt's. Einige Augenblicke reden wäre ganz gut gewesen. Besonders dort in Berlin ! Aber dort, wie unterwegs gab es so schwere Augenblicke, daß ich noch heute nicht frei von verschiedenen Leuten bin. Das Stille bewahren, das Müde erneuern, das Große verehren, das Leidende lieben.
Wiechert
In's Letzte ist all mein heißes Lieben hinabgerutscht. Es ist eine unsagbare schwere Zeit, Euch alle verstreut in der Welt zu wissen und Keinem etwas zu entlocken ! Brrr brrr he ! Ihnen von all dem zu erzählen, was jetzt durch meine Adern tobt, ist unmöglich. Eines nur muß ich sagen: Ich darf nur zwei Stunden täglich geben, und schreiben ist noch eine große Anstrengung. Die Augenentzündung ist noch nicht vorüber und manches Andere auch nicht. Aber ein neues Flämmchen brennt im Herzen und in der Stimme. Vorläufig nur für uns beide, sobald der Morgen tagt. Eben heute will ich es am Nachmittag üben. - Ihr Brief mit Untersuchung, Röntgen etc. flößte mir Schrecken ein. Tun Sie besonders "Röntgenlassen" nicht auf. Für Nerven das Schlimmste. Ob es noch einen Januar giebt! Das, womit man uns droht ist unausdenkbar. Hoffentlich vergiften die uns töten wollen, erst mal sich und ihre Denkart. Ich glaube an nichts als nur an Rettung durch höhere Kräfte statt der niederen. - Schreiben Sie bald. Urteil heute von Anita großartig, genau wie ich's mir dachte, nach dem, was ich erfahren mußte. Daher die Trennung, weil ich die Unmöglichkeit des Verstehens endlich einsah. Gerne hätte ich es auch, das Urteil. Viele allerherzlichste Grüße von uns beiden stets
Ihre Clara Schlaffhorst.
Grüße allen, besonders Fr. Dr. Noack.
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Hustedt, 11. August 1940
Liebes Fräulein Goebel !
Statt einer Rede lieber schriftlich - Alles, was werden soll, muß daraufhin angelegt sein, daß es das ohne Mühe kann. Der physische Leib muß nach seinen, ihm, angeborenen Gesetzen leben und sich frei bewegen, um dem Astralleib Palette sein zu können.
Die verschiedenen Gesetze wie Atmung, Sprache, Stimme, Schleimhäute, Blut, Nerven, Muskeln müssen unter einander bei der Musikausübung einig geworden sein. Trotz ihrer sich gegenseitig störenden Überschneidungen. Nur eine konzentrierte Kraft giebt den Unterton, der jeder Persönlichkeit eigen; wenn sie erst voll und ganz geworden ist. Teilarten - im subjektiven Sinne - gehen stets auseinander statt ineinander über. Erst wenn Stimme, Luft und Laut sich sicher gefunden, kann alles in sich zur Einheit übergehen und gesunden und dann aus sich heraus in den Leib übergehen, der absolut, rücksichtslos gegen sich selbst, sich frei und leicht angehören darf.
Da ich Sie um 6 1/2 Uhr auf einem Wege hörte, der Sie dahin führen wird, konnte ich nicht hören, wie Sie fernab davon um 8.00 Uhr sangen - ohne Sie zu stören. Verstehen kann ich es wohl, weil ich aus Erfahrung weiß, daß jene seltenen Augenblicke in ihrem ersten Erscheinen kaum vom eigenen Menschen im Ursprung erfaßt werden können:
Da braucht man einen Freund. Ihm folgt man lieber als der Lehrerin, die in Sorge um die endlich gewonnene Stimme bangt; der Mensch weiß nicht, ob es ihm gelingt, zum zweiten Mal sie noch einmal zu finden. Zu jeglicher Kunstausübung im Sprechen und Singen ist der Stimmreiz als solcher notwendig.
Alles dieses Ihnen zur Kenntnis ! Sie brauchten es eigentlich nicht, denn Sie folgten sofort. Vielleicht ist es doch gut ! Daher sende ich Ihnen meine Gedanken.
Ihre Clara Schlaffhorst
(Brief wurde im Hause geschrieben, nach dem Vorsingen am Samstag, als sie Elisabeth in ihrem Zimmer allein hatte singen hören.)
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Hustedt, 19. August 1940
Mein liebes Fräulein Goebel,
die beste Gottesgabe ist ein reines Herz. -
So stand es auf meinem heutigen Kalenderspruch. In solch ein Herz durfte ich heute schauen. Hierin liegt Ihr Problem.
Vom ersten Schritt an, den ich mit Ihnen in das überweltliche Reich der Musik tat, sah ich es als groß an. Vor meinem geistigen Auge sind die großen Probleme erst wert, gelöst zu werden; denn in ihnen steckt das, was zum Kampf gehört: Der Widerstand. Ohne ihn kein Kampf, ohne den Kampf kein geistiges Leben. Ein frühes Geschick hat mich zum Kämpfer für die Natur und ihr innerstes Geschehen ausersehen und ausgestattet mit den verschiedensten Waffen. Viel irrte ich, um das, wodurch sie sich uns Menschen offenbart, zu finden. Endlich stand es vor mir leibhaftig zwar, aber doch gespenstisch. Es ist das deutsche Wesen, das hinter dem wahrhaftigen, echten Deutschen steht.
Wohl empfand ich vom ersten Augenblick an bei all Ihren Leistungen, daß ein wirklicher, aufrechter Mensch hinter Ihnen stand. Aber es ist nicht alles, weil er einseitig ist; wenn auch wie bei Ihnen stark in seiner Einheitlichkeit. Letztere mußte und muß immer wieder noch gestört werden, damit die zweite Hälfte in Erscheinung treten konnte, und es wieder und wieder kann. Nun tritt das Wesen auf - natürlich in einer noch geknechteten Gestalt - so wird es natürlich von Ihnen verneint, weil es nicht sofort mit der so viel reiferen Geistigkeit übereinstimmt; ja, nicht übereinstimmen kann; denn diese brachte die Verbundenheit dieser Gestalt nicht mit auf die Welt. Also heißt es Geduld, Liebe, Gehorsam, im Sinne von horchen, schauen, ahnen. -
"Ahnung ist mehr als Beweis; doch geb' ich dem den höchsten Preis, der es vollbringt mit heil'gen Händen, Ideen durch Taten zu vollenden".
C. L. Schleich
Die Idee ist das Element, das hinter dem Schöpferischen, die Tat, die über ihm steht. Die Vollendung ist der kleinste Augenblick im großen Wandel des Geschehens. Freuen wir uns auf die Arbeit !
Ihre Mitstreiterin Clara Schlaffhorst
(Schrieb mir C.S. im Hause nach meinem Vorsingen)
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Hustedt, 5. November 1940
Liebes Fräulein Goebel !
Für mich hier war es klar, daß Fräulein Stampa nicht länger hier bleiben wollte. Sie wissen, daß ich bereits Anfang der zweiten Hälfte Oktober wollte, daß sie mit dem Lernen aufhörte, weil es für sie Zeit war. Jetzt hatte sie sich allerdings erholt, da es ruhiger um sie her war. So habe ich sie denn unbesorgt fortgehen lassen, ganz gleich, wann Ihre Vertretung beendet ist. Aber die Ungewißheit, wie es in Darmstadt geht, war erregend. Nun hat Frau Dr. Noack selbst geschrieben. Sie sieht dem Ende mit Fassung entgegen und scheint durchzuhalten. In solchen Augenblicken zeigt es sich, in wieweit die Naturkräfte gediehen ! - und was sie dem Menschen an Werten giebt. Betreffs Ihrer bin ich nun auch beruhigt; es ist ja nicht immer ein Brief nötig. Inge Stampa war ja verpflichtet. Und nun möchte ich von Ihnen hören, wohin das Geld gehen soll oder ob Sie es selbst in Empfang nehmen wollen; so schicke ich es dorthin. Wann Sie kommen können, erfahre ich wohl. Bleiben Sie nur in Ruhe, verstehen tue ich Sie ganz. Nur umgekehrt scheint's schwer.
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
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z.Zt. Bad Eilsen, den 5. Juni 1941
Liebes Fräulein Goebel !
Ihr Brief vom 20. Mai und die Karte vom 26. April - also doch falsch: natürlich umgekehrt - liegen schon lange zur Beantwortung in mir. Aber ich wartete noch die Nachricht vom Amtsgerichtsrat Goette ab. Heute kam sie. So etwas wie Ferienruhe nach dieser Richtung giebt es weder in der Arbeit, noch in den Ferien. Besagter Herr rief mich vor Wochen an's Telefon. Man rief mich nicht; denn ich ruhte gerade, schlief sogar und da gab's eine falsche Antwort. Er wollte nur wissen, ob die Abmachung betreffs des Chorkonzertes im Januar bleibt ? Von Harling sagt glatt ab, worüber ich sehr ärgerlich war, und dies wieder durch einen Brief persönlich gut machen wollte. Nun schreibt er mir, daß er sich sofort mit Gümmer in Verbindung gesetzt und eine zusagende Antwort bekommen hätte; er legt das Chorkonzert für Winter 1942/43 fest. Da nennt man wie ? Pech und vielleicht auch nicht ! Ich danke Ihnen für die etwaige Zusage - alle außer drei Faulen haben freudigste Zustimmung gegeben. Denn wenigstens zum gemeinsamen Arbeiten für Solosingen und falls unser Dirigent etliche Tage kommen sollte, für etwaiges Chorsingen. Ich kann diesen einen Teil meiner Lebensarbeit nicht stecken bleiben lassen;es muß zum Schluß kommen. Der Arm möchte noch manchmal eigene Wege gehen (eben tat er es extra fein). Das ist die eine Sache: die zweite in der Kulturkammer - Landesleiter Gau, Lüneburg - erhielt ich eine Aufforderung junge, aufstrebende Kräfte zu nennen, die in Aufführungen ihr Können zeigen sollen. Diese dürfen das 30. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Das giebt wenige davon. Aber auch Konzerte reiferer Künstler in Musik - Gesang - Klavier sogar Instrumentalkünstler, können vom Herrn Landrat Unterstützung für eventuelle Konzerte erhalten. Ich habe mich gemeldet und man hat es dankend quittiert. und damit komme ich nun zu Ihnen, liebes Herz. Da findet sich ein Weg zum Bekanntwerden Ihrer Gaben; es stand auch eine Erwähnung Klavier achthändig auf zwei Klavieren. Sie hätten also Auswahl. Ich finde diese Art der Öffentlichkeit durchaus fördernd für alle diejenigen, die nicht schon auf eigenen Füßen stehn. Soviel davon. Ach, ich habe noch Manches; aber reden wird mir leichter. (Wir haben hier Gluthitze - alles auch sonst, was uns wohl tut; ich bin gesund wie ehemals, nur der Arm braucht Pflege. Meiner Freundin geht es täglich besser mit Fernlesen, kommt auf 6 Meter.)
erstens die Freude über Weimars Gelingen. Wenn Anita nur gesünder wäre ! Die Strapazen sind doch groß ! Daran denken doch nur wir. Mir ist nun nicht der dahinterstehende Mensch als Resultat wichtig, sondern die Tatsache, daß die Menschheit erfaßt, durch welche Kraft der Mensch das vermag. Die Kraft selbst muß davor stehen. Wie oft erleben wir es schon in unseren Räumen, daß alle mitjauchzen, sobald Natur sich als Form erweist. Aber der Anfang ist getan; und soll es fortschreitend werden. Anita Grauding ist ja, wie Sie es selbst erlebt, in der "Zuneigung" ein Stück Weges geschritten. Ich danke Ihnen für Ihre Worte.
Nun zu Ihnen; ich fürchte, Sie sind so belastet durch Geben an Andere, daß Sie nicht einmal für materielle Seiten des Lebens Zeit haben. Am 1. Mai wartete ich vergebens auf die Zusendung der Quittung, und jetzt im Juni auch. Da ich hier nicht genau weiß, ob ich mit meiner Kasse reiche, wir sind hier gut verpflegt und zahlen mehr, als wir es sonst getan, so möchte ich es von hier aus nicht schicken. Wohl aber von Bevensen, nachdem ich Ihnen Näheres geschrieben habe. Wir sind hier bis 10. Juni und wohnen in Bevensen bei Uelzen - Haus Grau. - Da kam eine lange Störung. Jetzt muß ich erst noch einmal lesen, was ich nicht geschrieben habe. Das Lamento, das mir bei all denen, die ich noch zum Teil unbewußt, aus meinen Händen lassen mußte, wo ich bestimmt weiß, daß sie berufen sind, zur Erfüllung ihres Gottesgeschenkes - die Stimme - zu kommen, könnte ich mir sparen. Sie kennen es; aber einen Stoßseufzer muß ich tun; ich tue ihn ja nicht für mich. Wie ein Traum liegt Hustedt hinter Ihnen, liebes Fräulein Goebel; für mich liegt er noch vor mir. Können Sie denn wenigstens an das Erreichte heran, daß Sie Augenblicke finden, in denen Sie "gut deutsch" sprechen ? Oder gar singen ? Ohne üben zu müssen, einfach das für sich tun, was Sie vor Publikum trotz allem erlebten ? Ein einfaches Ja genügt mir auf der Karte; sogar Hieroglyphen würde ich verstehen. - Sie scheinen viel Krankheit um sich zu haben ! Fräulein Bostedt, Krüger ! Sie sehen, wo es hinführt, wenn Natur sich rächt. - Ich hoffe, Sie sind selbst gesund und guter Dinge ! Meine Freundin grüßt herzlich und von mir lauter gute Wünsche.
Ihre Clara Schlaffhorst
Bitte Grüße an alle, die nach uns fragen.
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Bevensen, 22. Juni 1941
Liebes Fräulein Goebel !
Nun habe ich mein Versprechen wegen des Geldes doch nicht einhalten können; natürlich nur für die Ferienzeit. Da meine Freundin ihr Kontobuch auf der Bank liegen hatte, hat sie, von sich aus, sich Geld senden lassen, und ich konnte nun nicht zu dem Meinigen kommen. Das ist mir Ihnen gegenüber peinlich. Sobald ich wieder daheim und in Ordnung bin, das heißt zu meinem Kontobuch kommen kann, erhalten Sie Nachricht. Wir haben dieses Mal - das Schreiben von Hustedt und allen Andern war erschwerend - eine ganz herrliche Ferienruhe, das heißt Miteinanderarbeiten gehabt. Dazu auch ein schönes "Draußen im Walde" Leben. Heute kam die Kriegserweiterung durch Rußland wie eine Bombe in unsere Ruhe gefahren. Ein Wort von Raabe und die Waldeinsamkeit unter blauem Himmel, der Vogelgesang und das Glockengeläut brachte uns wieder ins Gleichgewicht. "Das Ewige ist Stille, laut die Vergänglichkeit, - Schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit". Möge sich Sein Wille, Deutschland zu erhalten, auch ferner auswirken. Von Fräulein Friede's Wagner Konzert erhalten wir schöne Nachrichten. Sie ist mit Blumen übersät empfangen und hat begeisternd gesungen. Kritik können Sie dereinst lesen. So viel Briefe kamen noch nie in die Ferien; bald ist Schluß damit. - Wir grüßen Sie beide herzlich und hoffen, daß es, da Fräulein Krüger gesund ist, Ihnen gut geht.
Immer Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, 27. November 1941
Liebes Fräulein Goebel !
Heute nur schnell, damit Sie Antwort auf Ihren Brief haben, ein paar Zeilen mit Grüßen und Dank für gute Nachrichten. Was Sie von allen Seiten her belastet sind, weiß ich an meines Herzens Wehe. Doch man muß heutzutage schweigend dulden. Es kommt vieles so anders, als man es für seine wohlgepflegten Stimmen wünscht; und statt, daß sie die Herrschaft findet über alles, was geschieht, erdrückt man sie aus Not um manches Unwesentliche. Und doch kommen alle wieder, denn die zeit des Erkennens rückt jedem auf den Leib. Wir beide ahnten viel von der kommenden Not; aber eine solche Zeitstimmung erhofften wir uns für die heranwachsende Jugend nicht. Noch können Sie Ihre Freude daran haben, für Andere da zu sein, und ich wünsche es Ihnen auch weiter, daß Sie Stand halten können. Nur nicht über das Maß hinaus. Ich bitte Sie herzlich darum. Wir haben ja hinreichend Erfahrung darin, daß einmal dann doch der Zusammenbruch kommt, denn für die heutige Art der Lebensführung muß erst der Mensch als neuer Deutscher nicht nur erzogen, sondern geboren werden. Diese Gebärtüchtigkeit ist bei den heutigen Müttern noch nicht zu finden. Im Gegenteil, es wird immer noch unwesentlicher. - Also nun zu Ihrem Herkommen.
Weil es unbestimmt war, hatten wir Fräulein Grauding nichts gesagt. Ich hoffe nur inständigst, daß Sie Urlaub bekommen. Sie können doch in Ihrem Urlaubsgesuch angeben, daß es um keine Erholung, sondern um ein Weiterstudieren geht. Dann giebt man es Ihnen eher; denn man ist doch überall besorgt, daß die Jugenderzieher sich stetig vervollkommnen. Im letzten Grunde ist es Schicksal für uns Alle. Wir haben, wie Sie sich denken können, ungeheuer viel arbeiten müssen, und brauchen die Ferien nötig; sie sind bis zum Montag, den 5. geplant, für uns wenigstens, die wir im Hause bleiben. Der 1. Januar soll Donnerstag sein. Mit den ersten Tagen geht die Woche leider zu Ende. Wie wär's, wenn wir dann mit Ihnen am 5. Januar, am Montag, anfingen ? Wenn Sie keinen Urlaub erhalten sollten, hätten Sie auch nur noch den einen Sonnabend - Früher als am Freitag können Sie nicht reisen ?! -
Nun habe ich es Ihnen in Kürze geschrieben, wie die Dinge hier stehen, und Sie schreiben mir persönlich, wann Sie kommen. Das Haus ist bis in das Frühjahr hinein schon besetzt. Wir hatten viel und haben noch große Freude an dem Fortschreiten aus innerster Kraft. Diese mobil zu machen ist keine Kleinigkeit bei den schweren Zeiten. Frau Dr. Noack, bitte zu grüßen; ebenso Fräulein Bostedt - Ihnen besonders herzliche Grüße von uns beiden.
Ihre Clara Schlaffhorst
P.S. Der Zettel wird für Dezember besorgt. Wir hörten Professor Hüsch - und hören am 4. Kempff!!!
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Hustedt, den 19. Dezember 1941
Liebes Fräulein Goebel !
Die Bescheinigung war bereits gestern geschrieben, ich wollte Ihnen noch ein paar Worte mitsenden, die jedes erneute Mißverständnis unmöglich machen.
In Ihrer vorletzten Karte fragten Sie an, ob Sie wohl früher als am 5. kommen könnten ? Selbstverständlich kommen Sie früher, denn am 5. zu reisen, möchten wir Ihnen nicht raten. Erne ist gestern abend unter steter Lebensgefahr bei uns eingerückt. Wenn Sie, liebes Fräulein Goebel, am 2. fahren, das ist am Freitag, so haben Sie etliche Ruhezeit hier. Ich prüfe den augenblicklichen Stand am Sonnabend, und dann können Sie sich für die eigentliche Stunde Montag schon vorbereiten. Wir beide waren hocherfreut über die gutlautende Karte. Da haben Sie jetzt mehr davon als im Oktober, wo es mir hauptsächlich auf die Lehrzeit für unsere ältere Generation ankam. Wir wollen uns wünschen, daß diese Hoffnungen auf eine Arbeitszeit erster Ordnung nicht zu Wasser werden kann. Ihnen friedvolle Tage zum Fest wünschend, grüße Sie, auch von meiner Freundin, herzlichst
Ihre Clara Schlaffhorst.
Bitte Bettwäsche, Mundtücher, Handtücher mitbringen oder zu schicken.
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Hustedt, 9. März 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Wie oft habe ich einen Brief - der nächstens kommen sollte - erwartet; und noch öfters wollte ich mahnen wegen des Zettels. Es unterblieb alles. Ihr letzter Brief war vom 24.1. Sie freuen sich, daß der Sohn von Frau Arnim gerettet ist; noch liegt er in wechselndem Fieber. Das Fleckfieber ist weg, dafür hat sich eine Thrombose eingestellt. Die liebe Mutter sammelt hier Kraft auf Kraft zum Aushalten für seine Zukunft und lernt, als Mensch ungeheuer viel zu seiner Behandlung. Von hier aus wird schon manches bewirkt. Wie mag es Ihnen in diesem harten Winter ergangen sein ? Jetzt liegt wohl eine heiße Arbeitszeit vor Ihnen ! Und doch ist das Arbeiten, das auch hier um mich herum und am meisten in mir drinnen vor sich geht, das Schönste im Leben. Die Tiefe der Empfindungen im Atem- und Stimmleben war nur ahnender Weise in mir. An Beweisen lag es mir garnicht, es genügte nur die Ahnung; sie war das heiligste Feuer und jetzt merke ich erst, daß es verzehrend wirkt, wenn es keinen Ausweg findet.
den 10ten.
In einer total anderen Stimmung setze ich mich leider eben hier hin. Den Brief wird wohl Ilse Krüger mitnehmen, wenn es so weiter geht. Vielleicht knüpfe ich aber doch hier an Ihren Brief an, in dem Sie glauben, mich durch einen Ausspruch vom "nicht heilig sein im Leben" verstanden zu haben. Ich habe es in einem anderen Sinn gesprochen, natürlich auch gedacht: Mehr ganz Sie selbst sein, zu innerst verbunden als Gottnatur. Oder noch einfacher gedacht mit Klopstocks Worten: "Daß nur Menschen wir sind, das beuge das Haupt uns; doch daß 'Menschen' wir sind, das hebe es freudig empor." Also von mir aus ohne Anspielung auf Allgemeines. Ich denke, Sie kennen mich zur Genüge und besonders in meiner Arbeit, wie sehr ich alles Unechte hasse und nur das Eine, was Not tut, gelten lasse. Darum macht jedes Scheinwesen auf mich persönlich keinen Eindruck. Ich liebe sogar, wo es hingehört, das menschlich allzu Menschliche, weil ich darin Arbeitsmöglichkeiten sehe. Nach meinen lebenslangen Erfahrungen fällt der Schein immer mehr ab in dem Maße, als sich das Sein zu entwickeln beginnt. Oft dauert es lange, aber geduldig ausharren habe ich lernen müssen, sonst hätte ich noch weniger erreichen können. Der Standpunkt des nur nackten Menschen ist auch unerträglich, besonders da, wo er doppelt zu sehen ist. - Viel Freude an der Arbeit hat nach wieder neu aufgetauchten Erkenntnissen eingesetzt. Fräulein Fleck gehört seit Januar den Ausbildungsschülern an, geht stimmlich gut voran und macht Freude. Die Kälte, von der Sie schreiben, haben auch wir hier gehabt; es war oft hart. In Gedanken an unsere tapferen Kriegsleute hat man's ertragen können. Nun scheint's Frühling werden zu wollen. Was dieses Jahr noch alles bringen wird, ist nicht abzusehen ! Neulich war der Landesleiter aus Lüneburg hier und prüfte den Nachwuchs der musikalischen, besonders gesanglichen Kräfte. Es gelang gut und gefiel auch. Für die nächste Musikalische Aufführung sind sie vorgemerkt. Das gab Stimmung. So bringt jeder Tag, besonders der Mittwoch und Sonnabend Fortschritte. Den 13. werde ich nun endlich Schluß machen, denn Ilse Krüger fährt erst Montag früh - vielleicht auch dann noch nicht. Mit herzlichen Grüßen auch von Fräulein Andersen
Ihre Clara Schlaffhorst
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Hustedt, den 23. März 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Als Drittes kommt nun noch ein kurzer Briefgruß und Dank für Ihre Nachricht, die Fräulein Stampa noch ergänzt hat. So bin ich und Fräulein Andersen mit mir, nun ganz im Bilde. Es wäre natürlich das Günstigste für Sie, wenn Sie Arbeiten, die unter Ihrer Ebene stehen, an Andere abgeben und Sie lieber da arbeiten können, wo Sie und Ihre Berufung stehen. Am meisten kränkt es mich in Ihrer Seele, wenn Sie im Singen sich selbst und Andere nicht hören können. Das muß mit der Zeit anders werden. Und so wäre es eine glückliche Lösung, wenn Sie auch mit Anderen nicht nur atmender Weise, sondern vor Allem nach stimmgesetzlicher Richtung arbeiten müßten. Nämlich da sind Sie im Irrtum, daß schönes Stimmaterial von selbst den Weg findet.. Im Gegenteil, da ist's am Wichtigsten zur Kunst des Atmens geführt zu werden. Sie selbst brauchen dazu wenig tun; die Sänger umsomehr. Er ist der faulste Menschentyp auf der Welt. Das müssen sie erst einsehen; sonst hält das bißchen Atmen nicht lange vor. Das jugendliche Element verbirgt Vieles an Festem. Aber wehe - wehe ! Also ich wünsche Ihnen ein Weiter auf Ihrer Bahn, die für Sie allein schwer zu erkennen ist. - Nun, wir sehen uns wieder in nicht zu langer Zeit. Alles anderes interessierte mich sehr. Ihr Bruder - Ihre Freundin ! Allen wünscht man ein gutes Hindurch !!! - Mit vielen guten Grüßen von uns beiden lege ich Ihnen den Chor an's Herz ! Ob er steigt, weiß der Himmel allein - Uns steht viel bevor. - Zettel sind besorgt, März/April.
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Hustedt, 20. April 1942
Mein liebes Fräulein Goebel !
Unter Donner und Blitz setze ich mich nieder, um Ihnen zu danken für Ihre Nachrichten. Es freut mich riesig, aus Ihrer Kampfansage die Kraft zu spüren, die ich hier in Ihren Leistungen zu hören bekam. Ich lebe noch sehr mit Ihnen und nicht nur am Tag, sondern auch bei Nacht. Wenn einer sich freuet, daß Sie versuchen, sich Ihren eigentlichen Beruf zu erkämpfen, dann bin ich es. Bei uns hört es auch noch nicht auf. Die Wenigsten wissen, um was es für mich persönlich geht. Wenn ich, wie es gerade im heutigen Parteistaat betont wird, "ein Jeder solle den Platz für seine Arbeit dort finden, wo er hingehört". Und wie steht es damit im wirklichen Leben ? Gerade das Gegenteil versucht man durchzudrücken. Unglaublich für den, der es an sich selbst erleben muß. Wir haben heutzutage genug an solchen, denen irgend ein Platz zugewiesen wird, wo er nicht weiß, wie er es anfangen soll ! Wenn je, dann ist es heute wichtig, daß die Jugend gut geführt wird. Na ich hoffe nur, es gelingt Ihnen. Zeugt doch Ihre Energie dafür, daß Sie aufgewacht und wissender darüber geworden sind, sich nicht zu opfern, sondern mit vollen Händen hinzugeben aus dem Schatz, der Ihnen vom Schöpfer gegeben wurde, zum Zeichen davon, daß Sein Odem das aufbauen wird, was Er als Keim in Sie gelegt hat. Mitten aus den Stunden wie diesen.
Gruß an Sie von Ihrer Clara Schlaffhorst.
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Hustedt, den 3. Mai 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Zu der Wendung Ihres Geschickes kann ich Ihnen nur Glück wünschen und zwar tue ich dies von Herzen. Die letzte Studienzeit hat Ihre Bewußtseinskraft wachgerufen ! Solche Zeiten sind heutzutage nötiger, denn Brot und Wasser. Die Menschheit schreit mehr denn je darnach. Wer es hört, der kann nicht anders, als ihnen ihren Hunger zu stillen, wenn er ihnen den Schrei zu bringen imstande ist. Der allein, nachdem er die Seligkeit erlebt hat, kann die Menschheit erquicken. Er rettet sie aus dem Wirrsal des Irrens in Chaos und Dunkelheit, und zeigt ihnen den Weg zum Licht und zur Freiheit. Gottes Segen zu Ihrem Antrieb !
Daß Sie nun auch gerade den Begleiter gefunden haben und den Herrn Dr. Merkel, der ein solcher Mann ist, sich für die Arbeit einzusetzen, das sind Zeichen, daß es an der Zeit ist, dem Ruf zu folgen. Herr Professor Volkmann hat, als unser Dirigent, den Beginn der Chorzeit erlebt. Es war eine Freude, mit ihm zu musizieren. Ob die Reihenfolge der Lieder gut gewählt ist, muß noch bedacht werden. Jedenfalls ist die Wahl durch die intime Arbeit der Stimme, nur für geschultes Publikum; besonders die erste Gruppe. - Gut ist daran, daß es noch Zeit hat, da kann inzwischen noch viel reifen. Der Sommer kommt ja erst. -
Hier geschieht auch Manches; besonders bemerkbar noch immer in mir. Wenn das bei Allen so gehen wird, so sieht es zukunftsfroh aus ! Fräulein Andersen ist auch wieder flott ! Und so jubelt jeder über sein Werden ! Meine Freundin schreibt durch mich und sendet Grüße viele - viele. Von mir auch Grüße an Alle und Ihnen besonders herzliche Ihre
Clara Schlaffhorst.
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Hustedt, den 14. Mai 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Dank für guten Brief; die Tage eilen, ich muß Sie heute nur kurz fragen, wann Sie noch einmal nach Hustedt zu kommen gedenken, Sie mit Frau Dr. Noack ? - Denn wir haben nur wenig Plätze, die ich bald festlegen muß, daher die Frage und Bitte, Frau Dr. Noack in Kenntnis zu setzen. Ihrem Singen wegen in Jena möchte ich Sie doch noch fördern; besonders, da Sie sich betreffs Stimme selbst gefunden haben, muß ein anderer Weg gegangen werden. Bitte, wenden Sie sich an mich, weil es nur uns angeht. Hoffentlich klappt alles, und wir können gut weiter kommen. Es braucht noch nicht der bestimmte Termin zu sein; nicht der Tag, aber doch ungefähr, ob Anfang Juli oder Ende - oder gar August ? So wünschen wir uns Allen ein schönes Weiterarbeiten noch hier. Herzliche Grüße von
Ihrer H.A.
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Hustedt, den 23. August 1942
Mein liebes Fräulein Goebel !
Endlich ist die nötige Ruhe in dem wüsten Packen um mich herum, so daß ich Ihnen schreiben kann. In der ganzen Zeit ging es nicht immer glatt zu; ganz im Gegenteil. Doch darüber Schweigen. Ich will nur versuchen, ebenda anzuknüpfen, wo wir mit der Musik aufhörten. Inzwischen kam ein Brief vom Freitag morgen von Ihnen an. Über das, was als Elend über mich kam, schweige ich, über die Maskensache auch. Die trieb mich ja aus der Welt des Gewöhnlichen auf das Suchen nach Menschen. "Wollen" findet man selten, aber Sehnsucht nach Menschwerdung viel; selten bewußt; - aber sofort klar, wenn das Geschöpf seine eigentliche "Menschenstimme" hört. So weit reicht meine Geduld, so lange das Gemüt vorhanden oder hörbar ist. Lahm war in einem noch ärgeren Zustand vor 5 Jahren - nur noch Holz, nicht Stein wie dieser Herr, der uns Jahrzehnte in der Tasche trägt, bis er endlich frägt. Was Sie mir, liebes Herze raten, rieten mir schon Viele. Mein Schicksal will es anders. Was ich an ihm erlebte, war einzig und darum lebt er in mir weiter. Ob ich in ihm ? Ist mehr als fraglich. - Nun aber zu Ihrem letzten Schaffen; das war mir wichtiger denn alles. Ob Sie so weiter finden ? Ich hoffe es. Was zu befürchten ist bei diesem Weg, das ist das Fehlen der "Bestimmung". Stimme war da - an allen Enden - "Stimmung" so krystallisierend, wie noch nie, - aber Bestimmung zum Lebensspenden durch die Stimme - nicht. Bei Ihrer Jugend scheint es Ihnen gewiß überflüssig. Wohl - wenn Sie nur dem Gesang leben könnten. Da Ihr Leben aber auch Pflicht und Arbeit ist, dürfen Sie als Stimmbeseelte, diese "Seele der Stimme" nicht nur allein für das Schaffen im Gesang besitzen, sondern sie Ihrem täglichen Leben einverleiben. Siehe Atmen - Denken - Reden - Essen - Schlafen. Dies leben darf nicht nur wie beim Gesang, durch die Musik, den Text da sein oder wach werden, sondern, das muß Sie als Quelle in jeder Minute durchrieseln. - Ob Sie es spüren, daß "es" eben auch durch die Zeilen über das Papier rieselt ? Es ist total frisch und belebt michso, daß ich hoffe, reisen zu können. Meiner lieben Hedwig geht es gut; sie lebt es mir vor. Falls wir die gedachte Fahrt unternehmen sollten, sehen wir Sie ja wieder. inzwischen wünsche ich mit vielen Grüßen von Fräulein Andersen und mir Ihnen und Ihrer Freundin Gutes !
Ihre Clara Schlaffhorst
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Seefeld, den 3. November 1942
Liebes Fräulein Goebel !
So allmählich findet sich eins nach dem Andern wieder - auch das Schreiben. Es gab Zeiten, wo das Schreiben mir schwer wurde. Und so möchte ich Ihnen gerne einen ordentlichen Brief schreiben; doch es kommt meistens Störung. Dank vorerst für Ihre Glückwünsche. der Tag selbst war eine 0 - ich lag da. Das war sehr nötig, denn alles, was seit März vor sich gegangen, war nervendurchtränkt; weil die eigentliche Kraft einfach nicht mit tat. Von dem Glühwürmchen erlosch täglich ein neues Flämmchen; ich spürte es ganz genau. - Was nun folgen würde, war mir neu. Und ist es bis auf den heutigen Tag. Sie wünschen mir Geduld mit Euren Umwegen. Die fehlt mir nicht; da ich sie selbst getan, macht es mir direkt vergnügen, im Stillen weiter zu gehen. Aber natürlich nur in der Hoffnung, daß der Krengel einmal, nein tausendmal sich im Kreis dreht, bis die Spirale in jede Faser der Seele, nicht des Leibes eingespurt ist. Das wünsche ich nicht allein für jeden von Euch persönlich, sondern ich wünsche es für das "Werk an sich", damit es leuchtet für alle, die nachfolgen werden. - Noch einmal danke Ihnen für Ihre Hilfe beim Chor. Ob Sie ahnten, wie nötig die war. Ohne Sie wäre der Zusammenbruch früher gekommen. - Ich habe noch sehr gut arbeiten können mit denen, die blieben. - Die Fliegen machen mich rasend, schreibe ander mal weiter. Alles Gute wünsche ich Ihnen für Ihre Arbeit. Einliegend die Quittungen. Es grüßen Sie herzlich
Ihre Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.
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Seefeld, den 17.11.1942
Mein liebes Fräulein Goebel !
nun muß ich Ihnen endlich schreiben, die Pflicht gebietet's; so lange ich nur wollte, konnte sich keine Zeit finden, die mir lange genug Ruhe gab. Also zuerst will die Pflicht an's Wort. Frl. (unleserlich) reist morgen früh ab, ich gab ihr eben noch eine halbe Stunde. Eigentlich hätte es täglich sein müssen. Doch ist es für mich jetzt Gebot, weniger Stunden zu geben, besonders da 3 schwere Fälle hier sind, die mich so in Anspruch nehmen, daß andere verzichten müssen. Nur der kranken Stimmen konnte ich mich annehmen. Eine halbe Woche nahm mich noch Berlin in Anspruch durch den Zahnarzt, der gestern noch einmal zu meiner Freundin kam; die ist nun auch fertig. -
Also Frl. D. ist so weit, daß sie heute, allerdings nicht von sich aus, bis zur 3ten Sept. auf chromatischem Wege zum Weiterschwingen kam. Im Hintergrunde liegt aber noch große Stimmschwäche, die nicht von der Stimme herrührt, sondern vom Charakter. Sie ist noch jung und hat noch nicht ihren Kern im Glauben gefunden. Mündlich könnte ich Ihnen noch mehr sagen. Es wird ihr bisher noch nichts von innen hinzuwachsen. Sie braucht Anleitung und zwar nicht von den Sinnen her (musikalisch allein), sondern ein Eingehen auf ihr "Ich", das wie bei allen, auch bei ihr beschränkt ist. Von Natur kaum eine Spur; höchstens Sehnsucht, aber keine Ahnung. Der Weg für sie ist von mir aus ihr geraten; ausgehend von den Vollklingern, hinüberleitend nach Worten, z.B.: m l n - nichts - nimmer - immer - Flimmer - Schimmer etc. - Da fand sie für winziges "ich" ihre Menschenstimme ohne Heiserkeit. Sie kommt gleich zu Ihnen und setzt Hoffnung auf Ihre Weiterarbeit. Ich wünsche Ihnen Mut und Geduld dazu.
Doch nun endlich zu Ihnen; erstens Ihr Kommen. Fr. Dr. Noack schrieb ich schon, daß wir beide Sie Beide gerne am 3ten Januar nehmen wollen. Die andern fangen später an; sie schrieb so, wenn Sie schon am 2ten kommen wollen, ist es uns auch recht so. Nur bitte Nachricht. Nun beantworte ich Ihren Brief. Fliegen sind erledigt - Herbst ist noch da, beinahe April. Der Herbst war auch hier berauschend. Ich habe ihn in meinem Glasparadies mit vollen Zügen genossen. Und Sie sparen Briketts ! Wie schön !! Eine Frage tun Sie, die ich unbedingt beantworten muß. In diesem Fall steht hinter der Stimmkraft so wenig, vorläufig nichts, daß man eben durchaus nicht dazu raten darf, sich darauf einen Beruf zu gründen. Diejenige Stimme, die dazu befähigen würde, muß ohne Fehler von Natur aus da sein und der Mensch, der sie besitzt, muß durch sie wach werden können. Das, was hinter der Stimme steht, fehlt hier bei Frl. D. total. -
Nun weiter zu Ihren Leistungen. Es ist doch ein Verhängnis, daß zur Zeit die Menschen, die befähigt sind, so über Gebühr angestrengt werden müssen. Wenn zwei Kräfte da sind, so muß doch eine Einzige dahinter stehen, aus welcher die beiden stammen. Wenn die Seelenkraft dem "Menschen" angehört, hat sie nicht die Dauer des Aushaltens, die sie in so schweren Fällen nötig braucht; die aushalten kann, hat ihren Ursprung in Gottnatur und überpersönlichem Geist, aus dem die wurzelechte Sprache quillt: der Funke überpersönlichen Lebens kann da nur zünden; doch nie, wenn er einen trägen Teig vor sich hat. Wenn man, wie Sie schreiben, auf sie (besser auf ihn - den Teig -) "eingehen" kann, läßt man sie doch nicht so, wie sie sind - sondern man donnert sie an -; damit geht aber Ihre Stimme verloren; das dürfen Sie mir nie antun, denn wem gegenüber haben Sie die größere Verantwortung - Fräulein Bostedt oder mir ? -
Erstere tut nix für die Ausgrabung Ihrer Gemütsseele durch die Stimme. Also können Sie nur durch unerbittliche Strenge über die Masse herrschen. Und diesen Erziehungsfaktor können Sie sich auch wieder nur selbst erarbeiten aus dem Phlegma - im Tat- und Bewegungs-Naturell jeglichen Tuns; auch in den Stimmbandspannungen. -
Dauernd Störungen; es ist zum Verzweifeln. Doch noch ein Wort über Frl. Dr. Ich mußte noch ein ernstes Wort mit ihr reden. Ihre Examens-Arbeit sollte heißen "Atmung und Stimme". Das Kälbchen - Es kam dann aber ein Gefühlsüberschuß heraus, der zu Hoffnung berechtigt, wenn es gelingt, den Überschuß in's Gemüt zu verlegen. Die Erziehung des Menschen ist ja tausendmal schwieriger, als die Herstellung der Stimme, Eins ohne das Andere unmöglich. -
Nun aber zum Schluß. Kurz vor dem Abendessen. Inzwischen waren unerhörte Sprechstunden. Menschen alle mit Piepvogel-Gehirnen und großer Anmaßung. Die erst klein zu kriegen ist ein Kunststück. - Ach, mein Herz ist voll Hoffnung. mein kranker Ton "d" scheint zu gesunden ! Ihnen viel Herzliches und alles Gute für ihre drittes Kinde, das Ihnen eines Tages, oder in einem Augenblick geschenkt wird ! Lassen Sie die schwere Arbeit an sich herankommen. Behalten - Sie Ihre Stimme für sich und damit Ihre Ruhe. Die Feder fliegt, ich flöge gerne mit und sänge Ihnen, lieber ohne Worte - nur Musik !! - Gott segne Sie mit viel Geduld und Mut zum leben, auch in Ihnen selbst.
Immer in Liebe bis auf ein gesundes Wiedersehen !
Ihre Clara Schlaffhorst
Fräulein Andersen ruft Ihnen Grüße zu.
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Seefeld, den 6. Dezember 1942
Liebes Fräulein Goebel !
Beginne nach dem Lesen Ihres gestern empfangenen Briefes sofort mit einer Antwort. Warum ? Weil Sie die brennendste Not des Seins oder Nichtseins in der Welt und besonders in der heutigen berühren. Das regt mich an, Ihnen ein Sonntagsstündchen zu widmen. Wir kommen als doppelgeschlechtlicher erzeugter Sprößling zur Welt. Wer hat je dem Rechnung getragen, daß dieses in uns, indem es weiterlebt, (in der Kindheit teils als Art, teils als Unart sich austobt) auch sein Recht nach Erziehung - Richtung, maß, Führung, Form und Inhalt in sich verborgen hält und sich nur dem offenbart, was namenlos, wortlos, sinnvoll, edel und gut ihm nahe tritt. Da ist die Atmung sowohl, als das Wort und im höchsten Sinn die Musik das Einzige, was zur Ab-, Aus- und Loslösung führt. Sogar ohne, daß vom Lehrer durch Lockerungen (das Schlimmste) daran gerührt wird ! Es muß zu dem chaotischen Wirrwarr, der im Dunkeln gärt, im Trüben fischt oder gar in Wellen kocht, nur das rhythmisch-musische Gesetz treten. Natürlich gepaart mit unendlichem Feingefühl und mit engelhafter Geduld des Menschen, der es als sein eigenes Leben auf dem Herzen trägt, löst sich die Ballung, schwingt die Wallung in höheren Welten, schließlich in dem Teil, der gewissermaßen dazu vom Schöpfer gegeben, dazu da ist, um das heiße Glühen zum "Wurm" in der Stimme zu fügen ! Oh, könnte ich reden ohne Papier und Tinte, oder singen, wie es sein müßte, um der glühenden Seele ihre nötige Kühle zu geben ! - Die armen Seelenwaisenkinder, die bereits im ersten Erwachen schon zu Grunde gehen müssen - kaum geboren, schon verloren, verwaist, verwundet, zu müde zum Leben und zu tot, um sterben zu können. Wenn ich denke, welche hohe Gottesgabe es ist, in seiner frühesten Jugend durch musikalische Instinkte, musische Triebe, menschliche christliche Liebe in das Fahrwasser hinein zu finden, das uns nährt, währt und wächst zum heiligen Strom, in dessen Wellen man auf- und nieder tauchen kann ! O Aline - du Gottes Kind - hast so gesungen, ohne auch nur zu ahnen, welche Welt dich in ihren Schoß nahm und dich dem Himmel nah bleiben hieß. Dieses Leben, das ich vom 16. Tag meines Lebens einsog mit allen Poren des Seins - war der Stern, der mir schien, das Fernere leuchtete mir in meiner Freundin und das geistige Ziel in meinem lieben und verehrten Professor Hey. Letzteres ist auf dem Wege, sich zu runden. Endlich habe ich oder hat "es" sich dahin gefunden, daß aus der Vielheit eine Einheit sich heraus krystallisiert. Ich habe bereits zwei Sonnabende meinen hiesigen Mitarbeiterinnen so geben können, daß keine Not, keine Qual mich an dem Schaffen hinderte.
Wolle der Himmel mir weiterhelfen; eine treue Begleiterin hilft mir zu immer neuen Erkenntnissen über das was formt und das, was zerstört.
Nachschrift: Und nun gestern Sie selbst ! 06.04.1943
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Seefeld, 02.02.1943
Mein liebes Fräulein Goebel !
Ein lieber Schüler brachte mir, als er heute zur ersten Stunde kam, einen Stoß Briefpapier an; nun kann ich wieder auf anständigem Papier schreiben. Ihr Brief brachte mir Freudiges, und darum habe ich Kraft, wie Sie sie von hier mitgenommen - es ist der selbe Ursprung - die geliebte Natur -, um noch am späten Abend Ihnen zu antworten. In jedem Wort haben Sie recht. "Wer kann sagen, daß er Möglichkeiten hat, abzurücken und sich von innen her zu erneuern ?" Und dieses selige Bewußtsein hört auch in meinen Jahren nicht nur nicht auf, sondern es steigert sich immer noch, wie ich es eben nach der letzten Stunde erleben konnte ! Daß nun Sie nicht allein sind, daß auch Fräulein Bostedt das Erlebte noch "sicher in sich trägt", das giebt mir ein Doppeltes von Freude und Dank. Wäre der Weg nur erst "Allgemeingut". Anders wird man uns nicht aufhören zu beneiden. Ich meine die anderen Völker, die mehr davon ahnen als die Deutschen selbst, und auf den Deutschen gehofft haben. - Daß Dora Waege nicht zu Fräulein Krüger kam, hat uns allen Leid getan; und nun bedaure ich es in Ihrer Seele besonders. Was Sie schreiben ist mir nur allzu verständlich. Daß es Sie zwickt und zwackt verstehe ich ganz. War doch gerade das nirgends finden, was als Ideal in mir lebte, der Hauptgrund allen Forschens. Wie litten meine Freundin und ich unter dem verkehrten Singen, selbst bei großen: Wüllner, Lilli Lehmann, Frau Joachim, Meschart und Andere; - selbst bei Fräulein Friede ! Wenn ich sie begleitete, habe ich sie stets gelenkt, natürlich nur rein aus Liebe und Instinkt. - Morgen sind Sie bei der berühmten (!) Pitzinger - hoffentlich hören Sie Gutes. Ich wünschte es schon in Ihrem Interesse. Für ein paar Worte wäre ich dankbar. Lege Ihnen Brief und Umschlag mit Marke ein. Von Frau Dr. Noack kam auch gute Nachricht, und von uns kann ich Ihnen auch Gutes berichten. Wie oft denke ich, nun hab ich's heraus. Und immer noch findet man Leichteres ! So lasse ich es sein, von mir zu berichten. Die Schüler sind am Sonnabend gut und freuen und wundern sich über mich gar sehr. Und ich ? Ich bin so nahe dem Ziel, daß ich mich freue, noch etwas Zukünftiges vor mir zu haben. Mein Gram über die Menschheit, die nicht aufwacht, wird überstimmt durch Ihre und andere Nachrichten. - Hoffentlich können Ihre angemeldeten Zeiten sich verwirklichen. Und dann giebt es ein Wiedersehen. Auch Frau Dr. Noack ? Meine Freundin übt jetzt oft stundenlang, wie auch eben - und auch so, wie sich es sich immer gewünscht hat. - Beim Zusammenlegen erkenne ich, daß ich auf anständigem Papier nicht mehr zu schreiben verstehe. Ich schicke es trotzdem ab. Sie können den Brief sofort vernichten. Nur noch herzliche Grüße, auch Fräulein Bostedt und Frau Dr. Noack - Stampa und wen Sie sonst noch sehen, von
Ihrer oft gestörten Schreiberin Clara Schlaffhorst
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Seefeld, den 27.08.1943
Liebes Fräulein Goebel !
Ihr Brief vom 1. August soll möglichst ungestört heute beantwortet werden. Ich freue mich herzlich über Ihre Begeisterung für die "so eigenwillige rhythmisch gegliederte Erde". So sind Sie gerade durch die Steigung dieser Massen auf hohen Bergen dem Erdinnern näher gekommen. Extreme berühren sich und diese Berührung ist gerade für Sie und Ihre Erlebniskraft gut. Der Himmel schickt den Seinen immer das, was ihnen gut tut - und so konnten Sie nichts besseres Tun, als auf die berge wandern. Nun sind Sie inzwischen gewiß schon wieder längst im flachen Lande und die Sehnsucht läßt Ihnen - da kam Störung. Erne sollte Stunde haben. Kaum fing sie an, kam meine Freundin sie holen. Sie sollte zu ihr kommen. Nun kann ich mit Ihnen weiter plaudern. - Keine Zeit zum Ruhen. Daß Ihnen das Alleinsein zu schaffen macht, ist mir sehr verständlich; daß Sie es schließlich genossen, erfreute mich innigst. Inzwischen ist hier Hochbetrieb gewesen; nicht allein dadurch daß so viele da waren, sondern hauptsächlich dadurch, daß es Schauspieler waren und der eine ein ziemlich umfangreicher Bariton - ein Herr Professor Hüsch ! Ja, er ist noch da und er ist die Ursache, daß meine Gedanken viel bei Ihnen sind. O - ist diese Arbeit interessant. Wir sind immer nur bei Tönen. Heute hat er von sich aus endlich einsehen gelernt, daß er die gemachte Artikulation - Einstellung des Mundes - fortlassen muß. Sein Ideal ist absolut richtig; aber seine Selbstkritik wacht, trotz bewußten Singens, hier erst gründlich auf. Er lachte heute aus vollem Halse, als er erfuhr, wie ich ihn in und bei seiner mache ertappte. Wir haben noch eine ganze Woche vor uns. Da wird noch manches zu Tage treten für ihn. - Daß auch Sie Augenblicke hatten, wo Sie Menschen Freude machen konnten, freut mich für Sie und die Menschen. Und wer ahnt, was Sie noch alles erlebt haben und noch werden ! Wo ich diesen Schrieb hinsenden soll, ich weiß es nicht; ich glaube nach Weimar. -
Inzwischen wieder Störung - meine Vorgeschrittenen machen mir viel Freude. Man glaubt kaum, daß es immer noch Wege giebt, die noch dunkler sind als das Leben selbst. "Unergründlich süße Nacht!" - Morgen wird es gewiß kritisch werden ! Und Sie sind weit von hier !! Wie weit ?? Wie mag es Frau Dr. Noack gehen ? Bitte einen Gruß an sie zu bestellen. Erne grüßt Sie und meine Freundin herzlich.
Immer Ihre oft Ihrer gedenkende Clara Schlaffhorst
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Seefeld, den 07.01.1944
Mein sehr liebes Fräulein Goebel !
Während ich nach Ihrem lieben Brief mich noch immer weiter beschäftige und mir nur nicht Zeit zu einem zweiten Brief an Sie nehme, kommt plötzlich, unerwartet wieder ein Brief von Ihnen ! Ich danke Ihnen sehr für die treue Fürsorge um mich. Ich war gar nicht so aufgestöbert darüber, daß Sie überhaupt und so viel gesungen haben, sondern daß die Verhältnisse gerade einen Strich durch die Gedanken meinerseits machten; ich hätte Ihnen gerade in jenen Tagen das Alles sagen können, was sich in mir in Vorbereitung zu Ihrem Kommen aufgespeichert hatte. Ich bin durch den heutigen, lieben Brief insofern beruhigt, weil ich nun weiß, daß Sie vorläufig von selbst weiter zu gehen scheinen. Ich bitte Sie nur, falls irgendwann etwas wie eine Stockung eintreten sollte, nicht zu probieren, davon los zu kommen, sondern mir sofort zu schreiben. Mir sind in den Ferien Erkenntnisse aufgegangen, die auch Sie kennen lernen müssen. Natürlich schließt sichdaran in mir eine weitere Folge Erleichterungen mancher Art an, die für mich persönlich ungemein wertvolle Möglichkeiten geben. So kann ich, genau wie Sie auch, nur wünschen, wir begehen ein baldiges Wiedersehen, die dreidimensionale Bewegung (Kugelform) ist im Werden, bei den Schülern und bei mir. O die Ferne !!! Viele Grüße an Sie und die Vielen !!!
Ihre Clara Schlaffhorst
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Seefeld, den 23.01.1944
Liebes Fräulein Goebel !
Gegen das Schicksal oder die Fügung kann niemand etwas ! Besonders nichts, der Wille des Menschen. Was nützt das Denken, Fühlen und Wollen! Ich hätte nun stille zu sein, und doch muß ich Ihnen schreiben. Denn Ihr Brief war so voller Tatendrang, daß mir dabei Angst und Bange wurde. Ich fügte mich still und ergeben in den Willen des Schicksals; in Ihnen bäumte sich alles auf und es schrie vernehmlich: Dennoch - Das ist wohl zu verstehen auch noch von mir aus, die ich auf einer total anderen Ebene liebe und lebe. - Ich möchte Sie aber doch gewarnt haben für ähnliche Wiederkehr. Denn das chaotische Durcheinander darf sich nicht oft wiederholen; besonders nicht in immer wechselnder Stimmung. Aus jeder Partie die verschiedensten Stimmungen hergeben zu müssen, hat eine große Gefahr gegenüber der Stimme und ihrer Entwicklung. Letztere ist meiner meinung nach noch wertvoll, und darum bin ich nun doch sehr traurig darüber, daß ich Sie nicht hier haben konnte, um nach dem Rechten zu sehen und zu hören. Der Rausch "an sich selbst" ist zu verstehen, aber nach ihm hätte noch ein erwachen in treuen Händen kommen müssen. Und wären es nur Tage gewesen !!! Nun hätte ich gerne eine Ahnung, wie "es" Ihnen weiter geht ! Damit wäre die Sorge um die Stimme, deren Wohl mir am Herzen liegt, etwas gehoben. Bitte, Grüße zu bestellen, besonders an Ihre Freundin, der ich so bald nicht schreiben werde. Ihnen selbst und Ihrer Umgebung viel Gutes von
Ihrer Clara Schlaffhorst,
die sich Ihnen nicht als genesen vorstellen konnte. Leider - Sie hätten Freude gehabt.
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Seefeld, Pfingsten 1944
Mein liebes Fräulein Goebel !
Pfingsten ist! Daher die Ruhe zum Schreiben an Sie, liebes Herze ! Trotzdem ihr Brief leider nichts über Ihr Singen brachte, fühle ich mich Ihnen und Frau Dr. Noack gegenüber verpflichtet, Ihnen von dem zu schreiben, was nach Ihrer Zeit noch alles eingetroffen ist. Gerade, weil das Schicksal Sie vom Singen fern hielt, so ist's innerlich voran gegangen und vielleicht leichter gestimmt, neues aufzunehmen. Ich kann nicht warten, bis wir uns wiedersehen, trotz Ihrer und unserer Sehnsucht. Das Waldhaus soll uns aufnehmen, Holz werden wir, d.h. meine Freundin wohl auch haben zum Pfannkuchen backen ! Aber ob er gegessen wird - wer kann heute schon etwas voraus sagen ? Ich beginne, ehe der Bogen zu Ende geht, mit dem, was sich bei mir einfand. Hier sind die Fortschritte groß - besonders auch in mir selbst, die sowohl singen, als auch gehen kann.
Also erstens: Die drei Septimen gliedern sich als "natürlich - wahr - richtig". Ferner gliedern sie sich in sich selbst als "atmen (ga) - reden (hcd) - singen (ef)". Als Bestimmung - Stimmung - Stimme. Ihre innere Kraft gliedert sich auch in: größeste - mittlere - geringste Kraft. Ferner: bei g a atmend - keine Luft unter der Zunge, bei hcd - beim Reden Luft unter der Zunge, bei ef reine Stimmluft. Wie früher bereits drei Einsätze: ga Windrohr - hcd Kehlrohr - ef Ansatzrohr. Ferner: Bei individueller Einatmung, Ruhe in der Lunge nach der Lufteinströmung:ehe der Stimmton einsetzt, die Luft schnell durch's Stimmband hindurch lassen in den Mund, wo sie sich allmählich entleert; nie die Lunge ! nach dem Einsatz - lieber nach dem Durchlassen der Luft also beim Einsatz selbst, fester Stimmbandschluß - darnach während der Stimmgebung, Zwerchfelltätigkeit so lange der Satz dauert, den man singen muß (in einem Atem).
So nun habe ich es geschafft, vom Herzen hinunter geschrieben. Es bleibt alles auf der Linie des bisherigen Studiums; fördert das Leben, mindert die Arbeit und gab bei mir, weil ich am intensivsten arbeite, ein geradezu Fertiges, mit dem ich erst jetzt wieder etwas schaffen kann. Hoffentlich verstehen, d.h. geht es in Sie, liebe Seele, hinein; und dann kann es auch Ihre Freundin wissen. Den Anderen, Fräulein Schü - möchteich es beibringen. Hier erlebten wir gestern eine Pfingstvorfreude. -
Sie seufzen in Ihrem Brief, für den ich Ihnen danke - "warum muß, nein sind wir so weit fort" - und was tue ich ? Ich stöhne dasselbe - der Himmel gebe Ihnen im Sommer Tourneen, daß Sie zum Singen kommen ! Ich flehe darum und grüße Sie herzlichst aus einem schönen ruhigen Pfingsttage heraus. - Ich ging bis zum Waldhäuschen. Immer
Ihre Clara Schlaffhorst
Fräulein Andersen grüßt.
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Seefeld, 31.07.1944
Mein liebes Fräulein Goebel
Ihren Wunsch erfülle ich gern, damit Ihre Sehnsucht gestillt ist !!! Die Meinige wurde bereits von Frau Noack beruhigt. Nämlich darin, daß es Ihnen gut geht. Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß Sie Ihre Kräfte einmal noch einer andern und noch dazu einer, die Sie so noch nie gebrauchen mußten, prüfen dürfen. Das wird Ihnen für spätere Tage von großem Nutzen sein. Der Mensch kann selbst am besten beurteilen, was ihm dient und ihn fördert, als irgend ein anderer. Auch der treueste Lehrer und Freund zugleich ist dem Schüler nie so nah, als er sich selbst. Und hat der Mensch im Schüler erst sich selbst zurecht gefunden, dann hat der Lehrer erst das in in Händen, was er als Werkzeug zu seiner Arbeit braucht. - Ich freue mich und habe das garnicht anders erwartet, daß Sie den tapferen Soldaten das bringen, was sie brauchen: Musik, die ihnen Kraft aus dem Kosmos, dem ewigen Leben zuführt. Daß Sie alle sich so gut verstehen, ist noch ein besonderes Glück. Möge gerade das Ihnen bis zum guten Ende erhalten bleiben ! Das wünsche ich Ihnen, Fräulein Wilmanns, Fräulein Rohwer und den Mitspielenden, die ich nicht kenne. Ob Sie in Bremen ohne Angriff durchkamen ?
Frau Noack ging strahlend fort; sie hat erreicht, was für sie möglich war. Selbst beim Abschiedsingen hielt es stand.Sie kann nun, ihr weiteres Leben damit bereichernd, froh bleiben. Fräulein Bostedt ist ganz und gar mit Leib und Seele dabei und machte dabei große Fortschritte; alles, was sie quälte, hat sich, wie es scheint, zurück entwickelt. Seit Wochen scheint alles in Ordnung. Ob sie sich all das Gute erhalten kann, d.h. so daß es ihr bewußt geworden ist, das muß die Zeit lehren ! Für mich war diese Arbeit eine stete Bestätigung dafür, daß es Krankheit nicht giebt, wenn der betreffende Mensch dazu angehalten wird, die Natur zu erfassen und sie zu belehren.
Doch nun ist's vorbei, die Zeit ist hin mit öfteren Unterbrechungen. leben Sie wohl bis zum Schluß der Vorstellung und "dann und wann" ein kleiner Augenblick Besinnung. - Mit Grüße, auch von meiner Freundin, denken wir öfters Ihrer in Liebe.
Ihre Clara Schlaffhorst
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