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Gertrude
Schümann
Atem,
ein königlicher Weg der Heilkunde
leicht
gekürzter Vortrag, gehalten am 26.10.1975 in Baden-Baden
anläßlich
einer Arbeitstagung der AfA und der Deutschen Psychotherapeutischen und
Sozialmedizinischen Gesellschaft e.V. (PSG)
Meine Damen,
meine Herren !
Es
war im Jahre 1898, als zwei Frauen von Memel nach Königsberg
zu einem
Hals-, Nasen- Ohrenarzt fuhren, weil sie sich Hilfe für ihre
erkrankten
Stimmen erhofften. Nach eingehender Untersuchung geschah etwas
bemerkenswertes. Der Arzt, Dr. Kafemann, sagte: "Meine Damen, Sie atmen
falsch!", und gab ihnen statt einer medikamentösen Behandlung
den Rat,
anhand des Buches von Leo Kofler, "Die Kunst des Atmens", ihre
Atemnfunktion zu ändern.
Zwei Dinge sind hierbei bemerkenswert:
einmal, daß an Stelle der medikamentösen Therapie
der aktive
Einsatz des Patientens, sein Sich-Ändern, gefordert wurde,
und zum anderen das Wissen dieses Arztes um die Tatsache, daß
Atem- und Stimmfunktionen eine untrennbare Einheit darstellen.
Clara
Schlaffhorst und Hedwig Andersen - denn um diese beiden Frauen handelt
es sich in unserer Geschichte - haben diese Erkenntnisse in ihrer
damals einsetzenden lebenslangen Forschungsarbeit täglich neu
bestätigt
gefunden, zuerst in der Arbeit an sich selbst (denn ihre Stimmen wurden
wirklich gesund) und darauf aufbauend in der Arbeit an
unzähligen
hilfesuchenden Menschen.
Atmung und
Stimme eine untrennbare Einheit ?
Jeder
von uns benutzt seine Stimme automatisch nur während der
Ausatmung und
muß den Redefluß unterbrechen, wenn eine Einatmung
notwendig wird. Das
ist allgemein erfahrbar. Außerdem geschehen jedem Menschen
unwillkürliche Lautäußerungen, die sich
ebenso automatisch dem
Ausatemvorgang einfügen, so beim Niesen und beim Husten, aber
auch beim
seufzenden Aufatmen oder beim Stöhnen aus großer
Bedrängnis.
Dieses
untrennbare Miteinander von Atem- und Stimmfunktionen ist Grundprinzip
der Lehrweise der Schule Schlaffhorst-Andersen geworden: reine
Atemübungen, Verwendung der Sprachlaute und Einsatz der Stimme
bis hin
zur schöpferischen Aussage in Sprache und Gesang beeinflussen
und
durchdringen sich gegenseitig. Selbstverständlich aber
müssen sie
zeitweise vereinzelt je nach Nötigung der Situation und den
Bedürfnissen des einzelnen Menschen angepaßt,
getrennt geübt werden.
"Meine
Damen, Sie atmen falsch!" Dieser Satz des Königsberger Arztes
war
Ausgangspunkt für die Erforschung der Atem- und
Stimmfunktionen. Atmet
man denn nicht automatisch richtig ? Was kann man beim Atmen
überhaupt
falsch machen ? Diese Fragen sind auch heute noch erste Reaktion von
Menschen, die noch nie etwas von Atem- und Stimmarbeit gehört
haben.
Hier in diesem Kreise ist schon so unendlich viel über
Atemfehlformen
und deren Behandlung ausgesagt worden, daß es
möglich ist, nur wenige
grundlegende Fakten in den Raum zu stellen.
Die Atmung ist zwar eine natürlicher, autonomer Vorgang, ist
aber
dennoch vom Willen her beeinflußbar und störbar.
Bei
nervlicher Überbelastung z.B. können falsche,
willentlich eingesetzte
Nerven und Muskeln in ihrer Tätigkeit so
überhandnehmen, daß die
eigentlichen Atemfunktionen darüber verkümmern und
ihre Rhythmus
verlieren. Die Folge sind Verkrampfung der peripheren Muskulatur, was
zur Erschlaffung des Zwerchfells und damit zur Verflachung des
Atemgeschehens führt. Schlechte Körperhaltung, sich
immer steigende
Nervosität und Dysregulation des gesamten Vegetativums sind
die
weiteren unausweichlichen Folgen. Eine Regeneration der
Atemkräfte
erscheint deshalb als vordringliche Aufgabe.
Ob man zu diesem Zweck
Atenübungen aktiv ausführen soll, oder ob es
günstiger ist, den Atem
durch bestimmte Körperhaltungen und -bewegungen oder Massagen
indirekt
zu beeinflussen, darüber gibt es verschiedene Meinungen.
In der
Schule Schlaffhorst-Andersen wird wechselweise gearbeitet. Betrachten
wir zuerst die Möglichkeit der aktiven Atembeeinflussung. Um
Atemübungen ungefährdet machen zu
können, müssen bestimmte
naturgegebene Regeln eingehalten werden. Dazu gehört vor allem
die von
Leo Kofler übernommene und dann selbst erfahrene Erkenntnis,
daß die
Einatemimpulse unwillkürlich sind, also "von Natur aus" zu
geschehen
haben und nicht willentlich vom Menschen herbeigeführt werden
darf.
Weit dienlicher wäre es, würde der Mensch seine
willentliche Aktivität
bei der Ausatmung einsetzen, denn hier allein ist der Ansatzpunkt, von
dem aus regulierend und regenerierend auf den ganzen Atemablauf
eingewirkt werden kann.
Wenn der ausströmenden Luft Widerstände in
Form von Sprachlauten entgegengesetzt werden, wird die Atemmuskulatur
am Erschlaffen gehindert und eine gründlichere Entleerung der
Lungen
herbeigeführt.
Auch hier war Leo Kofler wegweisend.
Die zweite entscheidende Grundregel für Atemübungen
wurde die
Dreiteiligkeit des Atemablaufes: Einatem - Ausatem - Ruhepause.
Dieser
dreiteilige Atemrhythmus ist die ureigene Erkenntnis von Schlaffhorst
und Andersen. Sie erzählten oft, wie sie am Meer beim
Auslaufen der
Wellen die gleiche rhythmische Bewegung beobachtet hatten, und mit
Vorliebe gingen sie mit uns in Berlin in das große Aquarium,
nicht um
uns die Fische, wohl aber deren Flossenbewegungen zu zeigen. Auch hier
war kein Ablauf im Zweierrhythmus, immer war noch ein beruhigendes
Nachschwingen zu beobachten.
Sie waren sehr erfreut, als sie später
erfuhren, daß sich auch in anderen Organen, vor allem im
Herzen und in
den Därmen, dieser dreifacher Ablauf nachweisen ließ.
Ruhepause
bedeutet nicht Stillstand, es ist wie ein feines Ausklingen, in welchem
sich schon der schöpferische Impuls zur erneuten Einatmung
vorbereitet.
Dieser
dreiteilige Bewegungsrhythmus, wie er sich im Zwerchfell anzeigt:
Zusammenziehung oder Anspannung bei der Einatmung, Streckung oder
Abspannung bei der Ausatmung, Lockerheit in der nachschwingenden Ruhe,
ist dann Grundlage für das Üben an allen Bewegungen
der inneren und
äußeren Muskulatur geworden.
Kommen wir nun zu der indirekten
Beeinflussung der Atmung über Körperbewegung und
Massage. Gerade um
diese Möglichkeit der Atemerziehung haben sich neben
Schlaffhorst und
Andersen viele andere Pädagogen bemüht und ihre
vielfältigen
spezifischen Lehrweisen entwickelt.
Für Menschen, denen es
schwerfällt, das bewußte Erleben der Einatmung vom
falschen
willkürlichen Eingriff zu unterscheiden, bietet sich diese
Behandlungsmöglichkeit vordergründig an.
Die atemfördernden
Bewegungsabläufe der Schule Schlaffhorst-Andersen
gründen sich im
Wesentlichen auf drei Bewegungsprinzipien, die kreisende, die
schwingende und die rhythmische Bewegung.
Die kreisende Bewegung,
von der äußeren Muskulatur ausgeführt, ist
eine Projektion des
Blutkreislaufes, die schwingende entspricht der ein- und
ausströmenden
Luft, während in der rhythmischen Bewegung der
Gliedmaßen sich der
Atemrhythmus in seinen drei Phasen widerspiegelt.
Jede dieser
äußeren Bewegungen wirkt
naturgemäß auf die ihr innerlich
entsprechenden Vorgänge regenerierend zurück.
Besonders gilt dies für
die rhythmische Bewegung, wenn sie mit dem Atemablauf koordiniert wird.
Bei Schwächezuständen in der Rekonvaleszenz erweist
sich diese Übung als besonders hilfreich.
Im
täglichen Leben ist es natürlich nicht
möglich, jede Bewegung an das
Zeitmaß des Atemrhythmus anzuschließen. Aber die
Aufgabe besteht darin,
den dreiteiligen Bewegungsablauf der äußeren
Muskulatur, der im
Zusammenhang mit der Atmung erlernt wurde, auch dann zu bewahren, wenn
die beiden Bewegungen sich zeitlich voneinander ablösen.
Bewegungen,
die in dieser Weise rhythmisch ablaufen, werden stets gelöst,
frei und
natürlich wirken, weil die Ruhepause in jeder Bewegungsphase
erhalten,
d.h. die Erholung sozusagen in die Tätigkeit eingebaut ist.
Eine solche
bewegung wirkt auf die Atmung des Ausübenden wie auch auf die
des
Zuschauenden belebend und aufbauend, während unrhythmische
Bewegungen
oft zu Anstrengung führen und den Atem verzerren. Es
ließen sich die
Überforderungen des Alltags besser bestehen, wenn man diese
Regenerationsmöglichkeiten kennt.
Bei der Besprechung der aktiven
Atembeeinflussung wurde vorhin erwähnt, daß
Sprachlaute sich als
Ausatemübung anbieten. Solange es sich um Atemübungen
handelt, werden
nur stimmlose Laute verwendet.
Die Sprache hingegen enthält - wie
bekannt - auch stimmhafte Laute, und zwar solche mit reinem Stimmklang,
wie die gesamten Vokale und die klingenden Konsonanten (m, n, l, ng)
als auch Mischformen, die Stimmklang und Atemgeräusch
miteinander
verbinden (w, r, s, j).
Jeder dieser Lautgruppen wirkt so
verschieden auf die inneren Organe und Muskeln ein, daß
selbst in der
Ausatemphase der Rhythmus von Spannung, Abspannung und PLockerheit zu
erkennen ist, allerdings nur dann, wenn die Fehlerquellen, die auch bei
der Sprache zu finden sind, beseitigt werden konnten: zu heftiges
Drängen bei den strömenden,
übermäßiges Stauen bei den
Verschlußlauten,
ganz zu Schweigen von der unnatürlichen Bildung der Vokale an
der
Stimme und im Artikulationsraum.
Es gehört schon ein erfahrenes,
physiologisch geschultes Ohr dazu, um das Störende zu
erhorchen und die
Sprache mit ihren differenzierten Lautgruppen so zu gestalten,
daß sie
neben der notwendigen Vermittlung des Gedankengutes auch auf die
inneren, an den Atem gebundenen Lebenskräfte weckend und
aufbauend
einwirkt.
Dazu möge man bedenken, daß zur Sprache
paradoxerweise
auch das Schweigen gehört, jener Augenblick, in welchem das
aktive Ich
zurücktreten sollte, um dem Einschwingen des belebenden Atems
Raum zu
geben.
Gerade hier aber wird begreiflicherweise in unserer
hektischen Zeit am meisten gesündigt, weil anstelle eines
natürlichen
Einatemimpulses, der uns geschieht, die Luft willentlich eingezogen
wird, was sich in einem hörbar geräuschhaften Ziehen
und Schnappen
bemerkbar macht.
In seinem Buch "Die Welt des Schweigens" hat Max Picard die Worte
geprägt:
"Das
Schweigen kann sein ohne das Wort, doch nicht das Wort ihne das
Schweigen. Das Wort wäre ohne Tiefe, wenn ihm der Hintergrund
des
Schweigens fehlte."
Erst durch dieses Erleben wird deutlich, daß
Sprache nicht nur Gedanken vermittelt, und daß beim Sprechen
nicht nur
CO⊃2; ausgeatmet wird, sondern daß durch die immer
wieder erneut
vollzogene Rückkehr in die Tiefe dieses Schweigens in die
Sprache alles
einströmen kann, was den ganzen Menschen ausmacht, neben
seinen
Gedanken auch seine Gefühls- und Empfindungswelt,
Kräfte, die sich aus
den verborgensten Schichten seiner Seele lösen.
Es
ist hiermit sehr deutlich geworden, daß Sprache alle Bereiche
des
Menschen anspricht, daß sie seine physiologischen, seine
geistigen,
seelischen und emotionalen Kräfte umschließt. Wenn
einem Menschen im
Sprechen dieser harmonische Zusammenklang geschieht, kommt darin seine
gesamte Persönlichkeit zum Ausdruck, und diese Erfahrung - in
welchem
Bereich auch immer er lebt - wird von ihm stets als Befreiung und
Erfüllung zugleich empfunden.
Doch auch der Zuhörende wird von einem
solchen Sprechen in besonderem Maße angerührt, weil
die Bewegtheit des
Sprechenden vom Zuhörenden aufgenommen, unbewußt
mitvollzogen wird.
Wer
hätte das im physiologischen Bereich nicht schon im negativen
Sinne
erfahren, wenn ihm nach kurzer Zeit des Zuhörens der Atem
stockte oder
er gar mit heiserer Stimme nach Hause ging, ohne selbst ein Wort
gesprochen zu haben ?
Es liegt nahe, daß die positiven Auswirkungen
jeglichem zwischenmenschlichen Bereich zugutekommen können,
aber auch
für Erziehung, Schulung und Therapie entscheidend sind; gar
nicht
fortzudenken sind sie selbstverständlich in der Kunst.
Das Gefühl
erhöhten Lebens, das die Sprache im Menschen erwecken kann,
wird noch
gesteigert durch die singende Stimme, die in weit helleren und
dunkleren Farben ausschwingen kann, als es je dem Sprechenden
möglich
ist, und die noch intensiver in das Lebensgeschehen einwirkt. Es ist
ihr gegeben, Gefühle und Empfindungen wortlos
auszudrücken, verbindet
sie sich aber mit der Sprache, so kann durch sie höchste
Aussagefähigkeit erreicht werden.
Physiologisch können die
Schwingungen, die von ihr ausgehen, durch gedankliche Beeinflussung
gezielt unsere verschiedenen Leibräume mit ihren Organen
durchdringen
und dort Verkrampfungen lösen und erschlafftes Gewebe beleben.
Außerdem
wird durch die verlängerte tönende Ausatmung die
Lungenbewegung
intensiviert und damit der gasförmige Stoffwechsel
gefördert.
Die
Regeneration, die von der Stimme ausgeht, beruht jedoch nicht nur auf
ihren Schwingungen, sondern noch mehr auf all den Wirkungen, die sich
aus dem Antagonismus von Zwerchfell und Stimmmuskel ergeben.
Während es
zunächst darauf ankommt, den unwillkürlichen,
naturhaften
Einatmungsimpuls zu regenerieren, besteht beim Sprechen und in noch
stärkerem Maße beim Singen die Möglichkeit,
selbst beim Ausatmunsakt
Einatmungsimpulse wirksam werden zu lassen.
Die Luft entweicht nicht
einfach wie bei einer stummen Ausatmung, sondern die Stimme sorgt durch
ihre feinen verschiedenartigen Spannungsgrade dafür,
daß das zwerchfell
trotz der Strckbewegung Impulse empfängt, die als
inspiratorische
Spannung in Erscheinung treten. Es geschieht also das Erstaunliche,
daß
in der Ausatmung, die im Grunde Vergehen bedeutet, dank der Stimme
Einatmungs-, d.h. Lebensimpulse mit enthalten sind. Und das ist
regeneration in ihrer tiefsten Bedeutung.
Die Elastizität, zu der
die Atemmuskulatur im Ausatmungsakt erzogen wird, ist die beste
Vorbereitung für eine impulskräftige, fast
reflektorische Einatmung.
Das schon bei der Sprache erwähnte geräuschhafte
Einziehen der Luft ist
immer ein beweis dafür, daß dieses elastische Spiel
verlorengegangen
ist.
Welch entscheidende Bedeutung also der Stimme für die Belebung
der Atmung, der Atmung für die Atimme zukommt, wie
vielschichtig die
Wirkungen dieses Zusammenspieles sein können, das war die
damals
bahnbrechende Erkenntnis von Schlaffhorst und Andersen.
Es waren
Auftrag und Lebensinhalt der beiden Forscherinnen geworden, das
Bewußtsein der Menschen für den Wert ihrer Stimmen
aufzuschließen. ihre
Forschungen hatten sie weit über den Raum der bisherigen
Stimmpädagogen
hinaus und zu der Erkenntnis geführt, daß Pflege und
Schulung von
Atmung und Stimme nicht nur dem Künstler oder der schon
erkrankten
Stimme galten, sondern daß es jedem Menschen, welchen Alters
oder
Berufes er auch sei, zugute kommen könnte.
Die menschliche Natur ist
heute noch viel gestörter als in den Jahren, in denen
Schlaffhorst und
Andersen forschten. Jedoch ist auch das Wissen um die Hilfen, die
über
Atmung und Stimme vermittelt werden können, weit verbreiteter
als zu
jener Zeit.
Doch allem Forschungstrieb, der uns beseelt, ist eine
Grenze gesetzt, denn - "das Leben selbst können wir nicht
ergründen,
wohl aber, wodurch es gehemmt oder gefördert werden kann."
(Clara
Schlaffhorst)
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