Historisches

Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 


 

An A. von Dobrogoiski (1946 – 1951)

Briefe von Hedwig Andersen an Alexander von Dobrogoiski, 1937-1951

Abschriften aus dem Haus Seyd/Goebel, Sülze (umfassen nicht den gesamten Bestand!)


Der (vermutlich) gesamte Bestand an Briefen von H. Andersen an Dr. A. von Dobrogoiski  in Fotokopien fand sich im Nachlass von Anita Grauding. Er wurde jetzt von Roswitha v. Lingelsheim weitergegeben an Heidi Noodt und von ihr im Juli 2010 für das Internet abgeschrieben. Die bisher nicht vorhandenen  Briefe wurden nach Datum eingefügt.

Herr Dr. v. Dobrogoiski war Jurist und seit den dreißiger Jahren Schüler im Hause Schlaffhorst-Andersen. Es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, so dass Clara Schlaffhorst und später Hedwig Andersen ihn zu ihrem  Testamentsvollstrecker machten.                                                            

(Siehe auch „Briefe von Clara Schlaffhorst 1937 bis 1943“)

Eutin-Schönborn, d. 29. 12. 45

                              am 8./1. an Frau Selbmann geschrieben

 

Lieber, verehrter Herr v. Dobrogoiski,

Das war wirklich ein Wunder! Meine Gedanken hatten sich tagelang so stark mit Ihnen beschäftigt, dass ich fest entschlossen war, an Sie zu schreiben - ! kurz vorher hatte Ilse Krüger auf meine Bitte schon Ihre Anschrift mitgeteilt. Und siehe da! Da kommt der Brief von Ihnen und zeigt mir, dass Ihre Gedanken sich auch mit mir beschäftigt hatten. Nun schrieb ich aber zunächst an Frau Selbmann, die mir mitgeteilt hatte, dass sie wegen des Testaments viele Schreibereien hätte, u. riet ihr, sich an Sie zu wenden, Sie könnten vielleicht dabei behilflich sein, da Sie ja als Testamentsvollstrecker dazu berechtigt wären. Mein Brief an Sie musste etwas zurückgestellt werden, da ich meiner Augen wegen sehr gehemmt bin und die dunkeln Tage hier, es mir noch mehr erschweren, das Schreiben nämlich. Die nördliche Lage hier in Holstein und die unerhört schwere, feuchte Luft, die nie einen Sonnenstrahl durchlässt, machen die kurzen Tage noch länger.

Ja, wir haben inzwischen viel erlebt, lieber Herr v. Dobrogoiski! Sie müssen ja auch Schweres durchgemacht haben, ich habe  oft an Sie gedacht – aber nun sind Sie glücklich bei Ihrer Familie u. wenn ich nicht irre auch in Ihrem alten Heim und vielleicht auch schon wieder in Ihrer alten Tätigkeit u. Alles würde wie ein schwerer Traum hinter Ihnen liegen, wenn nicht die rauhe Wirklichkeit der jetzigen Zustände uns das Träumen immer wieder von neuem abgewöhnen würde. Man kann Ihnen, wie sich selbst immer nur körperliche Gesundheit und geistig-seelische Kraft für das nächste u. für die nächsten Jahre überhaupt wünschen, um alles, was ja doch letzten Endes Gott uns schickt, zu ertragen. Das wünsche ich auch Ihnen und Ihrer lieben Gattin u. nicht zuletzt Ihrem Jungen, der ja auch schon früh des Lebens Schattenseite erkennen lernen muss. Wir Alten – na, Schwamm drüber! Wir haben ja doch wenigstens die tröstliche Aussicht, der Gegenwart bald entrückt und hoffentlich in eine bessere Welt versetzt zu werden. Es würde mich freuen, Näheres über Ihr jetziges Leben zu hören.

Mit herzlichen Grüßen für Sie u. die Ihrigen

                                                                             Ihre sehr ergebene H. Andersen.


Schönborn, d. 9. 4. 46

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

„Sehr geehrter“ ist so selbstverständlich, dass ich es nicht erst zu schreiben brauche, sondern gleich so schreiben kann, wie es mir ums Herz ist. Also lieber Herr v. D. (der ganze Name nochmal ist für meine Augen zu lang.)

Also ich habe mich in diesen Tagen endlich aufgeschwungen, ein neues Testament zu schreiben u. möchte Ihnen die Abschrift – oder die teilweise Urschrift gern zusenden. Nachdem ich aber Ihren letzten, lieben Brief v. 11. 2. eben noch einmal aufmerksam gelesen habe, ist mir der Mut etwas geknickt, und ich hätte am Ende  gar kein Testament zu machen brauchen, weil ja doch Keiner was kriegt. Aber immerhin, ich habe nun meine Pflicht getan und so verfügt, wie ich es heute für meine Pflicht halte und – nach mir die Sindflut! Die Leute ersehen wenigstens daraus, wie ich gedacht habe. Dass es Ihnen nun aber auch so fragwürdig ergehen muss, wie so vielen 1000 Anderen, die es für ihre Pflicht hielten, P.G. (Partei-Genosse der Nationalsozialistischen Partei) zu werden, tut mir ganz schrecklich leid. „Wir Wilden sind doch bessere Menschen“! D.h. ins Moderne übersetzt: Wir Frauen sind doch klügere Leute, d.h. keine P.G.s geworden. Aber ob wir deshalb besser dran sind, als Sie, ist ja schließlich auch noch nicht gesagt. Heroisch finde ich aber Ihren Entschluss, Schüler von Schl.-A. und gleichzeitig Obsteleve zu werden, ich glaube nicht, dass sich das vereinigen lässt. Was Frl. Fischer anbetrifft (Herrin des Obstgutes, auf dem H. Andersen lebt), so will ich ihr mal morgen Ihren diesbezügl. Brief zeigen, heute ist (sie) auf Geburtstagsfete bei ihrem neuesten Obstschüler, der zugleich ihr sehr geliebter Vetter und mit Frau u. Kind (alle 3 sind Prachtexemplare) hier eingezogen ist. Dieser Passus Ihres Schreibens war wohl auch nur wieder ein Pröbchen Ihres goldenen Humors – bezw. mit ein bisschen „Galgen“ gemischt.

 

Um nochmals auf mein Test. zurückzukommen: Ich muss ja jetzt vom Kapital meinen Lebensunterhalt inkl. Briefporto bezahlen, und so wird es ja bis zu meinem Tode noch sehr zusammenschmelzen, aber hoffentl. doch reichen. Ich weiß nicht genau, wie viel es ist, das Kontobuch ist auf der Kreissparkasse  in Celle, aber es werden kaum noch 16.500 sein, Zinsen für 1945 soll es ja gar nicht geben. Ich hoffe, dass mein Leben nicht mehr bis zum nächsten Krieg reichen wird, ich werde bald mein 80stes Lebensjahr vollenden.

Für heute muss ich nun schließen, es war ein kalter, aber so heller Tag, dass meine Augen bis 6 Uhr sehen konnten. Von ganzem Herzen grüßt Sie und Ihre liebe Frau

                 Ihre alte, klapprige H. Andersen, die immer gerne an Sie Beide denkt.




Schönborn, den 29.08.1946

Lieber Herr von Dobrogoiski

nun habe ich das Testament noch einmal umgeschrieben, was eine schwere Arbeit für meine Augen ist und nun hört's auf mit Ihren Fragen und wird nicht mehr geändert. Die Vermächtnisse an Fräulein Roloff und Fräulein Nissen habe ich bereits persönlich geregelt und das Vermächtnis an Frau Henni Andersen in Hamburg werde ich auch demnächst noch besorgen, dann hat der Testamentsvollstrecker damit gar nichts zu tun. Jetzt erhebt sich aber eine Frage meinerseits. Frau Selbmann besuchte mich vorige Woche ganz überraschenderweise zu meiner großen Freude und sprach davon, daß Sie noch immer nicht die gerichtliche Bestätigung zum Testamentsvollstrecker zu haben scheinen und daß sich die Sache so unendlich lang hinziehe. Da ging mir folgendes Licht auf:

Sollten Sie als PG noch nicht genügend entnazifiziert sein, um mit dem Posten betraut zu werden? Dann würde sich ja das Theater wie bei meinem Testament wiederholen. Dies ist nun meine Frage, die Sie mir bitte bald beantworten möchten.

Meine Lebenszeit verstreicht,

stündlich eil ich zu dem Grabe

und was ist's, das ich vielleicht

was ich noch zu leben habe?

Denk O Mensch an deinen Tod,

säume nicht denn eins ist Not.

Wunderschönes Lied von Beethoven.

In meinem Testament heißt es jetzt: ,,Sollte einer der drei Erben den Erbfall nicht erleben, so treten seine leiblichen ehelichen Kinder an seine Stelle. Sie haben alle drei solche Kinder. Sollten keine solche Kinder vorhanden sein, so fällt das Erbe zu gleichen Teilen den beiden anderen Erben zu. Der überlebende Ehepartner bekommt ein Legat von 1.000 DM.'~ Fertig.

Mehr Menschen werden wohl nicht früher als ich sterben und ich bin über 80 Jahre alt. A.M. Fischer ist noch immer im Krankenhaus. Leben Sie wohl für heute und seien Sie und Ihre liebe Frau herzlichst gegrüßt von Ihrer H. Andersen.

Was aber das Legat von 500 M für die ev. Witwe von Fritz Andersen anbetrifft, so finde ich es auch eigentlich zu wenig und werde das in M tausend ändern.

 

Daß sie die ganzen 10.000 erben soll, widerstrebt mir offen gesagt, sie ist so gar nicht stammesmäßig. Ich kenne sie auch erst seit 1944, als sie mit der einzigen Tochter zu uns nach Seefeld kam in der Hoffnung daß wir dem kranken Kinde durch unsere Arbeit helfen könnten. Das war leider nicht mehr möglich, wir haben aber viel miteinander dadurch erlebt und es war eine sehr tragische Sache, auch Fritz lernte ich eigentlich erst dadurch kennen. Na, das kann ich nicht alles schreiben, vielleicht führt uns das Schicksal mal so zusammen. (Sie und mich meine ich) daß ich es Ihnen erzählen kann. Fritz muß jetzt nach der Entlassung von der Wehrmacht ganz von vorn anfangen, was aber sehr schwierig ist, er ist Autoingenieur und hat durch den Krieg alles verloren, auch ist seine Wohnung in Kiel mit fast allen Möbeln zerstört (ebenso wie Hennys, der Witwe Karls in Hamburg). Diese Lebensgeschichten sind fast alles Romane, aber meist mit tragischem Ausgang. Also nun, nur noch für heute: Das Legat für Fräulein Roloff ist schon erledigt, ich habe es von meinem Konto in Celle auf Fräulein Roloffs übertragen lassen, deren Konto auch auf der Kreissparkasse in Celle steht. Also sehr einfach. Ebenso einfach ist es mit dem Legat für Fräulein Nissen, sie ist von Beginn meines hiesigen Aufenthalts bei mir, wir leben eine schöne Gemeinschaft zu dritt, mit Fräulein Annemarie Fischer als viertem Schulmitglied. Ich habe Fräulein (?) die ihr zugedachten M 1.000 persönlich übergeben, so können bei meinem Tode keine Weiterungen entstehen und die Testamentsvollstreckung wird vereinfacht. Für heute genug für meine Augen, lieber Herr von D.. Sehr herzlich grüßt Sie und Ihre Gattin Ihre H. Andersen.


(Vom folgenden Brief fehlt die erste Seite und damit das genaue Datum, vermutlich der 10. 11. 1946)

Hätten Sie nur nicht die Pillen genommen! Solche Medikamente schaden immer dem Innern. Hoffentlich haben Sie wenigstens öfter Atemübungen, besonders Ausatmungsübungen, gemacht, die wirken sehr gut immer u. schaden nie den anderen Organen, im Gegenteil!

d. 11. 11. weiter:

Hier konnte ich gestern nicht mehr sehen u. sehe heute früh, dass das gestern Geschriebene kaum mehr lesbar ist, wenigstens für meine Augen. Jetzt habe ich noch einmal wieder in Ihrem Aufsatz gelesen u. mir ist dabei klar geworden, dass ich mich noch mehr damit beschäftigen muss, ehe ich noch näher darauf eingehen kann. Zunächst habe ich nur wieder den Eindruck, dass die philosophische Einleitung zu lang ist u. grade für meine Freundin zu philosophisch – bei ihr war ja nichts Philosophisches aber Bedachtes, alles Eingebung – von Augenblick zu Augenblick. Und der Sprung vom Plato und Goethe u.s.w. zum Bäckermeister u. Seilermeister ist zu plötzlich u. krass. Der Seilermeister ist überhaupt falsch, mein Vater war keineswegs Seiler, sondern Reepschlägermeister, was ungefähr so ein Unterschied ist wie zwischen Zaunkönig und Adler / als König der Vögel gedacht. Ich wählte absichtlich kein menschliches Beispiel, um nicht den guten Seilermeister zu beleidigen, denn er ist auch ein sehr „ehrenwerter“ (letzte Zeile dieser Seite unleserlich kopiert)

…wie alles jetzt, aber ich wollte 1. noch öfter lesen, um u prüfen, ob der erste Eindruck sich wiederholen würde (und er hat sich wiederholt.) Nun waren grade in den letzten Wochen noch öfter liebe Besucher da, von Lübeck, Kiel, Hamburg, ja Berlin, denen ich, da sie nur für 1 Tag da waren, natürlich widmen musste, aber zum Schreiben u. besonders zum Umstellen des Innern kam es dann nicht mehr, denn dazu brauche ich die helle Vormittagszeit, wie heute, am Nachmittag ist es für meine Augen schon zu dunkel und bei noch so hellem elektr. Licht kann ich gar nichts sehen, weil meine Augen dadurch geblendet werden.

Lieber Herr v. Dobrogoiski, das Leben ist nicht so leicht für mich, obgleich Sie wahrscheinlich denken werden, ich müsste doch Zeit genug zum Schreiben haben. Ja, Zeit hätte ich schon, wenn auch nicht grade ungestörte, aber es gehört eben noch manches Andere dazu, was ich nur selten habe. Ich hoffe, dass Sie mich nun besser verstehen werden, und mir nicht böse sein werden, denn dies wäre mir sehr schmerzlich.

Dass Sie nun aber so leiden mussten tut mir sehr leid, denn ich weiß, dass solche Ohrensachen sehr große Schmerzen machen. Und dann noch die Gallenkolik, die auch sehr schmerzhaft und besonders ruinös für die Stimmung ist. Gottlob, dass nun alles wieder gut zu sein scheintauch (… Weiteres fehlt)

(Am Rand folgender Satz:) möchte ich dies erstmal abschicken, damit Sie nicht noch länger (Ende)


Schönborn, d. 8. 12. 46

Lieber Herr v. Dobrogoiski

Auf Ihren Durchschlag vom 11. 10. d. J. habe ich hoffentlich ausführlich u. jedenfalls nach meinem besten Wissen geantwortet. Nun kommt ein neuer Durchschlag, vom 30. Nov, und ich will versuchen, auch diesen so gut ich kann u. nach bestem Wissen zu erledigen, bitte Sie aber mit meiner Schrift Nachsicht zu haben, denn meine Augen haben sich in der letzten Zeit  sehr verschlechtert. Also:

No 1. Bares Geld war beim Tode meiner Freundin  nicht viel vorhanden. Aber ich habe es nicht ausdrücklich gezählt (d.h. ich habe ihre Geldtasche an mich genommen), sondern von dem, was in dem Täschchen vorhanden war einige Ausgaben bezahlt z.B. für den Sarg, für unsere Reise u. dgl. Wir hatten niemals viel bares Geld in der Tasche, da wir in Seefeld kaum Gelegenheit hatten, etwas auszugeben. Von unserer Einnahme – monatlich je 200 M als Gehalt für unsere Arbeit, ging das Meiste in die Sparkasse bei der Gräfin. Das Sparbuch hat ja Frau Selbmann (Clara Schlaffhorsts Schwester in Rotenburg). Dieses alles natürlich nur für Sie persönlich. Also es kann vielleicht etwas über M 200 in dem Täschchen gewesen sein, u. als ich es Frau Selbm. bei ihrem Hiersein übergab, war es noch weniger geworden, wie viel? Das wird Frau S. wissen, ich weiß es nicht, habe auch kein Gedächtnis für Zahlen.

No 2. Zum Nachlass gehörte sämtlicher Hausrat, auch 2 Flügel, 3. Schränke mit Noten, 2 mit wertvollen, unersetzlichen Büchern, Betten, sehr wertvolle Wolldecken, Wäsche, kurz alles, worin die Verstorbene zeitlebens  gewohnt u. gearbeitet hat. Auch der Wagen. Was das alles für einen Wert am Todestage hatte, davon habe ich keine Ahnung, ich bin kein Möbelschätzungsrat. Ich weiß nur, dass alles in Seefeld stehen geblieben ist u. somit für immer verloren ist, genau wie mein Eigentum auch, nur dass meine Möbel lange nicht so wertvoll waren, wie die m. Freundin, mit Ausnahme des Bettes. Auch das ganze Mobiliar der Schule, was jedem von uns zur Hälfte gehörte, ist gleichfalls verloren.

No 3. Die Verlagsrechte, die Sie eingesetzt haben und die uns Beiden je zur Hälfte zustehen, bestehen zwar noch, haben aber in den letzten Jahren  keine Einnahmen erbracht. Das bei Kallmeyer erschienene Buch ist seit vielen Jahren vergriffen, u. konnte wegen Papiermangel nicht wieder aufgelegt werden, also schon längere Zeit vor dem Todestage. An Breitkopf u. Härtel werde ich schreiben, denn augenblicklich  kann ich darüber keine Auskunft geben, weiß nur, dass die Firma total verbombt u. ausgebrannt ist.

No 4. Wie hoch die Bestattungskosten waren, kann ich nicht angeben. Einiges habe ich aus dem Geldtäschchen meiner Freundin bezahlt, Anderes, wohl das Meiste, hat die Gräfin Bredow bezahlt. Gleich nach der Beerdigung musste ich doch an meine Abreise u. Packerei denken. Ich war überhaupt ziemlich besinnungslos, ging wie in Trauma umher, war auch sehr erschöpft durch die 4wöchentliche Krankenpflege bei Tag u. Nacht. Die Gräfin war unvergleichlich hochherzig, wie immer, sie hatte für alles vorgesorgt, ich brauchte mich um nichts zu kümmern, m. Freundin wurde auf ihrer Begräbnisstätte neben ihren Eltern beigesetzt, als wir zum Friedhof gingen mit der Leiche, geschah in der Luft ein Bombenkampf, es war furchtbar u, ein Wunder, dass weder der Sarg, noch Einer von uns getroffen wurde. Als ich dann, immer wie in Hypnose hier ankam, brach ich denn auch mit 39,6 Grad Fieber zusammen. Die Reise von nachts ½ 4 Uhr bis Abends um 10 Uhr hatte mir noch den Rest gegeben. Wenn man Näheres über die Bestattungskosten wissen will, muss man sich also wohl an die Gräfin wenden: Frau Maria Bredow, Stuttgart W., Markelstr. 16.

(Die nächste Seite fehlt. Auf der Seite vorher noch an den Rand geschrieben)

…Gattin von Ihrer H. Andersen. Nun kommt noch der Brief an Breitkopf-Härtel an die Reihe.




(2 Bögen, denen offenbar der Anfang fehlt:)

 

d. 9. 12. Gestern abend konnte ich nicht weiter schreiben, und heute ist es wieder so ein dunkler Tag, dass ich jetzt um 10 ½  Uhr kaum sehen kann, was ich schreibe. Mir ist noch etwas eingefallen, das ich Ihnen schreiben möchte: Die M 200, die jeder von uns Beiden monatlich von der Gräfin (als Vorstand der Gesellschaft der Freunde) erhielt, waren weniger als Entgelt für unsere Mitarbeit an der Schule gedacht, sondern mehr als Anerkennung dafür, dass wir überhaupt da waren u. die ganze Sache erschaffen u. auf die Beine, resp. auf die Welt gebracht haben. Wir hatten ja in Seefeld  freie Wohnung und Beköstigung – unsere Mitarbeit an den Schülern, bezw. Lehrerinnen wäre ja überhaupt unschätzbar. Dieses braucht man ja dem Amtsgericht gar nicht alles klar zu machen. Meine Freundin gab ja öfter einer Schülerin oder sonstigen Personen Geld, wenn sie wusste, dass diejenige es gebrauchen konnte. Das waren ja fast die einzigen Ausgaben, die wir in Seefeld hatten. Solche Ausgaben können doch nicht etwa besteuert werden? Sämtliche Ersparnisse, d.h. Überschüsse von den Einnahmen sind in den Einzahlungen der Sparbücher enthalten – in Celle oder bei der Gräfin. Ach, könnten wir uns doch einmal sprechen, lieber Herr v. Dobrogoiski! Was müssen Sie Ärmster nur allein für Briefporto ausgegeben haben! Es ist wirklich kein Vergnügen, Testamentsvollstrecker zu sein.

Ich muss aufhören. Dies Letzte ist wohl auch nur für Sie persönlich. Nehmen Sie herzlichen Dank für alle Ihre Mühen und viele, viele Herzensgrüße für Sie und Ihre Lieben von                                 Ihrer H. Andersen


Schönborn, d. 4. 2. 47

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

Was haben Sie nur für scheußliche Erlebnisse u. Arbeit durch diese Testamentsgeschichte! Ich bin entsetzt u. hoffe nur, dass es bei meinem Testament einfacher sein wird. Es war schon für mich eine grässliche Erfahrung, es nur zu lesen, nun erst für Sie, das alles zu erleben und zu schreiben u. überhaupt durchzuackern. Ich bewundere Ihre Langmut und Güte, mit der Sie Frl. M. immer wieder höflich, ja mehr als das – wohlwollend behandelt haben und finde ihr Betragen unqualifizierbar. Vielleicht steckt aber ein schlechtes Gewissen inbezug auf die Pelzjacke dahinter? Doch zuerst muss ich Ihnen mitteilen, Dass Frl. M. nicht die Einzige war, die bis zuletzt in Seefeld war, Frl. Grauding, die Gräfin u. die letzten Angestellten verließen das Haus zusammen u. ich habe heute bereits der Gräfin geschrieben u. sie gebeten, Ihnen die eidesstattliche Versicherung über die letzten Tage von Pompeji zuzusenden, das hat mehr Wert als das Geschwätz v. M. Denn die Gräfin hat Jura bis zum Referendar studiert u. kennt die Tragweite dieser Dinge. Wenn Sie also irgend können, bitte ich Sie, die Verhandlungen mit M. u. gegen M. einzustellen, damit ein Prozess vermieden wird, der ja immer einen gewissen Skandal bedeutet  u. für unsere ganze Schule blamabel ist. Sie hat ja gar kein Verantwortungsgefühl – aus Dummheit. An Frau Selbmann habe ich gleichzeitig die Bitte gerichtet, auf den Pelz (der kein beachtlicher Gegenstand, sondern eine kurze Jacke mit uraltem Fehpelzfutter ist, das noch aus unserer Memeler Jugendzeit stammt) zu verzichten u. ihn dadurch unschädlich zu machen, dass sie ihn einfach M. schenkt! Ob sie es tun wird, weiß ich nicht, aber das weiß ich, dass sich m. Freundin „im Grabe umdrehen“ würde, wenn sie wüsste, dass sich um ihren Nachlass solche Stürme u. gar ein Prozess erhoben hätte. Übrigens muss ich noch sagen, dass ich persönlich Frl. M. sehr viel zu verdanken habe, - ohne ihre Hilfe nach dem Tode m. Freundin beim Packen u. bei der Reise säße ich heute nicht hier u. schriebe Briefe. Auch nachdem sie mich u. Roloff glücklich (nur mit schwerem Handgepäck versehen) hier in Sch. abgeliefert hatte, fuhr sie stracks nach S. zurück und packte dort  noch (schon mit Lebensgefahr) 11 oder 12 große Pakete für mich, Frau Selbmann u. A. u. brachte diese mit Hülfe eines der in Seefeld anwesenden gefangenen Franzosen zum Bahnhof.

 

 Schönborn, d. 5. 2. 47

Lieber Herr v. Dobrogoiski,

diese Nacht ging mir auch erst richtig die Bedeutung der richtigen Einschätzung des verloren gegangenen Besitzes auf und schon sitze ich am Schreibtisch, um Ihnen ein Verzeichnis anzufertigen, was vielleicht zur richtigen Schätzung noch besser beitragen kann als das, was die Gräfin Ihnen etwa sagen kann. Leider sind bei der überstürzten Flucht alle bis dahin sorgfältig aufbewahrten Rechnungen teils vernichtet worden (von mir teils zurückgeblieben), denn mitnehmen konnte man nichts, als nur das nötigste Handgepäck, weil kein Reisegepäck mehr aufgegeben werden konnte. Unsere Tragfähigkeit war ja aber sehr gering u. der Gedanke „für immer“ war noch nicht genügend durchgedrungen. Bei der ganzen Packerei u. vor allem Schlepperei der mitzunehmenden Sachen hat uns eben M. (eine Schülerin) damals unschätzbare Dienste geleistet. Wir wären in Stettin nie noch in den schon überfüllten Zug hineingekommen, wenn sie nicht durch (allerdings illegales Aus- u. Einsteigen von der falschen Seite der nebeneinander stehenden Züge) noch eine Sitzmöglichkeit für mich erobert hätte, in einem alten 4. Klassewagen, der nun für Mütter mit Kinderwagen eingestellt war und durch 5 Kinderwagen mit Müttern, Großmüttern u. zahlreichen Kindern in jedem Alter,  bis auf dieses Eckplätzchen am Fenster, auf der einzigen Bank hier saß ich, ohne mich zu rühren von morgens 7 bis Abends 10 Uhr, wo wir in Lübeck ankamen. Nun fragen Sie nur weiter, wenn nötig. Ich antworte so gut ich kann.

Vielleicht weiß Ilse Krüger, was das Archiv damals gekostet hat.

                                              Herzlichst    Ihre H. Andersen

den 05.02.1947

Was Ende Februar 1945 in Seefeld/Pommern an Mobiliar und Besitz von Clara Schlaffhorst zurückgeblieben und verlorengegangen ist:

Schlafzimmer

-   ein eisernes Bettgestell mit Roßhaarmatratze,

-   Roßhaarkopfkissen,

-   vier sehr wertvolle zum Teil Kamelhaardecken

-   ein Toilettekommode mit Spiegel (Mahagoni)

-   ein großer Kleiderschrank (Mahagoni)

-   ein Waschtisch (Mahagoni)

-   ein einfacher Stuhl mit Rohrgeflecht

-   ein Nähtisch (Mahagoni) mit Inhalt

-   ein Nachttisch mit Schränkchen (Mahagoni)

Arbeitszimmer

-   ein großer Bechsteinflügel (Preis vor 6 - 8 Jahren RM 1.500)

-   ein Klavierstuhl

-   ein Schreibtisch Mahagoni mit Einlegearbeit

-   ein Bücherschrank Mahagoni mit Einlegearbeit beides mit Inhalt von Büchern und Noten

-   ein Schreibtischstuhl mit rohrgeflochtenem Sitz und Lehne (Mahagoni)

-   ein 2 1/2 Meter langer Mahagonischrank in Tischhöhe mit einem verschließbaren Bücherschrank an jeder Seite und offenen Fächern in der Mitte und einer fast 1 cm dicken Glasscheibe obenauf, ein Kunstwerk der Tischlerei, meiner Freundin zum 70. Geburtstag von allen Schülern geschenkt im Jahre 1933 und von uns allen immer ,,das Archiv“ genannt

-   eine Truhe von schwarzem Eichenholz

-   ein langes Sitzgestell, bestehend aus zwei einfachen Holzgestellen mit je einem hart gepolsterten (Indiofaser) lose aufgelegten Sitzkissen und darüber ein langer Vorhang Kelim, stand an einer langen Wand aneinandergereiht, genannt ,,die lange Bank", darüber hing an der Wand ein sehr großes Ölgemälde, Landschaft aus Ostpreußen, ein Kronleuchter in künstlerischer Messingarbeit, eine Kommode mit 3 oder 4 Schubladen, Biedermeier Obstholz,

Veranda

-   eine Chaiselongue, Holzgestell mit Sprungfedermatratze, darüber auch lose aufgelegte Fasermatratze und große Plüschdecke

-   ein sechseckiger Salontisch Nußbaum

-   ein Barometer

-   ein großer Stahlstich ,,die Gralsburg“

-   drei oder vier Kelims auf dem Fußboden

-   drei Stühle mit Rohrgeflecht, gelb poliert

 

Anteil an der Einrichtung der Schule Schlaffhorst-Andersen. Bei der Gründung der Schule Einrichtung für 8 Logierzimmer 1910 RM 10.000. Später immer wieder Vergrößerung sowie Ersatz des abgenutzten für Logierzimmer und Wirtschaft, Küche, Keller, Garten

-   2 Notenschränke voll von Noten, zahlreiche wertvolle unersetzliche Bücher und Aufzeichnungen über die Geistesarbeit unschätzbar und unrettbar verloren

gez. Hedwig Andersen

Nachtrag, den 06.02.1947

Im ,,Waldhäuschen", einem kleinen extra für Fräulein Schlaffhorst und mich zur Erholung in einiger Entfernung zum Gutshause erbauten Holzhäuschen stand noch der ältere Flügel meiner Freundin, von der Firma Mayer, München, ein Ebenit Flügel, der 1.200 RM gekostet hat, als wir uns im Jahre 1898 in Berlin niederließen. Er war, wie jeder Stimmer sagte, sehr gut erhalten und überhaupt ein vorzügliches Instrument

gez. Hedwig Andersen


Schönborn, den 27.02.1947

Lieber Herr von Dobrogoiski,

seit einer Woche will ich schon täglich Ihren lieben Brief vom 17.02. beantworten, aber immer kommt mir was anderes dazwischen, was mich am Anfang hindert, es ist doch manchmal wie verhext. Auch dieser Anfang wurde gleich unterbrochen und gleich ist es wieder zu dunkel für meine selbst schon verdunkelten Augen. Also zuerst: den Briefwechsel Goethe-Schiller schicke ich Ihnen mit großem Dank zurück, er hat mich und Fräulein Nissen sehr erquickt - es sind und bleiben doch Prachtexemplare, diese zwei! Hätten wir sie in unserer Schule haben können, dann hätte vielleicht der eine etwas länger leben können und sie hätten sich über die strittige Frage noch ganz anders ausgesprochen. Das klingt gewiß sehr anmaßend, aber Sie werden schon verstehen wie ich es meine.

Ferner: In der Anlage zu Ihrem Brief befinden sich Irrtümer. Sie zählen die Sachen auf (wohl nach meinem Bericht) die zu meiner Freundin Besitz gehörten, da steht auch verzeichnet: Kristall! Sollte ich das geschrieben haben, habe ich mich geirrt. Von Kristall war nichts da, ich meinte eine ,,Mineralsammlung“, die aus einigen Stücken von den Ausgrabungen stammten, die Dr. Richter in Treis (Dorf bei Wetzlar) im ,,Totenberg“ machte, aus der Steinzeit. Kleine unansehnliche Stücke, nur für Interessenten wertvoll und unter anderem ein runder etwa handflächengroßer Stein, der eine ähnliche Form wie ein Zwerchfell hatte, untere Seite flach, oben schön gewölbt, interessant nur durch den Beweis, daß die Menschen in der Steinzeit schon Stein aus dem Berge, in dessen Höhlungen sie wohnten, ohne eigentliche das heißt eiserne Werkzeuge, nur eben selbst steinerne bebauen konnten. Solche Sachen gehörten zu den Liebhabereien meiner Freundin. Also da müßte man sagen: Steinsammlung, nicht Kristall. Die paar Sachen befanden sich in einem kleinen Kästchen.

Ferner noch ein Irrtum: Die erste Abreise von Fräulein M. (Marbach) mit mir und Fräulein Roloff war nicht am 04.02., an diesem Tage waren glaube ich, die letzten noch anwesenden Schülerinnen vor allem aber die Lehrerinnen abgereist, auf Anordnung des Landrates. Dazu gehörte vielleicht auch Fräulein M., ich weiß das nicht mehr genau. Meine Freundin starb ja erst am 17.02., wurde am 20.02. beerdigt, am Mittwoch, den 21.02. packten wir, ich und Fräulein Roloff mit Hilfe Fräulein M's, die am 17.02. zurückgekommen war oder vielleicht schon am 16.02., denn am 17.02. stand sie plötzlich am Sterbebette meiner Freundin. In der Nacht vom 21. zum 22.02. fuhren wir drei, ich, R. und M. um 4.00 oder 4.30 Uhr mit Wagen und Handgepäck zum Bahnhof Seefeld, dann mit dem Zug nach Stettin (etwa 7.00 Uhr früh) und hier hatte uns M. in einem Wagen des sogenannten Schnellzuges nach Lübeck erobert, mir einen Sitzplatz, auf dem ich nun bis abends 10.00 Uhr saß. R. und M. saßen auf ihrem Gepäck, es war ein Wagen der ehemals vierten Klasse und war für Mütter mit Kinderwagen eingestellt, es war ein Wunder, daß da noch ein Sitzplatz war. Ankunft in Lübeck um 10.00 Uhr abends ............[Schluß fehlt]


Schönborn, 19. Juni 1947

Lieber Herr von Dobrogoiski,

sehr erfreut war ich über Ihren schönen langen Brief, der nun mal endlich nichts mehr mit dem Testament zu tun hatte, das uns alle so lange in Spannung gehalten hat. Ich will nur hoffen daß es bei meinem einstigen Testament glatter abgeht, weil ich schon selbst schreiben konnte, daß alles Mobiliar, Noten von mir sowohl als auch von der Schule, verloren und den Polen in die Hände gefallen ist. Was sie mir von Dr. Werner schreiben, bedroht mich nun freilich mit neuer Belastung, denn ich bin mit meinen Augen nun soweit, daß ich nicht mehr lesen und kaum noch schreiben kann. Ich kenne W. sehr gut, er ist treu, aber mit Vorsicht zu genießen. Glaubte z.B. a conto seiner Einsicht von der Bedeutung der Stimme und seiner Begeisterung für Musik, Gesangunterricht zu können, und hat dadurch unserem Ansehen vielleicht mehr geschadet als genützt. Er hat mir auch jetzt geschrieben, sehr ehrfurchtsvoll über die Bedeutung unserer Arbeit, aber ohne ein Wort über meine Freundin selbst, er war immer so ein bißchen wunderlicher „Heiliger“, ein richtiger deutscher Eigenbrödler. Nur noch ein Wörtchen über Ihre Besuchspläne. Es wäre herrlich Sie wiederzusehen, d.h. Sie beide, aber ich kann Sie nicht dazu ermuntern. Nicht nur dies Haus, sondern ganz Holstein ist vollgestopft mit Flüchtlingen aller Art, das für Sommer und Herbst auch nicht mal ein Mauseloch frei wäre. Wir, d.h. Fräulein Nissen und ich haben uns seit Monaten um ein paar, oder auch nur ein Zimmer für Freunde oder Verwandte bemüht - vergebens. Dabei gibt es Hotels und Sommeraufenthalte in Massen. Aber schon ab März war alles, teils mit Voranmeldungen alter Stammgäste, teils von der Wohnungskommission bis unters Dach besetzt. Gerade diese Gegend hier um den Keller- und Ukleisee herum ist ja eine altberühmte Sommerfrischengegend, ebenso übrigens auch an der See und auf den Inseln -, da haben sich die alten Stammgäste unzählige neue Liebhaber schon sehr zeitig gesichert und von den hunderttausenden von Flüchtlingen sind die Möglichkeiten noch mehr begrenzt. Die Wohnungskommission hat kein Haus, kein Hotel, überhaupt kein Loch verschont. Bei uns war für Frau Selbmann zum Beispiel für einige Tage ein Platz freigeworden, dadurch daß Fräulein Nissen ihr Zimmer an sie abtrat und selbst derweil in einer geräumigen Glasveranda schlief, die tagsüber als Eßzimmer für die ganze Fischerfamilie, nebst Angestellten dient, das sind 10 Personen. Ich, Fräulein Nissen und Fräulein Rolof, wir essen in meinem jetzt sehr kleinen Zimmer (das große, in dem ich zuerst wohnte, ist jetzt von einer vierköpfigen Familie bewohnt, deren Oberhaupt, Dr. Müller, Oberstudienrat, tagsüber Torfstechen muß). In meinem jetzigen Zimmer ist aber sowenig Platz, daß ein ziemlich kleiner runder Tisch zum Essen für uns drei für jede Mahlzeit herein und nachher wieder herausgetragen werden muß. Fräulein Nissen hat keinen Stuhl, sondern sitzt auf einer umgestülpten Kiste, die nach dem Essen unters Bett geschoben wird. Na, überhaupt!!! Da haben Sie einen kleinen Ausschnitt aus den hiesigen Verhältnissen, womit ich nun schließen muß und Sie uns Ihre Gattin herzlich Grüße als

Ihre getreue

H. Andersen


Schönborn, d. 21. 7. 47

Lieber Herr von Dobrogoiski!

Mit herzlichem Dank für das feudale Briefpapier teile ich ihnen mit, dass Ihr prächtiger Brief vom 14. 7. schon am 17. 7. bei mir anlangte. Da muss ich Ihnen doch zunächst zu den Ereignissen gratulieren, die Ihnen zur finanziellen Unabhängigkeit verholfen haben und Ihnen sagen, dass ich sehr erfreut bin über Ihre Absicht, sich ganz der Förderung unserer Schule hinzugeben. Wie es damit beschaffen ist u. ob dafür irgendetwas Positives geschehen ist – davon weiß ich auch kein Sterbenswörtchen, habe seit langer Zeit nichts von Gräfin Br. gehört u. gelesen und weiß nur um die Bemühungen von Herrn Menzel und Fräulein Grauding in Verbindung mit Frl. v. Harling u. Frl. Bruckner, eine persönliche und geistige Sammlung ehemaliger Schüler unserer Schule zu bewerkstelligen. Für diese Idee, die mir sehr wertvoll u. begrüßenswert erscheint, soll vom 9. bis 16. August eine Arbeitswoche in der schönen Jugendherberge Hohenlimburg, südlich von Hagen im Sauerland steigen. Daran schließt sich dann noch eine von Menzel u. Frl. Grauding geplante Singwoche an. Dass Gräfin Br. neben ihrer jetzigen Inanspruchnahme für die Gründung einer Frauenpartei noch viel Zeit u. Kraft für unsere Schule haben wird, halte ich für unwahrscheinlich, aber wie gesagt, Bestimmtes weiß ich darüber nicht. Von Ihrer Frau, die in Weimar war, werden Sie erfahren haben, dass man sich dort über die Weiterführung der Gesellschaft der Freunde unterhalten hat. Aber das sind ja vorläufig noch ungelegte Eier u. darüber kann ja nichts Bestimmtes beschlossen werden, ehe sich Gr. Br. nicht irgendwie gerührt hat.

Ich grüße Sie u. Ihre Frau herzlich u. kann leider nicht länger schreiben meiner Augen wegen, bin und bleibe aber Ihre alte, Ihnen wohlgesinnte

                                                                                                        H. Andersen.


Schönborn, d. 12. 9. 47

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

Mit schönem Dank für den Brief(bogen) möchte ich doch Einiges auf ihm und ihn erwidern, nachdem nun einige Zeit nach der „Tagung“ vielmehr „Arbeitswoche“ verflossen ist u. sich auch bei mir ein Urteil darüber gebildet hat. Sie haben die ganze Sache aus einem falschen Gesichtswinkel „besehen“! Es war ja keine Rotenburg- oder Hustedt-Gründung, u. sollte das auch nicht sein, sondern eine Arbeitswoche, und die Idee war prachtvoll u. die Tat ganz u. gar gelungen – nach allen Berichten, die ich aus beiden Lagern – Lehrern wie Schülern bekam. Kennen Sie den Satz von Schleich: Idee ist mehr als Beweis, doch geb` ich dem den höchsten Preis, der es vollbringt mit heiligen Händen, Idee durch Taten zu vollenden. Ich wiederhole: Die Idee war prachtvoll – u. die Ausführung den gegebenen Verhältnissen entsprechend vollständig gelungen. 9 der besten und ältesten Lehrerinnen waren mit Liebe u. Feuereifer zusammen gekommen, um den Schülern, die nur z. T. hilflos auseinander gestoben, aber innerlich treu geblieben, wieder einmal einen Sammelpunkt, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Arbeit zu geben und das konnte unter den jetzigen äußeren Verhältnissen auf keine andere oder bessere Art geschehen u. ich muss sagen, es ist auch vollständig gelungen und soll im nächsten Jahr in vergrößertem Maßstab wiederholt werden. Und zwar mit Hilfe eines ganz fremden Teilnehmers, der dabei war und einen sehr tiefen und täglich wachsenden Eindruck von der Arbeit bekommen hat, der immer solche Tagungen oder Singwochen unternimmt u. dann auch größere Häuser zur Verfügung stehen, so dass noch mehr Teilnehmer dabei sein können. Sie, lieber Herr v. Dobrogoiski, waren ja nur am ersten Tage, einem Sonntag, anwesend u. konnten daher nicht den Verlauf und die täglich wachsende Begeisterung beobachten, was mir sehr leid tut. Mir giebt die Sache ein für die Zukunft beruhigendes Gefühl, dass der Wiederaufbau – ganz wie der Ursprung vor 50 Jahren, aus kleinem, ja kleinstem Anfang, ganz aus eigner Kraft, organisch wachsend, zum Weiterbau führen wird. Ein großer Eichbaum v. 100 Jahren wächst ja auch nicht aus einem dickbauchigen Kürbis hervor, sondern aus einer Eichel, nicht größer, als ein Fingerhut. So ist es nun einmal deutsche, bedachtsame Art, aber ich verstehe sehr gut, dass Sie mit Ihrem stürmischen polnischen Temperament dabei aus der Haut fahren möchten!! Meine geliebte Freundin war ja auch Blutgenossin von Ihnen, freilich in weiblicher, nicht in männlicher Linie! Wir armen Deutschen können ja heute – wieder einmal mehr als je in der Weltgeschichte nicht stürmisch voran, sondern „Geduld, Geduld, u. nochmals Geduld heißt die Parole, und „was wächst, macht keinen Lärm“!

 

Sehr erfreut hat mich, was Sie von Dora Kalk schreiben. Sie ist ein ganz apartes Menschenkind, mit vielen schönen Gaben ausgestattet. Augenblicklich ist sie, glaube ich in Lieme, wo sie auch sehr gut wirken wird.

Dass Sie und Ihre liebe Gattin mir helfen wollen, rührt mich sehr. Aber Sie haben doch nicht nur für Vater und Mutter zu sorgen, sondern vor allem für Ihren Sohn, von dem Sie mir gar nicht schreiben, wie es ihm geht.

Nun genug für heute, lieber Herr Dobro, ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief und wünsche Ihnen und Ihrer lieben Gattin alles Gute.

                                                  Mit herzlichen Grüßen  Ihre alte H. Andersen.



Schönborn, den 25.11.1947

Lieber Herr von Dobrogoiski!

Heute will ich mal ein Endchen weiterschreiben, nachdem ich wieder und wieder gelesen habe, was für meine Augen allerdings noch anstrengender ist als schreiben. Zuerst muß ich aber eine falsche Vorstellung berichtigen, die Sie von meiner Freundin als Kind haben. Sie war kein ,,lebhaftes, wildes" Kind. Sie saß, wie sie mir öfter erzählte gern mit einem Strickzeug beim alten Großvater Schlaffhorst, der ihr dann einen schönen in der Ofenröhre gebratenen Apfel spendierte. Ich kann über ihre Kindheit nur das berichten, was ich von ihr gehört habe. Wir kannten uns als Kinder nicht, wir lernten uns erst kennen, nachdem wir beide unsere Studienzeit beendet und uns unabhängig voneinander in Memel als Klavier- bzw. Gesanglehrerin niedergelassen hatten, und eben dies führte uns zusammen. Frau Selbmann aber wurde erst geboren, als meine Freundin 17 oder 18 Jahre alt war und ihr mehr Mutter als Gespielin war. So ist sie nur mit einem etwas jüngeren Bruder aufgewachsen, der aber auch ziemlich ernst veranlagt war, wie ich glaube. Von der Sache mit dem ,,Schrei", als Vater Schlaffhorst sie nicht auf den Ball gehen lassen wollte, weiß ich nichts. Sie muß ihm damals vielleicht noch zu jung erschienen sein, später hat sie Bälle besucht und war eine der beliebtesten Tänzerinnen, weil sie erstens sehr gut tanzte und zweitens überhaupt durch ihr munteres, unbefangenes, teilnehmendes aber stets freundschaftliches Wesen bei allen Herren sehr beliebt war. Von Verehrern oder Liebeleien keine Spur. Daß sie Tänzerin werden wollte, davon weiß ich auch nichts. Davon konnte auch nie die Rede gewesen sein, denn sie hatte schon als Kind eine schwere Hüftgelenkentzündung gehabt, in deren Folge ihr eines Bein etwas kürzer war, als das andere. Das war an ihrem Gang erst, als sie hoch in den 70-gern war zu bemerken. Ihr Gang hatte, wie auch ihr ganzes Wesen und so auch ihr Tanz nie eine Spur von Steifheit, sie tanzte leidenschaftlich gern und leichtfüßiger, ich möchte sagen musikalischer als alle anderen. Dies, wie überhaupt manches in ihrem ganzen Wesen, war ohne Zweifel ihrer polnischen Blutmischung zu verdanken, die sie durch die Mutter ihrer Mutter mitbekommen hatte. Der Vater ihrer Mutter aber hatte eigentümlicherweise den Namen ,,Anderson", war aber auch aus Lodz in Polen in Memel eingewandert. Nun also, mit dem Tänzerin werden wollen ist es ein Irrtum, wohl aber war sie schon von jung auf sehr auf Singen bedacht und gerichtet und wurde darin noch bestärkt mit der Bekanntschaft mit einer Sängerin von Gottes Gnaden, Aline Friede, mit der sie wie auch ich durchs ganze Leben freundschaftlich verbunden blieb. Ich muß nun wieder aufhören, lieber Herr von Dobro und muß zum Weiterschreiben einen anderen günstigen Tag abwarten.

Herzlich grüßt Sie und Ihre Frau, Ihre H. Andersen


[hierzugehörig?]

... der Wunsch Tänzerin zu werden, war bei meiner Freundin dadurch entstanden, daß sie in Petersburg, bei einer Reise mit ihrer Mutter zu einem Bruder ihres Vaters in dem dortigen Opernhaus ein Ballett gesehen hatte. Dieses Opernhaus und besonders auch das Ballett war seinerzeit berühmt und das großartigste von allen kaiserlichen und königlichen Opernhäusern in ganz Europa. Nun können Sie sich die Begeisterung meiner Freundin denken. Das Ballett hieß Babuschka, das heißt Schmetterling, es war märchenhaft in der Ausstattung und Ausführung. Von dem Glanz und der Pracht der damaligen Zeit kann man sich heute überhaupt keine Vorstellung mehr machen. Das arme Volk hungerte wie kein anderes seinerzeit, aber für Ballett und Oper war keine Million Rubel zuviel. Na überhaupt!

Nun noch etwas von heute: Sie wissen wohl, daß unsere liebe Gräfin sich in die Politik gestürzt hatte, aber das ist ihr nicht gut bekommen. Vollkommen verkracht und körperlich elend kam sie bei Anita Grauding an. Mit dem letzten Rest ihrer Kraft hatte sie sich noch bis dahin geschleppt. Hier wurde sie aber liebevoll und sorgfältig gepflegt, so daß sie zuerst zu ihrer Schwester und dann nach Bergen zu Harlings Familie reisen konnte, wo sie ebenso liebevoll aufgenommen und verwöhnt wurde, wie sie selbst mir schreibt. Nun will sie hier ihre Sorge wieder ihrer Schule zuwenden, was mir aber auch zum Mindesten verfrüht erscheint. Sie wissen ja - klein anfangen und von selbst wachsen lassen ist mein Panier und war es genauso meiner Freundin. Wenn sie nur so vernünftig wäre auch mal zu mir zu kommen, damit ich ihr meine Meinung sagen könnte.



(Einzelblatt ohne Datum und ohne Anfang und Ende, vermutlich Frühjahr 1948)

 

Nun noch etwas von heute. Sie wissen wohl, dass unsere liebe Gräfin sich in die Politik gestürzt hatte. Aber das ist ihr nicht gut bekommen. Vollkommen verkracht und körperlich elend kam sie bei Anita Grauding an,  mit dem letzten Rest ihrer Kraft hatte sie sich noch bis dahin geschleppt. Hier wurde sie aber liebevoll u. sorgfältig gepflegt, so dass sie zuerst zu ihrer Schwester u. dann nach Bergen zu Harlings Familie reisen konnte, wo sie ebenso liebevoll  aufgenommen und verwöhnt wurde, wie sie selbst mir schreibt. Nun will sie ihre Sorge wieder unserer Schule zuwenden, was mir aber auch zum mindesten verfrüht erscheint. Sie wissen ja, - klein anfangen u. von selbst wachsen lassen mein Banner u. war es genauso meiner Freundin! Wenn sie nur so vernünftig wäre, auch mal zu mir zu kommen, damit ich  …




Schönborn, d. 15. 4. 48

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

Herzlichen Dank für die beiden schönen Briefbogen, sie erleichtern mir tatsächlich das Schreiben, was mir tatsächlich von Tag zu Tag  schwerer wird. Wie kommen Sie eigentlich dazu, den Fundamentalsatz, die ganze Grundlage unserer Arbeit, anzuzweifeln u. anzugreifen? („Keine Macht der Welt öffnet die Stimmbänder als das Zwerchfell“) Hat er sich nicht ½ Jahrhundert lang bewährt? Kofler schrieb ihn nach langem Studium aller deutschen, englischen und amerikanischen Autoritäten auf diesem Gebiet, von denen ich nur den s. Z. berühmtesten deutschen Physiologen Prof. Hanla-Göttingen (Name nicht eindeutig entzifferbar) nennen will, und nachdem er lange in einem Kehlkopfhospital N. Yorks praktische Studien auf dem Stimm- u. Atmungsgebiet gemacht hatte. Und er hat sich bei seiner 50jährigen Arbeit ebenso  bewährt, als wie bei uns! Mir hat ein Arzt, Dr. Stampa, persönlich gesagt, dass es richtig sei, dass ein Ast des Phrenicus zum hinteren Teil des Kehlkopfes ginge (dies ist heute widerlegt…). Der hintere Teil des Kehlkopfes ist aber der Ringknorpel = Stellknorpelmuskel (crico – ari – karnoideus nicht klar entzifferbar), der Stimmritzenöffner. Das Zwerchfell ist der wichtigste, aber  nicht der einzige Atmungsmuskel und der Phrenicus hängt natürlich mit all den Nerven all den anderen Muskeln zusammen. Dr. Aubel  sagt immer wieder: Jede Zelle des ganzen Körpers hängt mit jeder anderen Zelle desselben zusammen, entweder durch Kreuzung oder durch Koppelung. Also werden wohl alle die Nervenverbindungen, die Sie nennen, auch da sein, aber die Phrenicusverbindung scheint uns die wichtigste. Und da sich diese Ansicht als grundlegend bei Kofler, wie bei uns glänzend bewährt  hat, so kann sie nicht falsch sein und bis jetzt hat noch keiner von all den Ärzten, die bei uns waren, daran gezweifelt. Also denke ich, dass Sie, lieber Herr v. Dobro, auch dabei beruhigen könnten. Frl. Schlaffhorst war felsenfest davon überzeugt und sie war eine Seherin von Gottes Gnaden u. wusste Vieles schon ehe die medizin. Wissenschaft es „feststellte“. Wir können ihr auch in diesem Punkte wie in allen anderen „Eingebungen“ getrost folgen. –

Ich muss nun für heute leider schließen, die Augen können nicht mehr. Oder glauben Sie, dass ich das Alles u. noch manches Andere einem Menschen diktieren könnte?

Seien Sie u. Ihre Gattin herzlichst gegrüßt von Ihrer H. Andersen.




Schönborn, d. 10. 5. 48

Lieber Herr v. Dobro!

Na endlich u. Gottlob! kommen Sie auch zu der Erkenntnis, dass die ganze Nervenschnüffelei  Sie um keinen Zentimeter näher zu dem eigentlichen Leben bringt, sondern nur zur Überlastung des Gehirns dient. Hätten Sie man nur gleich im Kofler nachgesehen, dann hätten Sie sich u. mir viel unnütze Schreiberei erspart. Wir, d. h. meine Freundin u. ich gebrauchten das Wort „Zwerchfell“  ja nur als Sammelnamen für alle Atemmuskeln, die man ja beim tägl. Unterricht nicht alle einzeln nennen kann. Es ist aber und bleibt immer der wichtigste von allen Einatmungsmuskeln u. giebt bei der Geburt des Kindes den ersten Impuls für seine ganze Gefolgschaft von Muskeln u. Nerven. Und erst bei diesem „Allgemeinimpuls“ öffnet sich die Stimmritze u. die Lungenbläschen, welche bis zu diesem Augenblick geschlossen sind, da das Kind der Geburt noch nicht selbst atmen kann, sondern seine Stoffwechseltätigkeit im Anschluss an die der Mutter besorgt bekommt. Die Stimmritze kann sich also nicht öffnen, um die Lungenluft auszuatmen – weil eben gar keine Luft in der Lunge vorhanden ist. Das vorLeben kommt erst durch die erste Einatmungsbewegung – verursacht durch Kohlensäureanhäufung im Blut des Kindes – hinein. Diese Einatmungsbewegung wird also durch Kohlensäureanhäufung bewirkt, die sich auf den Phrenicus im verlängerten Rückenmark „wirft“ u. dann kommt das Zwerchfell mit seiner ganzen Gefolgschaft von Muskeln u. Nerven in Schwung. Das ist die Hauptsache, alles andere ist Nebensache – Ich muss jetzt immer denken über diese ganze Sache: „Viel Lärm um nichts“!

 

Also nun zu Ihrer Frage nach meinem „Vermögen“. Mein Konto habe ich zum Glück bei der Kreissparkasse in Celle. Was aber davon übrig bleiben wird nach der Währungsregelung kann ich nicht wissen u. weiß natürlich auch nicht, wie lange ich noch leben werde u. ob das was übrig bleibt noch bis zu meinem Ende reichen wird. Auch mein Testament wird ja natürlich hinfällig durch die Währungsfrage u. so muss ich also abwarten, was dann wird.

Ich wollte Sie überhaupt schon immer mal fragen, ob Sie noch Lust haben, mein Testamentsvollstrecker zu sein nach den unangenehmen Erfahrungen mit dem Test. m. Freundin? Und wir gesagt – ob überhaupt etwas zu vollstrecken ist – ist ja eine Frage. In Celle sind noch circa 40.000 M, ich glaube 44.000. Und hier zur bequemen Abhebung habe ich etwa noch 1000 M auch mit der Kreissparkasse Eutin. Natürlich sehe ich der Währungsregelung mit großer Sorge entgegen, kann aber nichts ändern oder wissen. Jetzt muss ich schließen, die Augen streiken. Vielen Dank für die beiden schönen Briefbogen! Es freut mich, dass Sie Dora Kalk immer mal wieder bei sich haben können. Herzliche Grüße von mir für Sie u. Ihre Gattin u. evt. für Kalk.

                                                                                            Ihre H. Andersen.



Schönborn, den 09.08.1948

Lieber Herr von Dobrogoiski,

nun haben wir die famose Reform hinter uns und dadurch ist ja meine ganze Erbschaft d.h. ein Testament überflüssig geworden und ich brauche sie nicht mit ,,Testamentsvollstreckung" zu bemühen. Da ist mir sozusagen ein Stein vom Herzen gefallen, denn was wir an der Vollstreckung bei meiner Freundin Testament erlebt haben, hat mich mit Grausen vor dieser Angelegenheit erfüllt. Ich glaube, daß es Ihnen ebenso geht und bedanke mich herzlichst bei Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit. Also meine Aktien stehen jetzt so, wie Fräulein Roloff es Ihnen schreibt - ich bin bis heute noch nicht klug daraus geworden. Ich weiß nur soviel, daß ich mich bemühen muß, baldigst vom Erdboden zu verschwinden, damit noch etwas Geld zur Deckung meiner Begräbniskosten übrig ist. Ich habe den Wunsch in Groß-Hehlen auf unserer Begräbnisstelle begraben zu werden, auf der auch meine liebe Mutter bereits ruht. Vor kurzem war Dora Kalk hier auf der Rückreise von Amrum. Sie ist doch wahrhaftig ein Prachtexemplar. Ich hatte sie viele Jahre lang nicht gesehen und fand sie ganz die Alte. Ob sie - oder mit welchem Erfolg sie dort gearbeitet hat, war nicht aus ihr herauszubekommen, woraus ich schließe, daß der Erfolg recht gut war. Seither habe ich noch manch lieben Besuch hier gehabt, leider immer nur kurz, aber ich staune ja, daß es überhaupt möglich war. Nun ist jawohl wieder die Arbeitswoche in Hohenlimburg, d.h. ich weiß nur, daß sie geplant war. Ob sie wirklich zustande gekommen ist, weiß ich auch nicht. Es wäre ja zu bewundern. - Wie steht es aber mit Ihren Lebensaussicht, lieber Herr von Dobro? Mir ist doch so, als hätten Sie mir einmal geschrieben, daß Sie demnächst Ihre Stellung aufgeben wollten, da Sie in die Lage versetzt wären, davon unabhängig leben zu können. Oder habe ich das nur geträumt? Wie schön wäre es, wenn das Wirklichkeit geworden wäre und sich trotz ,,Reform" erhalten könnte. Haben Sie auch die Arbeit von Dr. Werner erhalten, wenn ja, so würde ich sehr gerne wissen, wie Sie darüber denken. Auch Dr. med. Stampa hat etwas geschrieben, ich konnte es aber noch nicht lesen, da dies für meine Augen immer unmöglicher wird. Mit vielen herzlichen Grüßen für Sie und Ihre liebe Gattin.

Ihre H. Andersen

Den alten Testamentsentwurf opfern Sie freundlichst dem Feuertod.



Schönborn, d. 4. 10. 48

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

Schönen Dank für Ihren lieben Brief vom 25. 9. Es freut mich von Herzen, dass Sie und Ihre liebe Frau  so schöne u. erholsame Ferien hatten! Was aber meine M 40.000 anbetrifft, so können Sie ganzberuhigt sein, da ich mein Kontobuch nicht bei mir habe, sondern in C. auf der Kreissparkasse in Verwahrung, wo es höchst gewissenhaft u. regelrecht geführt wird, so weiß u. wusste ich nie, wie viel da war, weil ich auch Zahlengedächtnis habe, wusste ich auch nie die genaue Summe. Ich schrieb Ihnen ja, glaube ich, auch: gar keinungefähr M 40.000. Dies war aber schon längst überschritten u. alles ist also jetzt so, wie Frl. Rol. Ihnen schrieb u. in Richtigkeit u. bester Ordnung. So wenig, wie ich mit Zahlen umzugehen verstehe, so prachtvoll kann es Frl. Roloff, die sich mit allen Finanzamt- u. Sparkassenangelegenheiten ganz exquisit auskennt und der ich alles, was damit zusammenhängt, vollständig überlassen kann u. muss, da ich nicht dazu im Stande bin. Also bitte: jetzt Schluss mit Ihren Bedenken, es ist alles in Richtigkeit. Ich erwarte nun noch Ihren Bescheid wegen der Erbschaft von „Atmung und Stimme“, wovon ich Ihnen im letzten Brief schrieb: ob u. was etwa davon etwas im Testament steht? Vielleicht kreuzt sich dies wieder mit diesem Schrieb von mir, wie ja wohl unsere beiden letzten Briefe taten.

Herzlich grüße ich Sie u. Ihre Gattin, auch von Frl. Roloff, als

                                                                                              Ihre alte H. Andersen     


Schönborn, den 18.11.1948

Lieber Herr von Dobrogoiski,

für Ihren lieben Brief vom 01.10. habe ich Ihnen noch gar nicht gedankt, tue ich es aber jetzt sehr herzlich und besonders auch für die feine und großmütige Art, mit der Sie meinen Wunsch erfüllten. Heute möchte ich Ihnen nur mitteilen, daß es dem Bemühen unserer lieben Gräfin gelungen ist, ein Grundstück mit zwei Häusern und viel Gartenland für unsere Schule zu finden und einstweilen zu pachten. Es liegt in dem Dörfchen Lieme bei Lage und zwischen den Städten Lemgo, Bielefeld, Detmold, Herford, auch Enger, so recht mitten darin. Es ist eine Gegend, wo schon allerlei Freunde von uns wohnen. Dr. Pörschke, Lemgo, glaube ich, Dr. med. Ubenauf in Bielefeld, Dr. Leutiger in Enger, Dr. Mayer zu Schwabedissen, Bielefeld. Die Gräfin hat schon ihr Hauptquartier dort aufgeschlagen und Fräulein von Harling und Fräulein Bruckner sind ebendort und machen mit Dr. Pörschke zusammen heute in Lemgo einen Vortragsabend. Sie hoffen, daß die Schule zum 01.04.1949 ihren Einzug halten kann. Über die Sache von ,,Atmung und Stimme", die jetzt im Wolfenbüttelverlag im Gange ist, möchte ich Ihnen noch berichten, daß der neue Verleger, Herr Möseler eine neue Auflage veranstaltet und die Neubearbeitung, die notwendig war, Herr Dr. phil. Wilhelm Menzel, einem sehr treuen Schüler und Anhänger unserer Arbeit übertragen hat. Herr M. scheint ganz begeistert für die Sache zu sein. Nun genug für heute und für meine Augen, ich hoffe, daß Ihr Katarrh sich gebessert hat und grüße Sie und Ihre Gattin herzlich als Ihre alte

H. Andersen


Schönborn, den 12.07.1949

Lieber Herr und liebe Frau von Dobrogoiski,

für Ihr freundliches Gedenken zu meinem Geburtstag danke ich Ihnen herzlich. Fräulein Krügers Gegenwart verschönte ihn erheblich, hoffentlich ist sie jetzt längst wieder daheim und unversehrt angelangt. Ihnen möchte ich, lieber Herr von Dobro, nur noch einmal mit Bezug auf mein Testament (wer lacht da?) die Bitte aussprechen, falls Sie eine Abschrift davon haben, einfach zu verbrennen. Mein Barvermögen auf der Kreissparkasse in Celle beträgt M 1508.00 auf der Kreissparkasse Eutin M 212.00. Mein Mobiliar befindet sich in Seefeld (in polnischer Hand glaube ich), die beiden literarischen Werke: Kunst des Atmens von Leo Kofler und Atmung und Stimme von meiner Freundin und mir sind ausverkauft und werden, falls noch neue Ausgaben davon erscheinen, auf meiner Freundin und meinen Wunsch nach meinem Tode als Erbe an die ,,Gesellschaft der Freunde" fallen. Das wenige was ich an Wäsche und Kleidung gerettet habe, soll nach meinem Wunsch an mir nahestehende Personen verteilt werden, worüber Fräulein Roloff Bescheid weiß. Das sind auch alles sehr verbrauchte Sachen, die kaum nennenswert sind und ich hoffe nur daß dies alles bis zu meinem Tode ausreicht. Ihnen und Ihrer lieben Gattin herzlichen Gruß von Ihrer

H. Andersen

Von Fräulein Roloff soll ich Ihnen auch herzlichen Gruß sagen.


Schömborn, d. 26. 8. 49

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

Mir ist so, als hätte ich Ihren lieben Brief vom 17.7. schon einmal beantwortet, aber nur kurz. Inzwischen habe ich mich noch viel mit Ihnen beschäftigt und zwar mit Bezug auf das Wort Reepschläger. Als Kind hörte ich oft das Wort „Fallreep“ ohne weiter darüber nachzudenken. Später trat die Erinnerung an Zuhause ganz gegen die Erlebnisse des Lebens zurück. Aber jetzt – je älter ich werde und je armseliger das Leben wird, desto mehr kehrt die Erinnerung an das „Einst“ zurück und ich finde, dass ich Ihnen speziell über das Wort „Reep“ nur eine recht unzureichende Aufklärung gegeben habe. Und eines Tages ging mir ein richtiges Licht darüber auf. „Fallreep“ war ganz speziell das Tau, an dem der Anker eines Segelschiffes über Bord geworfen wurde, also bei seinem Fall in die Tiefe, um das Schiff nach beendeter Reise  im Hafen festzuhalten. Das Tau war mit seinem anderen Ende an einer Winde befestigt, von der es abrollte, bis der Anker den Grund erreicht und sich darin eingegraben hatte. Natürlich musste das ein ganz besonders dickes Tau sein, denn so ein Anker war ein Ding, das viele Zentner wog und sich tief in den Grund des Wassers (bei uns in Memel also in das Haff) einbohren musste. Das Tau war natürlich auch, wie alle Schiffstaue geteert (sein) und 2 starke Matrosen mussten bei dem Abrollen von der Winde bremsen, damit der Fall und die Ankunft des Ankers im Haffgrund nicht zu plötzlich geschah. So, nun weiß ich also (und Sie wissen es auch) was Reep bedeutet und Schläger bedeutet, die Bezeichnung der Herstellung eines jeden Taues, das „geschlagen“ wurde (so etwas kann kein „Seiler“ machen). Man muss sich aber bei dem Gedanken an so ein Segelschiff nicht nur ein kleines Segelböotchen vorstellen wie bei einem Segelklub oder so. Die üblichen Segelschiffe waren mehr oder weniger riesige Gebäude mit 2, meistens sogar 3 hohen Masten, z. B. „Dreimastschoner“ oder Bark., welche Bezeichnungen mir immer sehr imponierten, wenn der Mann die Ankunft eines solchen ankündigen kam, der Mann, der extra dazu angestellt war und „Wissinger“ hieß, was mich einmal zu der Frage veranlasste: Heißt der Mann so, weil er immer alles weiß, oder ist das sein wirklicher Name? Nun genug hiervon.

Dass es Ihren lieben Eltern ebenso geht wie mir, tut mir sehr leid. Dass ich aber irgendetwas vom Lastenausgleich bekomme, glaube ich nicht. Wer noch irgendetwas hat, kriegt nichts.

Nun bitte ich Sie herzlich, mein lieber Herr v. Dobro, dass Sie mir nicht böse sind ob meiner Mahnung, ich wollte eigentlich ganz etwas Anderes schreiben, aber dies floss mir nun so aus dem Herzen in die Feder u. „so wird es wohl seine Richtigkeit haben“, wie mir eine sehr kleine Schülerin inbezug auf ihre schmerzlichen Kriegserlebnisse schrieb. Sie hat auch samt ihren Eltern Hab und Gut, Heim und Obdach verloren und wohnt jetzt mit den Eltern bei fremden Leuten. Schmerzlich! Leben Sie wohl, grüßen Sie Ihre liebe Gattin u. seien auch Sie herzlich gegrüßt von

                                                                               Ihrer alten H. Andersen.


Schönborn, d. 24. 9. 49

Lieber Herr v. Dobrogoiski!

Herzlichen Dank sage ich Ihnen für Ihren lieben Brief vom 11. 9. der mir zeigt, wie väterlich Sie immer wieder an mich und meine Vermögensverhältnisse  denken. Leider kann ich Ihren guten Rat betreffs des Lastenausgleichs nicht befolgen, da meine „Kapitalien“ immerhin doch noch zu groß sind, um sie so unauffällig zu verringern. Auf dem Kontobuch oder vielmehr „-büchlein“ in Celle stehen augenblicklich noch M 1.000 und auf dem in Eutin  (beides Kreissparkasse) M 520. Ich bin also noch so unverschämter Kapitalist, dass ich mehr als 500 M besitze u. kann diese Unsummen nicht so schnell verkleinern oder verschweigen. Ich gehöre überhaupt auch zu den dummen Tröpfen, die immer mit der Wahrheit am besten fahren, u. denen keinerlei Beugung oder Umgehung derselben glücken. Wenn Sie nun den Tatbestand kennen, werden Sie mir ja auch Recht geben. In Lieme hat sich die vor Wochen schwierige Lage insofern gebessert, dass der durch die Leistungen unserer Lehrerinnen „überwältigte“ Regierungsdirektor versprochen hat, von der Regierung Hilfe für die Baukosten zu beschaffen. Ja, unsere Lehrerinnen!!

Herzlich grüßt Sie u. Ihre liebe Gattin              Ihre alte, halb blinde H. Andersen


Schönborn, d. 2. 1. 50

Lieber Herr v. Dobrogoiski.

Erstens möchte ich Ihnen und Ihrer lieben Gattin von ganzem Herzen ein gutes, in Gesundheit und Sorglosigkeit zu verlebendes Jahr wünschen. Und außerdem möchte ich Ihnen für Ihren lieben, kapitalen Brief vom 26. 9. herzlichen Dank sagen. Es hat mich ganz erschüttert, wie liebevoll Sie für mich sorgen u. mir helfen wollen. Und drittens wollte ich Ihnen die frohe Botschaft mitteilen, dass mir die Nachzahlung vom 1. 4. 49 bewilligt worden ist, trotzdem ich wahrheitsgemäß die ganze Summe meines Celler Kontos angegeben hatte! Gottlob: Ehrlich währt am längsten – ich bin immer so froh, wenn sich unsere alten, guten Sprichwörter bewähren. Aus der Liemer Angelegenheit werde ich nicht klug: Sind Sie nun im Vorstand der Gesellschaft oder sind Sie nicht?  Ich hoffe: Ja! Seien Sie, lieber Herr v. Dobro u. Ihre Gattin sehr herzlich gegrüßt u. für Ihre väterliche Sorge bedankt von

                                                                  Ihre alten, verdrehten H. Andersen.

Die Dunkelheit draußen und drinnen m. Augen ist schlimm!

 

 

 

 

 

 

Schönborn, d. 30. 3. 50

Mein lieber Herr v. Dobrogoiski,

Nun könnte ich meinen Brief mit denselben Worten beginnen, wie Sie den Ihrigen. Das tue ich aber nicht, sondern sage gleich vorneweg, dass ich mich sehr über ihn – den Ihrigen – gefreut habe. Sie fingen Ihren Brief gleich mit dem Bericht über die „Gesellschaft“ an, und so will ich denn auch gleich damit anfangen und Ihnen sagen, dass ich schon vor mehreren Tagen  einen ganz ähnlichen Bericht über dies Thema von Herrn Wilfried v. Schenck erhalten hatte, dessen Ansicht ganz mit der Ihrigen übereinstimmte, und mit der Meinigen auch. Herr v. Schenck ist nach meiner Ansicht u. Erfahrung ein prächtiger Mensch und obendrein Jurist und das kann uns nur lieb sein, solch eine Kraft im Vorstand zu haben, besonders auch darum, dass unsere liebe Gräfin nun doch etwas entlastet ist. Sie hatte sich doch in ihrem unerschöpflichen Tatendrang mehr zugemutet, als ihre Kräfte ertragen konnten u. das hat sie nun wohl auch selbst eingesehen. Ja, ja – der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht – da bin ich schon wieder bei einem unserer unschätzbaren alten Sprichwörter angelangt, die stets den Nagel auf den Kopf treffen!! Gott gebe nun Seinen Segen dazu und vor allem auch für die Schule überhaupt. Es scheint ja nun endlich auch bei den obersten Regierungsstellen zu dämmern, welch einen unschätzbaren Segen unsere Arbeit für die heranwachsende Jugend u, somit für die Zukunft des deutschen Volkes überhaupt bedeutet. Wenn meine liebe Freundin das noch hätte erleben dürfen!! Dieses Kapital lag ihr am allermeisten am Herzen. Haben Sie den Erlass in der Schulzeitung vielleicht gelesen? Hannover ist ja jetzt die Hauptstadt von ganz Niedersachsen. Dort arbeitet schon eine unserer jungen Lehrerinnen, die lange im Kinderheim von Frl. Krüger, Weimar gearbeitet hat u. dort eine ganz vorzügliche Vorbereitung für den Zweck: Jugenderziehung genossen hat. Sie soll sehr viel zu tun haben in Hannover. Na überhaupt! wenn ich auf die Reihe unserer lieben Lehrerinnen sehe, dann wird mir nicht bange um die Zukunft unserer Arbeit. Was macht aber Ihre liebe Gattin für Experimente! Alle die Krankheiten, die Sie da aufzählen, scheinen mir Reinigungs- und Entwicklungs“zustände“, - keine eigentlichen Krankheiten zu sein, wenigstens würde meine Freundin das so auffassen, wie ich glaube. Durchzumachen sind die sehr unangenehm, aber der Erfolg ist – bei verständnisvoller Auffassung u. Behandlung doch meist sehr wünschenswert. Nur unangenehm, dass das grade in die Vorbereitungen zum Umzug fällt, die ja doch immer viel Arbeit und Ungemütlichkeit mit sich bringen.. Aber zu der Tatsache des Umzuges kann man Ihnen Beiden doch wohl herzlich gratulieren? Wenigstens tun wir Beide hier, Frl. Roloff und ich es von ganzem Herzen. Teilen Sie uns, bitte, nur das Datum und die neue Anschrift mit.

Nachmittag weiter.

Über den „Kanonenschuss“ von Frau S.(elbmann) war ich auch nicht begeistert und schrieb ihr auch in dem Sinne – aber glimpflich. Sie haben sehr recht mit der Ansicht, dass es ein Unglück für sie war, ihren Mann so früh zu verlieren. Er war ein köstlicher Mensch und sie hätte – und hat noch trotz sehr viel guter Anlagen – einen liebevollen Bändiger nötig, d.h. einen männlichen, denn vor Frauen, besonders vor unverheirateten Frauen hat sie gar keinen Respekt. Trotzdem erkennt sie ja am Schluss vom Schuss die Leistungen der Lehrerinnen wohl an, und ich muss sagen: das genügt mir. Sie ist jetzt in Wiesbaden bei Dr. Spiras gewesen. Prof. Spira ist ein alter, noch Rotenburger Schüler von uns, ein prächtiger, hoch zu verehrender Mensch, der Einsicht und viel Menschenliebe hat – der Einfluss wird ihr gut getan haben. Über das, was Sie an Lieme „zu marktschreierisch“ finden (hauptsächlich in dem ersten Prospekt), habe ich mich brieflich – aber ohne „Kanonenschuss“ der Gräfin gegenüber ausgesprochen und habe bewirkt, dass der diesjährige Prospekt davon befreit war. Na – jedes Tierchen hat sein Manierchen. Sie wird es wohl an dem negativen Erfolg  merken, dass der Schuss überflüssig war.

Eins muss ich Ihnen noch sagen. Ich bin von einer großen Gewissenslast befreit durch Ihren so lieben Brief, dessen langes Ausbleiben mir Gewissensbisse wegen des „ehrlich währt am längsten“ machte. Wie lieb von Ihnen, dass Sie es von der humoristischen Seite nehmen, wie es ja auch nur gemeint war. Wie schön wäre es, wenn Sie nächstens Flügel bekämen, um hierher fliegen zu können! Dann würde sich ja wohl auch die Geschichte von dem „Schrei“ aufklären lassen, die mir auch jetzt wieder ganz unerklärlich ist. Schicken Sie mir ja nicht die 72 Seiten – das könnten meine Augen tatsächlich nicht leisten. Ich weiß, dass meine Freundin öfter von dem Schrei sprach, womit sie den ersten Schrei des Kindes bei seiner Geburt meinte,  durch den das Kind bekanntlich seine Lebensfähigkeit und –kraft bekundet. Was damit aber, und dass damit überhaupt eine besondere „Geschichte“ zusammenhängt – das ist mir unbekannt. Dass das Kind bei seiner Ankunft und ersten Berührung mit der Außen- und Umwelt schreit, falls es lebensfähig ist, wissen Sie doch sicher – Kinder, die nicht schreien können sind eben nicht lebensfähig und gehen sofort oder sehr bald ein. Diese Tatsache ist ja ganz allgemein bekannt. Deshalb legte auch meine Freundin sehr großen Wert darauf und sprach dies oft aus.

 

So, nun muss ich aufhören und denke, dass ich Ihren Brief ausführlich beantwortet habe. Ich grüße Sie und Ihre liebe Gattin von ganzem Herzen und wünsche Ihnen Beiden 1. viel Glück zu dem Umzug und der neuen Wohnung, ferner frohe Ostertage und vor allem Kraft u. Gesundheit zum Umzug und immerdar. Frl. Roloff wünscht dies alles mit mir und so schließe ich denn die Augenarbeit mit dem Wunsche, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen.

                                                                            Herzlichst Ihre alte H. Andersen.  

 

 

 

 

 

Schönborn, d. 30. 6. 51

Lieber, sehr verehrter Herr v. Dobrogoiski!

Wie freute ich mich, nach so langer Zeit wieder einmal einen Brief von Ihnen in den Händen zu halten! Haben Sie herzlichen Dank für ihn und für die herzlichen Glückwünsche, die er enthält. Meine Augenoperation hat mich – Gottlob – nicht gehindert, diesen Brief zu lesen und sich darüber zu freuen – ich habe zwar nur noch ein brauchbares Auge, aber dieses genügt mir – mit der Starbrille bewaffnet – vollkommen zum Lesen lieber Briefe und – zum Beantworten derselben! Dies letztere geht allerdings recht langsam vonstatten, wenn derselben so viele mit einmal kommen und alle mit Andacht gelesen und beantwortet werden wollen, aber endlich glückt es doch – mit Geduld und Spucke! Operiert ist nur das rechte Auge und zwar ist nur die Linse herausgenommen, die eine Trübung hatte, die man „grauer Star“ nennt. Dafür bekommt man dann eine so genannte Starbrille, die die natürlichen Funktionen der Augenlinse ersetzt. Mit der kann ich nun wieder lesen und schreiben, wie Sie sehen und an dem Fortschreiten der Trübung des linken Auges kann ich ermessen, was mein Schicksal geworden wäre, wenn das rechte nicht operiert worden wäre. Dem Professor, der die Op. machte, fiel auch ein Stein vom Herzen, als er den Verband abnahm und dass er ausrufen konnte: glänzend geheilt! Sie sehen ja an meiner Schrift, dass ich mich doch leicht verzappeln kann, aber das ist nun doch das kleinere Übel, als Blindheit, und es ist kein Hindernis für eine flotte Korrespondenz vorhanden.

Was nun unser geliebtes Koflerbüchlein betrifft, so bin ich auch sehr zufrieden mit der Lösung der Frage, die Herr Baron Schenck gefunden hat, dadurch dass er Herrn Professor Vogler um die Mitarbeit bat. Dieser kannte unsere, auf Kofler basierte Schule längst , da er – noch Student in Gießen – in unserer Schule (damals in Rotenburg) war. Natürlich sind die physiologischen Erkenntnisse von der Bedeutung der Atmung inzwischen fortgeschritten, aber sie stehen doch auf den Schultern der Vorgänger, die vor 50 Jahren die Grundlagen der ganzen Bedeutung der Sache erkannten und diese Vorgänger der ganzen Forschung stehen auch heute noch bei der medizinischen Wissenschaft als durchaus grundlegend in hohem Ansehen. Ich bin sehr glücklich, dass Herr Prof. Vogler das eigentliche Koflerbuch  ganz unangetastet gelassen und die neuen Erkenntnisse nur in einem „Nachwort“ niedergelegt hat. Das Werk ist ja nicht für physiologische Feinschmecker geschrieben, sondern für Sänger und Redner, die mit ihrer Stimme – will sagen Atmung arbeiten müssen. Allerdings ist es auch für praktische Ärzte sehr wichtig und so wird es nun hoffentlich auch von solchen Lesern sehr geschätzt werden. Es freut mich sehr, dass auch Sie, mein lieber Herr v. Dobrogoiski, damit einverstanden sind und ich grüße Sie und Ihre liebe Gattin von ganzem Herzen als Ihre alte, Ihnen Beiden sehr ergebene

                                                                                                           H. Andersen.

Neb. Was macht denn Ihr Sohn?

 

 

 
(Der folgende Brief stammt aus dem Nachlass von Dora Kalk. Kopiert von Roswitha von Lingelsheim)

 

Schönborn, d. 25. 8. 51

Mein lieber Herr v. Dobrogoiski!

Sie haben ganz recht, wenn Sie glauben, dass ich meine Geburtstagsbriefe nun alle beantwortet hätte – aber trotzdem liegt noch eine Menge anderen Beantwortungsstoffes vor mir und zwar der Ihrige obenan. Der soll also nun heute schwinden und zwar (wird) die Tat nicht sehr zufrieden stellend für Sie ausfallen, wie ich fürchte, wenigstens was den Herrn Sutro anbetrifft. Wie ich mich erinnere (nur schwach, denn das Nähere vom singen hat mich nie viel oder gründlich beschäftigt) war bei Sutro viel die Rede von einer „Speiseröhrenritzenstimme“, wenigstens hörte ich dies wunderliche Wort von meiner Freundin. Es ist im großen und ganzen so, wie Sie vermuten: manches Gute und allerhand Unverdauliches  war bei ihm zu lesen, aber das ist ja bei dem Kapitel „Stimme“ kein Wunder und meine liebe Freundin  nahm unbedenklich ihre Zuflucht zu allen möglichen und scheinbar auch unmöglichen Hilfsquellen und erreichte denn auch stets ihren Zweck. In Verbindung sind wir aber nie mit Sutro gewesen. Wir hatten nur ein Werk von ihm und es ging uns ebenso wie Ihnen: manches war sehr gut und nach unserer Meinung richtig und wichtig, aber manches war auch ganz unverdaulich – wie gesagt. Dass die Art englisch zu sprechen anders ist als bei uns Deutschen ist sicherlich richtig. Meine Freundin sagte ja beim Unterrichten auch oft wunderliche Sachen und Vergleiche – erreichte aber immer ihren Zweck und eine gute Wirkung damit. Sie würde aber so etwas nie in einem Lehrbuch veröffentlicht haben. Und eigentlich kann ein Gesanglehrer überhaupt kein allgemein gültiges Lehrbuch schreiben, denn „singen“ ist eine zu individuelle, geistig und körperlich verschiedene Sache, dass jeder Sänger  oder Gesangschüler eine eigens für ihn geschriebene „Schule“ haben müsste. Z.B. meine Freundin und ich – wir stimmten doch wahrhaftig gut überein, aber (in) Punkto „singen“ waren wir so verschieden wie Himmel u. Erde oder gar Hölle.

Was nun Sie und Ihre liebe Gattin anbetrifft, lieber Herr v. Dobrogoiski, so freut es mich ganz ungemein, dass Sie in Lieme und überhaupt inzwischen öfter zur

Reparatur waren – das wird sich in jeder (Hinsicht) gut „rentieren“ und ich möchte Ihnen herzlich raten, das auch fürderhin immer wieder zu tun.

Ihrem lieben Sohn ist es nur noch nicht schlecht genug ergangen – er wird schon noch einst zur Einsicht kommen – man muss ihn nur nicht zu überreden oder überzeugen suchen. Was mich betrifft, so kann ich zufrieden sein und wenn nun noch die zweite Auflage von „Atmung und Stimme“  erschienen sein wird und die erste Neue von „Kofler“, dann bin ich bereit, meiner lieben Freundin zu folgen.

Nun grüße ich Sie, lieber Herr v. Dobro herzlich und Ihre liebe Gattin ebenso und bleibe                                                                Ihre getreue H. Andersen.

Von Frl. Roloff soll ich Ihnen auch herzlichen Gruß bestellen.

  

 

(Dr. A. von Dobrogoiski ist früh verstorben. Seine Frau Martha von Dobrogoiski war im Vorstand der „Gesellschaft der Freunde der Schule Schlaffhorst-Andersen e.V., dem Trägerverein der Schule, tätig, als Anfang der 60er Jahre unter dem Vorsitz von Prof. Vogler Schloss Eldingen als Schulstandort erworben und aufgebaut wurde.)


Ende An A. von Dobrogoiski (1946 – 1949)
 

 


Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 

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