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An Goebel/Seyd (1935-1953)
Briefe von
Hedwig Andersen
an
Elisabeth Goebel
und
Waltraut Seyd
(1935 ‑ 1953)
Schule
Schlaffhorst-Andersen für Atem-, Sprech- und Gesangskunst
Hustedt
bei Celle, den 30.6.1935 z.Zt. Schönberg
Sehr geehrtes
Fräulein Göbel,
Fräulein
Toepfer schickt mir Ihren Brief hierher, wo ich mich eben einer zahnärztlichen
Behandlung wegen in der liebevollen Obhut Ihrer Patentanten befinde. Ich freue
mich, daß Sie es nun endlich ermöglichen können, einen Versuch mit unserer
Arbeit zu machen und will gern auf Ihren Vorschlag der ratenweisen Bezahlung
eingehen, damit Ihnen von dieser Seite kein Hindernis erwächst. Nur werde ich
Sie nicht vor dem 15.7. aufnehmen können, denn Ihre Vermutung, daß bei uns
alles überfüllt wäre, trifft zu. Wir haben schon sieben überzählige Menschen da
und können nun keinen mehr dazunehmen, denn dann käme schließlich niemand zu
seinem Recht. Schreiben Sie mir also bitte gleich hierher (ich muß noch einige
Tage hierbleiben), ob und wann Sie nach dem 15.7. kommen könnten und machen Sie
sich des Geldes wegen keine Sorgen. Das besprechen wir dann mündlich.
Nissens lassen
herzlich grüßen, desgleichen Ihre
H.
Andersen
Ich schicke
Ihnen einen Prospekt mit, damit Sie sehen, was Sie mitzubringen haben.
[Postkarte]
Hustedt
über Celle
An Frl. El. Goebel,
Flensburg, Reepschlägerbahn 4
Liebes Frl.
Goebel,
ja so sind Sie!
Ich habe es mir ja schon gedacht, daß Sie im letzten Augenblick noch ankommen
werden. Ihr Glück, daß Sie in der Reepschlägerbahn wohnen, da gehören
Sie sozusagen zur Familie - mein Vater war nämlich Reepschläger, und ich bin in
einer Reepschlägerbahn aufgewachsen.
Heute weiß ja
kein Mensch mehr, was das überhaupt ist! Also kommen Sie nur, erst wird bei
Frl. Dr. Noack noch ein Platz sein, und dann wollen wir weitersehen. Eventuell
müssen Sie später rücken ‑ es kommt ja vielleicht noch eine Absage.
Also herzlichen
Gruß bis dahin und auf Wiedersehen freut sich Ihre
H.
Andersen
Bitte ‑ mit
welchem Zuge? 8 oder 12.
Hustedt,
den 2.12.39
Mein liebes
Fräulein Goebel,
zwei Fragen im
Telegrammstil: Hat Frl. v. Kalben während Ihres Aufenthaltes hier im Hause bei
Ihnen sog. Theorie- oder Harmonielehre-Stunden gehabt? Sie wünscht ein Zeugnis
von uns, daß sie hier Klavier- und Harmonielehre gehabt hat. Ich kann mich aber
nicht besinnen, daß ich ihr letztere gegeben habe. So setze ich meine Hoffnung
auf Sie oder Frl. Wiesike!
2. Könnten Sie
drei fast neue Nachthemden meines Formats, das wohl auch ungefähr das Ihrige
ist, gebrauchen? Ich räume hier einigermaßen auf und aus und suche, uns den
etwaigen Auszug bzw. meinen Hinterbliebenen unnütze Arbeit zu ersparen. Es ist
ein hübscher, molliger Barchentstoff, für kalte Winternächte geeignet,
Oberseite feine dunkelblaue Streifen, mit dunkelblauem Wäschebändchen verziert.
Solchen Stoff gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Ich habe sie nicht mehr
getragen, seit ich Luxuswäsche trage. Sie liegen wohl schon zehn Jahre bei mir,
habe sie auch vorher kaum getragen. Manchmal trifft's sich ja so, daß einem
grade das angeboten wird, was einem grade fehlt. Ich würde mich freuen, sie
(die Hemden) in so lieben Händen zu wissen.
Hier sonst
alles im Lot, bei Ihnen hoffentlich auch. Freue mich, daß Sie im Januar kommen
möchten.
Viele herzliche
Grüße von uns beiden und bitte nur kurze Antworten!
Immer Ihre
H.
Andersen
Bitte, unsere
Leute alle zu grüßen.
Sielbeck-Schönborn,
den 24.5.45
Mein liebes
Fräulein Goebel!
Trotzdem man ja
noch immer keinen Brief absenden kann, muß ich doch heute an Sie schreiben,
weil Sie mir durch das immer wiederholte Lesen Ihrer lieben Zeilen vom 11.3. so
nahe sind, daß ich immer an Sie denken muß. Was ist seither alles geschehen,
wie hat sich alles verändert! Und wie soll es nun weitergehen! Der allerseits
so ersehnte Frieden ist nun da, aber wie sieht er aus! Was wird aus uns und aus
unserer Arbeit? Wir hier in Holstein sind seit vielen Wochen von der Außenwelt ganz
abgeschnitten, wenigstens was Post- und Bahnverkehr betrifft. Personenverkehr
haben wir trotzdem reichlich, wenigstens soldatischen, denn ungefähr 180.000
Mann sind, größtenteils von See, d.h. Kiel
her über unsere Gegend hereingebrochen. Sie sind hier in großen Lagern
untergebracht, die aber nicht ausreichten, und so sind sie noch in alle
umliegenden Dörfer verteilt und sogar auch in unser Obstgut bei Eutin. Die
Pfingsttage waren wüst infolgedessen, es kamen unzählige Soldaten, die nicht
weiter konnten, immer ‑ ununterbrochen ‑ zogen ganz zusammenhängende Schlangen
von Autos und daneben von wandernden Soldaten auf der Chaussee entlang~ es war
erschütternd, auch das Elend der armen Menschen, die zum Teil gänzlich
erschöpft waren. Nun ist die Flut endlich abgeebbt, aber ein Teil ist auch hier
rundherum hängengeblieben, und der wird nun wenigstens ordnungsmäßig mit
Nahrung versorgt. Nun haben Sie ein Bild, wie wir Pfingsten verlebt haben und
wie es in diesem Teil Ihrer Heimat aussieht. Vor dem Zusammenbruch war einmal
Frl. Noack und einmal Frau v. Arnim bei uns, welch Letztere bei Ihren Freunden
Waldersee in Stöfs mit ihrer Schwiegertochter und den Kindern nur noch mühsam
Unterkunft gefunden hat. Es waren in Stöfs und Newerstorff - ich glaube -125
Flüchtlinge anwesend. Frau v. A. hatte schon einen ganzen Frauenchor
organisiert und gab Gesang- und Klavierstunden neben der Pflege ihrer drei
Enkelkinder und der noch von einer Lungenentzündung sehr angegriffenen
Schwiegertochter. Über Ihre Freundin haben wir alle uns hier sehr gefreut. Sie
sah so blühend und lebendig aus wie nie und alle sie noch nie gesehen hatten.
Die Seeluft bekommt ihr augenscheinlich ganz prachtvoll. Von Harling und
Bruckner, die in Bergen bei Celle sind, hatte ich sehr erfreuliche Nachrichten.
Sie hatten zu Karfreitag und Ostern in der Kirche viel gesungen und georgelt
und waren sehr glücklich darüber. Und heute kam - denken Sie -ganz plötzlich
eine Schülerin von uns hier per pedes an, die in Plön Unterkommen gefunden hat.
Frl. Karsten aus Wrintgen bei Freienwalde, die erfahren hatte, daß ich hier
bin. Sie hatte sich in Plön in ein Lieferauto eingeschmuggelt bis Eutin und von
da zu Fuß hierher eine gute Stunde Wegs. Und so hoffte sie~ auch wieder
zurückzukommen - von Bahn ist ja noch gar keine Rede.
Na, nun wissen
Sie, liebes Frl. Goebel, von meinen Erlebnissen und wie es hier aussieht. Von
mir selbst ist wenig zu sagen. Ich bin hier von Fischers und Frl. Roloff
trefflich und liebevoll verpflegt und versorgt~ und Erne Nissen als dritte im
Bunde ist mir oft Trost und Stütze; aber sie haben alle so viel zu arbeiten und
können sich so nützlich machen-und ich sitze dazwischen als unnützer
Brotfresser und kann nichts für die nähere und fernere Welt tun und wünsche mir
oft und oft, ich könnte bei meinem lieben Schätzchen auf dem Seefelder Friedhof
ruhen. Was soll noch aus mir werden? Von der Gräfin habe ich sei dem Abschied
von Seefeld nichts weiter gehört (Harling übrigens auch nicht). Kein Mensch
weiß, wo sie ist und was sie vor hat. Eigentlich wollte sie ursprünglich mit
Anita hierher kommen, aber da haben sie wohl den Anschluß verpaßt und sind
nicht mehr durchgekommen und sind nun ebenso von der Außenwelt abgeschnitten
wie wir hier. Auf die Dauer ist diese Isolierung doch sehr qualvoll. Von Frau
Selbmann, von all meinen lieben Weimarern, von meinem Neffen und von keinem
sonst weiß ich etwas, z.T. seit Februar. Auch von Ihnen, liebes Goebelchen,
wüßte ich gern, ob und wie Ihr Liederabend in Jena gewesen ist und wie es Ihnen
nun weiter geht. Sind Sie jetzt englisch oder amerikanisch? Wir sind englisch.
Wie ist es mit Waltrauts Bein geworden und wie geht's Ihren Eltern? Für ihren
Brief danke ich ihr herzlich und grüße sie ebenso. - Ihnen auch viel liebe
Grüße und einen herzlichen Kuß von Ihrer alten
H.
Andersen
Eutin-Schönborn,
den 27.5.45
Liebes Fräulein
Goebel!
Eben lese ich
meinen Brief vom 24.5. an Sie und den Ihrigen vom 11.3., und da sehe ich, daß
ich gar nichts davon geschrieben habe, wie tief und innig mich Ihre Worte über
meine Freundin erschüttert und erwärmt haben. Ja: wie liebte sie Eure
Stimmen und wie fand sie immer den Weg
von den Stimmen zur Seele - mehr noch zur Seele als zur Psyche, die sich bei
mancher Schülerin sogar aufbäumte. Aber die Meisten haben schließlich dann doch
die Liebe empfunden, die all ihrer Arbeit zu-grunde lag - und fast Alle
schrieben mir in dem Sinne( Wir sind verwaist, oder sie war uns die Mutter, die
wir früh verloren haben, oder - Mir war's in Seefeld immer so, wie in der
Heimat, und so ähnlich. Sie war auch wirklich die Mutter und brachte den
Menschen in Jedem auf die Welt, den sie in dem eben Gegenwärtigen, noch
unentdeckt und unerlöst, sah. Darin war ihre Schau untrüglich, darin bestand
ihre ganz einzige Genialität. Darum war ihre Liebe immer ganz unpersönlich und
zu Allen gleich groß, die ihr darin folgten. Da fand sie auch stets den Weg und
das richtige Wort für die Stimme. besonders klar, ja abgeklärt, kam dies in den
letzten Wochen vor Weihnachten 1944 an den Sonnabenden und Mittwochen zutage.
Da haben es Alle empfunden, und Manchem wurde es da erst ganz bewußt.
Wundervolle Briefe habe ich seither bekommen, aber das Schönste schrieb Ihre
Freundin, von der ich den ersten Brief bekam: Es ist, als ob ein Stern
untergegangen wäre, wodurch die ohnehin jetzt so dunkle Welt nun noch dunkler
geworden ist. Dies Wort hat mich tief erschüttert und erschüttert mich immer
wieder, wie auch Ihre Worte; weil es so wahr ist. Solch ein Mensch kommt nie
wieder.
Herzlichst Ihre
H. Andersen
(24) Sielbeck, Holstein, den 7.9.45 Obstgut
Schönborn
Liebes Fräulein
Goebel!
Endlich kann
ich nun den Brief abschicken, der schon so lange für Sie daliegt! Vieles ist ja
überholt, was ich zuerst schrieb, aber das letzte Blatt bleibt bestehen. Erne
Nissen ist ja auch hier bei uns, und wir führen ein friedlich-sch,~dliches
Leben, alle, auch Fischers, pflegen und hegen mich, und jeder arbeitet, so viel
und gut er kann, auf seinem Gebiet. Sie haben unterdeß auch bereits Ihre Flügel
ausgespannt und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück und Segen für Ihre Pläne und
denke: Sie sind gut und müssen gelingen, denn sie liegen auf dem Ge/biet, zu
welchem Sie geboren und bestimmt sind, und Sie werden dabei glücklich werden.
1000 liebe
Grüße und Wünsche senden Ihnen Ihre
H. Andersen
sowie Erne,
Roloff und A.M. Fischer
Abs. :
Andersen, (24) Eutin-Schönborn, nicht mehr Sielbeck Die Sperre
ist aufgehoben und alle Soldaten sind fort.
Frl. Fischer
und Nissen lassen Eutin-Schönborn,
den 6.2.46
herzlich
grüßen.
Meine liebe
Waltraut,
Sie glauben
nicht wie ich und wir alle uns über das süße Kerzchen freuten, das mit
Ihren lieben Zeilen am 30.12. bei uns eintraf. Ein wunderschönes Gedenken von
Ihnen, das ganz und gar seinen Zweck - mir Freude zu machen - erfüllte. Das Weihnachtsfest
hier war schön und in ganz deutscher Gemütsart. Jeder suchte dem Andern soviel
Liebe und Liebes zu erweisen, wie es nur möglich war. Mir hatte Annemarie für
meine beiden Fenster Doppelfenster machen lassen, was ganz wundervoll die Kälte
abhält und mich täglich von Neuem erfreut. Auch einen wunderschönen Barometer
erhielt ich von der Schwester Erika, und so weiß ich nun immer, was ich vom
Wetter zu halten habe, und das ist in diesem feucht-naß-nebeligen Klima sehr
angenehm. Überhaupt wetteifern Alle, mir das Leben leicht und angenehm zu
machen. Auch Erne Nissen, aber Frl. Roloff ist schon seit Anfang Oktober bei
ihrer Schwester in Lingen. Nächstens wird uns Frau v. Arnim wieder besuchen,
und darauf freuen wir Alle uns schon mächtig. Jetzt kommen trübe
Erinnerungstage für mich, die schon ihre Schatten vorauswerfen. Da muß ich alle
Kraft zusammennehmen, um standzuhalten - es will mich doch manchmal Manches,
was dies letzte Jahr brachte, übermannen. Dann denke ich an alle die lieben
Schüler als alter und neuerer Zeit, die es nicht so gut haben wie ich, und zum
Trost an die, die es auch so gut haben wie ich und Sie und Frl. Goebel, und
dann zieht wieder ein Hoffnungssonnenstrahl durch meine Seele. Aber diese
Letzteren sind seltener als die Ersten. Die Meisten müssen doch sehr frieren.
Tüchtig arbeiten tun aber Alle und schreiben mir in lieben Briefen, wie
dankbar sie sind, diese Arbeit zu haben und ausüben zu können. So wollen wir
beide, Sie und ich, Gott dankbar sein, daß wir doch so ein warmes Plätzchen
haben und Ihn bitten, daß Er es Ihnen noch lange erhalte!
Grüßen Sie Ihre
liebe Mutter innigst von mir und nehmen Sie herzlichen Gruß und Dank. (Sie
glauben nicht, wie wohl solch ein kleines Liebeszeichen einem tun kann) von
Ihrer
H. Andersen
Schönborn, den
11.7.46
Meine geliebten
Beiden!
Wegen Papier-
und gleichzeitig Augenkraft-Ersparnis nehme ich gleich den größten Briefbogen,
den ich habe und schreibe an Sie Beide zugleich und auch, weil Sie doch jetzt
zu meiner Freude eine musikalische Einheit bilden. Eine Einheit, wie sie für
unsere Schule so bezeichnend und so notwendig ist. Wo und wie wären meine
Freundin und ich wohl hingekommen, wenn wir nicht so zur Einheit verschmolzen
wären? Madden Nissen pflegte immer zu sagen: Einer allein glaubt's gar nicht!
Und das war richtig, einer allein hätte diese Frage gar nicht beantworten
können. Auch bei unsern andern Lieben wiederholt sich dies Ergänzungsbestreben
und zum Teil ganz ungewollt. Harling-Bruckner, Grauding-Kühl, bei denen sogar
schon eine dritte Hilfskraft (Dora Kalk) nötig war, Ottmer-Fleck, die auch
schon Hilfe suchen, und wenn es klappt, hat Frl. v. Kalben große Lust dazu.
Auch Siem-Göttingen und Höhndorf, Letztere mehr wirtschaftlich, aber da ist
auch schon Marbach dazugekommen. Für die Schule habe ich auch schon mehrere
Anfragen, z.B. aus Hannover und Celle erhalten, die ich ja nun leider
einstweilen noch negativ beantworten mußte. Na überhaupt. In Hannover hat
Gräfin Bredow sehr viel Verständnis und sogar Entgegenkommen gefunden, dann
geht die Arbeit allerdings wohl mehr auf's pädagogische Gebiet, und die Musik
wird mehr in den Hintergrund gedrängt. Aber das Pädagogische ist ja auch sehr
wichtig im Hinblick auf die Jugend und auf das nachfolgende Geschlecht. Und ohne
Musik geht es ja überhaupt nicht. Aber wer wird künftig die Stimmen so
behandeln und entwickeln, wer die herrlichen Lieder so einstudieren, wie
Frl. Schlaffhorst? Über Ihre Berichte z.B. und Programme lacht mein Herz
immer hörbar. Ihr Liederabend! Köstlich. Unser deutscher Liederschatz ist doch
unvergleichlich, und wie liegt das alles für die Stimme, wenn allerdings auch
manches transponiert, aber doch unerschöpfllich und immer wieder beglückend.
Daß Sie, liebes Fräulein Goebel, jetzt auch hinter den Wert von Schumann
gekommen sind, ist mir geradezu beglückend. Und da werden Sie ja an Waltraut
den berufensten Begleiter haben. Das ganze Mädchen ist ja die Romantik selber,
und ich denke, sie könnte doch wohl auch mit der Zeit ein schönes Klaviersob
(?) spenden, gelt Waltraut? Jetzt im Sommer
treten ja, wie es scheint, auch die wirtschaftlichen Notwendigkeiten mehr in
den Vordergrund, aber derweil reift auch in der Stille manches, wenn es nur
früher mal richtig geübt war. Übrigens, daß Volkmar so schön begleitet
hat, freute mich. Er war ja früher auch einmal unser Chordirigent. - Das Beste
von allem, liebes Frl. Goebel, ist aber doch, daß Ihre Stimme so sicher steht,
daß es sogar öffentlich bemerkt wird. Hoffentlich hält sie den Anstrengungen
beim Unterrichten gegenüber stand. Wenn Sie nun aber Ferien bekommen, - dann
werden wir uns doch endlich einmal wiedersehen! ! Darauf freue ich mich nun
schon 500 lange.
Nehmen Sie
beide herzlichen Dank für Ihre Glückwünsche und seien Sie und Ihre Lieben, vor
allem die liebe Mutter Krenzler, zehntausendmal gegrüßt von Ihrer
H. Andersen
Frl. Fischer
und Frl. Roloff grüßen auch sehr. Erne ist in
Hamerstorff.
Dank für die
Programme!
Schönborn, den
11.1.47
Meine liebe
Waltraut!
Wenn Sie
wüßten, in welchem kleinen Loch ich hier sitze, um an 50 Briefe zu beantworten,
die zum Teil aus diesem, zum Teil schon am vorigen Jahreswechsel zu mir
flogen. Ja, so ändern sich die Zeiten, und wir ändern uns mit Ihnen - ach nein,
mit ihnen, entschuldigen Sie, bitte den Lapsus - so etwas kommt ja in den
besten Familien vor. Ich war halt mit meinen Gedanken zu sehr bei Ihnen - aber
diesmal wirklich mit großem 1!
Eben bringt
Frl. Roloff mir mein viertes Frühstück, lachen Sie nicht, es sind nur die in
Suppe aufgeweichten Brotkrusten, die ich nicht mehr beißen kann.
Nachmittag weiter.
Sie werden sich
wundern, liebes Herze, wenn Sie uns jetzt in dieser Fassung sehen würden. Wie
gut, daß Sie im Sommer da waren -, es war ein so schöner Tag -, ich werde ihn
nie vergessen - und Sie beide waren so strahlend und sommerlich, so stehen Sie noch
immer in meinen Gedanken vor mir. Inzwischen haben Sie nun aber auch Schweres
und viel Arbeit kennengelernt, und das muß ja auch sein. Ich freue mich
besonders darüber, daß Sie mit Kindern zu tun haben, das ist eigentlich das
Wichtigste. Ich wünsche Ihnen auch im Neuen Jahre viel Erfolg und Freude sowie
Gesundheit und grüße Sie sehr herzlich als Ihre alte
H. Andersen.
Ich habe mir
schon oft Gedanken gemacht, auf welchem Gebiet
Ihre
Haupttätigkeit liegt. Es hat mich sehr gefreut, daß
Elisabeth G.
mir Näheres über Ihre Arbeit schrieb. Frl. Roloff läßt Sie herzlich grüßen.
Schönborn, den
10.1.47
Mein liebes
Fräulein Goebel,
sehr erfreut
haben Sie mich durch Ihre beiden so ausführlichen Briefe vom 12.10.46 und vom
2.1.47. Besonders der Erstere, der zum Geburtstag meiner Freundin kam und so
herzlich von ihr sprach, hat meine Seele so erwärmt! Und das tat so wohl! Daß
Sie jetzt viel Schweres durchgemacht haben, das habe ich mir schon gedacht, als
ich die Todesanzeige von Herrn Krenzler erhielt, und ich danke ihnen sehr
herzlich, daß Sie trotzdem so lieb und ausführlich schrieben. Ernchen muß mir
alle Briefe vorlesen. Ich kann kaum noch lesen und auch das Schreiben wird mir
täglich schwerer. Aber ich tue es doch, so viel ich irgend kann, um die Augen
nicht ganz aus der Übung kommen zu lassen.
Auch wir haben
hier ein recht bewegtes Leben hinter uns. Kurz vor Weihnachten mußte ich aus
dem schönen großen Zimmer heraus, und nun sitzen wir zu dritt in einem kleinen
Loch, weniger als 1/3 so groß, und das ist eine harte Nuß. Der Eßtisch muß
dreimal am Tage vom Flur aus herein- und wieder herausgebracht werden, und an
eine Chaise ist gar nicht zu denken, noch weniger an ein Klavier. Mir wird es
sehr schwer, mich auf einem so engen Raum hin und her zu bewegen wegen der Bemessung
der Entfernungen. Ich muß mich ja nun mal um meine eigene Achse drehen, das
macht so schwindelig! Aber hübsch warm ist es wenigstens in der Bude.
Sie fragen nach
unserer lieben Gräfin. ‑ Sie ist zu ihrer alten Liebe zurückgekehrt: zur
Politik! Und zwar hat sie eine neue Partei gegründet: Deutsche Frauenpartei.
Nur Frauen, keine Männer! Besuche hatte ich ja den ganzen Sommer bis in den
November immer am laufenden Band. Annemarie Fischer war von August an lange mit
einer verschleppten Leberschwellung im Krankenhaus und dann noch vier Wochen
lang mit ihrer Mutter in Hahnenklee bei Steinmeyer in Behandlung, und das hat
ihr sehr gutgetan. Sie kam als ganz anderer Mensch zurück. Gottlob, daß sie das
überwunden hat.
Ich hatte seit
dem 30.12. einen ekligen Halskatarrh, der sich jetzt so allmählich aushustet.
Dies Klima ist für mich tödlich. Ein eisiger Nordost hatte mich zur Strecke
gebracht. Es ist ein richtiges Poggen- und Regenwürmerklima, nur nicht für
80-jährige Menschen. Ernchen und Roloff geht es einstweilen gut (+++). Sehr
erfreulich, ein wahres Labsal für meine Seele ist ja, wie alle unsere Lehrerinnen arbeiten und wie sie alle
zu tun haben ‑ eigentlich großartig. Nur sind die Armen in Weimar immer so
unglücklich, daß sie so abgeschnitten von uns sind. Ilse Krüger hat ja nun
Gottlob! ihr Dach wieder in Ordnung, nur noch nicht die Innenräume. Sie, mein
liebes Fräulein Goebel, bedaure ich sehr wegen der Reisen nach Düsseldorf!
Ich schließe
nun mit sehr herzlichen Wünschen und Grüßen für das Jahr 47 - möchte sich
Vieles besser gestalten, als man es jetzt zu hoffen wagt!
Immer Ihre
getreue
H.
Andersen
Schönborn,
den 8.7.47
Liebstes
Fräulein Goebel!
Ich war sehr
erfreut, als am 28.6. doch noch ein Brief mit so lieben Glückwünschen von Ihnen
kam und mir zeigte, daß Sie unsere Arbeit und mich noch nicht vergessen haben.
Eine Menge Arbeit und Sorgen haben Sie ja zu bewältigen, und das ist schön, daß
Sie so vielseitig im Leben stehen und leisten können, und ebenso schön, daß Sie
in Waltraut in jeder Hinsicht so viel Hilfe haben. Ja, ja: es ist nicht gut,
daß der Mensch allein sei! Ihrem Bruder geht es hoffentlich jetzt wieder
besser, das war ja doch die größte Sorge, und Ernchen und ich haben von hier
aus mit vielen guten Wünschen mitgeholfen. Na, und mit Ihren vielen Schülern
werden Sie schon fertig werden, aber die ehrenvolle Vorstandswahl finde ich
schon bedenklich. So etwas macht ja so viel Arbeit und oft auch Ärger und
Undank! Erfreulich ist dabei nur, daß Ihre Position dort so befestigt hat und
daß Waltraut Ihnen zur Seite steht und einen Teil der Arbeit abnehmen kann.
Von uns hier
ist nicht viel Erschütterndes zu melden. Wir leben so still vor uns hin im
Schoße und teilweise auch im Interessenkreise der Familie Fischer, zu der wir
uns schon ganz zugehörig fühlen. Wenn ab und zu ein lieber Besuch anschwimmt,
so ist das ein schön aufregendes Ereignis, wie z.B. Frau v. Arnim an meinem
Geburtstag. Den Winter haben wir in meinem kleinen, aber warmen Zimmer ganz gut
überstanden, aber meine Augen machen mir viel Sorge. Vorläufig kann ich ja noch
schreiben, aber nicht viel mit einem Mal.
Ich grüße Sie
beide und die liebe Frau Krentzler sehr herzlich und freue mich jetzt schon auf
Ihren Besuch.
Ihre alte
H.
Andersen
Frl. Roloff
grüßt allerseits sehr herzlich.
Schönborn,
den 29.11.47
Mein liebes
Fräulein Goebel!
Ihr lieber
Brief zum 16.10. hat mir große Freude gemacht, zumal er der Erste seiner Art
war und so pünktlich am 15.10. ankam. Ihm folgten noch mehrere, alle erfüllt
von schönen Erinnerungen an frühere glückliche Jahre, wo dieser Tag stets für
Alle ein großes Fest war. Es freut mich in Ihrem Brief aber auch alles andere,
was und wie Sie schreiben!
1. daß Sie
großen Andrang von Schülern haben,
2. daß sie alle
schöne Stimmen haben, eine schöner als die andere. Und 3. daß und wie Sie
darüber urteilen und schon ganz erkannt haben, wie schwer es ist, die Seele
damit zu verbinden, ja, die Seele, nicht nur die Psyche. Nämlich die
Naturseele, nicht nur die Menschenseele. Auch diese werden Manche noch
haben, aber ‑ ,,Natur und ~ Kunst, sie scheinen sich zu flieh'n!“, und
schließlich: das Gesetz nur kann uns Freiheit geben! Und diese Seele ist
es gerade, die nach dem Gesetz verlangt. Die Psyche kann ja eventuell auch
ohne, aber nicht allzu lange. Möchten Sie Frl. Angenete doch einen guten Schubs
vorwärts geben! Sie scheint ja doch ernstlich zu streben. Sehr interessiert
mich, was Sie von Stampa schrieben, es sind ja noch zwei Mediziner unter den
Unsrigen: Ingrid Müller und Ute Gerlach!
Ich muß
aufhören. Dieses Poggenklima macht mich noch blinder, als ich schon bin.
1000 liebe
Grüße Ihnen, Waltraut und Frau Kr.
Ich möchte noch
sooo viel schreiben, kann aber nicht mehr sehen. Erne ist seit acht Tagen in H.
bei Cousine Alma.
Sehr herzlich
Ihre H. Andersen
den
4.2.48
Liebes Fräulein
Goebel!
Eben habe ich
wieder Ihren so lieben, ausführlichen Brief vom 16. Oktober gelesen. Zu schön
haben Sie darin die Erinnerungen an die früheren Geburtstagsfeiern geschildert,
mir laufen die Tränen bei dem Gedanken an die schönen Zeiten. Ebenso aber auch
bei dem jetzt näher liegenden Gedanken an den Februar 1945, der uns jetzt
bevorsteht und andere Tränen erpreßt als die Oktobergedanken. Da kam nun wieder
ein so hübscher Brief von Ihnen mit der Liebesgabe von Frau Krentzler, ‑ Beides
so wertvoll und tröstlich für mich, und ich danke Ihnen ganz innig für Beides,
und auch nochmals für den Oktoberbrief. Ich kann es kaum beschreiben, wie froh
mich der Gedanke macht, daß Sie so einen prachtvollen Wirkungskreis haben und
so ganz in Musik und Gesang leben können ‑ ganz so, wie Sie es verdienen und
wie es Ihnen ,,zusteht“, wie das schöne Wort ja jetzt immer heißt. Darin, daß
es sehr nötig wäre, daß alle unsere Lehrerinnen einmal zusammenkommen sollten,
bin ich ganz Ihrer Meinung, aber ‑ alle ‑, das wird sich wohl nie machen
lassen. Es ist ja überhaupt noch gänzlich dunkel, was dieser Sommer bzw.
Frühling uns noch für Überraschungen bereiten wird, man muß ja nur froh sein,
daß von Tag zu Tage alles nicht noch schwärzer wird. ‑
Hier muß ich
schon wieder schließen, liebes Frl. Goebel, die Augen wollen nicht mehr, oder können
vielmehr nicht.
Sehr innige
Grüße soll ich von Frl. Roloff an Sie, Frau Krentzler und Waltraut bestellen,
und nun erst die Meinigen!!!
Immer Ihre
H.
Andersen.
Schönborn,
den 25.3.48
Mein liebes
Fräulein Goebel!
Sehr herzlich
danke ich Ihnen für die wunderhübsche Herzenkarte, es war sehr lieb von Ihnen,
mir eine unbeschriebene zu senden. Nun wünsche ich Ihnen und der lieben Familie
Seyd ein gesegnetes und geruhiges Osterfest ‑ Sie werden wohl alle ein paar
ruhige Tage nötig haben und Sie selbst vielleicht sogar richtige Osterferien!
Was Sie mir von
Frl. Angenete schreiben, ist doch im ganzen erfreulich, und wenn Sie auch nicht
gleich eine berühmte Sängerin wird, so könnte sie doch vielleicht erst
mal eine ganz tüchtige Lehrerin für unsere Arbeit werden, da sie ja, wie ich
aus Ihren Worten entnehme, hierzu sehr gute Vorbedingungen hat ‑ menschlich und
charakterlich, welches Letztere mir sehr wertvoll ist.
Was nun die
Wiedergeburt unserer Schule anbetrifft, so können Sie sich wohl denken, liebes
Fräulein Goebel, wie die mir im Kopf und Herzen herumgeht! So, wie sie, die
Schule, war, kann sie natürlich nicht wieder werden ‑ vorläufig. Ganz
klein müssen wir wieder anfangen und abwarten, ob es von selber wächst. So war
es immer bei uns. Ob Gr. Br.
die geeignete Persönlichkeit dazu ist, den richtigen Anfang zu finden, steht
dahin. Nach ihren ehemaligen wahnwitzigen Ideen zu urteilen, dürfte man es
bezweifeln. Alles, was sie bisher in dieser Angelegenheit versucht hat, war
nicht praktisch, auch nicht verständnisvoll in bezug auf das hauptsächlich
Erforderliche und ist darum auch mißglückt. Das ,,Schicksal“ bestätigt meine
Überzeugung. Daß sie jetzt mit der ,,Politik“ verkracht ist, wissen Sie wohl auch
schon. Nun will sie sich, glaube ich, mit aller Ungestümheit doch wieder
unserer Schule zuwenden, und das beängstigt mich gradezu. Es ist mir bei all
ihren Unternehmungen (selbst bei der damaligen Verlegung der Schule nach S.)
zuviel menschlicher Wille dabei und demgegenüber zu wenig ‑ ich möchte
sagen: Musik. Oder nennen Sie es meinetwegen: Göttliche Führung und Fügung. Da
ich sie aber beileibe nicht kränken möchte, muß ich mich nun meinerseits
der Göttlichen Fügung unterwerfen und dem Schicksal überlassen, ob ihr etwas
Brauchbares und Ersprießliches gelingt. Es ist ja leider katastrophal, daß
unser ganzes Wohnungs-, Wirtschafts- persönliches und bibliothekarisches
Inventar samt 10 oder 12 Klavieren nun den Polen und vielleicht früher oder
später sogar den Russen gehört. Na überhaupt! Ich schreibe Ihnen dies alles im
Vertrauen, liebes Frl. Goebel, weil es mir gerade so vom Herzen kommt, und
vielleicht ist das gut so, damit wenigstens eine von unsern kompetenten
Lehrerinnen weiß, wie mir zumute ist bei dem Gedanken an die Schule.
Nun etwas
Anderes. Der Verlag Kallmeyer, in dem unser ,,Atmung und Stimme“ erschien, ist
durch Kauf in die Hände von Heinr. Möseler übergegangen, und dieser ist
geneigt, eine Neuausgabe von ,,Atmung und Stimme“ eventuell noch in diesem
Jahre herauszubringen. Nur wünscht er der Papierknappheit wegen, den Text
,,möglichst einzuengen“. Ich bin nun daran gegangen, die ganze Geschichte
durchzulesen, um zu versuchen, was etwa zu streichen wäre. Eine hübsche Aufgabe
für mich bei meinen jetzigen Augenverhältnissen! Aber es freut mich doch, daß
der Neudruck nicht ganz ausgeschlossen ist, und ich will nun auch nochmal bei
Breitkopf und Härtel anfragen wegen Koflers ,,Kunst des Atmens“. Man freut sich
ja über das kleinste Lebenszeichen des ,,Wiederaufbaues.
Hoffentlich
darf ich zum Schluß sagen: bald auf Wiedersehen mit Ihnen und Waltraut (vorige
Woche war Schenck hier ‑ eine große Freude für uns Beide). Bis dahin also
Diskretion und viele, viele herzliche Grüße von Ihrer
H.
Andersen
ELISABETH
GOEBEL
Kiel, 1. August 1948
Forstweg 81
Sehr verehrtes
liebes Fräulein Andersen,
mit Grete
Ottmer und Frau Dr. Noack haben wir noch einmal Ihre so gute Idee von dem
Komitee, das gegründet werden müßte, besprochen.
Es geht doch
wirklich darum daß wir alle gemeinsam an dem neuen Werden der Schule teilhaben
und daß eine gemeinsame Kenntnisnahme der Entwicklungen, die die Schule nun
nehmen wird, durch eine solche Gründung gewährleistet wird.
Wir haben die
Aufgabengebiete zu umreißen versucht, nun bitten wir Sie, mit Fräulein Siem und
Erne die Sache durchzugehen und mir nach Hohenlimburg zu schicken, damit ich
sie dort vorlegen kann.
Zur
Zusammensetzung des Arbeitsausschusses schlagen wir folgende Namen vor:
Hedwig
Andersen
Marie
Selbmann
Anita
Grauding
Irmgard
von Harling
Anka
Schulze (Ilse Krüger)
Gertrude
Schümann
Grete
Ottmer
Hanna
Siem
Ilse
Lowes
Waltraut
Seyd
Inge
Kühl
Elisabeth
Goebel
Irma
von Arnim (M. Merckens)
Wir haben dabei
möglichst die Vertreter der verschiedenen Arbeitsgebiete berücksichtigt, und alle
haben große Schülerkreise.
Es ist sehr
schade, daß wir Ihre Idee nicht gleich an Ort und Stelle aufgriffen und mit
Ihnen mündlich besprachen, aber so etwas liest sich ja auch besser schwarz auf
weiß, deshalb schrieben wir es auf.
Falls Ihnen
diese Zusammensetzung noch nicht als die richtige erscheint, bitten wir, nach
Gutdünken andere Namen einzusetzen, doch müßte eine ungerade Zahl beibehalten
werden.
Mit herzlichen
Grüßen von allen hier und vielem Dank stets Ihre Elisabeth Goebel
Schönborn,
den 4.8.48
Liebes Fräulein
Goebel!
Heute früh kam
Ihr Brief mit dem großartigen Plan des Arbeitsausschusses, der vor allem
,,Prüfungskomitee“ sein soll und wird. Bis jetzt ‑ 5 Uhr nachmittags ‑ habe ich
mich allein damit beschäftigt. Frl. Siem ist noch nicht angekommen. Mein
Mittagsschlaf ging natürlich flöten, aber trotzdem fühle ich mich sehr munter
und angeregt. Mit den Satzungen bin ich fast restlos einverstanden, was ich mir
anders denke, will ich erst schreiben, wenn ich mit Frl. Siem und Nissen
gesprochen habe. Ich sehe mit Schrecken, daß meine Zeilen sehr bergab gegangen
sind, was ich mit Rücksicht auf das Herzklopfen, das mir die Sache verursacht,
zu entschuldigen bitte, es wird sich wohl bis morgen beruhigt haben, dann will
ich weiterschreiben.
den
5.8.
Also gestern
kam Frl. Siem hier wohlbehalten an und heute Vormittag haben wir die Satzungen
und den ganzen Plan besprochen. Sie fand die Idee des Ganzen auch großartig,
vermißte aber sofort, wie auch ich und Erne Nissen es getan hatten, den Namen
Ilse Krüger nicht nur als gleichaltrige Kollegin von Anka Schulze, sondern noch
mehr als Vertreterin des Gebietes ,,Kinderheim und Pädagogik“.
Nun kommen noch
einige Einwendungen, die von uns Dreien gleichmäßig empfunden wurden. Nämlich 1.
die Zahl 13 für den Ausschuß kommt uns zu hoch vor und 2. die
Arbeitsperiode von fünf Jahren zu lang. Wäre es nicht besser, klein
anzufangen und noch nach Bedarf wachsen zu lassen? Ich schätze, neun
Mitglieder wären für den Anfang genug und eine Arbeitsperiode von 2
Jahren, wonach dann z.B. die jetzt übergangenen Alten und Neuen eintreten
könnten. Ich schlage demnach folgende Namen für den Anfang vor: Andersen,
Selbmann, Schulze, Krüger, Grauding, Harling, Bruckner, Goebel, Seyd. Ich bin
ja nur nominell vorhanden und würde Irma v. Arnim bitten, mich zu vertreten.
Siem trat sofort freiwillig für die erste Arbeitsperiode zurück. Grauding,
Harling, Bruckner, letzte als Vertreter der ganzen Schule für Gesang, Sprache
und Klavier, sozusagen Direktorinnen der Schule und Schulfächer, den Stamm
bildend.
den
6.8.
Erst heute kann
ich weiterschreiben. Gestern wurde ich unterbrochen und kam nicht mehr zur
Fortsetzung.
Also, ich
wollte nur noch sagen: nach meiner Ansicht ist einstweilen nur ein Vorschlag,
und ich würde mich, falls die Mehrheit ihn ablehnt, fügen, denn ich bin aus
einer zu alten Zeit und Generation, um maßgebend zu sein. Für das Direktorium
der Schule schlage ich als Nr. 3 Frl. Bruckner und nicht Irma von Arnim vor,
weil sie in erster Linie Familienvorstand ist und sich im Zweifelsfalle
unbedingt für die Interessen der Familie, nicht für die der Schule entscheiden
müßte. Sie steht meinem Herzen als mehr als 20jährige Schülerin sehr nahe, und
ich schätze sie ihrer menschlichen, charakterlichen wie musikalischen
Eigenschaften unbegrenzt hoch ein. Wir Zwei haben auch nie über die materiellen
Verhältnisse der Schule gesprochen, aber ich hoffe, daß sie meine Ansicht
richtig verstehen wird.
Also nun zum
Schluß mit unzähligen Grüßen und guten Wünschen für Hohenlimburg herzlichst
Ihre
H.
Andersen.
Auch alle
Andern senden herzliche Grüße.
Schönborn,
den 8.8.48
Liebes Fräulein
Goebel!
Immer sind
meine Gedanken bei Ihnen allen in H. Ob Sie wirklich dort ,,tagen“, und wer
nun wirklich da sein mag? Ich habe noch etwas auf dem Herzen im bezug auf die
,,Satzungen“, aber nicht inhaltlich ‑ bewahre! Nur stilistisch könnte der letzte
Satz, den Sie offenbar noch zuletzt und vielleicht noch in Eile dazugeklemmt
haben, korrekter sein. Da ich ihn aber leider nicht mehr ‑ weder in Ihrer, noch
in meiner Fassung ‑ im Gedächtnis habe (diese Tage mit Hanna S. waren sehr
bewegt und brachten viel Besprechungsstoff ‑, so bitte ich Sie, ihn mir
auf inliegender Karte herzuschicken, dann sende ich Ihnen meine Fassung zu. Es
braucht kein Wort geändert zu werden, und er ist durchaus nötig, es ist
auch gewiß kleinlich von mir, aber eben weil er sehr wichtig ist, möchte ich
ihn auch formal so tadellos haben, wie alles Andere.
Siem fuhr
gestern, von ihrem Bruder und ihrer Schwester im Auto abgeholt, sehr vergnügt
ab, zunächst nach Neustadt zu Verwandten. Heute kommt nun Edith Schmidt mit
ihrer Schwester für ein paar Stunden her, und am Dienstag kommt dann A.
Dettmer, auch nur für einige Stunden.
Wie mag bei
Ihnen dort das Wetter sein? Hier ist es recht trüb. ,,Wärst du bei mir und ich
bei dir, du lieber Knabe mein, wärst du nicht dort und ich nicht hier, so
mutterseelenallein.“ Wie gerne wäre ich dort!!
Viele herzliche
Grüße und gute Wünsche sendet Ihnen, liebes Frl. Goebel, und allen Teilnehmern
Ihre
H.
Andersen
Auch lassen A.M.
Fischer und Roloff grüßen innigst.
Schönborn,
den 17.8.48
Liebes Fräulein
Goebel!
Zuerst wußte
ich gar nicht, was Sie der Anführung der Punkte 1 und 2 meinten, dann dachte
ich, Sie meinen, daß Frl. Bruckner keine schriftliche Lehrberechtigung hat und
daher nicht in den „Ausschuß“ aufgenommen werden kann. Aber!! 1. hat sie
eine Lehrberechtigung von mir bekommen, als sie sich in Bautzen legitimieren
mußte und 2. haben die ganz alten Vertreter der Sache, z.B. Selbmann,
Schulze, Krüger, wahrscheinlich damals noch kein schriftliches Diplom bekommen.
Das wurde erst nötig, als unbefugte Elemente sich als Lehrer der Arbeit
aufspielten und als wir nach Hustedt zogen, weil mit dem Namen: Rotenburger
Schule jeder unbestraft Handel treiben durfte. Mit unsern Personennamen aber
nicht, das wäre gerichtlich strafbar gewesen. Ich wäre übrigens bereit, für
diejenigen Lehrerinnen, die noch kein ,,Diplom“ haben, eins zu schreiben, denn
ich habe tatsächlich nicht alle im Gedächtnis, die eines oder keins haben. Und
speziell für Frl. Bruckner ,,lege ich meine Hand ins Feuer“ bezüglich ihrer
Eignung und besonders ihrer Gesinnung für unsere Schule, d.h. für das
Spezialgebiet Musik und Klavierunterricht. Dies soll keine Einschränkung sein,
sondern nur die Bekräftigung meiner Überzeugung, denn ich halte sie auch in
jeder anderen Beziehung ‑ geistig, menschlich, seelisch ethisch ‑ für
vollkommen gleichgesinnt und berechtigt, mit uns Allen.
Ich schreibe
schnell und eilig, da ich gleich den Besuch meiner sehr lieben Schwägerin aus
Hohenlimburg und den Postboten erwarte, der das Brieflein noch mitnehmen soll.
Ihnen und allen
Lieben ungezählte Herzensgrüße von Ihrer alten
H.
Andersen.
Auch Nissen,
Fischer und Roloff denken viel an Hohenlimburg und grüßen innigst.
Schönborn,
den 25.8.48
Liebes Fräulein
Goebel!
Ja, das ist
wirklich ein Mißverständnis, verursacht durch meine Vergeßlichkeit. Ich hatte ganz
vergessen, daß Sie um die Mitteilung von Punkt 1 und 2 gebeten hatten, und
zerbrach mir so den Kopf, weshalb Sie mir dies extra schrieben.
Nun ist ja
alles gut, und Bruckner hat, wie gesagt, die Lehrberechtigung von mir, kann
also ruhig und muß sogar im Ausschuß sein, denn mein liebes Fräulein
Goebel, auf meine Mitarbeit dürfen Sie nicht zuviel oder vielleicht gar
nicht rechnen. Ich bin zu alt und jetzt schon halb blind, was täglich mehr
bemerkbar wird. Wie denken Sie sich überhaupt die Tätigkeit des Ausschusses?
Die Beratungen können doch wohl nicht immer durch persönliches Zusammenkommen
Ich danke Ihnen
von ganzem von ganzem Herzen für Ihre getreue Mitarbeit
Ihre
H. Andersen.
Schönborn,
den 29.8.48
Liebes Fräulein
Goebel!
Ich muß noch
einen Irrtum bekennen in der Geschäftsausschußsache! Ich habe diesen zu sehr
mit dem Direktorium der Schule identifiziert in meinen dummen Gedanken, und
darum lag mir so sehr daran, Bruckner dabei zu haben. Mir schwebten zu aller
erst bei den ,,Geschäften“ auch die Bestimmung, Auswahl und „Diplomierung“,
d.h. Berechtigungserteilung zum Lehramt, vor. Für alle diese und ähnliche
Obliegenheiten hielt und halte ich natürlich Bruckner als feststehende Klavier-
und überhaupt Musikautorität für notwendig, aber dafür ist sie ja schon als
Mitglied des Direktoriums von selbst berechtigt und verpflichtet, deshalb
braucht sie ja nicht noch im Geschäftsauschuß zu amtieren. Also könnte statt ihrer
immerhin Ottmer gewählt werden, ohne daß Waltraut zurückzustehen brauchte.
Ich habe leider
eine lange Leitung im Erfassen und Bearbeiten solcher mehr geschäftlichen
Dinge, die doch leider sehr notwendig sind. ‑ So wie die Dinge jetzt nun einmal
liegen. Früher war das stets: Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein
Schlag. Verzeihen Sie, bitte, die Konfusion und - haben Sie (und Ihre ganze
Familie) trotzdem lieb Ihre, sich sehr schämende, aber herzlich grüßende
H.
Andersen.
Schönborn,
den 5.1.49
Liebes Fräulein
Goebel und liebe Waltraut!
Sehr herzlich
danke ich Ihnen, mein liebes Fräulein Goebel, für Ihren ausführlichen Brief,
dessen aufklärende Einzelheiten mich sehr beruhigten. In einem Punkt aber haben
Sie mich mißverstanden, nämlich, wenn Sie glauben, ich dächte, Sie hätten sich
(Beide) zur Mitarbeit im Lehrkörper vorgedrängt. Ich habe im Gegenteil der
Gräfin gegenüber meine Meinung vertreten, daß sie Sie Beide durch ihre
persönliche Vorliebe für Sie, fast gegen Ihren Willen zur Erteilung von Stunden
heranziehen wolle. Sie sollte doch bedenken, daß Sie schon durch Ihre eigenen
Berufsarbeiten und -reisen vollauf mit Ihrer Kraft und Zeit in Anspruch
genommen wären, sie sollte Ihnen nicht noch mehr dergleichen zumuten. Ich bin nämlich
überhaupt der Meinung, daß sie ‑ bisher in ihrem Leben auf ganz anderen
Gebieten kompetent ‑ für die musikalische Lehrarbeit nicht ganz die richtige
,,Taxe“ hat. Ich bleibe auch dabei, daß ‑ bei einer Stunde wöchentlich im
Hauptfach, z.B. Gesang, durch fortdauernden Wechsel der Lehrerin, d.h.
Einschiebung von Bleuel und Goebel ‑ die Einheitlichkeit der Ausbildung,
überhaupt des Studiums, unbedingt gestört wird. Das kann doch die Schüler nur
verwirren, nicht fördern. Ein Stein fiel mir vom Herzen bei Ihren Worten, daß
die Schule ein ganz anderes Aussehen haben wird, wenn erst unsere alten treuen
Lehrerinnen, gleichviel welchen Namens, ihre Wirksamkeit beginnen werden! Daß
unter ,,Handfertigkeiten“ Gardinennähen und Strohmattenflechten zu verstehen ist,
war mir gänzlich neu. Ich hatte mir darunter die entzückenden kleinen Sachen,
die mir von Waltrauts Schülerinnen bekannt sind, gedacht, die allerdings für
eine ,,Atemschule“, die um ihr Leben kämpfen muß, nicht zweckmäßig wären.
Laienspiele vollends! Da gibt es doch so viel auswendig zu lernen, was sehr
zeitraubend und doch eigentlich keine Atemübung ist. Na, überhaupt. Nun stellen
Sie sich, bitte, vor, wie einem Menschen zumute ist, der 50 Jahre lang
gearbeitet hat, um eine wichtige Sache auf die Beine zu bringen, plötzlich
sieht, wie sie auf den Kopf gestellt wird!! Das zu ertragen und richtig
einzuschätzen, muß man erst lernen.
Die
Zeitbedrängnis, in der die Besuche der Gräfin auch hier waren, war ebenso
hinderlich für gründliche Besprechung aller wichtigen sondern lauter Verständnis und eitel
Klarheit.
In Liebe und
absolutem Vertrauen Ihre
H.
Andersen
Schönborn,
den 22.1.49
Liebes Fräulein
Goebel!
Schönen Dank
für Ihren lieben Brief zu Weihnachten mit den hoffnungsvollen Wünschen und
Aussichten schon für das nächste Weihnachtsfest. Ich kann mich indessen
noch nicht so sehr auf die Ereignisse, die dies Jahr uns bringen soll, freuen.
Die Schule, die die liebe Gräfin da zusammenorganisiert hat, ist nicht die
Schule Schlaffhorst-Andersen, sondern ein Abklatsch einer sogenannten
,,Musikakademie“, so heißt das ja wohl jetzt, was man früher schlechtweg
,,Konservatorium“ nannte, nur, daß hierin noch mehr Instrumentallehrer
fungierten. Oder glauben Sie, liebes Fräulein Goebel, vielleicht, daß für unsere
Schule eine Geigenlehrerin nötig ist, oder ein Extraschulfach
,,Stimmgesundheit“? Wo doch jeder Ton, der gesungen, gesprochen,
gespielt wird, nichts anderes als Gesundheit, d.h. naturgemäße Funktion,
bezweckt und erzeugt. ,,Handfertigkeit“ als Schulfach für eine Atem-, Sprech-
und Gesangschule“ als Schulfach anzupreisen, ist doch lächerlich geradezu! Das
gehört notwendig in eine Kindergärtnerinnenausbildung, aber nicht in eine
spezifische Gesangschule, wo die einzige Fingerfertigkeit die auf einem Klavier
erzeugte ist. Dahingegen soll eine Gesang-schülerin nur einmal in der Woche
eine Gesangstunde haben. Lachhaft! Man sieht von weitem, daß der Mensch, der
diese ,,Organisation“ gemacht hat, nichts von der Sache versteht. Sie werden
sagen: Warum hat Frl. Andersen ihre Bedenken nicht früher gemeldet? Nun, wenn
man den Prospekt erst erhält, wenn er schon beim Drucker ist, und dazu die
Bemerkung: es dürfte sich nur um kleine Änderungen handeln, da er, wie
gesagt, schon beim Drucker war. Jetzt engagiert die gute Gräfin als
,,Helferin!“ eine Frau Kahl, eine prächtige Persönlichkeit und gar vielleicht
schon Großmutter, und tüchtige Wirtschafterin, aber, singen? um Gesanglehrerin
der Schule Schlaffhorst-Andersen zu werden, d.h. um als wirksames Reklamemittel
ein Lehrdiplom der Schule Schlaffhorst-Andersen zu erringen? Ich habe ihr zwar
sehr ernstlich, doch liebevoll abgeraten, aber ich fürchte doch, daß sie mit
ihrem Kopf durch die dickste Wand geht.
Mit sehr
herzlichen Grüßen für Sie, liebes Frl. Goebel, und für die ganze Familie
Krenzler bin ich Ihre
H.
Andersen
[ohne
Datum, 1949?]
2)
Fragen, wie bei
Ihnen, daher war ich so überrascht über all das, was im Prospekt stand. Was
übrigens z.B. ,,Sprechgesundheit“ als Lehrfach betreffe, so glaube ich gern,
daß es bei allen, oder doch vielen üblichen Fachschulen nötig ist, bei uns
kommt es mir lächerlich vor, weil jeder Ton, jedes Wort, ja, jeder Atemzug, der
gelehrt wird, Sprech- (resp. Stimm-) gesundheit ist. Allerdings können
das die betreffenden Bonzen nicht wissen, und also muß es im Prospekt stehen,
und ich muß mich entschuldigen, daß ich dies nicht weiß. Na,
über's Jahr werden wir ja Alle in mancher Hinsicht klüger geworden sein als wir
heute sind.
Eine Schülerin
schreibt mir gestern: Hoffentlich wird die bevorstehende neue Grenzziehung
im Kohlengebiet nicht störend für die Schule sein! Auch das noch! Na, wir altes
Register müssen wirklich suchen, bald von der Bildfläche zu verschwinden!
Übrigens kommen unsere zwei Bücher ,,Atmung und Stimme“ und der Kofler bald in
neuer Auflage heraus. Das ist doch erfreulich.
Hiermit und mit
einer herzlichen Umarmung in Gedanken und mit vielen Grüßen für Sie Beide und
Frau Krenzler will ich nun schließen und hoffe, daß kein Wölkchen des
Mißverstehens zwischen uns stehen bleibt, sondern
Schönborn,
den 22.12.49
Mein liebes
Fräulein Goebel!
Es ist gar
nicht zu beschreiben, wie sehr mich Ihr Brief vom 7.12. erfreut und erwärmt
hat. Daß ich Ihn nicht sofort beantwortete, lag daran, daß mir eine
gelinde Bronchitis dazwischen kam, die mich hinderte, aber nun ziemlich
überwunden ist. Und dann diese schreckliche Dunkelheit in diesem Poggenklima
und in meinen Augen! Na, Sie und die liebe Waltraut haben ja auch reichlich auf
Ihren Tagesplänen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie W. so viel leisten kann und
freue mich innigst darüber. Auch über ihre Vielseitigkeit und darüber,
daß sie zu den fünf Vertretern des Lehrkörpers unserer Schule gehört. Na, das
war ja eine Wirtschaft, bis sich das alles geglättet hat, - es ist ja wohl ein
ganzes Jahr darüber hingegangen, seit Sie den ersten Anstoß und Plan dazu
gaben! Das ging Alles über meinen Verstand. Und nun überhaupt die Schule!!!!!
Sie werden mir glauben, daß ich schlaflose Nächte genug hatte und nur
immer den einen Wunsch: Läge ich bei meiner lieben Freundin auf dem
Friedhof in Seefeld! O, liebes Fräulein Goebel! Und immer Miene zum bösen Spiel
machen müssen! Schon der Prospekt machte mir durchaus den Eindruck einer
ordinären Jahrmarktsreklame. Könnten wir uns nur mal sprechen ‑ schreiben kann
ich alles das gar nicht, was ich fühle und denke. Ich erfahre auch alles immer
zu spät, wenn es nicht mehr zu ändern ist.
1
Ich muß Ihnen
aber noch etwas erzählen, was Sie interessieren, aber leider nicht erfreuen
wird. Breitkopf und Härtel wollten eine neue (die 30ste) Auflage unseres Kofler
herausbringen. Sie haben aber einen ,,literarischen Beirat“ gekriegt, der das
nicht erlaubt, wegen Papierknappheit. Haben Sie Worte? Der deutsche Geist unter
ostischer Bevormundung ‑ schöne Zustände! Das ganze Trüpersche Institut in Jena
ist auch bereits verstaatlicht! Die Aussichten für das neue Halbjahrhundert
sind schön.
Na ‑ alles
dieses soll uns nicht abhalten, das Banner der Wissenschaft hoch zu halten und
vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Vor allem, nun Ihnen, mein liebes
Fräulein Goebel, und ihrer ganzen Umgebung, vor allem Frau Krenzler und
Waltraut, gesegnete Weihnachtstage und zum Neuen Jahre Gottes Segen auf allen
Wegen, Gesundheit, Freude und Erfolg bei Ihrer Arbeit zu wünschen.
Von ganzem
Herzen grüßt Sie und dankt Ihnen für Ihren lieben Brief Ihre alte
H.
Andersen.
Frohe Weihnacht
und Glück fürs Neue Jahr wünscht Ihnen, liebstes Frl. Goebel, Frau Krenzler und
Waltraud Ihre
Marie
Roloff.
[ohne
Datum, 1948?]
2)
Liebes Fräulein
Goebel,
wir werden doch
bei den Verhandlungen über die Lehrervereinigung sehr Acht geben müssen, daß
die Auswahl für die zukünftige Gesanglehrerin nur von
Gesangsachverständigen bestimmt wird, (die ,,Helferin“ ebenfalls, denn sie ist
doch sozusagen die Vorstufe, d.h. Vorbereitungsprobe für die Gesanglehrerin),
und zwar speziell für die Gesang- bzw. Sprachlehrerin der Schule
Schlaffhorst-Andersen. Es laufen schon jetzt mehr solcher Fälle, die bei mir
waren oder mich schriftlich gebeten haben um ein Lehrdiplom, das ich nicht
gegeben habe, z.B. Frl. v. Rechenberg, ein sehr sympatischer Mensch, aber mit
nur wenig Ausbildung in H , und
bei Frau Bleuel in Schlesien. Ferner Frau Cordes, die eine schöne Stimme hatte
und der meine Freundin in ihrem unbegrenzten Mitgefühl gesagt hat, sie
müssen singen. Aber von einem Lehrdiplom war nie die Rede. Sie hat
eine Weile bei Siem gearbeitet, aber nur atmen und sprachlich, jetzt hat sie
eine dicke Freundschaft mit und singt ~ Frau Emge. So ein
Präzedenzfall wie mit Frau Kahl ist sehr gefährlich. Davon ahnt die gute Gräfin
nichts. Im Gegenteil, sie ist drauf und dran, denselben Weg zu gehen mit ihren
50 Jahren.
Schönborn,
den 16.1.50 Geburtstag von Bleuel und Armin
Meine liebe
,,treulose Tomate“!
Dies könnten
Sie ebenso von mir denken und sagen: indem ich Ihren lieben, sterngeschmückten
Brief noch immer nicht beantwortet habe! Aber, der Zeit Dringlichkeit hat es
nicht gelitten! Augen, die von Tag zu Tag mehr verdunkelt werden, Wetter, das
die Sicht noch mehr verdunkelt und so viel Briefe, daß ich kaum noch Gelaß
dafür habe ‑ und die süßen Päckchen! Liebe Waltraut Seyd! Na, überhaupt!
Nun aber
zuerst: Erne! Sie ist jetzt in ein anderes Krankenhaus übergesiedelt worden ‑
ein Zeichen von Besserung ihres Zustandes, obgleich sie sich seitdem nicht so
wohl fühlt wie bisher ‑ aber das sind wohl nur kleine Schwankungen. Es ist
,,Timmendorfer Strand“ ‑ schöne reine Seeluft! ,,Haus Demarn“.
Daß Frau von
Arnim nun glücklich bei ihrem Sohn in Rodenkirchen bei Köln, Hauptstr. 1. Ihr
geht es auch besser und besser, Gottlob!
Nun aber Ihr
Brief, der mich in jeder Hinsicht ganz besonders erfreut hat: Erstens, weil er
überhaupt da war, und dann 2. u.s.w. die guten erfreulichen Nachrichten!
Zunächst freut es mich, daß Sie in Verbindung mit Frl. Bostedt gekommen sind.
Das ist doch eine große Nummer ‑ sie hat nun 1. Zeit, die Angelegenheit, wie
sie in Weimar ,,verhört“ wurde, erzählt, na überhaupt, großartig! Alle Achtung!
Und wo und wie sie jetzt arbeitet, ersieht man ja daraus, daß sie Verbindung
mit Euch sucht. Es lohnt sich sicher, daß Sie den Kontakt mit ihr aufrecht zu
halten suchen! Jetzt ist die Tagung wohl längst vorbei und hoffentlich zu
beiderseitiger Zufriedenheit verlaufen. Auch die Verbindung mit den
Krankengymnastikleuten ist wertvoll und wichtig ‑ vor allem, daß sie einsehen
werden und müssen, daß sie nicht beim Anfang der Verbindung mit uns
stehenbleiben dürfen. Daß Sie sie nach Lieme geschickt haben, ist richtig. Nach
den Erfahrungen mit den Ferienkursen sieht man wieder, daß die dortigen
Lehrerinnen ganz prachtvoll arbeiten. Aber überhaupt Lieme!!! Das ist ein
Kapitel für sich und läßt sich brieflich gar nicht erschöpfen. Also rührt man
es am besten gar nicht an und auf. Eine Lichtseite dort scheinen die
Ferienkurse zu sein ‑ eben wegen der über alles hoch erhabenen Arbeit unserer
lieben ,,alten“ Lehrerinnen. Aber die Wirtschaftsangelegenheit ‑ O, rühret,
rühret nicht daran! Was unsere liebe Waltraut anbetrifft, so scheint sie sich
ja würdig der Tradition der ,,alten“ Lehrkräfte anzuschließen. Ich fürchte
fast, daß es ihr auf die Dauer doch etwa zu viel werden wird. Aber Gott segne
sie und ihr Tun ‑ ich habe einstweilen meine innige Freude daran. Vorige Woche
war Siem einen Tag bei uns ‑ auch hocherfreulich! Schön ist es auch
immer, wenn Noack mal erscheint. Was Sie noch von der kleinen Prinzeß Bentheim
schreiben, ist auch sehr erfreulich. Die Schwestern ihrer Mutter waren viel bei
uns in Rotenburg und Hustedt ‑ eigentlich ganz wonnige Menschenkinder ‑, sehr
verschieden veranlagt, aber egal lieb!
Nun noch etwas
über unsere Bücher. ,,Atmung und Stimme“ ist in neuer Bearbeitung von Menzel im
Verlag Möseler (Nachfolger von Kalkmeyer) in Vorbereitung. Mit Kofler sieht es
bös aus. Die 30ste Auflage kann wegen Papierknappheit in der Russ. Zone nicht
gedruckt werden, was sehr traurig ist und eine längere Geschichte hat.
Aber für heute
muß ich schließen und tue das mit vielen herzlichen Grüßen für Sie, Mutter
Krenzler und Waltraut als
Ihre
alte H. Andersen.
Auch von Roloff
und A.M. Fischer ganz liebe Grüße!
[ohne Datum,
1951! V.R.]
2)
Möglichkeit
eines Wechsels des Verlags erwogen wird, damit der Kofler aus der R. Zone
heraus in eine westliche Zone erwogen wird, und dieser Brief scheint gut
gewirkt zu haben. Ich warte nun nur noch ab, ob ich mit Hilfe Siems das
Gutachten von ihrem Professor Luther schriftlich erhalten kann, und dann
hoffe ich, daß wir ‑ Schenck und ich ‑ Sieger bleiben werden in diesem Kampf.
Aber ‑ was kostet das alles für Augenkraft und schlaflose Nächte!
Von Erne N.
kann ich noch melden, daß sie ihren Aufenthalt hat wechseln müssen, weil im
Eutiner Krankenhaus der Platz zu knapp wurde. Sie ist jetzt im Krankenhaus
,,Timmendorfer Strand“, dicht an der Ostsee. Es geht langsam besser. Ihre
Zukunft macht uns Allen hier große Sorgen. Frau von Arnim überhört ihren Enkel
Rugs im Latein, und er unterstützt sie bei ihren Gehübungen, aber sie hat
leider doch noch ab und zu diese Krampfanfälle, bei denen sie stundenlang ohne
Besinnung ‑ wie im Schlaf ‑ ist.
Nun genug für
heute und vielleicht für lange. Ungezählte Herzensgrüße sendet Ihnen Allen Ihre
alte
H.
Andersen.
Auch Roloff und
A.M. Fischer grüßen herzlich.
Schönborn,
den 16.1.51
Mein liebes
Fräulein Goebel!
Zwei sehr
liebe Briefe liegen vor mir und haben mich oft und oft vorwurfsvoll angesehen -
aber der Mensch denkt und ‑ wer weiß was lenkt! Damit Sie gleich wissen was
und wer bei mir all die Zeit her gelenkt hat, falle ich gleich mit der Tür ins
Haus und sage: unser Kofler-Buch hat einen neuen Verleger bekommen, und Herr
Winfried v. Schenck lenkt nun die Vorverhandlungen, und ich mußte seit
Monaten sehen, wie ich mit der dabei nötigen Korrespondenz fertig werden
sollte. Neben all der anderen Korrespondenz mit ca. 30 verschiedenen
Lehrerinnen und Lieme diese Schreiberei mit nur einem Auge und
bei dem trüben Licht der kurzen Tage war wirklich schwierig, und nun kam auch
noch das liebe Weihnachtsfest mit sooo viel Liebesgaben und -briefen dazu, so
daß ich manchmal wirklich nicht wußte, wie das alles bewerkstelligen! So
manche, mehr oder weniger schlaflose Nacht ging darüber hin, und ich wußte oft
nicht, wo anfangen mit schreiben. Die verwünschten Entfernungen ‑ eine Stunde
lieben Besuches könnte Einem drei Stunden Schreibarbeit ersparen. Also mit
Ihnen angefangen: Tod und Leben berührten sich in der lieben Familie Waltrauts,
die ja auch fast Ihre Familie geworden ist. Sagen Sie, bitte, Ihrer
lieben Pflegemutter meine herzliche Teilnahme an Freude und Leid, das sie
erlebt hat.
Hier mußte ich ‑
par ordre de Mufte namens M. Roloff ‑ spazieren gehen ‑ es war helles Wetter
und 1 ½ Grad über dem Nullpunkt des Thermometers. Das ist hier eine Seltenheit,
die unbedingt ausgenützt werden muß.
Doch nun zur
Sache, d.h. zu Ihrem Brief vom 15.10.50. Ihre Ansicht über Anka Schulze teile
ich ganz und gar, ebenso Ihre und Waltrauts Beurteilung des ,,Falles“ Marbach.
Dieser ist auf die mangelhafte Beurteilungsfähigkeit der Gräfin zurückzuführen.
Wie wird das erst werden, wenn sie selbst dem Lehrkörper angehört ‑ worauf sie
hinstrebt. Ich habe ihr meine Meinung über diesen Wunsch schon einmal schriftlich
auseinandergesetzt, aber das hat nichts geholfen. Ich verdenke es ihr nicht,
daß sie bei den Lehrerinnen in Lieme Stunden nimmt, um sich ihre Gesundheit zu
erhalten ‑ das hätte sie redlich verdient um deswillen, was sie schon alles für
unsere Sache getan und gelitten hat. Aber ein Lehrdiplom anzustreben, was sie
mir in ihrem Neujahrsbrief mit klaren Worten verkündet hat! Dazu hat sie die im
ersten Prospekt festgesetzte Grenze von 30 Jahren doch schon zu lange
überschritten ‑ solch ein Beispiel sollte sie nicht geben, besonders als
Vorstand der ganzen Sache. Was Sie, liebes Fräulein Goebel, nun schon alles im
Interesse unserer Arbeit geplant und unternommen haben, das hat meinen vollen
Beifall, und man kann nur wünschen, daß es gute Früchte trägt. Im Allgemeinen
scheint es mir hier in meiner Einsamkeit, daß die Kunde über unsere Arbeit doch
schon in weitere Kreise gedrungen ist und mehr und mehr Aufmerksamkeit erregt. Sehr
wirksam arbeitet ja El. Noack in Kiel, und unser ,,Atmung und Stimme“-Büchlein
findet großen Absatz. Herr Professor Vogler hat es übernommen, dem Kofler-Buch
die neuesten physiologischen Entdeckungen der Lungenforschung einzuverleiben.
Das ist sehr erfreulich ‑ er ist ‑ wie auch Frau Dr. Vogler ‑ ein alter Schüler
unserer Schule seit dem Ende des ersten Weltkrieges.
Das
Lehrertreffen in Lieme ist ja nun auch vorbei und war verhältnismäßig gut
besucht. Sie Beide waren ja auch dabei und wissen mehr davon als ich. Ein
Wiedersehen mit Ihnen Beiden wünsche ich mir auch für dieses Jahr sehnlichst!
Frau Dr. Noack war in den Ferien ein Stündchen bei mir; das war köstlich.
Morgen kommt ein Besuch aus Weimar zu mir, darauf freue ich mich schon sehr ‑
Gutzeit.
Nun Lebewohl
für heute, seien Sie Beide, meine Lieben, und Ihre liebe Mutter von ganzem
Herzen gegrüßt von Ihrer alten
H.
Andersen
Von Roloff soll
ich auch viele Grüße bestellen.
Schönborn,
den 10.1.52
Meine Lieben!
Elisabeth und
Waltraut, sowie Mutter Krenzler, an deren köstlicher Orangenmarmelade wir uns
jetzt täglich erlaben!
Nehmt herzlichen
Dank allesamt ‑ an dem köstlichen Ostpreußenbuch, das mir noch eine ganz
besondere Seelenfreude ist, erlabe ich mich noch ganz extra täglich! Ich merke immer mehr, wie sehr ich Ostpreußin
bin und wie mein Herz an Memel hängt - noch immer hängt, trotzdem ich schon ein
Menschenalter lang davon entfernt bin. Ja, die Jugendeindrücke sind
unverwüstlich, und wenn ich jetzt mit 85 Jahren lese, wie die ,,Siegerhorden“
da wirtschaften, dann platzt mir die Galle! Um nur ein Beispiel zu nennen: Die
Bibliothek der Königsberger Universität ist radikal nach Rußland verschickt zum
Einstampfen, um der Papiernot zu steuern! Ich sage nur: Kant! An diesem
Beispiel haben Sie einen Maßstab für alles andere. Die Elche sind alle
abgeschossen ‑ vom Erdboden Ostpreußens verschwunden ‑ u.s.w. Mit den noch dort
gebliebenen Menschen machen sie es auch nicht anders ‑ na überhaupt!
Menschen aus
dem Westen Deutschlands wollen diese Sachen nicht glauben ‑ aber wir, die so
nahe der Grenzen gelebt haben, wir wissen, daß es wahr ist. Wenn ich nun in
Ihrem Büchlein blättere, dann jauchzt mein Herz! Welche Kultur ‑ in den Bauten,
Kirchen, Schlössern, Thoren, selbst in den ärmlichsten Fischerhäusern, die ja
nicht in dem Buche stehen, die ich aber aus Erfahrung, aus eigener Anschauung
kenne!
den
11.1. weiter.
Hier wurde ich
gestern unterbrochen und kann erst heute weiterschreiben. Roloff, die früh zu
E. Nissen gefahren war, kehrte zurück und brachte noch einen lieben Gast mit,
den sie bei Erne N. vorgefunden hatte: Frieda Herholz, die auf einer
Zahnarztreise in Kiel gewesen war und nicht an Eutin vorbeifahren konnte, ohne
E. Nissen und mich gesehen und gesprochen zu haben. Herholz ist von Berlin her,
wo sie Beide sich sehr zueinander gehalten haben, mit Nissen befreundet und
konnte nicht, wie schon gesagt, die Gelegenheit zum Wiedersehen verpassen. Bei
Erne traf sie nun mit Roloff zusammen, und so fielen sie Beide über mich her,
die ich ganz vertieft in diesen Brief war. Nun wurde es ein prächtiger,
munterer Tag, und abends um 6 Uhr fuhr Herholz weiter nach Hause, aber vom
Schreiben war natürlich keine Rede mehr. Bei Lampenlicht kann ich überhaupt
nicht schreiben, weil auf meinem Tisch kein Platz für eine Lampe ist. Es kommt
für mich zum Schreiben jetzt überhaupt nur die Zeit von 10 - 12 Uhr in Frage ‑
am Nachmittag ist es in diesem Monat nur bis 3 Uhr möglich, und da ruhe ich
meistens oder geh ‑ aber selten ‑ ein Weilchen an die Luft. Um halb 4 Uhr ist
es schon wieder zu dunkel für meine Augen. Dabei komme ich natürlich nur
langsam mit der Beantwortung meiner Weihnachts- und Neujahrskorrespondenz
vorwärts, und bald werde ich das Schreiben ganz verlernt haben. Unser Freund
Menzel hat mir mitgeteilt, daß die zweite Auflage von ,,Atmung und Stimme“ nun
wieder im Druck ist, was mir natürlich eine große Freude ist. Aber leider kann
sie nicht mit deutschen Lettern gedruckt werden, sondern muß in lateinischen
Lettern erscheinen, wodurch meine Freude am Wiederaufleben dieses Werkchens
sehr geschmälert wird. Das ist sicher auch eine Folge der Papiernot. Im übrigen
finde ich das Büchlein in der Bearbeitung durch Menzel viel besser als in der
früheren Form bei Kallmeyer, und am meisten gefällt mir das ,,Motto“ von
Fröbel, welches Menzel gewählt hat, das eigentlich schon auf den Inhalt
hinweist, der ja die ,,neue Lebensweise“ bringt. Hoffentlich kommt nun der neue
Kofler, der auch schon im Druck ist, auch bald heraus. Daß er überhaupt
kommt und bei dem Verlag und mit dem ,,Nachwort“, das habe ich Winfried
v. Schenck zu verdanken, der mir bei dem ,,Drama“ entscheidend geholfen
hat.
Nun aber
herzlichen Dank nochmals und viele gute Segenswünsche für das Neue Lebens- und
Arbeitsjahr sendet Ihnen Allen Ihre alte
Hedwig
Andersen
Annemarie grüßt
herzlich. Mutter Fischer, die September Oktober drei Operationen über sich
ergehen ließ, ist wieder kregel, ein Weihnachtsgeschenk für die Familie.
Schönborn,
11.1.52
Sehr liebes
rheinisches Dreigestirn!
So verwöhnt
haben Sie uns ‑ auch mich ‑ zu Weihnachten. Man spürt die hinter den Gaben
stehende Liebe ‑ Dank, Dank dafür.
Die Marmelade
ist eben Handarbeit, nichts geht darüber. Sie hat köstlich geschmeckt.
Besonderen Dank Ihnen, liebe Frau Krenzler.
Hoffentlich
haben Sie Dreie einen guten Jahresanfang gehabt und schwimmen nach der
weihnachtlichen Ruhe im glatten Fahrwasser.
Waltrauts
Krippenspiele hätte ich wohl gerne gesehen. Ich kann mir denken, wie sie alles
feierlich und formschön gestaltet hat.
War es nett in
Lieme?
Gestern hatte
ich in Eutin zu tun, besuchte Erne; wen treffe ich dort: Frieda Herholz. Wir
fuhren gen Schönborn und verlebten einen gemütlichen Tag, noch weihnachtlich
angehaucht durch zwei wundervolle Transparente: eines von Krüger, Ersatz für
das erste in Seefeld gebliebene; sie hat mit ihrer Künstlerhand wieder ganz,
ganz feine Bilder mittels Schere hervorgezaubert. Das zweite schickte Frl. v.
Wolf, es ist auch künstlerisch ganz wertvoll, von einer anderen Seite her, tief
und innerlich.
Herholz
erzählte, daß Frau Noack sehr wohl ausgesehen habe. Sie wird nun ihren
Erholungsurlaub antreten. Die Arme hat doch allerhand durchgemacht.
Nun hören Sie
noch etwas: Ich bin umgezogen nach unten in ein neu tapeziertes Zimmer (keine
Kemenate!). Es wäre ideal, wenn nicht die mollige Wärme fehlte ‑ es wird nur
durch ein durchgehendes Rohr temperiert. Ich kaufe mir ein elektrisches Öfchen,
damit ich es mir mal gemütlich machen kann. Hoffentlich bringt uns der Sommer
ein Wiedersehen.
Mit guten
Wünschen und herzlichen Grüßen für Sie Drei dankt Ihre
Marie
Roloff
[Postkarte]
Fräulein
Elisabeth Goebel, Elberfeld, Neuer Hessen 4
Absender:
Andersen, (24b) Eutin-Schönborn
Schönborn,
den 30.6.53
Mein liebes
Frl. Goebel!
Sie haben mich
durch Ihren Brief zu meinem Geburtstag so sehr erfreut, daß ich meine
Beantwortung immer wieder verschob, hoffend, daß ich bald Gelegenheit d.h. Muße
und Stimmung finden würde, ihn ‑ den Brief ‑ sehr eingehend zu beantworten.
Leider ist der ganze Monat verflossen, ohne diese Hoffnung zu erleben. Nun muß
ich mich doch kurz fassen mit der Schilderung des Eindrucks, den er mir machte,
und der so tiefgreifend war, wie nur sehr wenige von all den lieben Briefen,
die so zahlreich kamen, daß ich sie bis heute noch nicht alle genießen konnte.
Sie haben das ,,froh erhebende Gefühl, etwas Bleibendes geschaffen zu haben“ so
schön ausgedrückt, wie kein Anderer von den Berichterstattern der Tagung in
Lieme, obgleich Alle ohne Ausnahme sehr bejahend und zustimmend mir geschrieben
haben. Das war meine schönste Geburtstagsfreude, die auch immer noch anhält und
nie getrübt werden kann. Herzlich danke ich Ihnen das und sende Ihnen und den
lieben Ihrigen viele gute Wünsche und Grüße als Ihre alte
H.
Andersen.
[zu
welchem Brief? V.R.]
P.S. Soeben
sehe ich den scheußlichen Klecks auf der zweiten Seite meines Briefes und ahne
nicht, wie der entstanden ist. Bitte tausendmal um Entschuldigung. (H. Andersens Schrift)
Ende An Goebel/Seyd (1935-1953)
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