Historisches

Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 


 

An v. Harling und Schulze über Kunst (1950)

Hedwig Andersen an Irmgard von Harling (Lieme) [Auszug], 14. November 1950

So wahr Fräulein Schlaffhorsts Leben, Sein und Lehren: Kunst, nichts anderes als Kunst war im höchsten Grade und in jeder Beziehung Kunst, so wahr ist auch Eure Arbeit ‑ das Erbe von Fräulein Schlaffhorst ‑ Kunst. Es ist nicht nur „Kunst“, auf dem Podium zu stehen und beklatscht zu werden. Diese Arbeit in der Stille der Schule mit der Hingabe von Körper, Geist und Seele ist auch Kunst und führt auch Berufene zur Kunst im äußeren Sinne. Machen Sie sich nur darüber keine unnötigen Gedanken, meine Geliebten! Halten Sie nur das Erbe von Fräulein Schlaffhorst immer weiter so hoch, dann dürfen Sie sich keine Gewissensbisse über die Benennung machen. Dürer: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, und wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“ Haben wir es verstanden, die Kunst aus der Natur herauszureißen und verstehen Sie alle es aber nicht? Alles was in unserer Schule geschieht, ist doch nur das Studium, wie man aus der Atmung, der Sprache und dem Gesang, die alle drei „Natur“ sind, die Kunst herausholen kann.

Hedwig Andersen an Irmgard von Harling? [Auszug], [November 1950?]

Unser Unternehmen ist eben auch nur eine Schule für die Kunst des Atmens, Sprechens und Singens, welche Künste alle nicht ohne einander gelehrt werden können, und doch kann jeder Mensch auch ohne Schule atmen, sprechen und auch auf seine Art singen ‑ glaubt man ‑ und doch müssen so viele Menschen es erst lernen ‑ in einer Schule oder im „Konservatorium“ lernen.

Hedwig Andersen an Anka Schulze, 22.11.1950

Sie schreiben selbst: Welche Welt tut sich doch auf, wenn man Ihre Schüler singen, sprechen, spielen hört! Und dieses Werk und das Wirken daran ist größer, als alle menschlichen Schwächen und Schwierigkeiten u.s.w. Und das soll keine Kunst im höchsten Sinne sein? Sie wissen doch wohl, daß die musikalische Kunst Urgrund, Ausgangs- und Zielpunkt der ganzen Schule war und immer sein wird und muß. so lange noch einer von den alten Schülern lebt, der noch bei Cl. Schlaffhorst seine Ausbildung erlebt hat. Diese Arbeit ist auch eine Kunst und wird so lange Kunst bleiben, so lange noch einer der alten Schüler lebt, und in dem alten Sinne weiterarbeitet. Künstler im höchsten Sinne können nicht gemacht  werden und auf der Bühne u[nd] im Konzertsaal stehen so manche Leute, die nicht im höchsten Sinne Künstler sind, und kaum eine Ahnung von der Heiligkeit der Kunst haben, die unsere Schule ins Leben gerufen hat und die auch heute noch den Hörern „eine Welt erschließt“, wie Sie selbst sagen.

 


Ende An v. Harling und Schulze über Kunst (1950)
 

 


Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 

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