Hedwig Andersen an Irmgard von Harling (Lieme) [Auszug], 14. November 1950
So wahr Fräulein
Schlaffhorsts Leben, Sein und Lehren: Kunst, nichts anderes als Kunst war im
höchsten Grade und in jeder Beziehung Kunst, so wahr ist auch Eure Arbeit ‑ das
Erbe von Fräulein Schlaffhorst ‑ Kunst. Es ist nicht nur „Kunst“, auf dem
Podium zu stehen und beklatscht zu werden. Diese Arbeit in der Stille der
Schule mit der Hingabe von Körper, Geist und Seele ist auch Kunst und
führt auch Berufene zur Kunst im äußeren Sinne. Machen Sie sich nur darüber
keine unnötigen Gedanken, meine Geliebten! Halten Sie nur das Erbe von Fräulein
Schlaffhorst immer weiter so hoch, dann dürfen Sie sich keine Gewissensbisse
über die Benennung machen. Dürer: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der
Natur, und wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“ Haben wir es verstanden,
die Kunst aus der Natur herauszureißen und verstehen Sie alle es aber nicht?
Alles was in unserer Schule geschieht, ist doch nur das Studium, wie man aus
der Atmung, der Sprache und dem Gesang, die alle drei „Natur“ sind, die Kunst
herausholen kann.
Hedwig Andersen an Irmgard von Harling? [Auszug], [November 1950?]
Unser Unternehmen ist eben auch
nur eine Schule für die Kunst des Atmens, Sprechens und Singens, welche
Künste alle nicht ohne einander gelehrt werden können, und doch kann
jeder Mensch auch ohne Schule atmen, sprechen und auch auf seine Art singen ‑
glaubt man ‑ und doch müssen so viele Menschen es erst lernen ‑ in einer Schule
oder im „Konservatorium“ lernen.
Hedwig Andersen an Anka Schulze, 22.11.1950
Sie schreiben selbst: Welche
Welt tut sich doch auf, wenn man Ihre Schüler singen, sprechen, spielen hört!
Und dieses Werk und das Wirken daran ist größer, als alle menschlichen
Schwächen und Schwierigkeiten u.s.w. Und das soll keine Kunst im
höchsten Sinne sein? Sie wissen doch wohl, daß die musikalische Kunst Urgrund,
Ausgangs- und Zielpunkt der ganzen Schule war und immer sein wird und muß. so
lange noch einer von den alten Schülern lebt, der noch bei Cl. Schlaffhorst
seine Ausbildung erlebt hat. Diese Arbeit ist auch eine Kunst und wird
so lange Kunst bleiben, so lange noch einer der alten Schüler lebt, und in dem
alten Sinne weiterarbeitet. Künstler im höchsten Sinne können nicht gemacht werden und auf der Bühne u[nd] im Konzertsaal stehen so manche Leute, die
nicht im höchsten Sinne Künstler sind, und kaum eine Ahnung von der Heiligkeit
der Kunst haben, die unsere Schule ins Leben gerufen hat und die auch heute
noch den Hörern „eine Welt erschließt“, wie Sie selbst sagen.