masschr. Abschrift (Fotokopie)
Testament
Schönborn, d. 12.5.47
Meine Lieben!
Unsere liebe Anka Schulze
hat mit dem beifolgenden Rundreisebrief ein Problem angeschnitten, welches mich
und natürlich Sie alle sehr nahe angeht und bewegt, ja zu ernstem Nachdenken
anregt. Letzteres habe ich denn auch in manch schlafloser Nacht gründlichst
besorgt ‑ leider mit wenig positivem Erfolg. Denn: alles schwant ins Ungewisse,
Nebel schleichen in die Höhe. In dem schwankenden Zustand, in welchem sich
heute (und überhaupt vorläufig) die ganze Welt befindet, können wir keine
allgemein gültigen Beschlüsse fassen, sondern müssen von Fall zu Fall raten und
helfen oder zu helfen suchen, je nach dem augenblicklichen Zustand des
Einzelnen und der Gesamtheit. Ich habe mir bisher dadurch zu helfen gesucht,
daß ich riet: nach genügend scheinender Grundlage im Atmen und Sprechen bei
irgend einer der 30 Lehrerinnen unserer Schule noch ein weiteres Studium im
Gesang bei einer anderen irgend erreichbaren Lehrerin sich noch eingehender mit
Musik d.h. mit musikalischer und stimmlicher Ausbildung nach Möglichkeit zu
vervollständigen, bis nach der Auffassung der betreffenden Lehrerinnen die
Reife zum Unterricht erreicht oder wenigstens erprobt werden kann. Die
Anforderungen an eigenes Studium und speziell pädagogische Entwicklung zum
Unterrichten, die in unseren bisherigen Prospekten niedergelegt sind, die sind
ja heute und in absehbarer Zeit nicht erfüllbar, da je eine der
Hauptforderungen: Lehrtätigkeit im Haupthaus in 4 Vierteljahren mit vierteljährigen
Unterbrechungen durch selbständiges Unterrichten an anderen Orten nicht möglich
ist, und wie es nach etwaiger Errichtung eines „Haupthauses“ mit alledem und
manchen andern werden soll, ist vorderhand noch nach keiner Richtung
vorauszusehen und festzustellen und wird von den dann herrschenden
Möglichkeiten und Umständen abhängen müssen. Eines aber möchte ich heute schon
aussprechen, da ich nicht wissen kann ob ich nochmals Gelegenheit haben werde
zu Ihnen allen zu sprechen: Geistige Reife, Herzensbildung, höchste Reinheit
und Höhe der Lebens-, Welt- und Kunstanschauung und die Fähigkeit, den
Unterschied zwischen Geist- und Naturseele zu erleben und zu erfassen, diese
Anforderungen setzen voraus, daß man nicht zu jugendlichen Personen, selbst wenn
sie musikalisch begabt erscheinen, die Lehrberechtigung für unsere Arbeit
anvertrauen darf. Sie wissen Alle, daß ich diese Anforderungen in
Übereinstimmung mit meiner geliebten Freundin Clara Schlaffhorst, ausspreche
und niederschreibe, und daß es mehrere Jahre des Studiums bedarf, um sie zur
Entwicklung zu bringen.
Mit
heißem Herzen grüßt Euch alle Eure noch lebende und liebende Hedwig Andersen.