Historisches

Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 


 

„Testament“ an die Lehrer (1947)

masschr. Abschrift (Fotokopie)

Testament

Schönborn, d. 12.5.47

Meine Lieben!

Unsere liebe Anka Schulze hat mit dem beifolgenden Rundreisebrief ein Problem angeschnitten, welches mich und natürlich Sie alle sehr nahe angeht und bewegt, ja zu ernstem Nachdenken anregt. Letzteres habe ich denn auch in manch schlafloser Nacht gründlichst besorgt ‑ leider mit wenig positivem Erfolg. Denn: alles schwant ins Ungewisse, Nebel schleichen in die Höhe. In dem schwankenden Zustand, in welchem sich heute (und überhaupt vorläufig) die ganze Welt befindet, können wir keine allgemein gültigen Beschlüsse fassen, sondern müssen von Fall zu Fall raten und helfen oder zu helfen suchen, je nach dem augenblicklichen Zustand des Einzelnen und der Gesamtheit. Ich habe mir bisher dadurch zu helfen gesucht, daß ich riet: nach genügend scheinender Grundlage im Atmen und Sprechen bei irgend einer der 30 Lehrerinnen unserer Schule noch ein weiteres Studium im Gesang bei einer anderen irgend erreichbaren Lehrerin sich noch eingehender mit Musik d.h. mit musikalischer und stimmlicher Ausbildung nach Möglichkeit zu vervollständigen, bis nach der Auffassung der betreffenden Lehrerinnen die Reife zum Unterricht erreicht oder wenigstens erprobt werden kann. Die Anforderungen an eigenes Studium und speziell pädagogische Entwicklung zum Unterrichten, die in unseren bisherigen Prospekten niedergelegt sind, die sind ja heute und in absehbarer Zeit nicht erfüllbar, da je eine der Hauptforderungen: Lehrtätigkeit im Haupthaus in 4 Vierteljahren mit vierteljährigen Unterbrechungen durch selbständiges Unterrichten an anderen Orten nicht möglich ist, und wie es nach etwaiger Errichtung eines „Haupthauses“ mit alledem und manchen andern werden soll, ist vorderhand noch nach keiner Richtung vorauszusehen und festzustellen und wird von den dann herrschenden Möglichkeiten und Umständen abhängen müssen. Eines aber möchte ich heute schon aussprechen, da ich nicht wissen kann ob ich nochmals Gelegenheit haben werde zu Ihnen allen zu sprechen: Geistige Reife, Herzensbildung, höchste Reinheit und Höhe der Lebens-, Welt- und Kunstanschauung und die Fähigkeit, den Unterschied zwischen Geist- und Naturseele zu erleben und zu erfassen, diese Anforderungen setzen voraus, daß man nicht zu jugendlichen Personen, selbst wenn sie musikalisch begabt erscheinen, die Lehrberechtigung für unsere Arbeit anvertrauen darf. Sie wissen Alle, daß ich diese Anforderungen in Übereinstimmung mit meiner geliebten Freundin Clara Schlaffhorst, ausspreche und niederschreibe, und daß es mehrere Jahre des Studiums bedarf, um sie zur Entwicklung zu bringen.

Mit heißem Herzen grüßt Euch alle Eure noch lebende und liebende Hedwig Andersen.



Ende „Testament“ an die Lehrer (1947)
 

 


Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 

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