Historisches

Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 


 

An Müller-Leutert (1946 – 1955)

Briefe


von


H. Andersen


an


Frau Müller-Leutert


(1946 - 1955)

  

Schönborn, den 27.3.1946

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Ihr sehr lieber Brief vom 27.1. kam glücklich in meine Hände und zu meinem Herzen (am 18.2.) und brachte mir viel Trost und Freude. Wer könnte auch so wie Sie, die Sie auch Ihr Liebstes verloren haben, mit mir den Schmerz und die Einsam­keit fühlen, die einen doch immer wieder übermannen möchten! Es gibt eben doch keinen Ersatz für das lebendige Zusammen­sein, wobei kein Wort mehr zum gegenseitigen Verstehen nötig ist, wo ein Blick in zwei liebe, treue Augen alles sagt. Aber viel Trost kommt dann doch aus so verständnis- und lie­bevollen Briefen, die immer wieder kommen und beweisen, daß Geist und Seele des Dahingeschiedenen nicht mit entschwunden sind, sondern weiter mit uns leben und unser Werk, unsere Arbeit, unsere Seele nicht vergehen, sondern in die - ach so trübe - Zukunft hinüber gerettet werden. Da erscheint dann mit jedem Gruß aus der Welt immer wieder das Bild meiner Freundin vor meiner Seele und winkt mir fröhlich zu: ich bin nicht tot, ich lebe weiter! Gestern war unser liebes Fräu­lein Grauding hier und gab mir die Gewißheit, daß unsere Lehre in treuen Händen weitergetragen wird, trotz aller Hin­dernisse und Schranken, die durch feindliche Mächte aufge­baut werden, um den deutschen Geist allmählich aus der Welt auszurotten. Unsere Lehrerinnen sind einstweilen in alle Winde zerstreut, aber sie säen überall Samenkörner, und so hoffen wir, und sie alle mit uns, daß trotz aller Hindernisse doch einmal ein Zusammenschluß entstehen wird, wie er einst ,,war". Frl. Grauding wird Ihnen vielleicht manches er­zählen, wenn sie wieder nach Marburg kommt. Drei von unseren lieben und tüchtigen Lehrerinnen hat ja leider zu unserem großen Schmerz der tückische Krieg als Opfer gefordert. Frl. Schmidt in Braunschweig, Frl. Angler in Danzig und Frau Thymian in Berlin. Und von Frau Bleul wissen wir nichts! Von keiner Seite ist ein Wort zu uns gedrungen über ihren Verbleib, und das ist, da sie im Osten war, ein böses Zei­chen. Aber wir haben doch nicht alle Hoffnung aufgegeben.

Wie Frl. Grauding mir erzählte, wohnen Sie jetzt mit allen Ihren Angehörigen bei Ihrer Schwester, Frau Ingrid Müller. Wie schön - da doch Ihr schönes Haus zerbombt sein soll -daß Sie nicht getrennt und bei ganz fremden Menschen zu woh­nen brauchen. Aber Ihr schöner Garten? Den haben Sie doch noch! Ich habe ja meine ganze Habe in Seefeld zurücklassen müssen, ebenso wie unsere liebe Gräfin und alle anderen -besonders bedauerlich wegen der            - war schmerzlich!

 

Frl. Grauding wird Ihnen, wenn sie zurückkommt, auch Näheres von meinem Leben hier erzählen. Sie freute sich so, dies al­les kennenzulernen. Nehmen Sie also für heute nur noch von Herzen Dank für Jhren lieben Brief und viele innige Grüße von Ihrer alten getreuen

 

H.    Andersen

 

 

 

P.S. : Ich bitte Sie, auch Ihrer Schwester sowie Ingrid und Almut herzliche Grüße zu bestellen. Ebenso lassen Frl. Millen und Roloff Sie grüßen.

Schönborn, den 20.1.48

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Hier sende ich Ihnen wunschgemäß die Bildchen Ihres kleinen Enkels zurück - ein reizendes Kerlchen, aber unter den ob­waltenden Umständen ist es, wie ich auch glaube - das beste, daß Sie ihn der Mutter überlassen. Man muß doch hoffen, daß sich bei ihm, trotz aller Hindernisse, der gute Kern doch hindurchdringt und ein tüchtiger Mensch aus ihm wird. Für Sie ist das Leben ja auch ohne das Kind schon schwer genug, und das Kind würde ja noch mehr Arbeit und Sorge verlangen. Also: wer weiß, wozu es gut ist! Das sieht man ja immer erst viel später ein.

 

Es freut mich so, daß Sie nun wieder ein Klavier haben, das wird Ihnen ja über manche schwere Stunde hinweghelfen. Wie gut haben Sie es nur schon dadurch, daß Sie im eigenen Häus­chen warm und mollig sitzen und keine Flüchtlinge aufnehmen müssen! Die Sache mit den Flüchtlingen ist ja für beide Teile oft schlimm! Eben kommt ein Flüchtlingspfarrer in mein Zim­mer, der mir einen großen Korb Holz für meinen Kleinofen in mein kleines Zimmer bringt. Zu frieren brauche ich Gottlob! nicht, und für mein übriges Wohl sorgen Frl. Roloff und Nis­sen rührend. Nur meine Augen machen mir viel Sorgen, ich kann immer weniger schreiben und lesen schon lange nicht mehr.

 

Liebe Frau Müller-Leutert, ich wünsche Ihnen alles Gute für das neue Jahr (wer weiß, was es uns allen bringen wird) und grüße Sie und Ihren Gatten herzlich als Ihre alte

 

H.    Andersen

 

 

P.S.:        Herzliche Grüße! Von M. Roloff.

Schönborn, den 7.1.49

 

 

Liebe Frau Müller-Leutert!

 

Ihre süßen Grüße und Ihr lieber, ausführlicher Brief kamen nicht etwa zu spät, wenn auch etwas nach dem Fest. Beides war uns, besonders natürlich mir, sehr willkommen, und ich danke Ihnen sehr herzlich für beides. Das Fest verlief natür­lich für uns sehr ruhig, aber die liebe Familie Fischer wett­eiferte in Herzlichkeit und in dem Bestreben, uns, d.h. mir, Frl. Roloff und Frl. Nissen, die wir hier eine kleine Familie in der großen Familie Fischer bilden, Freude zu machen und Liebes zu erweisen.

 

Was das neue Jahr uns allen nun wohl für Überraschungen brin­gen wird? Wünschen kann man ja so viel, und so wünsche auch ich, im Verein mit Frl. Roloff, Ihnen und Ihrem Gatten nicht nur viel, sondern alles Gute, was Sie sich nur ersehnen! Zumeist natürlich Gesundheit des Leibes und der Seele, denn es sieht ja beinahe so aus, als ob wir noch nicht am Ende der Feindseligkeiten der letzten 10 Jahre angelangt wären. Da braucht man ja allerhand Gesundheit und Kraft, um zu er­tragen, was die bösen Feinde uns noch an Überraschungen zu­gedacht haben. Wie schön, daß Sie diesmal auch an Hohenlim­burg teilnehmen konnten. Sie haben so Recht, wenn Sie sagen, schon das Zusammensein mit ,,unsere Leut" ist eine Auffri­schung für Leib und Seele. Daß die Schule wieder erstehen soll, wissen Sie auch schon. Aber über Gießen geht der Weg von hier aus nicht, liebe Frau Leutert! Im Gegenteil!

 

Es freut mich auch herzlich, daß Ihr Neffe Imre nun wieder bei den Seinen ist, und Ingrid hat nun ihren Doktor! Wie herz­lich freut mich auch das. Jetzt sind schon 3 junge weibliche Ärzte am Ruder, die hoffentlich die Kranken auch auf die At­mung hin behandeln werden!

 

8.1. Gestern mußte ich aufhören zu schreiben, weil es mir zu dunkel wurde. Würden Sie, liebe Frau Müller-Leutert, das ein­liegende Briefchen Ihrer Nichte Almut zu            geben, wenn Sie hinfahren? Sie schreibt ihren Absendeort so klein, daß meine Augen es nicht entziffern können. Herzlichen Dank

nochmals und viele liebe Grüße für Sie und Ihren Gatten von Ihrer

 

H.    Andersen

 

 

Von Frl. Roloff und Nissen soll ich Sie auch sehr herzlich grüßen.

 

Eben telefoniert mir Frau v. Arnim, daß sie mich heute noch besuchen will - ich freue mich furchtbar!

Schönborn, den 15.7.49

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Sehr erfreut haben Sie mich durch Ihren lieben ausführlichen und verständnisvollen Brief sowie auch durch das süße, sehr willkommene Päckchen, das Frl. Roloff mir am Abend meines Geburtstages als sehr willkommenen Gruß von Ihnen überbrachte. Ich danke Ihnen sehr herzlich für all das liebe Gedenken und die guten Wünsche. Innig freut es mich immer wieder, wenn ich sehe und fühle, wie treu - ja verständnisvoll ist das einzig richtige Wort - Sie an uns und besonders auch an unserer Arbeit hängen. Und wie Sie den Lehrerinnen, die Sie erreichen können, helfen und geholfen haben, durch diese schweren Zeit hindurchzukommen. Wie mütterlich Sie auch an meiner lieben Anita gehandelt und ihr geholfen haben. Ich weiß, daß sie das ebenso schätzt wie ich.

 

Ach, wenn man doch allen lieben Lehrerinnen so helfen könnte, aber die ,,famose" Währungsreform hat ja uns alle, und natür­lich auch mich, zu bettelarm gemacht.

 

Wie schön wäre es, wenn wir beide uns einmal in Lieme wieder­sehen könnten, aber es ist noch nicht festgesetzt, ob ich ganz dahin übersiedeln werde. Vorläufig muß ich erstmal für die Erhaltung meines Augenlichtes sorgen, daher kann ich auch jetzt nur Ihnen diese wenigen Zeilen schreiben.

 

Es grüßt Sie von ganzem Herzen Ihre alte

 

H.    Andersen

zum 15.7.49

 

 

 

 

Sehr liebe Frau Müller-Leutert,

 

Frl. Andersens Brief soll nicht fort, ohne daß ich Ihnen,

 

Ihrem Gatten und Ihrer verehrten Frau Mutter herzlichste

 

Grüße mitsende. Hoffentlich sind Sie alle wohl und Sie,

 

Fleißige, haben nicht gar zu viel mit dem Garten und seinen

 

an sich sehr schönen Früchten zu tun.

 

Nun das Wetter ohne Wind recht sommerlich ist, werden Sie Ihr Gartenplätzchen täglich genießen. Ich denke gern an den echten Nachmittagskaffee im Freien in lieber Gesellschaft. Daß meine Reise Wiesbaden-Essen-Lieme und dann Schönborn glatt und erfreulich verlief, erzählte ich Ihnen schon. Hier trudelte dann bald meine Schwester für 3 Wochen ein, wir machten Ausflüge an die Ostsee und über die Seen. So lernte ich das schöne Holstein endlich im 5. Sommer kennen und lieben. Nun ist der Alltag mit großer Wäsche usw. da, aber die Ferienfreuden strahlen noch hell hinein , und ein dankbares Gedenken geht zu all den guten Menschen, die mir Liebe und Freude spendeten. Darf ich auch um liebe Grüße an Ihre Schwester und Ingrid bitten?

Herzlichst Ihre                                                                      Marie Roloff

Schönborn, den 24.1.50

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Heute ist zum ersten Mal ein etwas hellerer Tag (der erste in diesem Jahr), so daß ich es wagen darf, Ihnen zu schrei­ben - ohne zu große Anstrengung für die Augen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die köstlichen Süßigkeiten, sie Sie mir schickten, vor allem aber für Ihren lieben, ausführ­lichen Brief, der mir Ihre Schwierigkeiten so treu schilderte. Ich hoffe sehr, daß die geschäftlichen Unannehmlichkeiten in­zwischen geordneten und erträglichen Verhältnissen gewichen sind und daß Ihr lieber Gatte sich wieder mehr seiner Kunst widmen kann. Wollte Gott, daß im neuen Jahre überall geord­nete Zustände geschaffen werden können, wo es nötig ist. In Lieme ist dies ja glücklicherweise dank der unübertreffli­chen Arbeit unserer lieben Lehrerinnen schon geschehen, und man kann daraufhin Mut und Vertrauen für die Zukunft haben. Ich hoffe für meine Person auch auf eine befriedigende Lösung meiner Augenfrage und muß, diesen Augen gehorchend, bereits wieder mit Schreiben aufhören. Nehmen Sie nochmals herzlichen Dank und viele innige Wünsche und Grüße von Ihrer alten

 

H.    Andersen

 

 

 

 

 

Zusatz:

 

Treulichst auch von mir für Sie alle herzlichste Grüße

 

Ihre Mane Roloff

Schönborn, den 16.4.50

 

 

Liebe Frau Müller-Leutert!

 

Haben Sie sehr herzlichen Dank für die wundervolle süße Oster­gabe und besonders auch für den lieben vertrauensvollen Brief, der mir so anschaulich Ihr jetziges Leben schildert. Wie schwer ist das alles, aber wie schön ist es auch, daß Sie noch so viel musizieren können und daß Sie auch durch unsere liebe Inge Kühl noch mit unserer Arbeit in Verbindung bleiben können.

 

Es freut mich auch sehr, daß Ihre Nichte Almut noch immer bei meinem lieben Prinzeßchen Stunden haben kann. Ich kenne und liebe sie ja von ihrem siebenten Lebensjahr an  mit ihren gleichaltrigen Kusinchen tanzte! Sie und ihre liebe, von mir sehr verehrte Mutter sind ja durch unser ganzes Leben treu mit uns gegangen. Gerne hörte ich ja auch, wie es Dr. med. Ingrid geht! Bitte, sagen Sie doch Ihrer lieben Schwester Ingrid herzliche Grüße von mir.

 

Sehr herzlich dankt Ihnen und grüßt Sie Ihre alte

 

H.    Andersen,

 

die leider der Augen wegen nur wenig mit einem Mal schrei­ben kann.

Schönborn, den 4.7.50

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Sehr herzlich danke ich Ihnen heute nochmals und selbst für Ihre herzlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstag und für die süße Liebesgabe. Wie es mir ergangen ist, haben Sie wohl durch Frl. Roloff erfahren, die mir bei allem Schweren, was ich durchmachen mußte, so treu und hilfreich beigestanden hat. Ich wüßte nicht, wie ich das ohne ihren liebevollen und aufopfernden Beistand alles hätte durchmachen sollen. Nun kann ich wieder besser sehen und schreiben, obgleich mir die Brille noch sehr ungewohnt ist und die Verbindung mit der Hand beim Schreiben noch etwas zitterig. Aber immerhin kann ich doch schreiben und lesen!

 

Sie haben mir so treulich Auskunft über Ihre lieben Nichten gegeben, und ich danke Ihnen herzlich dafür. Ingrid ist ja nun in doppeltem Sinne Frau Doktor geworden. Möchte es eine glückliche Wendung in Ihrem Schicksal sein - sie ist die Zweite unter unseren Schülerinnen, die den Weg macht, Dr. med Ingeborg Holzer-Stamper wiegt bereits ein Bübchen auf ihren Knien. Fehlt nur noch Ute Gerlach! Daß Sie, liebe Frau Müller­Leutert, die Absicht haben, nach Lieme zu gehen, freut mich sehr. Es wird Ihnen sicher guttun, die Lehrerinnen dort ar­beiten so treu! Ihnen haben wir es zu verdanken, daß die ganze Sache sich bis jetzt gehalten hat und sich hoffentlich auch weiter hält. Wie schön, daß Almut in Frankfurt bei Prin­zeß Elisabeth Stunden haben kann, das wird ihr sicherlich beim Examen sehr zugute kommen!

 

Ich muß schließen - mit herzlichen guten Wünschen grüße ich Sie und Ihren Gatten als Ihre alte

 

H.    Andersen

 

 

 

 

 

Herzliche Grüße sendet auch Frl. Roloff.

Schönborn, den 11.7.50

 

 

Meine liebe, liebe Frau Müller-Leutert,

 

das war ja gestern eine schreckliche Unglückspost, die uns beide sehr erschüttert hat! Wie war das nur bei Ihrer ge­sundheitsgemäßen Ernährung möglich! Welch Glück, daß die Hilfe nicht zu spät kam! Dies war ja eine viel, viel schwe­rere Operation als die meinige - ich konnte nach 14 Tagen ruhig nach Hause fahren. Wie wir beide erschrocken waren, kann ich gar nicht beschreiben - und nun erst Ihr lieber Gatte, Ihre Mutter und alle Ihre Angehörigen! Ich staune, daß Sie nach 3 Wochen im Bett schon die lange Karte schrei­ben konnten.

 

Daß wir hier so weit entfernt sein müssen! Man kann Ihnen ja keine kleinste Liebe antun - vielleicht sind Sie schon so­weit gebessert, daß Sie wieder nach Hause können. Es ist mir wie ein Wunder, daß Sie schon diese lange Karte schreiben konnten. Gott gebe, daß Sie alles bald und gut überstehen können.

 

Von uns beiden hier kann ich Ihnen Gutes melden. Nur Frl. Annemarie Fischer liegt seit 8 Tagen zu Bett mit einer ver­stimmten Gallenblase. Das wird aber hoffentlich bald besser werden.

 

Ach, hoffentlich können Sie uns auch bald einmal eine kurze, aber gute Nachricht senden!

 

Mit vielen herzlichen Grüßen und Wünschen gedenkt Ihrer in Liebe Ihre alte

 

Hedwig Andersen

Schönborn, den 18.10.50

 

Meine liebe, liebe Frau Müller-Leutert!

 

Nun sind Sie, wie ich hoffe, an der richtigen Quelle! Es freut mich ganz ,,schrecklich", daß Sie nach Lieme kommen konnten, und ich wünsche und hoffe von Herzen, daß nun dort der Schlußstein zu Ihrer Genesung gelegt werden kann und wird! Für Ihren lieben Brief vom 1.9. danke ich Ihnen herzlich, wie schön, daß Sie damals schon reisen und sich erholen konnten! Auch die kleine Einlage hat mich erfreut und ganz die Wirkung gehabt, die Sie erwarteten. Ins Ostpreußische übersetzt, würde der Schluß wohl gelautet haben: du dammelicher Lorbaß! (könnte auch ,,          ,, heißen!)

 

Ihr Urteil über Oberammergau lautet genauso, wie ich es mir immer gedacht habe, ohne jemals dagewesen zu sein.

 

 

Wir hatten hier in den zwei letzten Monaten viel lieben Be­such, worüber ich, wie Sie sich denken können, sehr glücklich war und auch bin. Nur kann ich es noch immer nicht verwinden, daß ich meine i.v. Harling verpassen mußte, weil ich urplötz­lich noch einmal nach Kiel in die Klinik mußte. Eine Binde­hautentzündung an dem operierten Auge, die hier nicht behan­delt werden konnte, zwang mich zur sofortigen Abreise. Gott­lob ist nun aber alles wieder in Ordnung, und ich kann schreiben, wenn auch sehr langsam, weil die rechte Hand sich noch immer nicht mit der Brille vertragen kann, aber da hilft nur Übung, und dazu habe ich ja viel Gelegenheit.

 

Nun, meine liebe Frau Müller-Leutert, wünsche ich Ihnen alles Gute, das Lieme Ihnen geben kann, und bitte Sie, all meine dortigen Lieben herzlich zu grüßen, auch Ihnen besonders herzliche Grüße und Wünsche sendet Ihnen Ihre alte

 

H.    Andersen

Schönborn, den 14.12.50

 

 

Meine liebe, liebe Frau Müller-Leutert!

 

Ich vermute, daß Sie nun wieder, und zwar gesund und wohlbe­halten, mit viel neuen Kräften und Impulsen zu Hause angelangt sind und sich in alter Weise Ihrem lieben Gatten und Ihrer sehr lieben Mutter widmen können. Ich war sehr erfreut über die Idee unserer lieben Gräfin, Sie nach Lieme zu locken, und Ihr Brief vom 26.10. - für den ich Ihnen herzlich danke, be­stätigt meine Erwartung, daß Ihnen der Aufenthalt dort wohl-getan hat. Ihre Erinnerungen an den Geburtstag meiner Freun­din mit den 9 Musen entlockten mir, als ich sie eben noch einmal las, Tränen der Wehmut. Ach, daß so etwas möglich war und so dargestellt werden konnte! Ja, es waren schöne Zeiten damals in Hustedt! Tempi passati!

 

Nun aber - jetzt ist ja die Hauptsache, daß wir alle, die wir so zusammengehören, gesund und munter unsere verschiedenen Pflichten erfüllen und uns gegenseitig damit erfreuen können! Von mir kann ich Ihnen, Gottlob, berichten, daß ich, wie Sie ja schon vernommen haben werden, die Augenoperation und eine darauf folgende Bindehautentzündung gut überstanden habe und nun wieder besser sehen, schreiben und lesen kann, wenn auch allerdings das Schreiben mit der Starbrille mir immer noch sehr unbequem ist. Meine rechte Hand will immer noch so schnell, wie früher über das Papier fliegen. Aber das geht nun nicht mehr - ich muß dauernd ,,bremsen". Das ist so, als wenn ein Kind zuerst schreiben lernt! Aber es ist ja doch immer noch besser ,,als gar nicht" schreiben können. Ich muß nun also schließen und tue es mit vielen sehr herzlichen Weihnachts- ­und Neujahrswünschen und -grüßen für Sie, meine liebe Frau Müller-Leutert und Ihr ganzes Haus.

 

Immer Ihre alte

 

H.    Andersen

 

 

Frl. Roloff, die mich wunderbar liebevoll gepflegt hat, schließt sich meinen Grüßen und Wünschen an.

Schönborn, den 4.2.51

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Wenn Sie wüßten, wie sehr ich an Sie gedacht habe und Ihnen für Ihre liebevolle Sendung zum Weihnachtsfest und für den noch liebevolleren Brief danken wollte! Aber es war nicht Faulheit, die mich abhielt - im Gegenteil: unaufhörlich schrei­ben und nachdenken war mein Los und viele, viele schlaflose Nächte. es ging um das Neuerscheinen unseres alten, lieben Koflerbüchleins, welches ich aus dem so geliebten Leipziger Verlag herausnehmen mußte, weil ich mit dem jetzt dort amtie­renden ,,Kulturbeirat" mich nicht verständigen konnte. Na überhaupt. Zwar hatte ich einen ganz wundervollen Helfer bei der Sache, Herrn Baron Winfried Schenck, der die Sache wirk­lich aufopfernd und juristisch einwandfrei gedeichselt und sogar für Kofler einen deutschen Verleger gefunden und gebun­den hat, aber es gab eine schwere Menge Korrespondenz und furchtbar viel Nachdenken, und so strafte mich dann endlich die ,,Natur in mir" mit einer Gesichtsrose als Reaktion auf die ungebührlich vielen Nervenspannungen! Diese ,,Krankheit" kannte ich bisher nicht einmal dem Namen nach - jetzt kenne ich sie und habe sie auch glücklich überwunden.

 

Nun kann ich also Ihnen auch von Herzen für Ihre liebevollen Weihnachtsgaben danken und Ihnen sagen, wie mich Nachrichten von all den guten Nachrichten aus Ihrer ganzen Familie er-freut haben, in der das Heiraten ja fast epidemisch aufgetre­ten war und ist - bitte bestellen Sie doch allen lieben Be­teiligten meine herzlichsten Glückwünsche. Das Beste von allem ist aber doch, daß Sie selbst, meine liebe Frau Müller-Leutert, sich wieder so wohl und gesünder als früher fühlen! Möchte es doch immer so bleiben - auch Ihrer lieben Mutter wünsche ich von Herzen Erhaltung ihrer wundervollen Kräfte!

 

Mit tausend Grüßen und guten Wünschen denkt Ihrer Ihre alte H. Andersen

 

 

Auch Frl. Roloff, die ganz in meiner Pflege aufgeht, grüßt herzlich!

Schönborn, den 23.6.51

 

 

Meine liebe, sehr verehrte Frau Müller-Leutert!

 

Sehr herzlich danke ich Ihnen für Ihren lieben Brief und die guten Wünsche und - für den wunderschönen Kuchen, der doch sicher eine Erfindung von Ihnen selbst ist -, er schmeckt so liebevoll! Frl. Roloff hütet ihn mit Liebe und Verständnis, und wir erfreuen uns täglich daran! Bitte sagen Sie Ihrem Gatten und Ihrer lieben Mutter meinen herzlichsten Dank für ihre Teilnahme und die guten Wünsche für mein Wohlergehen. -Was Sie mir von Ihrem Muttchen schrieben, hat mich sehr be­wegt. Ich kann mir die schreckliche Situation in der schweren Nacht so gut vorstellen - ein Glück, daß Sie ihr noch recht­zeitig wieder ins Bett helfen konnten, um noch Schlimmeres verhüten zu können. Sehr große Freude macht mir immer, was Sie mir von Inge Kühl mitteilen. Ich ersehe ja schon aus Ihren Briefen, wie ernst sie an ihrer eigenen Entwicklung arbeitet, aber um so mehr freue ich mich zu hören, daß sie auch als Lehrerin so tüchtig ist und Ihnen so gut vorwärts hilft. Sehr wohltuend war mir auch die Kunde, daß Ihre liebe kleine Nichte Almut so zufrieden mit dem Resultat ihres Liemer Aufenthaltes war. Es bestätigt mir die Überzeugung, daß dort gut und ganz in unserem Sinne gerbeitet wird - was ich ja nie bezweifelt habe. Die Schule scheint sich vorzüglich zuhalten, denn es sind eine Menge junger ,,Ausbildungsschülerinnen" dort - was ja für den Fortbestand in der Zukunft sehr wichtig und nötig ist. In bezug auf mein Schmerzenskind - das Koflerbuch - kann ich Ihnen auch sehr Erfreuliches melden: es wird jetzt bald wieder auf der Bildfläche erscheinen: innerlich unverändert, nur mit einem psychologisch wichtigen Nachwort durch Herrn Professor Vogler, Berlin, bereichert, was ich alles Herrn Win­fried v. Schenck zu verdanken habe. Darüber ein andermal mehr.

 

Für heute nur noch aller-allerherzlichsten Dank und Grüße von Ihrer alten

 

H.    Andersen

 

 

Recht herzliche Grüße soll ich auch von Frl. Roloff bestellen.

Schönborn, den 31.12.51

 

 

Liebste Frau Müller-Leutert!

 

Heute am letzten Tag dieses für Sie so bewegten Jahres, will ich anfangen, Ihren lieben, ungeheuer ,,interessanten" Brief zu beantworten, der mich, seit ich ihn erhielt, immerfort be­schäftigt hat, aber zuerst muß ich Ihnen meinen herzlichen Dank für den ungeheuer wohlschmeckenden Kuchen aussprechen, der Frl. Roloff und mich täglich immer wieder neu begeistert! Ja - das ist ein richtiger Weihnachtskuchen und zwar eine schöne Einleitung des lieben Festes der Liebe, und man schmeckt die Liebe richtig und mit Wonne.

 

Nun Ihre Erlebnisse! Sehr bewegt war Ihr ganzes Leben in die­sem Jahre vom Frühjahr an - das muß ich sagen! Solch einen schweren Fall von Krampf bei der Periode habe ich noch nie erlebt - und die Hilflosigkeit der Ärzte dem gegenüber ist doch beklagenswert! Operieren macht so eine Sache doch nur noch verzwickter. Die Natur wird dadurch nur noch mehr aus den Fugen gebracht. Dagegen war ja nun Ihre ,,Behandlung" eine wahre Lebensrettung für das arme Menschenkind. Man kann nur bedauern, daß kaum ein Arzt auf solch einen Gedanken kommt. Ich glaube, daß Herr Dr. Leutiger, der jetzt das große Sana­torium in Harzburg leitet und dessen Frau ein Lehrdiplom von uns hat, ganz andere Wege einschlagen wird. Sehr richtig sagen Sie, daß das Psychische in solchem Falle eine große Rolle spielt, aber die Hauptsache ist doch, daß die Natur des Patien­ten wieder zu ihrem verlorengegangenen Rhythmus kommt. Durch Operation wird aber der Rhythmus nur noch mehr gestört. Aber da wird noch viel Wasser vom Berge laufen, bis die Medizin auf diesen Gedanken kommt. Aber bei Dr. Leutiger und bei Dr. Aubel in Bad Boll tagt es schon. Nach meiner Ansicht haben Sie bei dem jungen Mädel ganz das Richtige getroffen, d.h. das, was ihrer Natur angemessen war und bis dahin fehlte. Wenn Sie, liebe Frau Müller-Leutert, wieder einmal Zeit und Lust haben, mir ein paar Wörtchen zu schreiben, dann schrei­ben Sie mir - bitte - wie es dem Mädchen nun weiter gegangen ist.

Was Sie auf der Mainau erlebt haben, ist mir auch sehr inter­essant. Von der geistlichen Rüstung her sind auch schon mehr­mals kleine Anknüpfungen an unsere Arbeit geschehen, aber da traut man sich, wie es scheint, noch nicht recht, offen Farbe zu bekennen. Unser Freund Schenck hat öfter mit Geistlichen gearbeitet, auch bei uns in Hustedt und Seefeld waren geistli­che Herren, die immer sehr zufrieden mit dem waren, was sie erreicht hatten. Aber ein richtiges fruchtbares ,,Weiter" war nicht zu erlangen - sie vermißten vielleicht, daß nicht alles mit Singen und Beten verbrämt war, sondern daß die Musik der Angelpunkt der Arbeit war, um die sich alles drehte. Wie Sie es gemacht haben, war es sehr richtig - die Herren müssen sich entschließen, die Arbeit von der Quelle kennenzulernen - oder bei den Versammlungen mehrere Lehrkräfte zu Rate zu ziehen. Denn bei 100 Teilnehmern kann auch eine diplomierte Lehrkraft nicht viel erreichen, d.h. mit praktischer Arbeit mit jedem Einzelnen - und das ist ja doch die Hauptsache. Durch Vorträge oder durch Bücher kann niemand an den Kern der Sache kommen -sie muß erlebt werden. Ich habe die Hoffnung, daß demnächst das Koflerbuch wieder herauskommt, und zwar im Verlag ,,Bären-reiter" - in Leipzig konnte es bei Breitkopf und Härtel - zu meinem Schmerz nicht bleiben, weil keine Übereinstimmung mit dem ,,literarischen Beirat" der Ostzone zu erreichen war. Was Sie auf der ,,märchenhaften Insel" mit dem Herrn Prorektor Mel­zer erlebt haben, ist sehr interessant, und das beste von al­lem ist, daß Sie Gelegenheit hatten, manche interessanten Män­ner zu erleben und für unsere Schule zu interessieren.

 

Nun genug für heute, meine liebe Frau Müller-Leutert, ich wün­sche Ihnen von Herzen Kraft, Gesundheit und Gottes Segen im Neuen Jahre und bitte Sie, diesen Wunsch auch Ihren lieben Angehörigen zu übermitteln.

Immer Ihre alte                                                                     H. Andersen

Schönborn, den 31.12.S1

 

 

Liebe, liebe Frau Müller-Leutert,

 

an der Schwelle des alten und Neuen Jahres gehen herzliche Grüße und Wünsche zu Ihnen mit gleichzeitigem Dank für den wundervollen Schokoladenkuchen, und nicht zuletzt für den hochinteressanten Bericht über alles Erlebte.

 

Wie prachtvoll Sie sich überall eingestellt haben, famos! Möchten doch diese bedeutenden Männer Zeit finden, näher mit der Arbeit bekannt zu werden, welch Segen für die Vielen, die wieder durch deren Hände gehen. Und nun hörten wir doch auch von v. Herff's, an die ich manchmal dachte. Wie schön, daß Frau v. Herff mit Tochter dort solch segensreiche Arbeit ge­funden haben. Wo ist nun aber die andere Tochter - hieß sie nicht Gerda -, die noch ziemlich bis zuletzt in Seefeld war? Und Sie konnten eine herrliche Rundtour in die Schweiz machen! Es ist doch zauberhaft schön dort! Ich machte von Lindau aus solche Fahrt, früher, früher in den Ferien - - ! Das war ein­mal!

 

Ob Sie das Neue Jahr begrüßen werden? Wir werden hineinschla­fen, zünden nochmal unser reizendes kleines Bäumchen an, wan­dern mit unseren Gedanken und Wünschen zu so viel, viel lie­ben Menschen und in die Vergangenheit und sind dankerfüllt für unsere Gesundheit. Hoffentlich bürdet 1952 uns allen nicht zu viel auf!

 

Sie sind so lieb, meine Grüße und Wünsche Ihrer verehrten, lieben Mutter und Ihrem lieben Gatten zu übermitteln, auch bitte Ihrer Schwester und Familie.

 

Mit herzlichen Neujahrsgrüßen

 

Ihre Marie Roloff

 

 

Frl. Fischer sendet freundliche Grüße und gute Wünsche mit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

i

Schönborn, den 18.6.52

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

 

Sie haben mir zum 9.6. so viel Freude gemacht, daß Ihr Wunsch, ich möchte ihn heiter erleben, schon dadurch in Erfüllung ge­gangen ist! Das Babettchen und die Spinne ist ja ein köstli­cher Spaß, und dann Ihr wunderbarer Kuchen!, der uns 3 ,,verei­nigten Jungfrauen von Eutin" noch immer ernährt, ergötzt und beglückt! Ein non plus ultra an Schönheit und Wohlgeschmack!! Man spürt deutlich die Liebe, die Sie hineingebacken haben! Eine große Freude machte mir auch die Nachricht, daß unser liebes Koflerbuch gegen Ende dieses Monats wiedererscheinen wird, nachdem ich mich jahrelang vergebens damit abgequält habe. Und zwar in verbesserter Form und dito Inhalt, denn die physiologischen Forschungen über die Muskulatur und die Tätig­keit der Lunge hat in letzter Zeit viel Neues entdeckt - und das kommt nun alles mit hinein. Herr Professor Vogler, ein alter Schüler von uns, der 1916-20, als wir noch in Rotenburg waren und er Medizinstudent in Gießen und der seither ein begeisterter Anhänger unserer Arbeit ist, hat die sehr wichti­gen und notwendigen Änderungen an dem Werk übernommen, und ich bin nun sehr gespannt, wie unser alter Kofler nun aus­schauen wird. Es war nicht leicht, das zu besorgen, ohne den Stil des Buches zu vernichten. Ich konnte das Buch auch des­halb nicht in dem Verlag in Leipzig lassen, weil der dortige neu eingerichtete ,,literarische Beirat" damit nichts anzufan­gen wußte. Diese ganze Umschaltung hat mir viele Sorgen und schlaflose Nächte bereitet.

 

Sie, meine liebe Frau Müller-Leutert, haben, wie ich aus Ihrem Brief ersehe, auch viel unangenehme Enttäuschungen an Ihrem Schützling erlebt, und da trifft wieder einmal eins unserer guten, alten deutschen Sprichwörter zu: Wenn dem Esel zu wohl ist, dann geht er auf's Eis! Das tragische Schicksal Ihres Bruders ist nicht der einzige derartige Fall dieses Krieges. Hier in der Familie Fischer ist es so ähnlich dem ältesten Sohn ergangen, und kein Mensch weiß, wo er geblieben ist und wie er evtl. geendet hat. Traurig! Ich schließe nun, weil noch 40 Briefe auf Beantwortung warten. Ich grüße Sie und danke

 

·   Ihznen von ganzem Herzen als Ihre getreue, alte

 

H.  Andersen

 

Ich bitte Sie herzlich, mich all den lieben Ihrigen bestens zu empfehlen.

18.6.52

 

 

Liebe Frau Müller-Leutert,

 

wenn Sie die Freudenrufe von uns dreien, Frl. Fischer war gerade zugegen, gehört hätten, als Ihr Kuchen ankam! Er ist Ihnen wieder köstlich geraten und erfreut und erquickt unsere Magenseelen als Leckerli nach dem Mittagessen.

 

Vielen vielen Dank für diesen Schmaus!

 

Frl. Andersens Geburtstag wurde durch Musik am 8. und 9. ver­schönt. Frl. Schümann war für drei Tage unser Gast und sonn­tags kam Frau Dr. Noack von Kiel herüber, konnte also Frl. Schümann begleiten, die hauptsächlich Bach-Choräle ganz wunder­bar sang, so innerlich und warm, streng nach den Gesetzen, die Frl. Schlaffhorst lehrte. Für uns alle eine herrliche Feier!

 

Ja, diese Echtheit und Wahrheit! Sie kann uns trösten über die Unzulänglichkeiten der Jetztzeit und kann uns Kraft geben für Sorge und Trauer. Letztere mußten Sie, liebste Frau Müller-­Leutert, mit Ihrer lieben Mutter tief erleben. Die Gewißheit, daß ein lieber Angehöriger jahrelang Folterqualen leiden mußte, ist so bald nicht zu verwinden. Wieviel Herzenswunden schlägt der Krieg noch heute!

 

In Herzlichkeit und Mitgefühl drücke ich Ihnen und Ihrer verehrten Frau Mutter die Hand.

 

Ihre Marie Roloff

Schönborn, den 2.1.53

 

 

Liebe, liebe Frau Müller-Leutert!

 

mit herzlichen Grüßen möchte auch ich Ihnen die allerbesten Wünsche zum neuen Jahre sagen, das Ihnen die volle Gesundheit neben vielem Guten schenken möge!

 

Wie leid tut es mir, daß Sie wieder eine Operation über sich ergehen lassen mußten. Gottlob ist alles gut geheilt, aber Sie werden sich doch noch recht schonen müssen. Ich finde es ganz rührend, daß Sie trotzdem ein Päckchen für uns auf den Weg brachten. Nehmen Sie auch meinen herzlichsten Dank für die süßen Sachen, die uns Ihre Liebe zeigten.

 

Und tätig sind Sie: Im Sommer im Garten mit der Obstverwertung, dann die Stunden zum Wohle der Kranken. Alle Achtung!

 

Also unser liebes Frl. Latzel ist in Gießen wohl nur für einige Zeit? Die Mutter lebt doch noch in München? Bitte, bestellen Sie gelegentlich doch Frl. Latzel ganz liebe, herzliche Grüße und Wünsche. Sie ist solch lieber, fleißiger Mensch, den jeder gern haben muß.

 

Ihre Schwester ist nun Großmutter, dazu bitte ich, Ihr meine besten Wünsche und Grüße zu übermitteln.

 

Gottob geht es uns beiden gut.

 

Darf ich für Ihre verehrte Frau Mutter sowie Ihren Batten (?) freundliche Grüße und beste Neujahrswünsche beifügen.

 

Ihnen, liebe Frau Müller-Leutert, nochmals besonders gute Wünsche für ein kräftiges ,,Aufwärts" und viel liebe Grüße

 

Ihre Marie Roloff

Schönborn, den 2.1.53

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

Das war nun wieder ein lieber, langer Brief von Ihnen und da­zu auch wieder die kulinarischen Leckerbissen, und für beides danke ich Ihnen herzlich, muß aber leider gestehen, daß ich gerne auf alles Schöne verzichtet hätte, wenn kein so schwerer Krankheitsbericht damit verbunden wäre. Es ist aber ganz er­staunlich, wie tapfer Sie all das Schwere wieder überstanden haben und nicht müde werden, andern noch immer zu helfen, und andere zu erfreuen mit so schönen süßen Leckerbissen zu ver­sorgen. Herzlich danke ich Ihnen für Ihr freundliches Geden­ken, und meine herzlichsten Wünsche gehen nun dahin, daß das neue Jahr Sie mit so schlimmen Dingen verschonen möchte und Ihnen Kraft und Gesundheit in Hülle und Fülle schenken möchte.

 

Was mich betrifft, so kann ich Gottlob! sagen, daß ich das letzte Jahr gut überstanden habe und mir nur wünschen kann, daß das Jetzige in dieser Beziehung nicht schlechter wird. Ein Stein des Anstoßes für diesen Zustand ist jedenfalls nicht mehr zu fürchten - unser Koflerbuch ist nun wieder heil und sogar noch wertvoller als früher im Gange und scheint viel Anklang zu finden. Die Verbesserung bezieht sich auf die Bear­beitung von Professer Vogler, der die neuesten physiologischen Entdeckungen über die Tätigkeit der Atmungsmuskulatur hinein-gearbeitet hat. Dadurch gewinnt das Buch auch für medizinische Leser an Wert. Professor Vogler - jetzt an der Universität Berlin, hatte als junger Student in Gießen bei uns schon Stun­den, als wir in Rotenburg lebten und hatte auch damals schon große Begeisterung für unsere Arbeit. Auf Ihre Frage, ob Ihre Nichte mir die Geburt eines Mädchens mitgeteilt hat, kann ich mit Ja antworten - es ist sehr erfreulich dabei zugegangen, und Mutter und Kind befinden sich hoffentlich wohl.

 

Mit sehr herzlichen guten Wünschen für Ihre Gesundheit, meine

 

liebe Frau Müller-Leutert, und herzlichen Grüßen an Ihre ganze

 

Familie

Ihre alte                                                                                 H. Andersen

Schönborn, den 25.6.5?

 

 

Meine sehr geliebte Frau Müller-Leutert!

 

Herzlichen Dank sage ich Ihnen für Ihren lieben, ausführlichen Brief und für den Keksschokoladenkuchen, der uns so innig er­freut! Ein Meisterwerk Ihrer Koch- und Backkunst, das wir sehr zu schätzen wissen. Leider kann aber diesmal nicht Frl. Roloff an dieser Freude teilnehmen, da sie nicht anwesend ist, sondern eine Ferien- und Erholungsreise macht, die sie mehrere Wochen von hier fern hält. Daß auch mein Geburtstag gerade in diese Reise fiel, tat ihr ebenso leid wie mir. Aber allerlei Ver­hältnisse und Geburtstage ihrer Angehörigen, bei denen sie gerne dabei sein wollte, zwangen sie, ihre Ferien jetzt und nicht früher oder später zu nehmen. Ich habe aber eine sehr liebe Angehörige unserer Schule zu ihrer Vertretung bei mir, und so können wir beide die Trennung ertragen.

 

Ob ich nun 87 oder 88 Jahre alt geworden bin, weiß ich selbst immer nicht genau, ich weiß nur sicher, daß ich 1866 geboren bin - rechnen war aber schon als Kind meine schwächste Seite und ist es bis auf den heutigen Tag, ist ja aber nicht so we­sentlich. Vielmehr bewegt mich und macht mich traurig, daß Sie, meine geliebte Frau Müller-Leutert, noch immer nicht zu­frieden mit Ihrem ,,Beinwerk" und Ihrer linken Hüfte sind und sein können. Ob Sie nun jetzt schon bei Guthenke waren oder erst noch diese Kur vor sich haben? Ach nein, eben las ich noch einmal daraufhin Ihren lieben Brief und sehe, daß Sie das erst Mitte August tun wollen. Jeden Falles aber glaube ich, daß dies eine sehr gute, zweckmäßige Kur sein wird und wünsche ihnen von Herzen den besten Erfolg. Hier weiß man we­nigstens schon im voraus, wofür das gut sein soll! Fräulein Latzel weiß ja wohl sehr gut damit Bescheid!

 

Über die kleine Episode und den Ausspruch meiner Freundin in Ihrem Brief habe ich sehr lachen müssen - er sieht ihr ganz ähnlich!

 

Hier möchte ich noch etwas über die Einlagen in Ihrem Brief sagen, besonders über Fraulein Latzel. Ich schätze sie sehr,

aber der Brief, mit Bleistift geschrieben, ist für mich un­lesbar. So etwas können meine Augen nicht mehr leisten - das darf man keinem Leser zumuten! Nun mußte ich Frl. Kersten, die Frl. Roloff bei mir vertritt, bitten, ihn mir vorzulesen.

 

Für die Glückwünsche von Almut und Ingrid Müller danke ich herzlich. Daß es dem Enkelchen gut geht, freut mich sehr.

 

Nun mit herzlichen Grüßen für Sie alle und mit sehr innigen Wünschen für Sie, meine geliebte Frau Müller-Leutert und die Kur, die Ihnen bevorsteht,

Ihre alte                                                                                 Hedwig Andersen

 

 

 

 

 

 

Zum Brief von H.A. vom 25.6.59' (53~)

 

Von dem schönen Kuchen wird heute Fräulein Andersen den letzten Rest essen.

 

Aus Lieme kamen auch 2 Kuchen, aber nicht dieselbe Sorte.

 

Es grüßt Sie herzlich

                                                                                                Ihre Hertha Kersten

Schönborn, 8.4.55

 

 

Liebe Frau Müller-Leutert!

 

Recht von Herzen ein gutes Osterfest! Und herzlichsten Dank für Ihren lieben Brief, der uns vieles erzählt.

 

Wir sind so ganz in Ihrer Seele, denn daß Sie sich vom Betrieb, von dem schönen Park mit den wundervollen alten Bäumen, die ich das Glück hatte zu sehen, trennen mußten, geht tief, ganz ans Herz.

 

Die Wunden des letzten Krieges sind keinesfalls geheilt. Immer wieder werden Opfer in der verschiedensten Form gefordert. Ein Segen dabei ist's, daß Ihr Gatte noch einen zweiten Beruf hat - und einen so schönen. Ich wünsche ihm mit einem freund­lichen Gruß ein gutes Gelingen seiner Pläne, seiner Schau, die er in sich trägt.

 

Und nun noch ein offenes Wort zu dem Buch, das Sie, liebe Frau Müller-Leutert, mit so viel Liebe Frl. Andersen verehrten. Da muß ich Ihnen erzählen, daß ihre Augen doch viel schlech­ter geworden sind und vor allem: sie realisiert nichts mehr. Sie nimmt die Bilder und Ihren Humor nicht mehr auf. Ja, die Psyche geht arg abwärts, nur organisch ist alles in guter Ord­nung. Das Gehen bis zu 1/2 Stündchen ist auch noch möglich. Leider hat sie recht bunte, oft sehr unwirkliche Gedanken. Ein Glück, daß sie in diesem Zustand stets freundlich lieb und dankbar für jede Hilfe ist. Der letzte Winter war nicht leicht. Sie selbst erfaßt ihren Rückgang nicht, sie sagt auf Befragen: Mir geht es sehr gut.

 

Von jedem Absender der Briefe muß ich ihr erst ein Bild ent­werfen. Die ganze Korrespondenz liegt auf mir, so werden Sie verstehen, wieviel schwerer jetzt die Betreuung ist.

 

Von Almut's zweitem Töchterchen bekam Frl. Andersen die Anzeige. Immer eine Freude für die Eltern, wenn solch kleines Wesen gesund ist, ob Mädel oder Junge ist nicht das Wichtige.

Welche Gnade, daß Ihre liebe Mutter, die ich zu grüßen bitte, falls sie sich meiner erinnert, noch so tätig sein kann. Diese Möglichkeit erhält frisch.

 

Ach ja, vom Buch habe ich meine Gedanken nicht zuende geführt. Sie haben sicher einen lieben bekannten Menschen, dem Sie damit eine Freude machen können. Deshalb schicke ich es Ihnen zurück mit herzliebem Dank.

 

Und grüßen tun wir beide Sie, meine Liebe, im Verein mit Frl. Fischer

 

Ihre H. Andersen und Frl. Roloff

16.6.55

 

 

Meine liebe Frau Müller-Leutert!

 

 

Von Herzen danke ich Ihnen für Ihre guten Wünsche und für den leckern Kuchen, der uns auch diesmal so gut schmeckt, wie immer Ihr Gebäck. Von mir kann ich leider nur sagen, daß meine Augen schlechter sind als je und daß ich fürchten muß, die Sehkraft bald ganz zu verlieren, was natürlich ein großes Unglück für mich und für meine ganze Umgebung wäre. Hoffent­lich tritt dieses Unglück nicht so bald ein - es wäre sehr schwer, es zu ertragen.

 

Bei Ihnen ist hoffentlich alles gesund - das wünscht von Herzen Ihre alte

 

Hedwig Andersen

 


Ende An Müller-Leutert (1946 – 1955)
 

 


Hedwig Andersen, Briefe nach dem Kriege 1945 – 1956

 

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