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Vortrag am Ender der Arbeit (Kröger)
Sehr verehrte Gäste, liebe KollegInnen und SchülerInnen,
zunächst möchte ich mich dafür bedanken, daß ich Ihnen hier
und heute von meiner Arbeit der letzten zwei Jahre berichten kann und darf. Den
ersten Dank bin ich dabei der Schulleitung schuldig, die die Stelle einrichtete
und sich durch eigene finanzielle Mittel an den entstehenden Kosten beteiligte.
Dann darf natürlich auch nicht die Leistungsbereitschaft des Arbeitsamtes
vergessen werden, das Vorhaben über zwei Jahre hinweg zu fördern. Erinnern möchte
ich auch an die großzügige Spende der Handwerkskammer.
Danken möchte ich ‑ ohne Namen zu nennen ‑ auch all
denjenigen, die mir hilfreich unter die Arme gegriffen haben, sei es bei
Verständnisproblemen theoretischer wie praktischer Art oder etwa durch die Überlassung
von Material.
Doch leider konnten nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft
werden, die die Arbeit im Archiv bot. Gerne hätte ich bereits zu Beginn meiner
Tätigkeit konkretere Fragestellungen zu aktuellen Themen gehabt, denen eine
historische Perspektive z.T. hätte zugute kommen können. Immerhin ergaben sich
im zweiten Jahr meiner Tätigkeit hier in Bad Nenndorf einige Möglichkeiten.
Ferner hätte ich mir eine enge Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis der
Lehrervereinigung um Frau Prof. Rauschnabel gewünscht. Von dem, was ich über
dessen Tätigkeit in Erfahrung bringen konnte, wird dort seit vielen Jahren
exzellente Arbeit geleistet. Leider blieb mein Versuch, zu einer Zusammenarbeit
zu gelangen, erfolglos. Als Zweckoptimist trage ich dennoch die Hoffnung, daß
die Arbeitsergebnisse eines nicht allzu fernen Tages zusammenwachsen mögen. Man
hätte gemeinsam sicherlich viel mehr erreichen können. So bleibt nur zu hoffen,
daß sich die doppelt geleistete Arbeit in Grenzen hält.
Zunächst möchte ich versuchen mit der Hilfe von Hedwig
Andersen und Clara Schlaffhorst selbst, Ihnen die Anfänge der beiden
Schulgründerinnen um 1900 näherzubringen. Dies Unterfangen kann nur ganz wenige
Aspekte berücksichtigen: Zu viel brodelte an Ideen und Nöten um diese Zeit. Und
nach allem, was sich rekonstruieren läßt, nahmen Andersen und Schlaffhorst
vieles davon wahr, ja beteiligten sich aktiv an den Zeitfragen. Durch eigene
Erkrankung sensibilisiert fanden die beiden in der Atmung ihren individuellen,
ihr ganzen weitere Leben bestimmenden Weg. Wohl im Jahr 1896 übersetzten sie
Leo Koflers Buch „The Art of Breathing“ ins Deutsche. In den Arbeiten an dieser
Übersetzung liegt der Grundstein für das „Werk Schlaffhorst-Andersen“.
Im Vorwort zur achten Auflage der „Kunst des Atmens“ von 1912
schreiben Andersen und Schlaffhorst:
Als im Jahre 1897 das vorliegende Buch in Deutschland erschien, da kam
es gerade zur rechten Zeit, um einem bereits empfindlich gewordenen Bedürfnis
nach theoretischer Klarheit und praktischem Übungsmaterial in bezug auf die
Atmung abzuhelfen. Außerhalb der Sängerkreise aber stießen die Grundsätze des
Buches, namentlich die Idee, daß das Atmen eine Kunst sei und daß man es lernen
müsse, ja daß man Atemgymnastik treiben könne, im Publikum teils auf
mitleidiges Lächeln, teils auf offenen und versteckten Hohn, bei der Mehrzahl
der Ärzte aber teils auf vollkommene Passivität, teils auf entschiedenen
Widerstand.
Wie sehr hat sich in diesen fünfzehn Jahren die Sachlage
geändert! Heute hat sich in weiten Kreisen die Überzeugung Bahn gebrochen, daß
die Regulierung und Kultivierung des Atmungslebens nicht ein törichtes und
überflüssiges Beginnen, sondern ein zur Erhaltung, bzw. Wiedererlangung der
Gesundheit äußerst geeignetes Hilfsmittel ist. Die Atemgymnastik ist in vielen
Schulen eingeführt, in den meisten Sanatorien als wichtiger Heil- und
Entwicklungsfaktor außerordentlich geschätzt; verschiedene Bücher über Atmung
und Atemgymnastik, die alle mehr oder weniger offenherzig auf Kofler fußen,
sind erschienen und zahlreiche Lehrkräfte wirken für die Verbreitung der
Atemkunde, teils im Anschluß an die Ausbildung der Stimme, teils in Verbindung
mit andern Übungen zur Kultur des Körpers.
... Was die Einatmungstätigkeit anlangt, so hat Leo Koflers
Darstellung der vereinten Tätigkeit aller Atmungsmuskeln der im Gesangfach über
diesen Punkt herrschenden Unsicherheit ein Ende gemacht und mit dem bis dahin
üblichen »Methoden«schwindel gründlich
aufgeräumt. Sie ist bisher, als auf streng physiologischer Basis beruhend,
weder von fachtechnischer, noch von wissenschaftlicher Seite bestritten worden,
sondern allgemein als richtig anerkannt und hat sich auch in der Praxis als
äußerst förderlich für die Gesundheit wie für die Elastizität der Stimmbänder
erwiesen. Es würde zu weit führen, wollten wir hier nur das in dieser Richtung
zu unsrer Kenntnis gelangte Material anführen. Jedenfalls ist die Atmung berufen,
auch auf therapeutischem Gebiet in Zukunft noch eine große Rolle zu spielen.
Einem weiteren Rückblick resümiert Schlaffhorst die anfänglichen
Probleme, die einer Klärung näher gebracht werden mußten:
Aber auch über das rein körperlich Wahrnehmbare der Atmung
herrschten vor dreißig Jahren und herrschen zum Teil vielleicht auch heute noch
die widersprechendsten Ansichten in der Wissenschaft. Ob Hoch- oder Tief-,
Flanken-, Zwerchfell- oder Bauchatmung; ob die Frau diesen oder jenen Typus aus
physiologischen Gründen haben müsse oder dürfe; ja, ob das Korsett nützlich
oder schädlich oder gar notwendig; ob Nasenatmung beim Sprechen und bei schnellen
Bewegungen möglich sei — mit solchen und ähnlichen Fragen mußten wir uns damals
ernsthaft herumschlagen.
Die Gymnastin Hedwig Kallmeyer hatte zu Beginn des 20.
Jahrhunderts ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie schrieb rückblickend, indem sie
sich an das Buch von Paul Schultze-Naumburg über „Die Kultur des weiblichen
Körpers als Grundlage der Frauenkleidung“ aus dem Jahr 1901 erinnert: Es
zeigte an der Hand vieler Bilder in erschreckender Weise die Schädigungen des
Frauenkörpers durch das Korsett. In eine wahre Folterkammer gewährte dieses
Buch Einblick. Der deutsche Frauenkörper war in einer geradezu trostlosen
Verfassung. Ich empfand, daß die Reform der Frauenkleidung allein nicht
imstande sein würde, die Frau aus ihrer Not herauszuführen. Gymnastik und besonders
Atemschulung mußten hinzutreten.
1906 ging sie zu Geneviève
Stebbins nach New York, um bei ihr Gymnastik, Stimmbildung und Vortragskunst zu
studieren. Für Stebbins war die Atmung das A und O. Sie wollte die
Durchgeistigung des Menschen und eine Brücke schlagen zwischen Körper und
Geist. Atmung, das Geistigste im Körperlichen, sollte die Verbindung schaffen.
Als Kallmeyer erfüllt von diesen Ideen nach Deutschland zurückkam, wagte sie es
nicht, wie sie später schrieb, diese Dinge in ihrem vollen Umfange zu
lehren, denn die meisten Menschen hätten mich nicht verstanden.
Anders Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst. Sie hatten
nicht nur den Mut zum Ablegen des Korsetts, von dessen „Sicherheit“ sich
Schlaffhorst zunächst nur ungern trennen wollte, sondern auch dazu, im
Unterricht diesen Brückenschlag zu wagen. In der Öffentlichkeit wurde davon
jedoch noch nicht viel sichtbar. Hier stand der hygienische Aspekt der Atmung
im Vordergrund, der erste etwa auf 1900 datierbare Werbezettel pries an:
· Erlernung der natürlichen,
auf vereinter Thätigkeit aller Atmungsmuskeln beruhenden Einatmung.
· Atemübungen zur Stärkung der
Lungen und zur Erweiterung des Brustumfanges. Ärztlich verordnet gegen
Bleichsucht, allgemeine Nervosität, speziell nervöse Herz- und Magenleiden,
Lungenleiden, Asthma,
Verdauungs-Störungen.
· Übertragung der richtigen
Atmungsthätigkeit auf Sprache und Gesang.
· Kunstgemäße
Beherrschung der Ausatmung als Basis
der Tonerzeugung. Wiederherstellung kranker, durch Überanstrengung und
unnatürliche Atmung verdorbener Stimmen. Behandlung von Sprachfehlern, Stottern
etc.
Eine Aufgabenteilung zwischen Andersen und Schlaffhorst ist
annehmbar; Andersen, die zumindest in Berlin als Erste die Berufsbezeichnung
einer Lehrerin für Athem-Gymnastik führte, wird sich um die natürliche
Einatmung, Schlaffhorst als Gesangslehrerin um die kunstgemäße Ausatmung der
Schüler gekümmert haben.
Hedwig Andersen war dann diejenige die erkannte, daß die
Erlernung der physiologischen Atmung nicht erst beim Erwachsenen einsetzen
dürfe, also als Therapie krankhafter Erscheinungen, sondern bereits bei der
Erziehung zu Hause wie in der Schule einsetzen müßte. Diese schon 1898
aufgestellte Forderung lief aber an den Möglichkeiten der Zeit vorbei, denn wer
hätte diese Unterweisung leisten sollen. Sie selbst stellte 1915 fest:
so wächst es [i.e. das Kind,
RK] heran, ohne wahres inneres Leben, behaftet mit den traurigen Folgen der
Mundatmung und mit einer Schlaffheit der innern Muskeln, die zahlreiche
körperliche Leiden und jene geistige Schwerfälligkeit im Gefolge hat, die die
Verzweiflung der Lehrer bildet.
Gegen diese Vernachlässigung bilden die Atemübungen,
wie sie in der Schule zwischen den Stunden gemacht werden, kein genügendes
Gegengewicht, zumal sie allermeist falsch, d.h. mehr mit äußeren als mit
inneren Muskeln gemacht werden und infolgedessen nicht entfernt den Erfolg
haben können wie Atemübungen, wenn sie richtig gemacht werden.
Konsequenterweise wurde von Anfang an auch immer wieder der
Wunsch ausgesprochen, daß die ErzieherInnen und LehrerInnen sich mit der Atmung
mehr auseinandersetzen sollten. Schließlich entstand daraus die Idee für ein
Kinderheim und eine Schule. Doch dazu später.
Wenn bisher als Akteurin vornehmlich Hedwig Andersen
erschien, so liegt dies vornehmlich daran, daß Clara Schlaffhorst erst 1920 mit
einem eigenen Aufsatz an die literarische Öffentlichkeit trat. Einer der
ältesten von Schlaffhorst überlieferten Briefe beweist aber, daß sie ebenfalls
schon zu Beginn des 20. Jh. über ihre später immer wieder aktualisiert
formulierten Ideen Gedanken gemacht hatte. Da der Brief noch in den 30er Jahren
abschriftlich unter den Ausbildungsschülerinnen kursierte. Mag man in ihm eine
Art frühen Vermächtnisses sehen. Sie schrieb ihre „Gedanken über Kunst und
Künstler“ im Jahre 1906 an eine Schülerin (Frl. Cantor):
Der singende Mensch ist durch
seine Stimme von der Natur gekennzeichnet als ein Individuum, in welchem Kräfte
latent ruhen, die der Entwicklung fähig sind, wenn der moralische, physische
und geistige Mensch diese erträgt. Diese Entwicklung erfordert in erster Linie
eine vollständige Umwertung und Umwandlung aller physischen und damit geistigen
und seelischen Funktionen. Der Mensch, besonders derjenige, der mit schöner
Stimme begabt, wird gerade durch das, was ihm zum höchsten Segen gereichen
sollte, was ein gütiges Geschick ihm unverdientermaßen in den Schoß gelegt, zum
selbstsüchtigen, eitlen, oberflächlichen Geschöpf, wenn er nicht noch beizeiten
über sich und seine Fähigkeiten erwacht und instinktiv oder bewußt empfindet,
daß sein Naturgeschenk nicht in allen Punkten ideal beanlagt ist und daß er
durch den Beifall der Menge nicht befriedigt wird. In dem Moment fängt er an
nachzudenken; er sucht und findet stets einen Menschen, Freund und Lehrer, der
ihn auf den richtigen Weg leitet. Hat er dann einmal die Augen aufgetan und
lernt er einsehen, worauf es im letzten
Moment beim Sänger ankommt, auf die höchste Entwicklung der technischen Mittel
(Atem - Stimme und Artikulation) zur Erreichung der kleinsten künstlerischen
Leistung, dann erst geht ihm zum ersten
Mal die Idee auf, daß er nicht die Technik dazu erlernt, um seine Gedankenwelt
der Außenwelt zu vermitteln, das wäre Verstandesarbeit, sondern daß er sie als
notwendige Brücke zu seinen geheimsten inneren körperlichen, seelischen und
geistigen Fähigkeiten braucht, damit diese genährt, gereinigt werden und sich
zu der Größe entwickeln können, nach der sie sich sehnen. Mit diesem Moment ist
jedes oberflächliche Sängertum abgestreift wie eine äußere Hülle, in welcher
der Mensch so lange gesteckt, oft „der Not gehorchend, nicht dem inneren
Triebe“ und er ist ein Künstler in des Wortes höchster Bedeutung. Als solcher
gibt er jeder, auch der kleinsten Leistung eine persönliche Note, durch die er
sich von seinen singenden Kollegen unterscheidet, die nur nachahmen, statt
innerlich zu durchleben, nur nachbilden, statt selbst zu erzeugen [vermag].
Diese Gedanken setzen ein ganzheitliches Menschenbild
voraus. Die Verbindung von der Stimme mit von dieser ausgehenden
entwicklungsfähigen Kräften wird gesehen. Besonders wichtig erscheint mir die
Einschätzung der technischen Mittel von Atem, Stimme und Artikulation, deren
Wert sich nicht in Äußerlichkeiten zeigt, die beklatscht werden können, oder
der Selbstdarstellung dienen sollten, sondern sie werden als Brücke der sich
entwickelnden körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten gesehen. Kunst
auf dieser Stufe ist dann das eigene kreative Schaffen und Erleben.
[***Verbindung zu Kunsterziehungsbewegung***]
Wie sah der Weg aus, den Clara Schlaffhorst und Hedwig
Andersen für alle Menschen gleichermaßen gangbar fanden. Darüber schreiben die
Damen leider selten explizit. Es ist die je individuelle Suche nach der „Natur
in uns“ und ihrem Gesetz. Schlaffhorst und Andersen fanden diese Natur bei den
meisten Menschen durch äußere wie innere Einflüsse und Zwänge verschüttet.
Durch Erspüren und damit ins-Bewustsein-Heben der Regenerationskräfte und des
rhythmischen Prinzips ‑ wie man heute vielleicht für Natur und Gesetz sagen
würde ‑ erschlossen sich Schlaffhorst und Andersen selbst völlig neue Welten.
Sie entdeckten dabei komplexe Wechselwirkungen zwischen Atmung, Stimme,
Bewegung und der leiblich-seelischen Empfindung bzw. Entwicklung sowie der
Freisetzung kreativer Fähigkeiten. Mit Hilfe der von ihnen erprobten Übungen
führten sie ihre SchülerInnen auf demselben Weg. Es würde den Rahmen des
Vortrages bei weitem sprengen und wäre anmaßend, wollte ich hier das Konzept
detaillierter darstellen. Zur Erreichung war ein weitgehendes Einlassen der SchülerInnen
notwendig. Schlaffhorst schrieb darüber:
Das ganze äußere Leben mit
seinen Gewohnheiten in Nahrung und Kleidung, in Arbeit und Spiel, in Bewegung
und Ruhe, in Haus und Schule, in Rede und Gesang muß auf eine viel schlichtere,
einfachere Grundlage gestellt werden; muß vom rein Intellektuellen weiter ab
und in die Natur tiefer hinein geführt werden als bisher.
Die Abwendung vom Intellektuellen als vom Willen Beeinflußten
und damit potenziell Unnatürlichen stellt dann auch das pädagogische
Grundkonzept dar. Schlaffhorst begrüßte dann auch die mannigfachen Reformen im
Schulwesen, die Einführung von Spiel, Sport, Tanz, Turnen, Wandervogelbewegung
usw. Nach ihrer Beobachtung zielte alles darauf hin, der einseitigen Ausbildung
in allen geistigen Disziplinen auch eine ausgleichende Bildung des Körperlichen
hinzuzufügen. Ja, es hatte längere Zeit fast den bedrohlichen Anschein, als
würde man nun aus einem Extrem ins andere fallen und sich ganz in der Betonung
des Körpers verlieren, wie es früher mit der Bildung des Geistes geschehen war.
Doch verlören alle diese Bestrebungen viel von ihrem Nutzen, weil dabei weder
die Atembewegung beachtet wird, noch der Rhythmus der äußeren und inneren
Muskeln ein richtiger ist. Würde das der Fall sein, so wären alle diese Reformen
ein ganz hervorragendes Mittel zur Erziehung der Natur im Gegensatz zur
Erziehung des Menschen.
Es ist schon etwas Besonderes um unser Werk und um die
Auffassung, die uns eingehämmert wird. Manchmal dünkt sie einem zu schwer ‑ zu
gehalten. aber Kunst ist so und es gab wohl lange keine Stätte, wo so um das
Wesen, um den Kern des Schöpferischen gerungen wurde: als Schule. Die
meisten, die herkommen, kommen nicht um dieses Sinnes willen ‑ sondern einfach
um normal atmen zu lernen ‑ besser zu sprechen ‑ freier zu singen. Die Gedanken
fassen darum das, was dahinter steht, so schwer und die meisten legen es noch
falsch aus. Wie schwer ist es selbst uns, und wird es uns oft
noch, die wir auch nicht kamen, um dieses inneren Sinnes willen. Wennschon wir
jetzt getragen sind davon. [Brief von Ottmer, 1939]
Innere Entwicklung der Schule Schlaffhorst-Andersen versus
verschiedene Zielgruppen: Kranke ‑ Kinder ‑ Künstler
Lange habe ich in den letzten Tagen mit mir gerungen, ob und
wenn ja welche ‑ wenn Sie so wollen ‑ zukunftsweisenden Perspektiven ich aus
der Beschäftigung mit der Geschichte von Schlaffhorst-Andersen heraus
formulieren sollte, denn Geschichte sollte nicht nur als Selbstzweck betrieben
werden, sondern auch einen Gegenwartsbezug haben. Das fällt bei einer noch
bestehenden Institution ‑ wie dem Werk Schlaffhorst-Andersen ‑ leichter, als
bei der Beschäftigung mit Themen ohne Kontinuität. Im Mittelpunkt meiner
Überlegungen stand dabei die Frage, ob der Schulleitung zu empfehlen sei, sich
über die Ausbildung von Atem- Stimm- und Sprechlehrern hinaus stärker zu
engagieren, als man dies bisher tut.
Im historischen Rückblick zeigt sich, daß es eine Reihe von
Unterschieden zwischen der Schule von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen
und dem heutigen Ausbildungsbetrieb der Schule Schlaffhorst-Andersen gibt.
Ein grundlegender Unterschied besteht vor allem hinsichtlich
der Zielsetzung der Schulen. Heute ist das Ziel / Hauptanliegen, qualifizierte
Ausbildung anzubieten und so individuelle Voraussetzungen für einen
erfolgreichen Berufseinstieg der AbsolventInnen zu schaffen. Sie ist dabei als
staatlich anerkannte Ersatzschule an die Verordnung über die Berufsbildenden
Schulen (BbS-VO) und deren Ergänzungsbestimmungen (wozu u.a. die Stundentafel
gehört) gebunden.
Ganz anders stellte sich dies in Berlin, Rotenburg oder
Hustedt dar. Die Zielsetzung ist weitaus schwerer zu fassen. Darauf werde ich
noch zu sprechen kommen. Fest steht allerdings, daß die Ausbildung von
Lehrerinnen erst in Hustedt ‑ besonders nach der Übernahme der Trägerschaft
durch die Gesellschaft der Freunde ‑ in den Vordergrund trat.
Es ist noch längst nicht alles geschafft, doch ich denke und
hoffe, daß ein wesentlicher Schritt getan wurde.
Zum Abschluss möchte ich eine dringende Forderung aufstellen.
Sie richtet sich an alle Interessentengruppen innerhalb des Gesamtwerkes
Schlaffhorst‑Andersen: die Ausbildungsstätte in Bad Nenndorf mit dem CJD, als
dem dahinterstehenden Ausbildungsträger, den Berufsverband der Atem-, Sprech-
und Stimmlehrer (ehemals Lehrervereinigung) und den Freundeskreis der Schule
Schlaffhorst-Andersen.
Ende Vortrag am Ende der Arbeit (Kröger)
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