Vorträge Schlaffhorst und Andersen 1922, 1924 und 1926
Clara Schlaffhorst
Die Bedeutung
der Atmung.
Vortrag bei der Tagung für Körperschulung in Berlin (7. Oktober 1922)
[77] Dies ist
nun freilich nicht damit getan, daß man eine Verordnung erläßt, wonach alle
Tage 10 Minuten lang Atemübungen gemacht werden sollen. Diese Verordnung hat
seinerzeit mehr geschadet als genützt und konnte auch nichts nützen, weil die
Atemübungen falsch gemacht wurden. Weder Lehrer noch Schüler wußten, wie man
Atemübungen macht. Es ist ein schwerer Irrtum, wenn man unter Atemübungen nur
willkürlich vertiefte Einatmungen versteht; davon wird die Atmung des einzelnen
nicht besser, sondern das Unnatürliche wird nur noch gesteigert. Gewiß ist es
nötig, dem Blut mehr Sauerstoff zuzuführen, aber dies kann erst erreicht
werden, wenn das viel Wichtigere geschieht: nämlich daß die Kohlensäure aus der
Lunge entfernt wird. Bekanntlich ist die Kohlensäurestauung die Grundursache
der meisten Krankheiten. Die unwillkürliche Entleerung der Lunge ist aber fast
bei keinem Menschen in genügendem Maße vorhanden, und die willkürliche ist eine
Kunst. Diese Kunst kann nicht durch willkürlich vertiefte Einatmung erlangt
werden, sondern allein durch willkürlich geregelte Ausatmung. Solche
Ausatmungsübungen bewirken sowohl die genügende Entleerung der Lunge und die
langsame Abspannung des Zwerchfells, als auch die der Ausatmung folgende
Ruhepause des Atmungsapparates und drittens den aus der Ruhepause hervorgehenden
unwillkürlichen Impuls für eine bis
an die Peripherie gehende Zusammenziehung des Zwerchfells mit verzehnfachter
Sauerstoffzufuhr bei der Einatmung. Damit ist der natürliche Lebensrhythmus
hergestellt.
Es dürfte sich also, wenn Atemübungen gemacht werden, nur um
solche Übungen handeln, die durch Einschaltung von Hemmungen die Ausatmung
verlangsamen. Die Natur hat uns einen solchen Hemmungsapparat in idealster Form
in den Organismus hineingebaut. Es ist die Stimme.
Sie hängt untrennbar mit der Atmung zusammen, und die Natur
zeigt uns das durch den Schrei bei der Geburt. Aber auch bei der dem Schrei
vorangehenden Einatmung ist ein antagonistischer Zusammenhang vorhanden. Das
Zwerchfell zieht sich zusammen — die Stimm[78]bänder werden gedehnt. Damit ist das Tor für die
Einströmung des göttlichen Odems geöffnet; dies ist der Auftakt des
Lebensrhythmus. Beim unmittelbar darauffolgenden Schrei, der die Betonung des
Lebenswillens darstellt, ziehen sich die Stimmbänder zusammen, und das
Zwerchfell dehnt sich aus. Dieser Ausdehnung sowie der gleichzeitigen
Zusammenziehung der Lunge setzen die Stimmbänder durch ihre Spannung beim
Schrei einen kräftigen Widerstand entgegen.
Abgedruckt in: (gekürzt) Pallat,
Ludwig / Hilker, Franz (Hg.): Künstlerische Körperschulung. Breslau 11923,
71-80
Clara Schlaffhorst / Hedwig Andersen
Vortrag bei
dem Lehrgang für Jugendpflege
Wegscheide bei Bad Orb, d. 8.8.1924
[93] Niemals
darf der Mensch mit seinem Willen der
Natur in den Arm fallen, dem Sauerstoffhunger = Impuls des Blutes vorgreifen,
in dem er den Anstoß, den Befehl zur
Einatmung gibt.
Er stört damit das harmonische Zusammenarbeiten von Blut und
Nerven, Körper und Geist. Die Einatmung ist Gnade,
nur das Blut weiß, wann der richtige Augenblick für die Erneuerung des Odems
gekommen ist und wieviel Sauerstoff
in diesem Augenblick nötig ist.
Wohl aber hat der Mensch es in der Hand, für Erhöhung des
Sauerstoffbedürfnisses zu sorgen, um auf diesem Umwege die Natur zu tieferer
Einatmung anzuregen und zu zwingen. Auf verschiedene Art kann man dies
erreichen, darüber will ich Ihnen nachher beim praktischen Arbeiten näheres
sagen. Die einfachste und natürlichste Art aber ist die, daß man der Ausatmung
eine Hemmung entgegensetzt. Hierbei kann der Wille des Menschen ohne Schaden in
Tätig[94]keit treten
und die Natur weist uns selbst den Weg dazu durch den Schrei, der bei der
Geburt sogleich nach der ersten Einatmung erklingt. Der Schrei schließt das Tor
für die ein- und ausströmende Luft — die Stimmritze — so fest, daß das allzu
schnelle Entweichen der eben eingeatmeten Seele verhindert wird.
Diese Stimmbetätigung, dieser Widerstand gegen die Ausatmung,
ist dem neugeborenen Wesen Lebenswecker und -erhalter und bewirkt, dass das
Zwerchfell bei der Ausatmung nicht nur einfach
erschlafft, sondern sich langsam abspannt. Durch diesen Widerstand kräftigt
sich die Muskulatur der Lunge und des Zwerchfells, und diese beiden Organe sind
es einzig und allein, die es dem
kleinen Wesen möglich machen, all die Lebensgefahren zu überwinden, denen es ja
gleich nach der Geburt ausgesetzt ist.
Leider verliert
sich mit dem Aufhören des Schreiens später die Kraft dieser Organe und damit
die Kraft der Seele. ”Dass der
moderne Mensch nicht schreien darf, ist eine der verderblichsten Forderungen,
die er an sich selbst stellt”, sagt ein deutscher Dichter.
Die später beginnende Tätigkeit des Sprechens ersetzt den
Schrei in seiner Wirkung auf die Atmungsmuskulatur nicht im Entferntesten;
einen gleichwertigen, ja noch höher
zu bewertenden Ersatz kann nur der Gesangton bilden, und zwar auch nur der Gesang, der bei den verschiedenen
Tonhöhen die rhythmische Bewegung der Stimme berücksichtigt. [...]
Abdruck in: Atmung und Stimme
(1928), 91-95
Clara Schlaffhorst / Hedwig Andersen
Entwicklung
der gestaltenden Kräfte aus dem Rhythmus der Atmung.
Vortrag, gehalten beim Zentralinstitut für Unterrichtswesen, Berlin, 26.4.1926
Durch die Vernachlässigung der Atmung stellen wir uns aber außerhalb des Naturhaften in uns und können
uns nicht [99] wundern,
daß die Natur immer da, wo wir uns auf sie stützen wollen, versagt. Die Atmung
ist doch das Bindeglied zwischen
Geist und Körper, die Ernährerin der Seele. In diesem Sinne gebrauche ich das
Wort ”Seele”; das wollen wir hier zuerst
feststellen, damit wir uns bei unsern gemeinsamen Betrachtungen richtig verstehen
können.
Nicht die Seele als Psyche
gedacht, wie es meist geschieht, als Inbegriff des Denkens, Fühlens, Wollens
vom Menschen aus, sondern Seele als Odem, der in der Einatmung Wecker des Lebens ist; als Hauch in der Ausatmung; Seele als Pneuma. So nannten es die Griechen, die
also wohl unterschieden zwischen beiden Begriffen von Seele. In der
Ausdrucksweise der Bibel ”der göttliche Odem”, der dem Menschen bei der Geburt
eingeblasen wird und ihn zur lebendigen Seele macht, der ihn beim Tode mit dem
letzten Seufzer verläßt. ”Die Seele entflieht”, sagt der Volksmund ganz
richtig.
Meine sehr geehrten Zuhörer, diese ”Seele” wird bei der Erziehung und bei all den heutigen Ertüchtigungsversuchen
noch vollständig vernachlässigt und grausamer mißhandelt als je zuvor. Bei
geistiger Beschäftigung schlummert die Atembewegung durch die sitzende
Körperhaltung einfach ein, bei körperlicher
Beschäftigung und Bewegung wird sie angepeitscht, aber beachtet wird sie auch hierbei nicht; es wird dem Zufall überlassen, ob sie richtig oder
falsch, ob sie natürlich oder unnatürlich ist, ob sie die geforderte Motorkraft
überhaupt leisten kann, und ob die Atmungsorgane
dabei gekräftigt oder geschädigt werden.
Abdruck in: Atmung und Stimme
(1928), 96-112
Ende Vorträge Schlaffhorst und Andersen 1922, 1924 und 1926
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