Historisches

Briefe von Clara Schlaffhorst

 

 

An Frl. Cantor + Auszüge an Schülerinnen

Clara Schlaffhorst

an Fräulein Cantor

Friedenau

1906 01 30

Druck: Mitteilungen, Heft 2 (1981), 8-9 [der Brief wurde später an die Schüler verteilt]

Friedenau, den 30.1.06

Gedanken über Kunst und Künstler, angeregt durch Fräulein Cantor. In jedem Sänger ruht ein Künstler heißt so viel als: Der singende Mensch ist durch seine Stimme von der Natur gekennzeichnet als ein Individuum, in welchem Kräfte latent ruhen, die der Entwicklung fähig sind, wenn der moralische, physische und geistige Mensch diese erträgt. Diese Entwicklung erfordert in erster Linie eine vollständige Umwertung und Umwandlung aller physischen und damit geistigen und seelischen Funktionen. Der Mensch, besonders derjenige, der mit schöner Stimme begabt, wird gerade durch das, was ihm zum höchsten Segen gereichen sollte, was ein gütiges Geschick ihm unverdientermaßen in den Schoß gelegt, zum selbstsüchtigen, eitlen, oberflächlichen Geschöpf, wenn er nicht noch beizeiten über sich und seine Fähigkeiten erwacht und instinktiv oder bewußt empfindet, daß sein Naturgeschenk nicht in allen Punkten ideal beanlagt ist und daß er durch den Beifall der Menge nicht befriedigt wird. In dem Moment fängt er an nachzudenken; er sucht und findet stets einen Menschen, Freund und Lehrer, der ihn auf den richtigen Weg leitet. Hat er dann einmal die Augen aufgetan und lernt er einsehen, worauf es im letzten Moment beim Sänger ankommt, auf die höchste Entwicklung der technischen Mittel (Atem - Stimme und Artikulation) zur Erreichung der kleinsten künstlerischen Leistung, dann erst geht ihm zum ersten Mal die Idee auf, daß er nicht die Technik dazu erlernt, um seine Gedankenwelt der Außenwelt zu vermitteln, das wäre Verstandesarbeit, sondern daß er sie als notwendige Brücke zu seinen geheimsten inneren körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten braucht, damit diese genährt, gereinigt werden und sich zu der Größe entwickeln können, nach der sie sich sehnen. Mit diesem Moment ist jedes oberflächliche Sängertum abgestreift wie eine äußere Hülle, in welcher der Mensch so lange gesteckt, oft ,,der Not gehorchend, nicht dem inneren Triebe“ und er ist ein Künstler in des Wortes höchster Bedeutung. Als solcher gibt er jeder, auch der kleinsten Leistung eine persönliche Note, durch die er sich von seinen singenden Kollegen unterscheidet, die nur nachahmen, statt innerlich zu durchleben, nur nachbilden, statt selbst zu erzeugen. ,,So erzeugt und gebärt und ernährt sich das Göttliche im Geist: so durch den Geist in der Seele, so durch die Seele in dem Leib; der Leib ist die Kunst, ‑ sie ist die sinnliche Natur in’s Leben des Geistes erzeugt.“ ,,Im Denken des Denkens lebt die Gottheit“, (Plato) und dies Fünkchen Gottheit lebt in jedem Menschen, kommt aber bei den wenigsten Menschen zur Entwicklung und selten oder nie zur vollen Entfaltung. Das bleibt wohl erst den Höhenmenschen der Zukunft, von denen geniale Geister träumen, überlassen. Wir alle sind aber in die Welt gesetzt, um eine Brücke zu schlagen zwischen Vergangenheit und Zukunft, indem wir an der Vervollkommnung der von Hause aus schwachen Kreatur arbeiten durch Lehre, Beispiel und Vorbild. Alles, was wir durch Vererbung, Anpassung und Gewohnheit in den Menschen vorfinden, muß umgewandelt und umgewertet werden, damit es höhern Zwecken dienstbar gemacht werden kann.

,,Und umzuschaffen das Geschaffne,

Damit sich’s nicht zum Starren waffne,

Wirkt ewiges, lebendiges Tun.

Und was nicht war, nun will es werden,

Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;

In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,

Erst sich gestalten, dann verwandeln;

Nur scheinbar steht’s Momente still.

Das Ewige regt sich fort in Allen;

Denn alles muß in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.“

Goethe

Der bei einem Individuum von Natur aus beanlagte Teil verfällt dem Gesetz wie es Goethe als Prinzip aufstellt, zuerst. Darum absorbiert er für’s Erste alles, was ihm an neuen Kräften und Werten zugeführt wird. Bei dem einen ist es das Gemüt, beim andern der Verstand, beim dritten die Vernunft, beim vierten die Seele, beim fünften der Körper usw. - Erst wenn er sein Teil fort hat, d.h. wenn er lebensfähig geworden ist, verlangt es ihn nach den Dingen, die ihm von Natur karg zugemessen oder gar ganz versagt sind. Jede dieser einzeln auftretenden Anlagen ist eher ein Hindernis, um zur eigentlichen Naturkraft durchzudringen als ein Förderungsmittel. Und doch sind es jedes für sich künstlerische Qualitäten, die aber leicht, wenn sie einseitig auftreten und nicht mit Geist durchdrungen werden, gefahrbringend auch selbst einem von Gott begnadeten Künstler sein können. Nur derjenige Künstler, der trotz dieser Fähigkeiten zum Geist durchdringt ist sicher, daß er allseitig, allumfassend und allbeherrschend schafft und so in die tiefsten Probleme seiner Selbst d.h. seiner Natur eindringt. Durch den Geist gelangt er zur Erkenntnis, daß seine Natur entwicklungsfähig ist und zwar am ehesten vom Musikalischen aus, denn die Liebe zur Musik wurzelt in den verborgensten Zellen seines Innenlebens; er lernt durch das Erfassen der poetischen Idee seine ganze mächtige Empfindungswelt ausleben. Dadurch wird die Seele in rhythmische Bewegung versetzt; diese pflanzt sich vom innern Ohr aus geleitet bis auf den Stimmapparat fort, welcher der Träger unseres Innenlebens wird.

,,Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,

Im Kreis das All am Finger laufen ließe!

Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,

Natur in sich, sich in Natur zu hegen,

So daß, was in ihm lebt und webt und ist,

Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermißt.“

Goethe

Dieses Innenleben ist die unterste Note jeder künstlerischen Persönlichkeit, die Gedankenwelt die oberste Note; je mehr wir die Erstere steigern und sie bis zur Gedankenwelt und Phantasie hinauf entwickeln, desto mehr wächst die Größe der Persönlichkeit. (Dahin können nicht alle Menschen oder resp. Sänger kommen.> Es gibt somit wieder die Empfindungswelt allein einer Leistung etwas Persönliches, noch die Gedankenwelt. Nur beides zu einer Kraft vereint gebiert die Persönlichkeit und erzeugt Wirkungen, wie wir sie eigentlich nur im Ideal erklingen hören.

Mein unermüdliches Arbeiten an der Schaffung zweier Registerformen hätte nur seinen Zweck erfüllt, wenn wir durch sie befähigt würden, diese beiden Pole zu wecken und sie dann zu vereinen. Ich sah in der letzten Stunde, daß mir dies bei Ihnen nur bis zu einem gewissen Grade gelungen, der noch nicht ganz ausreichend ist. Am meisten merke ich es an der innersten Quarte, die noch nicht richtig sitzt. Ich hoffe durch Erweiterung Ihrer Technik noch tiefer In das Innerste Ihrer Lebensader einzudringen, damit ihre Strömung Sie belebt und Ihr träge fließendes Blut in Wallung bringt. Denn nur die geheimsten Ursachen erzielen offenbare Wirkungen. Da Sie, liebes Fräulein Cantor, wie mir Ihre letzte Leistung bewies, über diese und ähnliche Dinge schon selbst angefangen haben, nachzudenken, so hoffe ich, daß diese Zeilen Sie zu weiterem Forschen nach der Lösung der Rätsel, die in jedes Menschen Natur liegen, anregen Dann arbeiten wir mit vereinten Kräften auch nach dieser Richtung und bewirken, daß auch nicht ein Fleckchen in Erstarrung zurückbleibt, sondern alles in Ihnen mit Geist durchströmt wird.

,,Denn alles muß in Nichts zerfallen,

Wenn es im Sein beharren will.“

Ihre Ihnen treugesinnte

Clara Schlaffhorst

 


Clara Schlaffhorst

an Ilse Krüger (Auszug)

 

1920

Druck: Mitteilungen, Heft 12 (1985), 16

... Das ahnte ich nie, daß mein ganzes vollendetes Kunstideal zu seiner Verwirklichung so das Herz brauchte! Sie waren die Erste, bei der es mir zu dämmern anfing, wozu das Herz fähig war. Sie sangen mit Ihrem Herzblut; aber natürlich, ohne auch nur ‑ den Laien wenigstens ‑ die geringste Offenbarung zu bringen. Mir genügte es aber um den ersten bewußten Anstoß für weiteres Forschen nach dieser Richtung zu geben. Und so hat sich, seit der Zeit da Sie in meinen Gesichts-, Gehör-, Gefühlskreis traten, eine Richtung angebahnt, die die herrlichsten Früchte gezeitigt hat und noch zeitigen wird. ...

 


Clara Schlaffhorst

an Ilse Toepfer

 

1927 12 25

Druck: Mitteilungen, Heft 5 (1982), 1-2

Wo glauben Sie denn, daß die Stimmkräfte herkommen ‑ die andere bei Ihnen, und Sie bei den Mitschülern wachsen sehen? Der Singeverstand, den ich durch meine Theorien schule, lehrt wohl mit der Stimme umgehen, aber die Stimmkraft selbst kommt nie aus Büchern. Kann jemand trotz aller Bücher, die seit Nehrlich, Schmitt, Hey, Stockhausen, Lilli Lehmann geschrieben sind, aus ihnen singen lernen? Singen ist eine Gabe Gottes, und die Quelle, aus der die Musik strömt, eine himmlische, sofern sie unbewußt fließt. Das Sehnen der Menschheit, soweit sie nicht nur Essen und Trinken liebt, geht diesem Ziel entgegen, weil in ihm das Gesetz, die Freiheit, die Ewigkeit ruht. Der einzelne Mensch, solange er ans Zeitliche gebunden ist, hat Grenzen, Grenzen im Wollen, Fühlen und Denken, somit kann er nicht einmal das Innerste, Göttliche ‑ die Stimme ‑ nach seinem Willen meistern. Er wird vor die Alternative gestellt, ‑ Entsagen oder Wachsen. Wer zum ersteren greift, in dem lebt keine Berufung, zu den höchsten Gütern des Lebens in sich selbst zu kommen; es bleibt ihm im besten Fall übrig, sich dieser an andern zu erfreuen, und nur für andere zu leben oder zu sterben. Wer aber daran glaubt, daß es ein Wachsen zu sich selbst gibt, der wird die Gelegenheit, wenn sie sich ihm bietet, mit Dank ergreifen, daran bis zum letzten Atemzug zu arbeiten. In der Entsagung liegt nur Demut, im Werden ein nie endender Kampf. Dieses Letztere ist ein Zustand der Gnade, das Erstere ist die Gnade, leben zu können auch ohne Hoffnung auf ein zu erreichendes Ziel. In dem Kampf um die höchsten Güter des Lebens braucht der Mensch Kraft, ungeheuer viel Kraft. Ist nun soviel Naturkraft in seinem Keimplasma enthalten, daß sie überschäumt, so kann sich diese nach einem rhythmischen Gesetz in Stärke umsetzen; aus beiden entwickelt sich gleichsam wie von selbst die Macht, ein Zustand zwischen Kraft und Stärke. Das ist ein sehr einfacher, unkomplizierter Prozeß, der in allen den Wesen zu finden ist, die in einem Gleichmaß gewissermaßen verharren. Total anders verhält es sich dort, wo Unnatur im Keimplasma enthalten ist, das sind Extreme, die sich von selbst nie zueinander hin finden. Da müssen, um sie dereinst zum Ausgleich und zur göttlichen Ruhe zu bringen, Anleihen an Kräfte gemacht werden, die unter- oder oberhalb der Gottnatur vorhanden sind. Dieses sind Kräfte, die im Geist (Über-) oder im Blut (Unter-), dem Menschen selbst unbewußt, ihr Wesen treiben. Sie zu vermenschlichen und sie der Gottnatur zuzuführen, ist eine Aufgabe, die man sich bei der Erziehung stellt. Bis jetzt geschah das unter dem Gesichtspunkt der Moral, Ethik, Religion, Astethik, Kunst, und geschieht heute in der Welt noch allerorten; allerdings mit dem Unterschied von ehemals, daß man, da es immer weniger gelingt, das Gesetz vorzu finden, aus dem heraus sich eine freie Entwicklung anbahnen kann, die Kreaturen sich einfach austoben läßt. Das nennt man dann modern, dazu findet jeder seine ichbewußte Form, die von der echten Schönheit so weit entfernt ist wie der Mond von der Sonne, und dann wird der Inhalt aufgepfropft, der jedem der liebste ist, das nennt man dann Kunst.

Von diesem Treiben haben wir beide ‑ Hedwig und ich ‑ uns, seit wir Aline Friede gehört haben, abgewandt und tun es auch heute noch, nicht nur den Leistungen der Außenwelt gegenüber, sondern auch unseren eigenen Schülern, wo wir nur eine Naslänge davon spüren. Diesen Weg verneinten wir und mit uns alle diejenigen, die eine Gewissensstimme in sich spüren. Wo aber einen neuen Weg finden?

Das große Gebiet der Atmung wies ihn uns, in ihm ruht wie eine Perle in der Muschel auf dem Grunde des Meeres der Rhythmus. Durch ihn erlebten wir ‑ das Phänomen der Natur in uns selbst, sie bauten wir durch den Odem bis zur Entwicklung des Pneuma aus. Diese vier Pfeile waren uns Stützen, durch die man voll Vertrauen in das Tor zu dem Unbekannten ‑ Unsichtbaren ‑ Geheimnisvollen der Lebensrätsel schreiten konnte. Mit verbundenen Augen, mit fliegendem Atem, herzbeklemmender Not und Sorge tappten wir uns Schritt für Schritt in die tiefste Nacht des dunkelsten Pfades, den je Menschen beschritten, hindurch.

Was es da durchzumachen gab, kann nie eine Feder beschreiben. Worte wurden auf den Lippen erstarren, wenn man es wagte, sie auszusprechen.

Licht kam in diese Finsternis erst, als die Stimme sich mit Kräften verband, die man wohl bisher oft als quälend empfunden, aber nie an eine Möglichkeit der Erlösung von ihnen gedacht hatte.

Licht kam und gab Hoffnung für die ganze Menschheit, die in ihrer dumpfen, ahnungslosen, körperlichen Schwere ächzt und stöhnt.

Licht kam daher, wo Leben war, das man als solches noch nie bewußt erlebt hatte. Wo kam es her? Aus der Lust des zum Leben ringenden Körperlichen in uns. Aus den beiden ungeheueren, mächtigen, triebhaften Kräften: Hunger und Liebe, oder Selbsterhaltung und Fortpflanzung, Egoismus und Altruismus. ‑

Diese Erkenntnis und ihrer sich bis auf den heutigen Tag wandelnden Folgeerscheinungen sind von unerhörter Bedeutung für das Fortschreiten nach oben bei der Entwicklung der Menschen. Nur diese Höhe, die aus der Tiefe steigt, und diese Tiefe, in der die Höhe gewissermaßen Wurzel schlägt, sind beide das einzige Wahre in der Welt der Erscheinungen.

 


Clara Schlaffhorst

an Gertrude Schümann (Auszug)

 

1938 04 28

Druck: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 15

28.4.1938

... Was glauben Sie denn, steht unser Ringen um die Erfüllung unserer Idee durch die Tat nicht in Gottes eigenen Händen? Ist nicht auch der kleinste Weg unserer großen Arbeit aus Seinem Geist erstanden? Kann es, wenn der Trotz des Schülers endlich in Gehorsam umgewandelt ist, ein anderes Ziel geben, als das, wonach Sie sich und mit Ihnen alle guten Deutschen sehnen, ein anderes sein, als wie es jeder von Euch unter Seinem Beistand erlebt? Das ja eben ist der einzige Beweis von der ewigen Treue zur Arbeit ‑ das Dienen für den Schöpfer. Mein Herz und das meiner Freundin leidet bebend täglich und stündlich, dass es nicht alle sind, die unsere Arbeit nur so und nicht anders erkennen und anerkennen. ‑ Dann nur wäre der Sieg über alles Gemeine möglich ...

 


Margarete Ottmer

an ihre Mitschülerinnen.

Hustedt-Jägerei

1939 10 16

Druck: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 10-11

Am 16.10.1939
Hustedt - Jägerei

Clara Schlaffhorsts Geburtstag!

Wißt Ihr noch im letzten Jahr der 75ste! Der Chor war da ‑ die Tschechei war unser ‑ unser Dirigent kam gerade aus dem Militärdienst zu uns.

Und diesmal                            Krieg.

Wochen der Spannung im vorauf. Eine Insel des Friedens ist Hustedt. Wenn nicht Radio und Post wären, was merkten wir ‑‑ ja ‑ doch. 10 Minuten kaum ‑ nein 4 Minuten von uns liegt der Flugplatz ‑ wir sind Gefahrenzone 1. Wie ein Damoklesschwert hängt dieses Wort über uns: Unser Anwesen ist beschlagnahmt ‑ Räumung wenn der Befehl kommt. ‑ 300 Soldaten liegen dort in Baracken, 1100 sollen in Bälde kommen. Man will abwarten, die Damen wollen nicht fort ‑ Frl. Schlaffhorst meint nirgends arbeiten zu können. Maria Bredow hat ihr Haus angeboten und wollte es dort möglich machen, die Schule weiter zu führen ‑ Aber nein, Schlaffhorst will nicht fort ‑ bis vor 8 Tagen hatte sie großen Mut ‑ beinah war es, als glaubte sie ‑ den Krieg bannen zu können ‑ die Stunden waren wunderbar ‑ streng ‑ wahnsinnig oft ‑ Stimmgesetz ‑ Luftaufnahme ‑Ton für Ton ‑ Wort für Wort ‑ doch seit 8 Tagen ist ihr Mut sehr wankend ‑ ihr Gedärme ist nicht zur Ruhe zu bringen. Sie hat Angst. In allen Dingen, in denen sie nicht Meisterin ist und ihr Geist sich dem Höchsten verbinden kann, ist sie die 76jährige Clara Schlaffhorst, die fassungslos ist der Wirklichkeit der Welt gegenüber. Und dennoch, im gegebenen Augenblick wird sie vielleicht auch darin noch Meisterin. Hoffentlich kommt die Räumung nicht so plötzlich, daß man in 2 Stunden raus muß. Andersen ist viel weltgewandter, sie möchte fort ‑ nach Rotenburg, packt auch schon. ‑ Und die Schule?? ‑ Anita ist in Sorge um ihre Verwandten. 10 Schiffe mit Deutschen aus Lettland sollen schon unterwegs sein. Ein grandioser Zukunftsplan ‑ aber wen es jetzt betrifft...

Man meint, die Welt ist noch nie so dunkel gewesen. Und dennoch! Wir arbeiten! Ihr dort ‑ wir hier. Es ist schon etwas Besonderes um unser Werk und um die Auffassung, die uns eingehämmert wird. Manchmal dünkt sie einem zu schwer ‑ zu gehalten, aber Kunst ist so, und es gab wohl lange keine Stätte, wo so um das Wesen, um den Kern des Schöpferischen gerungen wurde: als Schule. Die meisten, die herkommen, kommen nicht um dieses Sinnes willen ‑ sondern einfach, um normal atmen zu lernen ‑ besser zu sprechen ‑ freier zu singen. Die Gedanken fassen darum das, was dahinter steht, so schwer, und die meisten legen es noch falsch aus. Wie schwer ist es selbst uns, und wird es uns oft noch, die wir auch nicht kamen, um dieses einen Sinnes willen. Wennschon wir jetzt getragen sind davon. Aber die Darstellung im Leben und in der Arbeit, die man doch als Vertreterin geben müßte, hapert doch noch immer. Man will wohl immer noch zu viel Persönliches und ist zu abhängig von seinem ichgebundenen Ziel. ‑

Ja, heute ist Schlaffhorsts Geburtstag! Wie Ihr ihn wohl alle begeht? Wir haben ihr am Vorabend ,,Guten Abend, gute Nacht“ gesummt. Selbmann, Schü, Anita, Harling, Stampa, Gertz, Ottmer, Kühl, Lahusen, Seyd. Vorher am Abend haben wir aus dem Inselbüchlein von Ricarda Huch: ,,Quellen des Lebens“, ‘Die dreifache Kraft Gottes’ und ‘Über das Böse’ ‑ gelesen.

Schenck, Herr Lowes, Frl. Fette, Frau Lore Schöter, Schmittchen aus Braunschweig, Armin Proske sind noch da.

Heute morgen sang der Chor um ½ 8: ,,Befiehl du deine Wege“ (1, 2, 4), dann standen wir um 9 Uhr Spalier und sangen einen Kanon: ,,Wir gratulieren, liebes Fräulein Schlaffhorst“. Nach den Sprechübungen, die im festlichen gelben Zimmer gesprochen wurden, ‑ sogar Rosen standen auf dem Tisch und Veilchen ‑ ging’s an den Frühstückstisch. Geschmückt mit den roten Aronsbeeren, und vor jedem Platz stand eine Kerze. Wir durften nämlich nur eine Kerze anzünden! Da wollten wir jeder eine! ‑‑

So, Ihr Lieben ‑ nun kann Schü weiter erzählen. Schön daß sie da ist. Lebt wohl! Was wird sein, wenn der Brief bei jedem von Euch ankommt Ach betet, daß die Damen hierbleiben können oder den Mut fassen, an einen Ort zu gehen, an dem die Schule weitergehen kann.

Im Augenblick krankt die Hälfte von uns an Schleimhautzuständen oben und unten!! Man meint, es komme mit von dem Fett, was wir bekommen. ‑ Ach, das will man ja gern ertragen, wenn das furchtbare Ringen nicht weiterginge ‑ oder, wenn es weitergehen muß, die Stimmung im Volk stark bleibt, durchhalten zu wollen. Wie wenig Menschen sind doch da, die die innere Entwicklung und das Wachwerden als wichtiger anschauen wie die äußere Macht! Und dennoch, Vasall Englands zu werden ‑ brr, danke...

Goebel ist in einer Säuglings- und Entbindungsabteilung, Edith Schmidt pflegt in Preetz. Steiner geht es besser ‑ sie hatte eine Darmfistel und dann war ihr         Dünndarm an der Bauchwand angenäht, ‑ bei andern führe letzteres gar nicht immer zu Komplikationen ‑ aber unsere Arbeit kann keine Unnatur leiden. Sie stößt sie ab. ‑ Anita und Harling geben schöne Stunden. ‑ Seid nicht neidisch auf Gertz und mich. Wir hatten es dringend nötig und darum hat’s der liebe Gott uns gegeben. Ich wäre nicht hier ohne das Geld, was ich eigentlich zu einer Reise geschenkt bekommen habe (nach Belgien).

Viel liebe Grüße Euch allen von

Eurer Grete.

 


Clara Schlaffhorst

an Johanna Wiesike (Auszug)

 

1941 12 23

Druck: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 16

23.12.41

... Es scheint, als ob in uns Beiden die Zeit für uns selbst gekommen ist, nachdem wir unser ganzes Leben für andere da waren und unsere Kraft dem ,,Werk an sich“ gehörte. Mit dem schulgemäßen Arbeiten an dem Einzelnen konnte man schon fertig werden; aber damit war dem Werk noch nicht alles gegeben; sondern es hieß, das Schöpferische im Wesen zu finden und als solches der Erfüllung Tür und Tor zu öffnen. Da haben sich dann noch ganz andere Ziele aufgetan, für die wir erst einmal selbst leben sollen. Und so sorgt nun die Natur in uns, daß wir Muße finden, uns zu leben. Dazu braucht jeder Zeit für sich; diese neben all den andern Aufgaben zu finden, das ist nicht einfach. ...

 


Clara Schlaffhorst

an Johanna Wiesike (Auszug)

 

1942 07 16

Druck: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 16

16.7.42

Wir werden, so Gott will, hinterher alles wie ein Märchen empfinden. Denn wie Gräfin Bredow alles zur Tat hat werden lassen, wird für die Nachwelt wunderbar sein. Die Freude, daß die Mit- und Nachwelt die Schätze haben soll, die im ,.Werk“ leben, woran das ,,deutsche“ Wesen genesen soll und kann, übersteigt alle Schwierigkeiten, die turmhoch vor uns liegen.

 


Clara Schlaffhorst

an Gertrude Schümann (Auszug)

 

1942 12 25

Druck: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 15

Weihnachten 1942

Die Religion muß als roter Faden von Anbeginn durch das ganze Studium gehen. Darum meine Not mit Euch ‑ die Natur zu finden, die ohne Gottes Gnade nie in Erscheinung tritt. Von der ,,jungen Menschenseele“ verlange ich es nie, sondern Von der 1000 Jahre und mehr alten und doch jungen Naturseele. Denn deren Not ist übergroß, weil sie von all den Millionen Wesen und den durch sie gelebten Kulturen ‑ heute nur noch Zivilisation ‑ nie bewußt erlebt und vernunftgemäß behandelt wurde. Die größte Mühe hat man damit, die sogenannten ,,Menschen“ von ihrem selbst so hoch eingeschätzten Ich-Bewußtsein fort zu bringen ... Im Chor sind Wissenschaft, Religion und Kunst schon wirksam. Fehlen tut immer noch das eigentliche Handwerkszeug: Luft, Stimme, Laut und damit das Können.

 


Hedwig Andersen

an Elisabeth Goebel

Sielbeck-Schönborn

1945 05 24

Druck: Mitteilungen, Heft 21 (1989), 3-4

24.5.45

Sielbeck-Schönborn

Mein liebes Fräulein Goebel!

Trotzdem man ja noch immer keinen Brief absenden kann, muß ich doch heute an Sie schreiben, weil Sie mir durch das immer wiederholte Lesen Ihrer lieben Zeilen vom 11.3. so nahe sind, daß ich immer an Sie denken muß. Was ist seither alles geschehen, wie hat sich alles verändert! Und wie soll es nun weitergehen! Der allerseits so ersehnte Frieden ist nun da, aber wie sieht er aus! Was wird aus uns und aus unserer Arbeit. Wir hier in Holstein sind seit vielen Wochen von der Außenwelt ganz abgeschnitten, wenigstens was Post- und Bahnverkehr betrifft. Personenverkehr haben wir trotzdem reichlich, wenigstens soldatischen, denn ungefähr 180.000 Mann sind, größtenteils von See, d.h. Kiel her über unsere Gegend hereingebrochen. Sie sind hier in großen Lagern untergebracht, die aber nicht ausreichten, und so sind sie noch in alle umliegenden Dörfern verteilt und sogar auch in unser Obstgut bei Eutin.

Die Pfingsttage waren wüst infolgedessen, es kamen unzählige Soldaten, die nicht weiter konnten, immer ‑ ununterbrochen ‑ zogen ganz zusammenhängende Schlangen von Autos und daneben von wandernden Soldaten auf der Chaussee entlang, es war erschütternd, auch das Elend der armen Menschen, die zum Teil gänzlich erschöpft waren. Nun ist die Flut endlich abgeebbt, aber ein Teil ist auch hier rundherum hängengeblieben, und der wird nun wenigstens ordnungsmäßig mit Nahrung versorgt

Nun haben Sie ein Bild, wie wir Pfingsten verlebt haben und wie es in diesem Teil ihrer Heimat aussieht. Vor dem Zusammenbruch war einmal Frl. Noack und einmal Frau v. Arnim bei uns, welch Letztere bei Ihren Freunden Waldersee in Stöfs mit ihrer Schwiegertochter und den Kindern nur noch mühsam Unterkunft gefunden hat. Es waren in Stöfs und Newerstorff ‑ ich glaube ‑ 125 Flüchtlinge anwesend. Frau v. A. hatte schon einen ganzen Frauenchor organisiert und gab Gesang- und Klavierstunden neben der Pflege ihrer drei Enkelkinder und ‑ der noch von einer Lungenentzündung sehr angegriffenen Schwiegertochter. Über Ihre Freundin haben wir alle uns hier sehr gefreut Sie sah blühend und lebendig aus wie nie und alle sie noch nie gesehen hatten. Die Seeluft bekommt ihr augenscheinlich ganz prachtvoll. Von Harling und Bruckner, die in Bergen bei Celle sind, hatte ich sehr erfreuliche Nachrichten. Sie hatten zu Karfreitag und Ostern in der Kirche viel gesungen und georgelt und waren sehr glücklich darüber. Und heute kam ‑ denken Sie ‑ ganz plötzlich eine Schülerin von uns hier per pedes an, die in Plön Unterkommen gefunden hat Frl. Kersten aus Wrietzen bei Freienwalde, die erfahren hatte, daß ich hier bin. Sie hatte sich in Plön in ein Lieferauto eingeschmuggelt bis Eutin und von da zu Fuß hierher eine gute Stunde Wegs. Und so hofft sie, auch wieder zurückzukommen ‑ von Bahn ist ja noch gar keine Rede.

Na. nun wissen Sie, liebes Frl. Goebel, von meinen Erlebnissen und wie es hier aussieht. Von mir selbst ist wenig zu sagen. Ich bin hier von Fischers und Frl. Roloff trefflich und liebevoll verpflegt und versorgt, und Erne Nissen als Dritte im Bunde ist mir oft Trost und Stütze; aber sie haben alle so viel zu arbeiten und können sich so nützlich machen, und ich sitze dazwischen als unnützer Brotfresser und kann nichts für die nähere und fernere Welt tun und wünsche mir oft und oft, ich könnte bei meinem lieben Schätzchen auf dem Seefelder Friedhof ruhen. Was soll noch aus mir werden? Von der Gräfin habe ich seit dem Abschied von Seefeld nichts weiter gehört (Harling übrigens auch nicht). Kein Mensch weiß, wo sie ist und was sie vor hat. Eigentlich wollte sie ursprünglich mit Anita hierher kommen, aber da haben sie wohl den Anschluß verpaßt und sind nicht mehr durchgekommen und sind nun ebenso von der Außenwelt abgeschnitten wie wir hier. Auf die Dauer ist diese Isolierung doch sehr qualvoll. Von Frau Selbmann, von all meinen lieben Weimarern, von meinem Neffen und von keinem sonst weiß ich etwas, z.T. seit Februar. Auch von Ihnen, liebes Goebelchen, wüßte ich gern, ob und wie Ihr Liederabend in Jena gewesen ist und wie es Ihnen nun weiter geht. Sind Sie jetzt englisch oder amerikanisch? Wir sind englisch. Wie ist es mit Waltrauts Bein geworden und wie geht’s ihren Eltern? Für ihren Brief danke ich ihr herzlich und grüße sie ebenso. ‑ Ihnen auch viel liebe Grüße und einen herzlichen Kuß von Ihrer alten

H. Andersen

 


Hedwig Andersen

an Elisabeth Goebel

Eutin-Schönborn

1945 05 27

Druck: Mitteilungen, Heft 21 (1989), 4-5

27.5.45

Eutin-Schönborn

Liebes Fräulein Goebel!

Eben lese ich meinen Brief vom 24.5. an Sie und den Ihrigen vom 11.3., und da sehe ich, daß ich gar nichts davon geschrieben habe, wie tief und innig mich Ihre Worte über meine Freundin erschüttert und erwärmt haben. Ja: wie liebte sie Eure Stimmen, und wie fand sie immer den Weg von den Stimmen zur Seele ‑ mehr noch zur Seele als zur Psyche, die sich bei mancher Schülerin sogar aufbäumte. Aber die Meisten haben schließlich dann doch die Liebe empfunden, die all ihrer Arbeit zugrunde lag, und fast Alle schrieben mir in dem Sinne: Wir sind verwaist, oder sie war uns die Mutter, die wir früh verloren haben, oder: Mir wars in Seefeld immer so, wie in der Heimat und so ähnlich. Sie war auch wirklich die Mutter und brachte den Menschen in Jedem auf die Welt, den sie in eben Gegenwärtigen, noch unentdeckt und unerlöst, sah. Darin war ihre Schau untrüglich, darin bestand ihre einzige Genialität. Darum war ihre Liebe immer ganz unpersönlich und zu allen gleich groß, die ihr darin folgten. Da fand sie auch stets den Weg und das richtige Wort für die Stimme. Besonders klar, ja abgeklärt, kam dies in den letzten Wochen vor Weihnachten 1944 an den Sonnabenden und Mittwochen zutage. Da haben es Alle empfunden, und Manchem wurde es da erst ganz bewußt. Wundervolle Briefe habe ich seither bekommen, aber das Schönste schrieb Ihre Freundin, Frau Dr. Noack, von der ich den ersten Brief bekam: Es ist, als ob ein Stern untergegangen wäre, wodurch die ohnehin jetzt so dunkle Welt nun noch dunkler geworden ist. Dies Wort hat mich tief erschüttert und erschüttert mich immer wieder, wie auch Ihre Worte; weil es so wahr ist. Solch ein Mensch kommt nie wieder.

Herzlichst Ihre

H. Andersen

 


Hedwig Andersen

an Waltraut Seyd

Eutin-Schönborn

1946 02 06

Druck: Mitteilungen, Heft 21 (1989), 5

An Frl. Waltraud Seyd, (22) Wuppertal, bei Kranzler

Abs.:   Andersen, (24) Eutin-Schönborn, nicht mehr Sielbeck. Die Sperre ist aufgehoben und alle Soldaten sind fort.

Frl. Fischer und Nissen lassen herzlich grüßen.

6.2.46

Eutin-Schönborn

Meine liebe Waltraut,

Sie glauben nicht wie ich und wir alle uns über das süße Kerzchen freuten, das mit Ihren lieben Zeilen am 30.12. bei uns eintraf. Ein wunderschönes Gedenken von Ihnen, das ganz und gar seinen Zweck ‑ mir Freude zu machen ‑ erfüllte. Das Weihnachtsfest hier war schön und in ganz deutscher Gemütsart. Jeder suchte dem Andern soviel Liebe und Liebes zu erweisen, wie es nur möglich war. Mir hatte Annemarie für meine beiden Fenster Doppelfenster machen lassen, was ganz wundervoll die Kälte abhält und mich täglich von Neuem erfreut. Auch einen wunderschönen Barometer erhielt ich von der Schwester Erika, und so weiß ich nun immer, was ich vom Wetter zu halten habe und das ist in diesem feucht-naß-nebligen Klima sehr angenehm. Überhaupt wetteifern Alle, mir das Leben leicht und angenehm zu machen. Auch Erne Nissen, aber Frl. Roloff ist schon seit Anfang Oktober bei ihrer Schwester in Lingen. Nächstens wird uns Frau v. Arnim wieder besuchen, und darauf freuen wir Alle uns schon mächtig. Jetzt kommen trübe Erinnerungstage für mich, die schon ihre Schatten vorauswerfen. Da muß ich alle Kraft zusammennehmen, um standzuhalten ‑ es will mich doch manchmal Manches, was dies letzte Jahr brachte, übermannen. Dann denke ich an alle die lieben Schüler aus alter und neuerer Zeit, die es nicht so gut haben wie ich, und zum Trost an die, die es auch so gut haben wie ich und Sie und Frl. Goebel, und dann zieht wieder ein Hoffnungssonnenstrahl durch meine Seele. Aber diese Letzteren sind seltener als die Ersten. Die Meisten müssen doch sehr frieren. Tüchtig arbeiten tun aber Alle und schreiben mir in vielen Briefen, wie dankbar sie sind, diese Arbeit zu haben und ausüben zu können. So wollen wir beide, Sie und ich, Gott dankbar sein, daß wir doch so ein warmes Plätzchen haben und Ihn bitten, daß Er es Ihnen noch lange erhalte! Grüßen Sie Ihre liebe Mutter innigst von mir und nehmen Sie herzlichen Gruß und Dank (Sie glauben nicht, wie wohl solch ein kleines Liebeszeichen einem tun kann) von Ihrer

H.Andersen

 


 

 

 

 

 

 

 



Ende An Frl. Cantor + Auszüge an Schülerinnen
 

 


Briefe von Clara Schlaffhorst

 

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