Historisches

Briefe von Clara Schlaffhorst

 

 

An und von Prof. Friedrich (1944 und 1950)

Schule Schlaffhorst-Andersen [Clara Schlaffhorst] an Herrn Friedrich

Fotokopie Forschungsstelle Schlaffhorst-Andersen, Bad Nenndorf: Briefsammlung

Seefeld, den 20. August 1944

Sehr geehrter Herr Friedrich!

Ihr inhaltsreicher Brief vom 2. Aug. 44 brachte uns große Freude. In heutiger Zeit, in der es gerade, betreffs Auf- und Ausbauer im Kunstleben, wenig hoffnungsvoll aussieht, war es uns eine Wohltat, Ihren Brief zu lesen. Fräulein Hanna, unsere treue Schülerin tat recht, als sie Ihnen dazu riet, an uns zu schreiben. Denn wenn wir beide, meine Freundin u(nd) ich selbst, auch persönlich tief dankbar sind, daß wir die guten Resultate in unserm kleinen Arbeitskreis noch erleben können, so geht uns mit Ihnen die Bestätigung auf, daß das Werk einen Mann gefunden hat, der dafür sorgen wird, daß es an einer Kunststätte, wie bei Ihnen und dadurch in größerer Öffentlichkeit seine Beachtung findet.

Daß Sie uns zu unserm Lebensabend diesen hoffnungsvollen Glauben in’s Herz pflanzen, dafür sei Ihnen besonders gedankt.

Vielleicht erleben wir noch die Freude, daß Sie zu besserer Zeit Ihre Absicht nach hier zu kommen, ausführen können. Auf dieses Kennenlernen, und den daran anschließenden Austausch, hoffen wir beide herzlich, ‑ Ihre

H. Andersen.   Clara Schlaffhorst


Prof. Wilfried Friedrich (Weimar) an Hedwig Andersen

Maschschr. Abschrift Forschungsstelle Schlaffhorst-Andersen, Bad Nenndorf: Briefsammlung

Weimar, den 4-1-1950.

Hochverehrte gnädige Frau.

Zuerst möchte ich wohl meine Anrede rechtfertigen, da weder Sie mich noch ich Sie von Angesicht kenne. Dennoch glaube ich mich berechtigt, Sie so anzureden. Durch meine Arbeit bei Frl. Gertz habe ich Ihr Arbeitssystem soweit kennengelernt und bin so gut vorangekommen, dass ich meiner Freude über den Erfolg u(nd) meiner wachsenden Begeisterung für die Arbeit, die ja doch von Ihnen u(nd) Frl. Schlaffhorst so lange getragen worden ist, Ausdruck zu verleihen.

Wahrscheinlich ist es schon spät, selbst als Sänger noch anzufangen, doch hoffe ich, dass das Erlernte den Kindern u(nd) Erwachsenen in immer stärkerem Maße zugute kommen wird, mit denen ich beruflich zu arbeiten habe.

Was ich immer sehr bedauere ‑ u(nd) das tun wohl alle ihrer direkten und indirekten Schüler ‑ ist dies: dass keinerlei Zusammenfassung Ihrer großen Erfahrung existiert, die man anderen in die Hand geben kann, damit sie durch Geübtes und Gelesenes stärker gefestigt, sicherer gefördert werden können. Wie mir Frl. Gertz sagte, wird die Neuauflage des Buches von Kofler einstweilen nicht möglich sein. Wäre das nicht eine Gelegenheit, unter Ihrer Leitung alles zusammenzutragen und zu ordnen, was von Ihrer und Ihrer verstorbenen Mitarbeiterin Meisterschaft und Erfahrung noch in direkten Schülern lebendig ist u(nd) neu herauszugeben? Ich hielte das für wesentlicher als die Neuauflage von Koflers Buch, über das Sie in ganz wesentlichen Dingen hinausgehen.

Der Hunger nach menschlicher Vertiefung ist trotz aller Betriebsamkeit wach ‑ oder vielleicht grade wegen dieser Betriebsamkeit, die uns hier im Osten erfasst hat u(nd) auslaugt, nicht zum wenigsten deswegen, weil jeder wegen des katastrophalen Mangels an Fachkräften auf allen Gebieten weit über seine körperliche u(nd) geistige Leistungsfähigkeit ein- und angespannt ist.

Wir hätten hier eine solche Schule wie in Lieme dringendst nötig, damit alle Mittel zur inneren Regeneration wahrgenommen werden können, um wieder volle Leistungsfähigkeit zu haben.

Die geistige, seelische u(nd) körperliche Erschlaffung vor dem Fest war bei m(einen) Studierenden und auch bei mir beängstigend groß ‑ sehr lange wird man diese ständige Anspannung nicht mehr durchhalten können ‑ sehr zum Schaden der großen Sache, für die wir doch letztlich alle unsere Kräfte einsetzen: Dafür dass unser Land u(nd) Volk wieder seinen Platz an der Sonne, im Kreise seiner Nachbarn bekommt.

Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als mal ein halbes Jahr drüben in Lieme arbeiten u(nd) lernen zu können, um die so unerhört wichtigen Dinge des Atmens und dem daraus sich ergebenden inneren Wachstum ein wirkliches Fundament zu geben im eigenen Leben u(nd) dann mit aller Kraft in Ihrem Sinne arbeiten zu können. Dieser Traum wird sich aber erst verwirklichen lassen, wenn wir hier im Osten ein Lieme haben.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie die Kraft finden mögen. die Krönung Ihres Lebenswerkes zu vollenden: Ein Buch und die Ausbreitung Ihres Systems zum Segen der Menschheit!

Mit größter Hochachtung

Ihr sehr ergebener

Wilfried Friedrich.


Hedwig Andersen an Prof. Wilfried Friedrich (Weimar).

Maschschr. Abschrift Forschungsstelle Schlaffhorst-Andersen, Bad Nenndorf: Briefsammlung

Schönborn, 22.1.50

Sehr geehrter Herr Professor.

Ihre Zeilen vom 4.1. d.J. haben mich sehr erfreut, u(nd) ich danke Ihnen herzlich für die Mitteilungen über den Erfolg Ihrer Studien bei Frl. Gertz, die meine Ansicht über sie als Mensch u(nd) als Lehrerin unserer Arbeit vollauf bestätigen. Was nun die Anrede an mich betrifft, so habe ich es am liebsten, wenn man mich einfach mit „Liebes Fräulein Andersen“ anredet. Sie sind mir ja gar nicht fremd, sondern aus den Briefen meines lieben Gertzleins bereits gut bekannt u(nd) sehr geschätzt.

Dass wir, m(eine) liebe Freundin Clara Schlaffhorst u(nd) ich kein „zusammenhängendes System“ unserer Arbeit hinterlassen werden, erklärt sich daraus, dass diese Arbeit so durch und durch individuell ausgeübt werden muss. Mann kann keine Paragraphen u(nd) Vorschriften dafür machen, weil halt alle Menschen so verschieden voneinander sind ‑ „Eines schickt sich nicht für alle.“ Nur die ganz allgemein gültigen anatomischen u(nd) physiologischen Gesetze müssen dem Lehrer oder der Lehrerin bekannt sein u(nd) als unumstößlich beachtet werden. Dafür haben wir ja nun das Lehrbüchlein unseres lieben Freundes Leo Kofler, um dessen erneute (30.) Auflage ich jetzt grade einen harten Kampf führe. Ich hoffe, in diesem Kampf Sieger zu bleiben, sodass unser prachtvoller Kofler wieder auf der Bildfläche erscheinen können wird. Er wird von hervorragender ärztlich-wissenschaftlicher Seite als „absolut grundlegend“ für die praktische Atemphysiologie erklärt. Was nun jeder Lehrer u(nd) jeder Schüler, besonders im Einzelunterricht braucht ‑ mehr oder weniger jedenfalls -() dafür kann man in unserer Arbeit nichts allgemein Gültiges niederschreiben. Aber das Koflerbüchlein „Die Kunst des Atmens“ gibt doch eine unumstößliche Grundlage dafür, und dann ist noch ein Buch mit einer Anzahl von Artikeln u(nd) Vorträgen meiner Freundin in Vorbereitung bei Möseler, Nachfolger v. Kallmeyer, das ja auch manchen Wink geben wird.

Ihr Traum, lieber Herr Professor, von einem „Lieme“ im Osten wird nicht in Erfüllung gehen können, weil keine unserer Lehrerinnen nach dem Osten gehen würde ‑ nach den Erfahrungen des Weimarer Kinderheims, und weil alles in dem östlichen Betrieb doch gelähmt werden würde. Wir erlebten es ja an mir bekanntem u(nd) von mir sehr verehrtem Erziehungsheim von Herrn Dr. Trüper u(nd) jetzt wieder durch die Koflererfahrung, wie es dort gemacht wird. Es ist selbst hier schon schwer genug mit Lieme u(nd) für Lieme, wo doch eine hochherzige Regierung in einem kritischen Moment helfend eingegriffen hat. Nun erst Leipzig, wo selbst Breitkopf u(nd) Härtel einen „literarischen Beirat“ erdulden müssen, der auch in unserer Koflersache sehr hemmend wirkt. Der Aufschwung unseres deutschen Volkes wird, obgleich wir alle ihn so sehnlich wünschen, doch immer noch vielfach „gefürchtet“ u(nd) kann nur von jedem Einzelnen in aller Stille möglichst unbemerkt durch eigenes Arbeiten an sich selbst erfolgen. Ihnen möchte ich raten, bei Frl. Schümann Gesangstunden zu nehmen neben Frl. Gertzens Stunden. Sie haben ein Lieme im Kleinen in nächster Nähe.

Für Ihren Brief danke ich Ihnen nochmals herzlich, er hat mich nicht nur sehr erfreut, sondern auch sehr zum Nachdenken angeregt. Wenn wir noch mehr solcher Männer wie Sie hätten, dürften wir den Mut zum Hoffen nicht verlieren. und ich glaube, dass es deren gibt, ‑ auch unter unseren Lehrkräften gibt es sie, u(nd) nicht nur Männer, sondern alle weiblichen Lehrkräfte denken, fühlen u(nd) arbeiten in diesem Geist u(nd) von dieser Zuversicht. Dieses Bewusstsein stärkt  immer wieder, wenn die Hoffnung sinken will, was in meinem Alter kein Wunder ist.

In herzlicher Ergebenheit u(nd) mit den besten Wünschen für Ihre Zukunft grüsst Sie, lieber Herr Professor Friedrich, Ihre

H. Andersen

Darf ich Sie bitten, auch den tapferen Lehrerinnen in d(er) Böcklin[str.] einen herzlichen Gruß von [mir zuzuste]llen?



Ende An un von Prof. Friedrich (1944 und 1950)
 

 


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