An J. Wiesike (1934 - 1946)
Briefe
von
Clara Schlaffhorst
und
Hedwig Andersen
an
Johanna Wiesike,
* 12.05.1904
ihre Mutter (Frau Heinsius)
und die Chormitglieder
1934 ‑ 1946
übertragen von Rüdiger
Kröger
Bad Nenndorf 1999.
Inklusive
Tagebuchaufzeichnungen aus Hustedt
September ‑ November
1938
Schule Schlaffhorst‑Andersen Hustedt b. Celle [Clara Schlaffhorst] an
Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 3.4.34
Schon manch ein Wort flog
von Ihnen, liebes Fräulein Wiesike, zurück nach Hustedt, das Sie kaum verlassen
haben, sogar auch blühender Spruch und zeugt von Denken, Fühlen und Wollen, das
in neuer Richtung, nicht mehr im Kreise geht; sogar auch die Schrift tut das
Ihre, das man nur reine Freude darüber haben kann. Das ist mehr als Dank.
Heute wollte ich mir
erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie nicht nur ein „Bischen“,
sondern ganz gründlich ‑ und ordentlich üben sollen, sonsten verfallen Sie
wieder ins Kleine. ‑ Mir geht [es] täglich besser. Bis zum Blühen ist es noch nicht, aber bei der
Erwartung angelangt.
Heute blüht’s auch. d.5.4.34
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
14.4.34
Sehr geehrtes Fräulein
Wiesicke!
Frl. Toepfer sagte mir, daß
Sie angefragt haben, ob Sie am 24. 25. Stunden haben könnten. Die Zeit ist eben
so schwer, daß wir, da wir auch nach Hamburg zu fahren gedenken, den einen Tag
durchaus frei haben müssen; es tut uns sehr leid, daß Ihre Dienstreise nicht
einige Tage später ist; dann hätten wir mit Freuden Ihre Bitte erfüllen können.
Wir sind sicher, daß Sie uns
verstehen und grüßen Sie herzlich ‑ Ihre
Clara Schlaffhorst.
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
bei Celle, den 19.4.34
Liebes Frl. Wiesike!
Bei uns geht es wieder
einmal drunter und drüber, d.h. nicht im Innern ‑ da ist alles in Ordnung, aber
in dem, was von außen kommt. Also es hat sich in diesen Tagen entschieden, daß
wir im Juni Ferien haben werden u[nd]
ich habe Ihnen das gleich mitgeteilt in einer Karte, die Sie aber wohl noch
nicht erhalten haben werden, da ich sie heute Morgen nach Wiesb[aden] adressierte. Nun kommen
aber eben heute 2 Verschiebungen in der Besetzung und da kam mir plötzlich der
Gedanke, ob Sie es ermöglichen könnten, doch lieber jetzt gleich, d.h. ab 24.
nach hier zu kommen und erst nachher, wenn hier Ferien sind, zu Ihren Eltern
gehen möchten. Denn ab 15. Mai bis Anfang Juni zu kommen, wäre Ihnen vielleicht
doch nicht lohnend. Nun schreibe ich Ihnen diese Idee auch nach Berlin. Da Sie
doch erst am 24 od[er] 25.? dort abreisen
wollten, hoffe ich daß Sie es noch zur Zeit bekommen, um ev[entuell] umändern zu können.
Andererseits wird es Ihnen
aber doch auch sehr lange vorkommen, mit Ihrem Herkommen zu warten, bis wir
wieder hier sind, also etwa bis Anfang Juli ‑ Frl. Toepfer wird auch im Juni
Ferien haben u[nd] das Haus wird hier wohl
ganz geschlossen sein. Nun entscheiden Sie. Falls Sie gleich jetzt kommen
könnten am 24-25/4, würden Sie wohl vom 26-27 ohne Stunden sein, da wir am 26.
nach Hamb[urg] fahren wollen und meine
Freundin würde erst am 28. wiederkommen, da sie mit mehreren Chormitgliedern
gern noch nach Hannover fahren möchte, um Schaljapin zu hören.
Viele Grüße von m[einer] Freundin, die heut morgen
eine Karte an Sie nach Berlin gesandt hat ‑ und von Ihrer
H. Andersen.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
20.4.34 [Poststempel: Celle 19.4.34]
Sehr geehrtes, liebes
Fräulein Wiesicke!
Eben las ich Ihren Brief;
und damit kein Stocken bei Ihnen eintritt, möchte ich Ihnen den Rat geben,
versuchen Sie es mit aä ‑ aä ‑ aä, um die Speiseröhre aufzubekommen und dadurch
die Verbin[dung] nach dem Leib. Achten Sie
aber darauf, daß das ä (mit Eigentönen d - g) durch das g’’ als Extrem
von f’’ ein halbes beinahe e’’ hergiebt. Die Mischung entsteht durch die Lüfte,
die von Westen (Speiseröhre und Nordosten sich hier treffen.
Ein schwieriges Unterfangen.
Meine Freundin hat Ihnen heute nach Wiesbaden geschrieben. Hoffentlich können
Sie früher kommen! ‑ Chor probt viel und wir mit ihm. Dank für Ihre Wünsche.
Herzlich grüßt
Clara Schlaffhorst
Schule Schlaffhorst‑Andersen Hustedt bei Celle [Clara Schlaffhorst] an
Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
über Celle d. 8.7.34
Liebes Fräulein Wiesicke!
Danke Ihnen sehr für Ihren
ausführlichen Bericht aus Ihrer Tätigkeit. Trotzdem er mir durchaus Klarheit
über Sie und Ihren Fortschritt bringt, möchte ich Ihnen nicht mehr viel Neues
zum Proben schreiben, Ihnen auch keine Vortragsnummern vom Chor nennen.
Ausgenommen den Pergolese ‑ Stabat mater ‑ Klavierauszug mit Text. Wir haben
vorläufig N. 1. 3. 5. 7. 8. 10. 12 gearbeitet, auch bereits öffentlich
gesungen. Bitte, die Ausgabe v[on]
Gustaf Schreck, Verl. Breitkopf & Härtel zu nehmen.
Aber auch das bitte ich,
nicht zu singen; höchstens sich musikalisch anzusehen, denn ‑ es sind sehr
wichtige Erkenntnisse über mich gekommen, die das Singen noch bedeutend
erleichtern und natürlich bedingen diese eine andere Einstellung. Wenn Sie sich
nur irgendwie festsetzen, hätten wir es beinah schwer, Sie auch. ‑ Auch wir
freuen uns auf ein Wiedersehen & Weiterarbeiten
die Obigen
Schule Schlaffhorst‑Andersen Hustedt bei Celle [Clara Schlaffhorst] an
Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
19.7.34
Liebes Fräulein Wiesicke!
Das ist eine ganz großartige
Idee, daß Sie inzwischen bei Frl. St.[?] arbeiten wollen. Eine bessere Quelle für das, was Sie
eben brauchen, fänden Sie nicht. Also ich wünsche Ihnen, daß Sie als W.... nach
Hustedt kommen. Und daß Sie hernach noch weiter bleiben können ist herrlich.
Hoffentlich hält der Himmel, was er verspricht.
Wünsche Ihnen noch eine gute
Mieterin.
Herzlichen Gruß
C.S. H‑A
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 5.8.34
Liebes Fräulein Wiesicke!
Wir haben uns an Ihrer
Bestätigung, daß Sie durch die Arbeit mit Frl. St.....[?] Fortschritte gemacht haben, indem Sie
bewußt wahrgenommen haben, daß Sie dadurch bessern und mehr Anschluß an die
Atmung bekommen haben, sehr gefreut; bleiben Sie nur so lange Sie können dabei.
Das ist die beste Vorarbeit zu unserer Arbeit hier.
Alles Gute zu Ihrem Umzug;
bis auf Wiedersehn mit Grüßen
Clara Schlaffhorst.
Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst an Frau Heinsius [Wiesbaden],
Mutter von Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
bei Celle, den 21. August 1934.
Sehr geehrte Frau Heinsius!
Es ist zu bedauern, daß Sie
uns Ihre Wünsche nicht persönlich überbringen konnten. Sie würden aus eigener
Anschauung erfahren, woraus diese auch für uns harte „Notwendigkeit“
hervorgegangen ist. Sie werden es zwei Frauen, die sich ohne jede weitere Hilfe
bis zum heutigen Tage hindurch arbeiten mußten und auch noch jetzt im hohen
Alter tun müssen, da sie einer großen Idee dienen, glauben, wenn sie Ihnen
folgendes sagen:
Vom Pensionat haben wir noch
nie Ueberschüsse erlebt, im Gegenteil stets zusetzen müssen.
Unsere Honorar-Einnahme muß
in 4 Teile zerlegt werden, denn wir brauchen ja eine Mitarbeiterin, da die Zahl
der Schüler nicht mehr von uns allein bewältigt werden kann.
Die große Idee, die unserer
Arbeit zugrunde liegt, dient der Ertüchtigung des deutschen Volkes und aus
Liebe zu diesem arbeiten wir weit über unsere Kraft und bringen auch
wirtschaftlich große Opfer, um für diejenigen, die nach unserm Tode diese
Arbeit weiter führen sollen, diesen idealen Arbeitsplatz zu erhalten. Sie
nehmen Lebenswerte mit, die sie nirgend sonst finden.
Zeitweise Unterbrechungen
des Studiums halten wir für notwendig, damit unsere Nachfolger in der
Zwischenzeit an sich, bezw. an andern selbständig arbeiten können, und die
menschliche Reife erlangen, die zu dieser Arbeit Voraussetzung ist. Ihre
Tochter wird das jetzt angewendete Kapital später gut verzinsen können, da
Lehrerinnen wie sie eine zu werden verspricht, schon jetzt allerorten gesucht
werden.
Seien Sie, sehr geehrte Frau
Heinsius, überzeugt, daß wir selbst am meisten die Ungunst der Zeitverhältnisse
bedauern, die uns hindert, unsere Arbeit so zu Gemeingut zu machen, wie wir es
für unser Volk sehnlichst wünschen, und uns statt dessen zwingt, an den wohl
überlegten Bedingungen festzuhalten, so lange sie noch als Schülerin hier ist
und nicht helfend mitarbeitet.
Hochachtungsvoll
H. Andersen Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
29.12.34
Liebes Fräulein Wiesicke!
Nur einen kurzen Gruß will
ich Ihnen noch vor dem 1. Januar 35 senden! ‑ Wie schwer muß Ihr Herz beladen
gewesen sein, als Sie mir das Alles schreiben mußten. Stellen Sie nur
aber auch den zweiten Gedanken dazu: Wie wohl muß Ihnen der Schöpfer gesinnt
sein, wenn Er Sie dorthin führt, wo Ihr „Selbst“ in Ihnen liegt, das Ihnen nun
zum Mittelpunkt Ihres Lebens werden soll. Mit welcher Kraft werden Sie Ihm
danken, daß Ihnen diese Führung zuteil geworden ist. Mit welchem Fleiß werden
Sie sich dieser miner Führung Wert zeigen und was wird die Mitwelt dadurch
gewinnen!!
So sitzt oft im tiefsten
Dunkel das glühendste Hell, ‑ und ich wünsche Ihnen nur, daß, wenn es das
nächste Mal brennt, Sie nicht wieder straucheln. Siehe Fall, siehe Kniee! ‑ Wie
lieb von Ihnen, uns alles, auch das so ausführlich zu schreiben. Ich danke
Ihnen herzlich. ‑ Von Ilse Toepfer kam heute ein so glücklicher Brief, der
nichts als Freude atmet, wie ich ihn noch nie empfangen. Es geht nicht nur ihr
gut, sondern es strahlt ein Anderes aus ‑: Eine Wahrhaftigkeit!
Möge sie ihr treu bleiben ‑
die Freude, dann wird alles gut!
Ihnen, liebes Herze, wünsche
ich baldige Genesung, dann ist auch in Ihnen alles gut. Von meiner Freundin
gute Wünsche und von Ihrer Clara Schlaffhorst ‑ die Ihnen Geduld in Tuben
sendet!!!
In größter Eile auch
schlechtem Platz geschrieben. Weihnachten war schön ‑ Ferien einzig ‑
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Sonntag 2.35
Liebes Fräulein Wiesicke!
Die Menschen zerbrechen sich
ihre Dummköpfe, um hinter den Sinn des Lebens zu kommen, statt einfach und
schlicht zu beten und zu arbeiten. Denn dann findet man ihn wie ein blindes
Huhn sein Korn.
Danke Ihnen, daß Sie so
aufgeschlossen zugehört haben und zwar in beiden Fällen. Mündlich möchte ich
noch versuchen, eine Parallele zu ziehen, nur um festzustellen, ob ich noch
weiter von Ihnen verstanden werde.
Denn daß ist einzig und
allein der Weg, jeden einsam wandelnden Deutschen zu einer gemeinsamen
Wanderung zu bringen, ohne daß er von seiner Einsamkeit auch nur den geringsten
Teil aufzugeben braucht.
Ihr wandert eben; möge Ihnen
Sonne ‑ Luft und Liebe Kraft gegeben haben! In Gedanken begleitet Euch und
besonders Ihr Bein
Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Herchen a. Sieg) [Bildpostkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Rotenburg,
Fulda den 27.6.35
Sehr geehrtes, liebes
Fräulein Wiesicke! Dank für Ihren Brief ‑ Ich hoffe es geht Ihnen gut; es wird
gewiß eine reiche Zeit für Sie sein.
Die 2te Hälfte m[einer] Ferien verbrachte ich
hier bei meiner Schwester u[nd] Helga, Ich sitze hier
mitten im Leben der Kleinen und habe genug gehört und gesehen! Nun geht es
heim. Gruß an Ilse Krüger. Brief folgt. Ihnen Alles Gute ‑ Ihre Clara Sch[laffhorst]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Wiesbaden)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
Weihnachten 1935
Liebes Fräulein Wiesicke!
Durch irgend jemand hörten
wir, ich glaube, es war Frl. Grauding, die im letzten Augenblick der Abfahrt es
uns sagte, daß Ihre Mutter so schwer erkrankt sei. So können Sie wissen, wie
sehr ich die ganze hohe aufregende Zeit hindurch Ihrer gedacht habe. Leider gab
mir niemand eine Antwort auf meine Frage, wie es Ihrer lieben Mutter und wie es
Ihnen erging? Da kommt das Schicksal plötzlich mit grausamer Härte mitten in
das freudig bewegte Herz hinein. Und wohl Ihnen, daß Sie so kraftvoll von hier
abfuhren; da hatten Sie doch das Bewußtsein, daß Ihre Nähe nur wohltuend wirken
kann und hoffentlich auch gewirkt hat. Da ist der Augenblick, wo man helfend
hineinspringen soll, wenn die Liebe einen führt. „Liebe deinen Nächsten wie
dich selbst.“ Und wenn es, wie in diesem Fall noch eine Mutter ist, so hat man
es leicht.
Unter diesen Umständen wird
es mir nicht leicht, Ihnen ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen. Aber
vielleicht ist der Zustand Ihrer Mutter jetzt schon wieder so gebessert, daß
sie Ihnen gerade zum Christfest wie neu geschenkt erscheint!
Wie es auch sein mag, so
wünsche ich Ihnen beiden eine wenigstens „geruhsame Zeit“. Sie schicken uns
vielleicht kurze Worte, damit wir beide wissen, wie es steht.
Dieser Gruß konnte keinen
Augenblick früher geschrieben werden. Denn nur eben erst hatte ich Ferienruhe,
nachdem alles Weihnachtliche erledigt war. Wir kamen leider zu spät nach Hause;
daran war zu guter Letzt, als wir gerade zum Abreisen aus Berlin bereit waren,
ein Zahn schuld, der noch im letzten Augenblick, ehe es zu spät war, abbrach.
So mußte m[eine] liebe Freundin noch
einmal 5 Stunden auf den Marterstuhl. ‑ Die Stunde schlägt, die mir Schluß
gebietet. Es grüßen Sie Ihre beiden, Ihrer viel und mit den schönsten Wünschen
gedenkenden
Clara Schlaffhorst ‑ H.
Andersen
Ihrer Mutter wünschen wir so
bald als der Zustand erlaubt ‑ Weihnachtsfreude. D[ie]s[elben]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Elmau)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 18.4.36
Liebes Fräulein Wiesike!
Daß auch Sie so thöricht,
weil im guten Glauben, handeln konnten und noch dazu aus einem Herzen von
Liebe, mußte ich lesen, um es zu glauben. Was sich daraus an Folgen für mich
ergab und noch dazu zur Oster- bezw. Ferienzeit, das ahnt Ihr ja nicht; denn
Ihr seid alle miteinander Deutsche und macht alle dieselben Fehler. ‑ Warum das
alles? Das sollte ein Wissender wie ich es bin, nicht mehr fragen. Er tut auch
nicht mehr zu sich und von sich aus; sondern nur aus dem Geist der „Allgemeinen
Anschauung“ in Hinsicht auf das Werk, das doch endlich da stehen soll. Aber nein,
das soll es nun noch nicht; es muß wohl noch viel mehr zu schlucken bekommen,
ehe es das gebären kann, was es soll. ‑ Das Schlimmste bei allem ist für Sie,
die darin gestanden, die Ernüchterung für Ihre Gutgläubigkeit; ‑ für Frl.
Toepfer, die dazwischen steht, und nach Klarheit ringt, die Verwirrung und für
mich, die darüber steht, das Erstaunen über die Abhängigkeit.
So packt jeden von Euch das
Schicksal, sobald sein Schifflein auf freien Wogen segelt!
Davor könnte man Euch
schützen, wenn man Euch warnte. Aber ich will es nicht tun. Ihr müßt alles
selbst erfahren, um daraus Eure Einstellung zu Eurem Selbst zu finden. Das
Letztere brauche ich von Euch mehr zum Weiterkommen, als Eure Stimmen, die hier
immer bereit mir zu folgen. Sie tun es so willig und voll Liebe.
Und das nennt man Gefühl!!!
Lassen Sie sich’s dort gut ergehen. Schönen Dank für Ihren ehrlichen Brief ‑
der ist Ihnen sauer geworden. Sie Arme!
Alles Gute, auch Ihrer
Mutter ‑ unbekannter Weise, und Ihnen. Gruß von Ihren beiden Lehrerinnen
Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 5.5.1936
Liebes Fräulein Wiesike!
Nun sind Sie gewiß an Ihrem
Ort der gewohnten Arbeit angelangt, haben viel zu tun und alles Schwere liegt
hinter Ihnen. Uns so muß es auch sein bei jungen Leuten. Unsereins erlebt ja
allerdings auch noch; aber die Wunden heilen schwerer; ja ich muß es gestehen,
da sie durch allerlei Umstände immer wieder geweckt werden können, können wir
beide ‑ Frl. Andersen und ich ‑ noch nicht aufatmen an jener Stelle unseres
Herzens. Besonders da man nichts, aber auch garnichts gegen die Tragik, die
auch Ihnen offenbar geworden ist, die ungeheuer groß für das Werk ist, das wir
mit heiligen Händen empfangen und keusch bewahrt hatten, tun, als nur mit
geduldiger Liebe warten auf Hilfe aus Gottes Hand. Er allein kann und wird sie
von Seinem Werk ferner halten. ‑
Ihre Frage betreffs der
Abhängigkeit habe ich so gemeint, daß Sie nicht Ihrem eigenen Impuls folgten,
sondern dem Ersatz eines Andern. Die Stimmseele, wie wir sie liebevoll und
schonend aus ihrem Versteck oder Begrabensein heraus zu holen uns bemühen, ist
das zarteste Pflänzchen. Ihm kann und darf man nie befehlen. Und da „es“
bei Ihnen erst im Keimen begriffen war, so hatten Sie alle Ursache zu
schweigen. Anders wäre Frl. v. Harling zustande gekommen mit ihrer robusten
Nervenseele; die andere ist noch im „Kückenhäuschen“, sie zieht sich zurück und
läßt die Muskeln des Körpers (im schlechtesten Fall) arbeiten; vielleicht aber
auch die des Leibes. Das kann kein Mensch voraussehen. ‑
Nun sollen Sie, aber auch
nur Sie persönlich, noch gutes von hier hören. Erstens sind wir schon eine
Woche lang nur 7 Schüler und 5 Lehrer, also endlich unser Ideal, und dann habe
ich einen so neuen biologisch-gesetzmäßigen Weg, der mir ungeheure Fortschritte
giebt, entdeckt, daß ich mich den Sternen näher kommen fühle. Ich meine meiner
Himmelsmusik. Hier freut sich alles Gebein; aber auch das nur für Sie . ‑
Auf den hin im 8. Heft habe ich schon viel Gutes, Freudiges, gehört. Kückelhaus
schrieb einen so echten Freundschaftsbrief mit ganzem Verständnis, das können
Sie Ilse Krüger erzählen u[nd] grüßen & für ihren
Brief danken. Nun aber Schluß ‑ ich habe Arbeit vor mir.
Wir beide grüßen Sie und
hoffen, es geht gut.
Ihre Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 20.5.36
Liebes Fräulein Wiesike!
Schon heute fange ich mit
der Beantwortung Ihres Briefes an, weil es immerhin möglich ist, daß Frl.
Krüger bald abberufen werden kann; ihr will ich diesen Brief anvertrauen, d.h.
nicht daß gerade Geheimnisse darin stehen. Vorerst Dank für Ihren ausführlichen
Bericht über Ihr Schweigen, das mich aus der Beunruhigung über Sie befreite. Es
ist doch merkwürdig ‑ für mich jedoch verständlich, daß mich stets Unruhe
zwackt, wenn's den draußen weilenden Schülern nicht gut geht. Das teilt sich
mir fast noch früher mit, als den Schülern selbst, die meistens ahnungslos dem
Herannahn eines Zustandes, wie er immer ein Mal kommen muß,
gegenüberstehen. Nur freute es mich zu hören, daß ein neuer Quell in Ihnen „von
selbst“ aufgebrochen ist, den Sie hoffentlich mit Liebe weiter pflegen; denn er
ist nun wirklich der Ihrige, nicht irgendein von jemand außer Ihnen geweckt
worden.
Inzwischen sind hier ganz
neue Ströme der Erkenntnis und des Lebens wach geworden, die sich ohne Mühe ‑
fast von selbst ‑ an die alten anschließen. Dank dieser konnte ich die nicht
leichte Arbeitswoche, die ungestört ihren Fortgang nehmen konnte, leisten ohne
überanstrengt zu werden. Auch meiner Freundin geht es gut. Sie geht innerlich
auf anderen Wegen seit ihre Mutter ausgelitten hat. ‑
d. 26.
Die Woche selbst verlief
ohne jede Störung einfach, geschlossen und in voller Harmonie. Es war für jeden
zu merken, wie sich das Leben von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde
steigerte. Alle waren intensiv zwischen uns Dreien und den helfenden
Lehrerinnen gezackt und oft erschüttert über die Fülle des Stoffes. Beide
Vortragsstunden verliefen höchst lehrreich und interessant. Trotz 2 stünd[iger] Dauer nirgend
Uebermüdung. Am liebsten wäre mir gewesen, wenn ich auch alle, die draußen
bleiben mußten, hier gehabt hätte.
Ueber Ihr Kommen kann ich
Ihnen heute noch nichts Bestimmtes schreiben. Erst werden wir Ferien haben
müssen; aber wann? Das steht noch aus. Ich schreibe Ihnen aber, sobald wir das
wissen.
d. 27.
Heute weiß ich auch noch
nicht viel mehr. Aber so viel, daß Fr. v. Arnim uns vom 15. Juni vertritt. Wie
lange und ob bestimmt, das schwebt noch. Wir warten täglich. ‑ Nun aber Schluß,
ehe er vergessen wird. Sie erhalten noch Nachricht. ‑ Viele gute Wünsche bis
zum Wiedersehen von uns Beiden.
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Bildpostkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt‑Jägerei
über Celle [Poststempel: Celle 13.6.36]
Liebes Frl. Wiesike!
Herzlichen Dank für Alle u[nd] Alles u[nd] die Mitteilung, daß Sie gerne am 30.6.
ankommen können. Der 9. war schön u[nd]
hätte noch schöner sein können, wenn ich u[nd]
das Wetter besser gewesen wäre. Herzliche Grüße Ihnen u[nd] Allen von Ihrer H. Andersen
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 21.6.36
Liebes Fräulein Wiesike!
Eigentlich sollte ich, schon
weil es Ferien sein sollen, nicht noch schreiben; aber einige Punkte Ihrer
letzten beiden Briefe sind doch nötig zu beantworten. Sie haben die Briefe
hinter einander vom Stapel gelassen und jeder für sich war ja auch vollwertig. ‑
Ich fange natürlich beim ersten an. ‑ Daß Sie erst in Weimar zu begreifen
anfangen zu begreifen, wo Sie gelandet sind, ist so recht der Beweis dafür, wie
sehr ich in Gedanken an die Zukunft arbeite und zwar stets in dem Augenblick,
wo ich merke, daß die Gegenwart verblaßt; ob Sie verstehen, was ich damit
meine? Daß es dem Schüler nicht mehr möglich ist, zu verfolgen, was ich mit ihm
vorhabe. Dann habe ich nämlich erst freies Spiel, um am unbewußt Willkürlichen
zu arbeiten über den Willen des Menschenhirns hinweg. Nun nach Wochen zehren
Sie von dem Ueberschuß an Kraft, die durch Anschluß an die „Natur im Menschen“
schon hier gepflegt und behütet wurde. Ihr Brief von Weimar ist in vielem wertvoller, als der damalige
aus Herchen. ‑ Uebrigens, nur noch einmal auf die Libellensprache zu kommen,
Sie werden aus der Erstarrung erkennen, wie wenig Sie, losgelöst von hier, auf
sich gestellt in dieser Umgebung, wie Sie sie empfanden, darüber stehen
konnten! ‑ Fräulein Krüger versteht das Opfern im Kleinen und in der Wirkung
doch so Großen aus erster Quelle. Sie konnten nirgend besser selbst wachsen,
als in dieser Umgebung an den Kleinen, die ja eigentlich die Großen in der
Geschichte der Völker sind. Daß die Arbeit an der Stimme ruht ist mir das
Richtige. Ihr Mensch mußte sich innen weiten; jeder Beruf, auch selbst die
Musikpflege, führt letzten Endes immer zur Enge, wenn man darin erstarrt. ‑ Ich
gehe dem Brief nach. Frl. Kalk können Sie auch einen kleinen Rippenstoß geben,
daß sie einmal einen Brief schreibt. Ich brauch‘s hier, meine Freundin
natürlich auch. ‑ Meine Freundin hat sich sehr langsam wieder gefunden und ist
dabei gesundet. Der Ferienbeginn war ein rechter Segen. Zum Jubeln war in den
ersten 14 Tagen keine Möglichkeit, wohl zum Freuen. Ilse Topfer besuchte uns
zwei Tage, die bei, aller Aussprache, in Frieden und Dank dahin flogen. ‑ Von
der 3ten Woche an, wurde es schön; leider nicht ohne Teufelsspuk. Sie wissen
schon, was ich meine; es wäre ja sonst auch ein reines Paradies. Schreibtisch ‑
Clavier ‑ Wald & Wiese ‑ Sommer-Erdbeeren ‑ Rosen ganz wie wir es von 72
Jahren gerade dieses Mal sehr schätzen. Ein lebenslänglicher Wunsch geht in
Erfüllung und nicht nur in der kosmischen Welt, sondern auch innen. Die Stimme
findet Ihren Weg zur Seele und umgekehrt. Zum Schluß der 2te Brief!! Ihren
Brief hatte ich richtig taxiert ‑ Für die Rilke Worte Dank. Aufsatz-Arbeit geht
schon weiter. Haben Sie Dank für Ihre Freude daran. Ihr Glückwunsch für meine
Nichte trifft sich mit dem Meinen. Dank auch dafür. Das Wichtige kommt jetzt.
Sagen Sie doch Ihrer Freundin ‑ Fräulein Scabell, ‑ Sie möchte immer wenn Sie
etwas von uns will, an uns selbst darüber schreiben. Ich kann ihr diese Bitte
nicht von vornherein im Totalen gewähren; ich muß sehen und erkennen können,
wie weit ich sie theoretisch in das ganze, schwere Geschütz hinein hören lassen
darf. Das richtet sich nach den Schülern, die eben hier sein werden zu der
Zeit, als sie hier sein wird. Die Kopfarbeit, die ein gewisses Durchdringen der
Probleme erfordert, ist noch schwieriger, als die Stimmarbeit, gerade in dem
Fall Ihrer Freundin, die doch Erhellung braucht. Sie muß mir darin freie Gewähr
lassen. Wir werden voraussichtlich viel zu tun haben, um alle Ferienschüler
zusammen unter eine Idee zu bringen.
Schon jetzt freue ich mich ‑,
auch daß Sie wieder da sein werden; leider mußte ich Frl. v. Harling frei
geben.
In Tantens’s Seele tat ich’s
gern.
Nun aber wird’s heiß ‑ Hand
klebt fest ‑ darum Schluß ‑ Bitte, viele herzliche Grüße an Fräulein Krüger.
Wir sind immer bei ihr und
hoffen mit; freuen uns innigst darauf, sie auch hier am Herzen zu spüren.
Ihnen, liebe Seele, alles
Gute bis zum Schluß und auf Wiedersehen! Bis dahin, viel liebe Grüße Ihr
Clara Schlaffhorst ‑ H.
Andersen
Alles andere mündlich.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
Chorzeit 1936
September
Liebes Fräulein Wiesike!
Dankerfüllt gegen den, der
die Geschicke lenkt, der mein Wesen belehrte, das zu finden, was Er in mich
versenkte, legte ich Ihr Dokument fort. ‑
Gedanken gingen hinüber und
herüber und trugen mir Erkenntnisse zu. Sie gaben mir Aufschluß über Ihr
Singen.
Die Klarheit, die aus dem
Ave Maria von Schubert leuchtete, war eine Wiederspiegelung dessen, was Sie
vorher an Licht empfangen hatten. So trägt eine gütige Vaterhand von Wesen zu
Wesen Seine schöpferische Kraft! ‑
Wohl Ihnen, daß Sie diese
erkennen und bewußt erleben durften!
Möge sie Ihnen nie mehr zu
leuchten aufhören auf Ihrem Lebenswege.
Dieser, mein, Wunsch möge
Sie auf Ihrem selbständigen Lebenspfad begleiten.
Ihre
Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 9.11.36
Liebes Fräulein Wiesike!
Ihr Geburtstagsbrief liegt
schon über eine Woche in meiner Mappe und nun kam bereits ein zweiter Brief an
und leistete ihm Gesellschaft. So sollen beide mit einem Mal beantwortet
werden. Anstatt meines gehegten Wunsches kam eine andere Erfüllung ‑ und
erfreute mich wohl sehr; sie ersetzt nur leider nicht den andern und nur Ihr
Versprechen, daß auch dieser Wunsch erfüllt wird, freut mich. ‑ Er liegt
tiefer, denn er ist nicht um meinetwegen, sondern um des Werkes willen geboren ‑
also für Euch jeden und besonders für den, der mir persönlich nahe steht,
wertvoll. Ihr wünscht mir immer Ruhe. Nur daher kann sie kommen, wohin sich
meine Kraft verdichtet. So strömt sie zurück zum Ursprung und kann Neues
gebären. Im negativen Sinn verläuft sie im Sande. Alles Geschaffene, was so
verrinnt, ist vertan. Ich kenne genau die Quellen, die versiegt sind; von Ihnen
könnte ich es schwer ertragen. So ehrlich wie Sie mir im letzten Brief vom 5.1.
‑ schreiben, so schreibe ich Ihnen, liebes Fräulein Wiesike; ich hoffe, es wird
auch nur so von Ihnen verstanden.
Also ich warte geduldig!
Es sind gute und hohe
erfreuliche Arbeiten eingegangen; aber erst nur der vierte Teil. Ich weiß
nicht, wie das Ende wird sein. ‑ Schlimm ist es, wenn die Menschen in ihrer
holden Unschuld von einer Erkrankung meinerseits erzählen, Sie, die Sie
eingeweiht sind, müssen sich stets sagen ‑: O wie schön für Frl. Sch[laffhorst] ‑ vielleicht erfüllt sich
Ihre Sehnsucht. Es ist wieder ‑ da war plötzlich Schluß, neben dauernder
Störung. Heute vor Abendbrodt weiter. D. 10.1. ‑ Sie hat sich auch wieder neu
erfüllt. Ich fürchte, nach dem ich 2 Tage im Bett geblieben war und den 3ten
langsam aufstand, mich wieder neuerstanden; ja förmlich innen wie in
einer andern Welt. Und was nun jeder Tag mir bringt, muß erst zu meinem
Eigentum gestattet werden. Es ist nachgerade wunderbar, daß das auch die andern
erleben, das macht alles so schön. Die Fortschritte sind anders. Denn
ein Wunder ahnt ja niemand voraus ‑ wenigstens niemand von den andern. Bitte,
diese Tatsache schreibe ich nur Ihnen im Vertrauen, und ich möchte nicht, daß
sie die Runde macht. Fräulein Kr[üger]
erfährt natürlich auch davon. ‑ Außerdem ist leider manches Betrübliche zu
nennen. Frl. Grauding macht uns mit ihrer Krankheit, die bis jetzt noch nicht
ergründet ist, große Sorge. und meine Freundin macht mit ihren Zähnen, die
einer starke[n] Nervenentzündung
entstammen, auch Kummer. Das Leben fordert viel; dazu ist die Arbeit ein Nichts
‑ oder eine alles bewegende Freude; genau, wie ich es aus Ihrem Brief las.
Darüber noch ein nächstes Mal. Verlieren Sie nur nicht den Kontakt an der
Stimme zur Seele. Und seien Sie herzlichst bedankt für den reinlichen und
schönen Zupf. ‑ Alles Gute wünschen wir beide Ihnen und Ihrer Arbeit und alle
grüßen Sie mit uns, Stets Ihre Clara Schlaffhorst.
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Wiesbaden) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
[Poststempel:
Celle 30.12.36]
Liebes Fräulein Wiesike, von
Herzen Dank für das Lachende [Lachemle?], besonders aber für Ihre lieben Zeilen, die uns beide
sehr, erfreuten. Gestern aus B[erlin]
zurückgekehrt, haufenweise Arbeit gefunden, die sich mit jeder Post vermehrt!
Daher nur kurz viele Segenswünsche für 1937 u[nd] herzliche Grüße von Ihrer
H. A[ndersen]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar, nach Wiesbaden
nachgesendet) [Bildpostkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 31. Dezember 1936
Liebes Frl. Wiesike!
So weit bin ich nun:
Telegramm und Kurzpost ‑ das ist mein Loos. Berge fanden wir daheim und ein
Meer von Liebe. Es strömt weiter zu Ihnen und wünscht Ihnen weiter Gutes in der
Arbeit an sich und an Andern. Wir waren in Berlin, dort wußte ich Ihre Adr[esse] in W[iesbaden] nicht, leider. Bitte auch
Gutes Ihrer Mutter zu sagen.
Herzl[iche] Grüße Ihre C. Sch[laffhorst]
Clara Schlaffhorst (z.Z. Bei Nissen) an Johanna Wiesike (Oberweimar,
nach Wiesbaden nachgesendet) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
[Poststempel:
Berlin 24.12.36]
Liebes Fräulein Wiesike!
Wie Sie sehen, sind wir in
Berlin! Und sehen, hören, erdulden ‑ meine Freundin beim Zahnarzt ‑ erlebten
viel, beinahe geht es drüber. Aber es ist allein für Euch und Eure Zukunft. ‑
Ihnen liebes Herz, danke ich für Ihren langen Brief und Ihre gute Arbeit. Ich
habe Ihren Brief nicht hier, kann daher nicht darauf antworten; ich weiß nur,
daß es Ihnen gut geht und Sie viel zu tun haben. Das freut mich ungemein, auch,
daß die Arbeit, die Sie vor haben, so gut aufgenommen wird.
Wie werden Sie selbst viel
dabei lernen. Nur lassen Sie das Ueben an der Natur nicht fallen. Sie ist so
bald verstimmt, u[nd] dann ist es schwer, sie
wieder gut zu stimmen. Mir geht es unverrufen sehr gut ‑ besonders auch in der
Stimme. ‑ Es kommen also sehr schöne Schwingungen zu Ihnen, ‑ bitte nehmen Sie
sie auf und seien Sie herzlich begrüßt. Bitte, an die Ihrigen, besonders Ihre l[iebe] Mutter alles Gute &
Schöne zu wünschen.
Frl. Andersen grüßt und
schließt sich an Ihre
C. Schl[affhorst]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 4.2.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Endlich kam Ihr Brief, der
mir schon lange vorher angekündigt worden war, und den ich nur erst
abwarten wollte, ehe ich Ihnen endlich schrieb. Nun nehme ich erst den
Letzten zur Beantwortung vor. Vorerst aber schönen Dank für Ihre beiden Bildchen,
die uns Ihre herrliche Schlittenfahrt nun vor Augen rückten. Ich kann mir das
Vergnügen ganz genau ausmalen mit allen Zutaten. Das bleibt allen eine kostbare
Erinnerung. Auch wir haben den Winter, aber mit etwas Stöhnen gefeiert; aber
nun atmen wir alle erleichtert auf, daß wir Frühlingsluft atmen können; das tun
wir nach Kräften, denn wir sind noch immer gerade genug, um menschlich leben zu
können. Zur Abwechselung ist auch das schön. Die vergangenen 8 Wochen
Hartarbeit erstreckten sich schließlich bis zum 15 Dezember. Betrübt bin ich zu
lesen, daß Sie von Ihrer eigenen Stimme wenig berichten können. Bände könnte
ich schreiben von dem, was sich täglich neu offenbart in mir und in der Stimme.
Zum Tagebuch ist aber, trotzdem wir Wenige sind, nicht Zeit gewesen. Die
Briefpost braucht und bringt viel Arbeit. So viel habe ich noch nie geschrieben
und was für Briefe! Oh ‑ Weiter zu Ihnen, liebes Fräulein Wiesike. Sie müssen
für regelmäßige Begleitung sorgen. In ganz Weimar der Kurstadt muß sich jemand
finden. Schon aus der Pflicht heraus, Beispiel zu sein und aus der Treue zu
Hustedt. Ich hatte deshalb durchaus die Not in mir, Sie zu mahnen; da Sie mir
nun nicht schreiben, wo Sie ungefähr mit Ihren Beobachtungen angelangt sind,
kann ich mir kein Bild machen, das und genau das sagt, was Sie von Allem
brauchen. Sitzen Sie nicht nur an der Arbeit der langen Stimme ‑, das
Wichtigste sind die Formen, die man sich durch Arbeit von sehr verschiedenen
Enden immer wieder neu erringen muß. Daß Sie Frl. Heinsdorf gehört haben, war
doch eine gute Anregung für Sie. Da erfährt man wieder, wie sehr auch der
Sänger alles zum vollen Leben gebraucht. Daß solch ein Vollmensch das nicht
alles sich hat erarbeiten können, ist jammervoll. Nun noch zu den Fragen. Ganz
fest kann ich Ihnen heute noch nicht antworten. Falls Sie nach der Tagung
bleiben können, von der erst am 21 Febr. bestimmt zu sagen ist, würde ich Ihnen
raten, dieses mal doch nur ¼ Jahr zu kommen. Damit halten Sie sich besser auf
dem „laufenden Band“. Das darf nicht so ruhen, wie es bis jetzt der Fall zu
sein scheint. Allem Andern, das predige ich allen, müssen Sie selbst vorwärts
ringen; denn Stillstand ist Rückschritt. An sich ist auch das gut. dann muß er
aber systematisch von der Seele aus geführt werden. Das scheint Ihnen allen
noch nicht zu gelingen; denn sonst schrieben Sie öfters und nur davon in der
Hauptsache. ‑ Daß Ihre Liebe noch lebt, merke ich an Ihrem Briefstyl ‑ aber
Luft und Liebe für sich selbst und für die Erforschung und Ertüchtigung der
Sinneshoheit, die dem Leibe innewohnt. Alles Andere, was ich Ihnen noch gerne
schreiben möchte, scheitert eben an der Möglichkeit, Zeit dazu zu haben.
Einander Mal erfahren Sie
mehr, ‑ Auch Fräulein Kreitz kann Ihnen Einiges berichten.
So nehme ich Abschied von
dieser eingeschmuggelten Stunde und grüße Sie, Fräulein Krüger, Fräulein
Bostedt und wer sonst noch fragt von mir und meiner geliebten Freundin ‑ Immer
Ihre
Clara Schlaffhorst.
Schönen Dank für die
Bildchen und Gruß von Frl. v. Harling und Grauding.
Ab[en]ds nach 10 Uhr lese ich eben den Brief durch.
Er erscheint mir selbst
eingeschmuggelt ‑ Will ich ihn Ihnen so senden? Echt ist recht, er sollte aber
anders sein.
[Auf
dem Umschlag:] Von 3
Uhr sitze ich, schreibe ich ‑ mache Steuerrechnung und Sonstiges.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 14.2.37
Liebes Frl. Wiesike!
Ich glaube, daß es ein guter
Augenblick in Ihnen war, der Ihnen den Impuls eingab. Sie können am 22, also
Montag, hier eintreffen.
Auf frohes Wiedersehn
Ihre Clara Schlaffhorst
Wegen der „Ehrenjungfrauen“
wünscht meine Freundin Nachricht mit welchem Zuge ???
D[ie]s[elbe]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar, nach Bad Brambach,
Radium-Kuranstalt nachgesendet) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 20.4.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Ihr Kartengruß vom 10.3.
soll heute endlich beantwortet werden. Abgesehen von ihm, der noch ganz gut
lautet, will ich schon immer anfragen, wie es in Ihnen steht. Irgendwie bin ich
in Sorge wegen der weiteren Stimmentwicklung ‑ Also wenn Sie können, schreiben
Sie mir. Aber ganz aufrichtig, bitte, mich nicht schonen. Ungewißheit ist mir
das Schlimmste. ‑
Hier geht alles seinen guten
Gang; wenigstens in der Arbeit giebt es viel Freude. Mit Grüßen von uns allen
hier
Ihre Clara Schlaffhorst.
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
den 22.6.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Vielen Dank für Ihren
letzten Brief. Nun trennen uns nur noch Tage. Mit Ihnen freuen auch wir uns,
weiter arbeiten zu können nach alledem, was inzwischen war. Wir sind gerade im
Begriff nach Berlin zu gondeln. Hitze war zu groß, wir konnten nicht. Aus
unserm Plan zu Fräulein Krüger zu kommen wird nun doch nichts. Es nehmen leider
nicht alle Rücksicht auf Ferien. So gab es manches zu erledigen. Aber wir geben
die Hoffnung nicht auf. Der Sommer fängt erst an. Bitte Ilse Krüger zu grüßen;
man kann ihr selbst nichts schreiben. Zeit zu kurz.
Ihnen & Frl. Kreitz
Grüße.
Auf Wiedersehn Ihre H. A[ndersen]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 30.9.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Einen Gruß von mir, statt
meiner, sollen Sie haben; heute Abend geht noch jemand an die Bahn, dann haben
Sie ihn morgen früh am Frühstückstisch. Viele Stunden sind schon wieder
vergangen, seit sie fort fuhren. Viel ist Ihnen gewiß schon geworden und
auch viel nur hier. Daraus entnehme ich, daß „es“ unausgesetzt weiter in
uns schafft.
Eben wird mir beim
Abendbrotessen gesagt, daß Sie kein Brief erreicht. Trotzdem schreibe ich
weiter, vielleicht glückt es doch. Die Post geht erst noch über Celle, sagte
man mir. Wir haben hier herrliches Sommerwetter mit kühlem Lüftchen, das uns im
Gegensatz zum Dienstag, erquickt. In der Probe haben Sie heute gewiß gut
gesungen. Das sagt mir mein Inneres.
Immer wieder erlebe ich und
jedes Mal deutlicher, daß man als Mensch winzig ist, gegenüber dem großen
Geschehen. O ‑ dieser Zauber ‑ woher er kommt, wohin er geht ‑ wer weiß es, wer
kann es erraten; er ist da.
den 1. Oktober ‑
Gestern mußte ich schließen,
es kam wieder einmal ganz anders, als ich es wollte. Und heute früh lag
richtig eine Nachricht von Ihnen auf dem Tisch, statt daß dieser Brief auf
Ihren Frühstücksteller geschwebt war. So und nun freut es mich, daß ich vorher
geschrieben, über das gute Gelingen der Probe. Nun wird es am Abend noch eine
Steigerung geben, denn Sie sind eben auf der Linie.
Gottlob, war es gerade
dieser Augenblick, in den hinein das Singen für die Welt fiel! Das erste !!
Mögen Sie noch oft in die Lage kommen den Aufstieg, der in Ihrer Brust
stattfand, in die Lüfte fliegen zu lassen. Dies mein Wunsch und viele Grüße von
allen und Ihrer
Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt,
d. 31.10.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Von all den Briefen, die wir
in letzter Zeit genötigt waren, zu lesen, war der Ihrige heute früh
erquicklicher denn alle andern. Darum und weil Sie so lange wie wir hier ohne
Nachricht von Ihnen waren, Sie ohne Zeile von uns sind, schreibe ich gleich
heute. Da werden Sie bei Ihrer Ankunft in Weimar etwas von uns hören. Es geht
hier nach wie vor; die Fortschritte, die Sie an und in sich erlebten, sind auch
hier zu verzeichnen. Das Werk geht seiner Erfüllung mit festen Schritten
entgegen; trotzdem das Herz brav und leerer wird in Hinsicht auf das Ziel, eine
menschliche Gemeinschaft. Es wird mir nachgerade klar, daß was zufällig und
damit oberflächlich zusammen geführt hat, einer Klärung zusteuert. Bei diesem
Prozeß wird entweder ein Zusammenschweißen oder eine Spaltung das Ende sein.
Wir warten vorläufig noch, und werden uns dann melden.
Mit Ihrem Brief kam auch
einer vom Dirigenten, allerlei zusammengesetzt und Entschuldigungen, die er
sich hätte sparen können, denn ich kannte sie alle; so kam ich ihm denn doch
mit meinem Brief zuvor.
Er sieht in der
Zusammensetzung einen Generationsunterschied, der an allem schuld ist.
Bedauert, daß man ihm keinen Rundbrief zugesandt hat, macht alles Mögliche
verantwortlich, nur nicht sich und hofft trotzdem, im Januar wieder beim Chor
zu sein. Ich sehe von mir aus, daß bei solchem unmenschlichen Zustand dem
Vorstand gegenüber, vorläufig an keine Gemeinschaft zu denken ist. Und zwar
besonders uns und denen gegenüber, die hinter dem Vorstand als Hauptzylinder
stehen.
Wie kann Ilse (Töpfer) erwarten,
daß sie zu Rate gezogen werden müßte, wo sie den Menschen im Vorstand so
grundlos gegenüber steht. Daß Sie sich, trotz Liese, treu geblieben sind,
beweist Ihre Selbständigkeit, die Sie auf dem Wege sind, sich voll und ganz zu
erringen. ‑ Einen Chorgeist hat es bis jetzt noch nicht gegeben; das tritt
jetzt in all den brieflichen Äußerungen am stärksten heraus; jetzt wo das
Materielle in Frage kommt.
Geist ist, mit Materialismus
vereint, nicht zu denken. Ueber L. sind die Akten in uns geschlossen. Von mir
aus möchte ich Sie bitten, wie Sie selbst schreiben, die persönlich innerliche
Haltung gegen den Vorstand, besonders im Brief an Ilse zu betonen. (Es läuft
sogar auf eine Entscheidung zwischen Ilse Toepfer und uns Beiden hinaus.) Es
ist unhaltbar, das man Geld oder irgendeine Unterstützung von Menschen annimmt,
denen man keine Achtung zollt. Das muß ihr von allen Seiten klar gemacht
werden. ‑ Ich tue es in meinem Schreiben als Erstes; Achtung nicht nur dem
Vorstand gegenüber, sondern auch denen, die ihm als treue ergebene Mitglieder
mit aller Herzlichkeit und Opferwilligkeit zur Seite stoßen. So viel Nachdenken
hat keiner von denen gehabt, sich das klar zu machen, warum der Vorstand diese
Hilfe gesucht hat; und noch weniger den Hauptzweck hervorgehoben zu haben, daß
der Chor noch nicht soweit in einen einzelnen Mitglieder[n] vorgeschritten wäre, wenn er nicht die Bereicherung an
Arbeit von unserer Seite genossen hätte. Es wird leider wie Sie sagen,
gehandelt werden müssen und zwar ohne jede Rücksicht auf Einzelne. ‑
Ueber Ihren Nachmittag bei
Frl. Waege habe ich mich sehr gefreut; leider war es kurz; aber Sie haben beide
gewiß noch viel in seiner Nachwirkung. ‑ Es war hier eine lange Pause und nun
schließe ich den Brief, ehe noch anderes dazwischen kommt. Meine Freundin hat
einen Entwurf zu einem Brief an Alle fertig.
Was in meinem Innern
vorgeht, weiß nur Einer; Er wird mich hoffentlich zur klaren Hergabe aller sehr
gemischten Gedanken und Gefühle bringen. Denn der Wust, der aus den Briefen,
die Gräfin Bredow geschickt hat, auf mich übergegangen ist, ist noch in Gärung,
So viel kindisches Geplänkel hätte ich mir nie träumen lassen. Da erfahre ich
wieder einmal bitter, wie nötig, viel nötiger als Tonbildung,
Gedankenbildung gewesen wäre. Heutzutage treibe ich es ganz strenge. Aber
damals hieß es nur singen; singen bis zur Verblödung. ‑
Aufhören heißt jetzt die
Parole. ‑ Der Brief ist der Beweis, wie Sie mir zum Gedankenaustausch fehlen.
Noch etwas Gutes ‑ es wäre noch manches zu sagen vom Singen
etc. ‑ der Herr Thiel übernimmt die Regelung unserer Steuer !!! ‑ Seitdem atmen
wir anders. Grüßen Sie Frl. Krüger ‑ Bostedt ‑ Kreitz ‑ alle die fragen nach
uns ‑ Aber besonders Frl. Krüger vergessen Sie nicht. Eben sitzen Sie im Zuge
nach Dessau ‑
Viele herzliche Grüße und
bleiben Sie weiter sich selbst treu ‑ Wir beide sind gut imstande ‑ immer Ihre
Clara Schlaffhorst.
Der Brief hat leider eilig
geschrieben werden müssen. Ich hoffe, Sie verstehen alles.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 20.11.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Zwei große Briefe von Ihnen
liegen vor mir; hätte ich Sie eben hier, dann wüßte ich, was ich täte. ‑ Und
könnten Sie den ersten vom 2.11. sehn, Sie würden lachen. Er hat auf jeder
Seite dicke rote Streifen und dazwischen bei einzelnen Worten noch extra dick.
So sprechen Sie mir mit jedem Wort aus dem Herzen und zu meinem Hirn, das
genau so denkt. Am liebsten schicke ich
den Brief allen. Aber er ist ja nur für mich und mit Recht ‑; wohl würde er
Gutes stiften, aber nur da, wo er Gutes vorfindet.
So wie Sie das sich als
Gemeinschaft ausmalen, wird es gewiß auch kommen. Nur langsam kann das werden,
was man im tiefsten Innern wünscht.
Ich habe vorläufig mit allem aufgehört; es war wohl nötig, daß
Gr[ä]f[in] Bredow zuerst den Schluß macht. Sie kommt heute her, da
wird man erfahren. Von Berlin hörte ich noch etwas von Fr. v. Arnim, sonst
nichts. Es ist schwer, das alles zu tragen; aber ich muß es wohl verdient
haben, noch mehr zu leiden. Frau von Arnim konnte ich auf ihre Fragen deutlich
Antwort geben. Man soll und kann doch nur die Wahrheit sagen. Dadurch allein
kommt Klarheit in das Dunkel. Dies alles nur für Sie, damit Sie Fühlung
behalten. Die Einlage im 2ten Brief ist unerhört flüchtig und nebenher
geschrieben; ohne den Willen, zu verstehen. Dabei mußte ich auch noch etwas
einstecken: Alles wird auf mein Verhalten, (das lediglich aus Not geschieht)
bezogen. Dabei wart Ihr Alle zugegen, wie ich um Frieden für sie und Alle
gerungen habe und ihn auch schließlich erreichte; aber leider, ohne daß
Fräulein T[oepfer] daran innerlich beteiligt
war. Ihr Dank war, daß sie mich 4 Wochen ohne Zeile ließ, und mir auch sonst
nichts von ihrer Reise gesagt hatte. ‑ Vorläufig wollen wir damit schließen und
uns der Arbeit, die überall munter weiterschreitet, widmen. Auf den 2ten Brief
will ich nicht näher eingehen, sonst kommt dieser Brief nicht mehr an, der
Ihnen eine liebe Ueberaschung bringen soll: Herr Gunther Gedenk hat heute einen
sehr lieben Brief geschrieben und mich gebeten, ihn bald zu empfangen. Er wird
nirgends verstanden und sehnt sich nach einer Aussprache, betr. seiner Arbeit,
nach hier. ‑
Ich weiß, Sie werden froh
aufatmen, darum schreib ich es Ihnen. ‑ Gefreut hat mich, daß Sie in Weimar zu
singen gedenken. Prachtvoll ‑ das ist der Weg, den ich den Strebenden wünsche.
Ich wünsche Ihnen Gutes dafür.
Fräulein Andersen sendet
Ihnen viele Grüße. In mir geht’s wieder kunterbunt. Aber mit Mut. ‑ Abends im
gelben Zimmer wünschte ich Sie öfters. Alle gehen gut voran. Das allein trägt.
Grüßen Sie alle ‑ Frl.
Krüger besonders, über alles hinaus. Nun leben Sie wohl ‑ gleich ist rhythm[ische] Stunde.
Mit herzlichen Grüßen Ihre
Clara Schlaffhorst
(In diesem Brief spricht Clara Schlaffhorst das an , was
später die „Töpfer-Affäre“ genannt und mehr oder weniger totgeschwiegen oder
nur in Andeutungen weitergegeben wurde – was naturgemäß zu Mythenbildungen
führt. Deshalb hier eine Erklärung:
Ilse Töpfer war eine der begabtesten Schülerinnen im Haus
Schlaffhorst-Andersen , sie verfügte über eine schöne und ausdrucksstarke
Altstimme. Clara Schlaffhorst war ihr sehr zugeneigt und setzte große
Hoffnungen in sie für ihr eigenes Werk. Als Ilse T. Mitte der dreißiger Jahre
als Assistentin in Hustedt mit arbeitete, fand der leidenschaftlich und
intensiv geführte Austausch über die Ideen der Schlaffhorst-Arbeit nicht mehr
wie über viele Jahre vorher nur allein zwischen Clara Schlaffhorst und Hedwig
Andersen statt; mehr und mehr trat dabei Ilse Töpfer an die Stelle von
Andersen.
Das führte zu Spannungen und Leiden zwischen den drei
Menschen, führte aber vermehrt auch zu Parteinahmen seitens der übrigen
Schülerinnen.
So kam es, dass es einige Schülerinnen immer mehr in den Unterricht
der jungen, kraftvoll-leidenschaftlichen Assistentin, statt in den der in ihren
Siebzigern stehenden und unerbittlich fordernden Meisterin zog. Und Ilse Töpfer
entwickelte eigene Ideen, die von denen Schlaffhorsts teilweise abwichen. Das
belastete die Beziehung zusätzlich; für Clara Schlaffhorst waren ihr Leben und
ihr Werk eins – wie ihren Briefen unschwer zu entnehmen ist.
Die Zerreißproben und das Leiden auf allen Seiten müssen
sich ziemlich lange hingezogen haben und mündeten schließlich in einer
Spaltung: Ilse Töpfer verließ das Haus (Anfang 1938), um in Berlin-Nikolassee
eine Art eigene Schule zu gründen. Etwa die Hälfte der Schülerinnen, zum Teil
sehr aussichtsreiche künftige Lehrerinnen, folgten ihr (darunter z.B. Lili
Usener, Lonny von Metzsch und Waltraut Seyd).
Das kennzeichnet die nachhaltigen Auswirkungen dieser
„Töpfer-Affäre“.
Heidi Noodt, Januar 2010)
Clara Schlaffhorst (und Hedwig Andersen) an Johanna Wiesike
(Oberweimar) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 15.12.37
Liebes Fräulein Wiesike!
Nun mußte ich heute Frl.
Kreitz doch ohne jeden Gruß fahren lassen. Aber eben treibt es mich, mitten im
Kramen und Räumen, Ihnen doch noch für den letzten, lieben Brief selbst zu
danken. Es ist nun besiegelt[?],
daß der Anreisetag der 2te Januar sein soll. Inzwischen werden Sie viel zu tun
und zu erleben haben. Dort muß ja der Kinderjubel erhebend sein und daheim
finden Sie dann die nötige Ruhe. Es haben sich hier bis heute 10 gemeldet zum
Singen. Chor ausgeschlossen ‑ viel durchlebt. Oh ‑ !‑ Wir freuen uns mächtig
auf die Weiterarbeit. Habe noch manche neue Wege entdeckt. 1000 Grüße von uns
Beiden ‑ Immer Ihre C. S[chlaffhorst] ‑ H. A[ndersen]
Hedwig Andersen für Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Wiesbaden)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt,
d. 23.11.37
Liebes Fräulein Wiesike,
Ich beantworte Ihren lieben
Brief, da meine Freundin heute nach einer hochdramatischen Nacht zu Bett liegt
und Sie doch gewiß gerne bald Antwort haben möchten. Es waren die Ferien ‑ eine
Reaktion auf die ersten 8 ruhigen Ferientage, die von Morgens bis Abends und
auch teilweise noch Nachts mit Paketen, Päckchen, Briefen Briefen u[nd] Briefen ausgefüllt waren und das war für
das Gehirn etwas zu viel, das sich nun seinerseits auf die Därme auslud. Es
geht nun heute schon besser, aber wie gesagt ‑ aufstehen geht noch nicht, Ruhe,
Wärme u[nd] Diät müssen gehalten
werden. Nun zu Ihren beiden „Ideen“.
Wir sind sehr gerührt über
Ihr Anerbieten, früher herzukommen, um uns ev[entuell] zur Seite zu stehen. Aber, liebes Seelchen ‑ erstens
glauben wir nicht, daß dieses „ev[entuell]“ eintritt und zweitens würde es durch Gegenwart eines Dritten,
und besonders noch durch Ihre Gegenwart nur noch verschlimmert werden.
Es entspringt ja alles auf der andern Seite aus Neid und Eifersucht und zu
sehen, daß nun Jemand anderes die Stelle scheinbar einnimmt, das würde nur Öl
ins Feuer gießen. Gerne würden wir Sie liebes Frl. Wiesike noch für ein paar
richtige Tage, wie Sie sie wünschen hier haben, aber erst ab 31.12. Wenn Ihnen
das lohnt, sind Sie herzlich willkommen. Der allgemeine Anreisetag ist jetzt
auf den 2.1. festgesetzt, da die meisten gern den 1.1. noch mit ihren
Angehörigen genießen möchten. Bitte also noch um Nachricht über Ihren
Entschluß, bez[iehungs]w[eise] Ihre Ankunft.
Und nun Frl. Krüger. Auch
das kann nicht gehen, da wir einen ganz ähnlichen Fall schon zurückweisen
mußten, weil es für uns, bes[onders] m[eine] Freundin zuviel werden würde. Sie wird mit den 12
Chormitgliedern noch manche Besprechung, außer der Arbeit haben müssen. Zudem
kommt noch Herr Menzel am Schluß u[nd]
Gräfin Br[edow], sie wollen eine
Vorstandssitzung abhalten, wer weiß, was da wieder ausgebrütet wird! Auch Herr Prof. Högner hat für den 5.1. um einige
Tage Unterricht gebeten, ‑ das wird für unsre Kräfte ganz genügend sein.
Schade, gerade Krügerlein hätten wir es von Herzen gegönnt. Aber wir müssen
doch jetzt etwas haushalten, das letzte ¼ Jahr war schwer. Darüber mündlich.
Für heut in Eile tausend Grüße und Wünsche, auch Ihrem l[ieben] Muttchen von Ihren
Hustedtern.
Clara Schlaffhorst (und Hedwig Andersen) an Johanna Wiesike
(Oberweimar) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 9.2.38
Liebes Fräulein Wiesike!
Danke Ihnen sowohl für
Brief, als auch für Ihr Gedenken zum 8. Febr[uar]. Es giebt hier zu viel außer der Stundenbesetzung für mich zu
tun. Nicht einmal nach Celle kam ich am Montag Abend zu einem schönen Konzert;
und der Sonntag war mit Steuerangelegenheit ausgefüllt. Es scheint, als soll
ich nicht mehr in die Welt. Eine Zeit war meine Nichte hier, deren
Entwicklungszustände mir, und wie es schien auch den Mitlebenden, Sorge
brachten. Heute fuhr sie fort; ich hoffe, daß das Gute noch kommt. Denn H[elga] ist nun wach geworden und
weiß, was sie lassen muß. Ihnen hat das Leben auch viel gebracht; nun sind Sie
in der Arbeit froh. Frl. G[rauding?] macht gute Fortschritte.
1000 Grüße. Für heute nur wenig, bald mehr
Ihre S[chlaffhorst] A[ndersen]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 9.3.38
Liebes Fräulein Wiesike!
Lange schon und oft rede ich
mit Ihnen in Gedanken; vielleicht kann es heute zur Tat werden. Sie können es
sich selbst sagen, daß man in gewissen Tagen, die eine intensive Kraft für das
tägliche Geschehen erfordern, zu nichts anderm Ruhe findet. Und hier ging es
doch mit dem 1sten Januar in höchster Nervenspannung los. Wenn man, in Ruhe
gekommen, solche Zeiten überdenkt, faßt man es nicht, wie das alles so und
nicht anders kommen mußte und konnte.
Jahre lang lebten Sorge und
Gram über dem, was man mit aller Liebe zu erreichen dachte, in mir. Nachdem nun
alles anders gekommen, kommen mußte, sagt man sich ‑: So allein ist es gut. Das
Gute also, was Gott der Allmächtige allein weiß und es darum schaffen kann, ist
demnach nicht Menschenart. Dann tritt Ruhe in’s Gemüt und Schweigen. Langsam
löst sich dieses und durch seine Lösung werden aus den gebrochenen Herzen neue
Impulse wach, von denen vorher nur Ahnungen lebten ‑ im besten Fall. Alles
Falsche ist von mir genommen. Nur hin und wieder guckt es noch, aber es fehlt
ihm die Steuer. Ein höheres Bewußtsein lebt statt seiner, das der Steuer nicht
mehr bedarf. Und so kann ich Ihnen, liebes Herz, schreiben, daß das Weh als
vollendet, neues Leben in jedem Augenblick der Arbeit hervorquellen läßt. ‑ Viel,
unendlich viel hat getan und tut immer noch die allgemeine und die besondere
Liebe. So auch die Ihrige. Auch heute wieder dies köstliche Büchlein! Es ruft
mich eben von hier fort. Brief bleibt liegen.
Den 10ten weiter. So geht es
jetzt immer, Wenn ich mich noch zu einem Brief aufraffe, kommt anderes
dazwischen. Es geht mir ähnlich wie Ihnen die Arbeit an andern, die nicht
einfach ist, hält mich zusammen und bewirkt, daß ich ihr ganz ergeben bin. Mit
wenig Ausnahmen machen mir alle Freude und so spürt man den Segen der Arbeit.
Meiner Freundin ‑ die treue
Seele ‑ die nicht minder leidet, als ich, geht es ebenso. Sie läßt Sie durch
mich herzlich grüßen. ‑ Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme ‑ sie war von vielen
Seiten groß und lieb ‑ und für das
Büchlein.
Mit vielen Grüßen und guten
Gedanken um Ihr Weiteres ‑ Ihre
Clara Schlaffhorst
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 9.4.38
Liebes Fräulein Wiesike!
Eben, an einem Sonnabend,
an dem ganz Hustedt die Rede hört, und ich allein zurück bleibe, will ich
versuchen, ihren Brief vom 29.3. zu beantworten.
Daß ich nicht auch mitgehe
hat seine Ursache, seinen Grund, indem es mir, auch nicht allein, sondern
mehreren Andern nach dem Genuß eines Mittagessens elend wurde. Ein gehöriger
Zustand knüpfte sich daran, so daß ich für gestern und heute nur halb auf den
Beinen war. Nun geht es wieder; die Stunden von gestern gab ich zum Teil heute.
Und als mich meine Freundin ein paar Töne singen hieß, erlebte ich staunend,
daß alle Hindernisse, die sich vorher aufgestaut hatten, wie mit einem
Zauberstab verschwunden waren, und ich ohne Hemmungen die schwierigsten Dinge
auf ungesatteltem Pferde, wovon ich in letzter [Zeit] geträumt hatte, ausführen konnte.
Soviel wissen Sie nun von mir. Ich wollte doch auf Ihre Not zurückkommen, die
aus Ihren Zeilen spricht. ‑ Liebes Herze, ich danke Ihnen für Ihr Verständnis
meiner Kraft. Sie ist aber, weil vom äußern Muß hervorgerufen, nicht echt und
das innere Muß rennt alles über den Haufen. Ich weiß jetzt das Eine: Es ist
alles gut so, wie es kommt. ‑ und nun wirklich zu Ihnen: Da muß ich Ihnen
leider sagen, daß Sie sich stets um einen dünnen, schlanken Ton bemüht haben,
ist nicht dem Gesetz der Bewegung gemäß, der verlangt einen steten Wechsel zwischen
dünn und dick, siehe < > das nur dünne wäre ein nur plano ‑ und das hält
jedes natürliche Volumen zurück. Für die Erhaltung draußen bei der
Arbeit und dem Leben an und mit Andern ist hauptsächlich primär und normal
nötig; wenig primitiv und ideal. Letzteres kann nur hier unter strenger
Kontrolle und Ruhe beachtet werden. ‑ Was die Bronchien anbetrifft, so glaube
ich, Ihnen helfen zu können. Ich habe die Entdeckung oder Erkenntnis bekommen
dafür, daß die Töne c-f mit den hintern Lungenteilen, die Töne g-c mit den
vorderen gesungen werden, das ist für mich und alle eine große
Erleichterung. Versuchen Sie es nur gleich und nehmen Sie die Vokale aus dem
Sprachquadrat, das ist eine stetere Richtung, die Vokalverbindung zu ergattern!
So entsteht durch die verbindenden Linien das Sprachorganisch-Verbundene. Und
noch etwas Wichtiges: Einatmen mit der Stimme, nachdem vorher nur
mit Stimme ausgeatmet wurde ‑ nicht mit Lunge. Ich muß
schließen. Zu viel Unruhe um mich. Man geht und kommt und ich bin Schließerin.
Herzlichste Grüße für heute.
Die genannten Erleichterungen liegen mir seit Ihrem Briefe auf der Seele. Alle
wir sind hier seit 3 Wochen mit Allen ‑ 20 Menschen. Da können Sie sich das
Andere denken. Herzlichste Grüße von uns Beiden Ihre
Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Wiesbaden; nach Fuschel am See
nachgesandt)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 19.7.38
Liebes Fräulein Wiesike!
Fast ein Monat ist seit
Empfang Ihres Briefes verstrichen, und bis heute fand ich keine Ruhe, ihn zu beantworten.
Dies ist nicht so einfach, weil der Brief eigentlich ein Selbstgespräch ist,
für dessen schriftliche Hergabe ich Ihnen nur danken kann. Daß Sie nach all dem
Erlebten doch kamen, war mir ein Zeichen Ihres Instinktes und darum wohltuend.
Ihn haben Sie damals sich in all dem Wirrwarr gerettet.
Ferientage sind uns
leider auch dieses Jahr nicht beschieden gewesen; es war nur eine kurze
Urlaubszeit, um das Nötigste für uns zu tun. Auch dafür waren wir froh.
Wir haben auch gute Eindrücke und Menschen erleben dürfen; wenn nur das Klima
nicht so unmenschlich und rau gewesen wäre. ‑
Was den Chor betrifft, so
habe ich nach all dem, was geschehen ist, nur den einen Wunsch, es möchten sich
genug „Wesen“, nicht Menschen einfinden, die über alles Menschliche hinweg,
durch Hingabe an die große Aufgabe, diese endlich vollbringen. Es braucht kein
großer Rahmen zu sein. Das ist ja vorläufig auch nicht geplant. Aber was nun
herauskommt, muß vom menschlichen Standpunkt aus, möglichst unanfechtbar sein.
Jeder möge für sich stehen, so gut er es von Herzen kann; dann wird auch alles
Andere auch gehen. Die Besetzung des Dirigenten ist mir noch etwas beklemmend.
Aber man muß Vertrauen haben, dann löst sich auch das. Alle die nachfolgenden
stimmbegabten, die Gräfin Bredow dazu ausersehen hat, werden nicht eingestellt.
Ich würde mich freuen, wenn Frl. Goebel und Frl. Siem, vielleicht auch Frl.
Kalk die Sache fördern helfen können. Eben sind die beiden ersten noch im
gewissenhaftesten Studieren. Wenn die Not nicht so groß wäre, würde ich sie von
mir aus nicht darin stören. ‑
Wo Sie aber die Luft atmen,
ahne ich nicht; ich schreibe darum an Ihre Wiesbadener Anschrift.
Uebrigens hat meine
Freundin, der es eben gut geht, Sie für August (Ende) vorgemerkt.
Den 21. Weiter kam ich an dem
Tage nicht. Heute muß der Brief fort, damit Sie, liebes Fräulein Wiesike
Nachricht erhalten. Unser Haus ist besetzt; es war viel Interessantes dabei und
heute kommt sogar ein, nein zwei Aerzte; eine junge Aerztin und Herr Scheufele.
Frl. Steiner lieferte gestern vor ihrem Vater eine Probe ihres Könnens; dann
fuhren beide fort ‑ Frl. v. Harling hat wieder gesungen, daß einem das Herze
lacht, und ebenso Frl. Grauding gesprochen. ‑ Die Stunden, Tage und Wochen
eilen. Ich wünsche Ihnen mit Ihrer Freundin eine gute Zeit und grüße Sie Liebe,
auch im Namen meiner Freundin vielmals ‑
Ihre Clara Schlaffhorst.
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Wiesbaden) [Postkarte]
Briefe an Johanna Wiesike
[Poststempel:
Celle 14.8.38]
Liebes Fräulein Wiesike, die
Ankündigung Ihrer Ankunft am 22.8. hat mich sehr erfreut ‑ weniger die Ihres
Dackels. Unsere Häuser sind lediglich mit Rücksicht auf menschliche Bewohner
eingerichtet, wie Sie ja wissen, vierbeinige Mitbewohner sind gänzlich
unerwünscht, ja unerlaubt. Der Ihrige mag ja ein besonders liebenswertes
Exemplar sein und macht Ihrem guten Herzen inbezug auf seine Ausdünstungen und
Ausscheidungen sind nicht Jedermanns Sache u[nd] bringen Unannehmlichkeiten in Haus und Hof mit sich. Zudem zieht
bekanntlich ein Hund die sämtlichen Standesgenossen der ganzen Nachbarschaft an
sich und so liegt man beständig im Kampf mit allen Hunden von Jägerei u[nd] Dorf Hustedt, was bei der wählerischen
Veranlagung dieser Gottesgeschöpfe erfahrungsgemäß katastrophale Folgen für
alle „gärtnerischen Anlagen“ hat. Solange Sie wunschgemäß bei Behrens wohnen,
wird sich ja sein Eindringen in unsere Anlage vermeiden lassen, wie es aber
später werden soll, macht mir schon heute Beklemmungen. Schon als Präzedenzfall
dürfte ich das nicht gestatten, gleichviel ob Haupt- oder Bauernhaus. Na,
vielleicht läßt es sich auch ab Oktober einrichten, daß er sein Quartier bei B[ehrens]. behalten kann. Das alles
ist nicht Engherzigkeit aus persönl[icher]
Abneigung bei mir ‑ ich habe edle Tiere gern ‑ aber in gemessener Entfernung!
Besonders, wenn man für Mitbewohner u[nd]
reine Luft im Hause zu sorgen hat. Das werden Sie gewiß verstehen, liebes Frl.
Wiesike. Meine Freundin ist heut früh nach Berlin zu der schwererkrankten Frl.
M. Nissen gefahren, daher nur herzliche Grüße für Sie
Ach, Sie sind ja in W[iesbaden]! dann bitte ich um
freundlich Grüße für Ihre liebe Mutter u[nd]
alle Andern von Ihrer H. Andersen.
Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt. Vor der Reise.
[Januar 1939]
Zur Begrüssung.
Ohne Begeisterung schlafen
die besten Kräfte unseres Gemütes!
Es ist Zunder in uns, der
„Funken“ will!
Funken ------
Die Wollust im Naturwillen!
Die Lust in den Eingeweiden!
Das Leben in der Stimme!
Die Liebe im Herzen!
Die Leidenschaft im Gefühl!
Das Licht im Geist!
Ideen ------
Durch Endsilben zur Stimme
zurückfinden, wenn sie verloren gegangen.
Sprechen! -
offene Speiseröhre durch
Zunge oben am Gaumen bei Beginn jeden Vokals, zu Vokaldehnung durch Hypophyse.
Singen ist das, was die
Seele nicht aussprechen mag!
Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt, den 13.1.39.
Meine Lieben alle
miteinander,
Alle habt Ihr uns heute früh
erfreut durch die Nachricht, dass der erste Schritt gelungen ist.
Schon gestern abend spürte
ich mit jeder Nummer, die ich lesend mit Euch lebte, dass es so ging, wie der
Himmel es wollte. Mehr kann man nicht erflehen! Drum war die Nacht ruhig und
ich schlief bis zum hellen Morgen.
Wieviel Dank fließt zu Euch
in die Ferne, das werdet Ihr auch ohne Worte spüren. Es singt in mir ohn
Unterlaß und läßt mich an Leib und Seele gesunden. So schreite ich mit Euch
gemeinsam weiter, verbunden mit Frl. Andersen, und wünsche Euch innigst Ruhe
und Besinnung, damit Ihr die Kraft, die Euch begeistert und beseelt, immer
wieder „von Neuem“ findet, bis Eure Sendung für dieses Mal beendet ist. Innige
Wärme durchpulst mich und schwingt sich durch die Lüfte zu Euch von uns beiden.
Eure Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt, den 14.1. 39.
Meine geliebten Chor- und
Solistensängerinnen! Nur ein kurzer Gruss soll Euch sagen, wie beglückt wir
über Briefnachrichten und sogar Kritiken von Frl. Kukatsch waren. Bitte sagt
ihr Dank und Grüsse. ‑ Hier scheint die Sonne leuchtend hell, trotz nahen
Unterganges. Möge sie Euch bis in Eure Herzen scheinen und von dort aus Funken
sprühen lassen in alle Teile Eures Leibes ‑ Körpers ‑ Geistes ‑ Seele. (Und des
Publikums!) Damit, wenn Ihr Eure Münder auftut ‑ ich meine natürlich Stimmünder
‑ all der Jubel herausklingt ‑ schwingt ‑ jubelnd singt ‑ mit dem Ihr die
Lieder zum Preise des Schöpfers der Welt gebt. Sie soll daraus erkennen, was
Gott den Menschen in die Seele gelegt, ja gebettet, damit es durch die Musik
offenbar werden kann. Der Schöpfer dieser Herrlichkeiten segnet das, was er
selbst geschaffen hat. So wie Ihr von ihm erschaffen seid, so schafft „es“ nun
aus Euch, wenn Ihr selbst die Dummheit zur Klugheit wandelt.
Das möge Euch wie beim
ersten Schritt in die Welt auch weiter beschieden sein! Wir wünschen es beide
so von ganzem Herzen und sind bei Euch bis zum letzten Augenblick.
Eure „Mitarbeiter“ Clara
Schlaffhorst ‑ H. Andersen grüssen herzlich und bitten, alle Klinger bei
offener Speiseröhre zu haben!
Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].
Briefe an Johanna Wiesike; abgedruckt in:
Heidi Noodt (Bearb.) Chronik der Schule Schlaffhorst-Andersen. (Wunstorf) 1994,
162
Hustedt, den 15. 1. 39.
5½ Uhr!
An alle, die eben singen,
und die, die mit klopfendem Herzen hören!
Wir strengen uns tüchtig an,
Euch zu hören und sind doch sehr ruhig dabei. Thomas von Aquin, von dem ich
heute Folgendes las, stärkt meinen Glauben an das Wort: „So muss auch das
Innengeschehen unserer Seele dessen Zeichen das äussere Wort ist, selbst Wort genannt
werden. Ob dabei der Name „Wort“ eher dem Laut der Stimme gebühre oder dem
innerseelischen Begriff, das ist hier gleichgültig. Deutlich ist gleichwohl,
dass, was der Laut der Stimme bezeichnet, das Innengeschehen der Seele früher
ist, als das nach außen lautende Wort: dieses ist von jenem verursacht. Wollen
wir also wissen, was das innere Wort des Geistes sei, dann müssen wir zusehen,
was durch den Laut der Stimme bezeichnet werden soll.“ ‑
So haben große Geister
alles, was unser Streben ersehnt, schon lange vor uns gedacht. Wir sind demnach
nicht allein, nur das Erbe dieser Gedankenwelt, die, um Wirklichkeit zu werden,
wieder Vollmenschen braucht. Wie glücklich mögt Ihr dastehen und sprechen und
singen und singen und sprechen!
Es grüßen Euch Eure tapferen
Mitkämpfer.
Wir fühlen uns gleich
Entsagungshelden, dieweil wir ferne sind, ‑ sein mussten. 1000 Grüsse
Clara Schlaffhorst.
Eben schlägt es 7 Uhr! Da
ist’s vorbei. Wie schade!
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike [ohne Umschlag]
Briefe an Johanna Wiesike; auszugsweise
abgedruckt in: Heidi Noodt (Bearb.) Chronik der Schule Schlaffhorst-Andersen.
(Wunstorf) 1994, 161-162
Hustedt
d[en] 15.1.39
Liebes Fräulein Wiesike!
Je länger, desto mehr liegt
es mir auf dem Herzen, daß wir Sie hier lange Zeit kaum wieder sahen, und was
noch schmerzlicher ist ‑, hören werden. Im Innersten bin ich jedoch ziemlich
gewiß, daß Sie, nach dem letzten „Vorsingen“ zu urteilen, Ihrer Wege sicher
sind. Aber gerade auch darum schmerzt es immer wieder, wenn das Studium
plötzlich abbrechen soll und muß. Wollen wir hoffen, daß der Trennung doch noch
ein Wiedersehn im Jahr folgt.
Eben seid Ihr Solisten alle
in Erregung, denn in einer, nein wie ich eben lese ‑ schon ist’s los gegangen.
Nun soll die Vortragsfolge neben mir liegen, und ich folge ihr mit allen
Impulsen, deren ich fähig bin. ‑ Wir waren am Morgen hoch erfreut, daß wieder
so schöne Nachrichten kamen; auch Kritiken! Man giebt auf Letzteres nicht viel,
aber schließlich freut sich das „bemenschte Paar“. Oh, daß wir zweie sind!! das
ist doch das größeste Geschenk des Himmels. So teilen wir alles und erleben es
dadurch doppelt. ‑ Eine Stimme (Ottmer) ist durch. ‑ So geht es hoffentlich,
wie es begonnen mit dem Segen des Herrn, dem Ihr Kinder singt, stetig weiter
gut ‑, auch noch in Weimar! Und nun kommt das Eigentliche: Der Brief, den ich
Ihnen beilege ‑ Er ist zum ........... !!! ‑ ‑ Grüßen Sie, ohne Ausnahme Alle,
auch den Dirigenten und die Weimaraner und erhalten Sie sich Ihre Kraft. ‑ Mit
vielen guten Wünschen grüßen Sie Ihre armen zurückbleibenden Clara
Schlaffhorst, Hedwig Andersen, die wir beide tapfer alle Sehnsucht bekämpfen.
Bitte einl[iegenden] Brief von Ilse abzugeben
od[er] vorzulesen.
Clara Schlaffhorst (und Hedwig Andersen) an Johanna Wiesike [Nachsatz
zu einem Brief von Elisabeth Goebel]
Briefe an Johanna Wiesike
[Januar/Februar
1939?]
Liebes Fräulein Wiesike!
Leider leide ich nicht an Zeitüberfluß, dann hätte ich Ihren ersten Brief, der
uns so große Freude bereitete längst beantwortet. Auch mir war es schwer, Sie
nicht mehr unter den Weiterarbeitenden zu haben. Und nun lese ich auch noch,
daß Sie nicht zum Arbeiten an sich kommen. Ich hoffe mit Ihnen, daß Sie es
heute konnten. Ich wende mich wieder einmal um und um. ‑ Was Sie mir von der
Fernsicht über den Chor schreiben, bewegte mich freudig. Alles wird sich
hoffentlich so fügen. Der Plan ist gut. Nur auch innerlich so weiter kommen.
Möchte Ihnen Ihre Kraft beistehen beim Leben bleiben, d.h. neu erstehen können!
Herzlichst grüßen Sie Ihre Clara Schlaffhorst. H. Andersen
Auch von der Tischrunde
viele Grüße. D[ie]s[elben]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 26.2.39
Liebes Fräulein Wiesike!
Den Brief an Fehse konnte
ich Gräfin Bredow nicht mehr zeigen; sie kam viel später. Der Brief an ihn ging
den nächsten Tag fort. Uebrigens kann ich ihr, der Gräfin, noch hinterher die
Abschrift vorlegen. Sie wird wohl noch da sein. Heute will ich Ihnen nur diesen
kurzen, bedeutsamen Gruß senden und Ihnen mitteilen, daß eine ärztliche
Untersuchung, zu welcher ich ohne meine Absicht durch einen Besuch von
Hantschuck kam, ergab, daß ich total normal bin. Was will man mehr?? Ich
glaube, Sie freuen sich darüber, so wie wir alle uns hier gefreut haben. Diese
ewige Ungemütlichkeit, in der ich mich alle diese Wochen befand, hatte mehrere
Gründe. Der wesentlichste ist der, daß die Seele selbst an mir schaffte und
altes, was falsch, schlecht, faul und dumm war, fort gebracht hat. Das Herz hat
keine Verkalkung, die Lunge keinen Krampf ‑ der Leib keine Stauung und der Kopf
ist ohne Belastung. Der Erfolg des Chores tat seine doppelte Erschütterung. Es
ist nichts kleiner für uns Beide. Nach so viel Enttäuschungen über menschlich
Allzumenschliches, plötzlich die gemeinsame Arbeit und die dadurch erreichte
Anerkennung der Außenwelt zu erleben im Alter von mehr als 75 Jahren !! ‑ Jetzt
tritt Ruhe ein in mir. Am liebsten schrieb ich noch manches! Das nächste Mal.
Heute nur noch viele herzlich Grüße von uns beiden. Ihre Clara Schlaffhorst
Herzlichen Dank für die
Dobe-Bilder, die mir die Chormitglieder gesandt. Ich habe große Freude daran.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Weimar). Drucksache
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt, den 22. März 1939.
Meine lieben, ach so fernen
Chormitglieder!
Fräulein Gertrude Schümann, grade
das Chormitglied, daß zuerst den Schritt in die Welt wagte, kündete mir im
Februar durch ein liebes Schreiben ein Kunstwerk von Dobe als Geschenk von Euch
an.
Das kam denn auch nach
einigen Wochen. Dass es so großartig ausfallen würde, und merkwürdigerweise
grade mit dem von mir Erkannten übereinstimmt, setzte mich in grosses Erstaunen
und erfüllte mich mit ungeahnter Freude
Ich war bis vor einer Woche
so benebelt davon, dass ich es wie ein Heiligtum behandelte und wohlverwahrt
wieder fortgestellt hatte, so dass es mir erst in dieser Nacht auf’s Herz fiel,
dass ich bisher nur denen gedankt habe, die grade hier sind.
Heute lasse ich diese
kurzen, aber herzlichen Dankesworte vervielfältigen und sie Euch zusenden, die
ich nicht so bald sehen werde.
Es grüsst Euch in Liebe und
Dank
Eure Clara Schlaffhorst
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 13.4.39
Liebes Fräulein Wiesike!
Der Brief wird nicht so
lang, als der Bogen groß ist; eben habe ich keinen andern vorrätig hier. Komme
so selten nach Celle.
Das die Vorrede; nur habe
ich gerade einige Minuten Zeit ‑, Ihnen für die große Osterfreude zu danken,
Ihnen und all den Mitarbeitern dieser köstlichen Gabe. Als ob Sie wußten, wie
bedrängt ich war wegen der sich zu sehr angeheuften Zettel, die ich nun
allmählich da hinein schreiben kann. Noch habe ich immer keine freie Zeit
gehabt, mit Fräulein Krüger die Zettel zu ordnen. Da kam Ihre Lösung! Natürlich
gehört auch hierzu Muße; aber es lacht mir doch ein Weg! Und wo er ist, ist auch
das Ziel: Die Unterbringung aller Weisheiten. Es sind in letzter Zeit viele
Kostbarkeiten eingelaufen, die wert sind, festgelegt zu werden. Ich danke
Ihnen, danke allen für die Liebe, die in dem Packet lag. Fräulein Krüger
erzählt Ihnen die Geschichte der Eier und überhaupt viele Andere.
Jede Zeit hat ihr Gesicht.
Ostern war dieses Jahr ein wirkliches Fest; besonders auch durch Ilse Krügers
Nähe. Der Ostertisch prangte im festlichen Glanze. Nun ist auch der Frühling ‑
die Sonne ‑ die Vögel eingekehrt, und das Frieren hat damit ein Ende ‑ Daß Sie
so viel zu arbeiten haben und daß in Ihnen keine Stockungen sind, ist
erfreulich. Aber schön ist’s, daß Sie sich vorgenommen herzukommen. Es ist
genug zu tun ‑ am besten geht es bei denen, die dauernd heran müssen, wie Sie
es ja auch erlebten!
Für heute sage ich Ihnen
herzliches Lebewohl und ein hoffnungsvolles[!] auf Wiedersehn. Ob meine Freundin auch schreibt
weiß ich nicht; einstweilen auch von ihr Dank und Grüße ‑ Ihre Clara
Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (München)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
bei Celle, den 13. Juli 1939
Liebes Fräulein Wiesike!
Auch mir ist der Gedanke,
daß Sie Weimar für immer verlassen, noch so neu, daß ich Zeit brauche, mich
daran zu gewöhnen. Wir, die wir so oft von denen Abschied nehmen müssen, die
uns lange Zeit hindurch zur Seite standen, lernen es in jedem Fall nur
allmählich und darum schwer. Doch das Schicksal jedes Einzelnen verlangt
Trennung, und so muß es hingenommen werden, wie es kommt, wenn man nur weiter
daran teil nehmen kann. Es bleibt dabei auch nicht stehen. Der Ueberraschungen
giebt es viele. So ging es mir auch beim Weiterlesen Ihres Briefes, für den ich
Ihnen sehr danke. Auf diese Weise wird man von Dingen unterrichtet, die
man von sich aus nicht ahnt.
Die Tatsache, daß Sie Herrn
Professor Högner unterstützen, bringt mir doppelte Unruhe ‑ Ich kann von mir
aus nichts tun, wie stets, wieder geduldig warten, wie die Sache von ihm selbst
geregelt wird. Dann Ihre Reise nach Berlin, die, wie mir Ihre Karte sagt, so
ganz anders ausgelaufen ist, als Sie, liebes Fräulein Wiesike es sich dachten! ‑
Nun müssen Sie das alles schriftlich bearbeiten. Auf diese Weise habe ich Zeit
gewonnen, denn nach Berlin konnte ich Ihnen nicht mehr meine Wünsche und
Gedanken mitteilen.
So sehr es in materieller
Richtung, wie Sie selbst schreiben, zu begrüßen wäre, daß wir durch den
Anschluß an K.d.F. („Kraft durch Freude“, Einrichtung der Nazis) Erleichterung
hätten, und der Besuch der Referentin Frau Dr. Ottich zu erwarten ist, so trübe
stimmt mich die andere Seite: Publikum und Unterhaltungsmusik. Da können wir
nichts Besseres entgegensetzen, als unsere ernsten Programme. Dabei müssen wir
fest bleiben. Und wenn man nicht darauf eingehen sollte, bleiben wir lieber in
unserer Richtung und tragen „die entsetzlichen Kosten“ solange, bis der Chor in
den großen Musikstädten gehört und anerkannt worden ist. Damit wird dem „Werk
selbst“ der schönste Denkstein gesetzt, für den wir uns verpflichtet fühlen.
So weit für heute, damit Sie
wissen, wie ich denke. Nun noch zu Ihrem Unternehmen, zu dem ich Ihnen
aufrichtige Wünsche sende. Möge Ihr Glaube durch Erfüllung zur Tat werden,
indem Ihnen Kräfte wachsen! Dieses mit vielen Grüßen ‑ herzlichst
Ihre Clara Schlaffhorst.
Ihre Grüße an die Tischrunde
soll ich erwidern. D[ie]s[elbe]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 24.9.39
Liebes Fräulein Wiesike!
Als Sie mir Ihren
Absagebrief sandten, standen wir vor der Katastrophe; jetzt liegt sie hinter
uns. Trotzdem sind wir doch noch mitten drin. Niemand weiß, was werden wird.
Aber Sie sind inzwischen hoffentlich in Ihrem Haus an Ort und Stelle und
bereits eingelebt! Alles, was dazwischen liegt, war gewiß ein grenzenloses
Chaos. Wer wie wir das erlebt, weiß was Krieg heißt. Und wieviele unglückliche
Zustände bringt friedloses Leben mit sich! Die Not ist nicht fort ‑ und nicht
auszudenken. Arbeit ist dabei das einzig Ertragbare in solchem elenden Zustand,
der immer wieder beweist, daß alle die Recht denken, die da schreiben und
sagen, daß es noch keine Menschen auf der Erde giebt. Wir sind, betreffs dieser
Richtung der Entwicklung, herrlich weit gekommen! Es zeigt sich auch noch auf
anderer, ‑ Hier ging alles ruhig seinen äußeren Weg; wir haben stillere Zeiten
gehabt, als im Sommer. Das war wie Segen. Vom Chor waren immerhin 12 Mitgl[ieder] hier. Unser alter Wunsch ‑
am Inneren arbeiten zu können, wurde uns erfüllt. Zwar wußte ich, was zu tun
war; aber so viel hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gedacht! Noch sind
6 von ihnen hier. Fr. Bleul u[nd] Frau
von Arnim sind dem Ziel sehr nahe gerückt; ebenso I. v. Harling. Vom 9. Okt[ober] setzt Gottlob auch die
Winterarbeit ein. Ein Wunsch, glaube ich, beseelt alle Deutschen und alle die,
die Menschenblut in sich bergen: Nichts kann uns weiter helfen als der
Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Daß er uns Allen beschieden sei,
dazu verhelfe uns der Allmächtige! In diesem Sinne grüßen wir Beide Sie, liebes
Herze. Mit herzlichen Grüßen Ihre Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 23.12.39
Liebes Fräulein Wiesike!
Noch kurz vor dem heiligen
Abend versuche ich, allen Chormitgliedern Grüße von uns zu senden. Es ist kein
Brief von Ihnen in meiner Mappe, somit kann ich Ihnen gleich von hier
berichten, daß trotz der schweren Kriegszeiten, hier die Arbeit wie im Frieden
ablief. Zuerst waren zwölf von den Chormitgliedern, mit denen intensiv
gearbeitet wurde. Man kann nicht alles berichten, was dabei noch zu lernen war.
Je tiefer wir eindrangen, desto größer wuchs uns das entgegen, was an Reichtume
in der Deutschen Seele hervorquoll und immer noch, nachdem ich wieder an
einigen Schülern mit dem Anfang beginnen mußte, so weiter strömte bei denen und
mir selbst, die wir stetig mit einander leben. In mir ist eine so große
Umwandlung vor sich gegangen, daß das Ziel, das mir vorschwebte, mir immer
näher rückte.
Es mußte sich alles ändern, und
ich selbst und ich war genötigt, meine Arbeit an andern einzuschränken.
Seit dem 15. Dez[ember], da Ferien einsetzten,
hat sich das ganze Gleichgewicht wieder hergestellt und sowohl Frl. Andersen,
die auch davon angegriffen war, wie ich sind nun miteinander froh, mit gutem
Mut in die Zukunft blicken zu können. ‑ Während dieser Umwälzung im Innern hat
sich Ihr schwieriger Umzug hoffentlich auch vollzogen. nun können Sie das
Weihnachtsfest als erstes im eigenen Heim begehen. Wir beide wünschen ihnen und
Fräulein Neiendorf ein stilles gesegnetes Ruhen nach all dem durchgemachten
Ungemach und Ihnen persönlich ein Zurückfinden in dem, was Sie an innerer Kraft
erreicht hatten. Mögen Sie gesund und guten Mutes das neue Jahr beginnen und
möge Segen auf Ihrem Tun ruhen. Dies wünscht mit herzlichsten Grüßen Ihnen,
liebes Frl. Wiesike, Ihre Clara Schlaffhorst.
Hedwig Andersen (und Clara Schlaffhorst) an Johanna Wiesike (Pilsensee)
[Ansichtskarte: Hustedt b. Celle, Haus Schlaffhorst-Andersen]
Briefe an Johanna Wiesike
[Poststempel:
Celle 13.1.40]
Liebes Fräulein Wiesike,
wo haben Sie nun wieder
diesen famosen „unfreiwilligen Humor“ aufgestöbert? Da ist ja noch mehr
Heiterkeitserfolg drin, als im „Lach-Jahr“ Dies Jahr wird uns ohnehin nichts zu
lachen bringen. Aber ein Pferd, das vor Schreck umfällt u[nd] alle 4 Buchstaben in die Luft streckt, da
muß man schon lachen. Herzlichen Dank also u[nd] viel gute Wünsche u[nd]
Grüsse aus diesem Hause u[nd] von Ihrer H.A[ndersen] ‑ C. Schl[affhorst]
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. 1.3.40
Liebes Fräulein Wiesike!
Verzeihen Sie mir, daß ich
Ihren lieben Weihnachtsgruß unbeantwortet gelassen habe. Es liegt noch eine
volle Mappe von all denen, die uns zu Weihnachten geschrieben haben ‑ Erlassen
Sie mir die näheren Erklärungen dafür; die Post wächst lawinenartig über uns
her; ich allein bin es, die noch schreibt ‑ Ausnahmen abgesehen ‑ die Hedwig
mit den Verwandten unterhält ‑ und so werde ich, so wie ich es mir wünsche,
nicht mehr fertig. Berührten Sie in Ihrem diesmaligen Brief nicht Zukünftiges,
was uns Beiden so sehr auf dem Herzen liegt, würde ich auch nicht so bald
antworten; des bin ich gewiß. Vorerst aber noch herzlichen Dank für das Buch
mit den Krystalen, das hier schon viel Freude bereitete. Ich selbst habe auch
am Abend, wenn ich wohl genug bin, d.h. noch Kraft erübrigen kann,
Beschäftigung, so daß ich bisher noch wenig Zeit dafür aussparen konnte. Und
wegen des Dobe-Bildes, das mir total entfallen ist, sehe ich sofort nach,
sobald mir ein Augenblick Zeit kommt, selbst nach und sende es Ihnen. Es ist
mir begegnet. Aber eben weiß ich nicht wo? ‑ nun aber zu dem Plan, der den Sie
gesehen, existiert nicht mehr. Es war eine Zusammenkunft ‑ Gr[ä]f[in]
Bredow ‑ Frl. Grauding extra hingefahren und der Baumeister ‑ ein Herr
Professor ‑ vor 8 Tagen. Da ist alles umgeworfen; den daraus neu hervorgehenden
bringt Gr[ä]f[in] Bredow in den nächsten Tagen zu Besprechung nach hier. ‑
Ich glaube kaum, daß nach uns gehört wird; man hat es nicht einmal in unserm
eigenen Hause bei der Uebergabe für nötig befunden, ‑ hat sich damit aber schon
geschadet. Die Wirtschaft ist von uns aus all unsere Lebenszeit glatt, trotz
oft erschwerter Umstände vor sich gegangen. Nun heißt es: Hier trägt sie, die
Wirtschaft, die Kosten nicht. Und eben um dieser Wirtschaft, willen,
soll es dort angelegt werden. Es ist ein hochherziger Plan von der Gräfin, dem
wir leider nicht folgen können. Das ist das Verstimmenste bei der Sache. Bei
näherer Ueberlegung wird uns jeder verstehen. Wir bitten Sie nun, so ehrlich
wie Sie uns gegenüber schreiben, Ihre Bedenken, die Sie gerade in unserem Sinne
haben, auch dort zur Gräfin zu äußern. Sie ist Ihnen dankbar. Wir sind bestrebt
von uns aus und müssen es sein, die Jahre werden deutlich, die Bürden nach
Möglichkeit abzustreifen. Arbeiten werden wir wohl bis an das möglichst längste
Ziel; aber den „Betrieb“ möchten wir, können wir unter unserm Dach und Fach
aufrechterhalten und eher verkleinern, denn vergrößern. +
Ich finde schon dadurch, daß
jeder von den Lehrerinnen in eine andere Ferne rückt, reichlich genug
erweitert. Es wäre ein besseres Gemeinsames mit uns erreicht, wenn man
sich um uns geschart hätte; also nicht den Menschen im Auge gehabt hätte,
sondern immer nur das Werk, das die Verbindung mit seinen einzelnen Gliedern und
dem Willen sucht. Aber was sind Erwägungen gegenüber dem, was im Innern der
Brust an Schicksal für den Menschen schlummert. Hunderte von Jahren sind
nötig bis dereinst „die Natur und ihr Bestehen“ als das Ziel für Alle angesehen
werden wird. ‑ Auch wir möchten gerne mit Euch zusammen sein und gemeinsam
beraten, denn es hängt ungeheuer viel von alle denen ab, die uns überleben
werden. Zu unsern Lebzeiten wäre eine Regelung eher möglich, wie sich’s in
unserm einfachen, nicht zielstrebigen Sinne sich auswirken könnte, was wir
hören durften. Hoffentlich giebt es im Sommer ein Wiedersehn! ‑
Heute wurde nichts von Ihnen
gefragt und eben muß ich schließen. Was Sie im Brief von sich erzählten muß
vorläufig hinreichen. Jedenfalls freute ich mich, daß Sie Zeit gefunden, heim
zu kehren. Von Ottmer freue ich mich, auch meine Freundin, daß Sie Menschen
gefunden hat. ‑ So leben Sie wohl und erhalten Sie sich Ihre Treue zum Werk ‑
Viele herzliche Grüße von uns Beiden, Ihre Clara Schalffhorst.
+
(Hier taucht zum ersten Mal das Angebot von Gräfin Bredow auf, die
Schule auf ihr Gut in Seefeld in Pommern zu verlegen.)
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
z.Zt.
Bevensen d. 25.6.40
Liebes Fräulein Wiesike!
Noch eine kurze Spanne Zeit
und unsere „Ferienruhe“ (? 39 Briefe) ist vorüber. Ehe sich wieder der große
Arbeitsstrom über mich ergießt, möchte ich Ihnen noch einen Gruß senden. Wir
haben hier vom ersten Juni an jedem Tage klarsten Sonnenschein gehabt, sehr zu
unserm persönlichen Unbehagen; denn alles um uns herum lechzte nach Regen und
man selbst zerschmolz vor Hitze. Heute von früh 5 Uhr Gewitter und Regen bis
eben 3 Uhr. Trotzdem waren wir fast nur im Wald. Mein Traum, dereinst vom
Morgen bis zum Abend Vogelgesang hören zu können, ist mir dabei voll erfüllt
worden und Fräulein Andersen freute sich mit mir. Sie läßt Sie sehr herzlich
grüßen. So gingen die Wochen in Dank dahin, daß wir endlich einmal ganz frei
für unsere gegenseitige Arbeit an uns hatten. Und das wird hoffentlich zum
Segen auch für Andere ausfallen. Denn während der schweren Kriegsmonate hat uns
jede Stunde davon Beweis gegeben, wie nötig unsere Fürsorge für den Aufbau der
Kräfte an jungen deutschen Menschen ist und wie dankbar, gerade die Jugend sie
aufnimmt.
Oft haben wir gefragt, ob
die Zeit reif für das ist, was unsere Aufgabe zu erforschen, ergründen und
schließlich zu formen war. Der zweite Krieg, so entsetzlich er für jeden
einzelnen ist, so wertvoll für die ganze Zeit und ihr Wachwerden über die
letzten Gründe der Arterhaltung. In dem Verhalten der Wehrmacht in jeder
Beziehung zeigt sich, welche Kräfte im Deutschen liegen, und welche Impulse
nötig sind, daß die Quelle dieser Kraft in die Erscheinung tritt: Das
Schicksal! Es pocht bei jedem Einzelnen einmal an seine Tür und ruft nicht, bis
auch das Letzte hergegeben wird; und nun erleben wir es im Völkergeschehen! Wie
groß-gewaltig und wunderbar sind die Wege der Versöhnung für einen Jeden, der
noch einen Funken von Leben in sich hat. Wohl ihm, wenn er ihn richtig
verwendet; den kann ich auch tragen.
Ihnen, liebes Fräulein
Wiesike, hat das Schicksal die Erkenntnis gegeben, wo Sie in diesem Augenblick
zu stehen haben. Damit muß auch ich mich zufrieden geben; hoffentlich nicht für
immer. Die Chorzeit war voll Einheitlichkeit und harmonischen Zusammenklanges.
Dirigent wächst ganz hinein. Ihre Grüße wurden erwidert ‑ Hoffentlich haben Sie
inzwischen Hilfe bekommen und können der innern Arbeit Ihre Zeit zum Teil
widmen. Ich wünsche es Ihnen mit vielen Grüßen herzlich ‑
Immer Ihre Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
Hustedt
d. d. 12.5.41
Liebes Fräulein Wiesike!
An dem äußeren Gewand
Ihres Prospektes ist nichts auszusetzen; er läßt leider darauf schließen, daß
Sie ihn innerlich doch nicht vom richtigen Ende überlegt haben! Wenn Sie
den Namen unserer Schule erwähnen, müssen Sie auch denselben vollständig
wiedergeben, weil Sie ihn nicht und überall lesen können, sondern weil Sie
darin gelebt haben ‑. Schule Schl. ‑ A‑ für Atem- Sprech- und Gesangkunst ‑ das
wäre erstens richtig, zweitens vollständig und drittens wahr gewesen. Was
stellt man sich denn vor, wenn Sie Atem- und Stimmbildung hinsetzen? Wodurch?
Doch nur durch die Kunst der Sprache.
Warum in aller Welt senden
Sie uns nicht den Entwurf vorher; jetzt ist’s geschehen.
Uebrigens kommt es bei der
Atmung darauf an, daß es aus dem gewohnheitsmäßigen und gedankenlosen heraus
und in bewußtes, ungewolltes „Erleben“ gebracht wird; von einer Bildung, wie
die Stimme es verlangt, ist bei ihm nicht die Rede.
Es ist garnicht so einfach,
wie man es anzunehmen scheint, einen festen „Begriff“ von der Schule zu haben,
geschweige denn vom ganzen „Werk an sich“ in welchem der Gesang doch nur ein
winziger Teil ist.
Mein Arm geht seiner
Gesundung geraden Weges entgegen; es sind schon oft Augenblicke da, in denen
ich die schwersten Sachen begleite. Das bekommt ihm ausgezeichnet.
Ihre allerseitigen Grüße
erwidernd bin ich Ihre Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike. Auszug abgedruckt
in: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 16
z.Zt.
Bevensen d. 23.12.41
Liebes Fräulein Wiesike!
Seit dem 15. Dez[ember] sind die Ferien da, nach
denen wir uns sehnten; denn die Arbeit war riesengroß. Ruhe giebt es wohl um
uns her; aber im Innern mahnt die Post, die seit dem Geburtstage aufgespeichert
liegt. Gewiß werden täglich Briefe erledigt, aber bei der täglich einlaufenden
Post, bleibt das Meiste noch liegen. Es scheint, als ob in uns Beiden die Zeit
für uns selbst gekommen ist, nachdem wir unser ganzen Leben für Andere da waren
und unsere Kraft dem „Werk an sich“ gehörte. Mit dem schulgemäßen Arbeiten an
dem Einzelnen konnte man schon fertig werden; aber damit war dem Werk noch
nicht alles gegeben; sondern es hieß das Schöpferische Wesen zu finden, und als
Solches der Erfüllung Tür und Tor zu öffnen. Da haben sich dann noch ganz
andere Ziele aufgegeben, für die wir erst einmal selbst leben sollen. Und so
sorgt nun die Natur in uns, daß wir Muße finden, uns zu leben. Dazu braucht
jeder Zeit für sich; diese neben all den andern Aufgaben zu finden, das ist
nicht einfach. ‑ Das wird ja gar kein Weihnachtsbrief und noch gab es kein Wort
des Dankes für Ihren langen Geburtstagsgruß in Frl. Ottmers Zimmer. Also fangen
wir damit an. Der 16te war auch dieses Mal reich an Freunden, die aus Liebe
strömten. Anfang und Schluß waren das Schönste. Gesang und Tanz! Irmgard
überbrachte die noch dagebliebenen Chormitglieder in einer wundervollen, zu
Herzen gehenden Vorstellung ‑ die sieben Urformen. Schade, daß man es nicht
beschreiben kann ‑ das muß erlebt werden! Ich hätte gerne alle um mich gehabt.
Eigentlich spielte sich der ganze Tag in schönster Harmonie ab und nun liegt
bereits alles längst hinter mir. Und nun kommt lange darnach erst der Dank für
all die Liebe, die aus der Ferne mich erfreute. So auch Ihr Brieflein mit guten
Nachrichten. Die Arbeit der Schule macht nach allen Richtungen große
Fortschritte und man erlebt Anerkennung von außen. Nur fehlen uns immer noch
Lehrerinnen, die Nachfrage wird größer und die Kräfte, die für uns da sein
sollten, sind gering. Denn jeder geht seinem eigenen Schicksal nach. So muß die
Welt draußen Geduld haben. Vorläufig heißt es allerdings viel Geduld nach außen
haben mit all denen, die der Deutsche bekämpfen soll. Dies Morden in dem
Augenblick, wo Frieden auf Erden offenbart werden soll, ist verbrecherisch.
Mögen nur die Geister fallen, die alles angestiftet haben. ‑ Dazu scheint eben
die Sonne und lacht uns in’s Herz. Wir folgen! Nur noch innige Wünsche für ein
stilles, geruhiges Fest mit Frieden im Innern wünschte ich Ihnen und Fräulein
Neiendorff und für uns Alle den Frieden. Meinen Grüßen schließt sich Fräulein
Andersen an und Ihre Clara Schlaffhorst.
Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike. Auszug abgedruckt
in: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 16
Hustedt
d. 16.7.42
Liebes Fräulein Wiesike!
Ihr Brief vom 7.6. war mit
so herzlicher Anteilnahme an dem, was wir verlassen müssen, geschrieben, daß
ich Ihnen im Verein mit Fräulein Andersen, noch von hier aus, ein paar Worte
des Dankes für Ihr Mitempfinden senden möchte. Eigentlich können wir keine
Silbe über unsere Gedanken niederschreiben; denn sie sind durchaus nicht
einseitig! Wie wir uns den Umzug (Umzug nach Seefeld) gedacht haben,
nämlich, daß er nicht mit einem Mal stattfinden soll, sondern in Raten, das
bringt so viele Freuden mit sich und wenigstens für etliche Monate Verkörperung
unseres Ideals, dadurch daß (Störung) daß wir noch zwei Monate mit allen,
treuen Menschen an das Ziel kommen können, was uns unser Leben hindurch
vorgeschwebt hat, dafür sind wir dem Himmel und Gräfin Bredow dankbar. Der
erste Umzug fand aus diesem Grunde bereits am 25. Juni statt; es ging mit
etlichen kleinen Hindernissen in 8 Tagen von statten. Allerdings 3 Wochen
später, als verabredet war. Diese Wochen sollten wir Ferien haben. Die waren
natürlich ausgefüllt mit Kramen und dergleichen. Nun arbeitet man in Seefeld
seit 9ten Juli noch unter erschwerenden Umständen, weil die Handwerker nicht
fertig geworden waren, bis wir dahin kommen, vergehen noch etliche Wochen. Und
wir werden dankbar sein, wenn unser Umzug, der 3fach so groß ist, wie der
erste, auch hinter uns sein wird. So wie wir uns vorher nicht alles ausdenken
können, so werden wir, so Gott will, hinterher alles wie ein Märchen empfinden.
Denn wie Gräfin Bredow alles zur Tat hat werden lassen, wird für die Nachwelt
wunderbar sein. Die Freude, daß die Mit- und Nachwelt weiter die Schätze haben
soll, die im Werk leben, woran das „deutsche Wesen genesen soll und kann,
übersteigt alle Schwierigkeiten, die turmhoch vor uns liegen. Wir erleben sie
auch nicht allein, sondern alle Freunde der Schule helfen freudig mit.
Um nicht wieder Störung zu
haben, sende ich dies Kapitel ab. Sie werden schon genug daraus ersehen. Wir
grüßen Sie und hoffen, daß der Brief Sie bei bester Gesundheit antrifft.
Im September ungefähr 20st.
soll ein Zusammenarbeiten der Chorleute stattfinden, ohne Conzert. Dieses Ihnen
zur Nachricht und zur Äußerung. Mit herzlichem Gruß
Clara Schlaffhorst.
[beiliegende Postkarte]
Liebes Fräulein Wiesike,
recht schönen Dank für Ihre
guten Wünsche zu meinem Geburtstag, die ich gut gebrauchen kann. Der erste
Umzug ist ja im Juni glücklich verlaufen, aber die größere Hälfte steht uns
noch bevor u[nd] dann die Reise! Und der
Abschied von hier, den auch alle die hier zum letzten Male waren, sehr
schmerzlich empfinden. Na überhaupt! Herzlichen Gruß von Ihrer H. Andersen.
Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
Seefeld
d. 3.12.44
Liebes Fräulein Wiesike!
Nachdem der Stundentag
glücklich beendet ist, versuche ich täglich all die lieben Briefe, die mir der
16te brachte allmählich zu beantworten; selbst auch später gekommenen. Das ist
geradezu ein Segen, daß der Tag nicht pünktlich von jedem eingehalten wird; man
könnte die Fülle sonst nicht ertragen. Im andern Fall summieren sich die
Liebes- und Treuezeichen so allmählich und man kann jeden Wunsch mit neuer
Kraft empfangen und somit auch beantworten. Ja, daß die Zeiten so grausam
geworden sind, das Wiedersehn zwischen engsten Familienmitgliedern, Freunden
und Schülern so unmöglich zu gestalten, ist eines von den Unglücklichkeiten des
Krieges. Es war dadurch unmöglich gewesen, die älteren Schüler die weiteren
Entwicklungswege miterleben zu lassen. Diese Beschränkung brachte es dahin, daß
das Ziel sich mehr und mehr weiten und Wirklichkeit werden konnte. Es wird Sie
freuen zu hören, dass der Ruf von der Güte des Werkes über den engen Rahmen hinaus
uns in die weite Welt hineingewachsen ist. Ich kann es hier und nur andeuten;
aber später einmal noch ausführen. Die deutsche Treue feiert ihre Auferstehung
in vielen Fällen. Es geht uns nur leidlich wohl, sondern unser Schicksal
schenkt uns die Gewißheit, daß das Werk an sich nicht mehr untergehen wird.
Diese Zukunftsgedanken beflügeln unser Tun täglich von Neuem. Vom alten Adam
ist noch kaum etwas vorhanden. und daher zwingen wir heute noch die Umwandlung,
die angebahnt werden mußte, in den meisten Fällen durchzusetzen. Inzwischen
vollzieht sich im Weltgeschehen eine Umwälzung, die wohl auch zum Segen der
Menschheit führen wird, aber auf einem so realen, grausamen Pfad, daß es uns
fast schwindelerregend dünkt, wenn wir mitschreitend alles erleben sollten. Das
ist zunehmend unmöglich geworden. ‑ Anders ist es in Ihrem Fall, die Sie Ihre
Kräfte in dem Sinne wie wir, nicht brauchen anzustrengen. Es ist nur immer
wieder ein Segen, daß der Allmächtige zwei Menschen verband, denen dasselbe
Ideal in die Seelen gepflanzt wurde. Dieses Einssein ist der stärkste Passus in
unserm Leben. ‑
Es freute mich von Ihnen zu
hören, und nun zu wissen, daß eine Umwandlung, wenn auch noch realen Richtung
in Ihnen stattgefunden hat und Ihre Kräfte Ihnen den Beistand leihen, den Sie
für das jetzige Dasein brauchen können, ohne zu ermüden.
Mit den herzlichen Wünschen
für Ihr ferneres Leben, verbinde ich die besten Hoffnungen auf Deutschlands
Zukunft und bin mit Grüßen an Ihre Freundin
Ihre Clara Schlaffhorst.
Ein friedliches Weihnachtserleben
hoffen wir für alle Deutschen. Fräulein Andersen grüßt mit mir.
D[ie]s[elbe]
Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Hechendorf)
Briefe an Johanna Wiesike
Schönborn,
d. 14.3.46
Liebes Fräulein Wiesike!
Herzlich danke ich Ihnen für
Ihren Brief v. 2.12.45, der am 19.12. hier anlangte. Ja, Sie haben recht, ist
die räumliche und zeitliche Trennung auch groß, so bleibt doch zwischen denen,
die einmal in unserer Arbeit gestanden haben immer das
Zusammengehörigkeitsgefühl bestehen. Und das bleibt auch bei denen, die meiner
Freundin nahe standen und ihr viel zu verdanken haben über das Grab hinaus.
Schwer waren für mich jetzt die letzten Wochen durch die Rückblicke auf
dieselbe Zeit im vorigen Jahre und mein bester Trost war immer der Gedanke:
glücklich Jeder, der diese Zeit nicht hier unten mit zu erleben braucht, von
dort oben sieht es sich vielleicht ganz anders an. Für uns Zurückgebliebenen
ist ja nun die einzige Parole: arbeiten! Und ich bin glücklich, wenn ich sehe,
wie allerorten „unsere“ Lieben an der Arbeit sind. Ihre Arbeit wird nicht
untergehen, so schreiben alle, alle und selbst auch ganz junge Schülerinnen,
die den Segen dieser Arbeit schon an sich erlebt haben. Ältere sehen durch das
Leben gehärtete Menschen und mit viel mehr Verständnis darauf zurück und
bedauern, daß die Schule augenblicklich in alle Winde zerstreut ist. Unsere
liebe Gräfin, die in Stuttgart lebt und mit ihrem Architekten an der
Herstellung von „Wohnwagen“ arbeitet, um Kleinstwohnungen für die Millionen
Flüchtlinge zu schaffen, ist auch wieder eifrig bestrebt, einen Sammelpunkt für
die Schule ausfindig zu machen. Aber es ist natürlich schwer, denn es fehlt an
Material für die Bauten. Eine „Keimzelle“ scheint mir in Celle zu entstehen,
wenn auch nicht gerade für die Schule, aber für die Arbeit an sich. Dort wird
eine „pädagogische Hochschule“(früher nannte man es Lehrerseminar) gegründet
und da ist Fräulein Wilmanns, zunächst als Geigenlehrerin angestellt. Aber, sie
selbst findet, daß „Sprecherziehung“ viel wichtiger wäre und sie hatte gleich
8. von den jungen Studenten zum Sprechunterricht, die es selbst einsahen, daß
ihre Stimmen nicht zu dem Beruf ausreichten, zu leicht ermüdet und heiser
würden. Da ist doch eine Aussicht für die heranwachsende Jugend:
Volksschullehrer. Ach! am liebsten arbeitete ich da gleich mit, aber man hätte
ja da keine Bleibe und ich bin dankbar, daß ich hier so gut bei liebevollen
Menschen untergebracht bin, mit denen ich natürlich auch nach Möglichkeit etwas
arbeite. Frl. Roloff ist mit mir hier und da sie ½ Jahr bei ihrer Schwester in
Lingen war, hat Frl. Nissen sie bei mir vertreten und mich vorbildlich betreut.
Heute kommt nun Roloff wieder zurück. Von Frl. Nissen u[nd] Frl. Fischer soll ich sie herzlich grüßen. Ich erwidere
die Grüße Ihrer Freundin u[nd] grüße auch Sie liebes
Fräulein Wiesike als Ihre alte H. Andersen.
Ich bitte um eine Empfehlung
an Ihre liebe Mutter.
Ende An J. Wiesike (1934 - 1946)
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