Historisches

Briefe von Clara Schlaffhorst

 

 

An J. Wiesike (1934 - 1946)

Briefe

von

Clara Schlaffhorst

und

Hedwig Andersen

an

Johanna Wiesike,
* 12.05.1904
ihre Mutter (Frau Heinsius)
und die Chormitglieder

1934 ‑ 1946

übertragen von Rüdiger Kröger

Bad Nenndorf 1999.

Inklusive

Tagebuchaufzeichnungen aus Hustedt
September ‑ November
1938


Schule Schlaffhorst‑Andersen Hustedt b. Celle [Clara Schlaffhorst] an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 3.4.34

Schon manch ein Wort flog von Ihnen, liebes Fräulein Wiesike, zurück nach Hustedt, das Sie kaum verlassen haben, sogar auch blühender Spruch und zeugt von Denken, Fühlen und Wollen, das in neuer Richtung, nicht mehr im Kreise geht; sogar auch die Schrift tut das Ihre, das man nur reine Freude darüber haben kann. Das ist mehr als Dank.

Heute wollte ich mir erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie nicht nur ein „Bischen“, sondern ganz gründlich ‑ und ordentlich üben sollen, sonsten verfallen Sie wieder ins Kleine. ‑ Mir geht [es] täglich besser. Bis zum Blühen ist es noch nicht, aber bei der Erwartung angelangt.

Heute blüht’s auch. d.5.4.34

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt 14.4.34

Sehr geehrtes Fräulein Wiesicke!

Frl. Toepfer sagte mir, daß Sie angefragt haben, ob Sie am 24. 25. Stunden haben könnten. Die Zeit ist eben so schwer, daß wir, da wir auch nach Hamburg zu fahren gedenken, den einen Tag durchaus frei haben müssen; es tut uns sehr leid, daß Ihre Dienstreise nicht einige Tage später ist; dann hätten wir mit Freuden Ihre Bitte erfüllen können.

Wir sind sicher, daß Sie uns verstehen und grüßen Sie herzlich ‑ Ihre

Clara Schlaffhorst.

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt bei Celle, den 19.4.34

Liebes Frl. Wiesike!

Bei uns geht es wieder einmal drunter und drüber, d.h. nicht im Innern ‑ da ist alles in Ordnung, aber in dem, was von außen kommt. Also es hat sich in diesen Tagen entschieden, daß wir im Juni Ferien haben werden u[nd] ich habe Ihnen das gleich mitgeteilt in einer Karte, die Sie aber wohl noch nicht erhalten haben werden, da ich sie heute Morgen nach Wiesb[aden] adressierte. Nun kommen aber eben heute 2 Verschiebungen in der Besetzung und da kam mir plötzlich der Gedanke, ob Sie es ermöglichen könnten, doch lieber jetzt gleich, d.h. ab 24. nach hier zu kommen und erst nachher, wenn hier Ferien sind, zu Ihren Eltern gehen möchten. Denn ab 15. Mai bis Anfang Juni zu kommen, wäre Ihnen vielleicht doch nicht lohnend. Nun schreibe ich Ihnen diese Idee auch nach Berlin. Da Sie doch erst am 24 od[er] 25.? dort abreisen wollten, hoffe ich daß Sie es noch zur Zeit bekommen, um ev[entuell] umändern zu können.

Andererseits wird es Ihnen aber doch auch sehr lange vorkommen, mit Ihrem Herkommen zu warten, bis wir wieder hier sind, also etwa bis Anfang Juli ‑ Frl. Toepfer wird auch im Juni Ferien haben u[nd] das Haus wird hier wohl ganz geschlossen sein. Nun entscheiden Sie. Falls Sie gleich jetzt kommen könnten am 24-25/4, würden Sie wohl vom 26-27 ohne Stunden sein, da wir am 26. nach Hamb[urg] fahren wollen und meine Freundin würde erst am 28. wiederkommen, da sie mit mehreren Chormitgliedern gern noch nach Hannover fahren möchte, um Schaljapin zu hören.

Viele Grüße von m[einer] Freundin, die heut morgen eine Karte an Sie nach Berlin gesandt hat ‑ und von Ihrer

H. Andersen.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt 20.4.34 [Poststempel: Celle 19.4.34]

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Wiesicke!

Eben las ich Ihren Brief; und damit kein Stocken bei Ihnen eintritt, möchte ich Ihnen den Rat geben, versuchen Sie es mit aä ‑ aä ‑ aä, um die Speiseröhre aufzubekommen und dadurch die Verbin[dung] nach dem Leib. Achten Sie aber darauf, daß das ä (mit Eigentönen d - g) durch das g’’ als Extrem von f’’ ein halbes beinahe e’’ hergiebt. Die Mischung entsteht durch die Lüfte, die von Westen (Speiseröhre und Nordosten sich hier treffen.

Ein schwieriges Unterfangen. Meine Freundin hat Ihnen heute nach Wiesbaden geschrieben. Hoffentlich können Sie früher kommen! ‑ Chor probt viel und wir mit ihm. Dank für Ihre Wünsche. Herzlich grüßt

Clara Schlaffhorst

Schule Schlaffhorst‑Andersen Hustedt bei Celle [Clara Schlaffhorst] an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt über Celle d. 8.7.34

Liebes Fräulein Wiesicke!

Danke Ihnen sehr für Ihren ausführlichen Bericht aus Ihrer Tätigkeit. Trotzdem er mir durchaus Klarheit über Sie und Ihren Fortschritt bringt, möchte ich Ihnen nicht mehr viel Neues zum Proben schreiben, Ihnen auch keine Vortragsnummern vom Chor nennen. Ausgenommen den Pergolese ‑ Stabat mater ‑ Klavierauszug mit Text. Wir haben vorläufig N. 1. 3. 5. 7. 8. 10. 12 gearbeitet, auch bereits öffentlich gesungen. Bitte, die Ausgabe v[on] Gustaf Schreck, Verl. Breitkopf & Härtel zu nehmen.

Aber auch das bitte ich, nicht zu singen; höchstens sich musikalisch anzusehen, denn ‑ es sind sehr wichtige Erkenntnisse über mich gekommen, die das Singen noch bedeutend erleichtern und natürlich bedingen diese eine andere Einstellung. Wenn Sie sich nur irgendwie festsetzen, hätten wir es beinah schwer, Sie auch. ‑ Auch wir freuen uns auf ein Wiedersehen & Weiterarbeiten

die Obigen

Schule Schlaffhorst‑Andersen Hustedt bei Celle [Clara Schlaffhorst] an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt 19.7.34

Liebes Fräulein Wiesicke!

Das ist eine ganz großartige Idee, daß Sie inzwischen bei Frl. St.[?] arbeiten wollen. Eine bessere Quelle für das, was Sie eben brauchen, fänden Sie nicht. Also ich wünsche Ihnen, daß Sie als W.... nach Hustedt kommen. Und daß Sie hernach noch weiter bleiben können ist herrlich. Hoffentlich hält der Himmel, was er verspricht.

Wünsche Ihnen noch eine gute Mieterin.

Herzlichen Gruß

C.S. H‑A

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 5.8.34

Liebes Fräulein Wiesicke!

Wir haben uns an Ihrer Bestätigung, daß Sie durch die Arbeit mit Frl. St.....[?] Fortschritte gemacht haben, indem Sie bewußt wahrgenommen haben, daß Sie dadurch bessern und mehr Anschluß an die Atmung bekommen haben, sehr gefreut; bleiben Sie nur so lange Sie können dabei. Das ist die beste Vorarbeit zu unserer Arbeit hier.

Alles Gute zu Ihrem Umzug; bis auf Wiedersehn mit Grüßen

Clara Schlaffhorst.

Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst an Frau Heinsius [Wiesbaden], Mutter von Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt bei Celle, den 21. August 1934.

Sehr geehrte Frau Heinsius!

Es ist zu bedauern, daß Sie uns Ihre Wünsche nicht persönlich überbringen konnten. Sie würden aus eigener Anschauung erfahren, woraus diese auch für uns harte „Notwendigkeit“ hervorgegangen ist. Sie werden es zwei Frauen, die sich ohne jede weitere Hilfe bis zum heutigen Tage hindurch arbeiten mußten und auch noch jetzt im hohen Alter tun müssen, da sie einer großen Idee dienen, glauben, wenn sie Ihnen folgendes sagen:

Vom Pensionat haben wir noch nie Ueberschüsse erlebt, im Gegenteil stets zusetzen müssen.

Unsere Honorar-Einnahme muß in 4 Teile zerlegt werden, denn wir brauchen ja eine Mitarbeiterin, da die Zahl der Schüler nicht mehr von uns allein bewältigt werden kann.

Die große Idee, die unserer Arbeit zugrunde liegt, dient der Ertüchtigung des deutschen Volkes und aus Liebe zu diesem arbeiten wir weit über unsere Kraft und bringen auch wirtschaftlich große Opfer, um für diejenigen, die nach unserm Tode diese Arbeit weiter führen sollen, diesen idealen Arbeitsplatz zu erhalten. Sie nehmen Lebenswerte mit, die sie nirgend sonst finden.

Zeitweise Unterbrechungen des Studiums halten wir für notwendig, damit unsere Nachfolger in der Zwischenzeit an sich, bezw. an andern selbständig arbeiten können, und die menschliche Reife erlangen, die zu dieser Arbeit Voraussetzung ist. Ihre Tochter wird das jetzt angewendete Kapital später gut verzinsen können, da Lehrerinnen wie sie eine zu werden verspricht, schon jetzt allerorten gesucht werden.

Seien Sie, sehr geehrte Frau Heinsius, überzeugt, daß wir selbst am meisten die Ungunst der Zeitverhältnisse bedauern, die uns hindert, unsere Arbeit so zu Gemeingut zu machen, wie wir es für unser Volk sehnlichst wünschen, und uns statt dessen zwingt, an den wohl überlegten Bedingungen festzuhalten, so lange sie noch als Schülerin hier ist und nicht helfend mitarbeitet.

Hochachtungsvoll

H. Andersen   Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Berlin-Nikolassee)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt 29.12.34

Liebes Fräulein Wiesicke!

Nur einen kurzen Gruß will ich Ihnen noch vor dem 1. Januar 35 senden! ‑ Wie schwer muß Ihr Herz beladen gewesen sein, als Sie mir das Alles schreiben mußten. Stellen Sie nur aber auch den zweiten Gedanken dazu: Wie wohl muß Ihnen der Schöpfer gesinnt sein, wenn Er Sie dorthin führt, wo Ihr „Selbst“ in Ihnen liegt, das Ihnen nun zum Mittelpunkt Ihres Lebens werden soll. Mit welcher Kraft werden Sie Ihm danken, daß Ihnen diese Führung zuteil geworden ist. Mit welchem Fleiß werden Sie sich dieser miner Führung Wert zeigen und was wird die Mitwelt dadurch gewinnen!!

So sitzt oft im tiefsten Dunkel das glühendste Hell, ‑ und ich wünsche Ihnen nur, daß, wenn es das nächste Mal brennt, Sie nicht wieder straucheln. Siehe Fall, siehe Kniee! ‑ Wie lieb von Ihnen, uns alles, auch das so ausführlich zu schreiben. Ich danke Ihnen herzlich. ‑ Von Ilse Toepfer kam heute ein so glücklicher Brief, der nichts als Freude atmet, wie ich ihn noch nie empfangen. Es geht nicht nur ihr gut, sondern es strahlt ein Anderes aus ‑: Eine Wahrhaftigkeit!

Möge sie ihr treu bleiben ‑ die Freude, dann wird alles gut!

Ihnen, liebes Herze, wünsche ich baldige Genesung, dann ist auch in Ihnen alles gut. Von meiner Freundin gute Wünsche und von Ihrer Clara Schlaffhorst ‑ die Ihnen Geduld in Tuben sendet!!!

In größter Eile auch schlechtem Platz geschrieben. Weihnachten war schön ‑ Ferien einzig ‑

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Sonntag   2.35

Liebes Fräulein Wiesicke!

Die Menschen zerbrechen sich ihre Dummköpfe, um hinter den Sinn des Lebens zu kommen, statt einfach und schlicht zu beten und zu arbeiten. Denn dann findet man ihn wie ein blindes Huhn sein Korn.

Danke Ihnen, daß Sie so aufgeschlossen zugehört haben und zwar in beiden Fällen. Mündlich möchte ich noch versuchen, eine Parallele zu ziehen, nur um festzustellen, ob ich noch weiter von Ihnen verstanden werde.

Denn daß ist einzig und allein der Weg, jeden einsam wandelnden Deutschen zu einer gemeinsamen Wanderung zu bringen, ohne daß er von seiner Einsamkeit auch nur den geringsten Teil aufzugeben braucht.

Ihr wandert eben; möge Ihnen Sonne ‑ Luft und Liebe Kraft gegeben haben! In Gedanken begleitet Euch und besonders Ihr Bein

Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Herchen a. Sieg) [Bildpostkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Rotenburg, Fulda den 27.6.35

Sehr geehrtes, liebes Fräulein Wiesicke! Dank für Ihren Brief ‑ Ich hoffe es geht Ihnen gut; es wird gewiß eine reiche Zeit für Sie sein.

Die 2te Hälfte m[einer] Ferien verbrachte ich hier bei meiner Schwester u[nd] Helga, Ich sitze hier mitten im Leben der Kleinen und habe genug gehört und gesehen! Nun geht es heim. Gruß an Ilse Krüger. Brief folgt. Ihnen Alles Gute ‑ Ihre Clara Sch[laffhorst]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Wiesbaden)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt Weihnachten 1935

Liebes Fräulein Wiesicke!

Durch irgend jemand hörten wir, ich glaube, es war Frl. Grauding, die im letzten Augenblick der Abfahrt es uns sagte, daß Ihre Mutter so schwer erkrankt sei. So können Sie wissen, wie sehr ich die ganze hohe aufregende Zeit hindurch Ihrer gedacht habe. Leider gab mir niemand eine Antwort auf meine Frage, wie es Ihrer lieben Mutter und wie es Ihnen erging? Da kommt das Schicksal plötzlich mit grausamer Härte mitten in das freudig bewegte Herz hinein. Und wohl Ihnen, daß Sie so kraftvoll von hier abfuhren; da hatten Sie doch das Bewußtsein, daß Ihre Nähe nur wohltuend wirken kann und hoffentlich auch gewirkt hat. Da ist der Augenblick, wo man helfend hineinspringen soll, wenn die Liebe einen führt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Und wenn es, wie in diesem Fall noch eine Mutter ist, so hat man es leicht.

Unter diesen Umständen wird es mir nicht leicht, Ihnen ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen. Aber vielleicht ist der Zustand Ihrer Mutter jetzt schon wieder so gebessert, daß sie Ihnen gerade zum Christfest wie neu geschenkt erscheint!

Wie es auch sein mag, so wünsche ich Ihnen beiden eine wenigstens „geruhsame Zeit“. Sie schicken uns vielleicht kurze Worte, damit wir beide wissen, wie es steht.

Dieser Gruß konnte keinen Augenblick früher geschrieben werden. Denn nur eben erst hatte ich Ferienruhe, nachdem alles Weihnachtliche erledigt war. Wir kamen leider zu spät nach Hause; daran war zu guter Letzt, als wir gerade zum Abreisen aus Berlin bereit waren, ein Zahn schuld, der noch im letzten Augenblick, ehe es zu spät war, abbrach. So mußte m[eine] liebe Freundin noch einmal 5 Stunden auf den Marterstuhl. ‑ Die Stunde schlägt, die mir Schluß gebietet. Es grüßen Sie Ihre beiden, Ihrer viel und mit den schönsten Wünschen gedenkenden

Clara Schlaffhorst ‑ H. Andersen

Ihrer Mutter wünschen wir so bald als der Zustand erlaubt ‑ Weihnachtsfreude. D[ie]s[elben]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Elmau)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 18.4.36

Liebes Fräulein Wiesike!

Daß auch Sie so thöricht, weil im guten Glauben, handeln konnten und noch dazu aus einem Herzen von Liebe, mußte ich lesen, um es zu glauben. Was sich daraus an Folgen für mich ergab und noch dazu zur Oster- bezw. Ferienzeit, das ahnt Ihr ja nicht; denn Ihr seid alle miteinander Deutsche und macht alle dieselben Fehler. ‑ Warum das alles? Das sollte ein Wissender wie ich es bin, nicht mehr fragen. Er tut auch nicht mehr zu sich und von sich aus; sondern nur aus dem Geist der „Allgemeinen Anschauung“ in Hinsicht auf das Werk, das doch endlich da stehen soll. Aber nein, das soll es nun noch nicht; es muß wohl noch viel mehr zu schlucken bekommen, ehe es das gebären kann, was es soll. ‑ Das Schlimmste bei allem ist für Sie, die darin gestanden, die Ernüchterung für Ihre Gutgläubigkeit; ‑ für Frl. Toepfer, die dazwischen steht, und nach Klarheit ringt, die Verwirrung und für mich, die darüber steht, das Erstaunen über die Abhängigkeit.

So packt jeden von Euch das Schicksal, sobald sein Schifflein auf freien Wogen segelt!

Davor könnte man Euch schützen, wenn man Euch warnte. Aber ich will es nicht tun. Ihr müßt alles selbst erfahren, um daraus Eure Einstellung zu Eurem Selbst zu finden. Das Letztere brauche ich von Euch mehr zum Weiterkommen, als Eure Stimmen, die hier immer bereit mir zu folgen. Sie tun es so willig und voll Liebe.

Und das nennt man Gefühl!!! Lassen Sie sich’s dort gut ergehen. Schönen Dank für Ihren ehrlichen Brief ‑ der ist Ihnen sauer geworden. Sie Arme!

Alles Gute, auch Ihrer Mutter ‑ unbekannter Weise, und Ihnen. Gruß von Ihren beiden Lehrerinnen

Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 5.5.1936

Liebes Fräulein Wiesike!

Nun sind Sie gewiß an Ihrem Ort der gewohnten Arbeit angelangt, haben viel zu tun und alles Schwere liegt hinter Ihnen. Uns so muß es auch sein bei jungen Leuten. Unsereins erlebt ja allerdings auch noch; aber die Wunden heilen schwerer; ja ich muß es gestehen, da sie durch allerlei Umstände immer wieder geweckt werden können, können wir beide ‑ Frl. Andersen und ich ‑ noch nicht aufatmen an jener Stelle unseres Herzens. Besonders da man nichts, aber auch garnichts gegen die Tragik, die auch Ihnen offenbar geworden ist, die ungeheuer groß für das Werk ist, das wir mit heiligen Händen empfangen und keusch bewahrt hatten, tun, als nur mit geduldiger Liebe warten auf Hilfe aus Gottes Hand. Er allein kann und wird sie von Seinem Werk ferner halten. ‑

Ihre Frage betreffs der Abhängigkeit habe ich so gemeint, daß Sie nicht Ihrem eigenen Impuls folgten, sondern dem Ersatz eines Andern. Die Stimmseele, wie wir sie liebevoll und schonend aus ihrem Versteck oder Begrabensein heraus zu holen uns bemühen, ist das zarteste Pflänzchen. Ihm kann und darf man nie befehlen. Und da „es“ bei Ihnen erst im Keimen begriffen war, so hatten Sie alle Ursache zu schweigen. Anders wäre Frl. v. Harling zustande gekommen mit ihrer robusten Nervenseele; die andere ist noch im „Kückenhäuschen“, sie zieht sich zurück und läßt die Muskeln des Körpers (im schlechtesten Fall) arbeiten; vielleicht aber auch die des Leibes. Das kann kein Mensch voraussehen. ‑

Nun sollen Sie, aber auch nur Sie persönlich, noch gutes von hier hören. Erstens sind wir schon eine Woche lang nur 7 Schüler und 5 Lehrer, also endlich unser Ideal, und dann habe ich einen so neuen biologisch-gesetzmäßigen Weg, der mir ungeheure Fortschritte giebt, entdeckt, daß ich mich den Sternen näher kommen fühle. Ich meine meiner Himmelsmusik. Hier freut sich alles Gebein; aber auch das nur für Sie . ‑ Auf den hin im 8. Heft habe ich schon viel Gutes, Freudiges, gehört. Kückelhaus schrieb einen so echten Freundschaftsbrief mit ganzem Verständnis, das können Sie Ilse Krüger erzählen u[nd] grüßen & für ihren Brief danken. Nun aber Schluß ‑ ich habe Arbeit vor mir.

Wir beide grüßen Sie und hoffen, es geht gut.

Ihre Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 20.5.36

Liebes Fräulein Wiesike!

Schon heute fange ich mit der Beantwortung Ihres Briefes an, weil es immerhin möglich ist, daß Frl. Krüger bald abberufen werden kann; ihr will ich diesen Brief anvertrauen, d.h. nicht daß gerade Geheimnisse darin stehen. Vorerst Dank für Ihren ausführlichen Bericht über Ihr Schweigen, das mich aus der Beunruhigung über Sie befreite. Es ist doch merkwürdig ‑ für mich jedoch verständlich, daß mich stets Unruhe zwackt, wenn's den draußen weilenden Schülern nicht gut geht. Das teilt sich mir fast noch früher mit, als den Schülern selbst, die meistens ahnungslos dem Herannahn eines Zustandes, wie er immer ein Mal kommen muß, gegenüberstehen. Nur freute es mich zu hören, daß ein neuer Quell in Ihnen „von selbst“ aufgebrochen ist, den Sie hoffentlich mit Liebe weiter pflegen; denn er ist nun wirklich der Ihrige, nicht irgendein von jemand außer Ihnen geweckt worden.

Inzwischen sind hier ganz neue Ströme der Erkenntnis und des Lebens wach geworden, die sich ohne Mühe ‑ fast von selbst ‑ an die alten anschließen. Dank dieser konnte ich die nicht leichte Arbeitswoche, die ungestört ihren Fortgang nehmen konnte, leisten ohne überanstrengt zu werden. Auch meiner Freundin geht es gut. Sie geht innerlich auf anderen Wegen seit ihre Mutter ausgelitten hat. ‑

d. 26.

Die Woche selbst verlief ohne jede Störung einfach, geschlossen und in voller Harmonie. Es war für jeden zu merken, wie sich das Leben von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde steigerte. Alle waren intensiv zwischen uns Dreien und den helfenden Lehrerinnen gezackt und oft erschüttert über die Fülle des Stoffes. Beide Vortragsstunden verliefen höchst lehrreich und interessant. Trotz 2 stünd[iger] Dauer nirgend Uebermüdung. Am liebsten wäre mir gewesen, wenn ich auch alle, die draußen bleiben mußten, hier gehabt hätte.

Ueber Ihr Kommen kann ich Ihnen heute noch nichts Bestimmtes schreiben. Erst werden wir Ferien haben müssen; aber wann? Das steht noch aus. Ich schreibe Ihnen aber, sobald wir das wissen.

d. 27.

Heute weiß ich auch noch nicht viel mehr. Aber so viel, daß Fr. v. Arnim uns vom 15. Juni vertritt. Wie lange und ob bestimmt, das schwebt noch. Wir warten täglich. ‑ Nun aber Schluß, ehe er vergessen wird. Sie erhalten noch Nachricht. ‑ Viele gute Wünsche bis zum Wiedersehen von uns Beiden.

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Bildpostkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt‑Jägerei über Celle [Poststempel: Celle 13.6.36]

Liebes Frl. Wiesike! Herzlichen Dank für Alle u[nd] Alles u[nd] die Mitteilung, daß Sie gerne am 30.6. ankommen können. Der 9. war schön u[nd] hätte noch schöner sein können, wenn ich u[nd] das Wetter besser gewesen wäre. Herzliche Grüße Ihnen u[nd] Allen von Ihrer H. Andersen

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 21.6.36

Liebes Fräulein Wiesike!

Eigentlich sollte ich, schon weil es Ferien sein sollen, nicht noch schreiben; aber einige Punkte Ihrer letzten beiden Briefe sind doch nötig zu beantworten. Sie haben die Briefe hinter einander vom Stapel gelassen und jeder für sich war ja auch vollwertig. ‑ Ich fange natürlich beim ersten an. ‑ Daß Sie erst in Weimar zu begreifen anfangen zu begreifen, wo Sie gelandet sind, ist so recht der Beweis dafür, wie sehr ich in Gedanken an die Zukunft arbeite und zwar stets in dem Augenblick, wo ich merke, daß die Gegenwart verblaßt; ob Sie verstehen, was ich damit meine? Daß es dem Schüler nicht mehr möglich ist, zu verfolgen, was ich mit ihm vorhabe. Dann habe ich nämlich erst freies Spiel, um am unbewußt Willkürlichen zu arbeiten über den Willen des Menschenhirns hinweg. Nun nach Wochen zehren Sie von dem Ueberschuß an Kraft, die durch Anschluß an die „Natur im Menschen“ schon hier gepflegt und behütet wurde. Ihr Brief von Weimar  ist in vielem wertvoller, als der damalige aus Herchen. ‑ Uebrigens, nur noch einmal auf die Libellensprache zu kommen, Sie werden aus der Erstarrung erkennen, wie wenig Sie, losgelöst von hier, auf sich gestellt in dieser Umgebung, wie Sie sie empfanden, darüber stehen konnten! ‑ Fräulein Krüger versteht das Opfern im Kleinen und in der Wirkung doch so Großen aus erster Quelle. Sie konnten nirgend besser selbst wachsen, als in dieser Umgebung an den Kleinen, die ja eigentlich die Großen in der Geschichte der Völker sind. Daß die Arbeit an der Stimme ruht ist mir das Richtige. Ihr Mensch mußte sich innen weiten; jeder Beruf, auch selbst die Musikpflege, führt letzten Endes immer zur Enge, wenn man darin erstarrt. ‑ Ich gehe dem Brief nach. Frl. Kalk können Sie auch einen kleinen Rippenstoß geben, daß sie einmal einen Brief schreibt. Ich brauch‘s hier, meine Freundin natürlich auch. ‑ Meine Freundin hat sich sehr langsam wieder gefunden und ist dabei gesundet. Der Ferienbeginn war ein rechter Segen. Zum Jubeln war in den ersten 14 Tagen keine Möglichkeit, wohl zum Freuen. Ilse Topfer besuchte uns zwei Tage, die bei, aller Aussprache, in Frieden und Dank dahin flogen. ‑ Von der 3ten Woche an, wurde es schön; leider nicht ohne Teufelsspuk. Sie wissen schon, was ich meine; es wäre ja sonst auch ein reines Paradies. Schreibtisch ‑ Clavier ‑ Wald & Wiese ‑ Sommer-Erdbeeren ‑ Rosen ganz wie wir es von 72 Jahren gerade dieses Mal sehr schätzen. Ein lebenslänglicher Wunsch geht in Erfüllung und nicht nur in der kosmischen Welt, sondern auch innen. Die Stimme findet Ihren Weg zur Seele und umgekehrt. Zum Schluß der 2te Brief!! Ihren Brief hatte ich richtig taxiert ‑ Für die Rilke Worte Dank. Aufsatz-Arbeit geht schon weiter. Haben Sie Dank für Ihre Freude daran. Ihr Glückwunsch für meine Nichte trifft sich mit dem Meinen. Dank auch dafür. Das Wichtige kommt jetzt. Sagen Sie doch Ihrer Freundin ‑ Fräulein Scabell, ‑ Sie möchte immer wenn Sie etwas von uns will, an uns selbst darüber schreiben. Ich kann ihr diese Bitte nicht von vornherein im Totalen gewähren; ich muß sehen und erkennen können, wie weit ich sie theoretisch in das ganze, schwere Geschütz hinein hören lassen darf. Das richtet sich nach den Schülern, die eben hier sein werden zu der Zeit, als sie hier sein wird. Die Kopfarbeit, die ein gewisses Durchdringen der Probleme erfordert, ist noch schwieriger, als die Stimmarbeit, gerade in dem Fall Ihrer Freundin, die doch Erhellung braucht. Sie muß mir darin freie Gewähr lassen. Wir werden voraussichtlich viel zu tun haben, um alle Ferienschüler zusammen unter eine Idee zu bringen.

Schon jetzt freue ich mich ‑, auch daß Sie wieder da sein werden; leider mußte ich Frl. v. Harling frei geben.

In Tantens’s Seele tat ich’s gern.

Nun aber wird’s heiß ‑ Hand klebt fest ‑ darum Schluß ‑ Bitte, viele herzliche Grüße an Fräulein Krüger.

Wir sind immer bei ihr und hoffen mit; freuen uns innigst darauf, sie auch hier am Herzen zu spüren.

Ihnen, liebe Seele, alles Gute bis zum Schluß und auf Wiedersehen! Bis dahin, viel liebe Grüße Ihr

Clara Schlaffhorst ‑ H. Andersen

Alles andere mündlich.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt Chorzeit 1936
September

Liebes Fräulein Wiesike!

Dankerfüllt gegen den, der die Geschicke lenkt, der mein Wesen belehrte, das zu finden, was Er in mich versenkte, legte ich Ihr Dokument fort. ‑

Gedanken gingen hinüber und herüber und trugen mir Erkenntnisse zu. Sie gaben mir Aufschluß über Ihr Singen.

Die Klarheit, die aus dem Ave Maria von Schubert leuchtete, war eine Wiederspiegelung dessen, was Sie vorher an Licht empfangen hatten. So trägt eine gütige Vaterhand von Wesen zu Wesen Seine schöpferische Kraft! ‑

Wohl Ihnen, daß Sie diese erkennen und bewußt erleben durften!

Möge sie Ihnen nie mehr zu leuchten aufhören auf Ihrem Lebenswege.

Dieser, mein, Wunsch möge Sie auf Ihrem selbständigen Lebenspfad begleiten.

Ihre

Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 9.11.36

Liebes Fräulein Wiesike!

Ihr Geburtstagsbrief liegt schon über eine Woche in meiner Mappe und nun kam bereits ein zweiter Brief an und leistete ihm Gesellschaft. So sollen beide mit einem Mal beantwortet werden. Anstatt meines gehegten Wunsches kam eine andere Erfüllung ‑ und erfreute mich wohl sehr; sie ersetzt nur leider nicht den andern und nur Ihr Versprechen, daß auch dieser Wunsch erfüllt wird, freut mich. ‑ Er liegt tiefer, denn er ist nicht um meinetwegen, sondern um des Werkes willen geboren ‑ also für Euch jeden und besonders für den, der mir persönlich nahe steht, wertvoll. Ihr wünscht mir immer Ruhe. Nur daher kann sie kommen, wohin sich meine Kraft verdichtet. So strömt sie zurück zum Ursprung und kann Neues gebären. Im negativen Sinn verläuft sie im Sande. Alles Geschaffene, was so verrinnt, ist vertan. Ich kenne genau die Quellen, die versiegt sind; von Ihnen könnte ich es schwer ertragen. So ehrlich wie Sie mir im letzten Brief vom 5.1. ‑ schreiben, so schreibe ich Ihnen, liebes Fräulein Wiesike; ich hoffe, es wird auch nur so von Ihnen verstanden.

Also ich warte geduldig!

Es sind gute und hohe erfreuliche Arbeiten eingegangen; aber erst nur der vierte Teil. Ich weiß nicht, wie das Ende wird sein. ‑ Schlimm ist es, wenn die Menschen in ihrer holden Unschuld von einer Erkrankung meinerseits erzählen, Sie, die Sie eingeweiht sind, müssen sich stets sagen ‑: O wie schön für Frl. Sch[laffhorst] ‑ vielleicht erfüllt sich Ihre Sehnsucht. Es ist wieder ‑ da war plötzlich Schluß, neben dauernder Störung. Heute vor Abendbrodt weiter. D. 10.1. ‑ Sie hat sich auch wieder neu erfüllt. Ich fürchte, nach dem ich 2 Tage im Bett geblieben war und den 3ten langsam aufstand, mich wieder neuerstanden; ja förmlich innen wie in einer andern Welt. Und was nun jeder Tag mir bringt, muß erst zu meinem Eigentum gestattet werden. Es ist nachgerade wunderbar, daß das auch die andern erleben, das macht alles so schön. Die Fortschritte sind anders. Denn ein Wunder ahnt ja niemand voraus ‑ wenigstens niemand von den andern. Bitte, diese Tatsache schreibe ich nur Ihnen im Vertrauen, und ich möchte nicht, daß sie die Runde macht. Fräulein Kr[üger] erfährt natürlich auch davon. ‑ Außerdem ist leider manches Betrübliche zu nennen. Frl. Grauding macht uns mit ihrer Krankheit, die bis jetzt noch nicht ergründet ist, große Sorge. und meine Freundin macht mit ihren Zähnen, die einer starke[n] Nervenentzündung entstammen, auch Kummer. Das Leben fordert viel; dazu ist die Arbeit ein Nichts ‑ oder eine alles bewegende Freude; genau, wie ich es aus Ihrem Brief las. Darüber noch ein nächstes Mal. Verlieren Sie nur nicht den Kontakt an der Stimme zur Seele. Und seien Sie herzlichst bedankt für den reinlichen und schönen Zupf. ‑ Alles Gute wünschen wir beide Ihnen und Ihrer Arbeit und alle grüßen Sie mit uns, Stets Ihre Clara Schlaffhorst.

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Wiesbaden) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

[Poststempel: Celle 30.12.36]

Liebes Fräulein Wiesike, von Herzen Dank für das Lachende [Lachemle?], besonders aber für Ihre lieben Zeilen, die uns beide sehr, erfreuten. Gestern aus B[erlin] zurückgekehrt, haufenweise Arbeit gefunden, die sich mit jeder Post vermehrt! Daher nur kurz viele Segenswünsche für 1937 u[nd] herzliche Grüße von Ihrer

H. A[ndersen]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar, nach Wiesbaden nachgesendet) [Bildpostkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 31. Dezember 1936

Liebes Frl. Wiesike!

So weit bin ich nun: Telegramm und Kurzpost ‑ das ist mein Loos. Berge fanden wir daheim und ein Meer von Liebe. Es strömt weiter zu Ihnen und wünscht Ihnen weiter Gutes in der Arbeit an sich und an Andern. Wir waren in Berlin, dort wußte ich Ihre Adr[esse] in W[iesbaden] nicht, leider. Bitte auch Gutes Ihrer Mutter zu sagen.

Herzl[iche] Grüße Ihre C. Sch[laffhorst]

Clara Schlaffhorst (z.Z. Bei Nissen) an Johanna Wiesike (Oberweimar, nach Wiesbaden nachgesendet) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

[Poststempel: Berlin 24.12.36]

Liebes Fräulein Wiesike!

Wie Sie sehen, sind wir in Berlin! Und sehen, hören, erdulden ‑ meine Freundin beim Zahnarzt ‑ erlebten viel, beinahe geht es drüber. Aber es ist allein für Euch und Eure Zukunft. ‑ Ihnen liebes Herz, danke ich für Ihren langen Brief und Ihre gute Arbeit. Ich habe Ihren Brief nicht hier, kann daher nicht darauf antworten; ich weiß nur, daß es Ihnen gut geht und Sie viel zu tun haben. Das freut mich ungemein, auch, daß die Arbeit, die Sie vor haben, so gut aufgenommen wird.

Wie werden Sie selbst viel dabei lernen. Nur lassen Sie das Ueben an der Natur nicht fallen. Sie ist so bald verstimmt, u[nd] dann ist es schwer, sie wieder gut zu stimmen. Mir geht es unverrufen sehr gut ‑ besonders auch in der Stimme. ‑ Es kommen also sehr schöne Schwingungen zu Ihnen, ‑ bitte nehmen Sie sie auf und seien Sie herzlich begrüßt. Bitte, an die Ihrigen, besonders Ihre l[iebe] Mutter alles Gute & Schöne zu wünschen.

Frl. Andersen grüßt und schließt sich an Ihre

C. Schl[affhorst]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 4.2.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Endlich kam Ihr Brief, der mir schon lange vorher angekündigt worden war, und den ich nur erst abwarten wollte, ehe ich Ihnen endlich schrieb. Nun nehme ich erst den Letzten zur Beantwortung vor. Vorerst aber schönen Dank für Ihre beiden Bildchen, die uns Ihre herrliche Schlittenfahrt nun vor Augen rückten. Ich kann mir das Vergnügen ganz genau ausmalen mit allen Zutaten. Das bleibt allen eine kostbare Erinnerung. Auch wir haben den Winter, aber mit etwas Stöhnen gefeiert; aber nun atmen wir alle erleichtert auf, daß wir Frühlingsluft atmen können; das tun wir nach Kräften, denn wir sind noch immer gerade genug, um menschlich leben zu können. Zur Abwechselung ist auch das schön. Die vergangenen 8 Wochen Hartarbeit erstreckten sich schließlich bis zum 15 Dezember. Betrübt bin ich zu lesen, daß Sie von Ihrer eigenen Stimme wenig berichten können. Bände könnte ich schreiben von dem, was sich täglich neu offenbart in mir und in der Stimme. Zum Tagebuch ist aber, trotzdem wir Wenige sind, nicht Zeit gewesen. Die Briefpost braucht und bringt viel Arbeit. So viel habe ich noch nie geschrieben und was für Briefe! Oh ‑ Weiter zu Ihnen, liebes Fräulein Wiesike. Sie müssen für regelmäßige Begleitung sorgen. In ganz Weimar der Kurstadt muß sich jemand finden. Schon aus der Pflicht heraus, Beispiel zu sein und aus der Treue zu Hustedt. Ich hatte deshalb durchaus die Not in mir, Sie zu mahnen; da Sie mir nun nicht schreiben, wo Sie ungefähr mit Ihren Beobachtungen angelangt sind, kann ich mir kein Bild machen, das und genau das sagt, was Sie von Allem brauchen. Sitzen Sie nicht nur an der Arbeit der langen Stimme ‑, das Wichtigste sind die Formen, die man sich durch Arbeit von sehr verschiedenen Enden immer wieder neu erringen muß. Daß Sie Frl. Heinsdorf gehört haben, war doch eine gute Anregung für Sie. Da erfährt man wieder, wie sehr auch der Sänger alles zum vollen Leben gebraucht. Daß solch ein Vollmensch das nicht alles sich hat erarbeiten können, ist jammervoll. Nun noch zu den Fragen. Ganz fest kann ich Ihnen heute noch nicht antworten. Falls Sie nach der Tagung bleiben können, von der erst am 21 Febr. bestimmt zu sagen ist, würde ich Ihnen raten, dieses mal doch nur ¼ Jahr zu kommen. Damit halten Sie sich besser auf dem „laufenden Band“. Das darf nicht so ruhen, wie es bis jetzt der Fall zu sein scheint. Allem Andern, das predige ich allen, müssen Sie selbst vorwärts ringen; denn Stillstand ist Rückschritt. An sich ist auch das gut. dann muß er aber systematisch von der Seele aus geführt werden. Das scheint Ihnen allen noch nicht zu gelingen; denn sonst schrieben Sie öfters und nur davon in der Hauptsache. ‑ Daß Ihre Liebe noch lebt, merke ich an Ihrem Briefstyl ‑ aber Luft und Liebe für sich selbst und für die Erforschung und Ertüchtigung der Sinneshoheit, die dem Leibe innewohnt. Alles Andere, was ich Ihnen noch gerne schreiben möchte, scheitert eben an der Möglichkeit, Zeit dazu zu haben.

Einander Mal erfahren Sie mehr, ‑ Auch Fräulein Kreitz kann Ihnen Einiges berichten.

So nehme ich Abschied von dieser eingeschmuggelten Stunde und grüße Sie, Fräulein Krüger, Fräulein Bostedt und wer sonst noch fragt von mir und meiner geliebten Freundin ‑ Immer Ihre

Clara Schlaffhorst.

Schönen Dank für die Bildchen und Gruß von Frl. v. Harling und Grauding.

Ab[en]ds nach 10 Uhr lese ich eben den Brief durch.

Er erscheint mir selbst eingeschmuggelt ‑ Will ich ihn Ihnen so senden? Echt ist recht, er sollte aber anders sein.

[Auf dem Umschlag:] Von 3 Uhr sitze ich, schreibe ich ‑ mache Steuerrechnung und Sonstiges.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 14.2.37

Liebes Frl. Wiesike!

Ich glaube, daß es ein guter Augenblick in Ihnen war, der Ihnen den Impuls eingab. Sie können am 22, also Montag, hier eintreffen.

Auf frohes Wiedersehn

Ihre Clara Schlaffhorst

Wegen der „Ehrenjungfrauen“ wünscht meine Freundin Nachricht mit welchem Zuge ???

D[ie]s[elbe]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar, nach Bad Brambach, Radium-Kuranstalt nachgesendet) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 20.4.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Ihr Kartengruß vom 10.3. soll heute endlich beantwortet werden. Abgesehen von ihm, der noch ganz gut lautet, will ich schon immer anfragen, wie es in Ihnen steht. Irgendwie bin ich in Sorge wegen der weiteren Stimmentwicklung ‑ Also wenn Sie können, schreiben Sie mir. Aber ganz aufrichtig, bitte, mich nicht schonen. Ungewißheit ist mir das Schlimmste. ‑

Hier geht alles seinen guten Gang; wenigstens in der Arbeit giebt es viel Freude. Mit Grüßen von uns allen hier

Ihre Clara Schlaffhorst.

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt den 22.6.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Vielen Dank für Ihren letzten Brief. Nun trennen uns nur noch Tage. Mit Ihnen freuen auch wir uns, weiter arbeiten zu können nach alledem, was inzwischen war. Wir sind gerade im Begriff nach Berlin zu gondeln. Hitze war zu groß, wir konnten nicht. Aus unserm Plan zu Fräulein Krüger zu kommen wird nun doch nichts. Es nehmen leider nicht alle Rücksicht auf Ferien. So gab es manches zu erledigen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Der Sommer fängt erst an. Bitte Ilse Krüger zu grüßen; man kann ihr selbst nichts schreiben. Zeit zu kurz.

Ihnen & Frl. Kreitz Grüße.

Auf Wiedersehn Ihre H. A[ndersen]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 30.9.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Einen Gruß von mir, statt meiner, sollen Sie haben; heute Abend geht noch jemand an die Bahn, dann haben Sie ihn morgen früh am Frühstückstisch. Viele Stunden sind schon wieder vergangen, seit sie fort fuhren. Viel ist Ihnen gewiß schon geworden und auch viel nur hier. Daraus entnehme ich, daß „es“ unausgesetzt weiter in uns schafft.

Eben wird mir beim Abendbrotessen gesagt, daß Sie kein Brief erreicht. Trotzdem schreibe ich weiter, vielleicht glückt es doch. Die Post geht erst noch über Celle, sagte man mir. Wir haben hier herrliches Sommerwetter mit kühlem Lüftchen, das uns im Gegensatz zum Dienstag, erquickt. In der Probe haben Sie heute gewiß gut gesungen. Das sagt mir mein Inneres.

Immer wieder erlebe ich und jedes Mal deutlicher, daß man als Mensch winzig ist, gegenüber dem großen Geschehen. O ‑ dieser Zauber ‑ woher er kommt, wohin er geht ‑ wer weiß es, wer kann es erraten; er ist da.

den 1. Oktober ‑

Gestern mußte ich schließen, es kam wieder einmal ganz anders, als ich es wollte. Und heute früh lag richtig eine Nachricht von Ihnen auf dem Tisch, statt daß dieser Brief auf Ihren Frühstücksteller geschwebt war. So und nun freut es mich, daß ich vorher geschrieben, über das gute Gelingen der Probe. Nun wird es am Abend noch eine Steigerung geben, denn Sie sind eben auf der Linie.

Gottlob, war es gerade dieser Augenblick, in den hinein das Singen für die Welt fiel! Das erste !! Mögen Sie noch oft in die Lage kommen den Aufstieg, der in Ihrer Brust stattfand, in die Lüfte fliegen zu lassen. Dies mein Wunsch und viele Grüße von allen und Ihrer

Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt, d. 31.10.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Von all den Briefen, die wir in letzter Zeit genötigt waren, zu lesen, war der Ihrige heute früh erquicklicher denn alle andern. Darum und weil Sie so lange wie wir hier ohne Nachricht von Ihnen waren, Sie ohne Zeile von uns sind, schreibe ich gleich heute. Da werden Sie bei Ihrer Ankunft in Weimar etwas von uns hören. Es geht hier nach wie vor; die Fortschritte, die Sie an und in sich erlebten, sind auch hier zu verzeichnen. Das Werk geht seiner Erfüllung mit festen Schritten entgegen; trotzdem das Herz brav und leerer wird in Hinsicht auf das Ziel, eine menschliche Gemeinschaft. Es wird mir nachgerade klar, daß was zufällig und damit oberflächlich zusammen geführt hat, einer Klärung zusteuert. Bei diesem Prozeß wird entweder ein Zusammenschweißen oder eine Spaltung das Ende sein. Wir warten vorläufig noch, und werden uns dann melden.

Mit Ihrem Brief kam auch einer vom Dirigenten, allerlei zusammengesetzt und Entschuldigungen, die er sich hätte sparen können, denn ich kannte sie alle; so kam ich ihm denn doch mit meinem Brief zuvor.

Er sieht in der Zusammensetzung einen Generationsunterschied, der an allem schuld ist. Bedauert, daß man ihm keinen Rundbrief zugesandt hat, macht alles Mögliche verantwortlich, nur nicht sich und hofft trotzdem, im Januar wieder beim Chor zu sein. Ich sehe von mir aus, daß bei solchem unmenschlichen Zustand dem Vorstand gegenüber, vorläufig an keine Gemeinschaft zu denken ist. Und zwar besonders uns und denen gegenüber, die hinter dem Vorstand als Hauptzylinder stehen.

Wie kann Ilse (Töpfer) erwarten, daß sie zu Rate gezogen werden müßte, wo sie den Menschen im Vorstand so grundlos gegenüber steht. Daß Sie sich, trotz Liese, treu geblieben sind, beweist Ihre Selbständigkeit, die Sie auf dem Wege sind, sich voll und ganz zu erringen. ‑ Einen Chorgeist hat es bis jetzt noch nicht gegeben; das tritt jetzt in all den brieflichen Äußerungen am stärksten heraus; jetzt wo das Materielle in Frage kommt.

Geist ist, mit Materialismus vereint, nicht zu denken. Ueber L. sind die Akten in uns geschlossen. Von mir aus möchte ich Sie bitten, wie Sie selbst schreiben, die persönlich innerliche Haltung gegen den Vorstand, besonders im Brief an Ilse zu betonen. (Es läuft sogar auf eine Entscheidung zwischen Ilse Toepfer und uns Beiden hinaus.) Es ist unhaltbar, das man Geld oder irgendeine Unterstützung von Menschen annimmt, denen man keine Achtung zollt. Das muß ihr von allen Seiten klar gemacht werden. ‑ Ich tue es in meinem Schreiben als Erstes; Achtung nicht nur dem Vorstand gegenüber, sondern auch denen, die ihm als treue ergebene Mitglieder mit aller Herzlichkeit und Opferwilligkeit zur Seite stoßen. So viel Nachdenken hat keiner von denen gehabt, sich das klar zu machen, warum der Vorstand diese Hilfe gesucht hat; und noch weniger den Hauptzweck hervorgehoben zu haben, daß der Chor noch nicht soweit in einen einzelnen Mitglieder[n] vorgeschritten wäre, wenn er nicht die Bereicherung an Arbeit von unserer Seite genossen hätte. Es wird leider wie Sie sagen, gehandelt werden müssen und zwar ohne jede Rücksicht auf Einzelne. ‑

Ueber Ihren Nachmittag bei Frl. Waege habe ich mich sehr gefreut; leider war es kurz; aber Sie haben beide gewiß noch viel in seiner Nachwirkung. ‑ Es war hier eine lange Pause und nun schließe ich den Brief, ehe noch anderes dazwischen kommt. Meine Freundin hat einen Entwurf zu einem Brief an Alle fertig.

Was in meinem Innern vorgeht, weiß nur Einer; Er wird mich hoffentlich zur klaren Hergabe aller sehr gemischten Gedanken und Gefühle bringen. Denn der Wust, der aus den Briefen, die Gräfin Bredow geschickt hat, auf mich übergegangen ist, ist noch in Gärung, So viel kindisches Geplänkel hätte ich mir nie träumen lassen. Da erfahre ich wieder einmal bitter, wie nötig, viel nötiger als Tonbildung, Gedankenbildung gewesen wäre. Heutzutage treibe ich es ganz strenge. Aber damals hieß es nur singen; singen bis zur Verblödung. ‑

Aufhören heißt jetzt die Parole. ‑ Der Brief ist der Beweis, wie Sie mir zum Gedankenaustausch fehlen.

Noch etwas Gutes  ‑ es wäre noch manches zu sagen vom Singen etc. ‑ der Herr Thiel übernimmt die Regelung unserer Steuer !!! ‑ Seitdem atmen wir anders. Grüßen Sie Frl. Krüger ‑ Bostedt ‑ Kreitz ‑ alle die fragen nach uns ‑ Aber besonders Frl. Krüger vergessen Sie nicht. Eben sitzen Sie im Zuge nach Dessau ‑

Viele herzliche Grüße und bleiben Sie weiter sich selbst treu ‑ Wir beide sind gut imstande ‑ immer Ihre Clara Schlaffhorst.

Der Brief hat leider eilig geschrieben werden müssen. Ich hoffe, Sie verstehen alles.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 20.11.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Zwei große Briefe von Ihnen liegen vor mir; hätte ich Sie eben hier, dann wüßte ich, was ich täte. ‑ Und könnten Sie den ersten vom 2.11. sehn, Sie würden lachen. Er hat auf jeder Seite dicke rote Streifen und dazwischen bei einzelnen Worten noch extra dick. So sprechen Sie mir mit jedem Wort aus dem Herzen und zu meinem Hirn, das genau  so denkt. Am liebsten schicke ich den Brief allen. Aber er ist ja nur für mich und mit Recht ‑; wohl würde er Gutes stiften, aber nur da, wo er Gutes vorfindet.

So wie Sie das sich als Gemeinschaft ausmalen, wird es gewiß auch kommen. Nur langsam kann das werden, was man im tiefsten Innern wünscht.

Ich habe vorläufig  mit allem aufgehört; es war wohl nötig, daß Gr[ä]f[in] Bredow zuerst den Schluß macht. Sie kommt heute her, da wird man erfahren. Von Berlin hörte ich noch etwas von Fr. v. Arnim, sonst nichts. Es ist schwer, das alles zu tragen; aber ich muß es wohl verdient haben, noch mehr zu leiden. Frau von Arnim konnte ich auf ihre Fragen deutlich Antwort geben. Man soll und kann doch nur die Wahrheit sagen. Dadurch allein kommt Klarheit in das Dunkel. Dies alles nur für Sie, damit Sie Fühlung behalten. Die Einlage im 2ten Brief ist unerhört flüchtig und nebenher geschrieben; ohne den Willen, zu verstehen. Dabei mußte ich auch noch etwas einstecken: Alles wird auf mein Verhalten, (das lediglich aus Not geschieht) bezogen. Dabei wart Ihr Alle zugegen, wie ich um Frieden für sie und Alle gerungen habe und ihn auch schließlich erreichte; aber leider, ohne daß Fräulein T[oepfer] daran innerlich beteiligt war. Ihr Dank war, daß sie mich 4 Wochen ohne Zeile ließ, und mir auch sonst nichts von ihrer Reise gesagt hatte. ‑ Vorläufig wollen wir damit schließen und uns der Arbeit, die überall munter weiterschreitet, widmen. Auf den 2ten Brief will ich nicht näher eingehen, sonst kommt dieser Brief nicht mehr an, der Ihnen eine liebe Ueberaschung bringen soll: Herr Gunther Gedenk hat heute einen sehr lieben Brief geschrieben und mich gebeten, ihn bald zu empfangen. Er wird nirgends verstanden und sehnt sich nach einer Aussprache, betr. seiner Arbeit, nach hier. ‑

Ich weiß, Sie werden froh aufatmen, darum schreib ich es Ihnen. ‑ Gefreut hat mich, daß Sie in Weimar zu singen gedenken. Prachtvoll ‑ das ist der Weg, den ich den Strebenden wünsche. Ich wünsche Ihnen Gutes dafür.

Fräulein Andersen sendet Ihnen viele Grüße. In mir geht’s wieder kunterbunt. Aber mit Mut. ‑ Abends im gelben Zimmer wünschte ich Sie öfters. Alle gehen gut voran. Das allein trägt.

Grüßen Sie alle ‑ Frl. Krüger besonders, über alles hinaus. Nun leben Sie wohl ‑ gleich ist rhythm[ische] Stunde.

Mit herzlichen Grüßen Ihre Clara Schlaffhorst

  

(In diesem Brief spricht Clara Schlaffhorst das an , was später die „Töpfer-Affäre“ genannt und mehr oder weniger totgeschwiegen oder nur in Andeutungen weitergegeben wurde – was naturgemäß zu Mythenbildungen führt. Deshalb hier eine Erklärung:

 

Ilse Töpfer war eine der begabtesten Schülerinnen im Haus Schlaffhorst-Andersen , sie verfügte über eine schöne und ausdrucksstarke Altstimme. Clara Schlaffhorst war ihr sehr zugeneigt und setzte große Hoffnungen in sie für ihr eigenes Werk. Als Ilse T. Mitte der dreißiger Jahre als Assistentin in Hustedt mit arbeitete, fand der leidenschaftlich und intensiv geführte Austausch über die Ideen der Schlaffhorst-Arbeit nicht mehr wie über viele Jahre vorher nur allein zwischen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen statt; mehr und mehr trat dabei Ilse Töpfer an die Stelle von Andersen.

Das führte zu Spannungen und Leiden zwischen den drei Menschen, führte aber vermehrt auch zu Parteinahmen seitens der übrigen Schülerinnen.

So kam es, dass es einige Schülerinnen immer mehr in den Unterricht der jungen, kraftvoll-leidenschaftlichen Assistentin, statt in den der in ihren Siebzigern stehenden und unerbittlich fordernden Meisterin zog. Und Ilse Töpfer entwickelte eigene Ideen, die von denen Schlaffhorsts teilweise abwichen. Das belastete die Beziehung zusätzlich; für Clara Schlaffhorst waren ihr Leben und ihr Werk eins – wie ihren Briefen unschwer zu entnehmen ist.

 

Die Zerreißproben und das Leiden auf allen Seiten müssen sich ziemlich lange hingezogen haben und mündeten schließlich in einer Spaltung: Ilse Töpfer verließ das Haus (Anfang 1938), um in Berlin-Nikolassee eine Art eigene Schule zu gründen. Etwa die Hälfte der Schülerinnen, zum Teil sehr aussichtsreiche künftige Lehrerinnen, folgten ihr (darunter z.B. Lili Usener, Lonny von Metzsch und Waltraut Seyd).

Das kennzeichnet die nachhaltigen Auswirkungen dieser „Töpfer-Affäre“.

Heidi Noodt, Januar 2010)

 

Clara Schlaffhorst (und Hedwig Andersen) an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 15.12.37

Liebes Fräulein Wiesike!

Nun mußte ich heute Frl. Kreitz doch ohne jeden Gruß fahren lassen. Aber eben treibt es mich, mitten im Kramen und Räumen, Ihnen doch noch für den letzten, lieben Brief selbst zu danken. Es ist nun besiegelt[?], daß der Anreisetag der 2te Januar sein soll. Inzwischen werden Sie viel zu tun und zu erleben haben. Dort muß ja der Kinderjubel erhebend sein und daheim finden Sie dann die nötige Ruhe. Es haben sich hier bis heute 10 gemeldet zum Singen. Chor ausgeschlossen ‑ viel durchlebt. Oh ‑ !‑ Wir freuen uns mächtig auf die Weiterarbeit. Habe noch manche neue Wege entdeckt. 1000 Grüße von uns Beiden ‑ Immer Ihre C. S[chlaffhorst] ‑ H. A[ndersen]

 

Hedwig Andersen für Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Wiesbaden)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt, d. 23.11.37

Liebes Fräulein Wiesike,

Ich beantworte Ihren lieben Brief, da meine Freundin heute nach einer hochdramatischen Nacht zu Bett liegt und Sie doch gewiß gerne bald Antwort haben möchten. Es waren die Ferien ‑ eine Reaktion auf die ersten 8 ruhigen Ferientage, die von Morgens bis Abends und auch teilweise noch Nachts mit Paketen, Päckchen, Briefen Briefen u[nd] Briefen ausgefüllt waren und das war für das Gehirn etwas zu viel, das sich nun seinerseits auf die Därme auslud. Es geht nun heute schon besser, aber wie gesagt ‑ aufstehen geht noch nicht, Ruhe, Wärme u[nd] Diät müssen gehalten werden. Nun zu Ihren beiden „Ideen“.

Wir sind sehr gerührt über Ihr Anerbieten, früher herzukommen, um uns ev[entuell] zur Seite zu stehen. Aber, liebes Seelchen ‑ erstens glauben wir nicht, daß dieses „ev[entuell]“ eintritt und zweitens würde es durch Gegenwart eines Dritten, und besonders noch durch Ihre Gegenwart nur noch verschlimmert werden. Es entspringt ja alles auf der andern Seite aus Neid und Eifersucht und zu sehen, daß nun Jemand anderes die Stelle scheinbar einnimmt, das würde nur Öl ins Feuer gießen. Gerne würden wir Sie liebes Frl. Wiesike noch für ein paar richtige Tage, wie Sie sie wünschen hier haben, aber erst ab 31.12. Wenn Ihnen das lohnt, sind Sie herzlich willkommen. Der allgemeine Anreisetag ist jetzt auf den 2.1. festgesetzt, da die meisten gern den 1.1. noch mit ihren Angehörigen genießen möchten. Bitte also noch um Nachricht über Ihren Entschluß, bez[iehungs]w[eise] Ihre Ankunft.

Und nun Frl. Krüger. Auch das kann nicht gehen, da wir einen ganz ähnlichen Fall schon zurückweisen mußten, weil es für uns, bes[onders] m[eine] Freundin zuviel werden würde. Sie wird mit den 12 Chormitgliedern noch manche Besprechung, außer der Arbeit haben müssen. Zudem kommt noch Herr Menzel am Schluß u[nd] Gräfin Br[edow], sie wollen eine Vorstandssitzung abhalten, wer weiß, was da wieder ausgebrütet wird! Auch  Herr Prof. Högner hat für den 5.1. um einige Tage Unterricht gebeten, ‑ das wird für unsre Kräfte ganz genügend sein. Schade, gerade Krügerlein hätten wir es von Herzen gegönnt. Aber wir müssen doch jetzt etwas haushalten, das letzte ¼ Jahr war schwer. Darüber mündlich. Für heut in Eile tausend Grüße und Wünsche, auch Ihrem l[ieben] Muttchen von Ihren

Hustedtern.

Clara Schlaffhorst (und Hedwig Andersen) an Johanna Wiesike (Oberweimar) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 9.2.38

Liebes Fräulein Wiesike!

Danke Ihnen sowohl für Brief, als auch für Ihr Gedenken zum 8. Febr[uar]. Es giebt hier zu viel außer der Stundenbesetzung für mich zu tun. Nicht einmal nach Celle kam ich am Montag Abend zu einem schönen Konzert; und der Sonntag war mit Steuerangelegenheit ausgefüllt. Es scheint, als soll ich nicht mehr in die Welt. Eine Zeit war meine Nichte hier, deren Entwicklungszustände mir, und wie es schien auch den Mitlebenden, Sorge brachten. Heute fuhr sie fort; ich hoffe, daß das Gute noch kommt. Denn H[elga] ist nun wach geworden und weiß, was sie lassen muß. Ihnen hat das Leben auch viel gebracht; nun sind Sie in der Arbeit froh. Frl. G[rauding?] macht gute Fortschritte. 1000 Grüße. Für heute nur wenig, bald mehr

Ihre S[chlaffhorst] A[ndersen]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 9.3.38

Liebes Fräulein Wiesike!

Lange schon und oft rede ich mit Ihnen in Gedanken; vielleicht kann es heute zur Tat werden. Sie können es sich selbst sagen, daß man in gewissen Tagen, die eine intensive Kraft für das tägliche Geschehen erfordern, zu nichts anderm Ruhe findet. Und hier ging es doch mit dem 1sten Januar in höchster Nervenspannung los. Wenn man, in Ruhe gekommen, solche Zeiten überdenkt, faßt man es nicht, wie das alles so und nicht anders kommen mußte und konnte.

Jahre lang lebten Sorge und Gram über dem, was man mit aller Liebe zu erreichen dachte, in mir. Nachdem nun alles anders gekommen, kommen mußte, sagt man sich ‑: So allein ist es gut. Das Gute also, was Gott der Allmächtige allein weiß und es darum schaffen kann, ist demnach nicht Menschenart. Dann tritt Ruhe in’s Gemüt und Schweigen. Langsam löst sich dieses und durch seine Lösung werden aus den gebrochenen Herzen neue Impulse wach, von denen vorher nur Ahnungen lebten ‑ im besten Fall. Alles Falsche ist von mir genommen. Nur hin und wieder guckt es noch, aber es fehlt ihm die Steuer. Ein höheres Bewußtsein lebt statt seiner, das der Steuer nicht mehr bedarf. Und so kann ich Ihnen, liebes Herz, schreiben, daß das Weh als vollendet, neues Leben in jedem Augenblick der Arbeit hervorquellen läßt. ‑ Viel, unendlich viel hat getan und tut immer noch die allgemeine und die besondere Liebe. So auch die Ihrige. Auch heute wieder dies köstliche Büchlein! Es ruft mich eben von hier fort. Brief bleibt liegen.

Den 10ten weiter. So geht es jetzt immer, Wenn ich mich noch zu einem Brief aufraffe, kommt anderes dazwischen. Es geht mir ähnlich wie Ihnen die Arbeit an andern, die nicht einfach ist, hält mich zusammen und bewirkt, daß ich ihr ganz ergeben bin. Mit wenig Ausnahmen machen mir alle Freude und so spürt man den Segen der Arbeit.

Meiner Freundin ‑ die treue Seele ‑ die nicht minder leidet, als ich, geht es ebenso. Sie läßt Sie durch mich herzlich grüßen. ‑ Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme ‑ sie war von vielen Seiten groß  und lieb ‑ und für das Büchlein.

Mit vielen Grüßen und guten Gedanken um Ihr Weiteres ‑ Ihre

Clara Schlaffhorst

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Oberweimar)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 9.4.38

Liebes Fräulein Wiesike!

Eben, an einem Sonnabend, an dem ganz Hustedt die Rede hört, und ich allein zurück bleibe, will ich versuchen, ihren Brief vom 29.3. zu beantworten.

Daß ich nicht auch mitgehe hat seine Ursache, seinen Grund, indem es mir, auch nicht allein, sondern mehreren Andern nach dem Genuß eines Mittagessens elend wurde. Ein gehöriger Zustand knüpfte sich daran, so daß ich für gestern und heute nur halb auf den Beinen war. Nun geht es wieder; die Stunden von gestern gab ich zum Teil heute. Und als mich meine Freundin ein paar Töne singen hieß, erlebte ich staunend, daß alle Hindernisse, die sich vorher aufgestaut hatten, wie mit einem Zauberstab verschwunden waren, und ich ohne Hemmungen die schwierigsten Dinge auf ungesatteltem Pferde, wovon ich in letzter [Zeit] geträumt hatte, ausführen konnte. Soviel wissen Sie nun von mir. Ich wollte doch auf Ihre Not zurückkommen, die aus Ihren Zeilen spricht. ‑ Liebes Herze, ich danke Ihnen für Ihr Verständnis meiner Kraft. Sie ist aber, weil vom äußern Muß hervorgerufen, nicht echt und das innere Muß rennt alles über den Haufen. Ich weiß jetzt das Eine: Es ist alles gut so, wie es kommt. ‑ und nun wirklich zu Ihnen: Da muß ich Ihnen leider sagen, daß Sie sich stets um einen dünnen, schlanken Ton bemüht haben, ist nicht dem Gesetz der Bewegung gemäß, der verlangt einen steten Wechsel zwischen dünn und dick, siehe < > das nur dünne wäre ein nur plano ‑ und das hält jedes natürliche Volumen zurück. Für die Erhaltung draußen bei der Arbeit und dem Leben an und mit Andern ist hauptsächlich primär und normal nötig; wenig primitiv und ideal. Letzteres kann nur hier unter strenger Kontrolle und Ruhe beachtet werden. ‑ Was die Bronchien anbetrifft, so glaube ich, Ihnen helfen zu können. Ich habe die Entdeckung oder Erkenntnis bekommen dafür, daß die Töne c-f mit den hintern Lungenteilen, die Töne g-c mit den vorderen gesungen werden, das ist für mich und alle eine große Erleichterung. Versuchen Sie es nur gleich und nehmen Sie die Vokale aus dem Sprachquadrat, das ist eine stetere Richtung, die Vokalverbindung zu ergattern! So entsteht durch die verbindenden Linien das Sprachorganisch-Verbundene. Und noch etwas Wichtiges: Einatmen mit der Stimme, nachdem vorher nur mit Stimme ausgeatmet wurde ‑ nicht mit Lunge. Ich muß schließen. Zu viel Unruhe um mich. Man geht und kommt und ich bin Schließerin.

Herzlichste Grüße für heute. Die genannten Erleichterungen liegen mir seit Ihrem Briefe auf der Seele. Alle wir sind hier seit 3 Wochen mit Allen ‑ 20 Menschen. Da können Sie sich das Andere denken. Herzlichste Grüße von uns Beiden Ihre

Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Wiesbaden; nach Fuschel am See nachgesandt)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 19.7.38

Liebes Fräulein Wiesike!

Fast ein Monat ist seit Empfang Ihres Briefes verstrichen, und bis heute fand ich keine Ruhe, ihn zu beantworten. Dies ist nicht so einfach, weil der Brief eigentlich ein Selbstgespräch ist, für dessen schriftliche Hergabe ich Ihnen nur danken kann. Daß Sie nach all dem Erlebten doch kamen, war mir ein Zeichen Ihres Instinktes und darum wohltuend. Ihn haben Sie damals sich in all dem Wirrwarr gerettet.

Ferientage sind uns leider auch dieses Jahr nicht beschieden gewesen; es war nur eine kurze Urlaubszeit, um das Nötigste für uns zu tun. Auch dafür waren wir froh. Wir haben auch gute Eindrücke und Menschen erleben dürfen; wenn nur das Klima nicht so unmenschlich und rau gewesen wäre. ‑

Was den Chor betrifft, so habe ich nach all dem, was geschehen ist, nur den einen Wunsch, es möchten sich genug „Wesen“, nicht Menschen einfinden, die über alles Menschliche hinweg, durch Hingabe an die große Aufgabe, diese endlich vollbringen. Es braucht kein großer Rahmen zu sein. Das ist ja vorläufig auch nicht geplant. Aber was nun herauskommt, muß vom menschlichen Standpunkt aus, möglichst unanfechtbar sein. Jeder möge für sich stehen, so gut er es von Herzen kann; dann wird auch alles Andere auch gehen. Die Besetzung des Dirigenten ist mir noch etwas beklemmend. Aber man muß Vertrauen haben, dann löst sich auch das. Alle die nachfolgenden stimmbegabten, die Gräfin Bredow dazu ausersehen hat, werden nicht eingestellt. Ich würde mich freuen, wenn Frl. Goebel und Frl. Siem, vielleicht auch Frl. Kalk die Sache fördern helfen können. Eben sind die beiden ersten noch im gewissenhaftesten Studieren. Wenn die Not nicht so groß wäre, würde ich sie von mir aus nicht darin stören. ‑

Wo Sie aber die Luft atmen, ahne ich nicht; ich schreibe darum an Ihre Wiesbadener Anschrift.

Uebrigens hat meine Freundin, der es eben gut geht, Sie für August (Ende) vorgemerkt.

Den 21. Weiter kam ich an dem Tage nicht. Heute muß der Brief fort, damit Sie, liebes Fräulein Wiesike Nachricht erhalten. Unser Haus ist besetzt; es war viel Interessantes dabei und heute kommt sogar ein, nein zwei Aerzte; eine junge Aerztin und Herr Scheufele. Frl. Steiner lieferte gestern vor ihrem Vater eine Probe ihres Könnens; dann fuhren beide fort ‑ Frl. v. Harling hat wieder gesungen, daß einem das Herze lacht, und ebenso Frl. Grauding gesprochen. ‑ Die Stunden, Tage und Wochen eilen. Ich wünsche Ihnen mit Ihrer Freundin eine gute Zeit und grüße Sie Liebe, auch im Namen meiner Freundin vielmals ‑

Ihre Clara Schlaffhorst.

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Wiesbaden) [Postkarte]

Briefe an Johanna Wiesike

[Poststempel: Celle 14.8.38]

Liebes Fräulein Wiesike, die Ankündigung Ihrer Ankunft am 22.8. hat mich sehr erfreut ‑ weniger die Ihres Dackels. Unsere Häuser sind lediglich mit Rücksicht auf menschliche Bewohner eingerichtet, wie Sie ja wissen, vierbeinige Mitbewohner sind gänzlich unerwünscht, ja unerlaubt. Der Ihrige mag ja ein besonders liebenswertes Exemplar sein und macht Ihrem guten Herzen inbezug auf seine Ausdünstungen und Ausscheidungen sind nicht Jedermanns Sache u[nd] bringen Unannehmlichkeiten in Haus und Hof mit sich. Zudem zieht bekanntlich ein Hund die sämtlichen Standesgenossen der ganzen Nachbarschaft an sich und so liegt man beständig im Kampf mit allen Hunden von Jägerei u[nd] Dorf Hustedt, was bei der wählerischen Veranlagung dieser Gottesgeschöpfe erfahrungsgemäß katastrophale Folgen für alle „gärtnerischen Anlagen“ hat. Solange Sie wunschgemäß bei Behrens wohnen, wird sich ja sein Eindringen in unsere Anlage vermeiden lassen, wie es aber später werden soll, macht mir schon heute Beklemmungen. Schon als Präzedenzfall dürfte ich das nicht gestatten, gleichviel ob Haupt- oder Bauernhaus. Na, vielleicht läßt es sich auch ab Oktober einrichten, daß er sein Quartier bei B[ehrens]. behalten kann. Das alles ist nicht Engherzigkeit aus persönl[icher] Abneigung bei mir ‑ ich habe edle Tiere gern ‑ aber in gemessener Entfernung! Besonders, wenn man für Mitbewohner u[nd] reine Luft im Hause zu sorgen hat. Das werden Sie gewiß verstehen, liebes Frl. Wiesike. Meine Freundin ist heut früh nach Berlin zu der schwererkrankten Frl. M. Nissen gefahren, daher nur herzliche Grüße für Sie

Ach, Sie sind ja in W[iesbaden]! dann bitte ich um freundlich Grüße für Ihre liebe Mutter u[nd] alle Andern von Ihrer H. Andersen.

Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt. Vor der Reise. [Januar 1939]

Zur Begrüssung.

Ohne Begeisterung schlafen die besten Kräfte unseres Gemütes!

Es ist Zunder in uns, der „Funken“ will!

Funken ------

Die Wollust im Naturwillen!

Die Lust in den Eingeweiden!

Das Leben in der Stimme!

Die Liebe im Herzen!

Die Leidenschaft im Gefühl!

Das Licht im Geist!

Ideen ------

Durch Endsilben zur Stimme zurückfinden, wenn sie verloren gegangen.

Sprechen! -

offene Speiseröhre durch Zunge oben am Gaumen bei Beginn jeden Vokals, zu Vokaldehnung durch Hypophyse.

Singen ist das, was die Seele nicht aussprechen mag!

Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt, den 13.1.39.

Meine Lieben alle miteinander,

Alle habt Ihr uns heute früh erfreut durch die Nachricht, dass der erste Schritt gelungen ist.

Schon gestern abend spürte ich mit jeder Nummer, die ich lesend mit Euch lebte, dass es so ging, wie der Himmel es wollte. Mehr kann man nicht erflehen! Drum war die Nacht ruhig und ich schlief bis zum hellen Morgen.

Wieviel Dank fließt zu Euch in die Ferne, das werdet Ihr auch ohne Worte spüren. Es singt in mir ohn Unterlaß und läßt mich an Leib und Seele gesunden. So schreite ich mit Euch gemeinsam weiter, verbunden mit Frl. Andersen, und wünsche Euch innigst Ruhe und Besinnung, damit Ihr die Kraft, die Euch begeistert und beseelt, immer wieder „von Neuem“ findet, bis Eure Sendung für dieses Mal beendet ist. Innige Wärme durchpulst mich und schwingt sich durch die Lüfte zu Euch von uns beiden.

Eure Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt, den 14.1. 39.

Meine geliebten Chor- und Solistensängerinnen! Nur ein kurzer Gruss soll Euch sagen, wie beglückt wir über Briefnachrichten und sogar Kritiken von Frl. Kukatsch waren. Bitte sagt ihr Dank und Grüsse. ‑ Hier scheint die Sonne leuchtend hell, trotz nahen Unterganges. Möge sie Euch bis in Eure Herzen scheinen und von dort aus Funken sprühen lassen in alle Teile Eures Leibes ‑ Körpers ‑ Geistes ‑ Seele. (Und des Publikums!) Damit, wenn Ihr Eure Münder auftut ‑ ich meine natürlich Stimmünder ‑ all der Jubel herausklingt ‑ schwingt ‑ jubelnd singt ‑ mit dem Ihr die Lieder zum Preise des Schöpfers der Welt gebt. Sie soll daraus erkennen, was Gott den Menschen in die Seele gelegt, ja gebettet, damit es durch die Musik offenbar werden kann. Der Schöpfer dieser Herrlichkeiten segnet das, was er selbst geschaffen hat. So wie Ihr von ihm erschaffen seid, so schafft „es“ nun aus Euch, wenn Ihr selbst die Dummheit zur Klugheit wandelt.

Das möge Euch wie beim ersten Schritt in die Welt auch weiter beschieden sein! Wir wünschen es beide so von ganzem Herzen und sind bei Euch bis zum letzten Augenblick.

Eure „Mitarbeiter“ Clara Schlaffhorst ‑ H. Andersen grüssen herzlich und bitten, alle Klinger bei offener Speiseröhre zu haben!

Clara Schlaffhorst an den Chor [Abschrift].

Briefe an Johanna Wiesike; abgedruckt in: Heidi Noodt (Bearb.) Chronik der Schule Schlaffhorst-Andersen. (Wunstorf) 1994, 162

Hustedt, den 15. 1. 39.

5½ Uhr!

An alle, die eben singen, und die, die mit klopfendem Herzen hören!

Wir strengen uns tüchtig an, Euch zu hören und sind doch sehr ruhig dabei. Thomas von Aquin, von dem ich heute Folgendes las, stärkt meinen Glauben an das Wort: „So muss auch das Innengeschehen unserer Seele dessen Zeichen das äussere Wort ist, selbst Wort genannt werden. Ob dabei der Name „Wort“ eher dem Laut der Stimme gebühre oder dem innerseelischen Begriff, das ist hier gleichgültig. Deutlich ist gleichwohl, dass, was der Laut der Stimme bezeichnet, das Innengeschehen der Seele früher ist, als das nach außen lautende Wort: dieses ist von jenem verursacht. Wollen wir also wissen, was das innere Wort des Geistes sei, dann müssen wir zusehen, was durch den Laut der Stimme bezeichnet werden soll.“ ‑

So haben große Geister alles, was unser Streben ersehnt, schon lange vor uns gedacht. Wir sind demnach nicht allein, nur das Erbe dieser Gedankenwelt, die, um Wirklichkeit zu werden, wieder Vollmenschen braucht. Wie glücklich mögt Ihr dastehen und sprechen und singen und singen und sprechen!

Es grüßen Euch Eure tapferen Mitkämpfer.

Wir fühlen uns gleich Entsagungshelden, dieweil wir ferne sind, ‑ sein mussten. 1000 Grüsse

Clara Schlaffhorst.

Eben schlägt es 7 Uhr! Da ist’s vorbei. Wie schade!

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike [ohne Umschlag]

Briefe an Johanna Wiesike; auszugsweise abgedruckt in: Heidi Noodt (Bearb.) Chronik der Schule Schlaffhorst-Andersen. (Wunstorf) 1994, 161-162

Hustedt d[en] 15.1.39

Liebes Fräulein Wiesike!

Je länger, desto mehr liegt es mir auf dem Herzen, daß wir Sie hier lange Zeit kaum wieder sahen, und was noch schmerzlicher ist ‑, hören werden. Im Innersten bin ich jedoch ziemlich gewiß, daß Sie, nach dem letzten „Vorsingen“ zu urteilen, Ihrer Wege sicher sind. Aber gerade auch darum schmerzt es immer wieder, wenn das Studium plötzlich abbrechen soll und muß. Wollen wir hoffen, daß der Trennung doch noch ein Wiedersehn im Jahr folgt.

Eben seid Ihr Solisten alle in Erregung, denn in einer, nein wie ich eben lese ‑ schon ist’s los gegangen. Nun soll die Vortragsfolge neben mir liegen, und ich folge ihr mit allen Impulsen, deren ich fähig bin. ‑ Wir waren am Morgen hoch erfreut, daß wieder so schöne Nachrichten kamen; auch Kritiken! Man giebt auf Letzteres nicht viel, aber schließlich freut sich das „bemenschte Paar“. Oh, daß wir zweie sind!! das ist doch das größeste Geschenk des Himmels. So teilen wir alles und erleben es dadurch doppelt. ‑ Eine Stimme (Ottmer) ist durch. ‑ So geht es hoffentlich, wie es begonnen mit dem Segen des Herrn, dem Ihr Kinder singt, stetig weiter gut ‑, auch noch in Weimar! Und nun kommt das Eigentliche: Der Brief, den ich Ihnen beilege ‑ Er ist zum ........... !!! ‑ ‑ Grüßen Sie, ohne Ausnahme Alle, auch den Dirigenten und die Weimaraner und erhalten Sie sich Ihre Kraft. ‑ Mit vielen guten Wünschen grüßen Sie Ihre armen zurückbleibenden Clara Schlaffhorst, Hedwig Andersen, die wir beide tapfer alle Sehnsucht bekämpfen. Bitte einl[iegenden] Brief von Ilse abzugeben od[er] vorzulesen.

 

 

 

Clara Schlaffhorst (und Hedwig Andersen) an Johanna Wiesike [Nachsatz zu einem Brief von Elisabeth Goebel]

Briefe an Johanna Wiesike

[Januar/Februar 1939?]

Liebes Fräulein Wiesike! Leider leide ich nicht an Zeitüberfluß, dann hätte ich Ihren ersten Brief, der uns so große Freude bereitete längst beantwortet. Auch mir war es schwer, Sie nicht mehr unter den Weiterarbeitenden zu haben. Und nun lese ich auch noch, daß Sie nicht zum Arbeiten an sich kommen. Ich hoffe mit Ihnen, daß Sie es heute konnten. Ich wende mich wieder einmal um und um. ‑ Was Sie mir von der Fernsicht über den Chor schreiben, bewegte mich freudig. Alles wird sich hoffentlich so fügen. Der Plan ist gut. Nur auch innerlich so weiter kommen. Möchte Ihnen Ihre Kraft beistehen beim Leben bleiben, d.h. neu erstehen können! Herzlichst grüßen Sie Ihre Clara Schlaffhorst. H. Andersen

Auch von der Tischrunde viele Grüße. D[ie]s[elben]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 26.2.39

Liebes Fräulein Wiesike!

Den Brief an Fehse konnte ich Gräfin Bredow nicht mehr zeigen; sie kam viel später. Der Brief an ihn ging den nächsten Tag fort. Uebrigens kann ich ihr, der Gräfin, noch hinterher die Abschrift vorlegen. Sie wird wohl noch da sein. Heute will ich Ihnen nur diesen kurzen, bedeutsamen Gruß senden und Ihnen mitteilen, daß eine ärztliche Untersuchung, zu welcher ich ohne meine Absicht durch einen Besuch von Hantschuck kam, ergab, daß ich total normal bin. Was will man mehr?? Ich glaube, Sie freuen sich darüber, so wie wir alle uns hier gefreut haben. Diese ewige Ungemütlichkeit, in der ich mich alle diese Wochen befand, hatte mehrere Gründe. Der wesentlichste ist der, daß die Seele selbst an mir schaffte und altes, was falsch, schlecht, faul und dumm war, fort gebracht hat. Das Herz hat keine Verkalkung, die Lunge keinen Krampf ‑ der Leib keine Stauung und der Kopf ist ohne Belastung. Der Erfolg des Chores tat seine doppelte Erschütterung. Es ist nichts kleiner für uns Beide. Nach so viel Enttäuschungen über menschlich Allzumenschliches, plötzlich die gemeinsame Arbeit und die dadurch erreichte Anerkennung der Außenwelt zu erleben im Alter von mehr als 75 Jahren !! ‑ Jetzt tritt Ruhe ein in mir. Am liebsten schrieb ich noch manches! Das nächste Mal. Heute nur noch viele herzlich Grüße von uns beiden. Ihre Clara Schlaffhorst

Herzlichen Dank für die Dobe-Bilder, die mir die Chormitglieder gesandt. Ich habe große Freude daran.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Weimar). Drucksache

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt, den 22. März 1939.

Meine lieben, ach so fernen Chormitglieder!

Fräulein Gertrude Schümann, grade das Chormitglied, daß zuerst den Schritt in die Welt wagte, kündete mir im Februar durch ein liebes Schreiben ein Kunstwerk von Dobe als Geschenk von Euch an.

Das kam denn auch nach einigen Wochen. Dass es so großartig ausfallen würde, und merkwürdigerweise grade mit dem von mir Erkannten übereinstimmt, setzte mich in grosses Erstaunen und erfüllte mich mit ungeahnter Freude

Ich war bis vor einer Woche so benebelt davon, dass ich es wie ein Heiligtum behandelte und wohlverwahrt wieder fortgestellt hatte, so dass es mir erst in dieser Nacht auf’s Herz fiel, dass ich bisher nur denen gedankt habe, die grade hier sind.

Heute lasse ich diese kurzen, aber herzlichen Dankesworte vervielfältigen und sie Euch zusenden, die ich nicht so bald sehen werde.

Es grüsst Euch in Liebe und Dank

Eure Clara Schlaffhorst

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 13.4.39

Liebes Fräulein Wiesike!

Der Brief wird nicht so lang, als der Bogen groß ist; eben habe ich keinen andern vorrätig hier. Komme so selten nach Celle.

Das die Vorrede; nur habe ich gerade einige Minuten Zeit ‑, Ihnen für die große Osterfreude zu danken, Ihnen und all den Mitarbeitern dieser köstlichen Gabe. Als ob Sie wußten, wie bedrängt ich war wegen der sich zu sehr angeheuften Zettel, die ich nun allmählich da hinein schreiben kann. Noch habe ich immer keine freie Zeit gehabt, mit Fräulein Krüger die Zettel zu ordnen. Da kam Ihre Lösung! Natürlich gehört auch hierzu Muße; aber es lacht mir doch ein Weg! Und wo er ist, ist auch das Ziel: Die Unterbringung aller Weisheiten. Es sind in letzter Zeit viele Kostbarkeiten eingelaufen, die wert sind, festgelegt zu werden. Ich danke Ihnen, danke allen für die Liebe, die in dem Packet lag. Fräulein Krüger erzählt Ihnen die Geschichte der Eier und überhaupt viele Andere.

Jede Zeit hat ihr Gesicht. Ostern war dieses Jahr ein wirkliches Fest; besonders auch durch Ilse Krügers Nähe. Der Ostertisch prangte im festlichen Glanze. Nun ist auch der Frühling ‑ die Sonne ‑ die Vögel eingekehrt, und das Frieren hat damit ein Ende ‑ Daß Sie so viel zu arbeiten haben und daß in Ihnen keine Stockungen sind, ist erfreulich. Aber schön ist’s, daß Sie sich vorgenommen herzukommen. Es ist genug zu tun ‑ am besten geht es bei denen, die dauernd heran müssen, wie Sie es ja auch erlebten!

Für heute sage ich Ihnen herzliches Lebewohl und ein hoffnungsvolles[!] auf Wiedersehn. Ob meine Freundin auch schreibt weiß ich nicht; einstweilen auch von ihr Dank und Grüße ‑ Ihre Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (München)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt bei Celle, den 13. Juli 1939

Liebes Fräulein Wiesike!

Auch mir ist der Gedanke, daß Sie Weimar für immer verlassen, noch so neu, daß ich Zeit brauche, mich daran zu gewöhnen. Wir, die wir so oft von denen Abschied nehmen müssen, die uns lange Zeit hindurch zur Seite standen, lernen es in jedem Fall nur allmählich und darum schwer. Doch das Schicksal jedes Einzelnen verlangt Trennung, und so muß es hingenommen werden, wie es kommt, wenn man nur weiter daran teil nehmen kann. Es bleibt dabei auch nicht stehen. Der Ueberraschungen giebt es viele. So ging es mir auch beim Weiterlesen Ihres Briefes, für den ich Ihnen sehr danke. Auf diese Weise wird man von Dingen unterrichtet, die man von sich aus nicht ahnt.

Die Tatsache, daß Sie Herrn Professor Högner unterstützen, bringt mir doppelte Unruhe ‑ Ich kann von mir aus nichts tun, wie stets, wieder geduldig warten, wie die Sache von ihm selbst geregelt wird. Dann Ihre Reise nach Berlin, die, wie mir Ihre Karte sagt, so ganz anders ausgelaufen ist, als Sie, liebes Fräulein Wiesike es sich dachten! ‑ Nun müssen Sie das alles schriftlich bearbeiten. Auf diese Weise habe ich Zeit gewonnen, denn nach Berlin konnte ich Ihnen nicht mehr meine Wünsche und Gedanken mitteilen.

So sehr es in materieller Richtung, wie Sie selbst schreiben, zu begrüßen wäre, daß wir durch den Anschluß an K.d.F. („Kraft durch Freude“, Einrichtung der Nazis) Erleichterung hätten, und der Besuch der Referentin Frau Dr. Ottich zu erwarten ist, so trübe stimmt mich die andere Seite: Publikum und Unterhaltungsmusik. Da können wir nichts Besseres entgegensetzen, als unsere ernsten Programme. Dabei müssen wir fest bleiben. Und wenn man nicht darauf eingehen sollte, bleiben wir lieber in unserer Richtung und tragen „die entsetzlichen Kosten“ solange, bis der Chor in den großen Musikstädten gehört und anerkannt worden ist. Damit wird dem „Werk selbst“ der schönste Denkstein gesetzt, für den wir uns verpflichtet fühlen.

So weit für heute, damit Sie wissen, wie ich denke. Nun noch zu Ihrem Unternehmen, zu dem ich Ihnen aufrichtige Wünsche sende. Möge Ihr Glaube durch Erfüllung zur Tat werden, indem Ihnen Kräfte wachsen! Dieses mit vielen Grüßen ‑ herzlichst

Ihre Clara Schlaffhorst.

Ihre Grüße an die Tischrunde soll ich erwidern. D[ie]s[elbe]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 24.9.39

Liebes Fräulein Wiesike!

Als Sie mir Ihren Absagebrief sandten, standen wir vor der Katastrophe; jetzt liegt sie hinter uns. Trotzdem sind wir doch noch mitten drin. Niemand weiß, was werden wird. Aber Sie sind inzwischen hoffentlich in Ihrem Haus an Ort und Stelle und bereits eingelebt! Alles, was dazwischen liegt, war gewiß ein grenzenloses Chaos. Wer wie wir das erlebt, weiß was Krieg heißt. Und wieviele unglückliche Zustände bringt friedloses Leben mit sich! Die Not ist nicht fort ‑ und nicht auszudenken. Arbeit ist dabei das einzig Ertragbare in solchem elenden Zustand, der immer wieder beweist, daß alle die Recht denken, die da schreiben und sagen, daß es noch keine Menschen auf der Erde giebt. Wir sind, betreffs dieser Richtung der Entwicklung, herrlich weit gekommen! Es zeigt sich auch noch auf anderer, ‑ Hier ging alles ruhig seinen äußeren Weg; wir haben stillere Zeiten gehabt, als im Sommer. Das war wie Segen. Vom Chor waren immerhin 12 Mitgl[ieder] hier. Unser alter Wunsch ‑ am Inneren arbeiten zu können, wurde uns erfüllt. Zwar wußte ich, was zu tun war; aber so viel hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gedacht! Noch sind 6 von ihnen hier. Fr. Bleul u[nd] Frau von Arnim sind dem Ziel sehr nahe gerückt; ebenso I. v. Harling. Vom 9. Okt[ober] setzt Gottlob auch die Winterarbeit ein. Ein Wunsch, glaube ich, beseelt alle Deutschen und alle die, die Menschenblut in sich bergen: Nichts kann uns weiter helfen als der Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Daß er uns Allen beschieden sei, dazu verhelfe uns der Allmächtige! In diesem Sinne grüßen wir Beide Sie, liebes Herze. Mit herzlichen Grüßen Ihre Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 23.12.39

Liebes Fräulein Wiesike!

Noch kurz vor dem heiligen Abend versuche ich, allen Chormitgliedern Grüße von uns zu senden. Es ist kein Brief von Ihnen in meiner Mappe, somit kann ich Ihnen gleich von hier berichten, daß trotz der schweren Kriegszeiten, hier die Arbeit wie im Frieden ablief. Zuerst waren zwölf von den Chormitgliedern, mit denen intensiv gearbeitet wurde. Man kann nicht alles berichten, was dabei noch zu lernen war. Je tiefer wir eindrangen, desto größer wuchs uns das entgegen, was an Reichtume in der Deutschen Seele hervorquoll und immer noch, nachdem ich wieder an einigen Schülern mit dem Anfang beginnen mußte, so weiter strömte bei denen und mir selbst, die wir stetig mit einander leben. In mir ist eine so große Umwandlung vor sich gegangen, daß das Ziel, das mir vorschwebte, mir immer näher rückte.

Es mußte sich alles ändern, und ich selbst und ich war genötigt, meine Arbeit an andern einzuschränken. Seit dem 15. Dez[ember], da Ferien einsetzten, hat sich das ganze Gleichgewicht wieder hergestellt und sowohl Frl. Andersen, die auch davon angegriffen war, wie ich sind nun miteinander froh, mit gutem Mut in die Zukunft blicken zu können. ‑ Während dieser Umwälzung im Innern hat sich Ihr schwieriger Umzug hoffentlich auch vollzogen. nun können Sie das Weihnachtsfest als erstes im eigenen Heim begehen. Wir beide wünschen ihnen und Fräulein Neiendorf ein stilles gesegnetes Ruhen nach all dem durchgemachten Ungemach und Ihnen persönlich ein Zurückfinden in dem, was Sie an innerer Kraft erreicht hatten. Mögen Sie gesund und guten Mutes das neue Jahr beginnen und möge Segen auf Ihrem Tun ruhen. Dies wünscht mit herzlichsten Grüßen Ihnen, liebes Frl. Wiesike, Ihre Clara Schlaffhorst.

Hedwig Andersen (und Clara Schlaffhorst) an Johanna Wiesike (Pilsensee) [Ansichtskarte: Hustedt b. Celle, Haus Schlaffhorst-Andersen]

Briefe an Johanna Wiesike

[Poststempel: Celle 13.1.40]

Liebes Fräulein Wiesike,

wo haben Sie nun wieder diesen famosen „unfreiwilligen Humor“ aufgestöbert? Da ist ja noch mehr Heiterkeitserfolg drin, als im „Lach-Jahr“ Dies Jahr wird uns ohnehin nichts zu lachen bringen. Aber ein Pferd, das vor Schreck umfällt u[nd] alle 4 Buchstaben in die Luft streckt, da muß man schon lachen. Herzlichen Dank also u[nd] viel gute Wünsche u[nd] Grüsse aus diesem Hause u[nd] von Ihrer H.A[ndersen] ‑ C. Schl[affhorst]

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. 1.3.40

Liebes Fräulein Wiesike!

Verzeihen Sie mir, daß ich Ihren lieben Weihnachtsgruß unbeantwortet gelassen habe. Es liegt noch eine volle Mappe von all denen, die uns zu Weihnachten geschrieben haben ‑ Erlassen Sie mir die näheren Erklärungen dafür; die Post wächst lawinenartig über uns her; ich allein bin es, die noch schreibt ‑ Ausnahmen abgesehen ‑ die Hedwig mit den Verwandten unterhält ‑ und so werde ich, so wie ich es mir wünsche, nicht mehr fertig. Berührten Sie in Ihrem diesmaligen Brief nicht Zukünftiges, was uns Beiden so sehr auf dem Herzen liegt, würde ich auch nicht so bald antworten; des bin ich gewiß. Vorerst aber noch herzlichen Dank für das Buch mit den Krystalen, das hier schon viel Freude bereitete. Ich selbst habe auch am Abend, wenn ich wohl genug bin, d.h. noch Kraft erübrigen kann, Beschäftigung, so daß ich bisher noch wenig Zeit dafür aussparen konnte. Und wegen des Dobe-Bildes, das mir total entfallen ist, sehe ich sofort nach, sobald mir ein Augenblick Zeit kommt, selbst nach und sende es Ihnen. Es ist mir begegnet. Aber eben weiß ich nicht wo? ‑ nun aber zu dem Plan, der den Sie gesehen, existiert nicht mehr. Es war eine Zusammenkunft ‑ Gr[ä]f[in] Bredow ‑ Frl. Grauding extra hingefahren und der Baumeister ‑ ein Herr Professor ‑ vor 8 Tagen. Da ist alles umgeworfen; den daraus neu hervorgehenden bringt Gr[ä]f[in] Bredow in den nächsten Tagen zu Besprechung nach hier. ‑ Ich glaube kaum, daß nach uns gehört wird; man hat es nicht einmal in unserm eigenen Hause bei der Uebergabe für nötig befunden, ‑ hat sich damit aber schon geschadet. Die Wirtschaft ist von uns aus all unsere Lebenszeit glatt, trotz oft erschwerter Umstände vor sich gegangen. Nun heißt es: Hier trägt sie, die Wirtschaft, die Kosten nicht. Und eben um dieser Wirtschaft, willen, soll es dort angelegt werden. Es ist ein hochherziger Plan von der Gräfin, dem wir leider nicht folgen können. Das ist das Verstimmenste bei der Sache. Bei näherer Ueberlegung wird uns jeder verstehen. Wir bitten Sie nun, so ehrlich wie Sie uns gegenüber schreiben, Ihre Bedenken, die Sie gerade in unserem Sinne haben, auch dort zur Gräfin zu äußern. Sie ist Ihnen dankbar. Wir sind bestrebt von uns aus und müssen es sein, die Jahre werden deutlich, die Bürden nach Möglichkeit abzustreifen. Arbeiten werden wir wohl bis an das möglichst längste Ziel; aber den „Betrieb“ möchten wir, können wir unter unserm Dach und Fach aufrechterhalten und eher verkleinern, denn vergrößern. +

Ich finde schon dadurch, daß jeder von den Lehrerinnen in eine andere Ferne rückt, reichlich genug erweitert. Es wäre ein besseres Gemeinsames mit uns erreicht, wenn man sich um uns geschart hätte; also nicht den Menschen im Auge gehabt hätte, sondern immer nur das Werk, das die Verbindung mit seinen einzelnen Gliedern und dem Willen sucht. Aber was sind Erwägungen gegenüber dem, was im Innern der Brust an Schicksal für den Menschen schlummert. Hunderte von Jahren sind nötig bis dereinst „die Natur und ihr Bestehen“ als das Ziel für Alle angesehen werden wird. ‑ Auch wir möchten gerne mit Euch zusammen sein und gemeinsam beraten, denn es hängt ungeheuer viel von alle denen ab, die uns überleben werden. Zu unsern Lebzeiten wäre eine Regelung eher möglich, wie sich’s in unserm einfachen, nicht zielstrebigen Sinne sich auswirken könnte, was wir hören durften. Hoffentlich giebt es im Sommer ein Wiedersehn! ‑

Heute wurde nichts von Ihnen gefragt und eben muß ich schließen. Was Sie im Brief von sich erzählten muß vorläufig hinreichen. Jedenfalls freute ich mich, daß Sie Zeit gefunden, heim zu kehren. Von Ottmer freue ich mich, auch meine Freundin, daß Sie Menschen gefunden hat. ‑ So leben Sie wohl und erhalten Sie sich Ihre Treue zum Werk ‑ Viele herzliche Grüße von uns Beiden, Ihre Clara Schalffhorst.

+ (Hier taucht zum ersten Mal das Angebot von Gräfin Bredow auf, die Schule auf ihr Gut in Seefeld in Pommern zu verlegen.)

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

z.Zt. Bevensen d. 25.6.40

Liebes Fräulein Wiesike!

Noch eine kurze Spanne Zeit und unsere „Ferienruhe“ (? 39 Briefe) ist vorüber. Ehe sich wieder der große Arbeitsstrom über mich ergießt, möchte ich Ihnen noch einen Gruß senden. Wir haben hier vom ersten Juni an jedem Tage klarsten Sonnenschein gehabt, sehr zu unserm persönlichen Unbehagen; denn alles um uns herum lechzte nach Regen und man selbst zerschmolz vor Hitze. Heute von früh 5 Uhr Gewitter und Regen bis eben 3 Uhr. Trotzdem waren wir fast nur im Wald. Mein Traum, dereinst vom Morgen bis zum Abend Vogelgesang hören zu können, ist mir dabei voll erfüllt worden und Fräulein Andersen freute sich mit mir. Sie läßt Sie sehr herzlich grüßen. So gingen die Wochen in Dank dahin, daß wir endlich einmal ganz frei für unsere gegenseitige Arbeit an uns hatten. Und das wird hoffentlich zum Segen auch für Andere ausfallen. Denn während der schweren Kriegsmonate hat uns jede Stunde davon Beweis gegeben, wie nötig unsere Fürsorge für den Aufbau der Kräfte an jungen deutschen Menschen ist und wie dankbar, gerade die Jugend sie aufnimmt.

Oft haben wir gefragt, ob die Zeit reif für das ist, was unsere Aufgabe zu erforschen, ergründen und schließlich zu formen war. Der zweite Krieg, so entsetzlich er für jeden einzelnen ist, so wertvoll für die ganze Zeit und ihr Wachwerden über die letzten Gründe der Arterhaltung. In dem Verhalten der Wehrmacht in jeder Beziehung zeigt sich, welche Kräfte im Deutschen liegen, und welche Impulse nötig sind, daß die Quelle dieser Kraft in die Erscheinung tritt: Das Schicksal! Es pocht bei jedem Einzelnen einmal an seine Tür und ruft nicht, bis auch das Letzte hergegeben wird; und nun erleben wir es im Völkergeschehen! Wie groß-gewaltig und wunderbar sind die Wege der Versöhnung für einen Jeden, der noch einen Funken von Leben in sich hat. Wohl ihm, wenn er ihn richtig verwendet; den kann ich auch tragen.

Ihnen, liebes Fräulein Wiesike, hat das Schicksal die Erkenntnis gegeben, wo Sie in diesem Augenblick zu stehen haben. Damit muß auch ich mich zufrieden geben; hoffentlich nicht für immer. Die Chorzeit war voll Einheitlichkeit und harmonischen Zusammenklanges. Dirigent wächst ganz hinein. Ihre Grüße wurden erwidert ‑ Hoffentlich haben Sie inzwischen Hilfe bekommen und können der innern Arbeit Ihre Zeit zum Teil widmen. Ich wünsche es Ihnen mit vielen Grüßen herzlich ‑

Immer Ihre Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

Hustedt d. d. 12.5.41

Liebes Fräulein Wiesike!

An dem äußeren Gewand Ihres Prospektes ist nichts auszusetzen; er läßt leider darauf schließen, daß Sie ihn innerlich doch nicht vom richtigen Ende überlegt haben! Wenn Sie den Namen unserer Schule erwähnen, müssen Sie auch denselben vollständig wiedergeben, weil Sie ihn nicht und überall lesen können, sondern weil Sie darin gelebt haben ‑. Schule Schl. ‑ A‑ für Atem- Sprech- und Gesangkunst ‑ das wäre erstens richtig, zweitens vollständig und drittens wahr gewesen. Was stellt man sich denn vor, wenn Sie Atem- und Stimmbildung hinsetzen? Wodurch? Doch nur durch die Kunst der Sprache.

Warum in aller Welt senden Sie uns nicht den Entwurf vorher; jetzt ist’s geschehen.

Uebrigens kommt es bei der Atmung darauf an, daß es aus dem gewohnheitsmäßigen und gedankenlosen heraus und in bewußtes, ungewolltes „Erleben“ gebracht wird; von einer Bildung, wie die Stimme es verlangt, ist bei ihm nicht die Rede.

Es ist garnicht so einfach, wie man es anzunehmen scheint, einen festen „Begriff“ von der Schule zu haben, geschweige denn vom ganzen „Werk an sich“ in welchem der Gesang doch nur ein winziger Teil ist.

Mein Arm geht seiner Gesundung geraden Weges entgegen; es sind schon oft Augenblicke da, in denen ich die schwersten Sachen begleite. Das bekommt ihm ausgezeichnet.

Ihre allerseitigen Grüße erwidernd bin ich Ihre Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike. Auszug abgedruckt in: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 16

z.Zt. Bevensen d. 23.12.41

Liebes Fräulein Wiesike!

Seit dem 15. Dez[ember] sind die Ferien da, nach denen wir uns sehnten; denn die Arbeit war riesengroß. Ruhe giebt es wohl um uns her; aber im Innern mahnt die Post, die seit dem Geburtstage aufgespeichert liegt. Gewiß werden täglich Briefe erledigt, aber bei der täglich einlaufenden Post, bleibt das Meiste noch liegen. Es scheint, als ob in uns Beiden die Zeit für uns selbst gekommen ist, nachdem wir unser ganzen Leben für Andere da waren und unsere Kraft dem „Werk an sich“ gehörte. Mit dem schulgemäßen Arbeiten an dem Einzelnen konnte man schon fertig werden; aber damit war dem Werk noch nicht alles gegeben; sondern es hieß das Schöpferische Wesen zu finden, und als Solches der Erfüllung Tür und Tor zu öffnen. Da haben sich dann noch ganz andere Ziele aufgegeben, für die wir erst einmal selbst leben sollen. Und so sorgt nun die Natur in uns, daß wir Muße finden, uns zu leben. Dazu braucht jeder Zeit für sich; diese neben all den andern Aufgaben zu finden, das ist nicht einfach. ‑ Das wird ja gar kein Weihnachtsbrief und noch gab es kein Wort des Dankes für Ihren langen Geburtstagsgruß in Frl. Ottmers Zimmer. Also fangen wir damit an. Der 16te war auch dieses Mal reich an Freunden, die aus Liebe strömten. Anfang und Schluß waren das Schönste. Gesang und Tanz! Irmgard überbrachte die noch dagebliebenen Chormitglieder in einer wundervollen, zu Herzen gehenden Vorstellung ‑ die sieben Urformen. Schade, daß man es nicht beschreiben kann ‑ das muß erlebt werden! Ich hätte gerne alle um mich gehabt. Eigentlich spielte sich der ganze Tag in schönster Harmonie ab und nun liegt bereits alles längst hinter mir. Und nun kommt lange darnach erst der Dank für all die Liebe, die aus der Ferne mich erfreute. So auch Ihr Brieflein mit guten Nachrichten. Die Arbeit der Schule macht nach allen Richtungen große Fortschritte und man erlebt Anerkennung von außen. Nur fehlen uns immer noch Lehrerinnen, die Nachfrage wird größer und die Kräfte, die für uns da sein sollten, sind gering. Denn jeder geht seinem eigenen Schicksal nach. So muß die Welt draußen Geduld haben. Vorläufig heißt es allerdings viel Geduld nach außen haben mit all denen, die der Deutsche bekämpfen soll. Dies Morden in dem Augenblick, wo Frieden auf Erden offenbart werden soll, ist verbrecherisch. Mögen nur die Geister fallen, die alles angestiftet haben. ‑ Dazu scheint eben die Sonne und lacht uns in’s Herz. Wir folgen! Nur noch innige Wünsche für ein stilles, geruhiges Fest mit Frieden im Innern wünschte ich Ihnen und Fräulein Neiendorff und für uns Alle den Frieden. Meinen Grüßen schließt sich Fräulein Andersen an und Ihre Clara Schlaffhorst.

Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike. Auszug abgedruckt in: Mitteilungen, Heft 18 (1988), 16

Hustedt d. 16.7.42

Liebes Fräulein Wiesike!

Ihr Brief vom 7.6. war mit so herzlicher Anteilnahme an dem, was wir verlassen müssen, geschrieben, daß ich Ihnen im Verein mit Fräulein Andersen, noch von hier aus, ein paar Worte des Dankes für Ihr Mitempfinden senden möchte. Eigentlich können wir keine Silbe über unsere Gedanken niederschreiben; denn sie sind durchaus nicht einseitig! Wie wir uns den Umzug (Umzug nach Seefeld) gedacht haben, nämlich, daß er nicht mit einem Mal stattfinden soll, sondern in Raten, das bringt so viele Freuden mit sich und wenigstens für etliche Monate Verkörperung unseres Ideals, dadurch daß (Störung) daß wir noch zwei Monate mit allen, treuen Menschen an das Ziel kommen können, was uns unser Leben hindurch vorgeschwebt hat, dafür sind wir dem Himmel und Gräfin Bredow dankbar. Der erste Umzug fand aus diesem Grunde bereits am 25. Juni statt; es ging mit etlichen kleinen Hindernissen in 8 Tagen von statten. Allerdings 3 Wochen später, als verabredet war. Diese Wochen sollten wir Ferien haben. Die waren natürlich ausgefüllt mit Kramen und dergleichen. Nun arbeitet man in Seefeld seit 9ten Juli noch unter erschwerenden Umständen, weil die Handwerker nicht fertig geworden waren, bis wir dahin kommen, vergehen noch etliche Wochen. Und wir werden dankbar sein, wenn unser Umzug, der 3fach so groß ist, wie der erste, auch hinter uns sein wird. So wie wir uns vorher nicht alles ausdenken können, so werden wir, so Gott will, hinterher alles wie ein Märchen empfinden. Denn wie Gräfin Bredow alles zur Tat hat werden lassen, wird für die Nachwelt wunderbar sein. Die Freude, daß die Mit- und Nachwelt weiter die Schätze haben soll, die im Werk leben, woran das „deutsche Wesen genesen soll und kann, übersteigt alle Schwierigkeiten, die turmhoch vor uns liegen. Wir erleben sie auch nicht allein, sondern alle Freunde der Schule helfen freudig mit.

Um nicht wieder Störung zu haben, sende ich dies Kapitel ab. Sie werden schon genug daraus ersehen. Wir grüßen Sie und hoffen, daß der Brief Sie bei bester Gesundheit antrifft.

Im September ungefähr 20st. soll ein Zusammenarbeiten der Chorleute stattfinden, ohne Conzert. Dieses Ihnen zur Nachricht und zur Äußerung. Mit herzlichem Gruß

Clara Schlaffhorst.

[beiliegende Postkarte]

Liebes Fräulein Wiesike,

recht schönen Dank für Ihre guten Wünsche zu meinem Geburtstag, die ich gut gebrauchen kann. Der erste Umzug ist ja im Juni glücklich verlaufen, aber die größere Hälfte steht uns noch bevor u[nd] dann die Reise! Und der Abschied von hier, den auch alle die hier zum letzten Male waren, sehr schmerzlich empfinden. Na überhaupt! Herzlichen Gruß von Ihrer H. Andersen.

Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

Seefeld d. 3.12.44

Liebes Fräulein Wiesike!

Nachdem der Stundentag glücklich beendet ist, versuche ich täglich all die lieben Briefe, die mir der 16te brachte allmählich zu beantworten; selbst auch später gekommenen. Das ist geradezu ein Segen, daß der Tag nicht pünktlich von jedem eingehalten wird; man könnte die Fülle sonst nicht ertragen. Im andern Fall summieren sich die Liebes- und Treuezeichen so allmählich und man kann jeden Wunsch mit neuer Kraft empfangen und somit auch beantworten. Ja, daß die Zeiten so grausam geworden sind, das Wiedersehn zwischen engsten Familienmitgliedern, Freunden und Schülern so unmöglich zu gestalten, ist eines von den Unglücklichkeiten des Krieges. Es war dadurch unmöglich gewesen, die älteren Schüler die weiteren Entwicklungswege miterleben zu lassen. Diese Beschränkung brachte es dahin, daß das Ziel sich mehr und mehr weiten und Wirklichkeit werden konnte. Es wird Sie freuen zu hören, dass der Ruf von der Güte des Werkes über den engen Rahmen hinaus uns in die weite Welt hineingewachsen ist. Ich kann es hier und nur andeuten; aber später einmal noch ausführen. Die deutsche Treue feiert ihre Auferstehung in vielen Fällen. Es geht uns nur leidlich wohl, sondern unser Schicksal schenkt uns die Gewißheit, daß das Werk an sich nicht mehr untergehen wird. Diese Zukunftsgedanken beflügeln unser Tun täglich von Neuem. Vom alten Adam ist noch kaum etwas vorhanden. und daher zwingen wir heute noch die Umwandlung, die angebahnt werden mußte, in den meisten Fällen durchzusetzen. Inzwischen vollzieht sich im Weltgeschehen eine Umwälzung, die wohl auch zum Segen der Menschheit führen wird, aber auf einem so realen, grausamen Pfad, daß es uns fast schwindelerregend dünkt, wenn wir mitschreitend alles erleben sollten. Das ist zunehmend unmöglich geworden. ‑ Anders ist es in Ihrem Fall, die Sie Ihre Kräfte in dem Sinne wie wir, nicht brauchen anzustrengen. Es ist nur immer wieder ein Segen, daß der Allmächtige zwei Menschen verband, denen dasselbe Ideal in die Seelen gepflanzt wurde. Dieses Einssein ist der stärkste Passus in unserm Leben. ‑

Es freute mich von Ihnen zu hören, und nun zu wissen, daß eine Umwandlung, wenn auch noch realen Richtung in Ihnen stattgefunden hat und Ihre Kräfte Ihnen den Beistand leihen, den Sie für das jetzige Dasein brauchen können, ohne zu ermüden.

Mit den herzlichen Wünschen für Ihr ferneres Leben, verbinde ich die besten Hoffnungen auf Deutschlands Zukunft und bin mit Grüßen an Ihre Freundin

Ihre Clara Schlaffhorst.

Ein friedliches Weihnachtserleben hoffen wir für alle Deutschen. Fräulein Andersen grüßt mit mir.

D[ie]s[elbe]

Hedwig Andersen an Johanna Wiesike (Hechendorf)

Briefe an Johanna Wiesike

Schönborn, d. 14.3.46

Liebes Fräulein Wiesike!

Herzlich danke ich Ihnen für Ihren Brief v. 2.12.45, der am 19.12. hier anlangte. Ja, Sie haben recht, ist die räumliche und zeitliche Trennung auch groß, so bleibt doch zwischen denen, die einmal in unserer Arbeit gestanden haben immer das Zusammengehörigkeitsgefühl bestehen. Und das bleibt auch bei denen, die meiner Freundin nahe standen und ihr viel zu verdanken haben über das Grab hinaus. Schwer waren für mich jetzt die letzten Wochen durch die Rückblicke auf dieselbe Zeit im vorigen Jahre und mein bester Trost war immer der Gedanke: glücklich Jeder, der diese Zeit nicht hier unten mit zu erleben braucht, von dort oben sieht es sich vielleicht ganz anders an. Für uns Zurückgebliebenen ist ja nun die einzige Parole: arbeiten! Und ich bin glücklich, wenn ich sehe, wie allerorten „unsere“ Lieben an der Arbeit sind. Ihre Arbeit wird nicht untergehen, so schreiben alle, alle und selbst auch ganz junge Schülerinnen, die den Segen dieser Arbeit schon an sich erlebt haben. Ältere sehen durch das Leben gehärtete Menschen und mit viel mehr Verständnis darauf zurück und bedauern, daß die Schule augenblicklich in alle Winde zerstreut ist. Unsere liebe Gräfin, die in Stuttgart lebt und mit ihrem Architekten an der Herstellung von „Wohnwagen“ arbeitet, um Kleinstwohnungen für die Millionen Flüchtlinge zu schaffen, ist auch wieder eifrig bestrebt, einen Sammelpunkt für die Schule ausfindig zu machen. Aber es ist natürlich schwer, denn es fehlt an Material für die Bauten. Eine „Keimzelle“ scheint mir in Celle zu entstehen, wenn auch nicht gerade für die Schule, aber für die Arbeit an sich. Dort wird eine „pädagogische Hochschule“(früher nannte man es Lehrerseminar) gegründet und da ist Fräulein Wilmanns, zunächst als Geigenlehrerin angestellt. Aber, sie selbst findet, daß „Sprecherziehung“ viel wichtiger wäre und sie hatte gleich 8. von den jungen Studenten zum Sprechunterricht, die es selbst einsahen, daß ihre Stimmen nicht zu dem Beruf ausreichten, zu leicht ermüdet und heiser würden. Da ist doch eine Aussicht für die heranwachsende Jugend: Volksschullehrer. Ach! am liebsten arbeitete ich da gleich mit, aber man hätte ja da keine Bleibe und ich bin dankbar, daß ich hier so gut bei liebevollen Menschen untergebracht bin, mit denen ich natürlich auch nach Möglichkeit etwas arbeite. Frl. Roloff ist mit mir hier und da sie ½ Jahr bei ihrer Schwester in Lingen war, hat Frl. Nissen sie bei mir vertreten und mich vorbildlich betreut. Heute kommt nun Roloff wieder zurück. Von Frl. Nissen u[nd] Frl. Fischer soll ich sie herzlich grüßen. Ich erwidere die Grüße Ihrer Freundin u[nd] grüße auch Sie liebes Fräulein Wiesike als Ihre alte H. Andersen.

Ich bitte um eine Empfehlung an Ihre liebe Mutter.

 



Ende An J. Wiesike (1934 - 1946)
 

 


Briefe von Clara Schlaffhorst

 

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