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An I. Ziegler (1919 – 1950)
Briefe
von
Clara Schlaffhorst
und
Hedwig Andersen
an
Irma Ziegler
1919 ‑ 1940
übertragen von Rüdiger Kröger
Bad Nenndorf 1999.
Clara Schlafhorst an Irmga Ziegler
Forschungsstelle
Schlaffhorst-Andersen: Fotokopie in Briefsammlung (E 5), I. Ziegler Nr.1
Rotenburg/Fulda d. 16.9.19
Mein liebes Fräulein
Ziegler!
Ferien! Dies Zauberwort
giebt mir Ruhe Ihren lieben, interessanten Brief aus Weimar zu beantworten. Am
meisten war ich erfreut über die Mitteilung, daß Sie einen „Menschen“ gefunden.
Wie wohl das tat, wieder einmal nicht enttäuscht zu sein. Es tat mir wirklich
leid, nicht mit Ihnen gefahren zu sein, aber, so Gott will, kann man doch auch
einmal hin. Darin hat man uns aber falsch verstanden; wir wollen ja keine Hilfe
von ihm, wenigstens lag uns der Gedanke fern; sondern nur mit einem bedeutenden
Geist über unsere tiefinnersten Gedanken sprechen, um von ihm zu hören, daß
das, was wir auf dem Wege zur Kunstausübung gefunden, dasselbe ist, was man
sich für den Deutschen im Leben denkt. Das Leben von „innen heraus“, „das Eine
was Not tut“, „das christliche Leben in die Tat umsetzen“, „die Lösung des
sexuellen Problems“ u(nd) dergl(eichen) mehr. Ihr Brief liegt vor mir, und eben
lese ich ihn Wort für Wort aufmerksam durch. Dazwischen hüpft ein Grashüpfer
auf meinem Schreibbogen. Ist das Ihre oder seine Seele, die mich eben grüßt?
Ganz gleich, ich lasse ihn sitzen, er amüsiert mich mit seinen hellen Äuglein
und seinen sprungbereiten Flügeln. Hüpf!!! Umarmen könnte ich den Mann, daß er
sagt, das Ideal soll entgegen dem Realismus unterstützt werden. Hätte man nur
schon früher so gesorgt, Zeit wäre da gewesen, Geld erst recht. Aber noch wäre
es nicht zu spät, wenn nur alle ideal Gesinnten heran zu ziehen wären; und dann
hätte man auch den Weg gefunden zum Internationalismus, und so könnte sich
allmählich ein Weg zur Verständigung der Menschheit anbahnen. ‑ Daß wir uns an
G. Prellwitz anschließen, die wir als
stark übersinnlich kennen, halten wir nicht für ratsam. Ich glaube, wir müssen
unsern Weg gehen, bis wir einen festen Sauerteig haben, durch den unsere Ideen
in die Tat umgesetzt werden und dadurch sichtbar sind. ‑
Wo mögen Sie jetzt weilen?
Wie mag es Ihnen ergehen; ach daß man so weit wieder von einander entfernt ist.
Und doch auch das ist nötig ‑ damit Sie selbständig werden, Ihre Erfahrungen
machen und wir sehen, wo Ihre Naturen hinsteuern. Wer weiß, wie lange wir erst
auch Nachricht von dort aus warten müssen! Und doch wüßte man gern, wie es
geht. Ich lasse den Brief einschreiben, dann bin ich sicherer, daß er in Ihre
Hände kommt. ‑ An Prof. L. habe ich gleich geschrieben, an den Verlag D. noch
nicht. Es war in letzter Zeit noch eine rasende Hitze; schließlich kam noch
eine Kranke aus Bieberstein. Wieder eine Gymnastik-Leiche, die aber schon
auflebt. O diese Systeme! Diese
Schnüre, auf die die Menschen gefädelt werden müssen, weil sie nicht zu leben
verstehen. Heut am 1st. Ferientag setzte gleich unser individueller
Lebensimpuls ein. Wir waren um 6 Uhr wach, um 7 Uhr schon im Hochwald bei der
Arbeit. Hernach drehte ich noch Dienstmädchen, Plättfrau u(nd) mehrere und übte
endlich mal mit m(einer) Schwester und mit mir selbst. Leben Sie wohl, liebes
Herze, und seien Sie vielmals gedankt für Ihr warmes pulsierendes Leben, das
Sie der Sache widmen und damit der Welt dienen; nicht nur, wie so viele, sich
allein. Von m(einer) Freundin, Schwester, Frl. Schulze, Frl. Roloff viele
Grüße. Ihnen viel Liebe von Ihrer
C. S(chlaffhorst)
Clara Schlafhorst an Irma Ziegler
Forschungsstelle
Schlaffhorst-Andersen: Fotokopie in Briefsammlung (E 5), I. Ziegler Nr.4
Rotenburg d. 8.6.20
Liebes Fräulein Ziegler!
Eben las ich Ihren dicken
Brief, der mir von Ihrem ernsten Ringen Kunde bringt. Und da ich ahne, warum
Sie so viel verloren und es so schwer wieder finden, muß ich Ihnen antworten,
obgleich auch, da es Mittagspause ist, meine Natur nach Ruhe verlangt. Wir
haben in letzter Zeit neben dem Ringen und Kämpfen um’s Innere, Wahre, Große,
Liebe unendlich viel vor gehabt, und ich besonders bin spät eingeschlafen.
Gestern war Herr Gerber, Sonntag mein Singen, das bejubelt wurde, weil es so
tief erschütternd gewirkt haben soll, dabei fremde Gäste, jeden Tag andere,
dann politische Wahlen, in Hersfeld bei Helferich mit allen Schülern, beim
Zahnarzt in Cassel gewesen, u.s.w. Eine große, ärztliche Autorität war einen
Tag hier, die sich später damit beschäftigen will, u(nd) unsere Sache
persönlich am eigenen Leibe kennen lernen muß. Ferner ist ein bedeutender
Pädagoge hier, Herr Harleß v(on) d(er) Odenwaldschule; er gründet eine Siedlung
und will unsere Arbeit als Grundstock für eine neue Erziehung der Jugend
einführen. Kurz u(nd) gut, wir stehen im Zeichen des Seins betr. unserer Sache
nach im Zeichen des Werdens nach außen, im Zeichen des Vergehens, aber des
absoluten betr. unserer Subjektivität. Also hören Sie und staunen Sie, mein
unendliches Leiden und Ringen der letzten Wochen hat sich dahin aufgelöst, daß
mir eine Erkenntnis wurde, die mir endlich das Rätsel löst, mein niederes „Ich“
mit dem höheren „Ich“ zu verbinden. Erzählte ich Ihnen mündlich einmal, wie es
kam. Ich knüpfe an Ihre Beschreibung Ihres Stimmungszustandes an, wenn Sie das
g der ersten od(er) 2ten Septime mühelos schwingend haben, so erinnern Sie sich
an die Zeichnung aus dem Buche „Akustiklehre nach Helmholz“. Es steht dort die
schwingende Saite angegeben, wie folgt:
diese Saite giebt dann einen
Ton u(nd) zwar den tiefsten u(nd) geht die Bewegung schneller von statten, dann
erscheint ein Ruhe- od(er) Knotenpunkt:
Bei noch schnellerer
Bewegung, zwei u(nd) mehrere. Jeder Knotenpunkt bildet einen Oberton. c ‑ c ‑ g
‑ c ‑ e‑ g ‑ b ‑ c. Wenn wir nun die Septime singen, müssen wir denken, wir
beginnen sie nicht mit dem Grundton, der wäre ja c beim Dominantaccord g
a g c d e f. Also beginnen wir die Septime) von d(er) Quinte g oder resp(ective)
Quarte f. Dann folgt a od(er) e als Tag resp(ective) Sexte, dann b ‑d Sekunde
oder Sept(ime) und der Grundton c liegt in der Mitte. Die Schwingungskurve muß
also erst schnell, dann langsamer werden, dann wieder schneller, zum Schluß zur
Quinte langsam. Ähnlich geht es bei der Tonleiter, wenn man sie nicht als eine
Minutenfolge singt, sondern die Intervalle vom Grundton aus rechnet: Minute ‑
Terz ‑ Quarte ‑ Quinte ‑ Sexte ‑ Sept(ime) ‑ Okt(ave). Zuerst die Minute
schnell 7ter Oberton, Terz ‑ 5ter, Quarte‑Quinte 3ter u(nd) 7ter ‑ Okt(ave)
1ter Oberton. Auf diese Weise bleibt man, wie man’s im Ideal erstrebt hat, all
den angemessen Seiten bei den Sti(m)mbändern u(nd) singt schön. Ich habe
Sonntag so gesungen, wie ich es dereinst vor 19 Jahren getan habe. Damals sagte
man scheußlich, Sonntag war alles beglückt, erschüttert, ergriffen bis in’s
tiefste Mark hinein. Auch ich freue mich mit Ihnen, wenn Sie weiter kommen
werden! Vielleicht habe ich Ihnen aber etwas geholfen. Reihenfolge heißt:
Können, Sollen, Wollen, Müssen, Beten, Lieben, leiden, ringen, schwingen, klingen, fliegen, siegen!
Leben Sie wohl. Hoffentlich
geht es eben besser ‑ ich sorge mich u(nd) kann nichts für Sie tun, als beten
Ihre
C. Schlaffhorst
Ende An I. Ziegler (1919 - 1950)
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