Chor der
Rotenburger Schülerinnen ‑ Frauenchor Schlaffhorst-Andersen
1926 bis 1939
Von Rüdiger Kröger
1999
Clara
Schlaffhorst (1863-1945) und Hedwig Andersen (1866-1957) haben sich in ihren
gedruckten Schriften nicht selbst über ihren Frauenchor geäußert. Es ist
deshalb der Umweg über ihre allgemeinen theoretischen Äußerungen über den
Gesang, Berichte und Kritiken von näher und ferner stehenden Personen sowie die
Veranstaltungsprogramme und einen Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit
notwendig, um ein Bild vom Schülerinnenchor und seiner Bedeutung in den 20er
und 30er Jahren zu entwerfen.
Nach etwa
25jähriger Arbeit an der Erforschung von Atmung und Stimme traten Schlaffhorst
und Andersen im Herbst 1922 an die Öffentlichkeit.
Bis dahin beschränkten sie sich auf gelegentliche, meist von H. Andersen
verfaßte Zeitschriftenartikel, in denen sie ihre Erkenntnisse vorstellten und
die Konsequenzen daraus für die Erziehungsarbeit im Kindesalter einforderten.
Von der wissenschaftlichen Welt wurden die Aufsätze bis 1922 wohl kaum zur
Kenntnis genommen. Eine
größere Verbreitung ist allerdings für die Kofler-Übersetzung (The Art of Breathing ‑ Die Kunst des Atmens)
aus dem Jahr 1897 zu erweisen, die 1924 bereits in der 18. Auflage erschienen
war.
Im Oktober
1922 begann der öffentliche Dialog mit inhaltlich verwandten Interessengruppen
mit einem Vortrag C. Schlaffhorsts auf der Tagung
für Körperschulung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht, wo
die bekanntesten deutschen Körperbildungsstätten (Gymnastikschulen) einen neuen
Weg der Körpererziehung vorstellten
und Vorträge über die theoretischen Grundlagen gehalten wurden.
„Künstlerische Persönlichkeiten hatten in der Zwischenzeit gymnastische
Schulen gegründet und entwickelt, die, wenn auch verschiedene Wege gehend, doch
im Grunde das mit den Bestrebungen der Kunsterziehung gemein hatten, daß sie
starr gewordene Formen lockern und eine neue, naturgemäße Formung des Körpers
anbahnen wollten.“ (Pallat 1926, 66)
Hilker,
Franz: Vom Sinn unserer Arbeit. In: Gymnastik, 1. Jg., 1926, 1-2
[1] „Die Gymnastik ist
demgegenüber [i.e. das Turnen; R.K.] die Pflegkunst des Leibes und Lebens, ohne
Hinblick zunächst auf irgendwelchen besonderen Gebrauch, sondern lediglich
bedacht auf die Wiederherstellung der verloren gegangenen oder auf die
Erhaltung und Entwicklung der noch unverbildeten leibseelischen Formkräfte des
Menschen. Man darf also gemeinverständlich sagen: die Gymnastik unterscheidet
sich von Turnen und Sport: äußerlich gesehen, durch den Verzicht auf
Übungsgerät und Wettkampf; im Wesen betrachtet, durch die Hinwendung von der
äußeren Leistung zur inneren Funktion, wie sie im konstruktiven Aufbau des
Leibes und in der lebendigen Wirksamkeit vitaler Kräfte zum Ausdruck kommt.
Gymnastik gibt die Grundlage für Leistung jeder Art, heiße sie
körperliche oder geistige Arbeit, Turnen, Sport oder Spiel, kämpferische oder
künstlerische Tat. Gymnastik ist bewußte Arbeit an der Reaktivierung des
Unbewußten, um in unserer Zeit fortgeschrittener geistiger und technischer
Entwicklung das Gleichgewicht zwischen triebhafter Natur und willenshafter
Kultur, das zugunsten einseitiger Intellekt- und Willensbetonung verloren
gegangen war, wiederaufzubauen. Gymnastik ist die Körperschule der Gesunden,
Schwachen und Kranken, der Männer und Frauen, der Kinder, Erwachsenen und
Alternden, der Hand- und Kopfarbeiter.“
„Wiederherstellung der Natur im Sinne einer bewußten Reaktivierung
ursprünglich unbewußt wirksamer Lebenskräfte durch Abbau der von Verstand und
Willen gesetzten hemmenden Einflüsse, Anpassung der Leistung an das
individuelle Leistungsvermögen und Formung eines neuen Menschen vom
Körperlichen aus, das ist die Kulturaufgabe der Körpererziehung, wie sie von
der Gymnastik gesehen wird.“ (Hilker, Franz: Die Kulturaufgabe der Gymnastik.
In: Gymnastik, 1. Jg., 1926, 69-74, hier: 71)
Weitere
Vorträge schlossen sich an. Im Frühjahr 1926 trat bei einer erneuten
Veranstaltung des Zentralinstituts neben die Vortragstätigkeit eine bescheidene
praktische Demonstration der Arbeitsweise hinzu, wie sie in dem der Schule
angeschlossenen Kinderheim von Schlaffhorsts Schwester Marie Selbmann
(1881-1958) verwirklicht wurde.
Mit zwei
eigenen Arbeitstagungen in den Jahren 1926 und 1928 in Rotenburg/Fulda und
Celle wurden dann gezielt die bereits mit der Schule in Berührung gekommenen
Personen direkt angesprochen. Die Besucher wurden über die theoretischen
Aspekte informiert, mit ihnen wurde praktisch gearbeitet und ihnen wurden die
Ergebnisse der Arbeitsweise durch Vorführungen sichtbar gemacht. In Vorträgen
referierten Freunde der Rotenburger Schule aus der Wissenschaft über die
Verbindung der Rotenburger Arbeit mit benachbarten Arbeitsgebieten (Sprache,
Kunst, Medizin, Theologie, Rhythmik, Sport). [vgl. A.
Franz (Hg.) 1928; Arbeitsplan 1928] Eine kritische Auseinandersetzung
mit der Fachwelt wurde nun angestrebt, da jetzt die Schülerinnen so weit in
ihrer Entwicklung gediehen waren, daß die Ergebnisse überprüft werden konnten.
Die Veröffentlichung des Tagungsbandes von 1926 und der Aufsatz und
Vortragssammlung Atmung und Stimme ‑
beide 1928 erschienen ‑ dienten als Ersatz für eine Gesamtdarstellung der
Arbeitsweise, die zwar vielfach gefordert, aber von Schlaffhorst und Andersen
noch abgelehnt wurde, machten nun die Schule auch in Kreisen bekannt, die
bisher nichts von der Tätigkeit Schlaffhorsts und Andersens wahrgenommen
hatten. Durch Tagungen, Vorträge, Chorkonzerte u.s.w. sollten weitere Kreise
mit der Rotenburger Arbeit bekanntgemacht werden, was die 1926 ins Leben
gerufene Gesellschaft der Freunde der Rotenburger
Schule (Schlaffhorst-Andersen) durch ihr Engagement unterstützen wollte. [Rundschreiben der Gesellschaft, 20. Januar 1928]
Die sorgfältig vorbereiteten Gesangsvorträge stellten einen sehr wichtigen
Bestandteil bei den Rotenburger Arbeitswochen dar, indem sie als Demonstration
dienten, wie weit
und bis zu welchem Grade es uns gelungen ist, die Einheit zwischen den
scheinbar so getrennten Gebieten: Natur und Kunst, herzustellen, wie
Schlaffhorst in ihrer zweiten Begrüßungsrede ausführte.
[August 1928, 10]
Bevor jedoch
im Einzelnen darauf zu kommen ist, muß etwas weiter ausgeholt und die Bedeutung,
die dem Singen in der Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen zukommt, dargestellt
werden.
Angeregt durch
die Jugendbewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts erfreute sich der Gesang
stetig zunehmender Beliebtheit, der die Behandlung des Schulmusikunterrichts in
keiner Weise entsprach. Hier wirkte sich der Mangel an qualifizierten Lehrern
und durch alle Klassen kontinuierlich erteiltem Unterricht ebenso negativ aus
wie die Beschränkung auf maximal zwei Unterrichtsstunden. Ernstzunehmende
Schulgesangreformvorschläge wurden von verschiedener Seite vorgebracht, die vor
allem rein technische und bildungsmäßige Bereiche betrafen. Entscheidende
Fortschritte wurden erst in den 20er Jahren mit den Reformen von Leo Kestenberg
(1882-1962) erzielt. [vgl. G. Batel 1988]
Vor diesem
Hintergrund kritisierte H. Andersen den zeitgenössischen Schulmusikunterricht
grundsätzlich. Aus der Gewißheit, daß die Beherrschung des Atems, wie der Gesang
sie verlange, dem Menschen ein positives Mittel zur Erziehung und Beherrschung
der Natur in die Hand gebe, weist sie dem Gesangsunterricht eine ganz andere
Aufgabe zu: Denn
wichtiger als alles andere ist doch, daß der Gesang das physisch-seelische Leben
der Kinder nicht unterdrückt, ... sondern erhält und fördert, daß die Seele des
Organismus, der Atem im Kinde beim Singen lebendig bleibt. Die
wesenhafte Bedeutung des Gesangs sieht sie in der Betätigung und Auslösung der überschüssigen
und überströmenden seelischen Kräfte und Empfindungen. Mit dem Streben nach geistiger und körperlicher
Entwicklung müsse auch ein seelisches Erleben, ein seelischer Inhalt
verbunden werden. Hierzu eigne sich vor allem der Gesang, der mehr als jede andere Kunst im Organismus
wurzelt und eine gleichmäßige Betätigung und Schulung von Körper, Geist und
Seele verlangt. [1915, 50-51]
Die
kunstmäßige, d.h. im Sinne Schlaffhorst-Andersen die den Naturgesetzen folgende
Ausübung des Gesangs ist durch die Mitwirkung der Atmung, der Sprache und der
Musik in erster Linie dazu berufen, Gleichgewicht und Harmonie zwischen den
drei Komponenten des menschlichen Wesens herzustellen
[Jan. 1920, 127]: Bei keiner anderen Lebensäußerung findet ein so harmonisches
Ineinandergreifen von Seele (Atem), Geist (Sprache) und Körper (Blut) statt wie
beim Gesang. [Feb. 1922, 828]
Als
Richtschnur für zukünftige Schulreformpläne stellten Schlaffhorst und Andersen
den Gesichtspunkt auf, daß durch den Gesang, die Kunst, erst einmal eine wahre
Natürlichkeit hergestellt und damit die Kluft, die bei uns
[Deutschen]
zwischen Geist und Körper, zwischen Ich und Natur klafft, überbrückt wird.
Nicht als ob aus jedem Kinde ein Künstler für die Öffentlichkeit gemacht werden
soll, Künstler können überhaupt nicht gemacht werden, sondern die Kunst, die
die Natur in uns, aber auch ausnahmslos in jeden von uns hineingelegt hat,
herausholen und durch sie zum Leben kommen.
[Okt 1922, 28]
Als Ursache
für die Entstehung dieser Kluft wird die Entfremdung vom natürlichen Lebensrhythmus
erkannt, der als bei der Geburt mit dem ersten Atemzug, der bildlich in Beziehung
zur Einhauchung des Odems durch Gott in Beziehung gesetzt wird, und dem anschließenden
Schrei einsetzt [z.B. 1909, 18; 1915, 37; vgl. Gen 2.7]. Mit zunehmender Vernunft
hört das Kind auf zu schreien, ohne das in der Regel eine entsprechende, für
die Atmung und damit für die Gesunderhaltung des Gesamtorganismus notwendige
Ersatzfunktion ausgebildet wird. Mit dem Zeitpunkt, wo das Kind aufhört, sein Denken, Fühlen
und Wollen unwillkürlich durch Geschrei auszudrücken, hört dieser von Natur
gegebene Widerstand auf und die inneren Atemmuskeln erschlaffen. [Aug. 1924, 94] Die später beginnende Tätigkeit des Sprechens ersetzt den
Schrei in seiner Wirkung auf die Atmungsmuskulatur nicht im Entferntesten. Nun müßte eine
Schulung einsetzen, die darauf gerichtet ist, eine willkürliche Abspannung zu erhalten
oder zu erziehen, damit der Natur ihr richtiges Verhältnis von Lust, Unlust und
Behagen erhalten bleibt. [Jan 1920, 130] Einen gleichwertigen,
ja noch höher zu bewertenden Ersatz
[für den ausbleibenden Schrei; RK] kann nur der Gesangton bilden, und zwar auch nur der Gesang, der bei den verschiedenen
Tonhöhen die rhythmische Bewegung der Stimme berücksichtigt. Und eben der
Gesangton ist die beste Atemübung, der ideale Widerstand. [Aug. 1924, 94]
Die
Bewußtwerdung der innerlich wirkenden physiologischen Kräfte, mit Schlaffhorsts
Worten gesagt: der
innere Muskelsinn, wird
durch Gesang nicht allein angeregt, sondern erziehbar, was nach mannigfachen
Beobachtungen Schlaffhorsts und Andersens bei einem dem natürlichen
Lebensrhythmus (Anspannung, Abspannung, Ruhe) entsprechenden Gebrauch zur Entwicklung seelischer Kräfte führt. [Dez. 1923, 35]
Gelingt es die
seelischen Kräfte zu entwickeln, so wird eine wechselseitige Verbindung
zwischen Kunst und Natur hergestellt. Der Regelfall stellte sich Schlaffhorst
und Andersen jedoch ganz anders dar: Weder die Sprache noch das Sprechen wird in unseren Schulen gepflegt,
und von einer physiologisch richtigen Tonbildung oder gar natürlichen Tonerzeugung ist doch selbst beim
Gesangunterricht keine Rede. [April 1926,
108] Der Gesang der Jugend war nach Schlaffhorst noch ein Sprechen auf Tonhöhen [...], statt einer tönenden
Sprache mit Stimmeinheit. Was wir zu hören bekommen, ist weder Natur noch
Kultur. [März 1937, 5] Die Ursache
lag für sie auf der Hand: Die einseitige Erforschung der Ernährungsverhältnisse wie sie
heute üblich ist, ohne Beachtung und Lehre des gesetzmäßigen Vorganges der
Luftnahrung und ihrer kunstgemäßen Verwendung für die Muttersprache und den
deutschen Volksgesang vermittels der Stimme als Urphänomen, bleibt zu sehr im
Einzelnen stecken und erfaßt nicht genug die Einheit von Körper, Seele und
Geist. Das, was dem Körper als Richtschnur für sein äußeres Wachstum gegeben
wird, fördert im besten Fall sein Wohlsein. Aber damit ist eine Entfaltung
seines Innenlebens und seine Entwicklung zu geistiger Größe, mit einem Wort zum
höheren Menschtum, [...] noch nicht angebahnt. Es bedürfe der Schulung der inneren
und äußeren Kraft, um harmonische Persönlichkeiten aus seiner Mitte
hervorzubringen, die [...] Impulse geben, die
großen Kunstwerke unserer Dichter, Denker und Musiker aus dem Herzen heraus
lebendig werden zu lassen. [April 1936, 7]
Schlaffhorst sah als wichtigste Kulturaufgabe [an], den Wert des Menschen durch die Kunst zu
heben durch Volks- und Chorgesang, durch Pflege des Laienspiels und damit der
Sprech- und Bewegungskunst. [März 1937, 4]
In der
Unterrichtspraxis in Hustedt war die Frage: „Warum singen wir?“ eine der ersten
Fragestellungen überhaupt. Lili Usener beantwortete sie 1931 zusammenfassend
auf den ersten Seiten ihrer Unterrichtsaufzeichnungen
[Kopie im Archiv] folgendermaßen:
Weil die Stimme dem Menschen sein Leben geben soll. Die Stimme ist eine
natürliche Hemmung für die Ausatmung, was bewirkt, daß die Lunge nicht
erschlafft bei der Ausatmung, und die Einatmung eine unwillkürlich vertiefte
wird.
Wir müssen dafür sorgen, daß wir (das) Leben zunächst in die Stimme
bringen. Leben heißt den Rhythmus von Spannung, Abspannung, Lockerheit haben.
Dies Leben in der Stimme können wir auf verschiedenen Wegen erreichen, die Hauptsache
(Voraussetzung) ist natürlich, daß die Stimmbänder durchblutet sind:
1.) durch die Septime,
2.) durch crescendo und decrescendo auf einem Ton,
3.) durch das nach vorn und hinten Schwingen der Stimme auf
einem Ton.
Die
Lebendigkeit in der Stimme ist nur das äußere Kennzeichen für die
Harmonisierung von Geist, Körper und Seele oder ‑ anders gesagt ‑ der Verbindung
von Natur und Kunst.
Das Auftreten des Chores in der Öffentlichkeit
Das Chorwesen
boomte in den Zwanziger Jahren gewaltig. Allerorten wurden freie Singkreise
gegründet. Nicht immer waren die Chorleiter in der Lage, Stimmbildung mit den
Sängern zu betreiben. Es waren dann vor allen anderen Walter Hensel, Fritz Jöde
und Fritz Reusch, die durch die Organisation der Singkreise und
Musikantengilden, die Abhaltung von Sing- und Schulungswochen und die
Herausgabe von Chorliteratur zur Hebung ihres künstlerischen Wertes beitrugen.
Marie Selbmann pflegte die Beziehung seit Anfang 1928 durch die dozierende
Teilnahme an den Schulungswochen der Musikantengilde. Das erste Zusammentreffen
der Jugendmusikbewegung mit der Rotenburger Schule faßte ein Berichterstatter
folgendermaßen zusammen: Wir alle wollten
uns auf dieser Tagung begegnen mit der Vertreterin einer Schule, von der wir
für unsere Arbeit viel erhoffen. Frau Dr. Selbmann arbeitete an jedem Morgen
und Nachmittag mit uns und führte uns ein in die Gedanken der Rotenburger
Atemschule. An dieser Stelle kann nur das eine gesagt werden, daß wohl selten
Bewegungen so viel Freude gemacht haben, wie hier. Es ergaben sich dabei auch
wichtige Parallelen zum Chorgesang, und die Atem- und Stimmbildungsübungen
haben gezeigt, welch wichtige Rolle ein auf natürlichem Lebensrhythmus
aufbauendes Atmen für das Singen einnimmt. [Die Musikantengilde.
6. Jg., 1928, Heft 2, 47] Der Erfolg war offenbar beachtlich, denn man
verständigte sich darauf, eine besondere Schulungswoche der Rotenburger Schule
für die Musikantengilde abzuhalten, die dann im Sommer 1928 in Celle stattfand.
Doch dazu später.
Zuerst trat
der Chor ‑ Einzelvorträge gab es in Rotenburg schon früher ‑ im Verlauf der ersten
Rotenburger Woche im Jahr 1926 auf. Chorleiter war damals Gerhard Schwarz
(*1902), ein Schüler F. Jödes. Die Gesangsvorträge sollten die Ergebnisse der
Atem-, Sprech- und Gesangsausbildung in den verschiedenen Ausbildungsstadien
demonstrieren. Begonnen wurde mit den Zöglingen des Kinderheimes von Marie Selbmann.
In der anschließenden Diskussion hob C. Schlaffhorst hervor, daß das
Musikalische entgegen der üblichen Musikerziehung der richtigen Innervation zuliebe
zunächst hinten angestellt würde: der Atmungsrhythmus der Kinder ist uns wertvoller als der Takt
des Musikstücks, und dabei werden die Kinder gesund, blühend, lebensvoll und
finden frühzeitig ihr Selbst, dabei singen sie so, daß es zu Herzen geht. Darin
besteht ja ihre Not, daß sie dies alles nicht haben, ehe sie zu uns kommen, und
diese seelische Not ist noch größer als die körperliche. um aber das Seelische
herauszuhören, dazu braucht man besondere Ohren, nämlich nicht musikalisch [...], sondern
physiologisch (auf die Stimmfunktionen) eingestellte Ohren.
Man verlangt immer Vollendetes, auch schon
von den Kindern. Wir haben keine Möglichkeit das zu vollbringen, was uns als
Vollendung vorschwebt, denn die Kinder sind meist nur einige Wochen im Jahre
bei uns. Wenn wir den üblichen Schulgesang hören, ist er für unsere Ohren auch
nicht vollendet. Wir wollen hier auch nichts Vollendetes herausstellen, sondern
nur Ihnen einen Einblick in unser Forschen geben, denn wir sind noch immer am
Forschen und halten unsere Arbeit auch heute noch nicht für vollendet. [Die Rotenburger
Woche 1926, 145-146]
Vor den Einzel-
und Chorvorträgen der erwachsenen Schüler erläuterte Ilda von Wolf vorbeugend: es könnte sein, daß jemand ganz vorbeihört
oder nur das Negative, das Abweichende von dem, was er gewohnt ist, bemerkt.
Eine gewisse Umstellung ist nötig. Gewohnte Gedankengänge müssen verlassen
werden. Wir gehen beim Gesang nicht nur von dem Gegensatz von schön und häßlich
aus, sondern dafür versuchen wir erst einen Unterbau zu schaffen, nämlich den
einer gewissen Ehrlichkeit, nicht Wahrheit, denn zur Wahrheit braucht es ein
ganzes Menschenleben. Der Gegensatz von ehrlich ‑ unehrlich ist etwa derselbe
wie der von lebendig und unlebendig. Meist ist bei uns allen die Stimme nicht
mehr der Ausdruck des inneren Lebens, sondern wir haben alle mehr oder weniger
etwas anderes beim Sprechen in der Stimme. Damit versündigen wir uns. Jedes
unehrliche ‑ schon in diesem Sinne unehrliche ‑ Wort schädigt uns körperlich
und seelisch. Es ist nicht ganz leicht, ein Ohr für diese Ehrlichkeit bei uns
und bei den anderen zu bekommen, denn wir sind von der Schule her gewöhnt,
einen anderen, an sich auch berechtigten Maßstab anzulegen, nämlich den der
Klarheit und logischen Abgrenzung. So wenig wir die Logik später entbehren
können, als Lebensgrundlage ist sie eine Beengung.
[Die Rotenburger Woche 1926, 148]
Folgen wir dem
Berichterstatter: Von Schülern, die erst
ganz kurze Zeit Unterricht genossen hatten, bis zu den Vorgeschrittensten
erlebte man die verschiedenen Stadien einer Entwicklung; man kann sie nennen:
Aufbau der gesamten inneren Atmungsmuskulatur. Die Stimme ist das Mittel, diese
Muskulatur zu natürlich rhythmischer Betätigung zu bringen. Das Ziel dieser Entwicklung der
Atmungsmuskulatur ist der ideal-natürliche Zustand, der uns heute fast ganz
verloren zu sein scheint; äußerlich trat der Fortschritt in Erscheinung als immer
größer und stärker wirkende Gestaltungs- und Ausdruckskraft. Diese
Gestaltungskraft ist mit schönen Stimmen, mit dem Willen und mit künstlerischen
Mitteln allein nicht zu erreichen.
Obwohl also, wie gesagt, keineswegs nur fertig
ausgebildete oder von Natur mit besonders sieghaften Stimmen ausgerüstete
Schüler herausgestellt wurden ‑ es waren im Gegenteil zum Teil Leute, die ‑ ehe
sie nach Rotenburg kamen, nie einen Ton gesungen hatten ‑, so war doch das
Resultat der Ausbildungsarbeit überzeugend; bei einer größeren Zahl von
Schülern kann man sogar von einer vorbildlichen Ehrlichkeit und damit Schönheit
des Gesamtausdrucks sprechen. Ihr Erfolg war durchschlagend. [Die Rotenburger
Woche 1926, 151]
Im Dezember 1927 gab der Chor ein Weihnachtssingen. Die Kritik war
überschwenglich: Kaum jemand wird jemals
einen so kleinen Chor (14 Frauenstimmen) von so stark schwingenden Tönen und so
guter Sprache gehört haben. Es waren eben keinerlei abgeklemmte Stimmen,
sondern frei schwebende Töne von frei atmenden Menschen. Die gesungenen
Worte seien von unendlicher Kraft und
Schönheit, weil nichts aus ihnen gemacht wurde, sondern nur weil sie lebendig
wiedergegeben wurden. An diesem Abend waren endlich einmal Liedertexte für die
Zuhörer überflüssig. [...] Einzelne
Chöre kamen trotz sorgfältiger Ausarbeitung nicht zu ihrer vollen Geltung, weil
es ihnen teilweise noch an Modulationsfähigkeit fehlte. Dafür wurde man durch
die wahre Fröhlichkeit, Naturkraft und Innigkeit in den vollkommen gesungenen
Liedern „Still, weils Kindlein schlafen will“, „Kommet, ihr Hirten“, „Es blühen
die Maien“ und „Lieb Nachtigal, wach auf“, ganz entschädigt. In welchem Zuhörer
frohlockt nicht jetzt noch weiter das natürliche und musikalische Leben, mit
dem das Lied von der Weihnachtsnachtigall gesungen wurde. Einen besonders
tiefen Eindruck hat das Sprechen der Weihnachtsgeschichte gemacht.
Es ist schön, daß ein Chor
Rotenburger Schüler jetzt beginnt, auch die Oeffentlichkeit an der intensiven
Arbeit ihrer Schule an echtem Sprechen und Singen teilnehmen zu lassen. Etwas,
worauf man schon lange hofft, eine Erneuerung und Weiterentwicklung der Gesangskunst
im Sinne echter deutscher Sprache, war hier zu hören. Man darf zum nächsten
Jahre wieder ein solches Weihnachtssingen wünschen.
Celler Zeitung
1932, 16.12. !
Erst im Chor
werden die Erfolge der Arbeit in der bisher nicht gekannten Einheitlichkeit
sicht- und hörbar, die bei Solovorträgen nicht so herauskommen würde. Dennoch
war jede Stimme im Chor herauszuhören.
Kleine Besetzung
14-17 Stimmen, intensive Vorbereitung ca. 14 Tage und Einstellung auf
Dirigenten, höchstens zweimal im Jahr. Bis 1932 spricht Schlaffhorst zu Beginn
der Konzerte immer einige erklärende Worte.
Denn beim
Singen kommt es nicht darauf an, den Atem möglichst lange anzuhalten, sondern
darauf, ihn möglichst lange ausströmen zu lassen.
[1910, 25]
Beim Singen
aber werden den inneren Muskeln durch die für die Tonhöhen nötigen Stimmbandspannungen
noch viel mannigfaltigere Spannungsmöglichkeiten gegeben als beim Sprechen. [1915, 48]
Es wird eben
überall beim Chorgesang und auch beim Schulgesang zu wenig beachtet, daß wohl
die Schwingung, nicht aber die Spannung der Stimmbänder vom Atem abhängig ist;
ein geübtes Ohr hört ganz genau, daß sowohl höhere als auch stärkere Töne stets
mit verstärktem Atemdruck hervorgebracht werden.
[1915, 49]
Ich kann aus
meiner Erfahrung versichern, daß Erwachsene durch dieses System einen Weg zur
Selbsterziehung gefunden haben, daß sie durch Singen zu einer Befriedigung
ihrer Sehnsucht nach Lust kamen, die weder durch geschlechtlichen noch irgend
einen anderen sinnlichen Genuß zu erreichen ist, daß selbst Frauen, die in
glücklichster Ehe leben und mit Kindern gesegnet sind, beim Singen
Glücksgefühle erlebt haben, die sie noch nicht kannten.
[Jan. 1920, 130]
Überdies
wirkte der Chor durch regelmäßige Konzertreisen (besonders nach Berlin und
Leipzig) eindrucksvoll und überzeugend für die Arbeit.
[Wilhelm Menzel 1951]
Die Chorabende der Schule
Schlaffhorst-Andersen weichen von den üblichen Chorkonzerten ab und verfolgen auch andere Ziele. Selbstverständlich arbeitet die
Schule Schlaffhorst-Andersen auch daraufhin, ihre Konzerte musikalisch so
vollendet zu gestalten, wie dies irgend möglich ist, und die Erfolge des
bisherigen Konzertreisen und die Kritiken hierüber lassen auch erkennen, daß
dies dem Chor gelungen ist, und daß er unter Leitung seines temperamentvollen
Dirigenten mit einer glänzenden Beherrschung des Gesanglichen und Technischen
eine tiefe Beseeltheit und Verinnerlichung verbindet. [Kritik des Konzertes Clausthal-Zellerfeld, 10. Januar
1936]
sie will ein naturgemäßes Singen auf einer
Grundlage erzielen, die Atem und Stimmbehandlung, mit Einschluß der
Sprechkunst, gleichviel ob es sich um gutes, schlechtes oder krankes Stimmaterial
handelt, als tiefere Kräfte (theosophische Lehren?) von Seele und Geist, vom
Weltganzen und Ich faßt. Atem und Stimme werden hier im Zusammenhang mit der Seele
als metaphysisches Organ, in ihrer Verknüpfung mit Gesamtgesetzen des
Lebensrhythmus und der Persönlichkeitsentwicklung behandelt. Das Geheimnis, wie
und in welcher Form sich diese schöne, zunächst abstrakt klingenden Gedanken in
praktische Ausbildungsarbeit umsetzen, bleibt dem Zuhörer verborgen; er muß
sich an das halten, was er hier an tatsächlichen Ergebnissen vorfindet. und das
vermag ‑ da es hier nicht besondere Kunstwert der Leistungen, das ästhetisierende
Moment der Wirkung, sondern das Erziehungsresultat in Frage kommt ‑ durchaus
erfreuliche Eindruck zu hinterlassen. [ca. 1929?]
Um die
Öffentlichkeit über die von der üblichen Kunstauffassung abweichenden Zielsetzung
aufzuklären, wurde sie von Clara Schlaffhorst auf die Auftritte des Chores
vorbereitet, sei es durch eine persönliche Begrüßungansprache an die Zuhörer in
den ersten Jahren oder durch Voranzeigen in Zeitungen und die Verteilung von
Kritikauszügen. Ein Kritiker äußert sich darüber folgendermaßen:
An und für sich ist es immer eine mißliche Sache, wenn
Konzertveranstalter genötigt sind, sich durch allerhand Voranzeigen bekanntzumachen.
Achtet man auf solche Presseeinsendungen, wird man meist von ihnen im positiven
wie im negativen Sinne beeinflußt. In den wenigsten Fällen kann man dann den
Konzertgebern eine gerechte Beurteilung zukommen lassen. Der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen, der in Dessau so gut wie unbekannt ist, mußte aber seine
Bestrebungen und Ziele bekanntgeben. [...]Daß sie
in keiner Weise enttäuschten ist der schönste Gradmesser für ihre Ausbildung,
für ihr Können und ihre Leistung. [Anhalter
Anzeiger (Dessauer Neueste Nachrichten), 4. April 1935]
Trotzdem
dürfte bei manchem Zuhörer der Eindruck
unerhörtesten Wohlklangs, großen Könnens und einer unleugbaren, aber etwas
abseitigen musikalischen Kultur [Bielefelder General-Anzeiger,
15. Januar 1936] zurückgeblieben sein.
Aber nicht in dieser
äußerlichen Leistung liegt wohl der Hauptwert, sondern in dem ausdrucksvollen
Vortrag, der Zartheit und Seele vermittelte. Das war es ja gerade, was die Schule
erreichen will. Man hörte nicht nur Töne und Musik, nein man empfing aus diesen
Frauenstimmen freudiges Bekennen und Leben gewordene Seele. Das sagt viel, ‑
das sagt alles. [Kritik des Konzertes Clausthal-Zellerfeld, 10. Januar
1936]