Historisches

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

 


 

Chor-Kritiken

Chorkritiken

(Korrekturen von Heidi Noodt, Jan. 2010)


1927 12          Gießen: Weihnachtssingen

1928 08 02     Volksliederabend

1928 08 03     Konzert

1928 08 04     Kirchenkonzert [Buxtehude, Bach; le Maistre: Ein feste Burg ist unser Gott; Bach: Komm, süßer Tod; H.L. Hasler: Christ ist erstanden; Bach: Ich hatte viel Bekümmernis / Mein gläubiges Herze; Schubert: Sanctus]

192? .. ..         (Otto Volkmann, Osnabrück)

1930 05 (15)   Hamburg (Volkmann) [Pergolese, Schubert, Schumann, Haydn; Goethe, Schiller, C.F. Meyer]

1932 12 [14]   Celle [Orlando di Lasso, Bertalotti, Prätorius, Haydn, Bach, Brahms, Gumpelzhaimer, Schein, etc.]

1933 05 03     Breslau [mittelalterliche Lieder; Gesänge von Schuhmann und Brahms: Der Bleicherin Nachthemd / Der Wassermann / Märznacht; Volkslieder]

1933 05 05     Oels, Gymnasium [u.a. Brahms: Ave Maria; Schumann: Wassermann; Brahms Braut / Und gehst du über den Kirchhof; Märznacht; Baccarole; Volkslieder]

1933 05 (10)   Schweidnitz [geistliche Lieder, Lieder von Schubert, Schumann, Brahms und Volkslieder]

1933 05 (09)   Namslau [u.a. Die Bleicherin; Der Wassermann]

1933 05 (12)   [Sonntag] Glatz [Pergolese: Stabat mater dolorosa; Christ ist erstanden (12./16. Jh.); Mainz 1605: Es sungen drei Engel; Schein: Es ist das Heil uns kommen her; Schubert: großes Haleluja / Gott meine zuversicht (op. 132); Schumann: Der Bleicherin Nachtlied / Wassermann / Die Tambourschlägerin; Volkslieder: All mein’ Gedanken / Es flog ein klein' Waldvögelein / Gestern im Mondenschein / Loblied auf die Leineweber / Abendlied]

1933 05 11     Jauer [u.a.: Pergolese: Stabat mater; mittelalterliche Gesänge; Schubert: Großes Halleluja; Brahms und Schubert: weltliche Lieder; Volkslieder]

1934 04 11     Dresden, Harmonie (Ch.-P.) (Chemin-Petit als Dirigent)

1934 04 25     Kiel, Universitätskirche (Ch.-P.) [Pergolese: Stabat mater; Schütz: Ihr Heiligen lobsinget; Schein: Es ist das Heil; Bach: Das Gesetz des Geistes]

1934 10 01     Bonn

1934 10 (3)     Barmen

1934 10 (4)     Frankfurt

1934 10 (6)     Osnabrück (Ch.-P.)

1935 04 03     Dessau, Altes Theater (Ch.-P.)

1935 04 (03)   Leipzig, Landeskonservatorium (Ch.-P.)

1936 01 (10)   Clausthal-Zellerfeld

1936 01 (15)   Osnabrück (Ch.-P.)

1936 01 12     Wuppertal (Ch.-P.)

1936 01 14     Bielefeld, Eintrachtsaal (Ch.-P.)

1939 01 (17)   Leipzig, Landeskonservatorium (Hö) (Prof. Högner als Dirigent)




....., 20.12.1927

Aus der Provinzialhauptstadt
Gießen, den 20. Dezember 1927

Ein Chor Rotenburger Schüler

Ein Chor Rotenburger Schüler sang am Freitag in der Stadtkirche alte Weihnachtsweisen. Es wurde durch diesen Frauenchor der Rotenburger Schüler eine rechte Vorbereitung auf Weihnachten gebracht. Das war ein frisch-fröhliches Musizieren, an dem Sebastian Bach seine helle Freude gehabt hätte. Kaum jemand wird jemals einen so kleinen Chor (14 Frauenstimmen) von so stark schwingenden Tönen und so guter Sprache gehört haben. Es waren eben keinerlei abgeklemmte Stimmen, sondern frei schwebende Töne von frei atmenden Menschen. Dazu eine Sprache, die man nur mit dem Wort „deutsche Sprache“ bezeichnen kann. Die bange Frage in den wahrhaft aus dem Herzen gesungenen Lied „Liebster Herr Jesu, wo bleibst du so lange?“, war wirklich bange. Im Wort Strahl im letzten Teil des Liedes: „Es blühen die Maien“ war ein leuchtender Strahl. „Es steigt die Sonn’ vom Himmelssaal, und neigt sich auf einen Stall, die Engel singen all“: das waren Worte von unendlicher Kraft und Schönheit, weil nichts aus ihnen gemacht wurde, sondern nur weil sie lebendig wiedergegeben wurden. An diesem Abend waren endlich einmal Liedertexte für die Zuhörer überflüssig.

Der Sopran-Solo konnte leider trotz seiner luftigen und freien Töne oft die Tonhöhe nicht halten und wirkte etwas matt, wurde aber durch die warme, schöne Altstimme vorteilhaft gestützt. „Erfreue dich, Himmel und Erde“, war eine mächtige Leistung der Altstimme. Einzelne Chöre kamen trotz sorgfältiger Ausarbeitung nicht zu ihrer vollen Geltung, weil es ihnen teilweise noch an Modulationsfähigkeit fehlte. Dafür wurde man durch die wahre Fröhlichkeit, Naturkraft und Innigkeit in den vollkommen gesungenen Liedern „Still, weils Kindlein schlafen will“, „Kommet, ihr Hirten“, „Es blühen die Maien“ und „Lieb Nachtigall, wach auf“, ganz entschädigt. In welchem Zuhörer frohlockt nicht jetzt noch weiter das natürliche und musikalische Leben, mit dem das Lied von der Weihnachtsnachtigall gesungen wurde. Einen besonders tiefen Eindruck hat das Sprechen der Weihnachtsgeschichte gemacht.

Es ist schön, daß ein Chor Rotenburger Schüler jetzt beginnt, auch der Oeffentlichkeit an der intensiven Arbeit ihrer Schule an echtem Sprechen und Singen teilnehmen zu lassen. Etwas, worauf man schon lange hofft, eine Erneuerung und Weiterentwicklung der Gesangskunst im Sinne echter deutscher Sprache, war hier zu hören. Man darf zum nächsten Jahre wieder ein solches Weihnachtssingen wünschen.

N.



Cellesche Zeitung, 6. August 1928

Die Konzerte der Rotenburger Schule.

Wer zum ersten Male die musikalischen Leistungen der Rotenburger Schule hört, dem wird es wohl so ergehen wie mir. Herr Professor Franz sagte im Verlauf der Tagung: „Es ist nicht nur Luft was wir einatmen“. Ich muß ergänzen: „Es ist auch nicht nur Luft, was wir ausatmen. Und das, was die Schülerinnen der Rotenburger Schule durch den Ton ausatmen, ist noch ganz etwas anderes, als was wir Fernstehenden ausatmen. Ich habe schon viel Musik, viel Gesang gehört, und selbst schon viele Chöre geleitet, aber was hier an Tongebung vollbracht wurde, hat mich Tränen gekostet. Ich weiß noch nicht woran es lag, daß ich mich die Tongebung der Sängerinnen so ergriff, ich fühlte nur eine Kraft auf mich einströmen, die mir noch fremd war, die aber das war, was ich vom Gesangston erwarte und schon lange suche.

Eigentlich müßte ich über die ganzen Gesangsleistungen die letzten Worte, die im Kirchenkonzert gesungen wurden, „Und deine Hand war über mir“, setzen.

Es war wirklich so, als schwebe über allen Darbietungen eine unsichtbare Hand, eine Kraft, die wir alle fühlen und mit Worten nicht nennen können.

Den stärksten Eindruck hat auf mich der Volksliederabend gemacht. Hier wetteiferten die Chordarbietungen mit Einzelgesängen der Schüler in glücklichster Uebereinstimmung und Abwechselung. Wer die edle, ideale natürliche Tongebung einer Grete Ottmer, Elisabeth Prinzessin zu Solms-Lich, Liese Vollmer, Lotte Draudt, Wilma Kaiser und Heloise Huchzermeyer gehört und die vier Stimmen im Quartett „Nachtigallengesang“ in sich aufnehmen durfte, der kann sich wahrhaftig glücklich schätzen. Das Duett „Ich ging durch einen grasgrünen Wald“, gesungen von Wilma Kaiser und Ilse Toepfer mußte wiederholt werden.

Es war überhaupt zu bewundern, welche Frische in den Stimmen noch nach der größten Anstrengung lag. Anstrengung gibt es für die „Rotenburger“ wohl gar nicht. Ob sie singen oder springen, es ist alles gleich: Leben, beschwingter Odem ist alles!

Im zweiten Konzert am Freitag, dem 3. August, litt Frl. Ilse Toepfer, der sonst nur Gutes nachgesagt wird, wohl an einer Indisposition, die sich leider so verschlimmerte, daß ihre Gesänge im Kirchenkonzert ausfallen mußten. Das war sehr schade, denn dann wäre die in der Vortragsfolge vorgesehene Abwechselung zwischen Chor- und Einzelgesängen noch mehr zur Geltung gekommen. Sehr geschickt waren zwischen die gesanglichen Darbietungen im zweiten und dritten Konzert die Sprechchöre eingeflochten.

Fräulein Anita Grauding brachte mit ihrer Schar sehr anerkennenswerte Wirkungen zustande, die in den Doppelchören aus der „Braut von Messina“ den Höhepunkt erreichten.

Das zweite Konzert litt etwas an der unfreiwilligen Verlängerung der Vortragsfolgen am Nachmittag. Desto mehr war die Frische der Ausführenden zu bewundern, die nach vier Stunden immer noch gerne Wiederholungen geboten hätten. Ich hatte das Empfinden, als hätten sie sich erst richtig eingesungen. Trotzalledem hinterließ mir daßs zweite Konzert den schwächsten Eindruck, wenn auch die Chöre ganz ausgezeichnet klangen. Lag es in der großen Kraft des Volksliedes, das am Tage vorher mich so mächtig gefangennahm? In den Einzelgesängen kämpfte Frl. Ilse Töpfer mit ihrer Indisposition, besonders in den Gluckschen Arien aus „Orpheus“. Besser gelangen ihr die Schubertschen Gesänge „Der Tod und das Mädchen“ u. „Aufenthalt“. Frl. Wilma Kaiser sing[!] mit sichtlicher Freude drei Lieder von Mozart, während Frl. Gertrud[!] Schümann und Frl. Frida Herholz Lieder von  Robert Schumann fein vortrugen.

Einen vornehmen Ausklang der ganzen Tagung bot das Kirchenkonzert. Schon die feierliche Stimmung in der herrlichen Stadtkirche und die Orgelklänge der alten Meister Buxtehude und Joh. Sebastian Bach waren imstande, den ganzen Tagungsausklang zu einem „Dankliede“ zu gestalten. Wenn auch die polyphone Satzweise des „Schutz- und Trutzliedes“: Ein feste Burg ist unser Gott“ von le Maistre nicht so die elementare Wucht des Chorales durchdringen ließ, wie wir sie vom homophonen Satze gewohnt sind, so gelang der polyphone Satz in „Komm, süßer Tod“ von Joh. Sebastian Bach und „Christ ist erstanden“ von H.L. Hasler desto besser. Sehr gut sang Fräulein Frida Herholz, die beiden Bachschen Gesänge: „Ich hatte viel Bekümmernis“ und „Mein gläubiges Herze“. Franz Schuberts Chöre sind Perlen der Chorliteratur. Das „Sanktus“ hinterläßt, auch nur von Frauenstimmen gesungen, einen tiefen Eindruck: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr ‑ ‑„. Wir haben seine Heiligkeit und Größe empfunden in der Gnade des kostbaren Odems, den die Sängerinnen uns in Tönen übermitteln durften.

Unvergeßlich wird mir das strahlende, beglückte Angesicht von Fräulein Klara Schlaffhorst bleiben, die als leitende Kraft der ganzen Tagung das göttliche Geschenk des Odems in sich aufzunehmen wußte und lebensprühend Freude ausbreitete wie eine Heilige. Wie in Verklärung strahlten ihre Augen im Genusse der schönen Kunst-Musik und des Odems, den sie im Kreise ihrer singenden und springenden Schülerschar einsog. Ihr und ihrer unermüdlichen Mitarbeiterin Frl. Hedwig Andersen gebührt Lob und Dank für die Mühe und Arbeit, die sie geliefert haben. Aber auch der musikalische Leiter, Herr Studienrat Schmidt und die Pianistin Frl. Waege aus Berlin verdienen volles Lob für ihre ausgezeichneten künstlerischen Leistungen. Und wenn, nach eigenem Ausspruch der Veranstalter, noch nicht alles, was dargeboten wurde, als künstlerische Volleistung zu betrachten war, so können wir uns heute schon auf die nächste Tagung freuen, denn da wird wieder ein Fortschritt zu verzeichnen sein,. der eine Sache der Vollendung entgegen bringt, deren Auswirkung für unser deutsches Volk noch gar nicht abzusehen ist.

Emil Kühnel, Görlitz




(um 1930)

Konzert des Frauenchores der Rotenburger Schule. In seinem Werk „Wege und Ziele des Volksgesanges“ (Max Hesses Verlag) hat Alfred Guttmann den Satz an die Spitze gestellt, daß „das gesamte künstlerische Niveau“ der Volksmusik seit langem stetig sinkt“. Die Krisenerscheinungen, die heute in der zunehmenden Mechanisierung und Industrialisierung der Musikpflege auch den Begriff der Volksmusik (in ihren verschiedenen Auswirkungen als Haus-, Schul- und Liebhabermusik) ernstlich bedrohen, haben dazu geführt, daß ‑ wir stehen ja mitten in diesen Strömungen drin ‑ immer erneute Bestrebungen, diesem Gebiet der Musik als Fundament der Musikkultur wieder neue Triebkräfte und Stützen zuzuführen. In diese Zielrichtung gehört auch die Rotenburger Schule für Atem- Sprech- und Gesangskunst, die ihren Sitz in Hustedt bei Celle hat und die sich gestern mit einem Frauenchor in den Ergebnissen ihrer Arbeit vorstellte. mMan weiß, welche fleißige und vielfach erfolgreiche, meist im Verborgenen blühenden Arbeit heute die Schul- und Jugendmusikgemeinden in kleineren und größeren Orten Deutschlands leisten; die Rotenburger Schule aber (übrigens keine Neugründung, sondern im Gegenteil eine Schule, die auf eine alte, plötzlich „aktuell“ gewordene Ueberlieferung zurückblicken kann) schlägt wieder, wie aus den einleitenden Bemerkungen ihrer Leiterin und Gründerin, Clara Schlaffhorst, hervorging, wieder einen anderen Weg ein: sie will ein naturgemäßes Singen auf einer Grundlage erzielen, die Atem und Stimmbehandlung, mit Einschluß der Sprechkunst, gleichviel ob es sich um gutes, schlechtes oder krankes Stimmaterial handelt, als tiefere Kräfte (theosophische Lehren?) von Seele und Geist, vom Weltganzen und Ich faßt. Atem und Stimme werden hier im Zusammenhang mit der Seele als metaphysisches Organ, in ihrer Verknüpfung mit Gesamtgesetzen des Lebensrhythmus und der Persönlichkeitsentwicklung behandelt. Das Geheimnis, wie und in welcher Form sich diese schöne, zunächst abstrakt klingenden Gedanken in praktische Ausbildungsarbeit umsetzen, bleibt dem Zuhörer verborgen; er muß sich an das halten, was er hier an tatsächlichen Ergebnissen vorfindet. und das vermag ‑ da es hier nicht besondere Kunstwert der Leistungen, das ästhetisierende Moment der Wirkung, sondern das Erziehungsresultat in Frage kommt ‑ durchaus erfreulichen Eindruck zu hinterlassen. Der kleine Frauenchor der jetzt unter der künstlerischen Leitung von Musikdirektor Otto Volkmann (Osnabrück), einen feinsinnigen, zielbewußten Musiker, steht, singt relativ schwierigere Chöre von Schubert, Pergolese, Cherubini mit schöner Exaktheit und Verläßlichkeit der Ausführung, mit einer natürlichen Leichtigkeit der Tonbildung, die den Tonstrom ungezwungen und ohne jede methodische Verkünstelung in Klang und Ausdruck umleitet. Das ist ein Singen, das hinter dem Programm der Schule in keiner Weise zurückbleibt: frisch, erquickend, ein Stück Natur, echte und rechte Gemeinschaftskunst der Chormusik, an der Zuhörer und Ausführende gleiche Freude haben können. Es spricht nur für das Niveau der bereits erreichten Leistungen, daß für den Chor, der in Sprechdarbietungen von Dichtungen Goethes, Schillers und C. F. Meyers ähnlich gute Eindrücke erzielen konnte, rein kunstmäßige Wirkungen ‑ Natur kann hier zur Kunst werden! ‑ durchaus in greifbare Nähe gerückt sind. Der gute Besuch des Konzertes bewies, welch reges Interesse man heute allen diesen neuen Bestrebungen einer neuen Gesangspädagogik des Chorwesens entgegenbringt.

M. Br.-Sch.



(um 1930)

Der Frauenchor der Rotenburger Schule, die in stiller Heideeinsamkeit bei Celle segenspendende, erzieherische Arbeit leistet, trat hier an die Oeffentlichkeit, um ein Bild dieses Wirkens zu geben. Einleitend sprach Clara Schlaffhorst, Gründerin und mit Hedwig Andersen Leiterin der Schule, über die Aufgaben des Instituts. Erziehung zur Einzelpersönlichkeit bei gleichzeitigem Aufgehen im Gemeinschaftsgedanken ist das Ziel, das erstrebt wird durch Bildung von Atem, Sprache und Stimme nach bestimmten rhythmischen Gesetzen. Die Stimme soll in Einklang mit der Gemütsbewegung gebracht und so zum Lebendigen Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit werden. Den Gemeinschaftsgedanken verkörpern Singen und Sprechen im Chor. Von den hier erzielten Erfolgen zeugten die Leistungen des kleinen Frauenchores. Lebendig im Rhythmus, klar gezeichnet waren die Sprechchöre. Exakt und einheitlich erklangen die von Otto Volkmann vom Flügel aus geleiteten Chorgesänge. War auch der Chorklang im Forte noch ein wenig hart und rauh, so fand doch die im gemeinsamen Streben geleistete Arbeit bei interessierten Hörern lebhaften Widerhall.

Dr. H. L.




Altonaer Tageblatt, Montag, 15. Mai 1930

Frauenchor der Rotenburger Schule

Im kleinen Saal der Musikhalle gab der Frauenchor der Rotenburger Schule für Atem-, Sprech- und Gesangskunst unter der musikalischen Leitung von Musikdirektor Otto Volkmann (Osnabrück) zum ersten Mal in Hamburg einen Vortragsabend. Fräulein Clara Schlaffhorst, die zusammen mit Hedwig Andersen die Schule ins Leben rief, richtete zunächst einige erklärende Worte an die Zuhörer. Davon ausgehend, daß Krankheit ein musikalisches Problem sein und Heilung in musikalischer Auflösung zu suchen ist (Novalis), will die Schule, aus der inneren Not unserer Zeit erwachsen, in Sängern und Nichtsängern, Stimmbegabten und Nichtstimmbegabten das Bewußtsein über das Wesen der Natur in uns durch Kultivierung des Atems, der Sprache und der Stimme wecken. Die Lösung dieser Aufgabe erheischt in erster Linie Augenmerk auf das Physikalisch-Physiologische und nur zum weitaus kleineren Teil auf das Psychische. Ist einmal das Gesetz der Stimmbewegung erkannt, so überträgt sich diese Erkenntnis auch auf andere Organe des Körpers. Hierdurch ist uns ein Mittel gegeben, den Mangel an Intuition, Instinktsicherheit und Inspiration zu überwinden und die Persönlichkeit des Menschen, die in der artikulierten Sprache ihren stärksten, natürlichsten Ausdruck findet, zu festigen. Gerade für uns Deutsche ist es notwendig, die Stimme so biegsam zu machen, wie es anderen Nationen von Natur eigen ist. Etwa sechzehn Sängerinnen, übrigens keine Professionells, gaben mit Sing- und Sprechchören eine eindrucksvolle Probe ihres Schaffens. Zum Vortrag gelangten Chöre von Pergolese, Schubert, Schumann und Hayden und Dichtungen von Goethe, Schiller und C. F. Meyer. Die rein stimmlichen Leistungen gingen kaum über das Mittelmaß hinaus, aber was dem Ganzen ein Gepräge hoher Vollendung gab, war der ungekünstelte, straff disziplinierte Vortrag und die sStarke innere Verbundenheit der Sängerinnen untereinander. Es ist zu wünschen, daß dieser auf so gesunder Basis aufgebauten Schule weitgehendes Verständnis entgegengebracht wird und wir in Hamburg noch des öfteren Gelegenheit haben werden, uns von ihren Leistungen zu überzeugen. Die zahlreichen Zuhörer spendeten herzlichen Beifall.

r.


Cellesche Zeitung, 13. Dezember 1932

Zum Weihnachtssingen der Schule Schlaffhorst-Andersen, Hustedt

Die Schule Schlaffhorst-Andersen für Atem-, Sprech- und Gesangskunst in Hustedt bei Celle wird am Mittwoch (im Muschelsaal der Union) im Rahmen der Freien Volksbühne der Oeffentlichkeit die Ergebnisse ihrer Arbeit zeigen. Seit über dreißig Jahren arbeitet die Schule Schlaffhorst-Andersen daran, durch sprachliche und gesangliche Uebungen die Atmungstätigkeit zu beleben und dadurch den Menschen wieder auf den Weg zu bringen, der ihm von der Natur vorgeschrieben ist. Mit der Stimme und Atmung eines Menschen zu arbeiten, heißt mit seinem innersten Leben arbeiten. Diesen Uebungen liegt keine einseitige Methode zugrunde, sondern einzig und allein die physiologisch festgestellte Tätigkeit der betreffenden Organe auf der Grundlage des natürlichen Lebensrhythmus.

Es ist wohl jedem klar, daß das deutsche Volk heute an einer Wende in seinem Entwicklungsleben steht. Soll es auf dem Wege der Technisierung, des Rekordtaumels immer weiter der Mechanisierung zugetrieben werden, oder soll sein Sinn so gelenkt werden, daß es mehr seiner inneren Stimme lauschen, sich auf seine Naturkräfte besinnen, seine Bestimmung erkennen und pflegen lernt? Man muß anerkennen, daß viel gesucht und probiert wird, aber die Wege, die gegangen wurden, genügen nicht immer, der Mechanisierung und der daraus folgenden Ueberanstrengung zu steuern. Die weibliche Jugend wird von der Ueberanstrengung der Nervenkräfte in gleichem Maße getroffen wie die männliche; und dies ist für die Zukunft des Volkes noch verhängnisvoller.

Der Weg der Schule Schlaffhorst-Andersen zur Erneuerung und Ertüchtigung des Menschen ist der Weg über Atmung und Stimme. Die Stimme ist eine von den Naturkräften, die uns das Tor zur seelischen Entfaltung öffnet; sie schließt die im Menschen auseinanderstrebenden natürlichen und geistigen Kräfte zusammen. Es gibt Vollnaturen, die selbst den Weg zu ihrem Naturinnern sich bahnen und durch ihr Leben sich zu erhalten imstande sind auch ohne die Kultur der Stimme. Aber sie hinterlassen uns keine Kunde über den Weg, den sie gegangen sind. Es müßte doch aber auch ein Weg geben für alle diejenigen, die nicht so glücklich veranlagt sind, die nur bescheidene Talente haben, oder solche, die wohl bedeutende Fähigkeiten besitzen, aber nicht imstande sind, vom Geist allein aus die Harmonie herzustellen zwischen den Extremen, die in ihnen toben. Die Schule Schlaffhorst-Andersen hat die Erfahrung gemacht, daß es durch eine gesetzmäßig geregelte Stimmbewegung möglich ist, die schon durch Vererbung überkommene Zerrissenheit der Seele wieder zusammenzuknüpfen. Der Weg ist gangbar, die Arbeit läßt sich lehren, und es läßt sich auch für jeden, der Ohren hat zu hören und Augen zu sehen, das Gelehrte deutlich machen. Angst, Furcht, Kleinmut sind Zeichen einer falschen Art zu atmen; Verstimmungen deuten auf falschen Gebrauch der Stimmwerkzeuge besonders beim Sprechen hin; Menschen, die ihre Stimme nicht naturgemäß gebrauchen können, fehlt es meist an genügender Lebensbejahung.

Die Schule Schlaffhorst-Andersen ist den Weg der Stimmerziehung [gegangen] und beweist an ihren Schülern, daß die Lebenskraft, die durch die Stimme geweckt wird, jedem zugänglich ist. Eine Kritik (Cellesche Zeitung, Dez. 29) schrieb u.a.: „Der Chor verfügt über sehr gutes Stimmaterial“. Dieses gute Material ist alles erst geschaffen worden. Gelingt es dieser Schule mit ihrer Arbeit, daß Leben im Individuum wieder auf das Naturgesetz zurückzuführen und dadurch wieder zu neuer Blüte zu bringen, so kann sie mit gutem gGewissen auf gleichem Wege auch sprachliche und musikalische Kultur aufbauen. Dann wird die Musik immer mehr ein Born, aus dem die deutsche Seele sich wieder gesund trinken kann.


Cellesche Zeitung, 16. Dezember 1932

Freie Volksbühne
Konzert des Frauenchores der Schule Schlaffhorst-Andersen (Hustedt)

Um weitere Kreise mit ihren Grundsätzen und Bestrebungen bekannt zu machen, die vor einigen Tagen an dieser Stelle bereits eingehend erörtert wurden, hat die Leitung der Schule Schlaffhorst-Andersen für Atem-, Sprech- und Gesangskunst sich zu einer Vortragsreise entschlossen und als erste Station Celle gewählt, wo sie schon vor vier Jahren ein Konzert gab und damit ungeteilten Beifall fand. ‑ Die diesmalige Veranstaltung am Mittwochabend stand im Zeichen des nahen Weihnachtsfestes; das erlesene, sehr glücklich zusammengestellte Programm enthielt mancherlei Kostbarkeiten aus der Schatzkammer klassischer geistlicher Musik, in erster Linie Lieder weihnachtlichen Charakters von Orlando di Lasso, A. Bertalotti, M. Prätorius, Josef Haydn, Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Adam Gumpelzhaimer, Johann Hermann Schein sowie eine Anzahl weltlicher Lieder.

Wie hier bereits damals festgestellt wurde, bildet der aus vierzehn Damen bestehende Chor ein Ganzes von schöner Einheit und Geschlossenheit; es ist ein Klangkörper von wundervoller Ausgeglichenheit. in bester stimmlicher Verfassung und von straffer musikalischer Disziplin. Atemtechnik und Textaussprache verdienen volle Anerkennung. Neben dem stimmlichen und gesanglichen Können spielt das seelische Moment eine bedeutende Rolle, diese psychische Durchdringung des Stoffes, dies völlige Sichverlieren an das Kunstwerk, diese begeisterte Hingabe trägt nicht wenig zur Verstärkung des Eindrucks auf den Hörer bei. Es war ein hoher Genuß, diese frischen, reinen, ausgeglichenen Stimmen zu hören, und erstaunlich, welche Wirkungen der Chor mit den einfachsten Weisen erzielte. ‑ Kapellmeister Meyer von Bremen (Leipzig), der den Chor abwechselnd vom Flügel und vom Pult aus lLeitete, zeigte sich als feinfühliger, umsichtiger Dirigent und Begleiter, er darf einen nicht geringen Anteil an dem Erfolg auf sein Konto buchen. Aus dem reichhaltigen Programm seien nachstehend einige Lieder besonders hervorgehoben: Orlando di Lassos „Adoramus te Christe“, Haydns wundervolles „Danklied zu Gott“, das „Ave Maria“ von Brahms, J. S. Bachs „Liebster Herr Jesu, wo bleibst du so lange“ und „Vom Himmel hoch“, M. Prätorius’ „Ein Kind geborn zu Bethlehem“ und „Der Morgenstern ist aufgegangen“, Bertalottis „Lobsinget dem Herrn“, Scheins „Es freuet euch, ihr arm und reich“ sowie die Volkslieder: „Der Heiland ist geboren“ (oberösterreichisches Krippenlied), „Es sungen drei Engel ein’ süßen Gesang“ (Mainz 1605), das entzückende ostfränkische Weihnachtslied „Lieb Nachtigall, wach auf“, das Volkslied vom Chiemsee „Es blühen die Maien, bei kalter Winterzeit“ und das aus dem 14. Jahrhundert stammende Weihnachtslied „In dulci jubilo“, das wiederholt werden mußte.

Außerordentlich zu bedauern ist es, daß der Besuch des eindrucksvollen Praeludium zu den musikalischen Veranstaltungen der Weihnachtszeit bildenden Konzerts so beschämend gering war. Der künstlerische Erfolg dagegen ließ nichts zu wünschen übrig und der starke Beifall bewies zur Genüge, daß die Schule Schlaffhorst-Andersen auf dem rechten Weg ist.

E.E.R.


Breslauer Neueste Nachrichten, 4. Mai 1933

Den Menschen in seiner Gesamtheit durch Atem-, Sprech- und Gesangsschulung zu erziehen, ist das Arbeitsziel der Schule Schlaffhorst-Andersen zu Hustedt bei Celle. Sie sieht hierin „den Zugang zu den schöpferischen Kräften der Natur im Menschen, durch deren Verwirklichung und Formung das Eigenleben des Einzelnen für eine lebendige Gemeinschaft des Volkes fruchtbar wird“. Als Krönung der Idee ist wohl der Frauenchor der Schule anzusehen, der zurzeit Schlesien bereist und gestern im Musiksaal unserer Universität ein Konzert gab. Von welcher Hingebung das vorbereitende Studium getragen war, beweist die Tatsache, daß ein umfangreiches und anspruchsvolles Programm (ohne Solisten) auswendig dargeboten werden konnte. Wenn die klangliche Wirkung etwas hinter den gehegten Erwartungen zurückblieb, so lag das an der zu geringen Stimmenzahl der Vereinigung . Zwölf Sängerinnen können unmöglich die nötige chorische Fülle aufbringen die Ausdrucksdynamik muß sich notgedrungen in engen Grenzen bewegen. Es ist auch nicht zu vermeiden, daß die außerordentliche Beanspruchung jeder einzelnen Stimme als Anstrengung bemerkbar wird, die zum gelegentlichen Vordringen der kräftigen Organe und zum Nnachlassen der Tonhöhe führt. Von diesen Einschränkungen abgesehen, vermochten die Vorträöge durch hohe sprachliche und gesangliche Kultur wohl zu befriedigen. Die scharfgeschliffene Textbehandlung ließ jedes Wort auch ohne gedruckte Vorlage verständlich werden. Dem Musikalischen war der ungenannte Dirigent Helmut Meyer von Bremen ein ästhetisch fein empfindender Anwalt. Er gab den mittelalterlichen Liedern des ersten Teils jene klare, unverkünstelte Linienführung, die ihrem einfachen Charakter entspricht. Iin den romantischen Gesängen von Schumann und Brahms trat rechtmäßig mehr das Farbige in den Vordergrund. neben dem zart abgetönten „Der Bleicherin Nachtlied“ und der gut deklamierten Ballade „Der Wassermann“ ist die treffend realistisch gemalte „Märznacht“ zu nennen. Aus schlichtem, innigenm Gefühl sprossen die Volkslieder des Schlußteils, deren letztes „Nun wollen wir singen das Abendlied“, das Konzert in wahrhaft andächtiger Stimmung ausklingen ließ. Der große Zuhörerkreis, zumeist aus Mitgliedern der Frauenvereinigungen bestehend, folgte den Gesängen des westdeutschen Chors, der sich uneigennützig in den Dienst der Studentennothilfe gestellt hatte, mit viel Aufmerksamkeit und dankte nach den einzelnen Programmteilen sehr lebhaft.

Str.


Oelser Zeitung (Lokomotive an der Oder), Nr. 105, 6. mai 1933 [maschschr. Abschrift]

Der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen veranstaltete gestern Abend in der Aula des Gymnasiums einen Liederabend. Es war eigentlich recht beschämend für Oels, wie wenige Zuhörer sich eingefunden hatten, um schönen Liedern von angenehmen, so beruhigend ausgeglichenen Frauenstimmen zu lauschen. nicht nur Musik als solche wird von den Mitgliedern des Chores, die alle ausgebildete oder in der Ausbildung stehende Musiklehrerinnen sind, gepflegt, sondern die ganze Seele und der ganze Körper soll miterleben im Sinne Goethes. Dies drückte sich schon an der Körperhaltung und an dem Geschichtsausdruck aus. - Das gutgewählte Programm brachte im ersten Teil Gesänge und Sätze religiösen Inhalts. Den Schluß bildete das Ave Maria von Brahms. Es fand so reichen und ungeteilten Beifall, dass es am Ende des Abends von den Zuhörern als Wiederholung erbeten wurde. Dann folgten Werke von Robert Schumann, von denen besonders der „Wassermann“ ganz wundervoll in Klangschönheit und Vortrag war. Johannes Brahms kam sodann zu Ggehör. In die „Braut“, „Und gehst du über den Kirchhof“. Die stürmische „Märznacht“ erlebte man förmlich mit und süssß einschmeichelnd erklang die „Baccarole“. Alte Volkslieder brachten, leider viel zu rasch, das Ende des Programms. Der von Herzen kommende, reiche Beifall der Zuhörer dankte den Sängerinnen und dem Dirigenten für das wirklich überraschend Schöne und Edle dieses Abends.


...

Namslau, den 9 Mai 1933.

= Konzert des Frauenchors der Schule Schlaffhorst-Andersen. Am Freitag war hoher und höchster Besuch in Namslau, eine auserlesene Schar gab uns ein Konzert. Es war der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen. Die Vereinigung nennt sich „Gesellschaft der Freunde für Atem-, Sprech- und Gesangskunst“ und stellt sich ein hohes Ziel, nämlich den Menschen in seiner Gesamtheit durch Atmung und Stimme zu erziehen. umU ihre Darbietungen richtig werten zu können, müßte man den Einzelnen oder den Chor bei der Arbeit sehen und hören. Man müßte also mehrere Wochen an Ort und Stelle die Arbeiten beobachten oder noch besser mitmachen, denn das ist ja wohl nach ihrer eigenen Meinung das Wesentliche, das Arbeiten an sich selbst, das Niefertigwerden. Sie wollen nichts Vollkommenes bieten. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“. Das ist wohl ihr Leitspruch. nach all dem bisher Gesagten dürften sie also wohl nicht an die Oeffentlichkeit gehen, denn die kann nur bewerten, was sie im Augenblick hört, sieht und führt. Da gibt es leicht Fehlurteile. Schade, daß wir die eigentliche Leiterin des Chores oder der Schule, Klara Schlaffhorst, nicht an der Spitze des Chores sahen, aber sie ist bereits 70 Jahre und kann daher die Anstrengungen einer solchen Konzertreise nicht mehr auf sich nehmen. Der Kenner merkte deutlich, daß Chor und Dirigent noch nicht ganz gleichgeschaltet waren, daßs ist kein Vorwurf. Die Chöre waren von Klara Schlaffhorst vorbereitet und werden nach einer kurzen Verständigungsprobe von Meyer von Bremen dirigiert. Der Dirigent war nach meinem Empfinden en Leiter wie jeder andere, er kommt sicher vom Orchester. Nun besteht aber zwischen der Führung eines Orchesters und der eines Chores ein großer Unterschied. Zum Wesen der Schule Schlaffhorst gehört aber wohl nicht ein straffes Dirigieren, sondern mehr ein Geleiten, ein ruhiges, sich nicht aufdrängendes Führen, übertrieben gesagt, ein gewisses Gewährenlassen. So ähnlich hätte ich mir den Abend gedacht, bei dem Leiter und Chor vollkommen eingearbeitet wären. Der Abend bot eine ideal zusammengestellte Vortragsfolge. Bei den vier ersten Werken war der Chor noch nicht eingesungen. Der Sopran vor allem störte durch häufiges Zutiefsingen, auch war er öfter in der Höhe etwas schrill. Im übrigen sang der Chor ganz wunderbar, mit großem Ausdruck und innerstem Empfingen. Ein besonders Lob den herrlichen Altstimmen. Sämtliche Werke werden auswendig vorgetragen. Am schönsten klangen wohl „Die Bleicherin“ und „Der Wassermann“. Daß alle Chöre deutlich gesungen wurden und daß fast jedes Wort zu verstehen war, ist wohl bei diesem Chor als selbstverständlich zu bezeichnen, der er ja seine ganze Arbeit in erster Linie auf der Sprache aufbaut. - Am Sonnabend Nachmittag unternahm der Frauenchor eine Fahrt nach Glausche, um sich zu überzeugen, wie widersinnig und verständnislos die Grenze zwischen Deutschland und Polen gewogen worden ist. Möchten doch alle Teilnehmer die Eindrücke von dort weitertragen in Kreise, die unserer Grenzlandnot noch teilnahmslos gegenüberstehen!



Namslauer Stadtblatt, 10.[?] Mai 1933

Konzert Schlaffhorst-Andersen

Zu dem Konzert des Frauenchors der Schule Schlaffhorst-Andersen am 10. mMai schreibt der hier durch seine Konzerte bekannte Pianist Wilhelm Kempff folgendes:

Die Schule Schlaffhorst-Andersen, den meisten nur ein Begriff, den Eingeweihten ein Erlebnis, eine Hoffnung für den deutschen Kunst- und Volksgesang und für die Gesundung unseres Volkes überhaupt, hat in ihrem Chor ein kostbares Instrument. Denn dieser Chor ist ein tönender Körper, die Vielheit der Stimmen ist hier ein Klang geworden, dessen Schönheit und Größe die meisten „berühmteren“ Chöre in den Schatten stellt. Und was das Besondere dieses Klanges ausmacht, ist nicht nur die Schönheit des Tons, sondern die Beseeltheit, die diese Klänge zu einer Sprache macht, die unmittelbar auf jeden empfänglichen und aufgeschlossenen Menschen wirkt, weil sie die Sprache der Nnatur selber ist.

W.K.



Tägliche Rundschau, Schweidnitz, 10. Mai 1933

Chorkonzert in Schweidnitz.

Der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen.

Die unter Leitung der Gründerinnen, Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, stehende Schule in Hustedt bei Celle bezweckt, durch sprachliche und gesangliche Übungen die Atmungstätigkeit des Menschen zu beleben und die dafür in Betracht kommenden Organe und Muskeln zu kräftigen. Diesen Übungen liegt keine einseitige Methode zugrunde, sondern einzig und allein die physiologisch festgestellte Tätigkeit der betreffenden Organe auf der Grundlage des natürlichen Lebensrhythmus. Der Aufgabenkreis dieser Schule, deren Frauenchor gestern abend im Saale der Loge z.w.E. ein Konzert gab, geht also über den Rahmen einer Gesangsschule hinaus. Das pädagogische Prinzip wird in der Erziehung des Menschen in seiner Gesamtheit durch die Arbeit an Atmung und Stimme gesehen. Soviel über die Schule. Im April hat sich der Chor in Hustedt unter Leitung des Komponisten und Pianisten Helmuth Meier von Bremen für eine schlesische Konzertreise vorbereitet, die den Chor u.a. schon nach Görlitz, Greifenberg, Bunzlau und Breslau geführt hat.

In Schweidnitz hatte sich nur ein verhältnismäßig kleiner Kreis von Zuhörern eingefunden. Das Programm brachte geistliche Lieder und Lieder von Schubert, Schumann und Brahms, sowie alte Volkslieder. Der kleine Chor der unter Leitung von Helmuth Meier von Bremen steht, zeigt eine bemerkenswerte stimmliche Schulung und vor allen Dingen eine vorbildliche Atemtechnik. Allerdings läßt sich nicht leugnen, daß eben das rein formale Prinzip mehr in den Vordergrund tritt als das künstlerische. Der Vortragsstil ist bewußt schlicht und einfach, ohne Effekthascherei aber gerade deshalb recht wirkungsvoll. Das ein wenig allzu konventionelle Programm hindert allerdings den Chor an der Entfaltung einer gewissen Beweglichkeit. Die Darbietungen des Chores wurden von der kleinen Zuhörergemeinde mit dankbarem Beifall aufgenommen.

H.



Mittelschlesische Zeitung, 11. Mai 1933

Singgemeinde. Der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen sang auf seiner Schlesienfahrt Dienstag abend bei uns in der Loge z.w.E. Es waren 14 Damen und ihr Führer, die wir kennen lernten. Wohl selten wird eine solch innige Verschmelzung eines vokalen Klangkörpers, ein solch tiefes Miterleben der einzelnen Lieddarbietungen geboten, wie es bei diesem Chor der Fall war. Jeder fühlte sich als Einzelsänger und fügte sich dennoch so selbstverständlich in das große Ganze hinein. Nur so konnten die Leistungen zu guten ausgefeilten Kunstwerken werden, und die Zuhörer ergreifen und erfreuen. Angenehm berührte das völlig auswendige Singen, eine besondere Leistung, bei den vielen kontrapunktischen Verwicklungen. und alle Gesänge waren schwer, ob sie von den ältesten Meistern, Schubert, Schumann oder Brahms waren. Zu bemängeln wäre die stellenweise starke Intonation, mehr noch aber die undeutliche Aussprache, die trotz der kurzen Entfernung (Mitte des Saales) und gespanntester Aufmerksamkeit ein Erfassen des Textes oft verhinderte. Hieran kann noch besonders viel gearbeitet werden.

P.



Der Gebirgsbote, Glatz, 12. Mai 1933

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen.

Nur selten hat man Gelegenheit, einen Frauenchor zu hören. Einen, der auf solcher Höhe steht, wie der der Schule Schlaffhorst-Andersen aus Hustedt-Celle (Hannover), habe ich in Glatz überhaupt noch nicht kennen gelernt. Sein Konzert, das am Sonntagabend im akustisch so günstigen Saale des Evang. Gemeindehauses stattfand, wurde daher zu einem musikalischen Erlebnis, dessen leider nur zu wenige teilhaftig geworden sind. Manche Umstände mögen den unverdient schwachen Besuch mitverschuldet haben, wie etwa der gewählte Termin und das Fehlen einer Vorverkaufsstelle innerhalb der Stadt; doch bleibt zu bedauern, daß man gar viele, die man als wirkliche Freunde guter Musik und gar des deutschen Liedes kennt, vermissen mußte.

Was diese 14 Frauen, die verschiedenen Bevölkerungskreisen entstammen, leisten, war schlechthin erstaunlich, Die ganze umfangreiche Vortragsfolge aus dem Gedächtnis beherrschend, erwiesen sie sich als ein einziger Gesangskörper von völliger Harmonie und Ausgeglichenheit, der über ungemein sympathisches, modulationsfähiges Stimmaterial verfügt; sei es im Sopran mit seinem strahlenden Glanz oder im Alt mit seinem weichen Wohllaut. Außerordentlich klar ist die Aussprache jeder einzelnen, groß der Reichtum an Ausdrucksmitteln. Der restlos disziplinierte Chor sang vieles ohne Dirigenten, der einen erheblichen Teil der Lieder an dem vom Pianohaus W. Olbrich & Co. freundlichst bereitgestellten Konzertflügel begleitete. Mit Delikatesse waltete Kapellmeister Hans von Bremen aus Leipzig seines Amtes, fast unsichtbar die Schar lenkend und leitend.

Werke religiösen Inhalts bildeten den Auftakt: ein schmerzlich klagendes „Stabat mater dolorosa“, das letzte Werk des mit 26 Jahren heimgegangenen Giovanni Pergolesi; in spürbarem Gegensatz dazu ein jubelnd frohlockender Gesang aus dem 12. bis 16. Jahrhundert: „Christ ist erstanden“. Von einfacher, klarer Melodieführung ist das aus dem Jahre 1605 stammende Mainzer Lied „Es sungen drei Engel“, von wahrhaft innerlichem Gehalt das weitere von Johannes H. Schein: „Es ist das Heil uns kommen her“. Die einhellige Zustimmung der aufmerksamen Hörer äußerte sich in ergriffenem Schweigen und - erfreulicher Weise - nicht in lautem Händeklatschen.

In chronologischer Reihenfolge fortschreitend, bot der Chor dann zwei Lieder von Franz Schubert: Kloppstocks begeisterten Jubelhymnus „Das große Halleluja“ und den vom Meister in seinem Todesjahre, 1828, komponierten 23. Psalm „Gott, meine Zuversicht“ (opus 132). Es läßt sich schwerlich beschreiben, welch tiefen Eindruck gerade diese beiden Werke auf alle hinterließen! - Es folgten drei Werke von Robert Schumann, zunächst das melancholisch gestimmte „Der Bleicherin Nachtlied“ (Text von Reinick), weiter das fröhlich-ernste „Wassermann“ (Text von Kerner) und schließlich ein beschwingtes Liedchen von Eichendorff: „Die Tamburinschlägerin“.

Nach kurzer Pause hörten wir eine Reihe erlesener alter Volkslieder. Von inniger Wirkung war „All mein’ Gedanken“, ein neckisches Liebeslied lernte man in „Es flog ein klein’ Waldvögelein“ kennen, beseelt im Ausdruck war wiederum „Gestern im Mondschein“. Frisch und flott erklang das „Loblied auf die Leineweber“, das eines besinnlichen Ausklangs nicht entbehrt. Ein tiefempfundenes „Abendlied“ beendete diese wahren Perlen des deutschen Volksliedes.

Am 7. Mai waren 100 Jahre verflossen, seit Johannes Brahms dem deutschen Volke geschenkt wurde. Was lag da näher, als das gerade an diesem Tage stattfindende Konzert mit einer kurzen Brahmsfeier zu beschließen? Kapellmeister von Bremen zeichnete ihn in knappen Strichen als einen wahrhaft deutschen Tondichter, als den letzten großen Klassiker, dem die ganze Welt huldigt. Sein „Ave Maria“ klang zuerst auf, fein abgewogen und innerlich nachgestaltet. Voll trauriger Gedanken ist das von der Insel Rügen stammende Lied „Die Braut“, zu dem Wilhelm Müller den Text dichtete. Uhlands wuchtiges Sturmlied „Märznacht“ wurde ebenso treffend interpretiert wie die ganz anders geartete italienische „Baccarole“. Als letzte folgten „Fragen“ aus dem Spanischen. Damit klang der wundervolle Abend aus, der allen viel gegeben hat, die ihn erleben durften! Und so wollte am Schlusse der Beifall kaum ein Ende nehmen.




Liegnitzer Tageblatt, ... Mai 1933

Konzert in Jauer

Wer gestern abend ins Gesellschaftshaus in Jauer kam, dem bot sich ein selten feiner Genuß: ein Frauenchor (ungefähr 14 Damen) gab ein reichhaltiges Konzert. Der Chor stammt aus der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt bei Celle. Diese hat es sich zur Aufgabe gestellt, „den Menschen in seiner Gesamtheit durch Atmung und Stimme zu erziehen“. Falsche Hemmungen sollen verschwinden, Sprechen und Singen natürlich und innerlich bedingt werden. Und um nun auch im Osten Deutschlands recht bekannt zu werden, unternimmt der Chor Konzertreisen auch durch Schlesien und hat in kurzer Zeit viele Städte besucht und überaus schöne Erfolge gehabt.

Und so sang der Chor, teils mit Begleitung am Flügel, die verschiedenartigsten Lieder: Werke aus dem frühen Mittelalter, bei denen vor allem der feierliche, schwere Alt vollendet zur Geltung kam, und dann Lieder von Franz Schubert, darunter besonders schön „Gott meine Zuversicht!“ Aber nicht etwa nur religiöse Lieder bot der Chor, sondern erfreute auch durch zahlreiche alte Volkslieder und Werke von Robert Schumann und Johannes Brahms. Da wurde jeder Vortrag zum Erlebnis, ob es nun ernste oder heitere Lieder waren. Es gab kein Ermüden, kein Nachlassen der inneren Verbundenheit, wie aus einem Guß fügten sich Sopran und Alt ineinander.

Und als fast 2 Stunden vergangen waren, hatte der Chor sich auch in Jauer und Umgegend zu den alten Freunden bestimmt viele neue dazu gewonnen.

f.p.


Jauersches Stadtblatt, 12. Mai 1933

Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen

Im Saale des „Gesellschaftshauses“ hatte sich am gestrigen Mittwochabend eine Zuhörergemeinde eingefunden, der der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen die Pflege deutschen Sangesgutes in einem ganz neuen Lichte zeigte. Während üblicherweise bei gesanglichen Darbietungen das Endziel ihre höchstmöglichste Steigerung zu vollendeter Form ist, stand bei diesem Chor nicht der Gesang an sich, sondern die Person der Singenden im Vordergrund. Gesang, nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zu einem Zweck, zur Veredelung seelischer auch körperlicher Funktionen ist zweifellos ein neuartiger und interessanter Weg in die Zukunft des deutschen Menschen. Daß parallel ein neuer Weg in die Zukunft des deutschen Gesanges läuft, ist nicht das Primäre, sondern das Sekundäre, jedoch das, was dem Konzertbesucher erfühlbar und deutlich wird. Denn das erstere kann ja nicht vorgeführt, sondern nur erlebt werden. Die Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden, liegen im Menschen selbst; atmen kann jeder, sprechen kann jeder, singen auch - mehr oder weniger gut. Aber darauf kommt es nicht an. Durch eine entsprechende Schulung wird selbst bei „Unmusikalischen“ Erstaunliches erreicht, denn wer am gestrigen Abend diese ausgezeichneten Chorleistungen hörte, konnte nie und nimmer glauben, daß, wie mir aufs bestimmteste versichert worden ist, sich unter den Mitgliedern Sängerinnen befanden, die vor der Schulung zu einer Intervallunterscheidung nicht in der Lage gewesen sind. Dann ist allerdings das Ergebnis dieser Schulung frappierend. Bei diesem Chor erübrigt sich vollständig ein Textnachlesen. Die Aussprache hat einen in Jauer noch nicht gehörten Grad der Vollkommenheit erreicht. Es ist nicht nur die absolute Deutlichkeit, sondern mehr die Tonmodulierung der Worte, wie sie durch den Zusammenklang von Atem-, Sprech- und Singtechnik erreicht wird, die so eindrucksvoll ist. Die seelische innere Verbundenheit der Chormitglieder untereinander, diese erstrebte Persönlichkeitsedelformung, strahlte in eine Geschlossenheit des Chores aus, die wirklich einzigartig ist. Die absolute Ausgeglichenheit der Stimmenwerte mit- und untereinander wurde am prachtvollsten in der besten Leistung des Abends, dem Brahms’schen „Ave Maria“ gezeigt. In dem machtvollen „Ora pro nobis entfaltete sich ein wuchtiger Klangkörper mit einer Kraft, wie man sie 14 Damenstimmen wirklich nicht zugetraut hätte. Die Vortragsfolge an sich war sehr umfangreich und begann mit dem wundervollen „Stabat mater“ von Pergolesi. Die mittelalterlichen Gesänge wirkten gerade in ihrer Einfachheit der Linienführung ausgezeichnet. Die stärkste Seite zeigte der Chor in den Darbietungen sacralen Charakters, so z.B. in Schuberts großem „Halleluja“. Eigenartig berührte, daß auch die weltlichen Lieder (Schumann - Brahms) zum größten Teile textlich wie tonlich elegisch abgestimmt waren. Die Volkslieder brachten heitere Klänge und wurden demzufolge applaudiert, wie überhaupt der Zuhörerkreis eine anerkennenswerte Disziplin zeigte. Es mag in der Gesamtrichtung liegen, daß der Dirigent nicht genannt wurde, seine Leistungen hätten es verdient. Er war nicht nur am Flügel ein hervorragender Begleiter, sondern ein Leiter mit Seele - und manueller Begabung. Für den Zuhörerkreis, der ruhig größer hätte sein können, war der Abend unstreitig ein Gewinn.

W.W.



Jauersches Tageblatt, ... Mai 1933

Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen

Dem gestrigen Gesangsabend des Frauenchors der Schule Schlaffhorst-Adnersen werden die Besucher mit einem starken Interesse beigewohnt haben. handelte es sich doch darum, nicht den Gesang des Gesanges wegen zu hören, sondern seine Verwendung als Mittel zum Zweck zu erfassen. Die Schule Schlaffhorst-Andersen geht davon aus, daß sich der Mensch bei dem Einsetzen der verstandesmäßigen Erziehung und Entwicklung von seinem innersten Leben entfernt und damit seinen Rhythmus und seinen natürlichen Instinkt verliert. Der Mensch, der aus seiner natürlichen Gesetzmäßigkeit heraustritt, und das sicht wohl bei uns allen der Fall, wird bald seinem innersten Naturleben entfremdet, Krankheiten und Auswüchsen ausgeliefert, die wahrscheinlich nicht eintreten würden, wenn er versucht hätte, die Verbindung mit der Natur aufrecht zu erhalten. Damit sagt die Schule niemandem etwas Neues. Jedem, der sich mit der biologischen Entwicklung der Menschen beschäftigt hat, ist offenkundig, daß mit der zunehmenden Kultur, mit der gesteigerten Technik der Abstand von den natürlichen Verbindungen zur Natur, die jeder Mensch eigentlich heute noch haben müßte, immer größer wird. Damit verliert der Mensch auch gewisse natürliche Kräfte, die er gegen die Bequemlichkeit der Zivilisation eintauscht, indem er ihr Sklave wird. Das Neue an der Schule Schlaffhorst-Andersen besteht darin, daß man nicht nur die abgebrochenen Beziehungen des Menschen zu seinem Naturinnern erkannt hat, sondern man hat auch die Wege gefunden, um dem Menschen, der im wahnsinnigen Tempo den Alltag durchhetzt, die Möglichkeit zu geben, diese Naturverbindungen wiederzufinden und zu pflegen. Zu seinem Besten! Dieser Weg führt über die Arbeit an der Stimme und Atmung. Die Stimme ist das Verbindungsmittel des Menschen zu seiner Umwelt. Stimme und Atmung aber sind innig miteinander verbunden, keines dieser Dinge ist ohne das andere denkbar. So soll sie Stimme zur Beherrschung der Lungentätigkeit erziehen und damit die Harmonie hergestellt werden zwischen dem menschlichen Denken, Fühlen und Wollen mit der Natur in uns. Durch diese stimmliche Aus- und Fortbildungsarbeit stärkt sich die Atemmuskulatur und der gesamte geistige und leibliche Organismus entwickelt sich kraftvoller und setzt in den Lebensrhythmus sodann diejenigen Spannungen, die uns befähigen, unser äußeres und inneres Leben und Empfinden ruchbar zu gestalten. Von diesen Gesichtspunkten aus sind auch die gesanglichen Darbietungen des gestrigen Abends zu bewerten, mit denen der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen die Besucher erfreute, und darum war es notwendig, auf den gestaltenden Lebenszweck der Schule etwas ausführlicher einzugehen. Wir hätten es allerdings für zweckmäßig gehalten, wenn diese Dinge, die wir hier nur streifen können, in einem kurzen Vorwort zur Sprache gekommen wären. Der Chor begann mit dem wundervollen „Stabat mater“ von Giovanni Pergolesi, dem noch einige Madrigalgesänge folgten. Im weiteren Verlauf der Vortragsfolge kamen Werke von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und am Schluß einige entzückende Volkslieder zu Wort. Auf einzelne Darbietungen besonders einzugehen, ist bei der Fülle der Vorträge nicht möglich, es ist auch nicht beabsichtigt, den Maßstab der Kunstkritik im Sinne des Wortes anzulegen, weil dies in einer gewissen Beziehung ein verfehltes Unterfangen wäre. Die Stimme, der Gesang als Erziehungsmittel, das ist das hervortretende Merkmal der Darbietungen, und lediglich von diesem Gesichtspunkt aus lassen wir uns von dem wertvollen Inhalt dieser echten deutschen Feierstunde gefangennehmen. Wie feines Silberfiligran, so leuchten die Pianostellen unendlich zart auf und wissen damit den Gegensatz der dynamischen Klangwirkung, wie im Ave Maria von Brahms, zu einem mächtig orgelnden Forte zu gestalten. Hier darf und kann man nicht mit dem Verstande, hier muß man schon mit dem Herzen und mit der Seele hinhören, um die lebendige Ausdrucksfähigkeit dieses neuen Wollens und Gestaltens in sich aufzunehmen. Der Chor wagte sich an viel Schweres heran, und trotzdem, obwohl fast ohne Unterbrechung die umfangreiche Vortragsfolge gesungen wurde, keine Ermüdung des Chores oder einzelner Stimmen, die letzten Lieder klangen genau so frisch und tiefsinnig seelisch belebt, wie das erst Lied. Bei einigen der Gesänge hätten wir gern des Eindrucks halber auf die Begleitung am Flügel verzichtet, um in den Genuß des reinen Chorgesanges zu kommen. Reicher Beifall dankte dem Chor und seinem Dirigenten Helmut Meier für den interessanten Abend. Der Chor, der jetzt in zahlreichen Städten Schlesiens gesungen hat, leistet mit seiner Tätigkeit aber auch noch wertvollste Grenzlandarbeit, und dafür soll ihm besonders gedankt werden. Wenn die Besucher wieder einmal Gelegenheit hatten, unseren beliebten Menzel Willem zu sehen und begrüßen zu können, der den Chor auf seiner Reise durch Schlesien betreut, so soll dies besonders freudig vermerkt werden.                   

A. Friese.



Kieler Zeitung, 26. April 1934

Frauenchor-Konzert

In der Universitätskirche am Klosterkirchhof sang gestern abend der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen. Atem- Sprech- und Gesangskunst wird in diesem Berliner Institut nach besonderen Methoden gepflegt. Offenbar geht diese Schulung darauf aus, bei ihren Mitgliedern neben dem rein Gesanglichen auch die absolute musikalische Klang- und Formdarstellung auszubilden. Und in dieser Beziehung waren die gestrigen Leistungen ungewöhnlich ‑ denn es gehört in der Tat ein besonderes Maß von geistig musikalischer Sicherheit dazu, eine derartig schwierige und zugleich wertvolle Vortragsfolge auswendig zu singen.

Die beiden ersten Teile brachten Gesänge aus der Zeit vor und um J. S. Bach: ein fünfteiliges Stabat mater von Pergolesi, Ihr Heiligen lobsinget von H. Schütz, Es ist das Heil von J.  Schein, dann das Gesetz des Geistes von J. S. Bach.

Für diese streng polyphone und lineare Kunst war die klare, mitunter fast instrumental anmutende Art, zu singen, und die kraftvolle, gelegentlich etwas starre Klanggestaltung durchaus entsprechend. Der zahlenmäßig nicht starke Frauenchor erreichte eine gut geschlossene Wirkung. Sie wurde allerdings beeinträchtigt durch öftere Unreinheiten der Intonierung.

Ausgezeichnet war die enge und sichere Fühlung zwischen dem Chor und dem Dirigenten, Hans Chemin-Petit, 1902 in Potsdam geboren, der sich auch als Komponist von Chor- und Orchestermusik sowie Bühnenmusiken einen geachteten Namen erworben hat. Die Sängerinnen folgten seiner eindringlichen und plastischen Zeichengebung sehr zuverlässig, so daß die Struktur der Werke und ihre dynamisch-klangliche Verlebendigung höchst eindrucksvoll herauskam.

Daß der Chor als zuverlässiges Instrument sich ganz bewußt auf einen differenzierten Klang und Ausdrucksstil einzustellen versteht, zeigte sich bei den beiden letzten Vortragswerken, dem schönen „Gott ist mein Hirt“ von Schubert und dem inbrünstigen „Ave Maria“ von Brahms. Hier wandelte sich die „Objektivität“ des Vortrages in gefühlsbetonten Ausdruck, und der Klang steigerte sich zu romantischer Fülle und Weichheit. Wahrscheinlich kamen die Sängerinnen hierdurch den Herzen der Hörer näher.

P.B.




[Marburg, 27. September 1934]

Musikwissenschaftliches Seminar

Man kommt jetzt immer mehr zu der Einsicht, daß das Radio den Musikhunger unseres Volkes doch nicht ganz zu stillen vermag. Auch das Anhören großer Vokal- und Instrumentalkonzerte, die passive Aufnahme, der Empfang des Schönen schafft lange nicht die Beglückung, wie sie in der bescheidensten Selbsttätigkeit, im untergeordneten Mitarbeiten liegt. Unsere Jugend verlangt nach selbständiger Kunstausübung. Die volkstümlichste Form derselben und zugleich die Pforte zu allem musikalischen Vorbestehen und Werden ist der Gesang. Ist doch die menschliche Stimme das „älteste und schönste Organ, dem unsere Musik ihr Dasein verdankt.“ Leider ist dieses Organ bis heute stark vernachlässigt worden. Gute musikalische Chorleistungen haben wir schon seit hundert Jahren. Wonach wir trachten, ist: Mehr Stimmschönheit, bessere Stimmkultur. Der Musiker muß lange üben, ehe er auf seinem Blas- oder Streichinstrument etwas fertig bringt. Die menschliche Stimme ist das schwerste Musikinstrument. Es ist nicht wie jedes andere Toninstrument starr und fertig da, es muß für jeden Ton, den es hergeben soll, immer erst gewissermaßen neu eingebaut werden. Es ist ein langes Studium erforderlich, bis eine solche Uebung auf dem menschlichen Stimmorgan erreicht worden ist, daß eine physiologisch richtige Einstellungstechnik zur Gewohnheit geworden ist. Ist das erreicht, dann ist das Draufspielenlernen ein leichtes. Den Mitgliedern des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen (Celle-Hustedt), den wir am Donnerstag im Musiksaal des Jubiläumsbaus hörten, ist das Technische zur zweiten Natur geworden. Darum konnten sich alle Gedanken der Sängerinnen mehr auf das Musikalische, das Inhaltliche konzentrieren. Wir hörten: Brahms, Ave Maria op. 12, vier Lieder aus dem „Jungbrunnen“ op. 44, Schumann: Soldatenbraut, Lied op. 20 Nr. 2, Tambourschlägern, Bleicherin Nachtlied, Jäger Wohlgemuth, Schubert: Totengesang der Frauen und Mädchen und Ständchen für Altsolo und Frauenchor. Einige Kompositionen wurden bis zur kongruenten Nachschöpfung durchlebt. So das Ave Maria von Brahms mit seinem weichen pastoralen Charakter im Anfang der vorübergehenden düsteren Stimmung im Mittelsatz und dem Höhepunkt „Santa Maria“, wo sich alle Stimmen im starken unisono zum Gebet vereinigen. Auch „Bleicherin Nachtlied“ von Schumann und der „Totengesang“ von Schubert hinterließen tiefe Eindrücke. Solche Werke vermitteln uns einen Hauch der Ewigkeit oft besser als dogmatische Glaubenssätze. Der Dirigent Hans Chemin-Petit, Berlin, verdient ein Kompliment für sorgfältige Ausfeilung der einzelnen Leistungen. Er weicht ab von der Schablone. Durch wiegende Bewegung des Körpers markiert er den Takt, Arme und Hände geben den Themen plastische Form. An rhythmisch schwierigen Stellen wäre ein normales Taktieren wohl besser am Platze gewesen. Die Ausgeglichenheit der Chorstimmen, die Intonationssicherheit und Reinheit des Zusammenklangs wollen wir nicht vergessen zu erwähnen. Freuen konnte man sich auch über die weiche Klanggebung namentlich der Unterstimmen, stutzte auch mal, wenn ein Sopran in der Höhe hart und eine Schwebung zu tief einsetzte. Das ganze Programm wurde von den Künstlern auswendig bewältigt. Hilde Rühl, die musterhaft begleitete, repräsentiert eine Summe ernst gerichteten Strebens. Brahms Intermezzi erfuhr innere Belebung, bei den Stücken Schuberts rückte die Künstlerin das lyrische Element in den Vordergrund. Auf Drängen der zahlreichen Zuhörer sang der Chor noch zwei wohlgelungene Zugaben, die aber nach der gehörten romantischen Musik wie ein Fremdkörper wirkten.




Westdeutscher Beobachter, 28. September 1934

Zum Konzert des Frauenchores Schlaffhorst-Andersen

Zum Konzert des Frauenchores Schlaffhorst-Andersen wird uns geschrieben: Nirgendwo besinnt man sich tiefer auf das Wesen der menschlichen Stimme, auf ihre herrlichen Eigenschaften und auf ihre unmittelbare Beziehung zum Menschen, als in der Heideeinsamkeit der Schule Schlaffhorst-Andersen. Hier wird in ernster, subtiler Forschungs- und in fleißiger Erziehungsarbeit versucht, den verkrampften, in seinen ureigensten Anlagen verschütteten Menschen wieder frei zu machen von den Zwängen der Umwelt und des eigenen Ichs, ihn wieder hinzuführen zu seiner gottgegebenen Natur. Die Stimme, als der feine Künder jeder seelischen Bewegung und Regung, wird zum Gradmesser dieses Strebens nach Befreiung von den Verschlackungen und nach Erlangung eines harmonischen Kräftespiels von Körper, Geist und Seele.

So genießt der Hustedter Chor das Vorrecht einer einheitlichen Schulung, und seine Stimmen zeugen in ihrem  seltsam glänzenden und befreiten Sichausschwingen von der Größe der Hustedter Aufgabe: den ureigensten Kräften. Den Chor von Hustedt anzuhören ist ein selten schönes und befreiendes Erlebnis.



Heidelberger Neuste Nachrichten, 1. Oktober 1934

Abendmusik in der Heiliggeistkirche. Aus technischen Gründen musizierte man in der Heiliggeistkirche, die keineswegs stimmungsmäßig, zweifellos aber akustisch überlegen ist. Das Pogramm war ebenfalls durch seine Buntheit ungewöhnlich, wenigstens für den Rahmen der Abendmusiken des Evangelischen Kirchenmusikalischen Instituts. Erstmalig hörte man einen auswärtigen Frauenchor, den Schlaffhorst-Andersen-Chor aus Celle unter Leitung des jugendlichen Komponisten Hans Chemin-Petit aus Berlin. Es handelt sich dem Anschein nach um ein noch ziemlich junges Vokalensemble, dem weiteres Studium noch erheblich größere Ausgeglichenheit des (an sich klangschönen) Stimmenmaterials bringen muß. Störend wirkt das manchmal in die Erscheinung tretende Detonieren, das sich vielleicht durch bewußtere Aufhellung des Orgelklangs in der Begleitung (Hilde Rühl, Celle) bessern ließe. Zuerst hörte man das bekannte Stabat mater von Pergolesi, das, pausenlos gesungen, sicherlich eine stärkere Wirkung hätte, dann einige prächtige Choralsätze von Gumpeltzhaimer, Schütz, der in dieser Besetzung sehr schön zu klingen vermag, und eine Choralmotette von Schein, die dem Chor zweifellos am besten lag; schließlich den „Psalm“ von Schubert, der mit der originalen Klavierbegleitung echter wirken kann, und das Ave Maria von Brahms. Dazwischen spielte Paul Keßler (Heidelberg) in durchsichtiger und gut abgewogener Registrierung Präludium und Fuge in Fis-Moll von Buxtehude und die Choral-Fantasie über „Schmücke dich, o liebe Seele“ von Bach. ‑ Ungewohntheit des Ortes dürfte wohl in erster Linie dazu beigetragen haben, daß die große Gemeinde der Abendmusiken nicht in der üblichen Zahl anwesend war. Die Abendmusiken werden jetzt wieder regelmäßig weitergeführt. Die nächste findet in 14 Tagen statt.

L.



Heidelberger Volksanzeiger, 1. Oktober 1934

Abendmusik in der Heiliggeistkirche. Die Abendmusik am Samstag hätte eine größere Zuhörerschaft verdient, denn sie hat sehr Wertvolles geboten. Den Hauptteil leistete der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen in Celle. Der schöne Klang der Frauenstimmen, der von der Empore den weiten Raum der Kirche durchflutete, bot eine wirkliche Erhebung. Sowohl in zartesten Pianissimo, wie im stärksten Forte führte er die andächtig Zuhörenden zur Höhe. Der Gesang am Samstagabend vor dem Erntedankfest war wie eine Vorbereitung dazu. In den tiefernsten Liedern eines Pergolesi und Gumpeltzhaimer deutete er hin auf die Arbeit und Sorgen des Alltags und in seinen Lobgesängen von Schütz, Schein und Schubert stimmte er den Lobgesang des Dankes an. Daß der Chor unter der festen Leitung seines Dirigenten, Chemin-Petit, Berlin, stand, zeigte sich deutlich, da der Gesang durchaus exakt und rein war. Es war ein klangvoller Gesang, dem man gerne lauschte. Auch die Begleitung der Orgel zum Gesang durch Hilde Rühl aus Celle war dem Gesang gut angepaßt und verschönte ihn durchaus. Zu den Gesängen bot das Orgelspiel von Paul Keßler, Heidelberg, einen Genuß besonderer Art. Sowohl das Präludium von Buxtehude wie die Choralphantasie von Bach war eine musikalische Leistung, die innerlich erfreute. Die Abendmusik stand unter gutem Vorzeichen, so daß die Zuhörer mit innerer Befriedigung die Veranstaltung verließen und eine Anregung fürs Erntedankfest mit fortnehmen konnten.




[Bonn, 1. Oktober 1934]

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen

Auf der Grundlage der Erkenntnis, daß der singende Mensch seiner Kunst nicht nur durch Kehlkopf und Atmungswerkzeuge verbunden sei, sondern mit der Gesamtheit von Körper und Geist ihr dienen müsse, haben in dem kleinen Hustedt bei Celle an der Aller zwei Damen, Schlaffhorst- und Andersen, ein Schulungsinstitut ins Leben gerufen, von dessen jahrzehntelanger zielbewußter und erfolgreicher Erziehungs- und Forschungsarbeit gestern im großen Saale der Lese ein aus fünfzehn Sängerinnen bestehender Frauenchor Zeugnis ablegte. Ursprünglich hat die Schaffung eines solchen Chores wohl kaum in der Absicht der beiden Künstlerinnen gelegen. Er ist vielmehr, wenn man so sagen darf, als ein Nebenprodukt der eifrigen Schulungsarbeit entstanden. Aber daß er heute unter seinem Leiter Hans Chemin-Petit zu künstlerischer Vollwertigkeit herangereift, auf die erst Beachtung weitester Musikkreise Anspruch machen darf, davon konnte nun auch Bonn sich überzeugen. Will man die Anerkennung der Leistungen dieses Chores gerecht verteilen, so wird man die Schaffung der stimmlichen Grundlagen wohl der gesamten Institutsarbeit, die künstlerische Kleinarbeit aber, die die wunderbare Klangeinheit der Stimmen, ihre Beseelung im Sinne der Kunstwerke und die straff disziplinierte Haltung in Dynamik und Rhythmik erzielte, der schöpferischen Kraft des jungen Chorleiters gutschreiben müssen. Wie da in Brahms’ „Ave Maria“, in Schumanns „Der Bleicherin Nachtlied“ und Schuberts „Gott ist mein Hirt“ der Tonstrom in edelster Klanggestaltung, scheinbar mühelos, in allen Lagen dahinfloß und der Seele Anteil in innigem Ausdruck sich offenbarte, das trug den Stempel hoher Vollendung, wie andererseits bei den auf fröhlichere Töne und schelmische Weisen gestimmten Gesängen, wie Schumanns „Soldatenbraut“, „Tambourschlägerin“, „Jäger Wohlgemut“ und Schuberts „Ständchen“, die ans virtuose streifende Beweglichkeit und Deutlichkeit und der natürlich neckische Ausdruck in hohem Grade entzückte. Und dann über allem die absolute Reinheit der Intonation, die selbst die schwierigsten Modulationen als etwas ganz Selbstversändliches erscheinen ließ. So war der überaus herzliche Beifall, der den Sängerinnen und ihrem Leiter nach jeder Darbietung zuteil ward und am Schluß noch eine Zugabe erzwang, durchaus berechtigt und verständlich. In ihn eingeschlossen war auch die Anerkennung für die treffliche Begleiterin am Flügel: Hilde Rühl, der man außerdem für die feinstimmige Wiedergabe von zweien der Brahms’schen Intermezzi (Werk 119, Nr. 1 und 2) und der beiden lieblichen AsDur-Stücke aus Schuberts Werk 94 (Nr. 2 und 6) zu danken hatte.                                                                       

Th.L.



[Bonn, 1. Oktober 1934]

Aus dem Bonner Musikleben

Konzert des Frauenchores Schlaffhorst-Andersen

Viel Liebe zur Tonkunst ließ diesen, aus 15 wohlausgebildeten Frauenstimmen bestehenden Schlaffhorst-Andersenschen Chor entstehen, seinen Weg suchen und finden. Hans Chemin-Petit heißt der Dirigent und „Spiritus rector“. Seinem Namen macht die Programmgestaltung Ehre, denn er vermeidet es, mit diesen kunstbegeisterten Damen die üblichen, breiten Heerstraßen im Reiche der Tonkunst zu begehen, sondern sucht erfolgreich unbekanntere, darum reizvollere Pfade auf, um sie dem Publikum zugängig zu machen.

Selten trifft man eine Chorvereinigung, die so geschlossene, einheitliche Wirkungen zu erzielen weiß, höchst stimmungsreich ist alles abgetönt. Man glaubt, ein Instrument zu hören, das orgelgleich vielfarbig ausgenutzt wird, von einem selbstbewußt fähigen Musiker. So wurden Kompositionen von Brahms, Schumann und Schubert zu schönem Kunstgenuß durch das klangprächtige Stimmaterial und die sehr weitgehende Schulung desselben. Vor allem gelingt eine selten in diesem Maße erreichte geschmeidige Weichheit der Cantilene. Die Vokale sind in den Vordergrund gerückt als klingendes Element der Sprache, hieraus entsteht jedoch ein kleiner, leicht zu beseitigender Schönheitsfehler. Sind die Konsonanten auch zumeist retardierend, so müssen sie doch als wichtigster charakterisierender Bestandteil schärfer hervortreten, wo die Kompositionen weniger klangschwelgerisch, lyrisch Empfindungen nachgehen, sondern wie bei Schumanns „Soldatenbraut“, Schuberts „Ständchen“ mehr rezitativisch wirken wollen. Gesellt sich also in diesen Fällen eine etwas schärfere Aussprache zu der goldklaren Intonation und der mühe- und schlackenlosen Tonentfaltung, so sind die Leistungen in ihrer Art vollendet zu nennen.

Hilde Rühl begleitete mit ganz hervorragender Anpassungsfähigkeit und bot mit Brahms „Intermezzi“ Op. 119 und Schuberts „Moment Musicaux“ Op. 94 als Solistin am Flügel erfreuliche Talentproben. Das Publikum ging begeistert mit.

K.W.G.



[Barmen, 2.Oktober 1934]

Konzert des Frauenchores Schlaffhorst-Andersen

Die Schule für Atem-, Sprech- und Gesangskunst Hustedt ‑ Celle, gab in der Aula des Oberlyzeums Barmen, Bleicherstraße, ein Konzert. Der etwa 15 Personen zählende Frauenchor stand unter Leitung von Hans Chemin-Petit, Berlin. Die Veranstaltung, ein Romantischer Abend, verzeichnete Werke von Brahms, Schumann und Schubert.

Ließ die Auswahl der Vortragsfolge einen gewählten Geschmack erkennen, so war es vor allem aber die künstlerische Wiedergabe der Werke, die aufhorchen ließ. Ein Tonkörper von seltener Fülle und Ausgeglichenheit stand hier auf dem Podium; einheitlich in Atemführung und Phrasierung, ideal in der dynamischen Auswertung, in der Beseelung des Chorklanges. Die Anzahl der Stimmen verschmolz zu vollkommener Einheit in Wort und Ton, bis auf das kleinste ausgeglichen in der Vokalisation, wie in der sprachlichen Präzision der Konsonanten. Wie selbstverständlich floß der Gesang aus den Kehlen, schwoll er unter der anfeuernden Leitung des Dirigenten zu machtvoller Fülle, um ebenso zart zu verhauchen.

Solch virtuose Leistung des Tonkörpers, solche scheinbar aus unmittelbarer Inspiration heraus gestaltete Wiedergabe, wie sie hier in Erscheinung trat, ist natürlich nur bei innigster Verbindung zwischen Chor und Dirigenten möglich. Eine Verbindung, die nichts mehr erkennen läßt von irgendwelcher äußeren Abhängigkeit, der alle Technik selbstverständliche Vorbedingung zu künstlerischer Interpretation ist.

Man hörte von Brahms „Ave Maria“ und vier Lieder aus dem Jungbrunnen; von Robert Schumann „Soldatenbraut“, „Bleiche, weißes Lein“, „Tamburinschlägerin“, „Lied“, „Jäger Wohlgemut“; von Schubert „Coronach“ und „Ständchen“. Zwischen den Gesängen spielten die heimischen Künstler Anton Schoenmaker (Violine) und Eva Kesselring (Klavier) Werke von Brahms und Schubert. Von Brahms kam die A-Dur-Sonate op. 100 für Violine und Klavier, von Schubert die Sonatine in g-moll zum Vortrag. Die Begleitung am Flügel zu den Chorgesängen wurde von Hilde Rühl dezent ausgeführt. Sämtliche Vorträge fanden bei den zahlreich anwesenden Zuhörern dankbaren Beifall.



ausgeführt. Sämtliche Vorträge fanden bei den zahlreich anwesenden Zuhörern dankbaren Beifall.


General Anzeiger der Stadt Wuppertal, 3. Oktober 1934

Romantischer Konzertabend des Frauenchors Schlaffhorst-Adnersen

In der gut besetzten Aula des Mittelbarmener Oberlyceums veranstaltete der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen aus Hustedt-Celle einen Konzertabend, der ganz hervorragende künstlerische Leistungen zeigte und wohl bei allen Zuhörern den besten Eindruck hinterließ. Man hörte ausschließlich Werke aus dem Reiche der musikalischen Romantik, Lieder von Schubert, Schumann und Brahms. Sie erlebten durchweg eine Wiedergabe, die sich nicht nur durch eine glänzende Beherrschung des rein Gesanglichen und Technischen, sondern auch durch ihre tiefe Beseeltheit und Verinnerlichung vorteilhaft auszeichnete. Dazu kommt, daß die 15 Damen über eine treffliche Chordisziplin verfügen, so daß sich die Stimmen zu einem einheitlichen Klangbild von geradezu berückender Schönheit vereinigen

Die mannigfachen Vorzüge und schätzenswerten Eigenschaften dieses Frauenchores sind natürlich nicht zuletzt ein Verdienst des tüchtigen Dirigenten Hans Chemin-Petit (Berlin), der übrigens trotz seiner Jugend bereits mehrfach mit großem Erfolg die Berliner Philharmoniker leitete. Er versteht es vorbildlich, seinen künstlerischen Willen durchzusetzen und mit seinem, von heißer musikalischer Leidenschaft durchglühten Temperament, das doch wieder durch feinstes Stilgefühl und unbestechliche Werktreue gebändigt ist (die Romantiker liegen ihm sichtlich besonders gut), die Sängerinnen fortzureißen.

Der überaus herzliche Beifall erzwang mehrere Zugaben, und es sei hier die Hoffnung ausgesprochen, daß man diesen prächtigen Frauenchor bei Gelegenheit wieder einmal zu hören bekommt.

Instrumentale Bereicherung erfuhr die schöne Vortragsreihe durch Anton Schoenmaker und Eva Kesselring, die in der A-Dur-Sonate von Brahms und der G-Moll-Sonatine von Schubert erneut ihre hohe, vielfach bewährte Meisterschaft bewiesen.

R.



[Frankfurt, 4. Oktober 1934]

Chor-Konzert

Den ersten Vortragsabend der „Gedok“ bestritt der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen. Daß sich trotz der kleinen Mitgliederzahl die Wirkung der Klangfülle einstellt hat seinen Grund in der Differenzierung der Stärkegrade und in der seelischen Bereitschaft jedes einzelnen. Der junge Leiter der Singgemeinschaft: Hans Chemin-Petit ist ein sensitiver Musiker, eine besondere Fähigkeit, aus dem Vokalkörper Klang-Farben verschiedener Ordnung zu ziehen, ihn gleichsam ‑ aber ohne „Mätzchen“ ‑ orchestral klingen zu lassen, macht sich bemerkbar. Man hörte Standard-Chöre von Brahms und Schumann, zum Abschluß zwei Gesänge von Schubert, von denen namentlich das fein pointierte „Ständchen“ zu einem Kabinettstück lebendiger Interpretation geriet. Die Klavierbegleitung führt Hilde Rühl aus; sie erbrachte ferner mit Stücken von Brahms und Schubert den Beweis einer beachtenswerten Gestaltungsgabe.

R. R.



Osnabrücker Zeitung, 6. Oktober 1934

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

Ob die Hustedter Methode, über die kürzlich an dieser Stelle Otto Volkmann berichtete, tatsächlich Wunder tut, oder ob es sich hier nur um hervorragend musikalische Damen handelt, läßt sich ohne nähere Kenntnisse der Dinge nicht entscheiden. Sicher ist dieser Chorgesang das Beste, was wir auf diesem Gebiete hier bisher gehört haben. Die gleichmäßige Tonbildung läßt in der Tat auf eine einheitliche, sehr gründliche Schulung schließen. Die Disziplin ist musterhaft. Sechzehn Augenpaare fixieren unausgesetzt einen Punkt, und in diesem Punkt steht der Dirigent. Kein Gedanke, daß irgend etwas die Aufmerksamkeit der Sängerinnen ablenken könnte. Was die Hand des Chorleiters in die Luft schreibt, setzt sich augenblicklich um in Betonung, Rhythmik und Dynamik. Das beginnt sanft zu schwelen, schwingt stärker, wächst mächtig an, schwebt anmutig nieder und entschwindet in einem sanften Hauch. Prachtvoll klingt das singende Piano, nicht ganz so schön, aber dennoch schön das Forte. Einige hohe Soprantöne sind etwas beengt, aber wunderschön ist die Reinheit der durch kein Tremolo getrübten Intonation, bewundernswert die Sicherheit, mit der schwierige harmonische Wendungen ausgeführt werden, sehr erfreulich die Exaktheit, mit der der Rhythmus behandelt wird. Die Hände, über der Brust gefaltet, halten kein Notenblatt, es wird auswendig gesungen.

Mit einer solchen Gefolgschaft läßt sich musizieren. Hans Chemin-Petit, Berlin, der Chorleiter nimmt seine Sache sehr ernst. Welche ungeheure Arbeit einem solchen Konzert voraufgegangen sein muß, läßt sich nur annähernd ermessen. Das muß eine Arbeit gewesen sein von einer Genauigkeit, vergleichbar der Präzision eines Feinmechanikers oder dem Fleiß des Goldschmiedes, die nicht eher ruht, als bis jedes kleinste Teilchen die ihm gebührende Gestalt erhalten und das Ganze in sich vollendet dasteht. Dafür gibt es dann auch keine ungewollten Zwischenfälle, wie es einstudiert wurde, so wird es gesungen, der Leiter kann sich auf seine Sänger, die auf ihren Führer verlassen. Seine Zeichengebung ist unbedingt zuverlässig, auch er musiziert aus dem Gedächtnis, das ihn nie im Stich läßt. Sein Einfühlungsvermögen ist beträchtlich. Mag es sich um geistliche Sätze des 16. Jahrhunderts, oder um die musikalische Welt der Romantiker handeln, stets hat man das Gefühl, so und nicht anders muß das vorgetragen werden.

Bei den kurzen Sätzen von Schütz und Gumpelzhaimer verhielt sich das Publikum abwartend. Erst bei Scheins „Es ist das Heil uns kommen her“ löste sich die Spannung in einer erstmaligen Beifallskundgebung. Bei Brahms, Schumann und Schubert wurden die Zuhörer zusehends wärmer und nach der meisterhaften Wiedergabe des ungemein schwierigen „Ständchens“ von Schubert gab es starken, begeisterten Applaus. Blumenspenden gaben der freudigen Zustimmung beredten Ausdruck.

Für die Begleitung der Chöre am Flügel hatte man unsere einheimische Künstlerin Hilde Rühl gewonnen, die sich dieser Aufgabe mit unbedingter Zuverlässigkeit und seinem Gefühl widmete. Mit je zwei Stücken von Schubert und Brahms, die mit sicherer Beherrschung des Technischen und reifer Auffassung ganz vorzüglich gespielt wurden, gab sie uns weitere Proben eines unverkennbar starken Talents, das aufmerksame Beachtung verdient. Auch ihrer schönen Leistung wurde die verdiente Anerkennung zuteil.

Helmut Bachmann



Helmut Bachmann


Neue Volksblätter Osnabrück, 6. Oktober 1934

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen.

Der aus der Heideeinsamkeit der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt hervorgegangene Frauenchor konzertierte am Donnerstag im großen Saal des Schlosses. Dem Chor geht ein ausgezeichneter Ruf voraus von idealer Schulung und von glänzender, auf einer besonderen Atemtechnik basierender Stimmenentfaltung. Die Konzertvorträge rechtfertigten diesen Ruf vollauf. Die 14 Damen, aus denen sich der Chor zusammensetzt, sind Sängerinnen mit feinstgeschultem Stimmaterial, und die Geschlossenheit und innere Verbundenheit des Klangkörpers ist bewundernswert. An dieser Leistung von außergewöhnlicher Vollkommenheit in bezug auf Ausschöpfung der Klangmöglichkeiten, dynamische Gestaltung und Wärme des Ausdrucks erstrebt. So war das Konzert ein Genuß ganz besonderer At.

Es wurde mit Chören alter deutscher Meister eingeleitet. Nach einem fugenartigen Satz von Schütz folgten ein sanftes, feinempfundenes Volkslied von Gumpelzhaimer, sowie zwei gebetartige Lieder desselben Tonsetzers, die eine starke Wirkung hinterließen. Sieghaft und klingend schloß sich „Es ist das Heil uns kommen her“ von Schein an. Eine besondere Freude bereiteten das sanfte und innige „Ave Maria“ von Brahms, sowie vier Lieder aus dem Jungbrunnen desselben Meisters. Fünf für Frauenchor umgeformte Schumann-Lieder ließen erkennen, daß auch in dieser Bearbeitung nichts von dem Zauber dieser Perlen des deutschen Kunstgesangs verloren geht. Der Chor „Coronach“ von Franz Schubert und das an derselben Stelle auch vom Lehrergesangverein mehrfach gesungene „Ständchen“, bei dem ein klangvoller Mezzosopran die Solostimme sang, bildeten den wirkungsvollen Ausklang des Konzerts.

Zwei Atempausen für den Chor wurden von Klaviervorträgen von Hilde Rühl, einer Schülerin des Grafen Wesdehlen, aufgefüllt, die in feingeschliffener Form und technisch sauber kleinere Werke von Brahms und Schubert einstreute und lebhaften Beifall erntete.

Die Weiterentwicklung des deutschen Gesanges so wie ihn sich die Chorvereinigung Schlaffhorst-Andersen zur Aufgabe gemacht hat, ist eine bemerkenswerte kulturelle Tat, der man nur größtes Interesse entgegenbringen muß. Die Leistungen hinterließen bei allen Zuhörern stärksten Nachhall. Zum Dank für den lebhaften Beifall entschloß sich der Chor in freigiebigster Weise zu einer Reihe von wertvollen Zugaben.

K.



Osnabrücker Tageblatt, 6. Oktober 1934

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen

Zu den bildenden Kräften, welche die Hustedter Lehre in ihren Dienst gestellt hat, um den Menschen aus der durch die moderne Zivilisation ihm aufgezwungenen Verkrampfung zu befreien, gehört auch die Musik, vor allem das Singen. Es liegt auf der Hand, daß das Bemühen um einen neuen Lebensstil irgendwie im Gesange zum Ausdruck kommen muß; in der einheitlichen Haltung gegenüber dem Tonsatz, der melodischen Linie, dem zum Ausdruck zu bringenden Gehalt von Text und Komposition liegt das Geheimnis des Erfolges dieses Frauenchores; der Gefahr, Stilkunst wieder zur Manier werden zu lassen, schein er so lange kaum ausgesetzt, als er unter sich tief erfassenden und stark gestaltenden Leitern wie Hans Chemin-Petit lebendige Ausdruckskraft geben kann Es war schon etwas ganz Feines, wie in den alten Satzweisen von Schütz, Gumpelzhaimer und Schein die Stimmen in- und durcheinander griffen und doch sich klärend voneinander abhoben, sich trennend und doch wieder zu größter Einheit sich findend. Und den beiden musikalisch antiphonierenden und imitierenden Gruppen, zu denen sich Sopran und Alt je wieder in zwei Stimmen zusammenschließen, erlebte man wirklich eine feierliche Prozession; die in der Zusammenfassung zum Unisono erreichte Höhe des Ganzen bei der Anrufung „Sancta Maria, ora pro nobis“ erhielt durch innigsten Ausdruck stärkste Wirkung. Wenn Brahms hier sich an den alten Meistern geschult zeigt, so führten die Jungbunnenlieder auf anderes Gebiet hinüber, zu den weltlichen Chorwerken, die im zweiten Teil des Programms in der Hauptsache durch Kompositionen Schumanns und Schuberts bestritten wurden. Das tiefbeseelte „Der Bleicherin Nachtlied“, das außerordentlich lebendige „Tambourschlägerin“, das kernigfrische „Jäger Wohlgemuth“ (Schumann), das reizvoll, schalkhaft anmutende „Ständchen“ mit der über dem Chor schwebenden Solostimme (Schubert) zeigten die Weite und Vielseitigkeit der Ausdrucksfähigkeit, die der Chor ereicht. Die Begeisterung der Hörer tat sich dann auch so lebhaft kund, daß der Chor sich zu mehreren Zugaben verstand.

Die Begleitung der Chöre hatte Hilde Rühl übernommen und führte sie in charakteristischer und vorbildlicher Weise aus. Was sie wirklich zu leisten vermag, zeigte uns die junge Künstlerin mit zwei Solovorträgen. Sie ließen neben der Gediegenheit der technischen Ausbildung die Fähigkeit zu geistig vertiefter Wiedergabe einer aus seelischem Mitklingen gewonnenen Deutung erkennen, stärker noch als in den beiden Moment musicaux aus Schuberts op. 94 in der zarten Schwermut und der unruhigen Aufregung die beiden Intermezzi aus Brahms’ op. 119; die berückende Wiedergabe des Andantino-grazioso-Mittelsatzes des zweiten Intermezzos verdient besondere Hervorhebung. So reihten sich auch diese Soli in die Werte schaffenden Chordarbietungen gleichberechtigt ein.

Dr.K.



Leipziger Abendpost, 3. April 1935

Jg. Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen, der im Saale des Landeskonservatoriums ein Konzert gab, ist hervorgegangen aus der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt bei Celle, die sich die Erziehung des Menschen in seiner Gesamtheit durch Arbeit an Atmung und Stimme zur besonderen Aufgabe macht. Hans Chemin-Petit (Berlin) leitet diesen kleinen Chor mit der Sicherheit eines erfahrenen Chormeisters und mit einer ganz vom Gesanglichen ausgehenden Musikalität. Neben Gesängen von Schubert, Schumann und Brahms waren es namentlich die geistlichen Gesänge älterer Meister, die das schöne Stimmaterial und den musikalisch und geistig belebten Vortrag des Chores in schönstem Lichte zeigten. Die Geschlossenheit des Klanges, die rhythmische und sprachliche Geschmeidigkeit der Sängerinnen fiel besonders in den Werken von Schütz und Schein angenehm auf und kam auch in dreichoralartigen A-cappella-Gesängen von Gumpelshaimer zu bester Geltung, wiewohl hier einige Male die Reinheit der Intonation in den Sopranen nicht ganz einwandfrei war. Die zuverlässige Begleiterin am Klavier, Hilde Rühl, erwies sich auch in Händels B-dur-Variationen und zwei Brahmsschen Intermezzi als tüchtige, wenn auch noch unpersönliche Solistin. Die trefflichen Leistungen des Chores fanden eine ungemein herzliche Aufnahme.




Neue Leipziger Zeitung, Donnerstag, 4. April 1935

Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen gab im Saale des Landeskonservatoriums ein Konzert mit einem abwechselungsreichen und glücklich zusammengestellten Programm einzelner Werke von Schütz, Gumpelshaimer, J. H. Schein, G. F. Händel, Brahms, Schumann und Schubert. Frauenchören gegenüber ist man etwas skeptisch, da nur selten wirklich gute auftreten. Umso größer und angenehmer war aber die Ueberraschung, einen vorbildlich geschulten und mit schönstem Stimmenmaterial versehenen Chor zu begegnen. Der erlebnisreiche Abend bewies wieder einmal, daß ein Chor nicht unbedingt in Riesenbesetzung antreten muß, um Erstklassiges leisten zu können. Der kleine Frauenchor ‑ es waren an die zwanzig Mitwirkende ‑ führte diese so oft aufgestellte Behauptung gründlich ad absurdum. Atemtechnik, Vokalisation, Deklamation und Dynamik verdienen höchste Anerkennung. Die hinsichtlich der musikalischen Formen strenger gebundenen Werke älteren Datums lagen dem Chor offenbar weniger als die der Romantiker Schumann, Schubert und Brahms. Die Interpretation dieser Meister war packend und mitreißend. Hilde Rühl am Flügel stellte sich als zukunftsreiches Talent vor. Ausgezeichnete Pedalbehandlung, wunderbar weicher und doch nicht süßlicher Anschlag müssen an erster Stelle genannt werden. Von der letzten rein technischen Reife ist sie nicht mehr weit entfernt, als Begleiterin aber war sie hervorragend. Hans Chemin-Petit (Berlin) hat den Chor, der alle Werke auswendig sang, straff und sicher in der Hand und spielt auf diesem wie auf einem Instrument. Nur wirkt das Manirierte beim Dirigieren störend und unschön. Silbendirigieren und sonstige phantastische Dirigierzeichen sind ja meist die sicheren Kennzeichen der Dilettanten-Chormeister. Hans Chemin-Petit sollte als wirklicher Künstler seines Faches die obligatorischen Gesetze der Dirigiertechnik etwas mehr respektieren.

J.K.




Leipziger Tageszeitung, 4. April 1935

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen

Unter den neuen Wegen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf dem Gebiete gesangspädagogischer Arbeit eingeschlagen wurden, nimmt die Methodik der „Schule Schlaffhorst-Andersen“ in Hustedt bei Celle eine Sonderstellung ein. Sie ist das Lebenswerk zweier Ostpreußinnen: Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen. Atmung und Stimme sind der Ausgangspunkt einer Erziehung, die eine Harmonie von Leib und Seele, einen Ausgleich der körperlichen und geistigen schöpferischen Kräfte, die Vollkommenheit der Gesamtpersönlichkeit zum Ziele hat.

Dafür, daß solche Arbeit nicht im künstlerischen Sinne einseitig getan wird, zeugte schon die Vortragsfolge, die der aus Schülerinnen der Schlaffhorst-Schule gebildete kleine Frauenchor mitbrachte. Da waren neben den Sätzen aus der linearen Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts (Schütz ‑ Schein ‑ Gumpelzhaimer) auch die anspruchsvolle Klangkunst der Romantik (Schubert ‑ Schumann ‑ Brahms) vertreten. Der Chor ist stimmlich bestens bestellt und rein musikalisch gut geschult. Hans Chemin-Petit, der als Komponist ansprechender Chöre sich einen Namen gemacht hat, erweist sich auch als geschickter Chorerzieher, der über allem Verständnis für die Grundidee des Werkes, dem er gerade in diesem Kreise dient, die Kultur künstlerischen Ausdrucksstils nicht vergißt.

In Hilde Rühl lernte man eine Pianistin kennen, die über eine vielversprechende Anschlagskunst verfügt.

St.



Anhalter Anzeiger (Dessauer Neueste Nachrichten), 4. April 1935

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen.

Die mit Spannung erwartete Veranstaltung fand gestern im Konzertsaal „Altes Theater“ statt. An und für sich ist es immer eine mißliche Sache, wenn Konzertveranstalter genötigt sind, sich durch allerhand Voranzeigen bekanntzumachen. Achtet man auf solche Presseeinsendungen, wird man meist von ihnen im positiven wie im negativen Sinne beeinflußt. In den wenigsten Fällen kann man dann den Konzertgebern eine gerechte Beurteilung zukommen lassen. Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen, der in Dessau so gut wie unbekannt ist, mußte aber seine Bestrebungen und Ziele bekanntgeben. Dabei liegt kein Zweifel vor, daß er in der Kennzeichnung seiner Aufgabe, die in jedem Menschen ruhenden Gestaltungskräfte aus dem Rhythmus einer sinngemäßen Atmung zu entwickeln, die Sympathie aller Kenner für sich hat. Das, was die beiden schöpferischen ostpreußischen Frauen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen in ernster, genial zu nennender Arbeit angestrebt haben, ist nichts Geringeres, als den Menschen den Weg zur Natur nicht zurückfinden zu lassen, sondern ihn zur Natur, ihrem Rhythmus und ihren Formen emporzubilden. Ein solches Vorgehen schließt in sich selbst die innere Befreiung des Menschen und seine Vergeistigung ein. Die Schlaffhorst-Andersenschen Ziele sind somit weit eingreifender für die Gesundung des Volkskörpers als einseitig ausgeübte sportliche Betätigung oder einseitig wissenschaftliche Studien. Wie schön, daß der bei Schlaffhorst-Andersen gebildete Mensch vor allem den Weg zur Kunst, zur Musik findet!

So ungefähr lesen wir es in den Schriften und Anzeigen dieser Schule, und wir sind alle davon angetan. Umso ängstlicher ist dann natürlich die Erwartung, ob das angekündigte Konzert dieser Schule überzeugend den theoretischen Ausführungen gegenüber Stich halten wird. Schwer hatten es die Veranstalter auf jeden Fall. Daß sie in keiner Weise enttäuschten ist der schönste Gradmesser für ihre Ausbildung, für ihr Können und ihre Leistung. Der kleine Frauenchor verfügt durchweg über hervorragend ausgebildete Stimmen, die sich meiner Schätzung nach ebenso gut im Einzel- wie im Chorgesang hören lassen können. Gerade die ausgesprochen stimmliche Individualität, die sich hier auch im Chorgesang wohl behauptet, gibt dem Gesamtklang eine schillernde Modulationsfähigkeit von einzig dastehender Wirkungskraft. Hinzu kommt, daß dem Frauenchor, dank seiner Ausbildung, tiefste Musikalität verbunden mit äußerstem rhythmischen Feingefühl zu eigen ist. Der befähigte Leiter des Chores Hans Chemin-Petit kann daher mit diesen urmusikalischen Sängerinnen etwas wagen und leisten. An Hand eines ausgezeichneten Qualitätsgefühls nebst feinstem Sinn für die Wirkungsmöglichkeiten dieses Frauenchores weiß Hans Chemin-Petit dann auch die Vorzüge seiner künstlerischen Mitarbeiter wohl herauszustellen: er versteht es außerdem, seine Sängerschar zu künstlerischen Höhen zu führen, wie sie anderen Chören selten beschieden sind.

Sozusagen ihr Meisterstück legten die Veranstalter bei den schwierigen, gehaltvollen Kompositionen von Heinrich Schütz, A. Gumpeltzhaimer (1559-1625) und J. H. Schein ab. Die Chorwerke kamen selten durchsichtig in ihrer wunderbaren Polyphonie zum Vortrag. Ganz herrlich war außerdem, wie es Dirigent und Chor, die, nebenbei gesagt, ganz eng miteinander verwachsen sind, gelang, den Stil dieser alten Werke aus ihren musikalischen Inhalten selbst zu finden. Das war kein Ästhetisieren oder Stilisieren im modernen Sinne, sondern ein naives Jubilieren aus dem Geiste des 16. bzw. 17. Jahrhunderts. Den größeren Widerhall beim Publikum fanden die Sängerinnen jedoch bei den Liedern von Brahms, Schumann, Schubert. In ihrer einfachen Schlichtheit und Innigkeit kommen ja auch etwa Kompositionen wie Schumanns „Soldatenbraut“, „Jäger Wohlgemuth“, oder vor allem Schuberts anmutiges „Ständchen“ breiteren Kreisen weit mehr entgegen als die alten Gesänge. Ich will damit aber nicht sagen, daß die Brahmsschen, Schumannschen und Schubertschen Chöre denen der alten Meister unterlegen sind. Auch sie sind für sich Meisterwerke erster Ordnung. Die Kompositionen gaben ferner dem Frauenchor Gelegenheit, seine Vielseitigkeit zu beweisen, und es war ganz erstaunlich, wie die Sängerinnen den heiteren wie den ernsten Liedern in ihren vielen Charakterabstufungen restlos gerecht wurden.

Einige Klaviervorträge von Hilde Rühl brachten Abwechselung in die Vortragsfolge. Die Pianistin, die durch den Vortrag von Händels „Präludium und Allegro“, „Menuett Air con Variazioni“ und den zwei „Intermezzi“ von Brahms op. 119 recht anspruchsvolle Werke spielte, erfreute durch äußerst saubere Technik und sehr eindrucksvolle musikalische Auffassungsfähigkeit. Ihr Spiel war eine beachtliche Leistung. Die Künstlerin führte gleichzeitig mit überlegenem Geschick und immer geschmackvoll die Begleitungen zu den Chören aus.

Alle Mitwirkenden ernteten reichsten Beifall, der sich am Schluß des Konzerts nach Schuberts dankbarem „Ständchen“ ‑ hier zeigte sich eine auf dem Programm nicht genannte Einzelsängerin des Chores als konzertreife Solistin ‑ zu einmütiger Begeisterung steigerte. Der Chor sah sich veranlaßt, nach langen Beifallsstürmen Schumanns „Jäger Wohlgemut“ zu wiederholen.

Dr. Fr. B.



Leipziger Neueste Nachrichten, 4. April 1935

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen

Die Schule Schlaffhorst-Andersen „macht sich die Erziehung des Menschen in seiner Gesamtheit durch die Arbeit an Atmung und Stimme zur Aufgabe“, in denen sie den Zugang zu den schöpferischen Kräften des Menschen sieht. Als Zeuge für die Frucht solcher Arbeit auf musikalischem Gebiet ließ sich im Landeskonservatorium unter Leitung von Hans Chemin-Petit ein Frauenchor hören. Das Ergebnis ist überraschend: Es ergibt sich in einer gedeckten, mattglänzenden Grundfarbe eine Ausgeglichenheit des Chorklangs, wie man sie kaum anderswo treffen wird. (Besondere Achtsamkeit erfordert allerdings noch der freie Einsatz der Soprane in der Höhe.) Von diesem Chor ist buchstäblich jedes Wort, auch im polyphonen Satz und bei geschwindem Zeitmaß, zu verstehen, ohne daß man irgendwelche Bemühungen um eine deutliche Aussprache spürt. Die Sängerinnen folgen der eindringlichen Zeichengebung Chemin-Petits mit voller Hingabe. In Gesängen des Barock wie der Romantik ergibt sich der Eindruck eines stilvollen, aufs höchste verfeinerten und kunstvollen Singens und bezwingender innerer Gelöstheit. ‑ Zwischen den Chören spielte Hilde Rühl mit gesundem musikantischen Sinn und mit beherrschter Gestaltung Klavierstücke von Händel und ‑ nicht ganz so eindrucksvoll ‑ von Brahms.

wr.



Sächsische Volkszeitung, 5. April 1935

Aus dem Leipziger Kunstleben

Im Konzert des Frauenchores Schlaffhorst-Andersen hatte man Gelegenheit, eine Singgemeinschaft kennen zu lernen, deren künstlerische, stimm- und atemtechnische Leistung wohl kaum zu überbieten ist. Man hat den Eindruck, daß eine jede von den ca. 20 Sängerinnen den innersten Gehalt des jeweils gesungenen Chorwerkes vollkommen erschöpft und so zur nachschaffenden Künstlerin, im engsten Sinne des Wortes, wird. Wenn auch im ersten Teil des Konzertes die Gesamtleistung unter einer gewissen Schärfe des 1. Soprans litt, so war der Chorklang dann ein ganz ausgezeichnet geschlossener. Die Vortragsfolge brachte Werke von H. Schütz, A. Gumpelzhaimer, J. H. Schein, Joh. Brahms, R. Schumann und Franz Schubert. In Hans Chemin-Petit, Berlin, besitzt diese Vereinigung einen musikalischen Führer von ungewöhnlicher Begabung und künstlerischen Qualitäten. Hilde Rühl, in deren Händen die Klavierbegleitung zu einzelnen Chorwerken lag, erspielte sich mit Klavierwerken von G. F. Händel und Joh. Brahms einen schönen Publikumserfolg.

gtr.



[Dresden, 3. April 1935]

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

Der Chor besteht nur aus Mitgliedern, die durch die Schule Schlaffhorst-Andersen gegangen sind. Er tritt zweimal im Jahre zusammen, um der Öffentlichkeit Proben seiner Tätigkeit zu geben. Die Schule geht von der Erkenntnis aus, daß die Haltung des Menschen, die innere wie die äußere, bedingt ist durch eine naturgemäße Atmung, die auf dem Prinzip einer bewußten gymnastischen Lockerung des Körpers beruht. Für die gesanglich-künstlerische Auswirkung bedeutet eine Schulung in dieser Richtung Mühelosigkeit der Tongebung, Entspannung und Lockerung, Gelöstsein von allen klangbehindernden Elementen. Die 18 Stimmen des Chores sind in der Tat ein einziges Register von beispielhafter Ausgeglichenheit, seine Leistung ragt weit über das Maß des Alltäglichen hinaus. Der Vokalismus wird zu klingendem Atem, ein Atem von bewunderungswürdiger Ruhe. Chemin-Petit, Berlin, ist Leiter dieses Elitechores. Seine Art zu dirigieren ist ungewöhnlich, vielleicht ist eine solche Choreomanie bedingt durch gewisse Suggestionsabsichten. Die Vortragsfolge ist vornehm, geizt nicht nach billigem Erfolg.

Hilde Rühl waltete als sorgsame Begleiterin mit schier samtenem Anschlag ihres verantwortungsvollen Amtes und steuerte mit einer ziselierten Wiedergabe einer Händel-Suite und zwei anmutig gedeuteten Brahms-Intermezzi ein Wesentliches zu dem schönen Erfolg des Abends bei.

Dr. Vcz.



[Dresden, April 1935]

Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen gab im Saale der Harmonie sein erstes Dresdener Konzert. Wer ist’s? Knapp zwanzig Sängerinnen, die ihre Stimmbildung der Gesangsmethode von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen verdanken, kommen zweimal im Jahre auf je vierzehn Tage zu ernster, gründlicher Chorprobenarbeit zusammen, um sich dann auf Konzertreisen zu begeben. Das muß man wissen, um die Leistungen dieses Klangkörpers gerecht beurteilen zu können, denn zweifellos hat dieser dadurch einen guten Vorsprung vor ähnlichen anderen Chören wie etwa vor Gesangvereinen. Zwei Wochen intensives Probieren an einer beschränkten Zahl von Programmnummern müssen, was Präzision und Vortragsgestaltung anbetrifft eine ungleich größere Vollkommenheit ergeben, als laufende Chorproben in den Abendstunden, zu denen die Mitglieder nach aufreibendem Tagewerk nicht zuletzt der eigenen künstlerischen Erbauung wegen zusammenkommen. Ein weiteres Plus ist die einheitliche gesangstechnische Ausbildung aller Chorsängerinnen, die kaum anderswo anzutreffen ist, die aber ganz besondere Vorbedingungen schafft. Diese konnte man auch an diesem Abend erkennen. Selten erlebt man bei einem Chor solch gleichmäßige, entspannte Tongebung, eine so durchgebildete Behandlung der Vokale und Konsonanten, je einheitliches Mienenspiel und gleiche Körperhaltungen.

Dresden ist nicht arm an guten Frauenchören, und gerade deswegen konnte der Besuch der Schlaffhorst-Andersen-Sängerinnen auf besonderes Interesse zählen. Hinsichtlich des Stimmaterials machte man keine Entdeckungen, die Soprane und Alte wahrten den Durchschnitt, und die musikalischen Werte gingen zwar über das Alltägliche hinaus, aber nur hier und da übertrafen sie das, was man bei Dresdens ersten Chorvereinigungen gewohnt ist. Zudem hat das Programm keine sonderlichen Schwierigkeiten. Es hielt sich an alte Meister wie H. Schütz, G. Gumpeltzhaimer und J. H. Schein und die deutschen Romantiker Brahms, Schumann und Schubert, und die meisten Gesänge wurden am Flügel von Hilde Rühl begleitet und sorgsam gestützt. Ausgezeichnet ‑ vor allem in ihrer klanglichen und rhythmischen Exaktheit ‑ war die Wiedergabe der heiteren Chöre von Schumann und des Ständchens von Schubert.

Der sehr herzliche Erfolg war zweifellos dem hervorragenden Chorleiter, Hans Chemin-Petit, zu danken. Chemin-Petit ist als Komponist hier schon auf das Vorteilhafteste eingeführt. Seine Dirigentenbegabung wurde ohne weiteres offenbar. Die Zeichengebung ist ‑ gemessen an der geringen Größe des geleiteten Apparates ‑ zwar nicht ohne Aeußerlichkeiten, jedoch sehr anschaulich und eigenartig. Jedenfalls versteht es der Dirigent, seine künstlerischen Absichten in sicherer Weise auf seine Sängerinnen zu übertragen.

Die Gefahr der Einförmigkeit, die Frauenchorabende in sich bergen, wurde gebannt durch Klaviervorträge von Hilde Rühl, die zuerst einige Suitensätze von Händel spielte, darunter das Air con Variazioni, das Brahms in seinen Händel-Variationen der Alongeperrücke entkleidet hat. In zwei Intermezzi von Brahms zeigte sich Hilde Rühl als sehr gute Musikerin mit bemerkenswerter Anschlagkultur.

C.V.K.



Potsdamer Tageszeitung, 12. April 1935

Eine Ueberraschung: Frauenchor Schlaffhorst-Andersen.

Gestern abend stellte sich im Hause Seestr. 35 vor geladenem Publikum der Schlaffhorst-Andersensche Frauenchor vor. Die weit über 200 Personen zählende Zuhörerschaft hatte Stunden ungetrübten musikalischen Genusses. Hans Chemin-Petit aus Potsdam, durch seine Berliner Philharmonischen Konzerte bekannt, ist der Leiter dieses einzigen Klangkörpers. Der aus zwanzig Mitgliedern bestehende Chor, die alle aus der Schlaffhorst-Andersenschen Gesangschule in Hustedt bei Celle hervorgegangen sind, ist durch seine hohe, künstlerische Schulung auf einziger Höhe angelangt. Jedes Mitglied ist Solist. Aussprache, Rhythmus, Tonreinheit, Tonschönheit, musikalische Auffassung sind absolut vorbildlich. Dazu kommt ein Können von unfehlbarer Sicherheit. Alles Gebotene am Abend ‑ es waren 18 der schwierigsten Chorsätze ‑ wurde auswendig gesungen und vom Dirigenten auswendig geleitet. Daher eine Leistung von ungewöhnlichem Schliff.

Der feinnervige Klangkörper ist zu einer Einheit, ist zu einem Instrument geworden, auf dem sein Leiter nach Herzenslust konzertieren kann. Als Vollblutmusiker versteht Chemin-Petit zu musizieren, seine Auffassung hat Hand und Fuß. Tüfteleien sind ihm zuwider. Heiße, innere Glut durchströmt jeden Chorgesang. In musikalischer Besessenheit sind Dirigent und Chor verschmolzen und reißen ihre Zuhörerschaft im musikalischen Taumel mit. Dieser Chor kann und wird von sich noch viel reden machen. Aus der Fülle des Programms soll nur genannt werden: „Ihr Heiligen lobsinget“ von Schütz, „Ach Gott tu dich erbarmen“ von Gumpelzhaimer, „Es ist das Heil und kommen her“ von Schein, „Ave Maria“ von Brahms, „Soldatenbraut“ und Jäger Wohlgemut“ von Schumann, „Trauergesang“ und „Ständchen“ von Schubert. Alles Leistungen auf höchster musikalischer Stufe des Chorgesanges.

Sehr unterstützt wurden die Gesänge durch die Pianistin Hilde Rühl, die auch als Solistin am Abend mit einer Suite von Händel und zwei Intermezzi, aus op. 119 von Brahms hochmusikalisch aufwartete. Auch ihr wurde, wie dem Dirigenten und dem Chor spontaner, anhaltender Beifall zuteil.

Adolf Haensgen.



[Clausthal-Zellerfeld, 10. Januar 1936]

Konzert der Schule Schlaffhorst-Andersen in der Aula der Bergakademie

Die Chorabende der Schule Schlaffhorst-Andersen weichen von den üblichen Chorkonzerten ab und verfolgen auch andere Ziele. Selbstverständlich arbeitet die Schule Schlaffhorst-Andersen auch daraufhin, ihre Konzerte musikalisch so vollendet zu gestalten, wie dies irgend möglich ist, und die Erfolge der bisherigen Konzertreisen und die Kritiken hierüber lassen auch erkennen, daß dies dem Chor gelungen ist, und daß er unter Leitung seines temperamentvollen Dirigenten mit einer glänzenden Beherrschung des Gesanglichen und Technischen eine tiefe Beseeltheit und Verinnerlichung verbindet.

Aber die Veranstaltung dieser Konzerte ist nicht der Hauptzweck der Schule Schlaffhorst-Andersen, sondern das ist ein anderer, indem nämlich die Stimme und deren Schulung als Weg dient zur Beeinflussung des Atems und damit des Gesamtorganismus des Menschen, wodurch dann naturgemäß auch wieder rückwirkend der Gebrauch der Stimme selbst in Gesang und Vortrag entwickelt bezw. vervollkommnet wird.

Gewiß, der Mensch atmet von selbst und es gibt Menschen, die in vollkommenem Rhythmus mit der Natur so atmen, wie es für unseren Körper und Geist am besten ist. Auch in der Kindheit pflegt der Mensch i. allg. im Einklang mit der Natur zu leben, sich seines Daseins zu freuen, zu singen und richtig zu atmen. Aber das Leben der meisten Menschen, namentlich das der abgehetzten und der Natur größtenteils entfremdeten Europäer hat doch dazu geführt, daß vielfach überhaupt die Fähigkeit verloren gegangen ist, zu einer Harmonie mit der Welt und ihren Erscheinungen zu kommen, ja daß häufig Verkrampfungen oder auch Erkrankungen der verschiedensten Art und Weise durch unnatürliche Lebensweise entstehen.

Eine der größten Möglichkeiten, wieder neue Kräfte zu sammeln, bietet sich in der Kunst des richtigen Atmens und seiner Beherrschung mittels der Stimme, die als natürliche Hemmung größten Einfluß auf den Atmungsvorgang ausübt. Diese Auffassung von der Wichtigkeit des Atmens ist auch nicht nur eine Erkenntnis der Schule Schl.-A., sondern die Bedeutung der richtigen Atmung für das ganze Leben des Menschen.

Es ist das große Verdienst von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, daß sie aufbauend auf den Werken von Leo Kofler in intuitiver Erkenntnis des Wesens der Atmung neue Wege fanden, die im Gegensatz zu dem seit Jahrhunderten angewandten Uebungen der Einatmung auf der willkürlich beherrschten kunstgemäßen Ausatmung beruhen und bei denen die Stimme in ganz besonderem Maße eine Beherrschung der Muskeln und damit des Atemvorganges bewirkt.

Bereits im Jahre 1896 begannen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen auf Grund eigener persönlicher Erfahrungen bei dem Studium von Gesang und Musik damit, sich eingehend mit der menschlichen Stimme und der Atmung zu befassen und ihre Ideen zu verbreiten. Wie alle grundlegenden Neuerungen erforderte es zunächst harte Arbeit, und erst nach 20 Jahren war es gelungen, weitere Kreise für diese Schulung von Atmung und Stimme zu gewinnen. Wie so vieles, verhinderte der Krieg die weitere Entwicklung, und wieder vergingen infolge der ungünstigen Zeiten, Inflation usw., über 10 Jahre, in denen man nur eine behelfsmäßige Unterkunft fand, bis im Jahre 1926 durch Ankauf von geeigneten Baulichkeiten in der Nähe von Hustedt bei Celle eine dauernde Unterkunft gefunden werden konnte.

Hier werden nun neben allen möglichen Personen, die sich für Stimme und Atmung interessieren, wie Sänger, Redner, Pfarrer, Aerzte usw., besondere Lehrerinnen ausgebildet, die dann ihrerseits in den verschiedenen deutschen Städten ihre eigenen Kurse bezw. Schulen unterhalten.

Zweimal im Jahre treten dann diese Lehrerinnen zusammen mit einem Teil der Ausbildungsschülerinnen eine Chorreise durch die größeren deutschen Städte an, wobei sie den Beweis erbringen, wie es möglich ist, in zielbewußter Arbeit eine ausgezeichnete Stimmschulung selbst bei ursprünglich durchaus nicht für die Sangeskunst veranlagten Personen durchzuführen und hierdurch auch den Menschen selbst zu einer ausgeglichenen Persönlichkeit zu entwickeln.

Vor gut besetztem Hause sang der Frauen-Chor der Schule Schlaffhorst-Andersen einen Liederreigen, beginnend mit den Meistern der Stimmverwebung: Schütz, Gumpelzhaimer und Schein, um dann über Händel, Brahms, alte Volkslieder und Schumann bei den Lebenden zu enden. (Chemin-Petit und Wilhelm Kempff). Die Darbietungen wurden bei aller Unterschiedlichkeit ‑ sowohl der Werke wie der Vortragsweise ‑ mit sehr starkem Beifall aufgenommen. Die besondere Atemkultur und Lebenshaltung, die dem Gesang die eigentliche Prägung verleihen sollen, war vom Liede allein her nicht sogleich bemerkbar. Die betonte Verhaltenheit, so sehr sie in der absoluten Musik der Bachzeit entspricht, wird schon beim Volkslied alter Prägung und erst recht bei Schumann oftmals eher als „Nebel vor der Sonne“ empfunden. Darüber täuscht auch kein noch so schnelles Tempo hinweg, besonders nicht in den Koloraturen (Die schöne Sommerszeit) die bei dem Zeitmaß auch von dem besten Chor nicht perlend herausgebracht werden können. Was den Chorsetzer bei „Viel Freuden mit sich bringet“ veranlaßt hat, den nach der Quint verlangenden Mittelsatz in moll und verminderten Klängen zu setzen, ist schwer erfindlich.

Restlos gefiel Brahms „Ave Maria“ mit dem wunderbar farbensatten: „ora pro nobis“. Und: „Der Jäger Wolgemut“ von Robert Schumann.

Ersteres wurde wiederholt.

„Die Nacht“ von Chemin-Petit und Mörikes „Elfenlied“ von Wilh. Kempff boten zeitgenössische Musik. Hierüber ein Werturteil zu fällen, maße ich mir nicht an und bekenne, daß ich viel zu sehr dem Volksliede und allen Formelementen, die auf eine eindeutige schlichte Gestalt zurückzuleiten sind, verbunden bin, um ein Verhältnis zu all der modernen Musik zu haben, die diese Form bewußt überwindet; aber: de gustibus non est disputandum!

Den Flügel bediente Hilde Rühl mit nahezu männlicher Bestimmtheit. Das unverkennbar westliche Feuer des Chorleiters übertrug sich meisterlich gebändigt auf die Sänger und Hörer. Es war ein ästhetischer Genuß, die Ausdrucksfülle seiner stummen und doch so unendlich sprechenden Bewegung zu verfolgen.

Wohltuend war auch die stete Einfühlung der Solistinnen in den Chor. Nicht über ihm, wie das leider so oft Solistenunart ist, sondern, in ihm „leben, weben, und sind sie.“

Gemeinschaft ‑ das war wohl der stärkste Eindruck, den wir hatten, und es sei auch an dieser Stelle der NS-Kulturgemeinde von Herzen gedankt, daß sie uns diese Stunden schenkte. nehmt alles nur in allem:

Schön war’s ‑ wenn nur das Wort nicht so abgegriffen wäre! ‑ ein Erlebnis.

Wilbach.

 

Soweit unser Musikkritiker. ‑ Wir möchten diesem Sonderurteil noch unser Gesamturteil anfügen:

Das Konzert stand von Anfang an unter einer innigen, warmen Verbundenheit zwischen Künstlern und Zuhörern und war dadurch für beide Teile so wertvoll. Wir genießen in unserer kleinen Bergstadt häufiger wertvolle künstlerische Veranstaltungen: der gestrige Abend bedeutet unbedingt einen Höhepunkt. Es war eine Freude festzustellen, wie der Frauenchor unter seinem gewinnenden Leiter, all die bedeutenden Schwierigkeiten der vorgetragenen Werke meisterte und technisch leicht mit ihnen fertig wurde. Aber nicht in dieser äußerlichen Leistung liegt wohl der Hauptwert, sondern in dem ausdrucksvollen Vortrag, der Zartheit und Seele vermittelte. Das war es ja gerade, was die Schule erreichen will. Man hörte nicht nur Töne und Musik, nein man empfing aus diesen Frauenstimmen freudiges Bekennen und Leben gewordene Seele. Das sagt viel, ‑ das sagt alles.

Warmer Dank muß daher den Veranstaltern und den Künstlern als Mittlern dieses Gutes erstattet werden.

Die große Zahl der Zuhörer verließ mit vollem Herzen, gepackt und ergriffen von dem Gebotenen, die Aula.

Sby.



Wuppertaler Stadt Nachrichten, 13. Januar 1936

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen (Leitung Hans Chemin-Petit, Berlin), der im vorigen Jahre hier mit großem Erfolg konzertierte, war auf seiner Konzertreise durch Mitteldeutschland auch in Wuppertal und gab Sonntagabend im Kasinosaal Elberfeld ein Konzert. Wie schon an dieser Stelle erwähnt wurde, handelt es sich bei diesem Chor um eine Vereinigung von Berufssängerinnen, die teils lehrend, teils noch in der Ausbildung begriffen sind. Den Namen trägt der Chor nach seinen Gründern, den Gesangspädagoginnen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen. Für die Gesangsmethode zu werben, auch leuchtendem Beispiel am vollendeten gesanglichen Vortrag den Erfolg zu zeigen ist der Sinn der Veranstalter. Was das vorjährige Konzert versprach, fand hier erneut überzeugende Bestätigung. Der Gesangkörper bildet eine geschlossene Einheit von einzigartiger Abrundung: Vokalisation und Atemführung sind einheitlich ausgeglichen. Diszipliniert und gleichmäßig abgetönt funktionierte die Stimmführung. Kein Ueberschreien oder forciertes Hervortreten einzelner Stimmen, wie man es sonst so häufig beobachten kann. Scharf abgegrenzt die Farbtönung bei gedeckten und halbgedeckten Vokalen. Wie die offenen Vokale in der Tiefenlage durch sachgemäße Behandlung Klang= und Tonschönheit. Der Dirigent ist bei so vorgebildetem Stimmaterial in der angenehmen Lage, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Interpretation des Kunstwerks zu konzentrieren. Alles Stimmtechnische ist im Chor gegebene Voraussetzung. Ein Idealzustand wie er allgemein vorhanden sein sollte, leider aber kaum irgendwo anzutreffen ist. Auch kaum je zu erwarten ist, solange nicht durch aufmerksame sachgemäße Schulung die Stimmen entsprechend vorbereitet werden.

Hinsichtlich der Qualität sind diese Stimmen - besonders im Sopran - durchaus nicht hervorragend. Einzig die Behandlung schafft den Erfolg, der hier von Werk zu Werk in Erscheinung trat und in den Werken der Romantiker wie dem „Elfenlied“ für Chor und Klavierbegleitung von Kempff, „Coronach“ von Schubert für Solo, Chor und Klavierbegleitung, sowie einer Komposition von Chemin-Petit „Die Nacht“ für zwei Solostimmen, Chor und Klavier Höhepunkte der Vortragskunst zeigte. Der erste Teil des Programms verzeichnete Werke von Schütz (Ihr Heiligen lobsinget), Gumpelzhaimer („Die Nacht ist gekommen“, Mit Fried und Freud“, „Ach Gott tu dich erbarmen“, „Ich dank dir lieber Herr“), Palestrina („Christe eleison“, „Pueri Hebraerum“), Orlando de Lasso (Adoramus te), Loti (Vere languoves). Die Vorträge fanden lebhaften Beifall, der die Ausführenden zu Zugaben nötigte. Um die Klavierbegleitung machte sich Hilde Rühl verdient, die außerdem die Vortragsfolge durch zwei Klaviersoli, „Suite in B-Dur“ von Händel und „Rhapsodie“ Ov. 79 r. 2 in G-Moll von Brahms, bereicherte. Auch ihr wurde dankbare Anerkennung.

-a-



Wuppertaler Zeitung, 13. Januar 1936

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen

Der unter der Leitung von Hans Chemin-Petit (Berlin) stehende Frauenchor Schlaffhorst-Andersen kam auf seiner Konzertreise durch Mitteldeutschland auch nach Wuppertal und gab im Saale der Gesellschaft Casino ein Konzert. Schon im vorigen Jahre hatte man Gelegenheit den Chor hier zu hören, und die musikalisch vortrefflichen Darbietungen sind noch in guter Erinnerung. Jetzt durfte man sich wiederum an den musikalisch hervorragenden Darbietungen erbauen. Was diesen Chor aus den Allgemeinerscheinungen hervorhebt, ist die einzigartige Behandlung des Gesanglichen als Chorklang. Die Vollkommenheit im Ausgleich der Stimmen; die, wie die Begründerinnen der Vereinigung, Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen betonen, als Resultat psychologisch-gesetzmäßiger Stimmerziehung anzusehen ist und ihre Verwirklichung erst in Verbindung mit zweckmäßiger Atemschulung finden konnte. Daraus ergibt such, daß hier nicht ein Chor von Musikdilettanten singt, sondern Berufssänger, die sich jedoch immer in gesanglich natürlichen Bahnen bewegt und nie in artistische Künsteleien abirrt. Das Stimmaterial an sich, namentlich im Sopran, ist gar nicht so hervorragend. Die Einheitlichkeit in der Wiedergabe ist es, die hier den Ausschlag gibt. Das zeigte sich nicht nur bei den Werken der alten Meister, das bekundeten auch die der romantischen Richtung angehörenden Kompositionen, die wundervoll abgetönt und auf lebendigen, den Gehalt der Dichtung vermittelnden Vortrag eingestellt gesungen wurden. Von den alten Meistern waren in der Vortragsfolge vertreten: Schütz, Gumpelzhaimer, Schein, Palestrina, Orlando die Lasso und Lotti. An neueren Werken hörte man eine ansprechende Komposition des Dirigenten Hans Chemin-Petit, für zwei Solostimmen und Chor, ein entzückendes „Elfenlied“ mit Klavierbegleitung von Kempff und ein Werk von Schubert „Coronach“ für Solo, Chor und Klavierbegleitung. Kompositionen, die dank auch ihres gewinnenden Vortrags sehr starken Beifall fanden, der durch Wiederholungen und Zugaben quittiert wurde.

Am Flügel wirkte verständnisvoll Hilde Rühl. Außer der sauber durchgeführten Begleitung bereicherte die Künstlerin die Vortragsfolge durch zwei Klaviersoli, einer Suite in B-Dur von Händel und der Rhapsodie in G-Moll von Brahms Op. 79. Auch den Klaviervorträgen wurde reicher Beifall zuteil.



General Anzeiger der Stadt Wuppertal, 13. Januar 1936

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

Der als bester deutscher Frauenchor berühmte und bekannte Schlaffhorst-Andersensche Chor, der unter der Leitung von Hans-Chemin-Petit (Berlin) steht, und uns von seinem vorjährigen hiesigen Konzert noch in bester Erinnerung ist, veranstaltete am gestrigen Abend im großen Saale des Kasinos in Elberfeld erneut ein Konzert, dem sich die Aufmerksamkeit eines großen Zuhörerkreises zuwandte. Wie schon im letzten Jahre, konnte auch diesmal der Chor durch seine außergewöhnliche gesangstechnische Schulung und seine starke Diszipliniertheit einen schönen Erfolg erringen. So hatte man die Chöre von v. Gumpelsheimer, Schütz, Palestrina, Lasso und Lotti lange nicht mehr mit einer solchen künstlerischen Reife gehört. Mit tiefem Gefühl und einem fast ekstatischen Versenken in die Klangbilder der barocken Chormusik, verstanden die Damen des Chores im besonderen Maße ihre Zuhörer zu fesseln.

Der Chorleiter Chemin-Petit erwies sich als überlegener Führer dieser kultivierten Singgemeinschaft. Feinnervig ließ er die Werke in ihrer ganzen Schönheit erstehen. Innerhalb des reichhaltigen Programms spielte Hilde Rühl die Suite B-Dur von Händel und die Brahmssche Rhapsodie op. 79. Während uns die Händelsche Suite ein wenig zu blass und trocken gespielt vorkam, sprach das Brahmssche Werk mehr an und konnte der Künstlerin für ihr technisch ausgezeichnetes Spiel starken Beifall eintragen.

Eine eigene Komposition des Chorleiters, betitelt „Die Nacht“, in der sich Lotte Bleul und Irma von Arnim als Einzelsängerinnen auszeichneten, zeigt das reife Können der Chorgemeinschaft, und auch das nun folgende „Elfenlied“ von Kempff gab den Damen Gelegenheit, die stimmliche Wandlungsfähigkeit und Ausdrucksfähigkeit unter Beweis zu stellen. Entzückt forderten die Zuhörer eine Wiederholung dieses reizenden Chores.

Mit den Schubertschen Liedern „Coronach“ und „Ständchen“ beschlossen die Sängerinnen ihr Konzert, das ihnen starken Beifall und Verständnis für ihr künstlerisches Schaffen einbrachte.

Ch.



Ch.


Bergisch-Märkische Zeitung, 14. Januar 1936

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen
Konzert im Casino W.-Eberfeld

Schon als vor längerer Zeit der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen erstmalig in Wuppertal sang, wurde hier Näheres ausgeführt über die musikerzieherischen Bestrebungen, die Grundlagen dieser Chorvereinigung sind und in der bei Celle gelegenen Ausbildungsanstalt besonders gepflegt werden. Es ist insbesondere die große Bedeutung des Atems für die Musikbetätigung, die hier beherrschend im Vordergrund steht. Und bei den Darbietungen zeigt sich auch diesmal wieder eine Disziplin  der Atembehandlung, die erstaunlich ist. Die offenbar solistische Durchbildung jeder Sängerin erzielt eine atemtechnische, klangliche und seelische Einheit des Chores, wie man sie nur selten antrifft. Sowohl beim Einsatz, bei der ganzen Durchführung der Gesänge und besonders bei dem fein gerundeten freien Ausschwingen am Schlusse tritt das überzeugend in Erscheinung. Die musikalische Sicherheit und starke innere Beteiligung der Ausführenden, die schöne Tonbildung und gute Aussprache, die Eindringlichkeit und Ausdruckskraft der Vortragsgestaltung sind weitere besondere Vorzüge des Chores. Daß der Sopran mitunter etwas härter klingen mag, hängt vielleicht damit zusammen, daß der Ton von unten her gefaßt wird. - In Hans Chemin-Petit hat der Chor einen ausgezeichneten Leiter, der die Stimmen sicher lenkt und dessen Führung, die den Gestaltungsausdruck in jedem Werke verständnis- und temperamentvoll prägt, der auswendig singende Chor mit voller Hingabe folgt.

Man bot im ersten Teil ältere Chormusik, begann mit einem Chor (mit Klavier) von Heinr. Schütz, „Ihr Heiligen lobsinget“, dem sich vier in ihrer kontrapunktischen Polyphonie feine A-cappella-Gesänge von Gumpelshaimer (einem Gefolgsmann Leonhard Lechner) anschlossen, von denen namentlich der in seiner ekstatischen Ausdruckskraft ungemein wirkungsvoll dargebotene „Ach Gott, tu dich erbarmen“ hervorgehoben sei. Auch des Thomas-Kantors Schein Komposition „Es ist das Heil uns kommen her“ (mit Klavier) hinterließ nachhaltigen Eindruck. Vier lateinische A-cappella-Gesänge bildeten den Ausklang des ersten Teils: zwei Werke von Palästrina, in denen sich nördliche Architektonik mit südlichem Klangerlebnis verbindet, die steile polyphone Architektur eines „Adoranus te“ des Niederländers Orlando di Lasso, und das aus späterer Zeit stammende „Vere languores“ des Italieners Lotti, durch Reinheit und edles Maß auszeichnet.

Nach diesen in ihrer polyphonen Struktur vortrefflich wiedergegebenen älteren Werken, kamen im zweiten Teil des Abends noch einige klavierbegleitete moderne Werke zum Vortrag, u.a. eine Komposition des Chorleiters Hans Chemin-Petit: „Die Nacht“, eine das Prinzip der Linearität mit fast romantisch anmutenden Klangwirkungen verbundenes Werk, dessen nicht geringe Schwierigkeiten gut bewältigt wurden, ferner das reizvolle „Elfenlied“ von Kempff, das so starken Beifall fand, daß man es wiederholen mußte, sowie (auf Wunsch) zum Schluß noch zwei Schubertsche Gesänge, von denen „Coronach“ in seiner Darlegung einer der besten Chorleistungen des Abends war. Nach Schuberts „Ständchen“ war der Schlußbeifall so anhaltend und herzlich, daß man sich noch zu einer Zugabe verstehen mußte.

Am Flügel wirkte bei den klavierbegleiteten Gesängen Hilde Rühl erfolgreich mit, die auch solistisch Händels B-dur-Suite und Brahms g-moll-Rhapsodie spielte. Der klare, aber etwas harte Vortrag der technisch gut gebildeten Pianistin blieb ohne persönliche Note und vermochte nicht recht zu erwärmen. Bei einigen Gesängen traten aus dem Chore Lotte Bleul und Irma von Arnim wirksam solistisch hervor.

Kbg.



Westfälische Zeitung, Bielefelder Tageblatt, 15. Januar 1936

Frauenchor Schlaffhorst-Adnersen
Konzert in der Eintracht

Hindemith, Kuhlenkampf, Kempff, Chemin-Petit ... eine Reihe zeitgenössischer, vorklassischer, klassischer und romantischer Werke ‑ das etwa wäre ein flüchtiger Auszug aus der ersten Konzertwoche des neuen Jahres. Man müßte viel Platz und Muße haben, wollte man das alles auch nur einigermaßen erschöpfend würdigen. Begnügen wir uns heute mit dem Profil eines jungen Dirigenten, es ist charakteristisch genug.

Hans Chemin-Petit, trotz seines französischen Namens ein Deutscher, der 1902 in Potsdam geboren wurde, gehört zunächst einmal als Komponist zu den Zeitgenossen, die uns wirklich etwas zu sagen haben. Seine Kantaten und Motetten sind mit starkem Erfolg in der Reichshauptstadt uraufgeführt worden. Als Dirigent gehört er zu den bevorzugten Stabführern der Berliner Philharmoniker. Er leitet auch ‑ wir sahen es gestern ‑ den Frauenchor Schlaffhorst-Andersen. (Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst gründeten 1916 die Rotenburger Atemschule, die sich, wenn ich recht orientiert bin, seit 1926 in Hustedt bei Celle befindet). Chemin-Petit hat als Chordirigent nicht nur eine starke und sichere Musikalität, er hat auch die entschiedene Souveränität eines Künstlers, der ein so heikles Instrument ‑ wie es ein kleiner Frauenchor nun einmal ist ‑ zu führen unternimmt. Manches Gestische steht vielleicht noch nicht in urtümlichem Zusammenhang mit dem musikalisch Notwendigen. Wir können auch nicht jede ‑ meinetwegen elegante ‑ Pose als starke, elementare Aeußerung künstlerischer Erschütterung deuten. Aber das, was unmittelbar zu dieser Erschütterung hinführt ‑ die Steigerung des Affektes und die Steigerung des Effektes ‑ das ersteht unter des Dirigenten Hand im Ganzen meisterlich.

Wie gesagt: der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen legt entscheidenden Wert auf richtiges Atmen. Durch recht geleitete Regulierung des Ein- und Ausatmungsstromes bekommt eine Stimme lange Tragfähigkeit und Farbe. Sie bleibt vor allem leistungsfähig. Wie viel auf diesem Gebiete gesündigt wird, davon kann man sich Abend für Abend in den Opernhäusern überzeugen. Edmund Joseph Müller, ein ausgezeichneter Stimmpädagoge, hat einmal gesagt: Beim Singen benötigt man nicht den ganzen möglichen Luftvorrat. Wir werden daher beim Singen weder die Lungen ganz voll schöpfen noch auch beim Ausatmen sie ganz entleeren. Auf diese Weise werden übermäßige Verkrampfung, Halsdruck und harter Stimmeinsatz vermieden und der Hals wird geschont. Das Singen ist keine Angelegenheit robuster Kraft, sondern der Oekonomie, der Resonanz ‑ der Kunst.“

Die 16 Damen, die gestern im Eintrachtsaal sangen, sind bestimmt keine überdurchschnittlichen Stimmträgerinnen. Aber sie wissen um das Geheimnis des Atmens, das wiederum den Kehlkopf erzieht. So gelangen sie zu einer Deutlichkeit des Singens, zu einem Ausgleich des Vokalischen und des Konsonantischen, der vieles von dem ersetzt, was den Darbietungen an musikantischer Frische abgeht. Sie sangen ‑ und ihr Singen ist gleichzeitig: Sagen ‑ Chöre von Schütz und Gumpelzhaimer, von Schein, Brahms, Schumann und Schubert. Der Vortrag war - bis auf mehrere unpräzise Einsätze ‑ geschliffen im Technischen, verhalten im Klang. Am Flügel begleitete etwas eintönig: Hilde Rühl. Sie spielte Händel (Suite in B-Dur) und Brahms (Rhapsodie ‑ G-Moll) mit hartem Zugriff, doch niemals klar in den Konturen, was wohl durch die ausgiebige Benutzung des Pedals bedingt war.

Der Eintrachtsaal war sehr gut besucht. Es gab Beifall und Zugaben, jedoch erst zum Schluß, als sich die Hörer an den allzu verfeinerten Klang des Chores gewöhnt hatten.



Bielefelder General-Anzeiger, 15. Januar 1936

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen
Eintrachtsaal Bielefeld

Ein Chor von sechzehn Damen, davor ein junger Dirigent: der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen unter Hans Chemin-Petit. Was hat es besonderes auf sich mit diesem Chor? Denn eine Besonderheit ist es, ganz ohne Frage. Als Gründung von Frau Schlaffhorst-Andersen, die als Lehrerin für Atemtechnik in Sängerkreisen im ganzen Reich einen bedeutenden Ruf besitzt, stellt er eine strenge Auslese dar, was Stimmaterial, Musikalität und technisches Können anlangt. In Hans Chemin-Petit, der sich auch als Orchesterleiter in Berlin schnell durchgesetzt hat, besitzt er einen Dirigenten, der mit seltener Feinfühligkeit der geistigen Substanz eines Werkes auf den Grund zu gehen versteht. Man kann nicht anders sagen, fanatischen Gefolgsbereitschaft. Das geht weit über Musizieren im landläufigen Sinne hinaus. Ja, es birgt sogar die Gefahr in sich, daß die Musik nicht mehr als unmittelbare Lebensäußerung wirkt, sondern ‑ dieser Eindruck mag falsch oder richtig sein ‑ als eine mystische Verzücktheit von allzu empfindsamer Exklusivität. Und dieser Gefahr entgeht der Chor in der Tat nicht. Trotz aller Beseelung, die sich bis in die unscheinbarsten Wendungen einer Nebenstimme erstreckt, trotz aller Kultur ‑ man empfindet es als allzu überfeinert.

Vielleicht noch nicht einmal so sehr bei den Chören der deutschen Renaissancemeister (Schütz, Gumpelzhaimer, Schein), obwohl auch diese geistlichen Gesänge eine stärkere seelische Gradlinigkeit voraussetzen. Um so mehr tritt es bei den Romantikern in Erscheinung, die zwar eine diffizilere Phrasierung vertragen, die jedoch auf seltsame Art entsinnlicht wurden: Brahms mit seinem „Ave Maria“ und seinen Jungbrunnenliedern, Schumann vor allem, dessen beherzte Lyrik aller Volksliedhaftigkeit entkleidet war. Bei Schubert, besonders in dem mit schwingender Grazie zum Klingen gebrachten „Ständchen“, stellte sich wieder eine unmittelbare Wirkung ein, auf die das übrigens sehr zahlreiche Publikum, das sich nur langsam erwärmte, spontan reagierte. Es bleibt vom ganzen Abend der Eindruck unerhörtesten Wohlklangs, großen Könnens und einer unleugbaren, aber etwas abseitigen musikalischen Kultur.

Die junge Pianistin Hilde Rühl, die zu der Folge zwei Klaviersoli zusteuerte, konnte nicht ganz von ihrer technischen und geistigen Reife überzeugen. Litt schon die Händel-Suite in B-dur unter der laxen Pedaltechnik und gewissen Hemmnissen in der Gestaltung, so noch mehr die G-Moll-Rhapsodie von Brahms, deren Vortrag man nicht als aufführungsreif bezeichnen konnte.

H. O. R.



Osnabrücker Zeitung, 15. Januar 1936 [maschschr. Abschrift]

Dem Frauenchor Schlaffhorst-Andersen geht ein ausgezeichneter Ruf voraus und überdies ist er in Osnabrück noch in gutem Andenken. So hatte sich trotz der etwas ausgefallenen Vortragsfolge am Montag abend in der Marienkirche eine recht ansehnliche Gemeinde zusammengefunden. - Übrigens ausgefallene Vortragsfolge: Gewiß, es waren musikalische Leckerbissen, alte, seltene, A-cappellachöre von Palestrina, Lasso, Lotti, Verdi in lateinischer und italienischer Sprache, die aber letzten Endes doch nur einem kleinen Kreis Musikkundiger Wesentliches zu sagen haben. Die rechte Erbauung und den vollen Genuß für jeden vermögen diese fremdsprachigen und kunstvollgebauten Gesänge nicht zu geben. und gerade für einen so hervorragenden Klangkörper, wie es dieser Frauenchor ist, sollte es vornehmste Aufgabe sein, jedem seine Kunst verständlich zu vermitteln. Wir haben schließlich gute und einfache geistliche Komponisten genug.

So konnten auch die vier geistlichen Lieder des Bayern Gumpelzhaimer am besten gefallen. Teilweise bekannte geistliche Texte und schlichte, herrliche Melodien kamen bei der tiefen Musikalität und der ausgeglichenen und mühelosen Aussprache dieses Chores zu schlechthin vollendeter Wiedergabe und damit zur tiefen Wirkung auf den Hörer. Selbstverständlich standen die Darbietungen der lateinischen und italienischen Gesänge auf gleich hoher künstlerischer Stufe. Vor allem das Verdische „Vergine madre“ zeigte feinstes Stilgefühl und wunderbare Klangeinheit. - Man hatte hier wie auch bei den Werken von Palestrina, di Lasso, Lotti und Brahms trotz der geringen Besetzung den Eindruck einer orchestralen Geschlossenheit, die die Schlußakkorde in zauberhaftem Piano verklingen ließ. Und es ist immer wieder erstaunlich, was hier die sichere Führung und intensive Arbeit des fähigen Musikers und Dirigenten Hans Chemin-Petit an musikalischer Vortragskunst herauszuholen versteht.

Günter de Witt spielte einige Orgelsolis: so Choralvorspiele von Pachelbel, dem vorbachischen süddeutschen Orgelmeister, der jedoch in seinen Vorspielen und Variationen Bach schon recht nahe kommt. - Weiter eine Ciacona von Buxtehude und Choralvorspiele von Brahms. Alle seine Vorträge zeichneten sich, wie immer, durch mühelose Technik aus, waren von vollendeter Werktreue, konzentriert, künstlerisch und echt

Dr. D.



Neue Volksblätter Osnabrück, 15. Januar 1936 [maschschr. Abschrift]

Durch sein kultiviertes Singen im Schloss-Saal machte im Herbst 1934 auch in O. der aus der bekannten Heideschule in H. hervorgegangene Frauenchor Schl.-A. aufhorchen. Wenn er dies Mal  die weiten Hallen der Marienkirche ausersehen hatte, um aus dem weiten Gebiet der Kirchenmusik einige auserwählte Werke für Frauenchor zur Aufführung zu bringen, so gewann ich den Eindruck, dass akustisch der Schl. Saal damals doch wohl die stärkere Wirkung ermöglichte. Die Zusammenstellung der Vortragsfolge - im wesentlichen Meister aus der Vorbachzeit - bewies, daß es der Vereinigung nicht zu sehr auf Effekt, als auf den Feingehalte der Werke ankam. Auch dies Mal wieder imponierte das tadellose Stimmaterial und die Einheitlichkeit und Geschlossenheit des Zusammenklanges, imponierte zugleich die feinsinnige Art, wie H. Ch. P. als Dirigent alle Feinheiten u. Klangmöglichkeiten herausarbeitete. Die alten Sachen von Palestr., Lasso, Lotti, sämtlich gottesdienstliche Sätze, wurden mit ausgesuchter Zartheit u. feinstgeschliffener Form gesungen. Besonderes Interesse erregten 2 alte im Kirchenstile gehaltene Motetten v. Brahms. Stärksten Eindruck durch seine modernen Harmoniegänge hinterließ der Chor „Vergine madre“. Den gehaltvollen Anschluß bildeten 4 geistliche Lieder v. Gumpelzhaimer, deren Vortrag die Tüchtigkeit des Frauenchores nochmals in vollem Lichte herausstellte.

K.



Leipziger Neueste Nachrichten, 17. Januar 1939

Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

Unter den Vereinigungen, die sich der Pflege alter Musik verschrieben haben, steht der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt an führender Stelle. Wie ein Abend im Landeskonservatorium aufs neue zeigte, werden hier unter der Leitung von Professor Friedrich Högner wertvolle alte Sätze in einer Stilklarheit geboten, die erkennen läßt, daß den Mitgliedern des Chores diese Kunst über das musikalische Erlebnis hinaus zum Ausgangspunkt eines eigenen Lebensstils, ja, zum Lebensinhalt geworden ist. Die Erziehung in der Schule gibt den 16 schönen Frauenstimmen eine ausgeglichene Einheitlichkeit des Klanges, die in ihrer edlen, sammetweichen Fülle einzigartig ist. Die Kultur der Aussprache läßt auch im polyphonen Satz kaum ein Wort verlorengehen, und die musikalische Ueberlegenheit dieses Singens erweist sich daraus, daß auch die schwierigsten Sätze mühelos ohne Notenblatt beherrscht werden. So durchschreitet in still leuchtender Schönheit die Liederfolge einen ganzen Jahreskreis, und zwischen die Sätze der alten Meister fügen sich dabei auch Gesänge zeitgenössischer Komponisten ohne Zwang ein, die, wie Armin Knab oder Walter Rein, auf den Stil längst vergangener Zeiten zurückgehen.

In schönem Gleichklang des künstlerischen Wollens gaben Vorträge der „Leipziger Vereinigung für alte Kammermusik“ dem Programm das instrumentale Gerüst. in der E-dur-Sonate für Flöte und bezifferten Baß beherrschte der wundersam entrückte Flötenton Carl Bartuzarts, im Vortrag fein und geistig eingesetzt, das Feld. In einer Gamben-Sonate von Karl Friedrich Abel, dem „letzten Gambisten“, der noch unter Bach dem Thomanerchor angehört hat, ließ Christian Klug sein herrliches Instrument in schlackenfreiem, adeligem Schönklang erstrahlen. Wie hier, so führte auch in dem E-dur-Konzert von Telemann mit seinen köstlich musizierenden Ecksätzen und einem kühn geformten, inhaltreichen Zwiegespräch der Instrumente im Mittelteil Friedrich Högner den Cembalopart mit einer Meisterschaft durch, die Stilwollen und Erlebniskraft im gleichen Maße auszeichnen.

Dr. Waldemar Rosen.



[Leipzig, Januar 1939]

Konzert des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen

Gestern abend veranstaltete der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen (Hustedt bei Celle) in der Musikhochschule ein gutbesuchtes Konzert, das zu einem glänzenden Erfolg führte. Der Chor geht, - wie bereits berichtet - aus einer Schule für Atem-, Sprech- und Gesangskunst hervor, die den Grundsatz vertritt, daß die Atem- und Stimmtätigkeit die lebenswichtigsten Funktionen des Menschen sind. Als hauptsächlicher Erzieher zur Kunst gilt in Hustedt der Chor, der als Vertreter und Vermittler der gesamten, in aller Stille geleisteten Arbeit zu betrachten ist.

Die Leistungen des Frauenchors waren ganz überragend. Im allgemeinen besucht man mit gewissen Bangnissen Frauenchorkonzerte. Wenn sie nicht ganz kultiviert aufgezogen sind, ist der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen leicht getan. Gestern aber ging man ganz beglückt nach Hause. Die 16 „konzertierenden“ Damen boten schon rein visuell ein äußerst vornehmes Ensemble, das ganz der Kunst hingegeben, in seiner Aufgabe restlos aufging. Sie sangen die vielen Lieder auswendig, und das allein bedeutete schon eine ungewöhnliche Leistung.

Freilich steht dem Chor in dem Dirigenten Prof. Friedrich Högner (München) eine überragende Persönlichkeit vor, auf die er stolz sein kann. Wir kennen den 1897 geborenen Prof. Högner als hervorragenden Orgelvirtuosen und Wissenschaftler, dem offenbar die Chorarbeit in Hustedt viel Freude bereitet. Die Mühe wird ihm hier insofern erleichtert, als alle über ganz Deutschland verbreiteten Mitglieder, die sich nur zweimal im Jahr zu kurzen Chorübungenszwecken in Hustedt treffen, die gleiche stimmliche Ausbildung haben. und die muß - wie man gestern hörte - vorbildlich sein. Die Güte der Darbietungen steigerte sich von Nummer zu Nummer und nahm geradezu ideale Formen an. Bei allen Mitgliedern schwebt der Ton absolut frei und gelockert wie auf einem gleichschwingenden Resonanzboden, man hört kein Pressen und Unreinsingen: die Vokalisation ist einwandfrei, die klingenden Konsonanten erhöhen die gelöste Klangwirkung. Deshalb ist die Aussprache tadellos, der Chorklang erhebt sich meist in ätherische Schönheit.

Für die künstlerische Werthaftigkeit sorgte natürlich Prof. Högner, der dem Chor nicht mehr zumutet, als er leisten kann. Er schöpft den Stimmungsgehalt der Gesänge restlos aus und stellt eine Vortragsfolge auf, die hohes Interesse erweckt; sie trägt das Motto: „Musik im Jahreskreis“ und durchläuft den Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in dem sie zum „Eingang“ und „Beschluß“ noch einige Lieder dazu nimmt. Zum größten Teil werden alte, aus der Vor-Bachzeit stammende polyphone, herrliche Madrigalsätze gesungen; von neueren Komponisten sei nur Armin Knab genannt, dessen „Drei Laub auf einer Linden“ wiederholt werden mußte. Wie überhaupt der Beifall immer stürmischer wurde und zu einem wahren Orkan anschwoll.

Er galt auch der vorzüglichen „Leipziger Vereinigung für alte Musik“: Prof. Friedrich Högner (Cembalo), Konzertmeister Christian Klug (Viola da Gamba) und Kammervirtuos Karl Barzutat (Flöte), die mit Werken von J. S. Bach, K. Fr. Abel und S. Th. Telemann mit Recht begeisterte Zustimmung fanden. Wir lernten in Christian Klug einen vollendeten Meister der Viola da Gamba kennen, wie wir ihn in der Leichtigkeit, Schönheit und Reinheit der Tongebung noch nicht erlebten. Der freischwingende Flötenton Karl Barzutats ging den Ohren angenehm ein; die erlesene Cembalokunst Högners braucht nicht in nähere Beleuchtung gesetzt zu werden. Das Cembalo stammte von Gebr. Ammer in Eisenberg, die wundervolle Gambe von Joachim Tilke (Hamburg) aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.

Dr. Otto Reuter.





Ende Chor-Kritiken
 

 


Frauenchor Schlaffhorst-Andersen

 

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