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Chor-Kritiken
Chorkritiken
(Korrekturen von Heidi Noodt,
Jan. 2010)
1927 12 Gießen: Weihnachtssingen
1928 08 02 Volksliederabend
1928 08 03 Konzert
1928 08 04 Kirchenkonzert [Buxtehude, Bach; le
Maistre: Ein feste Burg ist unser Gott; Bach: Komm, süßer Tod; H.L. Hasler:
Christ ist erstanden; Bach: Ich hatte viel Bekümmernis / Mein gläubiges Herze;
Schubert: Sanctus]
192? .. .. (Otto Volkmann, Osnabrück)
1930 05 (15) Hamburg (Volkmann) [Pergolese, Schubert,
Schumann, Haydn; Goethe, Schiller, C.F. Meyer]
1932 12 [14] Celle [Orlando di Lasso, Bertalotti,
Prätorius, Haydn, Bach, Brahms, Gumpelzhaimer, Schein, etc.]
1933 05 03 Breslau [mittelalterliche Lieder; Gesänge
von Schuhmann und Brahms: Der Bleicherin Nachthemd / Der Wassermann /
Märznacht; Volkslieder]
1933 05 05 Oels, Gymnasium [u.a. Brahms: Ave Maria;
Schumann: Wassermann; Brahms Braut / Und gehst du über den Kirchhof; Märznacht;
Baccarole; Volkslieder]
1933 05 (10) Schweidnitz [geistliche Lieder, Lieder von
Schubert, Schumann, Brahms und Volkslieder]
1933 05 (09) Namslau [u.a. Die Bleicherin; Der Wassermann]
1933 05 (12) [Sonntag]
Glatz [Pergolese: Stabat mater dolorosa; Christ ist erstanden (12./16. Jh.);
Mainz 1605: Es sungen drei Engel; Schein: Es ist das Heil uns kommen her;
Schubert: großes Haleluja / Gott meine zuversicht (op. 132); Schumann: Der Bleicherin
Nachtlied / Wassermann / Die Tambourschlägerin; Volkslieder: All mein’ Gedanken
/ Es flog ein klein' Waldvögelein / Gestern im Mondenschein / Loblied auf die
Leineweber / Abendlied]
1933 05 11 Jauer [u.a.: Pergolese: Stabat mater;
mittelalterliche Gesänge; Schubert: Großes Halleluja; Brahms und Schubert:
weltliche Lieder; Volkslieder]
1934 04 11 Dresden, Harmonie (Ch.-P.) (Chemin-Petit als
Dirigent)
1934 04 25 Kiel, Universitätskirche (Ch.-P.)
[Pergolese: Stabat mater; Schütz: Ihr Heiligen lobsinget; Schein: Es ist das
Heil; Bach: Das Gesetz des Geistes]
1934 10 01 Bonn
1934 10 (3) Barmen
1934 10 (4) Frankfurt
1934 10 (6) Osnabrück (Ch.-P.)
1935 04 03 Dessau, Altes Theater (Ch.-P.)
1935 04 (03) Leipzig, Landeskonservatorium (Ch.-P.)
1936 01 (10) Clausthal-Zellerfeld
1936 01 (15) Osnabrück (Ch.-P.)
1936 01 12 Wuppertal (Ch.-P.)
1936 01 14 Bielefeld, Eintrachtsaal (Ch.-P.)
1939 01 (17) Leipzig, Landeskonservatorium (Hö) (Prof.
Högner als Dirigent)
.....,
20.12.1927
Aus
der Provinzialhauptstadt
Gießen, den 20. Dezember 1927
Ein Chor Rotenburger Schüler
Ein Chor Rotenburger Schüler
sang am Freitag in der Stadtkirche alte Weihnachtsweisen. Es wurde durch diesen
Frauenchor der Rotenburger Schüler eine rechte Vorbereitung auf Weihnachten gebracht.
Das war ein frisch-fröhliches Musizieren, an dem Sebastian Bach seine helle
Freude gehabt hätte. Kaum jemand wird jemals einen so kleinen Chor (14
Frauenstimmen) von so stark schwingenden Tönen und so guter Sprache gehört
haben. Es waren eben keinerlei abgeklemmte Stimmen, sondern frei schwebende
Töne von frei atmenden Menschen. Dazu eine Sprache, die man nur mit dem Wort
„deutsche Sprache“ bezeichnen kann. Die bange Frage in den wahrhaft aus dem
Herzen gesungenen Lied „Liebster Herr Jesu, wo bleibst du so lange?“, war
wirklich bange. Im Wort Strahl im letzten Teil des Liedes: „Es blühen die Maien“
war ein leuchtender Strahl. „Es steigt die Sonn’ vom Himmelssaal, und neigt
sich auf einen Stall, die Engel singen all“: das waren Worte von unendlicher
Kraft und Schönheit, weil nichts aus ihnen gemacht wurde, sondern nur weil sie
lebendig wiedergegeben wurden. An diesem Abend waren endlich einmal Liedertexte
für die Zuhörer überflüssig.
Der Sopran-Solo konnte
leider trotz seiner luftigen und freien Töne oft die Tonhöhe nicht halten und
wirkte etwas matt, wurde aber durch die warme, schöne Altstimme vorteilhaft
gestützt. „Erfreue dich, Himmel und Erde“, war eine mächtige Leistung der
Altstimme. Einzelne Chöre kamen trotz sorgfältiger Ausarbeitung nicht zu ihrer
vollen Geltung, weil es ihnen teilweise noch an Modulationsfähigkeit fehlte.
Dafür wurde man durch die wahre Fröhlichkeit, Naturkraft und Innigkeit in den
vollkommen gesungenen Liedern „Still, weils Kindlein schlafen will“, „Kommet,
ihr Hirten“, „Es blühen die Maien“ und „Lieb Nachtigall, wach auf“, ganz
entschädigt. In welchem Zuhörer frohlockt nicht jetzt noch weiter das
natürliche und musikalische Leben, mit dem das Lied von der Weihnachtsnachtigall
gesungen wurde. Einen besonders tiefen Eindruck hat das Sprechen der Weihnachtsgeschichte
gemacht.
Es ist schön, daß ein Chor
Rotenburger Schüler jetzt beginnt, auch der Oeffentlichkeit an der intensiven
Arbeit ihrer Schule an echtem Sprechen und Singen teilnehmen zu lassen. Etwas,
worauf man schon lange hofft, eine Erneuerung und Weiterentwicklung der
Gesangskunst im Sinne echter deutscher Sprache, war hier zu hören. Man darf zum
nächsten Jahre wieder ein solches Weihnachtssingen wünschen.
N.
Cellesche
Zeitung, 6. August 1928
Die
Konzerte der Rotenburger Schule.
Wer zum ersten Male die
musikalischen Leistungen der Rotenburger Schule hört, dem wird es wohl so
ergehen wie mir. Herr Professor Franz sagte im Verlauf der Tagung: „Es ist
nicht nur Luft was wir einatmen“. Ich muß ergänzen: „Es ist auch nicht nur
Luft, was wir ausatmen. Und das, was die Schülerinnen der Rotenburger Schule
durch den Ton ausatmen, ist noch ganz etwas anderes, als was wir Fernstehenden
ausatmen. Ich habe schon viel Musik, viel Gesang gehört, und selbst schon viele
Chöre geleitet, aber was hier an Tongebung vollbracht wurde, hat mich Tränen
gekostet. Ich weiß noch nicht woran es lag, daß ich mich die
Tongebung der Sängerinnen so ergriff, ich fühlte nur eine Kraft auf mich
einströmen, die mir noch fremd war, die aber das war, was ich vom Gesangston erwarte
und schon lange suche.
Eigentlich müßte ich über
die ganzen Gesangsleistungen die letzten Worte, die im Kirchenkonzert gesungen
wurden, „Und deine Hand war über mir“, setzen.
Es war wirklich so, als
schwebe über allen Darbietungen eine unsichtbare Hand, eine Kraft, die wir alle
fühlen und mit Worten nicht nennen können.
Den stärksten Eindruck hat
auf mich der Volksliederabend gemacht. Hier wetteiferten die Chordarbietungen
mit Einzelgesängen der Schüler in glücklichster Uebereinstimmung und
Abwechselung. Wer die edle, ideale natürliche Tongebung einer Grete Ottmer,
Elisabeth Prinzessin zu Solms-Lich, Liese Vollmer, Lotte Draudt, Wilma Kaiser
und Heloise Huchzermeyer gehört und die vier Stimmen im Quartett
„Nachtigallengesang“ in sich aufnehmen durfte, der kann sich wahrhaftig glücklich
schätzen. Das Duett „Ich ging durch einen grasgrünen Wald“, gesungen von Wilma
Kaiser und Ilse Toepfer mußte wiederholt werden.
Es war überhaupt zu
bewundern, welche Frische in den Stimmen noch nach der größten Anstrengung lag.
Anstrengung gibt es für die „Rotenburger“ wohl gar nicht. Ob sie singen oder
springen, es ist alles gleich: Leben, beschwingter Odem ist alles!
Im zweiten Konzert am Freitag,
dem 3. August, litt Frl. Ilse Toepfer, der sonst nur Gutes nachgesagt wird,
wohl an einer Indisposition, die sich leider so verschlimmerte, daß ihre
Gesänge im Kirchenkonzert ausfallen mußten. Das war sehr schade, denn dann wäre
die in der Vortragsfolge vorgesehene Abwechselung zwischen Chor- und
Einzelgesängen noch mehr zur Geltung gekommen. Sehr geschickt waren zwischen
die gesanglichen Darbietungen im zweiten und dritten Konzert die Sprechchöre
eingeflochten.
Fräulein Anita Grauding
brachte mit ihrer Schar sehr anerkennenswerte Wirkungen zustande, die in den
Doppelchören aus der „Braut von Messina“ den Höhepunkt erreichten.
Das zweite Konzert litt
etwas an der unfreiwilligen Verlängerung der Vortragsfolgen am Nachmittag.
Desto mehr war die Frische der Ausführenden zu bewundern, die nach vier Stunden
immer noch gerne Wiederholungen geboten hätten. Ich hatte das Empfinden, als hätten
sie sich erst richtig eingesungen. Trotzalledem hinterließ mir daßs
zweite Konzert den schwächsten Eindruck, wenn auch die Chöre ganz ausgezeichnet
klangen. Lag es in der großen Kraft des Volksliedes, das am Tage vorher mich so
mächtig gefangennahm? In den Einzelgesängen kämpfte Frl. Ilse Töpfer mit ihrer
Indisposition, besonders in den Gluckschen Arien aus „Orpheus“. Besser gelangen
ihr die Schubertschen Gesänge „Der Tod und das Mädchen“ u. „Aufenthalt“. Frl.
Wilma Kaiser sing[!] mit sichtlicher Freude drei Lieder von Mozart, während
Frl. Gertrud[!] Schümann und Frl. Frida Herholz Lieder von Robert Schumann fein vortrugen.
Einen vornehmen Ausklang der
ganzen Tagung bot das Kirchenkonzert. Schon die feierliche Stimmung in der
herrlichen Stadtkirche und die Orgelklänge der alten Meister Buxtehude und Joh.
Sebastian Bach waren imstande, den ganzen Tagungsausklang zu einem „Dankliede“
zu gestalten. Wenn auch die polyphone Satzweise des „Schutz- und Trutzliedes“:
Ein feste Burg ist unser Gott“ von le Maistre nicht so die elementare Wucht des
Chorales durchdringen ließ, wie wir sie vom homophonen Satze gewohnt sind, so
gelang der polyphone Satz in „Komm, süßer Tod“ von Joh. Sebastian Bach und
„Christ ist erstanden“ von H.L. Hasler desto besser. Sehr gut sang Fräulein
Frida Herholz, die beiden Bachschen Gesänge: „Ich hatte viel Bekümmernis“ und
„Mein gläubiges Herze“. Franz Schuberts Chöre sind Perlen der Chorliteratur.
Das „Sanktus“ hinterläßt, auch nur von Frauenstimmen gesungen, einen tiefen
Eindruck: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr ‑ ‑„. Wir haben seine Heiligkeit
und Größe empfunden in der Gnade des kostbaren Odems, den die Sängerinnen uns
in Tönen übermitteln durften.
Unvergeßlich wird mir das
strahlende, beglückte Angesicht von Fräulein Klara Schlaffhorst bleiben, die
als leitende Kraft der ganzen Tagung das göttliche Geschenk des Odems in sich
aufzunehmen wußte und lebensprühend Freude ausbreitete wie eine Heilige. Wie in
Verklärung strahlten ihre Augen im Genusse der schönen Kunst-Musik und des
Odems, den sie im Kreise ihrer singenden und springenden Schülerschar einsog.
Ihr und ihrer unermüdlichen Mitarbeiterin Frl. Hedwig Andersen gebührt Lob und
Dank für die Mühe und Arbeit, die sie geliefert haben. Aber auch der musikalische
Leiter, Herr Studienrat Schmidt und die Pianistin Frl. Waege aus Berlin
verdienen volles Lob für ihre ausgezeichneten künstlerischen Leistungen. Und
wenn, nach eigenem Ausspruch der Veranstalter, noch nicht alles, was dargeboten
wurde, als künstlerische Volleistung zu betrachten war, so können wir uns heute
schon auf die nächste Tagung freuen, denn da wird wieder ein Fortschritt zu
verzeichnen sein,. der eine Sache
der Vollendung entgegen bringt, deren Auswirkung für unser deutsches Volk noch
gar nicht abzusehen ist.
Emil
Kühnel, Görlitz
(um
1930)
Konzert des Frauenchores der
Rotenburger Schule. In seinem Werk „Wege und Ziele des Volksgesanges“ (Max
Hesses Verlag) hat Alfred Guttmann den Satz an die Spitze gestellt, daß „das
gesamte künstlerische Niveau“ der Volksmusik seit langem stetig sinkt“. Die Krisenerscheinungen,
die heute in der zunehmenden Mechanisierung und Industrialisierung der Musikpflege
auch den Begriff der Volksmusik (in ihren verschiedenen Auswirkungen als Haus-,
Schul- und Liebhabermusik) ernstlich bedrohen, haben dazu geführt, daß ‑ wir
stehen ja mitten in diesen Strömungen drin ‑ immer erneute Bestrebungen, diesem
Gebiet der Musik als Fundament der Musikkultur wieder neue Triebkräfte und
Stützen zuzuführen. In diese Zielrichtung gehört auch die Rotenburger Schule
für Atem- Sprech- und Gesangskunst, die ihren Sitz in Hustedt bei Celle hat und
die sich gestern mit einem Frauenchor in den Ergebnissen ihrer Arbeit
vorstellte. mMan weiß, welche
fleißige und vielfach erfolgreiche, meist im Verborgenen blühenden Arbeit heute
die Schul- und Jugendmusikgemeinden in kleineren und größeren Orten
Deutschlands leisten; die Rotenburger Schule aber (übrigens keine Neugründung,
sondern im Gegenteil eine Schule, die auf eine alte, plötzlich „aktuell“
gewordene Ueberlieferung zurückblicken kann) schlägt wieder, wie aus den
einleitenden Bemerkungen ihrer Leiterin und Gründerin, Clara Schlaffhorst, hervorging,
wieder einen anderen Weg ein: sie will ein naturgemäßes Singen auf einer
Grundlage erzielen, die Atem und Stimmbehandlung, mit Einschluß der
Sprechkunst, gleichviel ob es sich um gutes, schlechtes oder krankes
Stimmaterial handelt, als tiefere Kräfte (theosophische Lehren?) von Seele und
Geist, vom Weltganzen und Ich faßt. Atem und Stimme werden hier im Zusammenhang
mit der Seele als metaphysisches Organ, in ihrer Verknüpfung mit Gesamtgesetzen
des Lebensrhythmus und der Persönlichkeitsentwicklung behandelt. Das Geheimnis,
wie und in welcher Form sich diese schöne, zunächst abstrakt klingenden Gedanken
in praktische Ausbildungsarbeit umsetzen, bleibt dem Zuhörer verborgen; er muß
sich an das halten, was er hier an tatsächlichen Ergebnissen vorfindet. und das
vermag ‑ da es hier nicht besondere Kunstwert der Leistungen, das
ästhetisierende Moment der Wirkung, sondern das Erziehungsresultat in Frage
kommt ‑ durchaus erfreulichen Eindruck zu hinterlassen. Der kleine Frauenchor
der jetzt unter der künstlerischen Leitung von Musikdirektor Otto Volkmann
(Osnabrück), einen feinsinnigen, zielbewußten Musiker, steht, singt relativ
schwierigere Chöre von Schubert, Pergolese, Cherubini mit schöner Exaktheit und
Verläßlichkeit der Ausführung, mit einer natürlichen Leichtigkeit der
Tonbildung, die den Tonstrom ungezwungen und ohne jede methodische Verkünstelung
in Klang und Ausdruck umleitet. Das ist ein Singen, das hinter dem Programm der
Schule in keiner Weise zurückbleibt: frisch, erquickend, ein Stück Natur, echte
und rechte Gemeinschaftskunst der Chormusik, an der Zuhörer und Ausführende
gleiche Freude haben können. Es spricht nur für das Niveau der bereits
erreichten Leistungen, daß für den Chor, der in Sprechdarbietungen von Dichtungen
Goethes, Schillers und C. F. Meyers ähnlich gute Eindrücke erzielen konnte,
rein kunstmäßige Wirkungen ‑ Natur kann hier zur Kunst werden! ‑ durchaus in
greifbare Nähe gerückt sind. Der gute Besuch des Konzertes bewies, welch reges
Interesse man heute allen diesen neuen Bestrebungen einer neuen
Gesangspädagogik des Chorwesens entgegenbringt.
M.
Br.-Sch.
(um
1930)
Der Frauenchor der
Rotenburger Schule, die in stiller Heideeinsamkeit bei Celle segenspendende,
erzieherische Arbeit leistet, trat hier an die Oeffentlichkeit, um ein Bild
dieses Wirkens zu geben. Einleitend sprach Clara Schlaffhorst, Gründerin und
mit Hedwig Andersen Leiterin der Schule, über die Aufgaben des Instituts.
Erziehung zur Einzelpersönlichkeit bei gleichzeitigem Aufgehen im
Gemeinschaftsgedanken ist das Ziel, das erstrebt wird durch Bildung von Atem,
Sprache und Stimme nach bestimmten rhythmischen Gesetzen. Die Stimme soll in
Einklang mit der Gemütsbewegung gebracht und so zum Lebendigen Ausdruck der
Gesamtpersönlichkeit werden. Den Gemeinschaftsgedanken verkörpern Singen und
Sprechen im Chor. Von den hier erzielten Erfolgen zeugten die Leistungen des
kleinen Frauenchores. Lebendig im Rhythmus, klar gezeichnet waren die
Sprechchöre. Exakt und einheitlich erklangen die von Otto Volkmann vom Flügel
aus geleiteten Chorgesänge. War auch der Chorklang im Forte noch ein wenig hart
und rauh, so fand doch die im gemeinsamen Streben geleistete Arbeit bei
interessierten Hörern lebhaften Widerhall.
Dr.
H. L.
Altonaer
Tageblatt, Montag, 15. Mai 1930
Frauenchor
der Rotenburger Schule
Im kleinen Saal der
Musikhalle gab der Frauenchor der Rotenburger Schule für Atem-, Sprech- und
Gesangskunst unter der musikalischen Leitung von Musikdirektor Otto Volkmann
(Osnabrück) zum ersten Mal in Hamburg einen Vortragsabend. Fräulein Clara
Schlaffhorst, die zusammen mit Hedwig Andersen die Schule ins Leben rief,
richtete zunächst einige erklärende Worte an die Zuhörer. Davon ausgehend, daß
Krankheit ein musikalisches Problem sein und Heilung in musikalischer Auflösung
zu suchen ist (Novalis), will die Schule, aus der inneren Not unserer Zeit
erwachsen, in Sängern und Nichtsängern, Stimmbegabten und Nichtstimmbegabten
das Bewußtsein über das Wesen der Natur in uns durch Kultivierung des Atems,
der Sprache und der Stimme wecken. Die Lösung dieser Aufgabe erheischt in
erster Linie Augenmerk auf das Physikalisch-Physiologische und nur zum weitaus
kleineren Teil auf das Psychische. Ist einmal das Gesetz der Stimmbewegung erkannt,
so überträgt sich diese Erkenntnis auch auf andere Organe des Körpers.
Hierdurch ist uns ein Mittel gegeben, den Mangel an Intuition,
Instinktsicherheit und Inspiration zu überwinden und die Persönlichkeit des
Menschen, die in der artikulierten Sprache ihren stärksten, natürlichsten Ausdruck
findet, zu festigen. Gerade für uns Deutsche ist es notwendig, die Stimme so
biegsam zu machen, wie es anderen Nationen von Natur eigen ist. Etwa sechzehn
Sängerinnen, übrigens keine Professionells, gaben mit Sing- und Sprechchören
eine eindrucksvolle Probe ihres Schaffens. Zum Vortrag gelangten Chöre von
Pergolese, Schubert, Schumann und Hayden und Dichtungen
von Goethe, Schiller und C. F. Meyer. Die rein stimmlichen Leistungen gingen
kaum über das Mittelmaß hinaus, aber was dem Ganzen ein Gepräge hoher
Vollendung gab, war der ungekünstelte, straff disziplinierte Vortrag und die sStarke
innere Verbundenheit der Sängerinnen untereinander. Es ist zu wünschen, daß
dieser auf so gesunder Basis aufgebauten Schule weitgehendes Verständnis entgegengebracht
wird und wir in Hamburg noch des öfteren Gelegenheit haben werden, uns von
ihren Leistungen zu überzeugen. Die zahlreichen Zuhörer spendeten herzlichen
Beifall.
r.
Cellesche
Zeitung, 13. Dezember 1932
Zum
Weihnachtssingen der Schule Schlaffhorst-Andersen, Hustedt
Die Schule Schlaffhorst-Andersen
für Atem-, Sprech- und Gesangskunst in Hustedt bei Celle wird am Mittwoch (im
Muschelsaal der Union) im Rahmen der Freien Volksbühne der Oeffentlichkeit die
Ergebnisse ihrer Arbeit zeigen. Seit über dreißig Jahren arbeitet die Schule
Schlaffhorst-Andersen daran, durch sprachliche und gesangliche Uebungen die
Atmungstätigkeit zu beleben und dadurch den Menschen wieder auf den Weg zu
bringen, der ihm von der Natur vorgeschrieben ist. Mit der Stimme und Atmung
eines Menschen zu arbeiten, heißt mit seinem innersten Leben arbeiten. Diesen
Uebungen liegt keine einseitige Methode zugrunde, sondern einzig und allein die
physiologisch festgestellte Tätigkeit der betreffenden Organe auf der Grundlage
des natürlichen Lebensrhythmus.
Es ist wohl jedem klar, daß
das deutsche Volk heute an einer Wende in seinem Entwicklungsleben steht. Soll
es auf dem Wege der Technisierung, des Rekordtaumels immer weiter der Mechanisierung
zugetrieben werden, oder soll sein Sinn so gelenkt werden, daß es mehr seiner
inneren Stimme lauschen, sich auf seine Naturkräfte besinnen, seine Bestimmung
erkennen und pflegen lernt? Man muß anerkennen, daß viel gesucht und probiert
wird, aber die Wege, die gegangen wurden, genügen nicht immer, der
Mechanisierung und der daraus folgenden Ueberanstrengung zu steuern. Die weibliche
Jugend wird von der Ueberanstrengung der Nervenkräfte in gleichem Maße
getroffen wie die männliche; und dies ist für die Zukunft des Volkes noch
verhängnisvoller.
Der Weg der Schule
Schlaffhorst-Andersen zur Erneuerung und Ertüchtigung des Menschen ist der Weg
über Atmung und Stimme. Die Stimme ist eine von den Naturkräften, die uns das
Tor zur seelischen Entfaltung öffnet; sie schließt die im Menschen
auseinanderstrebenden natürlichen und geistigen Kräfte zusammen. Es gibt
Vollnaturen, die selbst den Weg zu ihrem Naturinnern sich bahnen und durch ihr
Leben sich zu erhalten imstande sind auch ohne die Kultur der Stimme. Aber sie
hinterlassen uns keine Kunde über den Weg, den sie gegangen sind. Es müßte doch
aber auch ein Weg geben für alle diejenigen, die nicht so glücklich veranlagt
sind, die nur bescheidene Talente haben, oder solche, die wohl bedeutende
Fähigkeiten besitzen, aber nicht imstande sind, vom Geist allein aus die
Harmonie herzustellen zwischen den Extremen, die in ihnen toben. Die Schule
Schlaffhorst-Andersen hat die Erfahrung gemacht, daß es durch eine gesetzmäßig
geregelte Stimmbewegung möglich ist, die schon durch Vererbung überkommene
Zerrissenheit der Seele wieder zusammenzuknüpfen. Der Weg ist gangbar, die
Arbeit läßt sich lehren, und es läßt sich auch für jeden, der Ohren hat zu
hören und Augen zu sehen, das Gelehrte deutlich machen. Angst, Furcht, Kleinmut
sind Zeichen einer falschen Art zu atmen; Verstimmungen deuten auf falschen
Gebrauch der Stimmwerkzeuge besonders beim Sprechen hin; Menschen, die ihre
Stimme nicht naturgemäß gebrauchen können, fehlt es meist an genügender
Lebensbejahung.
Die Schule
Schlaffhorst-Andersen ist den Weg der Stimmerziehung [gegangen] und beweist an
ihren Schülern, daß die Lebenskraft, die durch die Stimme geweckt wird, jedem
zugänglich ist. Eine Kritik (Cellesche Zeitung, Dez. 29) schrieb u.a.: „Der
Chor verfügt über sehr gutes Stimmaterial“. Dieses gute Material ist alles erst
geschaffen worden. Gelingt es dieser Schule mit ihrer Arbeit, daß Leben im
Individuum wieder auf das Naturgesetz zurückzuführen und dadurch wieder zu
neuer Blüte zu bringen, so kann sie mit gutem gGewissen
auf gleichem Wege auch sprachliche und musikalische Kultur aufbauen. Dann wird
die Musik immer mehr ein Born, aus dem die deutsche Seele sich wieder gesund
trinken kann.
Cellesche
Zeitung, 16. Dezember 1932
Freie
Volksbühne
Konzert des Frauenchores der Schule Schlaffhorst-Andersen (Hustedt)
Um weitere Kreise mit ihren
Grundsätzen und Bestrebungen bekannt zu machen, die vor einigen Tagen an dieser
Stelle bereits eingehend erörtert wurden, hat die Leitung der Schule
Schlaffhorst-Andersen für Atem-, Sprech- und Gesangskunst sich zu einer
Vortragsreise entschlossen und als erste Station Celle gewählt, wo sie schon
vor vier Jahren ein Konzert gab und damit ungeteilten Beifall fand. ‑ Die
diesmalige Veranstaltung am Mittwochabend stand im Zeichen des nahen Weihnachtsfestes;
das erlesene, sehr glücklich zusammengestellte Programm enthielt mancherlei Kostbarkeiten
aus der Schatzkammer klassischer geistlicher Musik, in erster Linie Lieder
weihnachtlichen Charakters von Orlando di Lasso, A. Bertalotti, M. Prätorius,
Josef Haydn, Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Adam Gumpelzhaimer, Johann
Hermann Schein sowie eine Anzahl weltlicher Lieder.
Wie hier bereits damals
festgestellt wurde, bildet der aus vierzehn Damen bestehende Chor ein Ganzes
von schöner Einheit und Geschlossenheit; es ist ein Klangkörper von
wundervoller Ausgeglichenheit. in bester stimmlicher Verfassung und von
straffer musikalischer Disziplin. Atemtechnik und Textaussprache verdienen
volle Anerkennung. Neben dem stimmlichen und gesanglichen Können spielt das
seelische Moment eine bedeutende Rolle, diese psychische Durchdringung des
Stoffes, dies völlige Sichverlieren an das Kunstwerk, diese begeisterte Hingabe
trägt nicht wenig zur Verstärkung des Eindrucks auf den Hörer bei. Es war ein hoher
Genuß, diese frischen, reinen, ausgeglichenen Stimmen zu hören, und
erstaunlich, welche Wirkungen der Chor mit den einfachsten Weisen erzielte. ‑
Kapellmeister Meyer von Bremen (Leipzig), der den Chor abwechselnd vom Flügel
und vom Pult aus lLeitete, zeigte
sich als feinfühliger, umsichtiger Dirigent und Begleiter, er darf einen nicht
geringen Anteil an dem Erfolg auf sein Konto buchen. Aus dem reichhaltigen Programm
seien nachstehend einige Lieder besonders hervorgehoben: Orlando di Lassos
„Adoramus te Christe“, Haydns wundervolles „Danklied zu Gott“, das „Ave Maria“
von Brahms, J. S. Bachs „Liebster Herr Jesu, wo bleibst du so lange“ und „Vom
Himmel hoch“, M. Prätorius’ „Ein Kind geborn zu Bethlehem“ und „Der Morgenstern
ist aufgegangen“, Bertalottis „Lobsinget dem Herrn“, Scheins „Es freuet euch,
ihr arm und reich“ sowie die Volkslieder: „Der Heiland ist geboren“ (oberösterreichisches
Krippenlied), „Es sungen drei Engel ein’ süßen Gesang“ (Mainz 1605), das entzückende
ostfränkische Weihnachtslied „Lieb Nachtigall, wach auf“, das Volkslied vom
Chiemsee „Es blühen die Maien, bei kalter Winterzeit“ und das aus dem 14.
Jahrhundert stammende Weihnachtslied „In dulci jubilo“, das wiederholt werden
mußte.
Außerordentlich zu bedauern
ist es, daß der Besuch des eindrucksvollen Praeludium zu den musikalischen
Veranstaltungen der Weihnachtszeit bildenden Konzerts so beschämend gering war.
Der künstlerische Erfolg dagegen ließ nichts zu wünschen übrig und der starke
Beifall bewies zur Genüge, daß die Schule Schlaffhorst-Andersen auf dem rechten
Weg ist.
E.E.R.
Breslauer
Neueste Nachrichten, 4. Mai 1933
Den Menschen in seiner
Gesamtheit durch Atem-, Sprech- und Gesangsschulung zu erziehen, ist das
Arbeitsziel der Schule Schlaffhorst-Andersen zu Hustedt bei Celle. Sie sieht
hierin „den Zugang zu den schöpferischen Kräften der Natur im Menschen, durch
deren Verwirklichung und Formung das Eigenleben des Einzelnen für eine
lebendige Gemeinschaft des Volkes fruchtbar wird“. Als Krönung der Idee ist
wohl der Frauenchor der Schule anzusehen, der zurzeit Schlesien bereist und
gestern im Musiksaal unserer Universität ein Konzert gab. Von welcher Hingebung
das vorbereitende Studium getragen war, beweist die Tatsache, daß ein
umfangreiches und anspruchsvolles Programm (ohne Solisten) auswendig dargeboten
werden konnte. Wenn die klangliche Wirkung etwas hinter den gehegten
Erwartungen zurückblieb, so lag das an der zu geringen Stimmenzahl der Vereinigung
. Zwölf Sängerinnen können unmöglich die nötige chorische Fülle aufbringen die
Ausdrucksdynamik muß sich notgedrungen in engen Grenzen bewegen. Es ist auch
nicht zu vermeiden, daß die außerordentliche Beanspruchung jeder einzelnen
Stimme als Anstrengung bemerkbar wird, die zum gelegentlichen Vordringen der
kräftigen Organe und zum Nnachlassen der
Tonhöhe führt. Von diesen Einschränkungen abgesehen, vermochten die Vorträöge
durch hohe sprachliche und gesangliche Kultur wohl zu befriedigen. Die
scharfgeschliffene Textbehandlung ließ jedes Wort auch ohne gedruckte Vorlage
verständlich werden. Dem Musikalischen war der ungenannte Dirigent Helmut Meyer
von Bremen ein ästhetisch fein empfindender Anwalt. Er gab den
mittelalterlichen Liedern des ersten Teils jene klare, unverkünstelte
Linienführung, die ihrem einfachen Charakter entspricht. Iin
den romantischen Gesängen von Schumann und Brahms trat rechtmäßig mehr das
Farbige in den Vordergrund. neben dem zart abgetönten „Der Bleicherin
Nachtlied“ und der gut deklamierten Ballade „Der Wassermann“ ist die treffend
realistisch gemalte „Märznacht“ zu nennen. Aus schlichtem, innigenm
Gefühl sprossen die Volkslieder des Schlußteils, deren letztes „Nun wollen wir
singen das Abendlied“, das Konzert in wahrhaft andächtiger Stimmung ausklingen
ließ. Der große Zuhörerkreis, zumeist aus Mitgliedern der Frauenvereinigungen
bestehend, folgte den Gesängen des westdeutschen Chors, der sich uneigennützig
in den Dienst der Studentennothilfe gestellt hatte, mit viel Aufmerksamkeit und
dankte nach den einzelnen Programmteilen sehr lebhaft.
Str.
Oelser
Zeitung (Lokomotive an der Oder), Nr. 105, 6. mai 1933 [maschschr. Abschrift]
Der Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen veranstaltete gestern Abend in der Aula des Gymnasiums
einen Liederabend. Es war eigentlich recht beschämend für Oels, wie wenige
Zuhörer sich eingefunden hatten, um schönen Liedern von angenehmen, so
beruhigend ausgeglichenen Frauenstimmen zu lauschen. nicht nur Musik als solche
wird von den Mitgliedern des Chores, die alle ausgebildete oder in der
Ausbildung stehende Musiklehrerinnen sind, gepflegt, sondern die ganze Seele
und der ganze Körper soll miterleben im Sinne Goethes. Dies drückte sich schon
an der Körperhaltung und an dem Geschichtsausdruck aus. - Das gutgewählte
Programm brachte im ersten Teil Gesänge und Sätze religiösen Inhalts. Den
Schluß bildete das Ave Maria von Brahms. Es fand so reichen und ungeteilten
Beifall, dass es am Ende des Abends von den Zuhörern als Wiederholung erbeten
wurde. Dann folgten Werke von Robert Schumann, von denen besonders der „Wassermann“
ganz wundervoll in Klangschönheit und Vortrag war. Johannes Brahms kam sodann
zu Ggehör.
In die „Braut“, „Und gehst du über den Kirchhof“. Die stürmische „Märznacht“
erlebte man förmlich mit und süssß einschmeichelnd
erklang die „Baccarole“. Alte Volkslieder brachten, leider viel zu rasch, das
Ende des Programms. Der von Herzen kommende, reiche Beifall der Zuhörer dankte
den Sängerinnen und dem Dirigenten für das wirklich überraschend Schöne und
Edle dieses Abends.
...
Namslau, den 9 Mai 1933.
= Konzert des Frauenchors
der Schule Schlaffhorst-Andersen. Am Freitag war hoher und höchster Besuch in
Namslau, eine auserlesene Schar gab uns ein Konzert. Es war
der Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen. Die Vereinigung nennt sich
„Gesellschaft der Freunde für Atem-, Sprech- und Gesangskunst“ und stellt sich
ein hohes Ziel, nämlich den Menschen in seiner Gesamtheit durch Atmung und
Stimme zu erziehen. umU ihre
Darbietungen richtig werten zu können, müßte man den Einzelnen oder den Chor
bei der Arbeit sehen und hören. Man müßte also mehrere Wochen an Ort und Stelle
die Arbeiten beobachten oder noch besser mitmachen, denn das ist ja wohl nach
ihrer eigenen Meinung das Wesentliche, das Arbeiten an sich selbst, das
Niefertigwerden. Sie wollen nichts Vollkommenes bieten. „Wer immer strebend
sich bemüht, den können wir erlösen“. Das ist wohl ihr Leitspruch. nach all dem
bisher Gesagten dürften sie also wohl nicht an die Oeffentlichkeit gehen, denn
die kann nur bewerten, was sie im Augenblick hört, sieht und führt. Da gibt es
leicht Fehlurteile. Schade, daß wir die eigentliche Leiterin des Chores oder
der Schule, Klara Schlaffhorst, nicht an der Spitze des Chores sahen, aber sie
ist bereits 70 Jahre und kann daher die Anstrengungen einer solchen
Konzertreise nicht mehr auf sich nehmen. Der Kenner merkte deutlich, daß Chor
und Dirigent noch nicht ganz gleichgeschaltet waren, daßs
ist kein Vorwurf. Die Chöre waren von Klara Schlaffhorst vorbereitet und werden
nach einer kurzen Verständigungsprobe von Meyer von Bremen dirigiert. Der
Dirigent war nach meinem Empfinden en Leiter wie jeder andere, er kommt sicher
vom Orchester. Nun besteht aber zwischen der Führung eines Orchesters und der
eines Chores ein großer Unterschied. Zum Wesen der Schule Schlaffhorst gehört
aber wohl nicht ein straffes Dirigieren, sondern mehr ein Geleiten, ein
ruhiges, sich nicht aufdrängendes Führen, übertrieben gesagt, ein gewisses
Gewährenlassen. So ähnlich hätte ich mir den Abend gedacht, bei dem Leiter und
Chor vollkommen eingearbeitet wären. Der Abend bot eine ideal zusammengestellte
Vortragsfolge. Bei den vier ersten Werken war der Chor noch nicht eingesungen.
Der Sopran vor allem störte durch häufiges Zutiefsingen, auch war er öfter in
der Höhe etwas schrill. Im übrigen sang der Chor ganz wunderbar, mit großem
Ausdruck und innerstem Empfingen. Ein besonders Lob den herrlichen Altstimmen.
Sämtliche Werke werden auswendig vorgetragen. Am schönsten klangen wohl „Die
Bleicherin“ und „Der Wassermann“. Daß alle Chöre deutlich gesungen wurden und
daß fast jedes Wort zu verstehen war, ist wohl bei diesem Chor als
selbstverständlich zu bezeichnen, der er ja seine ganze Arbeit in erster Linie
auf der Sprache aufbaut. - Am Sonnabend Nachmittag unternahm der Frauenchor
eine Fahrt nach Glausche, um sich zu überzeugen, wie widersinnig und verständnislos
die Grenze zwischen Deutschland und Polen gewogen worden ist. Möchten doch alle
Teilnehmer die Eindrücke von dort weitertragen in Kreise, die unserer
Grenzlandnot noch teilnahmslos gegenüberstehen!
Namslauer
Stadtblatt, 10.[?] Mai 1933
Konzert
Schlaffhorst-Andersen
Zu dem Konzert des
Frauenchors der Schule Schlaffhorst-Andersen am 10. mMai
schreibt der hier durch seine Konzerte bekannte Pianist Wilhelm Kempff
folgendes:
Die Schule
Schlaffhorst-Andersen, den meisten nur ein Begriff, den Eingeweihten ein
Erlebnis, eine Hoffnung für den deutschen Kunst-
und Volksgesang und für die Gesundung unseres Volkes überhaupt, hat in ihrem
Chor ein kostbares Instrument. Denn dieser Chor ist ein tönender Körper, die
Vielheit der Stimmen ist hier ein Klang geworden, dessen Schönheit und Größe
die meisten „berühmteren“ Chöre in den Schatten stellt. Und was das Besondere
dieses Klanges ausmacht, ist nicht nur die Schönheit des Tons, sondern die
Beseeltheit, die diese Klänge zu einer Sprache macht, die unmittelbar auf jeden
empfänglichen und aufgeschlossenen Menschen wirkt, weil sie die Sprache der Nnatur
selber ist.
W.K.
Tägliche
Rundschau, Schweidnitz, 10. Mai 1933
Chorkonzert in
Schweidnitz.
Der Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen.
Die unter Leitung der
Gründerinnen, Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, stehende Schule in
Hustedt bei Celle bezweckt, durch sprachliche und gesangliche Übungen die
Atmungstätigkeit des Menschen zu beleben und die dafür in Betracht kommenden
Organe und Muskeln zu kräftigen. Diesen Übungen liegt keine einseitige Methode
zugrunde, sondern einzig und allein die physiologisch festgestellte Tätigkeit
der betreffenden Organe auf der Grundlage des natürlichen Lebensrhythmus. Der
Aufgabenkreis dieser Schule, deren Frauenchor gestern abend im Saale der Loge
z.w.E. ein Konzert gab, geht also über den Rahmen einer Gesangsschule hinaus.
Das pädagogische Prinzip wird in der Erziehung des Menschen in seiner
Gesamtheit durch die Arbeit an Atmung und Stimme gesehen. Soviel über die
Schule. Im April hat sich der Chor in Hustedt unter Leitung des Komponisten und
Pianisten Helmuth Meier von Bremen für eine schlesische Konzertreise vorbereitet,
die den Chor u.a. schon nach Görlitz, Greifenberg, Bunzlau und Breslau geführt
hat.
In Schweidnitz hatte sich
nur ein verhältnismäßig kleiner Kreis von Zuhörern eingefunden. Das Programm
brachte geistliche Lieder und Lieder von Schubert, Schumann und Brahms, sowie
alte Volkslieder. Der kleine Chor der unter Leitung von Helmuth Meier von
Bremen steht, zeigt eine bemerkenswerte stimmliche Schulung und vor allen
Dingen eine vorbildliche Atemtechnik. Allerdings läßt sich nicht leugnen, daß
eben das rein formale Prinzip mehr in den Vordergrund tritt als das
künstlerische. Der Vortragsstil ist bewußt schlicht und einfach, ohne
Effekthascherei aber gerade deshalb recht wirkungsvoll. Das ein wenig allzu
konventionelle Programm hindert allerdings den Chor an der Entfaltung einer
gewissen Beweglichkeit. Die Darbietungen des Chores wurden von der kleinen
Zuhörergemeinde mit dankbarem Beifall aufgenommen.
H.
Mittelschlesische
Zeitung, 11. Mai 1933
Singgemeinde. Der
Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen sang auf seiner Schlesienfahrt
Dienstag abend bei uns in der Loge z.w.E. Es waren 14 Damen und ihr Führer, die
wir kennen lernten. Wohl selten wird eine solch innige Verschmelzung eines
vokalen Klangkörpers, ein solch tiefes Miterleben der einzelnen
Lieddarbietungen geboten, wie es bei diesem Chor der Fall war. Jeder fühlte
sich als Einzelsänger und fügte sich dennoch so selbstverständlich in das große
Ganze hinein. Nur so konnten die Leistungen zu guten ausgefeilten Kunstwerken
werden, und die Zuhörer ergreifen und erfreuen. Angenehm berührte das völlig
auswendige Singen, eine besondere Leistung, bei den vielen kontrapunktischen
Verwicklungen. und alle Gesänge waren schwer, ob sie von den ältesten Meistern,
Schubert, Schumann oder Brahms waren. Zu bemängeln wäre die stellenweise starke
Intonation, mehr noch aber die undeutliche Aussprache, die trotz der kurzen
Entfernung (Mitte des Saales) und gespanntester Aufmerksamkeit ein Erfassen des
Textes oft verhinderte. Hieran kann noch besonders viel gearbeitet werden.
P.
Der
Gebirgsbote, Glatz, 12. Mai 1933
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen.
Nur selten hat man
Gelegenheit, einen Frauenchor zu hören. Einen, der auf solcher Höhe steht, wie
der der Schule Schlaffhorst-Andersen aus Hustedt-Celle (Hannover), habe ich in
Glatz überhaupt noch nicht kennen gelernt. Sein Konzert, das am Sonntagabend im
akustisch so günstigen Saale des Evang. Gemeindehauses stattfand, wurde daher
zu einem musikalischen Erlebnis, dessen leider nur zu wenige teilhaftig
geworden sind. Manche Umstände mögen den unverdient schwachen Besuch
mitverschuldet haben, wie etwa der gewählte Termin und das Fehlen einer
Vorverkaufsstelle innerhalb der Stadt; doch bleibt zu bedauern, daß man gar
viele, die man als wirkliche Freunde guter Musik und gar des deutschen Liedes
kennt, vermissen mußte.
Was diese 14 Frauen, die
verschiedenen Bevölkerungskreisen entstammen, leisten, war schlechthin
erstaunlich, Die ganze umfangreiche Vortragsfolge aus dem Gedächtnis
beherrschend, erwiesen sie sich als ein einziger Gesangskörper von völliger
Harmonie und Ausgeglichenheit, der über ungemein sympathisches,
modulationsfähiges Stimmaterial verfügt; sei es im Sopran mit seinem strahlenden
Glanz oder im Alt mit seinem weichen Wohllaut. Außerordentlich klar ist die
Aussprache jeder einzelnen, groß der Reichtum an Ausdrucksmitteln. Der restlos
disziplinierte Chor sang vieles ohne Dirigenten, der einen erheblichen Teil der
Lieder an dem vom Pianohaus W. Olbrich & Co. freundlichst bereitgestellten
Konzertflügel begleitete. Mit Delikatesse waltete Kapellmeister Hans von Bremen
aus Leipzig seines Amtes, fast unsichtbar die Schar lenkend und leitend.
Werke religiösen Inhalts
bildeten den Auftakt: ein schmerzlich klagendes „Stabat mater dolorosa“, das
letzte Werk des mit 26 Jahren heimgegangenen Giovanni Pergolesi; in spürbarem
Gegensatz dazu ein jubelnd frohlockender Gesang aus dem 12. bis 16.
Jahrhundert: „Christ ist erstanden“. Von einfacher, klarer Melodieführung ist
das aus dem Jahre 1605 stammende Mainzer Lied „Es sungen drei Engel“, von
wahrhaft innerlichem Gehalt das weitere von Johannes H. Schein: „Es ist das
Heil uns kommen her“. Die einhellige Zustimmung der aufmerksamen Hörer äußerte
sich in ergriffenem Schweigen und - erfreulicher Weise - nicht in lautem
Händeklatschen.
In chronologischer
Reihenfolge fortschreitend, bot der Chor dann zwei Lieder von Franz Schubert:
Kloppstocks begeisterten Jubelhymnus „Das große Halleluja“ und den vom Meister
in seinem Todesjahre, 1828, komponierten 23. Psalm „Gott, meine Zuversicht“
(opus 132). Es läßt sich schwerlich beschreiben, welch tiefen Eindruck gerade
diese beiden Werke auf alle hinterließen! - Es folgten drei Werke von Robert
Schumann, zunächst das melancholisch gestimmte „Der Bleicherin Nachtlied“ (Text
von Reinick), weiter das fröhlich-ernste „Wassermann“ (Text von Kerner) und
schließlich ein beschwingtes Liedchen von Eichendorff: „Die
Tamburinschlägerin“.
Nach kurzer Pause hörten
wir eine Reihe erlesener alter Volkslieder. Von inniger Wirkung war „All mein’
Gedanken“, ein neckisches Liebeslied lernte man in „Es flog ein klein’
Waldvögelein“ kennen, beseelt im Ausdruck war wiederum „Gestern im Mondschein“.
Frisch und flott erklang das „Loblied auf die Leineweber“, das eines
besinnlichen Ausklangs nicht entbehrt. Ein tiefempfundenes „Abendlied“ beendete
diese wahren Perlen des deutschen Volksliedes.
Am 7. Mai waren 100 Jahre
verflossen, seit Johannes Brahms dem deutschen Volke geschenkt wurde. Was lag
da näher, als das gerade an diesem Tage stattfindende Konzert mit einer kurzen
Brahmsfeier zu beschließen? Kapellmeister von Bremen zeichnete ihn in knappen
Strichen als einen wahrhaft deutschen Tondichter, als den letzten großen
Klassiker, dem die ganze Welt huldigt. Sein „Ave Maria“ klang zuerst auf, fein
abgewogen und innerlich nachgestaltet. Voll trauriger Gedanken ist das von der
Insel Rügen stammende Lied „Die Braut“, zu dem Wilhelm Müller den Text dichtete.
Uhlands wuchtiges Sturmlied „Märznacht“ wurde ebenso treffend interpretiert wie
die ganz anders geartete italienische „Baccarole“. Als letzte folgten „Fragen“
aus dem Spanischen. Damit klang der wundervolle Abend aus, der allen viel
gegeben hat, die ihn erleben durften! Und so wollte am Schlusse der Beifall
kaum ein Ende nehmen.
Liegnitzer
Tageblatt, ... Mai 1933
Konzert in Jauer
Wer gestern abend ins
Gesellschaftshaus in Jauer kam, dem bot sich ein selten feiner Genuß: ein
Frauenchor (ungefähr 14 Damen) gab ein reichhaltiges Konzert. Der Chor stammt
aus der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt bei Celle. Diese hat es sich
zur Aufgabe gestellt, „den Menschen in seiner Gesamtheit durch Atmung und
Stimme zu erziehen“. Falsche Hemmungen sollen verschwinden, Sprechen und Singen
natürlich und innerlich bedingt werden. Und um nun auch im Osten Deutschlands
recht bekannt zu werden, unternimmt der Chor Konzertreisen auch durch Schlesien
und hat in kurzer Zeit viele Städte besucht und überaus schöne Erfolge gehabt.
Und so sang der Chor,
teils mit Begleitung am Flügel, die verschiedenartigsten Lieder: Werke aus dem
frühen Mittelalter, bei denen vor allem der feierliche, schwere Alt vollendet
zur Geltung kam, und dann Lieder von Franz Schubert, darunter besonders schön
„Gott meine Zuversicht!“ Aber nicht etwa nur religiöse Lieder bot der Chor,
sondern erfreute auch durch zahlreiche alte Volkslieder und Werke von Robert
Schumann und Johannes Brahms. Da wurde jeder Vortrag zum Erlebnis, ob es nun
ernste oder heitere Lieder waren. Es gab kein Ermüden, kein Nachlassen der
inneren Verbundenheit, wie aus einem Guß fügten sich Sopran und Alt ineinander.
Und als fast 2 Stunden
vergangen waren, hatte der Chor sich auch in Jauer und Umgegend zu den alten
Freunden bestimmt viele neue dazu gewonnen.
f.p.
Jauersches
Stadtblatt, 12. Mai 1933
Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen
Im Saale des
„Gesellschaftshauses“ hatte sich am gestrigen Mittwochabend eine
Zuhörergemeinde eingefunden, der der Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen die Pflege deutschen Sangesgutes in einem ganz neuen
Lichte zeigte. Während üblicherweise bei gesanglichen Darbietungen das Endziel
ihre höchstmöglichste Steigerung zu vollendeter Form ist, stand bei diesem Chor
nicht der Gesang an sich, sondern die Person der Singenden im Vordergrund.
Gesang, nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zu einem Zweck, zur
Veredelung seelischer auch körperlicher Funktionen ist zweifellos ein
neuartiger und interessanter Weg in die Zukunft des deutschen Menschen. Daß
parallel ein neuer Weg in die Zukunft des deutschen Gesanges läuft, ist nicht
das Primäre, sondern das Sekundäre, jedoch das, was dem Konzertbesucher
erfühlbar und deutlich wird. Denn das erstere kann ja nicht vorgeführt, sondern
nur erlebt werden. Die Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden, liegen im
Menschen selbst; atmen kann jeder, sprechen kann jeder, singen auch - mehr oder
weniger gut. Aber darauf kommt es nicht an. Durch eine entsprechende Schulung
wird selbst bei „Unmusikalischen“ Erstaunliches erreicht, denn wer am gestrigen
Abend diese ausgezeichneten Chorleistungen hörte, konnte nie und nimmer
glauben, daß, wie mir aufs bestimmteste versichert worden ist, sich unter den
Mitgliedern Sängerinnen befanden, die vor der Schulung zu einer Intervallunterscheidung
nicht in der Lage gewesen sind. Dann ist allerdings das Ergebnis dieser Schulung
frappierend. Bei diesem Chor erübrigt sich vollständig ein Textnachlesen. Die
Aussprache hat einen in Jauer noch nicht gehörten Grad der Vollkommenheit
erreicht. Es ist nicht nur die absolute Deutlichkeit, sondern mehr die
Tonmodulierung der Worte, wie sie durch den Zusammenklang von Atem-, Sprech-
und Singtechnik erreicht wird, die so eindrucksvoll ist. Die seelische innere
Verbundenheit der Chormitglieder untereinander, diese erstrebte
Persönlichkeitsedelformung, strahlte in eine Geschlossenheit des Chores aus,
die wirklich einzigartig ist. Die absolute Ausgeglichenheit der Stimmenwerte
mit- und untereinander wurde am prachtvollsten in der besten Leistung des Abends,
dem Brahms’schen „Ave Maria“ gezeigt. In dem machtvollen „Ora pro nobis
entfaltete sich ein wuchtiger Klangkörper mit einer Kraft, wie man sie 14
Damenstimmen wirklich nicht zugetraut hätte. Die Vortragsfolge an sich war sehr
umfangreich und begann mit dem wundervollen „Stabat mater“ von Pergolesi. Die
mittelalterlichen Gesänge wirkten gerade in ihrer Einfachheit der Linienführung
ausgezeichnet. Die stärkste Seite zeigte der Chor in den Darbietungen sacralen
Charakters, so z.B. in Schuberts großem „Halleluja“. Eigenartig berührte, daß
auch die weltlichen Lieder (Schumann - Brahms) zum größten Teile textlich wie
tonlich elegisch abgestimmt waren. Die Volkslieder brachten heitere Klänge und
wurden demzufolge applaudiert, wie überhaupt der Zuhörerkreis eine
anerkennenswerte Disziplin zeigte. Es mag in der Gesamtrichtung liegen, daß der
Dirigent nicht genannt wurde, seine Leistungen hätten es verdient. Er war nicht
nur am Flügel ein hervorragender Begleiter, sondern ein Leiter mit Seele - und
manueller Begabung. Für den Zuhörerkreis, der ruhig größer hätte sein können,
war der Abend unstreitig ein Gewinn.
W.W.
Jauersches
Tageblatt, ... Mai 1933
Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen
Dem gestrigen Gesangsabend
des Frauenchors der Schule Schlaffhorst-Adnersen werden die Besucher mit einem
starken Interesse beigewohnt haben. handelte es sich doch darum, nicht den
Gesang des Gesanges wegen zu hören, sondern seine Verwendung als Mittel zum
Zweck zu erfassen. Die Schule Schlaffhorst-Andersen geht davon aus, daß sich
der Mensch bei dem Einsetzen der verstandesmäßigen Erziehung und Entwicklung
von seinem innersten Leben entfernt und damit seinen Rhythmus und seinen
natürlichen Instinkt verliert. Der Mensch, der aus seiner natürlichen Gesetzmäßigkeit
heraustritt, und das sicht wohl bei uns allen der Fall, wird bald seinem
innersten Naturleben entfremdet, Krankheiten und Auswüchsen ausgeliefert, die
wahrscheinlich nicht eintreten würden, wenn er versucht hätte, die Verbindung
mit der Natur aufrecht zu erhalten. Damit sagt die Schule niemandem etwas
Neues. Jedem, der sich mit der biologischen Entwicklung der Menschen beschäftigt
hat, ist offenkundig, daß mit der zunehmenden Kultur, mit der gesteigerten
Technik der Abstand von den natürlichen Verbindungen zur Natur, die jeder
Mensch eigentlich heute noch haben müßte, immer größer wird. Damit verliert der
Mensch auch gewisse natürliche Kräfte, die er gegen die Bequemlichkeit der
Zivilisation eintauscht, indem er ihr Sklave wird. Das Neue an der Schule
Schlaffhorst-Andersen besteht darin, daß man nicht nur die abgebrochenen Beziehungen
des Menschen zu seinem Naturinnern erkannt hat, sondern man hat auch die Wege
gefunden, um dem Menschen, der im wahnsinnigen Tempo den Alltag durchhetzt, die
Möglichkeit zu geben, diese Naturverbindungen wiederzufinden und zu pflegen. Zu
seinem Besten! Dieser Weg führt über die Arbeit an der Stimme und Atmung. Die
Stimme ist das Verbindungsmittel des Menschen zu seiner Umwelt. Stimme und
Atmung aber sind innig miteinander verbunden, keines dieser Dinge ist ohne das
andere denkbar. So soll sie Stimme zur Beherrschung der Lungentätigkeit
erziehen und damit die Harmonie hergestellt werden zwischen dem menschlichen
Denken, Fühlen und Wollen mit der Natur in uns. Durch diese stimmliche Aus- und
Fortbildungsarbeit stärkt sich die Atemmuskulatur und der gesamte geistige und
leibliche Organismus entwickelt sich kraftvoller und setzt in den Lebensrhythmus
sodann diejenigen Spannungen, die uns befähigen, unser äußeres und inneres Leben
und Empfinden ruchbar zu gestalten. Von diesen Gesichtspunkten aus sind auch
die gesanglichen Darbietungen des gestrigen Abends zu bewerten, mit denen der
Frauenchor der Schule Schlaffhorst-Andersen die Besucher erfreute, und darum
war es notwendig, auf den gestaltenden Lebenszweck der Schule etwas
ausführlicher einzugehen. Wir hätten es allerdings für zweckmäßig gehalten,
wenn diese Dinge, die wir hier nur streifen können, in einem kurzen Vorwort zur
Sprache gekommen wären. Der Chor begann mit dem wundervollen „Stabat mater“ von
Giovanni Pergolesi, dem noch einige Madrigalgesänge folgten. Im weiteren
Verlauf der Vortragsfolge kamen Werke von Franz Schubert, Robert Schumann,
Johannes Brahms und am Schluß einige entzückende Volkslieder zu Wort. Auf
einzelne Darbietungen besonders einzugehen, ist bei der Fülle der Vorträge
nicht möglich, es ist auch nicht beabsichtigt, den Maßstab der Kunstkritik im
Sinne des Wortes anzulegen, weil dies in einer gewissen Beziehung ein
verfehltes Unterfangen wäre. Die Stimme, der Gesang als Erziehungsmittel, das
ist das hervortretende Merkmal der Darbietungen, und lediglich von diesem
Gesichtspunkt aus lassen wir uns von dem wertvollen Inhalt dieser echten
deutschen Feierstunde gefangennehmen. Wie feines Silberfiligran, so leuchten
die Pianostellen unendlich zart auf und wissen damit den Gegensatz der dynamischen
Klangwirkung, wie im Ave Maria von Brahms, zu einem mächtig orgelnden Forte zu
gestalten. Hier darf und kann man nicht mit dem Verstande, hier muß man schon
mit dem Herzen und mit der Seele hinhören, um die lebendige Ausdrucksfähigkeit
dieses neuen Wollens und Gestaltens in sich aufzunehmen. Der Chor wagte sich an
viel Schweres heran, und trotzdem, obwohl fast ohne Unterbrechung die
umfangreiche Vortragsfolge gesungen wurde, keine Ermüdung des Chores oder
einzelner Stimmen, die letzten Lieder klangen genau so frisch und tiefsinnig
seelisch belebt, wie das erst Lied. Bei einigen der Gesänge hätten wir gern des
Eindrucks halber auf die Begleitung am Flügel verzichtet, um in den Genuß des
reinen Chorgesanges zu kommen. Reicher Beifall dankte dem Chor und seinem
Dirigenten Helmut Meier für den interessanten Abend. Der Chor, der jetzt in
zahlreichen Städten Schlesiens gesungen hat, leistet mit seiner Tätigkeit aber
auch noch wertvollste Grenzlandarbeit, und dafür soll ihm besonders gedankt werden.
Wenn die Besucher wieder einmal Gelegenheit hatten, unseren beliebten Menzel
Willem zu sehen und begrüßen zu können, der den Chor auf seiner Reise durch
Schlesien betreut, so soll dies besonders freudig vermerkt werden.
A.
Friese.
Kieler
Zeitung, 26. April 1934
Frauenchor-Konzert
In der Universitätskirche am
Klosterkirchhof sang gestern abend der Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen. Atem- Sprech- und Gesangskunst wird in diesem Berliner
Institut nach besonderen Methoden gepflegt. Offenbar geht diese Schulung darauf
aus, bei ihren Mitgliedern neben dem rein Gesanglichen auch die absolute
musikalische Klang- und Formdarstellung auszubilden. Und in dieser Beziehung
waren die gestrigen Leistungen ungewöhnlich ‑ denn es gehört in der Tat ein
besonderes Maß von geistig musikalischer Sicherheit dazu, eine derartig
schwierige und zugleich wertvolle Vortragsfolge auswendig zu singen.
Die beiden ersten Teile
brachten Gesänge aus der Zeit vor und um J. S. Bach: ein fünfteiliges Stabat
mater von Pergolesi, Ihr Heiligen lobsinget von H. Schütz, Es ist das Heil von
J. Schein, dann das Gesetz des Geistes
von J. S. Bach.
Für diese streng polyphone
und lineare Kunst war die klare, mitunter fast instrumental anmutende Art, zu
singen, und die kraftvolle, gelegentlich etwas starre Klanggestaltung durchaus
entsprechend. Der zahlenmäßig nicht starke Frauenchor erreichte eine gut
geschlossene Wirkung. Sie wurde allerdings beeinträchtigt durch öftere
Unreinheiten der Intonierung.
Ausgezeichnet war die enge
und sichere Fühlung zwischen dem Chor und dem Dirigenten, Hans Chemin-Petit,
1902 in Potsdam geboren, der sich auch als Komponist von Chor- und Orchestermusik
sowie Bühnenmusiken einen geachteten Namen erworben hat. Die Sängerinnen
folgten seiner eindringlichen und plastischen Zeichengebung sehr zuverlässig,
so daß die Struktur der Werke und ihre dynamisch-klangliche Verlebendigung
höchst eindrucksvoll herauskam.
Daß der Chor als
zuverlässiges Instrument sich ganz bewußt auf einen differenzierten Klang und
Ausdrucksstil einzustellen versteht, zeigte sich bei den beiden letzten
Vortragswerken, dem schönen „Gott ist mein Hirt“ von Schubert und dem
inbrünstigen „Ave Maria“ von Brahms. Hier wandelte sich die „Objektivität“ des
Vortrages in gefühlsbetonten Ausdruck, und der Klang steigerte sich zu
romantischer Fülle und Weichheit. Wahrscheinlich kamen die Sängerinnen hierdurch
den Herzen der Hörer näher.
P.B.
[Marburg,
27. September 1934]
Musikwissenschaftliches
Seminar
Man kommt jetzt immer mehr
zu der Einsicht, daß das Radio den Musikhunger unseres Volkes doch nicht ganz
zu stillen vermag. Auch das Anhören großer Vokal- und Instrumentalkonzerte, die
passive Aufnahme, der Empfang des Schönen schafft lange nicht die Beglückung,
wie sie in der bescheidensten Selbsttätigkeit, im untergeordneten Mitarbeiten
liegt. Unsere Jugend verlangt nach selbständiger Kunstausübung. Die
volkstümlichste Form derselben und zugleich die Pforte zu allem musikalischen
Vorbestehen und Werden ist der Gesang. Ist doch die menschliche Stimme das „älteste
und schönste Organ, dem unsere Musik ihr Dasein verdankt.“ Leider ist dieses
Organ bis heute stark vernachlässigt worden. Gute musikalische Chorleistungen
haben wir schon seit hundert Jahren. Wonach wir trachten, ist: Mehr
Stimmschönheit, bessere Stimmkultur. Der Musiker muß lange üben, ehe er auf
seinem Blas- oder Streichinstrument etwas fertig bringt. Die menschliche Stimme
ist das schwerste Musikinstrument. Es ist nicht wie jedes andere Toninstrument
starr und fertig da, es muß für jeden Ton, den es hergeben soll, immer erst
gewissermaßen neu eingebaut werden. Es ist ein langes Studium erforderlich, bis
eine solche Uebung auf dem menschlichen Stimmorgan erreicht worden ist, daß
eine physiologisch richtige Einstellungstechnik zur Gewohnheit geworden ist.
Ist das erreicht, dann ist das Draufspielenlernen ein leichtes. Den Mitgliedern
des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen (Celle-Hustedt), den wir am Donnerstag im
Musiksaal des Jubiläumsbaus hörten, ist das Technische zur zweiten Natur
geworden. Darum konnten sich alle Gedanken der Sängerinnen mehr auf das
Musikalische, das Inhaltliche konzentrieren. Wir hörten: Brahms, Ave Maria op.
12, vier Lieder aus dem „Jungbrunnen“ op. 44, Schumann: Soldatenbraut, Lied op.
20 Nr. 2, Tambourschlägern, Bleicherin Nachtlied, Jäger Wohlgemuth, Schubert:
Totengesang der Frauen und Mädchen und Ständchen für Altsolo und Frauenchor.
Einige Kompositionen wurden bis zur kongruenten Nachschöpfung durchlebt. So das
Ave Maria von Brahms mit seinem weichen pastoralen Charakter im Anfang der vorübergehenden
düsteren Stimmung im Mittelsatz und dem Höhepunkt „Santa Maria“, wo sich alle
Stimmen im starken unisono zum Gebet vereinigen. Auch „Bleicherin Nachtlied“
von Schumann und der „Totengesang“ von Schubert hinterließen tiefe Eindrücke.
Solche Werke vermitteln uns einen Hauch der Ewigkeit oft besser als dogmatische
Glaubenssätze. Der Dirigent Hans Chemin-Petit, Berlin, verdient ein Kompliment
für sorgfältige Ausfeilung der einzelnen Leistungen. Er weicht ab von der
Schablone. Durch wiegende Bewegung des Körpers markiert er den Takt, Arme und
Hände geben den Themen plastische Form. An rhythmisch schwierigen Stellen wäre
ein normales Taktieren wohl besser am Platze gewesen. Die Ausgeglichenheit der
Chorstimmen, die Intonationssicherheit und Reinheit des Zusammenklangs wollen
wir nicht vergessen zu erwähnen. Freuen konnte man sich auch über die weiche
Klanggebung namentlich der Unterstimmen, stutzte auch mal, wenn ein Sopran in
der Höhe hart und eine Schwebung zu tief einsetzte. Das ganze Programm wurde
von den Künstlern auswendig bewältigt. Hilde Rühl, die musterhaft begleitete,
repräsentiert eine Summe ernst gerichteten Strebens. Brahms Intermezzi erfuhr
innere Belebung, bei den Stücken Schuberts rückte die Künstlerin das lyrische
Element in den Vordergrund. Auf Drängen der zahlreichen Zuhörer sang der Chor
noch zwei wohlgelungene Zugaben, die aber nach der gehörten romantischen Musik
wie ein Fremdkörper wirkten.
Westdeutscher
Beobachter, 28. September 1934
Zum Konzert des Frauenchores
Schlaffhorst-Andersen
Zum Konzert des Frauenchores
Schlaffhorst-Andersen wird uns geschrieben: Nirgendwo besinnt man sich tiefer
auf das Wesen der menschlichen Stimme, auf ihre herrlichen Eigenschaften und
auf ihre unmittelbare Beziehung zum Menschen, als in der Heideeinsamkeit der
Schule Schlaffhorst-Andersen. Hier wird in ernster, subtiler Forschungs- und in
fleißiger Erziehungsarbeit versucht, den verkrampften, in seinen ureigensten
Anlagen verschütteten Menschen wieder frei zu machen von den Zwängen der Umwelt
und des eigenen Ichs, ihn wieder hinzuführen zu seiner gottgegebenen Natur. Die
Stimme, als der feine Künder jeder seelischen Bewegung und Regung, wird zum Gradmesser
dieses Strebens nach Befreiung von den Verschlackungen und nach Erlangung eines
harmonischen Kräftespiels von Körper, Geist und Seele.
So genießt der Hustedter
Chor das Vorrecht einer einheitlichen Schulung, und seine Stimmen zeugen in
ihrem seltsam glänzenden und befreiten
Sichausschwingen von der Größe der Hustedter Aufgabe: den ureigensten Kräften.
Den Chor von Hustedt anzuhören ist ein selten schönes und befreiendes Erlebnis.
Heidelberger
Neuste Nachrichten, 1. Oktober 1934
Abendmusik in der
Heiliggeistkirche. Aus technischen Gründen musizierte man in der Heiliggeistkirche,
die keineswegs stimmungsmäßig, zweifellos aber akustisch überlegen ist. Das
Pogramm war ebenfalls durch seine Buntheit ungewöhnlich, wenigstens für den
Rahmen der Abendmusiken des Evangelischen Kirchenmusikalischen Instituts.
Erstmalig hörte man einen auswärtigen Frauenchor, den
Schlaffhorst-Andersen-Chor aus Celle unter Leitung des jugendlichen Komponisten
Hans Chemin-Petit aus Berlin. Es handelt sich dem Anschein nach um ein noch
ziemlich junges Vokalensemble, dem weiteres Studium noch erheblich größere
Ausgeglichenheit des (an sich klangschönen) Stimmenmaterials bringen muß.
Störend wirkt das manchmal in die Erscheinung tretende Detonieren, das sich
vielleicht durch bewußtere Aufhellung des Orgelklangs in der Begleitung (Hilde
Rühl, Celle) bessern ließe. Zuerst hörte man das bekannte Stabat mater von
Pergolesi, das, pausenlos gesungen, sicherlich eine stärkere Wirkung hätte,
dann einige prächtige Choralsätze von Gumpeltzhaimer, Schütz, der in dieser
Besetzung sehr schön zu klingen vermag, und eine Choralmotette von Schein, die
dem Chor zweifellos am besten lag; schließlich den „Psalm“ von Schubert, der
mit der originalen Klavierbegleitung echter wirken kann, und das Ave Maria von
Brahms. Dazwischen spielte Paul Keßler (Heidelberg) in durchsichtiger und gut
abgewogener Registrierung Präludium und Fuge in Fis-Moll von Buxtehude und die
Choral-Fantasie über „Schmücke dich, o liebe Seele“ von Bach. ‑ Ungewohntheit
des Ortes dürfte wohl in erster Linie dazu beigetragen haben, daß die große
Gemeinde der Abendmusiken nicht in der üblichen Zahl anwesend war. Die
Abendmusiken werden jetzt wieder regelmäßig weitergeführt. Die nächste findet
in 14 Tagen statt.
L.
Heidelberger
Volksanzeiger, 1. Oktober 1934
Abendmusik in der
Heiliggeistkirche. Die Abendmusik am Samstag hätte eine größere Zuhörerschaft
verdient, denn sie hat sehr Wertvolles geboten. Den Hauptteil leistete der
Frauenchor Schlaffhorst-Andersen in Celle. Der schöne Klang der Frauenstimmen,
der von der Empore den weiten Raum der Kirche durchflutete, bot eine wirkliche
Erhebung. Sowohl in zartesten Pianissimo, wie im stärksten Forte führte er die
andächtig Zuhörenden zur Höhe. Der Gesang am Samstagabend vor dem Erntedankfest
war wie eine Vorbereitung dazu. In den tiefernsten Liedern eines Pergolesi und
Gumpeltzhaimer deutete er hin auf die Arbeit und Sorgen des Alltags und in
seinen Lobgesängen von Schütz, Schein und Schubert stimmte er den Lobgesang des
Dankes an. Daß der Chor unter der festen Leitung seines Dirigenten,
Chemin-Petit, Berlin, stand, zeigte sich deutlich, da der Gesang durchaus exakt
und rein war. Es war ein klangvoller Gesang, dem man gerne lauschte. Auch die
Begleitung der Orgel zum Gesang durch Hilde Rühl aus Celle war dem Gesang gut
angepaßt und verschönte ihn durchaus. Zu den Gesängen bot das Orgelspiel von
Paul Keßler, Heidelberg, einen Genuß besonderer Art. Sowohl das Präludium von
Buxtehude wie die Choralphantasie von Bach war eine musikalische Leistung, die
innerlich erfreute. Die Abendmusik stand unter gutem Vorzeichen, so daß die
Zuhörer mit innerer Befriedigung die Veranstaltung verließen und eine Anregung
fürs Erntedankfest mit fortnehmen konnten.
[Bonn,
1. Oktober 1934]
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen
Auf der Grundlage der
Erkenntnis, daß der singende Mensch seiner Kunst nicht nur durch Kehlkopf und
Atmungswerkzeuge verbunden sei, sondern mit der Gesamtheit von Körper und Geist
ihr dienen müsse, haben in dem kleinen Hustedt bei Celle an der Aller zwei
Damen, Schlaffhorst- und Andersen, ein Schulungsinstitut ins Leben gerufen, von
dessen jahrzehntelanger zielbewußter und erfolgreicher Erziehungs- und
Forschungsarbeit gestern im großen Saale der Lese ein aus fünfzehn Sängerinnen
bestehender Frauenchor Zeugnis ablegte. Ursprünglich hat die Schaffung eines
solchen Chores wohl kaum in der Absicht der beiden Künstlerinnen gelegen. Er
ist vielmehr, wenn man so sagen darf, als ein Nebenprodukt der eifrigen
Schulungsarbeit entstanden. Aber daß er heute unter seinem Leiter Hans
Chemin-Petit zu künstlerischer Vollwertigkeit herangereift, auf die erst Beachtung
weitester Musikkreise Anspruch machen darf, davon konnte nun auch Bonn sich
überzeugen. Will man die Anerkennung der Leistungen dieses Chores gerecht
verteilen, so wird man die Schaffung der stimmlichen Grundlagen wohl der
gesamten Institutsarbeit, die künstlerische Kleinarbeit aber, die die
wunderbare Klangeinheit der Stimmen, ihre Beseelung im Sinne der Kunstwerke und
die straff disziplinierte Haltung in Dynamik und Rhythmik erzielte, der
schöpferischen Kraft des jungen Chorleiters gutschreiben müssen. Wie da in
Brahms’ „Ave Maria“, in Schumanns „Der Bleicherin Nachtlied“ und Schuberts
„Gott ist mein Hirt“ der Tonstrom in edelster Klanggestaltung, scheinbar
mühelos, in allen Lagen dahinfloß und der Seele Anteil in innigem Ausdruck sich
offenbarte, das trug den Stempel hoher Vollendung, wie andererseits bei den auf
fröhlichere Töne und schelmische Weisen gestimmten Gesängen, wie Schumanns
„Soldatenbraut“, „Tambourschlägerin“, „Jäger Wohlgemut“ und Schuberts
„Ständchen“, die ans virtuose streifende Beweglichkeit und Deutlichkeit und der
natürlich neckische Ausdruck in hohem Grade entzückte. Und dann über allem die
absolute Reinheit der Intonation, die selbst die schwierigsten Modulationen als
etwas ganz Selbstversändliches erscheinen ließ. So war der überaus herzliche
Beifall, der den Sängerinnen und ihrem Leiter nach jeder Darbietung zuteil ward
und am Schluß noch eine Zugabe erzwang, durchaus berechtigt und verständlich.
In ihn eingeschlossen war auch die Anerkennung für die treffliche Begleiterin
am Flügel: Hilde Rühl, der man außerdem für die feinstimmige Wiedergabe von
zweien der Brahms’schen Intermezzi (Werk 119, Nr. 1 und 2) und der beiden
lieblichen AsDur-Stücke aus Schuberts Werk 94 (Nr. 2 und 6) zu danken hatte.
Th.L.
[Bonn,
1. Oktober 1934]
Aus dem Bonner Musikleben
Konzert des Frauenchores
Schlaffhorst-Andersen
Viel Liebe zur Tonkunst
ließ diesen, aus 15 wohlausgebildeten Frauenstimmen bestehenden Schlaffhorst-Andersenschen
Chor entstehen, seinen Weg suchen und finden. Hans Chemin-Petit heißt der
Dirigent und „Spiritus rector“. Seinem Namen macht die Programmgestaltung Ehre,
denn er vermeidet es, mit diesen kunstbegeisterten Damen die üblichen, breiten
Heerstraßen im Reiche der Tonkunst zu begehen, sondern sucht erfolgreich
unbekanntere, darum reizvollere Pfade auf, um sie dem Publikum zugängig zu
machen.
Selten trifft man eine
Chorvereinigung, die so geschlossene, einheitliche Wirkungen zu erzielen weiß,
höchst stimmungsreich ist alles abgetönt. Man glaubt, ein Instrument zu hören,
das orgelgleich vielfarbig ausgenutzt wird, von einem selbstbewußt fähigen
Musiker. So wurden Kompositionen von Brahms, Schumann und Schubert zu schönem
Kunstgenuß durch das klangprächtige Stimmaterial und die sehr weitgehende
Schulung desselben. Vor allem gelingt eine selten in diesem Maße erreichte
geschmeidige Weichheit der Cantilene. Die Vokale sind in den Vordergrund
gerückt als klingendes Element der Sprache, hieraus entsteht jedoch ein
kleiner, leicht zu beseitigender Schönheitsfehler. Sind die Konsonanten auch zumeist
retardierend, so müssen sie doch als wichtigster charakterisierender
Bestandteil schärfer hervortreten, wo die Kompositionen weniger klangschwelgerisch,
lyrisch Empfindungen nachgehen, sondern wie bei Schumanns „Soldatenbraut“,
Schuberts „Ständchen“ mehr rezitativisch wirken wollen. Gesellt sich also in
diesen Fällen eine etwas schärfere Aussprache zu der goldklaren Intonation und
der mühe- und schlackenlosen Tonentfaltung, so sind die Leistungen in ihrer Art
vollendet zu nennen.
Hilde Rühl begleitete mit
ganz hervorragender Anpassungsfähigkeit und bot mit Brahms „Intermezzi“ Op. 119
und Schuberts „Moment Musicaux“ Op. 94 als Solistin am Flügel erfreuliche Talentproben.
Das Publikum ging begeistert mit.
K.W.G.
[Barmen,
2.Oktober 1934]
Konzert des Frauenchores
Schlaffhorst-Andersen
Die Schule für Atem-,
Sprech- und Gesangskunst Hustedt ‑ Celle, gab in der Aula des Oberlyzeums
Barmen, Bleicherstraße, ein Konzert. Der etwa 15 Personen zählende Frauenchor
stand unter Leitung von Hans Chemin-Petit, Berlin. Die Veranstaltung, ein
Romantischer Abend, verzeichnete Werke von Brahms, Schumann und Schubert.
Ließ die Auswahl der
Vortragsfolge einen gewählten Geschmack erkennen, so war es vor allem aber die
künstlerische Wiedergabe der Werke, die aufhorchen ließ. Ein Tonkörper von seltener
Fülle und Ausgeglichenheit stand hier auf dem Podium; einheitlich in
Atemführung und Phrasierung, ideal in der dynamischen Auswertung, in der
Beseelung des Chorklanges. Die Anzahl der Stimmen verschmolz zu vollkommener
Einheit in Wort und Ton, bis auf das kleinste ausgeglichen in der Vokalisation,
wie in der sprachlichen Präzision der Konsonanten. Wie selbstverständlich floß
der Gesang aus den Kehlen, schwoll er unter der anfeuernden Leitung des
Dirigenten zu machtvoller Fülle, um ebenso zart zu verhauchen.
Solch virtuose Leistung des
Tonkörpers, solche scheinbar aus unmittelbarer Inspiration heraus gestaltete
Wiedergabe, wie sie hier in Erscheinung trat, ist natürlich nur bei innigster
Verbindung zwischen Chor und Dirigenten möglich. Eine Verbindung, die nichts
mehr erkennen läßt von irgendwelcher äußeren Abhängigkeit, der alle Technik
selbstverständliche Vorbedingung zu künstlerischer Interpretation ist.
Man
hörte von Brahms „Ave
Maria“ und vier Lieder aus dem Jungbrunnen; von Robert Schumann
„Soldatenbraut“, „Bleiche, weißes Lein“,
„Tamburinschlägerin“, „Lied“,
„Jäger
Wohlgemut“; von Schubert „Coronach“ und
„Ständchen“. Zwischen den Gesängen
spielten die heimischen Künstler Anton Schoenmaker (Violine) und
Eva Kesselring
(Klavier) Werke von Brahms und Schubert. Von Brahms kam die
A-Dur-Sonate op.
100 für Violine und Klavier, von Schubert die Sonatine in g-moll
zum Vortrag.
Die Begleitung am Flügel zu den Chorgesängen wurde von Hilde
Rühl dezent
ausgeführt. Sämtliche Vorträge fanden bei den zahlreich
anwesenden Zuhörern
dankbaren Beifall.
ausgeführt. Sämtliche
Vorträge fanden bei den zahlreich anwesenden Zuhörern dankbaren Beifall.
General
Anzeiger der Stadt Wuppertal, 3. Oktober 1934
Romantischer Konzertabend
des Frauenchors Schlaffhorst-Adnersen
In der gut besetzten Aula
des Mittelbarmener Oberlyceums veranstaltete der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen
aus Hustedt-Celle einen Konzertabend, der ganz hervorragende künstlerische Leistungen
zeigte und wohl bei allen Zuhörern den besten Eindruck hinterließ. Man hörte
ausschließlich Werke aus dem Reiche der musikalischen Romantik, Lieder von
Schubert, Schumann und Brahms. Sie erlebten durchweg eine Wiedergabe, die sich
nicht nur durch eine glänzende Beherrschung des rein Gesanglichen und
Technischen, sondern auch durch ihre tiefe Beseeltheit und Verinnerlichung
vorteilhaft auszeichnete. Dazu kommt, daß die 15 Damen über eine treffliche
Chordisziplin verfügen, so daß sich die Stimmen zu einem einheitlichen
Klangbild von geradezu berückender Schönheit vereinigen
Die mannigfachen Vorzüge
und schätzenswerten Eigenschaften dieses Frauenchores sind natürlich nicht
zuletzt ein Verdienst des tüchtigen Dirigenten Hans Chemin-Petit (Berlin), der
übrigens trotz seiner Jugend bereits mehrfach mit großem Erfolg die Berliner
Philharmoniker leitete. Er versteht es vorbildlich, seinen künstlerischen Willen
durchzusetzen und mit seinem, von heißer musikalischer Leidenschaft
durchglühten Temperament, das doch wieder durch feinstes Stilgefühl und unbestechliche
Werktreue gebändigt ist (die Romantiker liegen ihm sichtlich besonders gut),
die Sängerinnen fortzureißen.
Der überaus herzliche
Beifall erzwang mehrere Zugaben, und es sei hier die Hoffnung ausgesprochen,
daß man diesen prächtigen Frauenchor bei Gelegenheit wieder einmal zu hören
bekommt.
Instrumentale Bereicherung
erfuhr die schöne Vortragsreihe durch Anton Schoenmaker und Eva Kesselring, die
in der A-Dur-Sonate von Brahms und der G-Moll-Sonatine von Schubert erneut ihre
hohe, vielfach bewährte Meisterschaft bewiesen.
R.
[Frankfurt,
4. Oktober 1934]
Chor-Konzert
Den ersten Vortragsabend der
„Gedok“ bestritt der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen. Daß sich trotz der
kleinen Mitgliederzahl die Wirkung der Klangfülle einstellt hat seinen Grund in
der Differenzierung der Stärkegrade und in der seelischen Bereitschaft jedes
einzelnen. Der junge Leiter der Singgemeinschaft: Hans Chemin-Petit ist ein
sensitiver Musiker, eine besondere Fähigkeit, aus dem Vokalkörper Klang-Farben
verschiedener Ordnung zu ziehen, ihn gleichsam ‑ aber ohne „Mätzchen“ ‑
orchestral klingen zu lassen, macht sich bemerkbar. Man hörte Standard-Chöre
von Brahms und Schumann, zum Abschluß zwei Gesänge von Schubert, von denen
namentlich das fein pointierte „Ständchen“ zu einem Kabinettstück lebendiger
Interpretation geriet. Die Klavierbegleitung führt Hilde Rühl aus; sie
erbrachte ferner mit Stücken von Brahms und Schubert den Beweis einer beachtenswerten
Gestaltungsgabe.
R. R.
Osnabrücker
Zeitung, 6. Oktober 1934
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Ob die Hustedter Methode,
über die kürzlich an dieser Stelle Otto Volkmann berichtete, tatsächlich Wunder
tut, oder ob es sich hier nur um hervorragend musikalische Damen handelt, läßt
sich ohne nähere Kenntnisse der Dinge nicht entscheiden. Sicher ist dieser
Chorgesang das Beste, was wir auf diesem Gebiete hier bisher gehört haben. Die
gleichmäßige Tonbildung läßt in der Tat auf eine einheitliche, sehr gründliche
Schulung schließen. Die Disziplin ist musterhaft. Sechzehn Augenpaare fixieren
unausgesetzt einen Punkt, und in diesem Punkt steht der Dirigent. Kein Gedanke,
daß irgend etwas die Aufmerksamkeit der Sängerinnen ablenken könnte. Was die
Hand des Chorleiters in die Luft schreibt, setzt sich augenblicklich um in
Betonung, Rhythmik und Dynamik. Das beginnt sanft zu schwelen, schwingt
stärker, wächst mächtig an, schwebt anmutig nieder und entschwindet in einem
sanften Hauch. Prachtvoll klingt das singende Piano, nicht ganz so schön, aber
dennoch schön das Forte. Einige hohe Soprantöne sind etwas beengt, aber
wunderschön ist die Reinheit der durch kein Tremolo getrübten Intonation,
bewundernswert die Sicherheit, mit der schwierige harmonische Wendungen
ausgeführt werden, sehr erfreulich die Exaktheit, mit der der Rhythmus behandelt
wird. Die Hände, über der Brust gefaltet, halten kein Notenblatt, es wird
auswendig gesungen.
Mit einer solchen Gefolgschaft
läßt sich musizieren. Hans Chemin-Petit, Berlin, der Chorleiter nimmt seine
Sache sehr ernst. Welche ungeheure Arbeit einem solchen Konzert voraufgegangen
sein muß, läßt sich nur annähernd ermessen. Das muß eine Arbeit gewesen sein
von einer Genauigkeit, vergleichbar der Präzision eines Feinmechanikers oder
dem Fleiß des Goldschmiedes, die nicht eher ruht, als bis jedes kleinste
Teilchen die ihm gebührende Gestalt erhalten und das Ganze in sich vollendet
dasteht. Dafür gibt es dann auch keine ungewollten Zwischenfälle, wie es
einstudiert wurde, so wird es gesungen, der Leiter kann sich auf seine Sänger,
die auf ihren Führer verlassen. Seine Zeichengebung ist unbedingt zuverlässig,
auch er musiziert aus dem Gedächtnis, das ihn nie im Stich läßt. Sein Einfühlungsvermögen
ist beträchtlich. Mag es sich um geistliche Sätze des 16. Jahrhunderts, oder um
die musikalische Welt der Romantiker handeln, stets hat man das Gefühl, so und
nicht anders muß das vorgetragen werden.
Bei den kurzen Sätzen von
Schütz und Gumpelzhaimer verhielt sich das Publikum abwartend. Erst bei Scheins
„Es ist das Heil uns kommen her“ löste sich die Spannung in einer erstmaligen
Beifallskundgebung. Bei Brahms, Schumann und Schubert wurden die Zuhörer
zusehends wärmer und nach der meisterhaften Wiedergabe des ungemein schwierigen
„Ständchens“ von Schubert gab es starken, begeisterten Applaus. Blumenspenden
gaben der freudigen Zustimmung beredten Ausdruck.
Für die Begleitung der Chöre
am Flügel hatte man unsere einheimische Künstlerin Hilde Rühl gewonnen, die
sich dieser Aufgabe mit unbedingter Zuverlässigkeit und seinem Gefühl widmete.
Mit je zwei Stücken von Schubert und Brahms, die mit sicherer Beherrschung des
Technischen und reifer Auffassung ganz vorzüglich gespielt wurden, gab sie uns
weitere Proben eines unverkennbar starken Talents, das aufmerksame Beachtung
verdient. Auch ihrer schönen Leistung wurde die verdiente Anerkennung zuteil.
Helmut
Bachmann
Neue
Volksblätter Osnabrück, 6. Oktober 1934
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen.
Der aus der
Heideeinsamkeit der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt hervorgegangene Frauenchor
konzertierte am Donnerstag im großen Saal des Schlosses. Dem Chor geht ein
ausgezeichneter Ruf voraus von idealer Schulung und von glänzender, auf einer
besonderen Atemtechnik basierender Stimmenentfaltung. Die Konzertvorträge
rechtfertigten diesen Ruf vollauf. Die 14 Damen, aus denen sich der Chor
zusammensetzt, sind Sängerinnen mit feinstgeschultem Stimmaterial, und die
Geschlossenheit und innere Verbundenheit des Klangkörpers ist bewundernswert.
An dieser Leistung von außergewöhnlicher Vollkommenheit in bezug auf
Ausschöpfung der Klangmöglichkeiten, dynamische Gestaltung und Wärme des
Ausdrucks erstrebt. So war das Konzert ein Genuß ganz besonderer At.
Es wurde mit Chören alter
deutscher Meister eingeleitet. Nach einem fugenartigen Satz von Schütz folgten
ein sanftes, feinempfundenes Volkslied von Gumpelzhaimer, sowie zwei
gebetartige Lieder desselben Tonsetzers, die eine starke Wirkung hinterließen.
Sieghaft und klingend schloß sich „Es ist das Heil uns kommen her“ von Schein
an. Eine besondere Freude bereiteten das sanfte und innige „Ave Maria“ von
Brahms, sowie vier Lieder aus dem Jungbrunnen desselben Meisters. Fünf für
Frauenchor umgeformte Schumann-Lieder ließen erkennen, daß auch in dieser
Bearbeitung nichts von dem Zauber dieser Perlen des deutschen Kunstgesangs
verloren geht. Der Chor „Coronach“ von Franz Schubert und das an derselben
Stelle auch vom Lehrergesangverein mehrfach gesungene „Ständchen“, bei dem ein
klangvoller Mezzosopran die Solostimme sang, bildeten den wirkungsvollen
Ausklang des Konzerts.
Zwei Atempausen für den
Chor wurden von Klaviervorträgen von Hilde Rühl, einer Schülerin des Grafen
Wesdehlen, aufgefüllt, die in feingeschliffener Form und technisch sauber
kleinere Werke von Brahms und Schubert einstreute und lebhaften Beifall
erntete.
Die Weiterentwicklung des
deutschen Gesanges so wie ihn sich die Chorvereinigung Schlaffhorst-Andersen
zur Aufgabe gemacht hat, ist eine bemerkenswerte kulturelle Tat, der man nur
größtes Interesse entgegenbringen muß. Die Leistungen hinterließen bei allen
Zuhörern stärksten Nachhall. Zum Dank für den lebhaften Beifall entschloß sich
der Chor in freigiebigster Weise zu einer Reihe von wertvollen Zugaben.
K.
Osnabrücker
Tageblatt, 6. Oktober 1934
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen
Zu den bildenden Kräften,
welche die Hustedter Lehre in ihren Dienst gestellt hat, um den Menschen aus
der durch die moderne Zivilisation ihm aufgezwungenen Verkrampfung zu befreien,
gehört auch die Musik, vor allem das Singen. Es liegt auf der Hand, daß das
Bemühen um einen neuen Lebensstil irgendwie im Gesange zum Ausdruck kommen muß;
in der einheitlichen Haltung gegenüber dem Tonsatz, der melodischen Linie, dem
zum Ausdruck zu bringenden Gehalt von Text und Komposition liegt das Geheimnis
des Erfolges dieses Frauenchores; der Gefahr, Stilkunst wieder zur Manier
werden zu lassen, schein er so lange kaum ausgesetzt, als er unter sich tief
erfassenden und stark gestaltenden Leitern wie Hans Chemin-Petit lebendige
Ausdruckskraft geben kann Es war schon etwas ganz Feines, wie in den alten
Satzweisen von Schütz, Gumpelzhaimer und Schein die Stimmen in- und
durcheinander griffen und doch sich klärend voneinander abhoben, sich trennend
und doch wieder zu größter Einheit sich findend. Und den beiden musikalisch
antiphonierenden und imitierenden Gruppen, zu denen sich Sopran und Alt je
wieder in zwei Stimmen zusammenschließen, erlebte man wirklich eine feierliche
Prozession; die in der Zusammenfassung zum Unisono erreichte Höhe des Ganzen
bei der Anrufung „Sancta Maria, ora pro nobis“ erhielt durch innigsten Ausdruck
stärkste Wirkung. Wenn Brahms hier sich an den alten Meistern geschult zeigt,
so führten die Jungbunnenlieder auf anderes Gebiet hinüber, zu den weltlichen
Chorwerken, die im zweiten Teil des Programms in der Hauptsache durch
Kompositionen Schumanns und Schuberts bestritten wurden. Das tiefbeseelte „Der
Bleicherin Nachtlied“, das außerordentlich lebendige „Tambourschlägerin“, das
kernigfrische „Jäger Wohlgemuth“ (Schumann), das reizvoll, schalkhaft anmutende
„Ständchen“ mit der über dem Chor schwebenden Solostimme (Schubert) zeigten die
Weite und Vielseitigkeit der Ausdrucksfähigkeit, die der Chor ereicht. Die
Begeisterung der Hörer tat sich dann auch so lebhaft kund, daß der Chor sich zu
mehreren Zugaben verstand.
Die Begleitung der Chöre
hatte Hilde Rühl übernommen und führte sie in charakteristischer und
vorbildlicher Weise aus. Was sie wirklich zu leisten vermag, zeigte uns die
junge Künstlerin mit zwei Solovorträgen. Sie ließen neben der Gediegenheit der
technischen Ausbildung die Fähigkeit zu geistig vertiefter Wiedergabe einer aus
seelischem Mitklingen gewonnenen Deutung erkennen, stärker noch als in den
beiden Moment musicaux aus Schuberts op. 94 in der zarten Schwermut und der
unruhigen Aufregung die beiden Intermezzi aus Brahms’ op. 119; die berückende
Wiedergabe des Andantino-grazioso-Mittelsatzes des zweiten Intermezzos verdient
besondere Hervorhebung. So reihten sich auch diese Soli in die Werte
schaffenden Chordarbietungen gleichberechtigt ein.
Dr.K.
Leipziger
Abendpost, 3. April 1935
Jg. Der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen, der im Saale des Landeskonservatoriums ein Konzert gab,
ist hervorgegangen aus der Schule Schlaffhorst-Andersen in Hustedt bei Celle,
die sich die Erziehung des Menschen in seiner Gesamtheit durch Arbeit an Atmung
und Stimme zur besonderen Aufgabe macht. Hans Chemin-Petit (Berlin) leitet
diesen kleinen Chor mit der Sicherheit eines erfahrenen Chormeisters und mit
einer ganz vom Gesanglichen ausgehenden Musikalität. Neben Gesängen von
Schubert, Schumann und Brahms waren es namentlich die geistlichen Gesänge
älterer Meister, die das schöne Stimmaterial und den musikalisch und geistig
belebten Vortrag des Chores in schönstem Lichte zeigten. Die Geschlossenheit
des Klanges, die rhythmische und sprachliche Geschmeidigkeit der Sängerinnen
fiel besonders in den Werken von Schütz und Schein angenehm auf und kam auch in
dreichoralartigen A-cappella-Gesängen von Gumpelshaimer zu bester Geltung,
wiewohl hier einige Male die Reinheit der Intonation in den Sopranen nicht ganz
einwandfrei war. Die zuverlässige Begleiterin am Klavier, Hilde Rühl, erwies
sich auch in Händels B-dur-Variationen und zwei Brahmsschen Intermezzi als
tüchtige, wenn auch noch unpersönliche Solistin. Die trefflichen Leistungen des
Chores fanden eine ungemein herzliche Aufnahme.
Neue
Leipziger Zeitung, Donnerstag, 4. April 1935
Der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen gab im Saale des Landeskonservatoriums ein Konzert mit
einem abwechselungsreichen und glücklich zusammengestellten Programm einzelner
Werke von Schütz, Gumpelshaimer, J. H. Schein, G. F. Händel, Brahms, Schumann
und Schubert. Frauenchören gegenüber ist man etwas skeptisch, da nur selten
wirklich gute auftreten. Umso größer und angenehmer war aber die Ueberraschung,
einen vorbildlich geschulten und mit schönstem Stimmenmaterial versehenen Chor
zu begegnen. Der erlebnisreiche Abend bewies wieder einmal, daß ein Chor nicht
unbedingt in Riesenbesetzung antreten muß, um Erstklassiges leisten zu können.
Der kleine Frauenchor ‑ es waren an die zwanzig Mitwirkende ‑ führte diese so
oft aufgestellte Behauptung gründlich ad absurdum. Atemtechnik, Vokalisation,
Deklamation und Dynamik verdienen höchste Anerkennung. Die hinsichtlich der
musikalischen Formen strenger gebundenen Werke älteren Datums lagen dem Chor
offenbar weniger als die der Romantiker Schumann, Schubert und Brahms. Die
Interpretation dieser Meister war packend und mitreißend. Hilde Rühl am Flügel
stellte sich als zukunftsreiches Talent vor. Ausgezeichnete Pedalbehandlung,
wunderbar weicher und doch nicht süßlicher Anschlag müssen an erster Stelle
genannt werden. Von der letzten rein technischen Reife ist sie nicht mehr weit
entfernt, als Begleiterin aber war sie hervorragend. Hans Chemin-Petit (Berlin)
hat den Chor, der alle Werke auswendig sang, straff und sicher in der Hand und
spielt auf diesem wie auf einem Instrument. Nur wirkt das Manirierte beim
Dirigieren störend und unschön. Silbendirigieren und sonstige phantastische
Dirigierzeichen sind ja meist die sicheren Kennzeichen der
Dilettanten-Chormeister. Hans Chemin-Petit sollte als wirklicher Künstler
seines Faches die obligatorischen Gesetze der Dirigiertechnik etwas mehr
respektieren.
J.K.
Leipziger
Tageszeitung, 4. April 1935
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen
Unter den neuen Wegen, die
in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf dem Gebiete gesangspädagogischer
Arbeit eingeschlagen wurden, nimmt die Methodik der „Schule
Schlaffhorst-Andersen“ in Hustedt bei Celle eine Sonderstellung ein. Sie ist
das Lebenswerk zweier Ostpreußinnen: Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen.
Atmung und Stimme sind der Ausgangspunkt einer Erziehung, die eine Harmonie von
Leib und Seele, einen Ausgleich der körperlichen und geistigen schöpferischen
Kräfte, die Vollkommenheit der Gesamtpersönlichkeit zum Ziele hat.
Dafür, daß solche Arbeit
nicht im künstlerischen Sinne einseitig getan wird, zeugte schon die Vortragsfolge,
die der aus Schülerinnen der Schlaffhorst-Schule gebildete kleine Frauenchor
mitbrachte. Da waren neben den Sätzen aus der linearen Kunst des 16. und 17.
Jahrhunderts (Schütz ‑ Schein ‑ Gumpelzhaimer) auch die anspruchsvolle
Klangkunst der Romantik (Schubert ‑ Schumann ‑ Brahms) vertreten. Der Chor ist
stimmlich bestens bestellt und rein musikalisch gut geschult. Hans
Chemin-Petit, der als Komponist ansprechender Chöre sich einen Namen gemacht
hat, erweist sich auch als geschickter Chorerzieher, der über allem Verständnis
für die Grundidee des Werkes, dem er gerade in diesem Kreise dient, die Kultur
künstlerischen Ausdrucksstils nicht vergißt.
In Hilde Rühl lernte man
eine Pianistin kennen, die über eine vielversprechende Anschlagskunst verfügt.
St.
Anhalter
Anzeiger (Dessauer Neueste Nachrichten), 4. April 1935
Konzert
des Frauenchors Schlaffhorst-Andersen.
Die mit Spannung erwartete
Veranstaltung fand gestern im Konzertsaal „Altes Theater“ statt. An und für
sich ist es immer eine mißliche Sache, wenn Konzertveranstalter genötigt sind,
sich durch allerhand Voranzeigen bekanntzumachen. Achtet man auf solche
Presseeinsendungen, wird man meist von ihnen im positiven wie im negativen
Sinne beeinflußt. In den wenigsten Fällen kann man dann den Konzertgebern eine
gerechte Beurteilung zukommen lassen. Der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen, der
in Dessau so gut wie unbekannt ist, mußte aber seine Bestrebungen und Ziele bekanntgeben.
Dabei liegt kein Zweifel vor, daß er in der Kennzeichnung seiner Aufgabe, die
in jedem Menschen ruhenden Gestaltungskräfte aus dem Rhythmus einer sinngemäßen
Atmung zu entwickeln, die Sympathie aller Kenner für sich hat. Das, was die
beiden schöpferischen ostpreußischen Frauen Clara Schlaffhorst und Hedwig
Andersen in ernster, genial zu nennender Arbeit angestrebt haben, ist nichts
Geringeres, als den Menschen den Weg zur Natur nicht zurückfinden zu lassen,
sondern ihn zur Natur, ihrem Rhythmus und ihren Formen emporzubilden. Ein
solches Vorgehen schließt in sich selbst die innere Befreiung des Menschen und
seine Vergeistigung ein. Die Schlaffhorst-Andersenschen Ziele sind somit weit
eingreifender für die Gesundung des Volkskörpers als einseitig ausgeübte
sportliche Betätigung oder einseitig wissenschaftliche Studien. Wie schön, daß
der bei Schlaffhorst-Andersen gebildete Mensch vor allem den Weg zur Kunst, zur
Musik findet!
So ungefähr lesen wir es in
den Schriften und Anzeigen dieser Schule, und wir sind alle davon angetan. Umso
ängstlicher ist dann natürlich die Erwartung, ob das angekündigte Konzert
dieser Schule überzeugend den theoretischen Ausführungen gegenüber Stich halten
wird. Schwer hatten es die Veranstalter auf jeden Fall. Daß sie in keiner Weise
enttäuschten ist der schönste Gradmesser für ihre Ausbildung, für ihr Können
und ihre Leistung. Der kleine Frauenchor verfügt durchweg über hervorragend
ausgebildete Stimmen, die sich meiner Schätzung nach ebenso gut im Einzel- wie
im Chorgesang hören lassen können. Gerade die ausgesprochen stimmliche
Individualität, die sich hier auch im Chorgesang wohl behauptet, gibt dem
Gesamtklang eine schillernde Modulationsfähigkeit von einzig dastehender
Wirkungskraft. Hinzu kommt, daß dem Frauenchor, dank seiner Ausbildung, tiefste
Musikalität verbunden mit äußerstem rhythmischen Feingefühl zu eigen ist. Der befähigte
Leiter des Chores Hans Chemin-Petit kann daher mit diesen urmusikalischen
Sängerinnen etwas wagen und leisten. An Hand eines ausgezeichneten
Qualitätsgefühls nebst feinstem Sinn für die Wirkungsmöglichkeiten dieses
Frauenchores weiß Hans Chemin-Petit dann auch die Vorzüge seiner künstlerischen
Mitarbeiter wohl herauszustellen: er versteht es außerdem, seine Sängerschar zu
künstlerischen Höhen zu führen, wie sie anderen Chören selten beschieden sind.
Sozusagen ihr Meisterstück
legten die Veranstalter bei den schwierigen, gehaltvollen Kompositionen von
Heinrich Schütz, A. Gumpeltzhaimer (1559-1625) und J. H. Schein ab. Die
Chorwerke kamen selten durchsichtig in ihrer wunderbaren Polyphonie zum
Vortrag. Ganz herrlich war außerdem, wie es Dirigent und Chor, die, nebenbei
gesagt, ganz eng miteinander verwachsen sind, gelang, den Stil dieser alten
Werke aus ihren musikalischen Inhalten selbst zu finden. Das war kein
Ästhetisieren oder Stilisieren im modernen Sinne, sondern ein naives Jubilieren
aus dem Geiste des 16. bzw. 17. Jahrhunderts. Den größeren Widerhall beim Publikum
fanden die Sängerinnen jedoch bei den Liedern von Brahms, Schumann, Schubert.
In ihrer einfachen Schlichtheit und Innigkeit kommen ja auch etwa Kompositionen
wie Schumanns „Soldatenbraut“, „Jäger Wohlgemuth“, oder vor allem Schuberts
anmutiges „Ständchen“ breiteren Kreisen weit mehr entgegen als die alten Gesänge.
Ich will damit aber nicht sagen, daß die Brahmsschen, Schumannschen und
Schubertschen Chöre denen der alten Meister unterlegen sind. Auch sie sind für
sich Meisterwerke erster Ordnung. Die Kompositionen gaben ferner dem Frauenchor
Gelegenheit, seine Vielseitigkeit zu beweisen, und es war ganz erstaunlich, wie
die Sängerinnen den heiteren wie den ernsten Liedern in ihren vielen
Charakterabstufungen restlos gerecht wurden.
Einige Klaviervorträge von
Hilde Rühl brachten Abwechselung in die Vortragsfolge. Die Pianistin, die durch
den Vortrag von Händels „Präludium und Allegro“, „Menuett Air con Variazioni“
und den zwei „Intermezzi“ von Brahms op. 119 recht anspruchsvolle Werke
spielte, erfreute durch äußerst saubere Technik und sehr eindrucksvolle
musikalische Auffassungsfähigkeit. Ihr Spiel war eine beachtliche Leistung. Die
Künstlerin führte gleichzeitig mit überlegenem Geschick und immer geschmackvoll
die Begleitungen zu den Chören aus.
Alle Mitwirkenden ernteten
reichsten Beifall, der sich am Schluß des Konzerts nach Schuberts dankbarem
„Ständchen“ ‑ hier zeigte sich eine auf dem Programm nicht genannte Einzelsängerin
des Chores als konzertreife Solistin ‑ zu einmütiger Begeisterung steigerte.
Der Chor sah sich veranlaßt, nach langen Beifallsstürmen Schumanns „Jäger
Wohlgemut“ zu wiederholen.
Dr.
Fr. B.
Leipziger
Neueste Nachrichten, 4. April 1935
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen
Die Schule
Schlaffhorst-Andersen „macht sich die Erziehung des Menschen in seiner Gesamtheit
durch die Arbeit an Atmung und Stimme zur Aufgabe“, in denen sie den Zugang zu
den schöpferischen Kräften des Menschen sieht. Als Zeuge für die Frucht solcher
Arbeit auf musikalischem Gebiet ließ sich im Landeskonservatorium unter Leitung
von Hans Chemin-Petit ein Frauenchor hören. Das Ergebnis ist überraschend: Es
ergibt sich in einer gedeckten, mattglänzenden Grundfarbe eine Ausgeglichenheit
des Chorklangs, wie man sie kaum anderswo treffen wird. (Besondere Achtsamkeit
erfordert allerdings noch der freie Einsatz der Soprane in der Höhe.) Von
diesem Chor ist buchstäblich jedes Wort, auch im polyphonen Satz und bei
geschwindem Zeitmaß, zu verstehen, ohne daß man irgendwelche Bemühungen um eine
deutliche Aussprache spürt. Die Sängerinnen folgen der eindringlichen
Zeichengebung Chemin-Petits mit voller Hingabe. In Gesängen des Barock wie der
Romantik ergibt sich der Eindruck eines stilvollen, aufs höchste verfeinerten
und kunstvollen Singens und bezwingender innerer Gelöstheit. ‑ Zwischen den
Chören spielte Hilde Rühl mit gesundem musikantischen Sinn und mit beherrschter
Gestaltung Klavierstücke von Händel und ‑ nicht ganz so eindrucksvoll ‑ von
Brahms.
wr.
Sächsische
Volkszeitung, 5. April 1935
Aus dem Leipziger Kunstleben
Im Konzert des Frauenchores
Schlaffhorst-Andersen hatte man Gelegenheit, eine Singgemeinschaft kennen zu
lernen, deren künstlerische, stimm- und atemtechnische Leistung wohl kaum zu
überbieten ist. Man hat den Eindruck, daß eine jede von den ca. 20 Sängerinnen
den innersten Gehalt des jeweils gesungenen Chorwerkes vollkommen erschöpft und
so zur nachschaffenden Künstlerin, im engsten Sinne des Wortes, wird. Wenn auch
im ersten Teil des Konzertes die Gesamtleistung unter einer gewissen Schärfe
des 1. Soprans litt, so war der Chorklang dann ein ganz ausgezeichnet geschlossener.
Die Vortragsfolge brachte Werke von H. Schütz, A. Gumpelzhaimer, J. H. Schein,
Joh. Brahms, R. Schumann und Franz Schubert. In Hans Chemin-Petit, Berlin,
besitzt diese Vereinigung einen musikalischen Führer von ungewöhnlicher
Begabung und künstlerischen Qualitäten. Hilde Rühl, in deren Händen die
Klavierbegleitung zu einzelnen Chorwerken lag, erspielte sich mit Klavierwerken
von G. F. Händel und Joh. Brahms einen schönen Publikumserfolg.
gtr.
[Dresden,
3. April 1935]
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Der Chor besteht nur aus
Mitgliedern, die durch die Schule Schlaffhorst-Andersen gegangen sind. Er tritt
zweimal im Jahre zusammen, um der Öffentlichkeit Proben seiner Tätigkeit zu
geben. Die Schule geht von der Erkenntnis aus, daß die Haltung des Menschen,
die innere wie die äußere, bedingt ist durch eine naturgemäße Atmung, die auf
dem Prinzip einer bewußten gymnastischen Lockerung des Körpers beruht. Für die
gesanglich-künstlerische Auswirkung bedeutet eine Schulung in dieser Richtung
Mühelosigkeit der Tongebung, Entspannung und Lockerung, Gelöstsein von allen
klangbehindernden Elementen. Die 18 Stimmen des Chores sind in der Tat ein
einziges Register von beispielhafter Ausgeglichenheit, seine Leistung ragt weit
über das Maß des Alltäglichen hinaus. Der Vokalismus wird zu klingendem Atem,
ein Atem von bewunderungswürdiger Ruhe. Chemin-Petit, Berlin, ist Leiter dieses
Elitechores. Seine Art zu dirigieren ist ungewöhnlich, vielleicht ist eine
solche Choreomanie bedingt durch gewisse Suggestionsabsichten. Die
Vortragsfolge ist vornehm, geizt nicht nach billigem Erfolg.
Hilde Rühl waltete als
sorgsame Begleiterin mit schier samtenem Anschlag ihres verantwortungsvollen
Amtes und steuerte mit einer ziselierten Wiedergabe einer Händel-Suite und zwei
anmutig gedeuteten Brahms-Intermezzi ein Wesentliches zu dem schönen Erfolg des
Abends bei.
Dr. Vcz.
[Dresden,
April 1935]
Der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen gab im Saale der Harmonie sein erstes Dresdener Konzert.
Wer ist’s? Knapp zwanzig Sängerinnen, die ihre Stimmbildung der Gesangsmethode
von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen verdanken, kommen zweimal im Jahre
auf je vierzehn Tage zu ernster, gründlicher Chorprobenarbeit zusammen, um sich
dann auf Konzertreisen zu begeben. Das muß man wissen, um die Leistungen dieses
Klangkörpers gerecht beurteilen zu können, denn zweifellos hat dieser dadurch
einen guten Vorsprung vor ähnlichen anderen Chören wie etwa vor Gesangvereinen.
Zwei Wochen intensives Probieren an einer beschränkten Zahl von Programmnummern
müssen, was Präzision und Vortragsgestaltung anbetrifft eine ungleich größere
Vollkommenheit ergeben, als laufende Chorproben in den Abendstunden, zu denen
die Mitglieder nach aufreibendem Tagewerk nicht zuletzt der eigenen
künstlerischen Erbauung wegen zusammenkommen. Ein weiteres Plus ist die einheitliche
gesangstechnische Ausbildung aller Chorsängerinnen, die kaum anderswo
anzutreffen ist, die aber ganz besondere Vorbedingungen schafft. Diese konnte
man auch an diesem Abend erkennen. Selten erlebt man bei einem Chor solch
gleichmäßige, entspannte Tongebung, eine so durchgebildete Behandlung der
Vokale und Konsonanten, je einheitliches Mienenspiel und gleiche
Körperhaltungen.
Dresden ist nicht arm an
guten Frauenchören, und gerade deswegen konnte der Besuch der Schlaffhorst-Andersen-Sängerinnen
auf besonderes Interesse zählen. Hinsichtlich des Stimmaterials machte man
keine Entdeckungen, die Soprane und Alte wahrten den Durchschnitt, und die
musikalischen Werte gingen zwar über das Alltägliche hinaus, aber nur hier und
da übertrafen sie das, was man bei Dresdens ersten Chorvereinigungen gewohnt
ist. Zudem hat das Programm keine sonderlichen Schwierigkeiten. Es hielt sich
an alte Meister wie H. Schütz, G. Gumpeltzhaimer und J. H. Schein und die
deutschen Romantiker Brahms, Schumann und Schubert, und die meisten Gesänge
wurden am Flügel von Hilde Rühl begleitet und sorgsam gestützt. Ausgezeichnet ‑
vor allem in ihrer klanglichen und rhythmischen Exaktheit ‑ war die Wiedergabe
der heiteren Chöre von Schumann und des Ständchens von Schubert.
Der sehr herzliche Erfolg
war zweifellos dem hervorragenden Chorleiter, Hans Chemin-Petit, zu danken.
Chemin-Petit ist als Komponist hier schon auf das Vorteilhafteste eingeführt.
Seine Dirigentenbegabung wurde ohne weiteres offenbar. Die Zeichengebung ist ‑
gemessen an der geringen Größe des geleiteten Apparates ‑ zwar nicht ohne
Aeußerlichkeiten, jedoch sehr anschaulich und eigenartig. Jedenfalls versteht
es der Dirigent, seine künstlerischen Absichten in sicherer Weise auf seine
Sängerinnen zu übertragen.
Die Gefahr der
Einförmigkeit, die Frauenchorabende in sich bergen, wurde gebannt durch Klaviervorträge
von Hilde Rühl, die zuerst einige Suitensätze von Händel spielte, darunter das
Air con Variazioni, das Brahms in seinen Händel-Variationen der Alongeperrücke
entkleidet hat. In zwei Intermezzi von Brahms zeigte sich Hilde Rühl als sehr
gute Musikerin mit bemerkenswerter Anschlagkultur.
C.V.K.
Potsdamer
Tageszeitung, 12. April 1935
Eine Ueberraschung:
Frauenchor Schlaffhorst-Andersen.
Gestern abend stellte sich
im Hause Seestr. 35 vor geladenem Publikum der Schlaffhorst-Andersensche
Frauenchor vor. Die weit über 200 Personen zählende Zuhörerschaft hatte Stunden
ungetrübten musikalischen Genusses. Hans Chemin-Petit aus Potsdam, durch seine
Berliner Philharmonischen Konzerte bekannt, ist der Leiter dieses einzigen
Klangkörpers. Der aus zwanzig Mitgliedern bestehende Chor, die alle aus der
Schlaffhorst-Andersenschen Gesangschule in Hustedt bei Celle hervorgegangen
sind, ist durch seine hohe, künstlerische Schulung auf einziger Höhe angelangt.
Jedes Mitglied ist Solist. Aussprache, Rhythmus, Tonreinheit, Tonschönheit,
musikalische Auffassung sind absolut vorbildlich. Dazu kommt ein Können von
unfehlbarer Sicherheit. Alles Gebotene am Abend ‑ es waren 18 der schwierigsten
Chorsätze ‑ wurde auswendig gesungen und vom Dirigenten auswendig geleitet.
Daher eine Leistung von ungewöhnlichem Schliff.
Der feinnervige Klangkörper
ist zu einer Einheit, ist zu einem Instrument geworden, auf dem sein Leiter
nach Herzenslust konzertieren kann. Als Vollblutmusiker versteht Chemin-Petit
zu musizieren, seine Auffassung hat Hand und Fuß. Tüfteleien sind ihm zuwider.
Heiße, innere Glut durchströmt jeden Chorgesang. In musikalischer Besessenheit
sind Dirigent und Chor verschmolzen und reißen ihre Zuhörerschaft im
musikalischen Taumel mit. Dieser Chor kann und wird von sich noch viel reden
machen. Aus der Fülle des Programms soll nur genannt werden: „Ihr Heiligen
lobsinget“ von Schütz, „Ach Gott tu dich erbarmen“ von Gumpelzhaimer, „Es ist
das Heil und kommen her“ von Schein, „Ave Maria“ von Brahms, „Soldatenbraut“
und Jäger Wohlgemut“ von Schumann, „Trauergesang“ und „Ständchen“ von Schubert.
Alles Leistungen auf höchster musikalischer Stufe des Chorgesanges.
Sehr unterstützt wurden die
Gesänge durch die Pianistin Hilde Rühl, die auch als Solistin am Abend mit
einer Suite von Händel und zwei Intermezzi, aus op. 119 von Brahms
hochmusikalisch aufwartete. Auch ihr wurde, wie dem Dirigenten und dem Chor
spontaner, anhaltender Beifall zuteil.
Adolf
Haensgen.
[Clausthal-Zellerfeld,
10. Januar 1936]
Konzert der Schule
Schlaffhorst-Andersen in der Aula der Bergakademie
Die Chorabende der Schule
Schlaffhorst-Andersen weichen von den üblichen Chorkonzerten ab und verfolgen
auch andere Ziele. Selbstverständlich arbeitet die Schule Schlaffhorst-Andersen
auch daraufhin, ihre Konzerte musikalisch so vollendet zu gestalten, wie dies irgend
möglich ist, und die Erfolge der bisherigen Konzertreisen und die Kritiken
hierüber lassen auch erkennen, daß dies dem Chor gelungen ist, und daß er unter
Leitung seines temperamentvollen Dirigenten mit einer glänzenden Beherrschung
des Gesanglichen und Technischen eine tiefe Beseeltheit und Verinnerlichung
verbindet.
Aber die Veranstaltung
dieser Konzerte ist nicht der Hauptzweck der Schule Schlaffhorst-Andersen,
sondern das ist ein anderer, indem nämlich die Stimme und deren Schulung als
Weg dient zur Beeinflussung des Atems und damit des Gesamtorganismus des
Menschen, wodurch dann naturgemäß auch wieder rückwirkend der Gebrauch der
Stimme selbst in Gesang und Vortrag entwickelt bezw. vervollkommnet wird.
Gewiß, der Mensch atmet von
selbst und es gibt Menschen, die in vollkommenem Rhythmus mit der Natur so
atmen, wie es für unseren Körper und Geist am besten ist. Auch in der Kindheit
pflegt der Mensch i. allg. im Einklang mit der Natur zu leben, sich seines
Daseins zu freuen, zu singen und richtig zu atmen. Aber das Leben der meisten
Menschen, namentlich das der abgehetzten und der Natur größtenteils
entfremdeten Europäer hat doch dazu geführt, daß vielfach überhaupt die Fähigkeit
verloren gegangen ist, zu einer Harmonie mit der Welt und ihren Erscheinungen
zu kommen, ja daß häufig Verkrampfungen oder auch Erkrankungen der
verschiedensten Art und Weise durch unnatürliche Lebensweise entstehen.
Eine der größten Möglichkeiten,
wieder neue Kräfte zu sammeln, bietet sich in der Kunst des richtigen Atmens
und seiner Beherrschung mittels der Stimme, die als natürliche Hemmung größten
Einfluß auf den Atmungsvorgang ausübt. Diese Auffassung von der Wichtigkeit des
Atmens ist auch nicht nur eine Erkenntnis der Schule Schl.-A., sondern die
Bedeutung der richtigen Atmung für das ganze Leben des Menschen.
Es ist das große Verdienst
von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, daß sie aufbauend auf den Werken
von Leo Kofler in intuitiver Erkenntnis des Wesens der Atmung neue Wege fanden,
die im Gegensatz zu dem seit Jahrhunderten angewandten Uebungen der Einatmung
auf der willkürlich beherrschten kunstgemäßen Ausatmung beruhen und bei denen
die Stimme in ganz besonderem Maße eine Beherrschung der Muskeln und damit des
Atemvorganges bewirkt.
Bereits im Jahre 1896
begannen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen auf Grund eigener persönlicher
Erfahrungen bei dem Studium von Gesang und Musik damit, sich eingehend mit der
menschlichen Stimme und der Atmung zu befassen und ihre Ideen zu verbreiten.
Wie alle grundlegenden Neuerungen erforderte es zunächst harte Arbeit, und erst
nach 20 Jahren war es gelungen, weitere Kreise für diese Schulung von Atmung
und Stimme zu gewinnen. Wie so vieles, verhinderte der Krieg die weitere
Entwicklung, und wieder vergingen infolge der ungünstigen Zeiten, Inflation
usw., über 10 Jahre, in denen man nur eine behelfsmäßige Unterkunft fand, bis
im Jahre 1926 durch Ankauf von geeigneten Baulichkeiten in der Nähe von Hustedt
bei Celle eine dauernde Unterkunft gefunden werden konnte.
Hier werden nun neben allen
möglichen Personen, die sich für Stimme und Atmung interessieren, wie Sänger,
Redner, Pfarrer, Aerzte usw., besondere Lehrerinnen ausgebildet, die dann ihrerseits
in den verschiedenen deutschen Städten ihre eigenen Kurse bezw. Schulen unterhalten.
Zweimal im Jahre treten dann
diese Lehrerinnen zusammen mit einem Teil der Ausbildungsschülerinnen eine
Chorreise durch die größeren deutschen Städte an, wobei sie den Beweis
erbringen, wie es möglich ist, in zielbewußter Arbeit eine ausgezeichnete
Stimmschulung selbst bei ursprünglich durchaus nicht für die Sangeskunst
veranlagten Personen durchzuführen und hierdurch auch den Menschen selbst zu
einer ausgeglichenen Persönlichkeit zu entwickeln.
Vor gut besetztem Hause sang
der Frauen-Chor der Schule Schlaffhorst-Andersen einen Liederreigen, beginnend
mit den Meistern der Stimmverwebung: Schütz, Gumpelzhaimer und Schein, um dann
über Händel, Brahms, alte Volkslieder und Schumann bei den Lebenden zu enden.
(Chemin-Petit und Wilhelm Kempff). Die Darbietungen wurden bei aller
Unterschiedlichkeit ‑ sowohl der Werke wie der Vortragsweise ‑ mit sehr starkem
Beifall aufgenommen. Die besondere Atemkultur und Lebenshaltung, die dem Gesang
die eigentliche Prägung verleihen sollen, war vom Liede allein her nicht
sogleich bemerkbar. Die betonte Verhaltenheit, so sehr sie in der absoluten
Musik der Bachzeit entspricht, wird schon beim Volkslied alter Prägung und erst
recht bei Schumann oftmals eher als „Nebel vor der Sonne“ empfunden. Darüber
täuscht auch kein noch so schnelles Tempo hinweg, besonders nicht in den
Koloraturen (Die schöne Sommerszeit) die bei dem Zeitmaß auch von dem besten
Chor nicht perlend herausgebracht werden können. Was den Chorsetzer bei „Viel
Freuden mit sich bringet“ veranlaßt hat, den nach der Quint verlangenden
Mittelsatz in moll und verminderten Klängen zu setzen, ist schwer erfindlich.
Restlos gefiel Brahms „Ave
Maria“ mit dem wunderbar farbensatten: „ora pro nobis“. Und: „Der Jäger
Wolgemut“ von Robert Schumann.
Ersteres wurde wiederholt.
„Die Nacht“ von Chemin-Petit
und Mörikes „Elfenlied“ von Wilh. Kempff boten zeitgenössische Musik. Hierüber
ein Werturteil zu fällen, maße ich mir nicht an und bekenne, daß ich viel zu
sehr dem Volksliede und allen Formelementen, die auf eine eindeutige schlichte
Gestalt zurückzuleiten sind, verbunden bin, um ein Verhältnis zu all der
modernen Musik zu haben, die diese Form bewußt überwindet; aber: de gustibus
non est disputandum!
Den Flügel bediente Hilde
Rühl mit nahezu männlicher Bestimmtheit. Das unverkennbar westliche Feuer des
Chorleiters übertrug sich meisterlich gebändigt auf die Sänger und Hörer. Es
war ein ästhetischer Genuß, die Ausdrucksfülle seiner stummen und doch so
unendlich sprechenden Bewegung zu verfolgen.
Wohltuend war auch die stete
Einfühlung der Solistinnen in den Chor. Nicht über ihm, wie das leider so oft
Solistenunart ist, sondern, in ihm „leben, weben, und sind sie.“
Gemeinschaft ‑ das war wohl
der stärkste Eindruck, den wir hatten, und es sei auch an dieser Stelle der
NS-Kulturgemeinde von Herzen gedankt, daß sie uns diese Stunden schenkte. nehmt
alles nur in allem:
Schön war’s ‑ wenn nur das
Wort nicht so abgegriffen wäre! ‑ ein Erlebnis.
Wilbach.
Soweit unser Musikkritiker. ‑
Wir möchten diesem Sonderurteil noch unser Gesamturteil anfügen:
Das Konzert stand von Anfang
an unter einer innigen, warmen Verbundenheit zwischen Künstlern und Zuhörern
und war dadurch für beide Teile so wertvoll. Wir genießen in unserer kleinen
Bergstadt häufiger wertvolle künstlerische Veranstaltungen: der gestrige Abend
bedeutet unbedingt einen Höhepunkt. Es war eine Freude festzustellen, wie der
Frauenchor unter seinem gewinnenden Leiter, all die bedeutenden Schwierigkeiten
der vorgetragenen Werke meisterte und technisch leicht mit ihnen fertig wurde.
Aber nicht in dieser äußerlichen Leistung liegt wohl der Hauptwert, sondern in
dem ausdrucksvollen Vortrag, der Zartheit und Seele vermittelte. Das war es ja
gerade, was die Schule erreichen will. Man hörte nicht nur Töne und Musik, nein
man empfing aus diesen Frauenstimmen freudiges Bekennen und Leben gewordene
Seele. Das sagt viel, ‑ das sagt alles.
Warmer Dank muß daher den
Veranstaltern und den Künstlern als Mittlern dieses Gutes erstattet werden.
Die große Zahl der Zuhörer
verließ mit vollem Herzen, gepackt und ergriffen von dem Gebotenen, die Aula.
Sby.
Wuppertaler
Stadt Nachrichten, 13. Januar 1936
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen (Leitung Hans Chemin-Petit, Berlin), der im vorigen Jahre
hier mit großem Erfolg konzertierte, war auf seiner Konzertreise durch
Mitteldeutschland auch in Wuppertal und gab Sonntagabend im Kasinosaal
Elberfeld ein Konzert. Wie schon an dieser Stelle erwähnt wurde, handelt es
sich bei diesem Chor um eine Vereinigung von Berufssängerinnen, die teils
lehrend, teils noch in der Ausbildung begriffen sind. Den Namen trägt der Chor
nach seinen Gründern, den Gesangspädagoginnen Clara Schlaffhorst und Hedwig
Andersen. Für die Gesangsmethode zu werben, auch leuchtendem Beispiel am
vollendeten gesanglichen Vortrag den Erfolg zu zeigen ist der Sinn der
Veranstalter. Was das vorjährige Konzert versprach, fand hier erneut überzeugende
Bestätigung. Der Gesangkörper bildet eine geschlossene Einheit von
einzigartiger Abrundung: Vokalisation und Atemführung sind einheitlich
ausgeglichen. Diszipliniert und gleichmäßig abgetönt funktionierte die
Stimmführung. Kein Ueberschreien oder forciertes Hervortreten einzelner
Stimmen, wie man es sonst so häufig beobachten kann. Scharf abgegrenzt die
Farbtönung bei gedeckten und halbgedeckten Vokalen. Wie die offenen Vokale in
der Tiefenlage durch sachgemäße Behandlung Klang= und Tonschönheit. Der
Dirigent ist bei so vorgebildetem Stimmaterial in der angenehmen Lage, seine
ganze Aufmerksamkeit auf die Interpretation des Kunstwerks zu konzentrieren.
Alles Stimmtechnische ist im Chor gegebene Voraussetzung. Ein Idealzustand wie
er allgemein vorhanden sein sollte, leider aber kaum irgendwo anzutreffen ist.
Auch kaum je zu erwarten ist, solange nicht durch aufmerksame sachgemäße
Schulung die Stimmen entsprechend vorbereitet werden.
Hinsichtlich der Qualität
sind diese Stimmen - besonders im Sopran - durchaus nicht hervorragend. Einzig
die Behandlung schafft den Erfolg, der hier von Werk zu Werk in Erscheinung
trat und in den Werken der Romantiker wie dem „Elfenlied“ für Chor und
Klavierbegleitung von Kempff, „Coronach“ von Schubert für Solo, Chor und
Klavierbegleitung, sowie einer Komposition von Chemin-Petit „Die Nacht“ für
zwei Solostimmen, Chor und Klavier Höhepunkte der Vortragskunst zeigte. Der
erste Teil des Programms verzeichnete Werke von Schütz (Ihr Heiligen
lobsinget), Gumpelzhaimer („Die Nacht ist gekommen“, Mit Fried und Freud“, „Ach
Gott tu dich erbarmen“, „Ich dank dir lieber Herr“), Palestrina („Christe
eleison“, „Pueri Hebraerum“), Orlando de Lasso (Adoramus te), Loti (Vere
languoves). Die Vorträge fanden lebhaften Beifall, der die Ausführenden zu
Zugaben nötigte. Um die Klavierbegleitung machte sich Hilde Rühl verdient, die
außerdem die Vortragsfolge durch zwei Klaviersoli, „Suite in B-Dur“ von Händel
und „Rhapsodie“ Ov. 79 r. 2 in G-Moll von Brahms, bereicherte. Auch ihr wurde
dankbare Anerkennung.
-a-
Wuppertaler
Zeitung, 13. Januar 1936
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen
Der unter der Leitung von
Hans Chemin-Petit (Berlin) stehende Frauenchor Schlaffhorst-Andersen kam auf
seiner Konzertreise durch Mitteldeutschland auch nach Wuppertal und gab im
Saale der Gesellschaft Casino ein Konzert. Schon im vorigen Jahre hatte man
Gelegenheit den Chor hier zu hören, und die musikalisch vortrefflichen
Darbietungen sind noch in guter Erinnerung. Jetzt durfte man sich wiederum an
den musikalisch hervorragenden Darbietungen erbauen. Was diesen Chor aus den
Allgemeinerscheinungen hervorhebt, ist die einzigartige Behandlung des
Gesanglichen als Chorklang. Die Vollkommenheit im Ausgleich der Stimmen; die,
wie die Begründerinnen der Vereinigung, Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen
betonen, als Resultat psychologisch-gesetzmäßiger Stimmerziehung anzusehen ist
und ihre Verwirklichung erst in Verbindung mit zweckmäßiger Atemschulung finden
konnte. Daraus ergibt such, daß hier nicht ein Chor von Musikdilettanten singt,
sondern Berufssänger, die sich jedoch immer in gesanglich natürlichen Bahnen
bewegt und nie in artistische Künsteleien abirrt. Das Stimmaterial an sich,
namentlich im Sopran, ist gar nicht so hervorragend. Die Einheitlichkeit in der
Wiedergabe ist es, die hier den Ausschlag gibt. Das zeigte sich nicht nur bei
den Werken der alten Meister, das bekundeten auch die der romantischen Richtung
angehörenden Kompositionen, die wundervoll abgetönt und auf lebendigen, den
Gehalt der Dichtung vermittelnden Vortrag eingestellt gesungen wurden. Von den
alten Meistern waren in der Vortragsfolge vertreten: Schütz, Gumpelzhaimer,
Schein, Palestrina, Orlando die Lasso und Lotti. An neueren Werken hörte man
eine ansprechende Komposition des Dirigenten Hans Chemin-Petit, für zwei
Solostimmen und Chor, ein entzückendes „Elfenlied“ mit Klavierbegleitung von
Kempff und ein Werk von Schubert „Coronach“ für Solo, Chor und
Klavierbegleitung. Kompositionen, die dank auch ihres gewinnenden Vortrags sehr
starken Beifall fanden, der durch Wiederholungen und Zugaben quittiert wurde.
Am Flügel wirkte
verständnisvoll Hilde Rühl. Außer der sauber durchgeführten Begleitung bereicherte
die Künstlerin die Vortragsfolge durch zwei Klaviersoli, einer Suite in B-Dur
von Händel und der Rhapsodie in G-Moll von Brahms Op. 79. Auch den
Klaviervorträgen wurde reicher Beifall zuteil.
General
Anzeiger der Stadt Wuppertal, 13. Januar 1936
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Der als bester deutscher
Frauenchor berühmte und bekannte Schlaffhorst-Andersensche Chor, der unter der
Leitung von Hans-Chemin-Petit (Berlin) steht, und uns von seinem vorjährigen
hiesigen Konzert noch in bester Erinnerung ist, veranstaltete am gestrigen
Abend im großen Saale des Kasinos in Elberfeld erneut ein Konzert, dem sich die
Aufmerksamkeit eines großen Zuhörerkreises zuwandte. Wie schon im letzten
Jahre, konnte auch diesmal der Chor durch seine außergewöhnliche
gesangstechnische Schulung und seine starke Diszipliniertheit einen schönen
Erfolg erringen. So hatte man die Chöre von v. Gumpelsheimer, Schütz, Palestrina,
Lasso und Lotti lange nicht mehr mit einer solchen künstlerischen Reife gehört.
Mit tiefem Gefühl und einem fast ekstatischen Versenken in die Klangbilder der
barocken Chormusik, verstanden die Damen des Chores im besonderen Maße ihre
Zuhörer zu fesseln.
Der Chorleiter Chemin-Petit
erwies sich als überlegener Führer dieser kultivierten Singgemeinschaft.
Feinnervig ließ er die Werke in ihrer ganzen Schönheit erstehen. Innerhalb des
reichhaltigen Programms spielte Hilde Rühl die Suite B-Dur von Händel und die
Brahmssche Rhapsodie op. 79. Während uns die Händelsche Suite ein wenig zu
blass und trocken gespielt vorkam, sprach das Brahmssche Werk mehr an und
konnte der Künstlerin für ihr technisch ausgezeichnetes Spiel starken Beifall
eintragen.
Eine eigene Komposition des
Chorleiters, betitelt „Die Nacht“, in der sich Lotte Bleul und Irma von Arnim
als Einzelsängerinnen auszeichneten, zeigt das reife Können der Chorgemeinschaft,
und auch das nun folgende „Elfenlied“ von Kempff gab den Damen Gelegenheit, die
stimmliche Wandlungsfähigkeit und Ausdrucksfähigkeit unter Beweis zu stellen.
Entzückt forderten die Zuhörer eine Wiederholung dieses reizenden Chores.
Mit den Schubertschen
Liedern „Coronach“ und „Ständchen“ beschlossen die Sängerinnen ihr Konzert, das
ihnen starken Beifall und Verständnis für ihr künstlerisches Schaffen einbrachte.
Ch.
Bergisch-Märkische
Zeitung, 14. Januar 1936
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Konzert im Casino W.-Eberfeld
Schon als vor längerer Zeit
der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen erstmalig in Wuppertal sang, wurde hier
Näheres ausgeführt über die musikerzieherischen Bestrebungen, die Grundlagen
dieser Chorvereinigung sind und in der bei Celle gelegenen Ausbildungsanstalt
besonders gepflegt werden. Es ist insbesondere die große Bedeutung des Atems
für die Musikbetätigung, die hier beherrschend im Vordergrund steht. Und bei
den Darbietungen zeigt sich auch diesmal wieder eine Disziplin der Atembehandlung, die erstaunlich ist. Die
offenbar solistische Durchbildung jeder Sängerin erzielt eine atemtechnische,
klangliche und seelische Einheit des Chores, wie man sie nur selten antrifft.
Sowohl beim Einsatz, bei der ganzen Durchführung der Gesänge und besonders bei
dem fein gerundeten freien Ausschwingen am Schlusse tritt das überzeugend in
Erscheinung. Die musikalische Sicherheit und starke innere Beteiligung der
Ausführenden, die schöne Tonbildung und gute Aussprache, die Eindringlichkeit
und Ausdruckskraft der Vortragsgestaltung sind weitere besondere Vorzüge des Chores.
Daß der Sopran mitunter etwas härter klingen mag, hängt vielleicht damit
zusammen, daß der Ton von unten her gefaßt wird. - In Hans Chemin-Petit hat der
Chor einen ausgezeichneten Leiter, der die Stimmen sicher lenkt und dessen
Führung, die den Gestaltungsausdruck in jedem Werke verständnis- und
temperamentvoll prägt, der auswendig singende Chor mit voller Hingabe folgt.
Man bot im ersten Teil
ältere Chormusik, begann mit einem Chor (mit Klavier) von Heinr. Schütz, „Ihr
Heiligen lobsinget“, dem sich vier in ihrer kontrapunktischen Polyphonie feine
A-cappella-Gesänge von Gumpelshaimer (einem Gefolgsmann Leonhard Lechner)
anschlossen, von denen namentlich der in seiner ekstatischen Ausdruckskraft
ungemein wirkungsvoll dargebotene „Ach Gott, tu dich erbarmen“ hervorgehoben
sei. Auch des Thomas-Kantors Schein Komposition „Es ist das Heil uns kommen
her“ (mit Klavier) hinterließ nachhaltigen Eindruck. Vier lateinische
A-cappella-Gesänge bildeten den Ausklang des ersten Teils: zwei Werke von
Palästrina, in denen sich nördliche Architektonik mit südlichem Klangerlebnis
verbindet, die steile polyphone Architektur eines „Adoranus te“ des
Niederländers Orlando di Lasso, und das aus späterer Zeit stammende „Vere
languores“ des Italieners Lotti, durch Reinheit und edles Maß auszeichnet.
Nach diesen in ihrer
polyphonen Struktur vortrefflich wiedergegebenen älteren Werken, kamen im
zweiten Teil des Abends noch einige klavierbegleitete moderne Werke zum
Vortrag, u.a. eine Komposition des Chorleiters Hans Chemin-Petit: „Die Nacht“,
eine das Prinzip der Linearität mit fast romantisch anmutenden Klangwirkungen
verbundenes Werk, dessen nicht geringe Schwierigkeiten gut bewältigt wurden,
ferner das reizvolle „Elfenlied“ von Kempff, das so starken Beifall fand, daß
man es wiederholen mußte, sowie (auf Wunsch) zum Schluß noch zwei Schubertsche
Gesänge, von denen „Coronach“ in seiner Darlegung einer der besten
Chorleistungen des Abends war. Nach Schuberts „Ständchen“ war der Schlußbeifall
so anhaltend und herzlich, daß man sich noch zu einer Zugabe verstehen mußte.
Am Flügel wirkte bei den
klavierbegleiteten Gesängen Hilde Rühl erfolgreich mit, die auch solistisch
Händels B-dur-Suite und Brahms g-moll-Rhapsodie spielte. Der klare, aber etwas
harte Vortrag der technisch gut gebildeten Pianistin blieb ohne persönliche
Note und vermochte nicht recht zu erwärmen. Bei einigen Gesängen traten aus dem
Chore Lotte Bleul und Irma von Arnim wirksam solistisch hervor.
Kbg.
Westfälische
Zeitung, Bielefelder Tageblatt, 15. Januar 1936
Frauenchor
Schlaffhorst-Adnersen
Konzert in der Eintracht
Hindemith, Kuhlenkampf,
Kempff, Chemin-Petit ... eine Reihe zeitgenössischer, vorklassischer,
klassischer und romantischer Werke ‑ das etwa wäre ein flüchtiger Auszug aus
der ersten Konzertwoche des neuen Jahres. Man müßte viel Platz und Muße haben,
wollte man das alles auch nur einigermaßen erschöpfend würdigen. Begnügen wir
uns heute mit dem Profil eines jungen Dirigenten, es ist charakteristisch
genug.
Hans Chemin-Petit, trotz
seines französischen Namens ein Deutscher, der 1902 in Potsdam geboren wurde,
gehört zunächst einmal als Komponist zu den Zeitgenossen, die uns wirklich
etwas zu sagen haben. Seine Kantaten und Motetten sind mit starkem Erfolg in
der Reichshauptstadt uraufgeführt worden. Als Dirigent gehört er zu den
bevorzugten Stabführern der Berliner Philharmoniker. Er leitet auch ‑ wir sahen
es gestern ‑ den Frauenchor Schlaffhorst-Andersen. (Hedwig Andersen und Clara
Schlaffhorst gründeten 1916 die Rotenburger Atemschule, die sich, wenn ich
recht orientiert bin, seit 1926 in Hustedt bei Celle befindet). Chemin-Petit
hat als Chordirigent nicht nur eine starke und sichere Musikalität, er hat auch
die entschiedene Souveränität eines Künstlers, der ein so heikles Instrument ‑
wie es ein kleiner Frauenchor nun einmal ist ‑ zu führen unternimmt. Manches Gestische
steht vielleicht noch nicht in urtümlichem Zusammenhang mit dem musikalisch
Notwendigen. Wir können auch nicht jede ‑ meinetwegen elegante ‑ Pose als
starke, elementare Aeußerung künstlerischer Erschütterung deuten. Aber das, was
unmittelbar zu dieser Erschütterung hinführt ‑ die Steigerung des Affektes und
die Steigerung des Effektes ‑ das ersteht unter des Dirigenten Hand im Ganzen
meisterlich.
Wie gesagt: der Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen legt entscheidenden Wert auf richtiges Atmen. Durch recht
geleitete Regulierung des Ein- und Ausatmungsstromes bekommt eine Stimme lange
Tragfähigkeit und Farbe. Sie bleibt vor allem leistungsfähig. Wie viel auf diesem
Gebiete gesündigt wird, davon kann man sich Abend für Abend in den Opernhäusern
überzeugen. Edmund Joseph Müller, ein ausgezeichneter Stimmpädagoge, hat einmal
gesagt: Beim Singen benötigt man nicht den ganzen möglichen Luftvorrat. Wir
werden daher beim Singen weder die Lungen ganz voll schöpfen noch auch beim
Ausatmen sie ganz entleeren. Auf diese Weise werden übermäßige Verkrampfung,
Halsdruck und harter Stimmeinsatz vermieden und der Hals wird geschont. Das
Singen ist keine Angelegenheit robuster Kraft, sondern der Oekonomie, der
Resonanz ‑ der Kunst.“
Die 16 Damen, die gestern im
Eintrachtsaal sangen, sind bestimmt keine überdurchschnittlichen
Stimmträgerinnen. Aber sie wissen um das Geheimnis des Atmens, das wiederum den
Kehlkopf erzieht. So gelangen sie zu einer Deutlichkeit des Singens, zu einem
Ausgleich des Vokalischen und des Konsonantischen, der vieles von dem ersetzt,
was den Darbietungen an musikantischer Frische abgeht. Sie sangen ‑ und ihr
Singen ist gleichzeitig: Sagen ‑ Chöre von Schütz und Gumpelzhaimer, von
Schein, Brahms, Schumann und Schubert. Der Vortrag war - bis auf mehrere
unpräzise Einsätze ‑ geschliffen im Technischen, verhalten im Klang. Am Flügel
begleitete etwas eintönig: Hilde Rühl. Sie spielte Händel (Suite in B-Dur) und
Brahms (Rhapsodie ‑ G-Moll) mit hartem Zugriff, doch niemals klar in den
Konturen, was wohl durch die ausgiebige Benutzung des Pedals bedingt war.
Der Eintrachtsaal war sehr
gut besucht. Es gab Beifall und Zugaben, jedoch erst zum Schluß, als sich die
Hörer an den allzu verfeinerten Klang des Chores gewöhnt hatten.
Bielefelder
General-Anzeiger, 15. Januar 1936
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Eintrachtsaal Bielefeld
Ein Chor von sechzehn Damen,
davor ein junger Dirigent: der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen unter Hans
Chemin-Petit. Was hat es besonderes auf sich mit diesem Chor? Denn eine
Besonderheit ist es, ganz ohne Frage. Als Gründung von Frau
Schlaffhorst-Andersen, die als Lehrerin für Atemtechnik in Sängerkreisen im
ganzen Reich einen bedeutenden Ruf besitzt, stellt er eine strenge Auslese dar,
was Stimmaterial, Musikalität und technisches Können anlangt. In Hans
Chemin-Petit, der sich auch als Orchesterleiter in Berlin schnell durchgesetzt
hat, besitzt er einen Dirigenten, der mit seltener Feinfühligkeit der geistigen
Substanz eines Werkes auf den Grund zu gehen versteht. Man kann nicht anders
sagen, fanatischen Gefolgsbereitschaft. Das geht weit über Musizieren im landläufigen
Sinne hinaus. Ja, es birgt sogar die Gefahr in sich, daß die Musik nicht mehr
als unmittelbare Lebensäußerung wirkt, sondern ‑ dieser Eindruck mag falsch
oder richtig sein ‑ als eine mystische Verzücktheit von allzu empfindsamer
Exklusivität. Und dieser Gefahr entgeht der Chor in der Tat nicht. Trotz aller
Beseelung, die sich bis in die unscheinbarsten Wendungen einer Nebenstimme
erstreckt, trotz aller Kultur ‑ man empfindet es als allzu überfeinert.
Vielleicht noch nicht einmal
so sehr bei den Chören der deutschen Renaissancemeister (Schütz, Gumpelzhaimer,
Schein), obwohl auch diese geistlichen Gesänge eine stärkere seelische Gradlinigkeit
voraussetzen. Um so mehr tritt es bei den Romantikern in Erscheinung, die zwar
eine diffizilere Phrasierung vertragen, die jedoch auf seltsame Art
entsinnlicht wurden: Brahms mit seinem „Ave Maria“ und seinen
Jungbrunnenliedern, Schumann vor allem, dessen beherzte Lyrik aller Volksliedhaftigkeit
entkleidet war. Bei Schubert, besonders in dem mit schwingender Grazie zum Klingen
gebrachten „Ständchen“, stellte sich wieder eine unmittelbare Wirkung ein, auf
die das übrigens sehr zahlreiche Publikum, das sich nur langsam erwärmte,
spontan reagierte. Es bleibt vom ganzen Abend der Eindruck unerhörtesten Wohlklangs,
großen Könnens und einer unleugbaren, aber etwas abseitigen musikalischen
Kultur.
Die junge Pianistin Hilde
Rühl, die zu der Folge zwei Klaviersoli zusteuerte, konnte nicht ganz von ihrer
technischen und geistigen Reife überzeugen. Litt schon die Händel-Suite in
B-dur unter der laxen Pedaltechnik und gewissen Hemmnissen in der Gestaltung,
so noch mehr die G-Moll-Rhapsodie von Brahms, deren Vortrag man nicht als aufführungsreif
bezeichnen konnte.
H.
O. R.
Osnabrücker Zeitung, 15. Januar 1936 [maschschr. Abschrift]
Dem Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen geht ein ausgezeichneter Ruf voraus und überdies ist er
in Osnabrück noch in gutem Andenken. So hatte sich trotz der etwas
ausgefallenen Vortragsfolge am Montag abend in der Marienkirche eine recht
ansehnliche Gemeinde zusammengefunden. - Übrigens ausgefallene Vortragsfolge:
Gewiß, es waren musikalische Leckerbissen, alte, seltene, A-cappellachöre von
Palestrina, Lasso, Lotti, Verdi in lateinischer und italienischer Sprache, die
aber letzten Endes doch nur einem kleinen Kreis Musikkundiger Wesentliches zu
sagen haben. Die rechte Erbauung und den vollen Genuß für jeden vermögen diese
fremdsprachigen und kunstvollgebauten Gesänge nicht zu geben. und gerade für
einen so hervorragenden Klangkörper, wie es dieser Frauenchor ist, sollte es
vornehmste Aufgabe sein, jedem seine Kunst verständlich zu vermitteln. Wir
haben schließlich gute und einfache geistliche Komponisten genug.
So konnten auch die vier
geistlichen Lieder des Bayern Gumpelzhaimer am besten gefallen. Teilweise
bekannte geistliche Texte und schlichte, herrliche Melodien kamen bei der
tiefen Musikalität und der ausgeglichenen und mühelosen Aussprache dieses
Chores zu schlechthin vollendeter Wiedergabe und damit zur tiefen Wirkung auf
den Hörer. Selbstverständlich standen die Darbietungen der lateinischen und
italienischen Gesänge auf gleich hoher künstlerischer Stufe. Vor allem das
Verdische „Vergine madre“ zeigte feinstes Stilgefühl und wunderbare
Klangeinheit. - Man hatte hier wie auch bei den Werken von Palestrina, di
Lasso, Lotti und Brahms trotz der geringen Besetzung den Eindruck einer
orchestralen Geschlossenheit, die die Schlußakkorde in zauberhaftem Piano
verklingen ließ. Und es ist immer wieder erstaunlich, was hier die sichere
Führung und intensive Arbeit des fähigen Musikers und Dirigenten Hans
Chemin-Petit an musikalischer Vortragskunst herauszuholen versteht.
Günter de Witt spielte
einige Orgelsolis: so Choralvorspiele von Pachelbel, dem vorbachischen
süddeutschen Orgelmeister, der jedoch in seinen Vorspielen und Variationen Bach
schon recht nahe kommt. - Weiter eine Ciacona von Buxtehude und Choralvorspiele
von Brahms. Alle seine Vorträge zeichneten sich, wie immer, durch mühelose
Technik aus, waren von vollendeter Werktreue, konzentriert, künstlerisch und
echt
Dr.
D.
Neue Volksblätter Osnabrück, 15. Januar 1936 [maschschr. Abschrift]
Durch sein kultiviertes
Singen im Schloss-Saal machte im Herbst 1934 auch in O. der aus der bekannten
Heideschule in H. hervorgegangene Frauenchor Schl.-A. aufhorchen. Wenn er dies
Mal die weiten Hallen der Marienkirche
ausersehen hatte, um aus dem weiten Gebiet der Kirchenmusik einige auserwählte
Werke für Frauenchor zur Aufführung zu bringen, so gewann ich den Eindruck,
dass akustisch der Schl. Saal damals doch wohl die stärkere Wirkung
ermöglichte. Die Zusammenstellung der Vortragsfolge - im wesentlichen Meister
aus der Vorbachzeit - bewies, daß es der Vereinigung nicht zu sehr auf Effekt,
als auf den Feingehalte der Werke ankam. Auch dies Mal wieder imponierte das
tadellose Stimmaterial und die Einheitlichkeit und Geschlossenheit des Zusammenklanges,
imponierte zugleich die feinsinnige Art, wie H. Ch. P. als Dirigent alle
Feinheiten u. Klangmöglichkeiten herausarbeitete. Die alten Sachen von
Palestr., Lasso, Lotti, sämtlich gottesdienstliche Sätze, wurden mit
ausgesuchter Zartheit u. feinstgeschliffener Form gesungen. Besonderes
Interesse erregten 2 alte im Kirchenstile gehaltene Motetten v. Brahms.
Stärksten Eindruck durch seine modernen Harmoniegänge hinterließ der Chor
„Vergine madre“. Den gehaltvollen Anschluß bildeten 4 geistliche Lieder v.
Gumpelzhaimer, deren Vortrag die Tüchtigkeit des Frauenchores nochmals in
vollem Lichte herausstellte.
K.
Leipziger
Neueste Nachrichten, 17. Januar 1939
Frauenchor
Schlaffhorst-Andersen
Unter den Vereinigungen, die
sich der Pflege alter Musik verschrieben haben, steht der Frauenchor der Schule
Schlaffhorst-Andersen in Hustedt an führender Stelle. Wie ein Abend im
Landeskonservatorium aufs neue zeigte, werden hier unter der Leitung von
Professor Friedrich Högner wertvolle alte Sätze in einer Stilklarheit geboten,
die erkennen läßt, daß den Mitgliedern des Chores diese Kunst über das
musikalische Erlebnis hinaus zum Ausgangspunkt eines eigenen Lebensstils, ja,
zum Lebensinhalt geworden ist. Die Erziehung in der Schule gibt den 16 schönen
Frauenstimmen eine ausgeglichene Einheitlichkeit des Klanges, die in ihrer
edlen, sammetweichen Fülle einzigartig ist. Die Kultur der Aussprache läßt auch
im polyphonen Satz kaum ein Wort verlorengehen, und die musikalische
Ueberlegenheit dieses Singens erweist sich daraus, daß auch die schwierigsten
Sätze mühelos ohne Notenblatt beherrscht werden. So durchschreitet in still
leuchtender Schönheit die Liederfolge einen ganzen Jahreskreis, und zwischen
die Sätze der alten Meister fügen sich dabei auch Gesänge zeitgenössischer
Komponisten ohne Zwang ein, die, wie Armin Knab oder Walter Rein, auf den Stil
längst vergangener Zeiten zurückgehen.
In schönem Gleichklang des
künstlerischen Wollens gaben Vorträge der „Leipziger Vereinigung für alte
Kammermusik“ dem Programm das instrumentale Gerüst. in der E-dur-Sonate für
Flöte und bezifferten Baß beherrschte der wundersam entrückte Flötenton Carl
Bartuzarts, im Vortrag fein und geistig eingesetzt, das Feld. In einer
Gamben-Sonate von Karl Friedrich Abel, dem „letzten Gambisten“, der noch unter
Bach dem Thomanerchor angehört hat, ließ Christian Klug sein herrliches
Instrument in schlackenfreiem, adeligem Schönklang erstrahlen. Wie hier, so
führte auch in dem E-dur-Konzert von Telemann mit seinen köstlich musizierenden
Ecksätzen und einem kühn geformten, inhaltreichen Zwiegespräch der Instrumente
im Mittelteil Friedrich Högner den Cembalopart mit einer Meisterschaft durch,
die Stilwollen und Erlebniskraft im gleichen Maße auszeichnen.
Dr.
Waldemar Rosen.
[Leipzig,
Januar 1939]
Konzert des Frauenchors
Schlaffhorst-Andersen
Gestern abend veranstaltete
der Frauenchor Schlaffhorst-Andersen (Hustedt bei Celle) in der Musikhochschule
ein gutbesuchtes Konzert, das zu einem glänzenden Erfolg führte. Der Chor geht,
- wie bereits berichtet - aus einer Schule für Atem-, Sprech- und Gesangskunst
hervor, die den Grundsatz vertritt, daß die Atem- und Stimmtätigkeit die
lebenswichtigsten Funktionen des Menschen sind. Als hauptsächlicher Erzieher
zur Kunst gilt in Hustedt der Chor, der als Vertreter und Vermittler der
gesamten, in aller Stille geleisteten Arbeit zu betrachten ist.
Die Leistungen des
Frauenchors waren ganz überragend. Im allgemeinen besucht man mit gewissen
Bangnissen Frauenchorkonzerte. Wenn sie nicht ganz kultiviert aufgezogen sind,
ist der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen leicht getan. Gestern aber ging
man ganz beglückt nach Hause. Die 16 „konzertierenden“ Damen boten schon rein
visuell ein äußerst vornehmes Ensemble, das ganz der Kunst hingegeben, in
seiner Aufgabe restlos aufging. Sie sangen die vielen Lieder auswendig, und das
allein bedeutete schon eine ungewöhnliche Leistung.
Freilich steht dem Chor in
dem Dirigenten Prof. Friedrich Högner (München) eine überragende Persönlichkeit
vor, auf die er stolz sein kann. Wir kennen den 1897 geborenen Prof. Högner als
hervorragenden Orgelvirtuosen und Wissenschaftler, dem offenbar die Chorarbeit
in Hustedt viel Freude bereitet. Die Mühe wird ihm hier insofern erleichtert,
als alle über ganz Deutschland verbreiteten Mitglieder, die sich nur zweimal im
Jahr zu kurzen Chorübungenszwecken in Hustedt treffen, die gleiche stimmliche
Ausbildung haben. und die muß - wie man gestern hörte - vorbildlich sein. Die
Güte der Darbietungen steigerte sich von Nummer zu Nummer und nahm geradezu
ideale Formen an. Bei allen Mitgliedern schwebt der Ton absolut frei und gelockert
wie auf einem gleichschwingenden Resonanzboden, man hört kein Pressen und
Unreinsingen: die Vokalisation ist einwandfrei, die klingenden Konsonanten
erhöhen die gelöste Klangwirkung. Deshalb ist die Aussprache tadellos, der
Chorklang erhebt sich meist in ätherische Schönheit.
Für die künstlerische
Werthaftigkeit sorgte natürlich Prof. Högner, der dem Chor nicht mehr zumutet,
als er leisten kann. Er schöpft den Stimmungsgehalt der Gesänge restlos aus und
stellt eine Vortragsfolge auf, die hohes Interesse erweckt; sie trägt das
Motto: „Musik im Jahreskreis“ und durchläuft den Frühling, Sommer, Herbst und
Winter, in dem sie zum „Eingang“ und „Beschluß“ noch einige Lieder dazu nimmt.
Zum größten Teil werden alte, aus der Vor-Bachzeit stammende polyphone, herrliche
Madrigalsätze gesungen; von neueren Komponisten sei nur Armin Knab genannt,
dessen „Drei Laub auf einer Linden“ wiederholt werden mußte. Wie überhaupt der
Beifall immer stürmischer wurde und zu einem wahren Orkan anschwoll.
Er galt auch der vorzüglichen
„Leipziger Vereinigung für alte Musik“: Prof. Friedrich Högner (Cembalo),
Konzertmeister Christian Klug (Viola da Gamba) und Kammervirtuos Karl Barzutat
(Flöte), die mit Werken von J. S. Bach, K. Fr. Abel und S. Th. Telemann mit
Recht begeisterte Zustimmung fanden. Wir lernten in Christian Klug einen
vollendeten Meister der Viola da Gamba kennen, wie wir ihn in der Leichtigkeit,
Schönheit und Reinheit der Tongebung noch nicht erlebten. Der freischwingende
Flötenton Karl Barzutats ging den Ohren angenehm ein; die erlesene Cembalokunst
Högners braucht nicht in nähere Beleuchtung gesetzt zu werden. Das Cembalo
stammte von Gebr. Ammer in Eisenberg, die wundervolle Gambe von Joachim Tilke
(Hamburg) aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.
Dr. Otto Reuter.
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