Historisches

Gesellschaft der Freunde (Freundeskreis)

 


 

Chroniken Freundeskreis und Lehrervereinigung (Kröger)

Zur Geschichte von
Schule, Gesellschaft der Freunde und Lehrervereinigung
Schlaffhorst-Andersen

Rüdiger Kröger (Entwurf: Juni 2000)

Im Jahre 1897 erschien die von den Musik- bzw. Gesanglehrerinnen Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst ins Deutsche übersetzte Ausgabe von Leo Koflers „The Art of Breathing“. Die Arbeit an dieser Übersetzung war für die beiden derart einschneidend, daß man den Ursprung der späteren Schule Schlaffhorst-Andersen ohne weiteres damit verbinden kann. Dies schlug sich nieder in der erstmals im Berliner Adreßbuch von 1900 zu findenden erweiterten Berufsangabe H. Andersens als „Musik- u. Athemgymnastik-Lehrerin“.

1910 gründeten die beiden Lehrerinnen in Neubabelsberg (Potsdam) eine Schule mit acht Logierzimmern.[1] Das Ziel, das sich diese Damen stellten, ist zwar nicht die Behandlung von Kranken, sondern die Ausbildung von Lehrkräften für Atemkunst und Atemgymnastik, als Vorbedingung zum Gesang und zur Förderung der Gesundheit. Daß in dieser Anstalt Hand in Hand mit dem Studium Kräftigung des Organismus, ja Heilung von gewissen Krankheiten erreicht wird, habe ich an mir selbst erfahren und an vielen anderen gesehen. schrieb Alexandra von Holmblad 1912.[2]

Nachdem die Schule 1916 nach Rotenburg an der Fulda verlegt wurde, gelangte sie unter dem Namen „Rotenburger Schule für Atmungs- Sprech- und Gesangskunst“ in den Zwanziger Jahren zu großer Bekanntheit. Für den wachsenden Schüler- und Interessentenkreis wurde 1926 eine sehr erfolgreiche Arbeitswoche veranstaltet. Im Verlauf dieser Veranstaltung fand die Gründungsversammlung der Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst-Andersen) [im folgenden GdF] statt. Die Satzung wurde im Dezember 1927 beschlossen und legte in §1. u.a. Name, Zweck fest: Die unter dem Namen „Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst-Andersen)“ bestehende Vereinigung hat das Ziel, die Arbeit der Rotenburger Schule, die den Menschen in seiner Gesamtheit durch Atmung und Stimme zu erziehen sucht, zu fördern. Die GdF stellte sich unter anderen zunächst die folgenden Aufgaben: Behörden, Lehrer, Aerzte, Musiker u.a. für die Rotenburger Arbeit zu interessieren, jungen Leuten, die hervorragend für die Rotenburger Arbeit geeignet sind, die Ausbildung zu ermöglichen, räumliche Erweiterung von Mutterhaus und Versuchsschule herbeizuführen, weitere Kreise durch Tagungen, Vorträge, Chorkonzerte u.s.w. mit der Rotenburger Arbeit bekanntzumachen. Die Mitgliedschaft setzte sich aus dem größten Teil der Ausbildungsschülerinnen und deren Angehörigen, zahlreichen weiteren Schülern von C. Schlaffhorst und H. Andersen bzw. den bereits selbständig arbeitenden diplomierten Lehrkräften der Schulen sowie einigen anderen Bekannten und Interessenten zusammen. Der erste Vorstand wurde auf eigenen Wunsch 1932 abgelöst.[3] Nun traten mit Anita Grauding als Schriftführerin und Dora Idler als Kassenwartin zwei diplomierte Lehrerinnen in den Vorstand mit ein. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde intensiviert, u.a. durch die Herausgabe einer Zeitschrift (Mitteilungen der GdF) und größere Chorreisen.

Mittlerweile waren neben dem 1926 noch nach Hustedt bei Celle verlegten „Haupthaus“ mehrere sogenannte „Zweigschulen“ entstanden, nämlich:

‑ das Haus Marie Selbmann (seit 1918), von 1933 bis 1938 als private Mittelschule

‑ das Haus Anke Schulze (seit 1926) beide in Rotenburg a.d. Fulda

‑ das Kinderhaus von Ilse Krüger (seit 1932, ab 1936) in Oberweimar und

‑ das Haus Ilse Toepfer (seit 1936 in Berlin-Nikolassee).

Zudem arbeiteten etwa 20 selbständige Lehrkräfte.

In den 30er Jahren werden seitens der Vorstandes der GdF (seit 1934 1. Vors. Wilhelm Menzel und 2. Vors. Maria Gräfin Bredow) neue Wege beschritten. Die GdF wollte sich am wirtschaftlichen Risiko der Schule Schlaffhorst-Andersen beteiligen. Die darüber entbrannte heiße Diskussion brachte bereits einige der noch heute die Positionen bestimmenden Meinungen auf den Tisch. deshalb soll an dieser Stelle näher darauf eingegangen werden.

Zunächst wurde zu Pfingsten 1937 die Vereinsaufgabe bekräftigt: Der Vorstand erklärt ausdrücklich, dass er deshalb alle wesentlichen Maßnahmen im Einverständnis mit Fräulein Schlaffhorst und Fräulein Andersen getroffen hat und treffen wird, und dass er den beiden Leiterinnen zur Verfügung gestanden hat, wenn sie seinen Rat wünschten. Seine Aufgabe sieht der Vorstand darin, Fräulein Schlaffhorst nach Möglichkeit die Wege für ihre schöpferische Tätigkeit zu ebnen, ihr den Rückhalt in der Einigkeit und dem Glauben der zum Werk gehörenden Menschen zu geben, dessen sie zum Schaffen bedarf, ihr die Menschen zuzuführen, in denen sie wirken kann, die Arbeit in sich selbst und im Dienst der Sache stehenden Menschen weiter zu treiben.

Im Herbst 1937 unterbreitete der Vorstand dem Chor, einem losen Zusammenschluß diplomierter Lehrerinnen den Vorschlag, das bisherige Verhältnis zwischen GdF und Chor durch die vollständige Übernahme des wirtschaftlichen Risikos der Chorunternehmungen zu intensivieren. Mehrheitlich begrüßten die Chormitglieder den Vorschlag; andere lehnten grundsätzlich jede Einmischung des Vorstandes in innere Chorangelegenheiten kategorisch ab und kritisierten dabei das vom Vorstand geforderte Mitbestimmungsrecht. Ein Chormitglied begründete die ablehnende Haltung: Chor und Gesellschaft müssen für sich auf eigenen Beinen stehen. Sie können sich sonst nicht helfen. Demgegenüber erhoffte der Vorstand über die wirtschaftlichen Fragen hinaus die innigste Einbeziehung des Chores in das gesamte Werk. In der Diskussion war damit die Frage aufgebrochen, welche Rolle die GdF überhaupt spielen könne und solle. Ein Chormitglied formulierte: Für mich gehört der Vorstand absolut zum ganzen Gefüge unserer Arbeit hinzu, und eine Gleichberechtigung in den uns gemeinsam bewegenden Fragen ist mir selbstverständlich. Die Debatte wurde von den geschichtlichen Entwicklungen bald überholt, denn der Chor übernahm im Herbst 1938 nicht nur, wie zunächst diskutiert, die wirtschaftlichen Verpflichtungen für den Chor, sondern zum 1. Oktober 1938 auch pachtweise die Wirtschaft des Haupthauses in Hustedt.[4] Die finanziellen Möglichkeiten der GdF waren damit weitgehend erschöpft, ja sogar weit überschritten. An die direkte Unterstützung der Zweigschulen oder gar der selbständigen Lehrkräfte war nicht (mehr) zu denken.

Die Belästigung durch den Fluglärm des in der Nähe der Schule neu angelegten Flughafens ließen es verstärkt nach Kriegsbeginn als wünschenswert erscheinen, einen neuen Standort zu suchen. Der Vorstand der Gesellschaft, besonders Gräfin Bredow, entwickelte den Plan für eine Übersiedlung der Schule auf das Gut Seefeld in Pommern. C. Schlaffhorst und H. Andersen gerieten durch das uneigennützige Anerbieten Gräfin Bredows in erheblichen Gewissenskonflikt, denn einige Entscheidungen wurden an ihnen vorbei gefällt, so daß C. Schlaffhorst sich in ihren Briefen beklagte: Ich glaube kaum, daß nach uns gehört wird; man hat es nicht einmal in unserm eigenen Hause bei der Uebergabe für nötig befunden, ‑ hat sich damit aber schon geschadet. Die Wirtschaft ist von uns aus all unsere Lebenszeit glatt, trotz oft erschwerter Umstände vor sich gegangen. Nun heißt es: Hier trägt sie, die Wirtschaft, die Kosten nicht.[5] Im Sommer 1942 erfolgte der Umzug in zwei Etappen. C. Schlaffhorst und H. Andersen verließen schweren Herzens aber voll Dankbarkeit gegenüber Gräfin Bredow Hustedt: Denn wie Gräfin Bredow alles zur Tat hat werden lassen, schrieb Clara Schlaffhorst noch wenige Tage vor dem Umzug, wird für die Nachwelt wunderbar sein. Die Freude, daß die Mit- und Nachwelt weiter die Schätze haben soll, die im Werk leben, woran das „deutsche Wesen genesen soll“ und kann, übersteigt alle Schwierigkeiten, die turmhoch vor uns liegen. Wir erleben sie auch nicht allein, sondern alle Freunde der Schule helfen freudig mit.[6]

Kurz bevor Russen Seefeld besetzten und die letzten Lehrerinnen und Schüler(innen) in den Westen flohen, starb Clara Schlaffhorst dort am 17. Februar 1945. Sie hatte Hedwig Andersen als Erbin ihrer anteilsmäßigen Rechte an den gemeinsamen Verlagsrechten und am Schulinventar in der Erwartung eingesetzt, Hedwig Andersen werde einst ihrerseits ihre diesbezüglichen Rechte testamentarisch der GdF vermachen. Ihrer Schwester Marie Selbmann-Schlaffhorst vererbte sie dagegen ihre persönlichen Mobilien und ihren schriftlichen Nachlaß in Form eines Tagebuches.[7]

Zwei Entwicklungen liefen nach der Flucht und dem Tod C. Schlaffhorsts bei dem geplanten Neubeginn parallel: zum einen die Suche nach einem neuen Schulstandort durch Gräfin Bredow für den Vorstand der GdF zum andern eine Bestandsaufnahme der Ziele, Inhalte und Wesenskerne der Arbeit[8] und die von Elisabeth Goebel aufgegriffene Idee Hedwig Andersens zur Gründung eines Zusammenschlusses aller Lehrkräfte.

Bereits im Juni 1945 wurde Gräfin Bredow bei der Regierung in Hannover mit einem Niederlassungsgesuch der Schule vorstellig. Die Schule sollte ihrer Auffassung nach  unmittelbar an Seefeld anknüpfen, indem die dort zuletzt tätigen Lehrkräfte (Grauding, v.Harling, Bruckner) ihre Arbeit fortsetzen sollten und die Verbindung mit einem Gutsbetrieb angestrebt wurde. Daß dabei die Ambitionen vorwiegend im pädagogischen Gebiet lagen, war nicht im eigentlichen Sinne Hedwig Andersens. Sie schrieb: In Hannover hat Gräfin Bredow sehr viel Verständnis und sogar Entgegenkommen gefunden, dann geht die Arbeit allerdings wohl mehr auf's pädagogische Gebiet, und die Musik wird mehr in den Hintergrund gedrängt. Aber das Pädagogische ist ja auch sehr wichtig im Hinblick auf die Jugend und auf das nachfolgende Geschlecht. Und ohne Musik geht es ja überhaupt nicht. Aber wer künftig die Stimmen so behandeln und entwickeln, wer die herrlichen Lieder so einstudieren, wie Frl. Schlaffhorst?[9]

Die Differenzen traten ebenso in der Überarbeitung eines Gesuchentwurfes v.Bredows durch H. Andersen hervor. Dort gelang es H. Andersen in sehr viel knapperen Ausführungen die Wesenszüge der Arbeitsweise der Schule Schlaffhorst-Andersen präziser zu formulieren und hob auch hier den künstlerischen Charakter hervor: Die Arbeitsweise der Schule beruht auf sehr realen Einsichten in das Naturgeschehen im menschlichen Organismus, gewonnen durch intensives Studium für künstlerische, gesangliche und sprachliche Betätigung. Beständig erneuerte Erfahrung bestätigte die Tatsache, dass durch bewusste, nach physisologischen Gesetzen geregelte Schulung der untrennbar zusammenhängenden Atmungs- und Stimmfunktionen neue, bisher noch nie genutzte Aufbaumöglichkeiten für den gesamten geistig- und leiblich-seelischen Organismus des Einzelnen wie seiner Nachkommenschaft gewonnen werden. Das Wesen der Arbeit sei ganz und gar auf die Weckung und Erhaltung innerer Kräfte, auf Verbindung von Natur und Geist in Sprache, Gesang und Bewegung gerichtet.[10]

H. Andersen hegte erheblich Bedenken, ob Gräfin Bredow die geeignete Person für einen „richtigen“ Neuanfang im Kleinen sei: Was nun die Wiedergeburt unserer Schule anbetrifft, so können Sie sich wohl denken, liebes Fräulein Goebel, wie die mir im Kopf und Herzen herumgeht! So, wie sie, die Schule, war, kann sie natürlich nicht wieder werden ‑ vorläufig. Ganz klein müssen wir wieder anfangen und abwarten, ob es von selber wächst. So war es immer bei uns. Ob Gr[äfin] Br[edow] die geeignete Persönlichkeit dazu ist, den richtigen Anfang zu finden, steht dahin. Nach ihren ehemaligen wahnwitzigen Ideen zu urteilen, dürfte man es bezweifeln. Alles, was sie bisher in dieser Angelegenheit versucht hat, war nicht praktisch, auch nicht verständnisvoll in bezug auf das hauptsächlich Erforderliche und ist darum auch mißglückt. Das ,,Schicksal“ bestätigt meine Überzeugung. Daß sie jetzt mit der ,,Politik“ verkracht ist, wissen Sie wohl auch schon. Nun will sie sich, glaube ich, mit aller Ungestümheit doch wieder unserer Schule zuwenden, und das beängstigt mich gradezu. Es ist mir bei all ihren Unternehmungen (selbst bei der damaligen Verlegung der Schule nach S[eefeld]) zuviel menschlicher Wille dabei und demgegenüber zu wenig ‑ ich möchte sagen: Musik. Oder nennen Sie es meinetwegen: Göttliche Führung und Fügung. Da ich sie aber beileibe nicht kränken möchte, muß ich mich nun meinerseits der Göttlichen Fügung unterwerfen und dem Schicksal überlassen, ob ihr etwas Brauchbares und Ersprießliches gelingt.[11]

Als die Vorstellungen über die Schulneugründung konkreter wurden und absehbar war, daß Gräfin Bredow die Geschicke der Schule im Alleingang bestimmen würde, regte Hedwig Andersen an, ein Komitee aus der gesamten Lehrerschaft zu gründen, so daß alle gemeinsam an dem neuen Werden der Schule teilhaben und daß eine gemeinsame Kenntnisnahme der Entwicklungen, die die Schule nun nehmen werde, haben könnten.[12] Auf der zweiten Arbeitszeit in Hohenlimburg im August 1948 wurde diese Idee in größerem Kreise diskutiert und befürwortet und führte schließlich zur Gründung der „Lehrervereinigung der Gesamtschule Schlaffhorst-Andersen“ (Gründungsversammlung am 19.04.1949, Satzung vom 09.02.1950; im Folgenden LV).

Die Geschäftsführerin der Seefelder Schule und 2.Vorsitzende der GdF, Gräfin Bredow ließ sich dadurch jedoch nicht bremsen. Die von der Regierung Detmold am 15.02.1949 erteilte Genehmigungsurkunde für die Gesellschaft der Freunde der Schule Schlaffhorst-Andersen e.V. Sitz Celle schrieb den von ihr stammenden Plan der Privatschule für Sprech- und Musikerzieher mit dem nunmehr offiziellen Namen „Schule Schlaffhorst-Andersen in Lieme, Kreis Lemgo“ als Status quo fest. Als offizielle Leiterin trat Hedwig Andersen zwar in Erscheinung, ihre Aufgaben sollte aber tatsächlich Anita Grauding wahrnehmen. Diese Schule hatte von H. Andersen aus betrachtet, nicht mehr viel mit der Schule Schlaffhorst-Andersen gemein: Nun stellen Sie sich, bitte, vor, wie einem Menschen zumute ist, der 50 Jahre lang gearbeitet hat, um eine wichtige Sache auf die Beine zu bringen, plötzlich sieht, wie sie auf den Kopf gestellt wird!! Das zu ertragen und richtig einzuschätzen, muß man erst lernen.[13]

Ich kann mich indessen noch nicht so sehr auf die Ereignisse, die dies Jahr uns bringen soll, freuen. Die Schule, die die liebe Gräfin da zusammenorganisiert hat, ist nicht die Schule Schlaffhorst-Andersen, sondern ein Abklatsch einer sogenannten ,,Musikakademie“, so heißt das ja wohl jetzt, was man früher schlechtweg ,,Konservatorium“ nannte, nur, daß hierin noch mehr Instrumentallehrer fungierten. Oder glauben Sie, liebes Fräulein Goebel, vielleicht, daß für unsere Schule eine Geigenlehrerin nötig ist, oder ein Extraschulfach „Stimmgesundheit“? Wo doch jeder Ton, der gesungen, gesprochen, gespielt wird, nichts anderes als Gesundheit, d.h. naturgemäße Funktion, bezweckt und erzeugt. ,,Handfertigkeit“ als Schulfach für eine Atem-, Sprech- und Gesangschule“ als Schulfach anzupreisen, ist doch lächerlich geradezu! Das gehört notwendig in eine Kindergärtnerinnenausbildung, aber nicht in eine spezifische Gesangschule, wo die einzige Fingerfertigkeit die auf einem Klavier erzeugte ist. Dahingegen soll eine Gesangschülerin nur einmal in der Woche eine Gesangstunde haben. Lachhaft! Man sieht von weitem, daß der Mensch, der diese „Organisation“ gemacht hat, nichts von der Sache versteht. Sie werden sagen: Warum hat Frl. Andersen ihre Bedenken nicht früher gemeldet? Nun, wenn man den Prospekt erst erhält, wenn er schon beim Drucker ist, und dazu die Bemerkung: es dürfte sich nur um kleine Änderungen handeln ...[14]

Gelegentlich der Schuleröffnung (18. April 1949) kamen die Mitglieder des Freundeskreises und der Lehrerschaft in Lieme zusammen. Bei dieser Gelegenheit brachen alte Fragen wieder hervor und neue kamen hinzu. Sollten Lehrkräfte der Schule Mitglieder des Vorstandes der GdF sein[15] oder überhaupt der GdF angehören? Was ist die Schule Schlaffhorst-Andersen? Welche Position soll die in der Gründung befindliche LV spielen?

Die Frage, was unter der „Schule Schlaffhorst-Andersen“ zu verstehen sei, wurde folgendermaßen beantwortet: Die Schule Schlaffhorst-Andersen lebt über all dort, wo mindestens eine Lehrkraft arbeitet. Die Schule in Lieme ist das „Mutterhaus“, ein Teil des Gebildes. ... Der schroffe Gegensatz zwischen Lehrer und Schüler besteht nicht, wir sind alle Schüler.

Die Auskunft zur Stellung der LV fiel ähnlich pragmatisch aus: Der neu zu gründende Lehrerverband soll freie Hand haben, er soll möglichst stark gemacht werden. Alle pädagogischen Fragen sollen vom Verband der Lehrkräfte behandelt werden. Die medizinischen Dinge sollen von der Gesellschaft der Freunde behandelt werden. Man kann alle Menschen, die interessiert sind, zusammenfassen, personelle Union, sachliche Trennung. Ämterhäufung ist, wie im wirtschaftlichen Leben, so auch hier von Vorteil. Personelle Verschmelzung von Gesellschaft und Lehrerschaft, aber sachliche Trennung. Es kann ein Problem weitergereicht werden und gelöst werden.

Beschlüsse wurden zu diesen Fragen nicht gefaßt. Es zeigte sich nachfolgend, daß die Fragezeichen noch nicht beseitigt waren als sich am folgenden Tag die Lehrer zur Gründung des Lehrerverbandes versammelten. An den von den Wilhelm Frhr. Schenck zu Schweinsberg vorbereiteten Satzungen wurde kritisiert, das die Kernfrage, das Verhältnis von Stammschule, Zweigschule oder Zentralschule nicht gelöst sei. Speziell müsse die neue Liemer Schule hervorgehoben werden. Es wurde eine Vertretung gewählt, die die Satzungen nach Maßgabe der Versammlung in einigen Punkten überarbeiten sollte. Mit der Unterschrift von Hedwig Andersen am 9. Februar 1950 traten die Satzungen in Kraft. Der Verein wurde vorerst nicht eingetragen. Die Satzungen definierten der LV einen Platz neben der GdF und schufen den Begriff der Gesamtschule Schlaffhorst Andersen: 1.a) Zur Wahrung des Geisteserbes der Gesamtschule Schlaffhorst-Andersen für Atmung, Sprache und Gesang, wie es in dem Lebenswerk von Fräulein Clara Schlaffhorst und Fräulein Hedwig Andersen Gestalt gewonnen hat, tritt neben die „Gesellschaft der Freunde“ eine Vereinigung der Lehrer. Die Lehrerschaft fühlt sich in ihrer Gesamtheit zur Fortführung dieses ihr anvertrauten Geisteserbes berufen und verpflichtet, mißbräuchliche Verwendung des Namens der beiden Gründerinnen zu verhindern.[16] Über die Interessenvertretung hinaus sollte die LV der Verbindung untereinander dienen und bei der Anerkennung und Erteilung von Lehrdiplomen mitwirken.

Die durch das Verhalten von Gräfin Bredow mitverschuldete katastrophale finanzielle Lage der Schule ließ die enge Verquickung des Mutterhauses mit der GdF als sehr fragwürdig erscheinen, so daß die LV ‑ als dies im Spätsommer 1949 offenbar wurde ‑ sich zum Handeln veranlaßt sah. So erhob die Forderung auf Trennung zwischen dem Vermögen der Gesellschaft der Freunde und dem der Hauptschule in Lieme sowie der Neuwahl des im April 1949 gewählten Vorstandes. Im weiteren Verlauf der Überlegungen zeigte sich, daß dies nur unter ganz erheblichen Belastungen für die in Lieme tätigen Lehrkräfte möglich sein würde. Die LV erklärte daraufhin im Mai 1950: Die Lehrervertretung hält zwar grundsätzlich an dem Idealziel fest, dass die Gesellschaft der Freunde nicht nur eine Schule, sondern alle Schulen fördern solle, welche im Sinne von Fräulein Schlaffhorst und Fräulein Andersen arbeiten. Die Verwirklichung dieses Ideals ist aber im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Aus diesem Grunde zieht die Vertretung der Lehrervereinigung die in ihrem Schreiben vom 19. Oktober 1949 gemachten Vorschläge zurück.[17]


***

Nun der Brief von Frau Selbmann. Auch ich finde es nicht richtig, jetzt solche Fragen anzuschneiden. Ich habe ihr das auch geschrieben, wenn auch nicht mit diesen Worten. Frl. Grauding schreibt mir auch verwundert darüber. Man sollte doch jetzt die Schule möglichst in Ruhe arbeiten lassen, der Geist derselben wird ja doch von den Lehrerinnen getragen u[nd] bestimmt, und an dem zweifelt ja auch Frau S[elbmann] nicht. Die Gräfin arbeitet wie ein Dienstmädchen einstweilen u[nd] das wird ihr gut tun und ihren Tatendrang in richtige Bahnen lenken.[18]

 


In den 50er Jahren verschwanden aus verschiedenen Gründen die Zweighäuser der Schule Schlaffhorst-Andersen. Zunächst wurde bei der Gründung der LV die Schule von Ilse Töpfer (Berlin-Nikolassee) nicht mehr als Zweigschule anerkannt. Ilse Krüger mußte 1951 ihr Kinderheim in Weimar schließen. Marie Selbmann starb 1958 in Rotenburg. Als die Schule 1959 den Pachtvertrag in Lieme nicht verlängern wollte, stellte Anka Schulze ihr Haus uneigennützigerweise zur Verfügung. Der Erlös des Verkaufes ihres Hauses ermöglichte dann 1961 den Ankauf von Schloß Eldingen bei Celle, so daß nun nur noch die Schule in Eldingen und daneben die selbständigen (oder angestellten) Lehrkräfte existierten.

Doch bevor diese Entwicklung ihren Abschluß genommen hatte, war Hedwig Andersen in Schönborn bei Eutin am 28. März 1957 im Alter von 90 Jahren verstorben. Als Erbin hatte sie in Übereinstimmung ihrer Mitarbeiterin und geliebten Freundin Clara Schlaffhorst die GdF eingesetzt. Insbesondere sollten die Erträge aus den zukünftigen Neuauflagen des Werkes von Leo Kofler: „Die Kunst des Atmens“ über die GdF mittelbar oder unmittelbar dem Haupthaus der Schule in Lieme zugute kommen, während die LV die Erträge aller Neuauflagen des Werkes Atmung und Stimme zugunsten der Lehrerschaft verwenden sollte. Ein Mitglied des Vorstandes sollte den schriftlichen Nachlaß (Briefe) daraufhin durchsehen, was davon erhaltenswert sei und den unbrauchbaren Rest vernichten. Diesem Wunsch wurde leider nicht entsprochen, sondern die Absender durch einen Rundbrief der LV befragt, ob sie ihre Briefe zurück wünschten. So wurde diese Dokumentation des Lebensabends von Hedwig Andersen zerteilt und größtenteils vernichtet, anstatt sie geschlossen für die Zukunft aufzubewahren.[19]

Ihren Schülern und allen Freunden legte sie als besonderes Vermächtnis ans Herz, das Werk, das sie mit ihrer Freundin Clara Schlaffhorst in ihrem langen gemeinsamen Leben geschaffen haben, zu bewahren und weiter zu führen: Eine jede neue Generation unserer Schüler muß unsere Gedanken auf ihre eigene Weise neu in sich leben und gestalten.[20] Doch welches sind die Werte, die Gedanken des „Werkes“. Aus den schriftlichen Hinterlassenschaften von C. Schlaffhorst und H. Andersen sind nur Andeutungen zu entnehmen. So äußerte H. Andersen in der Übergangszeit nach dem 2. Weltkrieg: Geistige Reife, Herzensbildung, höchste Reinheit und Höhe der Lebens-, Welt- und Kunstanschauung und die Fähigkeit, den Unterschied zwischen Geist- und Naturseele zu erleben und zu erfassen, diese Anforderungen setzen voraus, daß man nicht zu jugendlichen Personen selbst wenn sie musikalisch begabt erscheinen, die Lehrberechtigung für unsere Arbeit anvertrauen darf. Sie wissen Alle, daß ich diese Anforderungen in Übereinstimmung mit meiner geliebten Freundin Clara Schlaffhorst, ausspreche und niederschreibe, und daß es mehrere Jahre des Studiums bedarf, um sie zur Entwicklung zu bringen.[21]

Daß mit „dem Werk nicht allein die Arbeit(sweise) gemeint ist, geht aus einem Brief Clara Schlaffhorsts von 1941 hervor: Es scheint, als ob in uns Beiden die Zeit für uns selbst gekommen ist, nachdem wir unser ganzes Leben für Andere da waren und unsere Kraft dem „Werk an sich“ gehörte. Mit dem schulgemäßen Arbeiten an dem Einzelnen konnte man schon fertig werden; aber damit war dem Werk noch nicht alles gegeben; sondern es hieß das Schöpferische Wesen zu finden, und als Solches der Erfüllung Tür und Tor zu öffnen. Da haben sich dann noch ganz andere Ziele aufgegeben, für die wir erst einmal selbst leben sollen. Und so sorgt nun die Natur in uns, daß wir Muße finden, uns zu leben. Dazu braucht jeder Zeit für sich; diese neben all den andern Aufgaben zu finden, das ist nicht einfach.[22]

Nach dem Tod der beiden Schulgründerinnen und der Aufgabe aller Zweigschulen konzentrierten sich die Aktivitäten auf die Ausbildungsstätte in Eldingen. Die vollständige Verschmelzung von Schule und GdF war scheinbar unumstößlich. Als für die staatliche Anerkennung der Schule (als Ergänzungsschule) eine spezielle Bilanz erforderlich wurde, wurde für das Geschäftsjahr 1969 erstmals eine getrennte Rechnung für Schule und GdF eingeführt, doch schon bald zur „Vereinfachung der Geschäftsführung“ wieder eingestellt. Genauso erscheint das Vermögen des von der GdF gegründeten Zweigvereins „Kinderheim der Gesellschaft der Freunde der Schule Schlaffhorst-Andersen“[23] in den Bilanzen der GdF.

Werner Brandis war seit Beginn seiner Tätigkeit im Vorstand der GdF (2. Vorsitzender 1970-1976) bestrebt, auf einen engeren Zusammenschluß der GdF und der LV hinzuwirken.[24] Er unterbreitete dem Vorstand der GdF 1973 einen Satzungsentwurf, der die beiden Vereinigungen in einem Verein zusammenschließen sollte. Die LV sollte als Beirat unter weitgehender Beibehaltung seiner Funktionen eingegliedert werden und den gemeinsamen Vorstand in fachlichen Fragen beraten.[25] Im Oktober 1976 stand die Vereinigung von GdF und LV auf Antrag von Heidi Noodt auf der Tagesordnung der Mitgliederversammlung der GdF.[26] Margarete Saatweber erklärte, daß sich die LV als Berufsverband verstehe, der selbständig handeln können müsse. W. Brandis verteidigte den Antrag damit, daß Lehrerverband und Trägerverein sich zu weit auseinanderleben und nicht selten oppositionell zueinander handeln. Die Versammlung beschloß zwar, eine Kommission, die sich um die Vereinigung der beiden Vereine kümmern sollte, zu bilden, die anwesenden Vorstandsmitglieder der LV erklärten aber sofort, daß sie ihrerseits keine solche Kommission bilden werde.

Diese Kontroverse zwischen GdF und LV ist im Zusammenhang mit den damaligen Verhältnissen zu sehen. In der LV wurde 1975 mit M. Saatweber und Verena Rauschnabel ein deutlich verjüngter Vorstand gewählt, dessen erklärtes Hauptziel die Berufsanerkennung war. Die Lehrervereinigung begriff sich zunehmend als Berufsverband, dessen Interessen durch den geringeren Sachverstand für den Beruf des ASSL beim Vorstand der GdF keine angemessene Vertretung finden konnte. Als dann zum Herbst 1976 ein Wechsel in der Eldinger Schulleitung anstand und erstmals in der Geschichte der Schule die Leitung einer Person ohne Schlaffhorst-Andersen Ausbildung übertragen. Der Vorstand sah sich deshalb heftigsten Protesten von verschiedenen Seiten ausgesetzt. Schülerstreit, Kündigungen einiger in Eldingen tätigen Lehrkräfte etc. begleiteten die Auseinandersetzungen. Verschärft wurde die Situation durch die wirtschaftliche Lage der GdF, die auf absehbare Zeit nicht mehr zahlungsfähig sein würde. Deshalb waren verschiedene Versuche unternommen worden, den Anschluß an eine andere (staatliche) Einrichtung zu finden. Auf der obengenannten Mitgliederversammlung wurden von Udo Derbolowsky dann zwei Perspektiven entwickelt. Zum einen empfahl U. Derbolowsky nun endlich mit der Arbeitsgemeinschaft für Atempflege (AfA) zu kooperieren. Die bisherige Kooperation war ausschließlich auf individuelles Engagement weniger Lehrer(innen) beschränkt gewesen. Sein Ziel war es, den Beruf des ASSL auf diese Weise bekannter zu machen und durch die Verbindung mit den Pneopäden[27] der Berufsgruppe mehr Gewicht zu verschaffen, wozu die GdF nicht in der Lage sei. Trotz der Gegenstimmen, die in der Verbindung mit der AfA einen Niveauverlust befürchteten, wurde der Vorstand mit der Auslotung gemeinsamer Zielsetzungen beauftragt.

Zum andern brachte U. Derbolowsky ein Angebot vom Präsidenten des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands, Arnold Dannenmann, mit, die Schule Schlaffhorst-Andersen in das CJD zu integrieren. Bevor jedoch ein Beschluß in bezug auf Gespräche mit dem CJD gefaßt werden sollte, so war die Versammlung der Meinung, müßte geklärt werden, ob sich das Angebot an den Trägerverein oder die Lehrerschaft wende. Der Hinweis, daß beide Vereinigungen nun endlich einmal in der Lage seien, etwas miteinander zu unternehmen, blieb im Raum stehen. Trotz weitreichender Zugeständnisse seitens des CJD an die Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Lehre der Schule, herrschten (und herrschen nach wie vor) Zweifel, ob die 1977 erfolgte Übernahme der Trägerschaft und die damit verbundene „berufsfremde“ Schulleitung für die Schule Schlaffhorst-Andersen akzeptabel sei.

Die GdF konnte sich nun ‑ wie vor 1938 ‑ wieder anderen Aufgaben widmen, wie den Unterstützungen der Schülerinnen und Schüler oder ASSL-Fortbildungen.

V. Rauschnabel hatte sich 1976 (u.ö.) angeboten, Material und Schlaffhorst-Andersen-Publikationen zusammen zu tragen und selbst etwas zu publizieren, sofern man sie für eine bestimmte Zeit (1½ J.) dafür bei voller Bezahlung vom Unterrichten freistelle. Dazu kam es schon aufgrund der fehlenden Gelder nicht. Ein „Schlaffhorst-Andersen-Archiv“ gab es damals noch nicht. Es bestand allerdings die Meinung, daß vielleicht auch viele bereit seien, dafür zu spenden, sofern ein festumrissenes Konzept vorgelegt werden könne.

Im Übernahmevertrag mit dem CJD vom Jahr 1977 wurde „das Archiv“ der GdF im Schloß Eldingen als Besitz und Eigentum der GdF vorbehalten, darunter ist vermutlich der Nachlaß von Anka Schulze zu verstehen.

1979 stellte Ingegard Karsten-Emge mehrere Ordner mit Fotos und Dokumenten zu einer „Chronik“ zusammen. Sie wurde offensichtlich später ergänzt. Schon lange zuvor begann Roswitha von Lingelsheim für die LV mit der Sammlung von handschriftlichen Aufzeichnungen, Briefen, Fotos und anderen Dokumenten aus dem Kreise der Schlaffhorstschülerinnen. Daneben sammelten immer auch andere ASSL historisches Material. Seit 1985 besteht eine Arbeitsgruppe (Ursula Fischer, Dietlind Jacobi, Anita Karnatz, Annekati Pfendsack und Verena Rauschnabel)[28], die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die bestehenden schriftlichen Ausarbeitungen über die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen zur Veröffentlichung vorzubereiten sowie vorhandene Dokumente zu archivieren.[29] Seit 1986 befindet sich die von der Lehrerversammlung zusammengebrachte Sammlung in der Schule Schlaffhorst‑Andersen (Bad Nennorf). Seit 1986/87 bemüht sich Verena Rauschnabel um die Registrierung der Dokumente und die Übertragung der Handschriften in eine les- und speicherbare Maschinen-Schrift. Sowie die Ergänzung der Sammlung.[30] Parallel dazu wurden von der Studienleitung der Schule (M. Saatweber) weitere Materialien zusammengetragen und mithilfe von Schülern geordnet.[31]

 


Die Darlegung hat gezeigt, daß die zahlreichen personellen und finanziellen Verflechtungen schon immer Befürworter und Gegner hatte; auch daß die Bezeichnung als Schule Schlaffhorst-Andersen je nach persönlichem Empfinden oder Opportunität ausgelegt werden konnte (bzw. kann), während für Außenstehende die Komplexität kaum erkennbar war (ist). Es läge im Interesse der Sache, eine möglichst vollständige ‑ und das bedeutet aus Sicht des Historikers auch über den engen Rahmen der Lehrweise hinausgehende ‑ Dokumentation der Schule Schlaffhorst-Andersen im weitesten Sinne anzustreben, an der alle betroffenen Interessentengruppen zu beteiligen sind. Es kann dabei nicht um irgendwelche ‑ wie auch immer begründeten ‑ Eigentumsrechte gehen, und das mehr oder weniger zufällig zusammengekommene Material als Privatbesitz einer Interessentengruppe ansehen. Hedwig Andersen legte die Bewahrung des „Werkes“ in die Hände aller ihrer Schüler und Freunde. Daraus resultiert eine gemeinsame Verantwortung: des Berufsverbandes als Vereinigung ausgebildeten ASSL, der Ausbildungssätte, die Grundgedanken und Arbeitsweisen zu vermitteln hat, des CJD als heutigem Schulträger, wie auch des Freundeskreises, dessen Aufgabe und Ziel heute die Förderung der Ausbildung wie des Gesamtwerkes darstellt. Die Eigenständigkeit, Legitimität oder Bedeutung der verschiedenen Gruppen sollen damit weder infrage gestellt noch geschmälert werden. Es sollte nur endlich damit begonnen werden, sich nicht mehr gegenseitig zu blockieren und die vorhandenen Kräfte und Bestrebungen zusammenzuführen. Der Freundeskreis ist mit der Veröffentlichung der Chronik bereits in Vorlage getreten. Von fleißigen Arbeiten innerhalb des Berufsverbandes ahnt man mehr als man weiß. Das CJD hat in Verbindung mit der Ausbildungsstätte (und dem Arbeitsamt) ebenfalls zur Dokumentation von Schlaffhorst-Andersen beigetragen.

Es muß nicht alles Material in Buchform veröffentlicht werden, allerdings ist einiges zeitgeschichtlich Interessantes darunter, was über den engeren Schlaffhorst-Andersen-Kreis hinaus Interesse finden würde. Wichtig ist doch vor allem für die alle Gruppen betreffende zukünftigen Bestrebungen, daß man sich über die Entwicklungen und deren zeitlichen Bedingungen umfassend und leicht informieren kann. Die Grundlagen dafür zu schaffen ist der wichtigste Punkt und heute auch kein technisches Problem mehr.


Chronik GdF und LV

1926 Juli    Gründungsversammlung der Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst ‑ Andersen), erster Vorstand: 1. Prof. Dr. Arthur Franz, 2. Dr. Walter Werner, Schriftf. Hans Reichel, Kassenw. Richard Ziemer

1928 01 20 Die Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst-Andersen) „stellt sich unter anderen zunächst die folgenden Aufgaben:

Behörden, Lehrer, Aerzte, Musiker u.a. für die Rotenburger Arbeit zu interessieren,

jungen Leuten, die hervorragend für die Rotenburger Arbeit geeignet sind, die Ausbildung zu ermöglichen,

räumliche Erweiterung von Mutterhaus und Versuchsschule herbeizuführen,

weitere Kreise durch Tagungen, Vorträge, Chorkonzerte u.s.w. mit der Rotenburger Arbeit bekanntzumachen.“

1929 12 25 „Seit im Dezember 1927 die Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule ins Leben gerufen wurde, sind 2 Jahre vergangen. Wenn bisher noch keine ordentliche Mitgliederversammlung einberufen wurde, so lag dies an den wirtschaftlichen Verhältnissen, die größte Sparsamkeit verlangten. Der Vorstand der Gesellschaft der Freunde hat aber in dieser Zeit weiter stille Arbeit geleistet zur Erreichung der angestrebten Ziele. In verschiedenen Eingaben an das Ministerium ist es gelungen die Behörden für die Rotenburger Arbeit zu interessieren.“

1931 01 07 Walter Werner, 2. Vors., tritt aufgrund von Querelen im Vorstand (Differenzen zwischen Vorstand und Haupthaus) zurück („Es stellt sich immer mehr der Zustand heraus, dass die Gesellschaft bzw. der Vorstand über die Köpfe von Frl. Schlaffhorst und Andersen hinweg arbeitet. ... Ich kann der Gesellschaft außerhalb unmittelbarer Unterstützung der Damen bei ihrer schweren opferreichen Arbeit keine selbständige Existenzberechtigung zusprechen“)

1932 10      „... von Herrn Prof. Franz wurde in sehr bewegten Worten ausgeführt, daß die Not der Zeit, die alle Kräfte im Beruf auf’s Äußerste anspannt, den einzelnen Herren nicht Zeit läßt zu Ehrenämtern, das ja, da die Entwicklung nach außen erst angebahnt werden soll, viel Zeit in Anspruch nimmt. Herr Prof. Franz erklärt im Namen des Vorstandes, daß derselbe zu seinem Bedauern sich außerstande sieht, eine Wiederwahl anzunehmen.“ Neuer Vorstand: 1. Generalintendant Vollmer, 2. Dr. Hans Künkel, Schriftf. Anita Grauding, Kassenw. Dora Idler.

1934 09      Neuer Vorstand: 1. Dr. Wilhelm Menzel, 2. Maria Gräfin Bredow, Schriftf. Anita Grauding, Kassenw. Dora Idler.

1937 05 17 „Der Vorsitzende, Herr Dr. Menzel, begründet den Antrag des Vorstandes, der dahin geht, der engen Zusammenarbeit und dem herzlichen Einvernehmen zwischen der Gesellschaft und den beiden Gründerinnen der Schule durch die in § 3 der Satzungen vorgesehene Ernennung zu Ehrenmitgliedern der Gesellschaft die angemessene Form zu geben.“ ...

„Es liegt ein Antrag von Fräulein Ilse Toepfer, Berlin auf Änderung der Zusammensetzung des Vorstandes, da die Arbeit des Vorstandes in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung ungenügend, ja, in mancher Hinsicht sachlich schädlich gewesen sei. Der Antrag wird im Wortlaut verlesen. Frau von Arnim, Berlin, die von Fräulein Toepfer mit der Vertretung beauftragt ist, erläutert den Antrag näher. Da Fräulein Toepfer nicht zugegen ist, enthält sich der Vorstand vor der Abstimmung jeder Stellungnahme gegen den Antrag. Die Abstimmung ergibt 16 Stimmen für den Antrag, 2 Stimmenthaltungen und 168 Stimmen gegen den Antrag. Der Antrag ist damit abgelehnt.

Im Namen des Vorstandes stellt Gräfin Bredow den Antrag auf Wiederwahl des Vorstandes mit folgender Begründung:

1.)           Der Vorstand hat das Vertrauen von Fräulein Schlaffhorst und Fräulein Andersen.

2.)           Die Arbeitsleistung des Vorstandes hat den gerechterweise zu stellenden Forderungen entsprochen.

3.)           Diese Arbeitsleistung ist ermöglicht durch reibungslose persönliche Zusammenarbeit des gesamten Vorstandes. Alle wichtigen Maßnahmen sind gemeinsam beraten und beschlossen worden. Erforderte bei rasch zu fassenden Entschlüssen die räumliche Trennung die Einzelhandlung von Vorstandsmitgliedern, so hat sie stets die nachträgliche Billigung des Gesamtvorstandes erhalten.

4.)           Die großen Anforderungen an Personen- und Sachkenntnis bedingen möglichste Stetigkeit der Geschäftsführung.“

Wiederwahl des Vorstandes

1937 10/11 Die Gesellschaft der Freunde übernimmt die wirtschaftliche Regelung (das Risiko) der Chorangelegenheiten für 1938/39, verlangt dafür aber Mitbestimmung bei Veranstaltungsorten und Programmgestaltung. Daraus ergab sich die grundlegende Frage, in wie weit Gemeinsamkeit erstrebenswert bzw. Selbständigkeit Notwendig sei.

1938 10 01 Die Gesellschaft der Freunde übernimmt die Wirtschaftsführung des Mutterhauses in Hustedt.

1948 08      Neugründung der GdF

1949          Die Neugründung von Lieme wurde mit Mißtrauen beäugt, da die knappen Finanzmittel der Gesellschaft nur zu einer Förderung dieser Schule ausreichten; andere Lehrkräfte fragten, ob sie nicht auch unter die Schule Schl-And. fielen und gefördert werden sollten. Es wurde deshalb von Seiten der LV zunächst eine Vermögenstrennung zwischen GdF und Lieme beantragt.

1949/50      Gründung der LV: Anerkennung der Stammschule als wesentlichem Ausbildungsbetrieb und von 3 Zweigschulen (Selbmann, Schulze, Krüger), Überwachung der Ausbildung (Prüfungskommission)

 

 


Berlin und Neu-Babelsberg
1898-1916

Die Schule kann inzwischen auf eine mehr als einhundertjährige Geschichte zurückblicken.

1898 ließen sich die Musik- und Atemgymnastik-Lehrerin Hedwig Andersen (1866-1957) und die Gesanglehrerin Clara Schlaffhorst (1863-1945) gemeinsam in Berlin-Schöneberg nieder. Vorangegangen war die gemeinsame Beschäftigung mit dem Buch The Art of Breathing von Leo Kofler (1837-1908) und dessen Übersetzung ins Deutsche (Die Kunst des Atmens, Leipzig 1897). Kofler entwickelte darin den Gedanken einer naturgemäßen Einatmung mit den vereinigten Atemmuskeln und einer kunstge­mäßen Ausatmung. C. Schlaffhorst hatte auch einige Zeit mit dem Gesangspädagogen Julius Hey (1831-1909), dem Verfasser einer Gesangs- und Sprecherziehungslehre, zusammengearbeitet.

Auf diese Arbeiten und eigene praktischen Erfahrungen in Studium und Lehre führte die beiden Frauen zur Herausbildung einer eigenen Schultradition, die Atmung (Atemgymnastik), Sprache (Sprechtechnik), Stimme (Gesang) und rhythmische Bewegung miteinander verbindet. Sie entwickelten ein ganzheitliches Konzept, welches sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Im Kontext der von ihnen geforderten und gelebten Lebensreform beteiligten sie sich an Diskussionen in den Bereichen Reformkleidung, Pädagogik, Hygiene der Atmungsorgane und Sprechwerkzeuge sowie der Musikerziehung, die für sie untrennbar miteinander verbunden waren, eben nur verschiedene Aspekte derselben Grundprobleme darstellten.

Die Erkenntnis der elementaren Bedeutung einer Harmonisierung von körperlicher, geistiger und seelischer Entwicklung führte umgehend zur Forderung nach deren Berücksichtigung in der Erziehungsarbeit (H. Andersen: Die Atemgymnastik bei der Erziehung, 1898).

Konsequenterweise forderten H. Andersen und C. Schlaffhorst auch zum Ablegen des die natürliche Atmung behindernden Korsetts auf und trugen selbst „Reformkleider“.

Daneben beschäftigte sich vor allem H. Andersen mit der therapeutischen Wirkung von Atemübungen, während C. Schlaffhorst mehr an Fragen der Stimme und Stimmbildung arbeitete. Sie suchte die Verbindung von Kunst und Natur im Menschen und seiner Stimme.

1910 eröffneten H. Andersen und C. Schlaffhorst in Neu-Babelsberg ihre eigene Schule, d.h. sie nahmen Schüler in ihrem Haus auf, um sie über längere Zeit hinweg betreuen zu können. Hier wurden die ersten „Lehrerinnen für Atemkunst und Atemgymnastik“ ausgebildet.

In Berlin präsentierten H. Andersen und C. Schlaffhorst auf der Ausstellung Die Frau in Haus und Beruf (1912) ihre Arbeit in der Sparte Die Frau in Sport und Körperkultur. Sie trafen bei dieser Gelegenheit mit bedeutenden Persönlichkeiten der Körperkulturbewegung wie Bess Mensendieck (1864-1957) und Emile Jacques-Dalcroze (1865-1950), den Begründern der rhythmischen Gymnastik, zusammentrafen.

In dieser Zeit (1910-1914) ordnete das preus-sische Ministerium der geistlichen und Unter­richtsangelegenheiten die Einführung von Atemübungen in den Lehrplänen des schulischen Gesangsunterrichts an, die jedoch wegen Unkenntnis der Lehrer mehr schaden mußten, als Hilfe sein konnten. Der damalige Gesangsunterricht diente in erster Linie der Gehörbildung. Seine Bedeutung wurde aber auch in der Bildung des Willens, des Geistes sowie des Herzens und Gemüts gesehen (G. Rolle 1913). Dem gegenüber sah H. Andersen die Bedeutung des Gesangs in der Betätigung und Auslösung der überschüssigen und überströmenden seelischen Kräfte und Empfindungen. Das physisch-seelische Leben der Kinder dürfe durch den Schulgesang nicht unterdrückt, sondern müsse erhalten und gefördert werden (H. Andersen: Die Atmung bei der Erziehung, 1915).

Rotenburg an der Fulda
1916-1926

In Rotenburg wurde die Arbeit zunächst im Stillen fortgeführt. Ein wichtiger Schritt war 1918 die Einrichtung eines Kinderheims in unmittelbarer Nachbarschaft der Schule. Es wurde von Marie Selbmann-Schlaffhorst (1881-1958) erfolgreich geleitet. Hier konnten die Ergebnisse der Arbeit überprüft werden.

Die Zeit nach dem verlorenen Weltkrieg brachte in allen Lebensgebieten erhebliche Veränderungen mit sich. C. Schlaffhorst äußerte 1922 auf der Tagung für künstlerische Körperschu­lung des Zentralinstituts für Erziehung und Unter­richtswesen in Berlin: Aber die poli­tische und wirtschaftliche Not ist nicht die schlimmste, viel schlimmer ist der moralische Tiefstand, die seelische Schwäche und Hilflo­sigkeit, die uns auf Schritt und tritt begegnet. Für die Aufrichtung der Seele zu sorgen, das ist bei der Erziehung der kommenden Geschlechter das Wichtigste. Schon der Titel ihres ersten, 1920 erschienenen Aufsatzes weist in seiner sprachlich heute etwas ungewohnten Wortwahl den Weg, den Clara Schlaffhorst bis an ihr Lebensende forschend ging: Gesang- und Atemkunst im Dienste körperlich-sittlicher Erneuerung.

Mit der Berliner Tagung von 1922 wird auch der Beginn einer regen Vortragstätigkeit erkennbar, die ‑ wo immer möglich ‑ durch praktische Vorführungen ergänzt wurde. Angeregt durch diese Tätigkeit wuchs der Plan eine eigene Tagung zu veranstalten. Um sich allein über die rein wissenschaftlich-physiologische Seite der Atmung klar zu werden, müsste eigentlich bei der ungeheuren Wichtigkeit der Sache ein eigener Kongreß von Medizinern, Gesangskünstlern und -lehrern veranstaltet werden. Zu diesem kam es nicht, aber im Jahre 1926 trafen sich eine große Anzahl von Schülern, Freunden und Interessier­ten, Wissenschaftler und Laien zu einer Arbeitswoche, um sich erstmals umfassend mit den verschiedenen Aspekten von Atmung und Stimme zu beschäftigen und die bereits erprobten Möglichkeiten der Arbeitsweise der Rotenburger Schule für Erziehung, Kunst und die Gesundheit kennenzulernen.

Diese Rotenburger Woche war ein Meilenstein in der Schulgeschichte. Bei der Tagung fand sich ein Kreis von Teilnehmern zusammen, der beschloß eine Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst‑Ander­sen) zu gründen. Sie stellt sich unter anderen zunächst die folgenden Aufgaben: Behörden, Lehrer, Aerzte, Musiker u.a. für die Rotenburger Arbeit zu interessieren, jungen Leuten ... die Ausbildung zu ermöglichen ..., weitere Kreise durch Tagungen, Vorträge, Chorkonzerte u.s.w. mit der Rotenburger Arbeit bekanntzumachen.

Der eben erwähnte Chor, ein Chor der fortgeschrittensten Schülerinnen, war erstmals bei der Rotenburger Woche aufgetreten. Er konnte das Gehörte und Gesehene zum Erleben bringen. Gerhard Schwarz, sein erster Dirigent, vermittelte offenbar einen Kontakt zur Jugendmusikbewegung. In den folgenden Jahren nahm Marie Selbmann an Fortbildungslehrgängen der Musi­kantengilde als Gastdozentin teil.

Als einmaliger Glücksfall muß die Dokumentation der Arbeit in Rotenburg durch einen Film aus dem Jahr 1926 herausgestellt werden. Er genügt heutigen Ansprüchen in keiner Weise, gibt aber einen besseren Eindruck, als es Fotografien können, die schon einige Jahre zuvor aufgenommen wurden.

hustedt‑Jägerei bei Celle
1926-1942

Im Oktober 1927 verließen C. Schlaffhorst und H. Andersen Rotenburg, um in ein größeres Haus in der Lüneburger Heide überzusiedeln. Das Haus in Rotenburg wurde von einer Schülerin, Anka Schulze (1886-1977) weitergeführt. In Celle wurde 1928 die zweite Arbeitstagung abgehalten, zu der auch Vertreter der Musikan­tengilden eingeladen waren.

1928 wurde vom Freundeskreis eine Dokumentation über die Rotenburger Woche herausgegeben. Zusammen mit einer im selben Jahr erschienenen Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen mit dem Titel Atem und Stimme mußte er, die so sehr von den Schülern und Freunden gewünschte ‑ von Schlaffhorst und Andersen aber immer abgelehnte ‑ Gesamtdarstellung der Arbeitsweise ersetzen. Die inzwischen erreichte Bekanntheit der Rotenburger Schule wurde jedoch schon bald zu einem Problem. Lehrdiplome mußten erteilen werden, die zum Unterrichten unter dem Namen von Schlaffhorst und Andersen berechtigten. Auch namentlich wurde die Abgrenzung von nicht autorisierten Schülern notwendig. Sie erfolgte 1930 mit der Umbenennung in Schule Schlaffhorst‑Andersen für Atem-, Sprech- und Gesangskunst.

Die Mitgliederzahl des Freundeskreises stieg ständig. Der Verein konnte immer mehr Aufgaben übernehmen. Er gab zwischen Dezember 1932 und April 1939 elf Hefte eines Mitteilungsblattes heraus. Diese boten Gelegenheit zum Abdruck von Vorträgen und Aufsätzen, zu Ankündigungen und Berichten über die Arbeit in den Zweigschulen und sonstige Veranstaltungen und enthielt regelmäßig eine Adressenliste der zum unterrichten berechtigten Lehrerinnen (bis zum Krieg gab es nur einen berechtigten Lehrer). Im Herbst 1938 übernahm der Freundeskreis die Wirtschaftsführung des Schulbetriebes in Hustedt und wurde so quasi zum Schulträger.

Der Freundeskreis förderte auch die Chorarbeit, auf der in den Dreißiger Jahren der Schwerpunkt der Öffentlichkeitsarbeit lag. Unter den Dirigenten Hans Chemin-Petit (1902-1981) und Friedrich Högner (1897-1981) erlebte der Chor umjubelte Auftritte. Zweimal, 1934 und 1935, wurden Studioaufnahmen bei Rundfunk­sendern aufgezeichnet und ausgestrahlt.

Vielversprechend war die Einrichtung einer privaten Mittelschule, die an das Haus von Marie Selbmann in Rotenburg seit 1933 angegliedert war. Hier sollten neben der üblichen geistigen Ausbildung auch die in jedem Kinde liegenden Anlagen zur praktischen Tätigkeit wecken und entwickeln und erstrebt so eine harmonische Bildung des ganzen Menschen. Die Pflichtfächer waren Englisch und Französisch, Wahlfächer Latein und Spanisch. In den Fächern Deutsch, Turnen und Singen wurden die Erfahrungen der Schule Schlaffhorst‑Andersen im Klassenunter­richt angewendet. Die Schule wurde wie alle anderen privaten allgemeinbildenden Schulen 1938 geschlossen, die sichtbaren guten Erfolge konnten es nicht verhindern.

In Hustedt ging die Ruhe mit dem Bau eines Flugplatzes in der Nachbarschaft verloren. Nach dem Kriegsausbruch behinderte der Fluglärm die Arbeit. Im Vorstand des Freundeskreises wurden deshalb Pläne für eine Umsiedlung der Schule geschmiedet. Maria Gräfin Bredow hatte sich erboten, ihr Gut in Pommern für den Neubau einer Schule zur Verfügung zu stellen.

Seefeld, Krs. Stargard/Pommern
1942-1945

Schweren Herzens nahmen C. Schlaffhorst und H. Andersen das Angebot an und zogen noch einmal um. Gräfin Bredow ließ das Gut zum größten Teil auf eigene Rechnung den Bedürfnissen der Schule entsprechend umbauen.

Trotz des Krieges kamen alte und neue Schülerinnen und Schüler in das Haus. Eine neue Aufgabe entstand mit der Behandlung von Kriegsversehrten, die mit Verletzungen des Atmungs- und Sprechapparates nach Seefeld kamen.

C. Schlaffhorst starb wenige Tage vor dem Einmarsch der Russen am 17. Januar 1945 in Seefeld und wurde dort begraben. Unter Hinterlassung der gesamten Habe ‑ inklusive der Dokumentation der Lebensarbeit ‑ flohen die letzten Seefelder bald darauf Richtung Westen. H. Andersen fand Aufnahme in Schönborn bei Eutin.

Nach 1945 ‑ Ausblick

H. Andersen starb, nachdem sie den Wiederaufbau ihrer Schule in Lieme/Lippe und die Gründung und der Lehrervereinigung 1949 und die Neuauflage ihrer Schriften 1951/52 noch miterleben durfte, in hohem Alter am 28. März 1957 und wurde in Groß‑Hehlen beigesetzt. 1989 enthüllte der Freundeskreis eine Erinnerungstafel an Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen am alten Schulgebäude in Hustedt.

Seit dem Tod von H. Andersen hat sich vieles geändert und weiterentwickelt: wiederholte Umzüge, die etappenweise staatliche Anerkennung (1969, 1983) und der Wechsel in der Trägerschaft zum Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands, Ebersberg (1977); eines mit Sicherheit jedoch nicht: die Überzeugung der zentralen Bedeutung der Atmung für das Leben.


CJD-Schule Schlaffhorst‑Andersen
Bad Nenndorf

Christliches Jugendorfwerk Deutschlands

Geschichtliches

aus der

Schule
Schlaffhorst‑Andersen

(1898‑1945)

Veröffentlichungen
aus der Forschungsstelle
Schlaffhorst‑Andersen

2

Bearbeitet von Rüdiger Kröger

Bad Nenndorf 1999

 



[1]          Hedwig Andersen an Alexander v. Dobrogoiski, 25.02.1947

[2]          Alexandra von Holmblad: Die Lehrerin für Atemkunst und Atemgymnastik. In: Daheim, Leipzig, 1. Juni 1912

[3]          Der 2. Vorsitzende, Walther Werner, war 1931 wegen Meinungsverschiedenheiten aus dem Vorstand ausgetreten.

[4]          Rundbrief der GdF, 28.12.1941; vgl. auch Johanna Wiesike, Tagebuchaufzeichnung zum 03.10.1938: Es hat ja nun die Übergabe von Haus und Hof an die Gesellschaft der Freunde stattgefunden. Bredow macht viel Zukunftsmusik, was ja begreiflich ist. Ihr ganzes Sinnen und Trachten geht auf eine Schule hinaus, was mir ja in einer Hinsicht auch am Herzen liegt.

[5]          Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike, 01.03.1940. In der Tat wies die Bilanz seit 1.10.1938 einen monatlichen Fehlbetrag von etwa RM 660,‑ aus. Den größten Teil brachte Gräfin Bredow aus den Überschüssen ihres Gutes Seefeld auf. (Rundbrief der GdF, 28.12.1941)

[6]          Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike, 16.07.1942

[7]          Dieses Tagebuch wurde von Irmgard Marbach an Marie Selbmann ausgehändigt.

[8]          Vgl. z.B. die Zusammenstellung von Waltraut Seyd und Elisabeth Goebel von 1945/6

[9]          Hedwig Andersen an Elisabeth Goebel und Waltraut Seyd, 11.07.1946

[10]        Gesuch um die erneute Niederlassung der Schule in Niedersachsen, 01.12.1945

[11]        Hedwig Andersen an Elisabeth Goebel, 25.03.1948

[12]        Elisabeth Goebel an Hedwig Andersen, 01.08.1948

[13]        Hedwig Andersen an Elisabeth Goebel, 05.01.1949

[14]        Hedwig Andersen an Elisabeth Goebel, 22.01.1949

[15]        Nach Aussage von Hanna Siem hatten Schlaffhorst und Andersen vorgeschlagen, die Lehrer mit in den Vorstand hineinzunehmen, weil die Vertreter der GdF nicht immer die richtigen waren. (Niederschrift über die Mitgliederversammlung der Gesellschaft der Schule Schlaffhorst‑Andersen am 18.04.49 in Lieme/Lippe)

[16]        Satzungen der Lehrervereinigung der Gesamtschule Schlaffhorst-Andersen [vom 09.02.1950]

[17]        LV an den Vorstand der GdF, 02.05.1950

[18]        Hedwig Andersen an Anka Schulze, 04.03.1950

[19]        Rundbrief der LV, 02.10.1957

[20]        Testament von Hedwig Andersen vom 16.02.1951, eröffnet 23.05.1957

[21]        Sogenanntes „Testament“ von Hedwig Andersen, „Rundreisebrief“ 01.05.1947

[22]        Clara Schlaffhorst an Johanna Wiesike, 23.12.1941

[23]        Er bestand in den Jahren 1963 bis 1976 ohne nennenswerte Ambitionen entwickelt oder Kapital gebildet zu haben. Sein Vorstand war mit dem der GdF identisch.

[24]        Werner Brandis an LV (M. Saatweber), 07.07.1976

[25]        Werner Brandis an die Vorstandsmitglieder der GdF, 12.03.1973

[26]        Protokoll, 23.10.1977

[27]        Die AfA hatte eine zweijährige Ausbildung (800 Std.) zum Pneopäden (Atemlehrer) eingerichtet, die ausdrücklich ein qualitativ geringeres Niveau anstrebte als das des ASSL.

[28]        Rundbrief der LV, Dezember 1986, S.11

[29]        Rundbrief der LV, Juli 1988, S.2

[30]        V. Rauschnabel in: Rundbrief der LV, S.2 November 1991, S.20-22

[31]        R. Kröger in: Jahrbuch 1999 der CJD Schule Schlaffhorst-Andersen Bad Nenndorf., S.20-27, hier: S.26



Ende Chroniken Freundeskreis und Lehrervereinigung (Kröger)
 

 


Gesellschaft der Freunde (Freundeskreis)

 

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