Zur Geschichte von
Schule, Gesellschaft der Freunde und Lehrervereinigung
Schlaffhorst-Andersen
Rüdiger Kröger (Entwurf:
Juni 2000)
Im Jahre 1897 erschien die
von den Musik- bzw. Gesanglehrerinnen Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst
ins Deutsche übersetzte Ausgabe von Leo Koflers „The Art of Breathing“. Die Arbeit an dieser Übersetzung war für die
beiden derart einschneidend, daß man den Ursprung der späteren Schule
Schlaffhorst-Andersen ohne weiteres damit verbinden kann. Dies schlug sich
nieder in der erstmals im Berliner Adreßbuch von 1900 zu findenden erweiterten
Berufsangabe H. Andersens als „Musik- u.
Athemgymnastik-Lehrerin“.
1910 gründeten die beiden
Lehrerinnen in Neubabelsberg (Potsdam) eine Schule mit acht Logierzimmern.
Das Ziel, das sich diese Damen stellten,
ist zwar nicht die Behandlung von Kranken, sondern die Ausbildung von
Lehrkräften für Atemkunst und Atemgymnastik, als Vorbedingung zum Gesang und
zur Förderung der Gesundheit. Daß in dieser Anstalt Hand in Hand mit dem
Studium Kräftigung des Organismus, ja Heilung von gewissen Krankheiten erreicht
wird, habe ich an mir selbst erfahren und an vielen anderen gesehen.
schrieb Alexandra von Holmblad 1912.
Nachdem die Schule 1916 nach
Rotenburg an der Fulda verlegt wurde, gelangte sie unter dem Namen „Rotenburger Schule für Atmungs- Sprech- und
Gesangskunst“ in den Zwanziger Jahren zu großer Bekanntheit. Für den
wachsenden Schüler- und Interessentenkreis wurde 1926 eine sehr erfolgreiche
Arbeitswoche veranstaltet. Im Verlauf dieser Veranstaltung fand die
Gründungsversammlung der Gesellschaft
der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst-Andersen) [im folgenden
GdF] statt. Die Satzung wurde im Dezember 1927 beschlossen und legte in §1.
u.a. Name, Zweck fest: Die unter dem
Namen „Gesellschaft der Freunde der Rotenburger Schule (Schlaffhorst-Andersen)“
bestehende Vereinigung hat das Ziel, die Arbeit der Rotenburger Schule, die den
Menschen in seiner Gesamtheit durch Atmung und Stimme zu erziehen sucht, zu
fördern. Die GdF stellte sich unter anderen zunächst die folgenden
Aufgaben: Behörden, Lehrer, Aerzte,
Musiker u.a. für die Rotenburger Arbeit zu interessieren, jungen Leuten, die
hervorragend für die Rotenburger Arbeit geeignet sind, die Ausbildung zu
ermöglichen, räumliche Erweiterung von Mutterhaus und Versuchsschule
herbeizuführen, weitere Kreise durch Tagungen, Vorträge, Chorkonzerte u.s.w.
mit der Rotenburger Arbeit bekanntzumachen. Die Mitgliedschaft setzte sich
aus dem größten Teil der Ausbildungsschülerinnen und deren Angehörigen, zahlreichen
weiteren Schülern von C. Schlaffhorst und H. Andersen bzw. den bereits
selbständig arbeitenden diplomierten Lehrkräften der Schulen sowie einigen
anderen Bekannten und Interessenten zusammen. Der erste Vorstand wurde auf
eigenen Wunsch 1932 abgelöst.
Nun traten mit Anita Grauding als Schriftführerin und Dora Idler als
Kassenwartin zwei diplomierte Lehrerinnen in den Vorstand mit ein. Die
Öffentlichkeitsarbeit wurde intensiviert, u.a. durch die Herausgabe einer Zeitschrift
(Mitteilungen der GdF) und größere Chorreisen.
Mittlerweile waren neben dem
1926 noch nach Hustedt bei Celle verlegten „Haupthaus“ mehrere sogenannte „Zweigschulen“ entstanden, nämlich:
‑ das Haus Marie Selbmann
(seit 1918), von 1933 bis 1938 als private Mittelschule
‑ das Haus Anke Schulze
(seit 1926) beide in Rotenburg a.d. Fulda
‑ das Kinderhaus von Ilse
Krüger (seit 1932, ab 1936) in Oberweimar und
‑ das Haus Ilse Toepfer
(seit 1936 in Berlin-Nikolassee).
Zudem arbeiteten etwa 20 selbständige Lehrkräfte.
In
den 30er Jahren werden seitens der Vorstandes der GdF (seit 1934 1. Vors.
Wilhelm Menzel und 2. Vors. Maria Gräfin Bredow) neue Wege beschritten. Die GdF
wollte sich am wirtschaftlichen Risiko der Schule Schlaffhorst-Andersen
beteiligen. Die darüber entbrannte heiße Diskussion brachte bereits einige der
noch heute die Positionen bestimmenden Meinungen auf den Tisch. deshalb soll an
dieser Stelle näher darauf eingegangen werden.
Zunächst
wurde zu Pfingsten 1937 die Vereinsaufgabe bekräftigt: Der Vorstand erklärt ausdrücklich, dass er deshalb alle wesentlichen
Maßnahmen im Einverständnis mit Fräulein Schlaffhorst und Fräulein Andersen
getroffen hat und treffen wird, und dass er den beiden Leiterinnen zur
Verfügung gestanden hat, wenn sie seinen Rat wünschten. Seine Aufgabe sieht der
Vorstand darin, Fräulein Schlaffhorst nach Möglichkeit die Wege für ihre
schöpferische Tätigkeit zu ebnen, ihr den Rückhalt in der Einigkeit und dem
Glauben der zum Werk gehörenden Menschen zu geben, dessen sie zum Schaffen
bedarf, ihr die Menschen zuzuführen, in denen sie wirken kann, die Arbeit in
sich selbst und im Dienst der Sache stehenden Menschen weiter zu treiben.
Im Herbst 1937
unterbreitete der Vorstand dem Chor, einem losen Zusammenschluß diplomierter
Lehrerinnen den Vorschlag, das bisherige Verhältnis zwischen GdF und Chor durch
die vollständige Übernahme des wirtschaftlichen Risikos der Chorunternehmungen
zu intensivieren. Mehrheitlich begrüßten die Chormitglieder den Vorschlag;
andere lehnten grundsätzlich jede Einmischung des Vorstandes in innere
Chorangelegenheiten kategorisch ab und kritisierten dabei das vom Vorstand
geforderte Mitbestimmungsrecht. Ein Chormitglied begründete die ablehnende
Haltung: Chor und Gesellschaft müssen für
sich auf eigenen Beinen stehen. Sie können sich sonst nicht helfen.
Demgegenüber erhoffte der Vorstand über die wirtschaftlichen Fragen hinaus die innigste Einbeziehung des Chores in das
gesamte Werk. In der Diskussion war damit die Frage aufgebrochen, welche
Rolle die GdF überhaupt spielen könne und solle. Ein Chormitglied formulierte: Für mich gehört der Vorstand absolut zum
ganzen Gefüge unserer Arbeit hinzu, und eine Gleichberechtigung in den uns
gemeinsam bewegenden Fragen ist mir selbstverständlich. Die Debatte wurde
von den geschichtlichen Entwicklungen bald überholt, denn der Chor übernahm im
Herbst 1938 nicht nur, wie zunächst diskutiert, die wirtschaftlichen
Verpflichtungen für den Chor, sondern zum 1. Oktober 1938 auch pachtweise die Wirtschaft des Haupthauses
in Hustedt. Die
finanziellen Möglichkeiten der GdF waren damit weitgehend erschöpft, ja sogar
weit überschritten. An die direkte Unterstützung der Zweigschulen oder gar der
selbständigen Lehrkräfte war nicht (mehr) zu denken.
Die
Belästigung durch den Fluglärm des in der Nähe der Schule neu angelegten
Flughafens ließen es verstärkt nach Kriegsbeginn als wünschenswert erscheinen,
einen neuen Standort zu suchen. Der Vorstand der Gesellschaft, besonders Gräfin
Bredow, entwickelte den Plan für eine Übersiedlung der Schule auf das Gut
Seefeld in Pommern. C. Schlaffhorst und H. Andersen gerieten durch das
uneigennützige Anerbieten Gräfin Bredows in erheblichen Gewissenskonflikt, denn
einige Entscheidungen wurden an ihnen vorbei gefällt, so daß C. Schlaffhorst
sich in ihren Briefen beklagte: Ich
glaube kaum, daß nach uns gehört wird; man hat es nicht einmal in unserm
eigenen Hause bei der Uebergabe für nötig befunden, ‑ hat sich damit aber schon
geschadet. Die Wirtschaft ist von uns aus all unsere Lebenszeit glatt, trotz
oft erschwerter Umstände vor sich gegangen. Nun heißt es: Hier trägt sie, die
Wirtschaft, die Kosten nicht.
Im Sommer 1942 erfolgte der Umzug in zwei Etappen. C. Schlaffhorst und H. Andersen
verließen schweren Herzens aber voll Dankbarkeit gegenüber Gräfin Bredow
Hustedt: Denn wie Gräfin Bredow alles zur
Tat hat werden lassen, schrieb Clara Schlaffhorst noch wenige Tage vor dem
Umzug, wird für die Nachwelt wunderbar
sein. Die Freude, daß die Mit- und Nachwelt weiter die Schätze haben soll, die
im Werk leben, woran das „deutsche Wesen genesen soll“ und kann, übersteigt
alle Schwierigkeiten, die turmhoch vor uns liegen. Wir erleben sie auch nicht
allein, sondern alle Freunde der Schule helfen freudig mit.
Kurz
bevor Russen Seefeld besetzten und die letzten Lehrerinnen und Schüler(innen)
in den Westen flohen, starb Clara Schlaffhorst dort am 17. Februar 1945. Sie
hatte Hedwig Andersen als Erbin ihrer anteilsmäßigen Rechte an den gemeinsamen
Verlagsrechten und am Schulinventar in der Erwartung eingesetzt, Hedwig
Andersen werde einst ihrerseits ihre diesbezüglichen Rechte testamentarisch der
GdF vermachen. Ihrer Schwester Marie Selbmann-Schlaffhorst vererbte sie dagegen
ihre persönlichen Mobilien und ihren schriftlichen Nachlaß in Form eines
Tagebuches.
Zwei
Entwicklungen liefen nach der Flucht und dem Tod C. Schlaffhorsts bei dem geplanten
Neubeginn parallel: zum einen die Suche nach einem neuen Schulstandort durch
Gräfin Bredow für den Vorstand der GdF zum andern eine Bestandsaufnahme der
Ziele, Inhalte und Wesenskerne der Arbeit
und die von Elisabeth Goebel aufgegriffene Idee Hedwig Andersens zur Gründung
eines Zusammenschlusses aller Lehrkräfte.
Bereits
im Juni 1945 wurde Gräfin Bredow bei der Regierung in Hannover mit einem Niederlassungsgesuch
der Schule vorstellig. Die Schule sollte ihrer Auffassung nach unmittelbar an Seefeld anknüpfen, indem die
dort zuletzt tätigen Lehrkräfte (Grauding, v.Harling, Bruckner) ihre Arbeit
fortsetzen sollten und die Verbindung mit einem Gutsbetrieb angestrebt wurde.
Daß dabei die Ambitionen vorwiegend im pädagogischen Gebiet lagen, war nicht im
eigentlichen Sinne Hedwig Andersens. Sie schrieb: In Hannover hat Gräfin Bredow sehr viel Verständnis und sogar
Entgegenkommen gefunden, dann geht die Arbeit allerdings wohl mehr auf's
pädagogische Gebiet, und die Musik wird mehr in den Hintergrund gedrängt. Aber
das Pädagogische ist ja auch sehr wichtig im Hinblick auf die Jugend und auf
das nachfolgende Geschlecht. Und ohne Musik geht es ja überhaupt nicht.
Aber wer künftig die Stimmen so behandeln und entwickeln, wer die
herrlichen Lieder so einstudieren, wie Frl. Schlaffhorst?
Die Differenzen traten ebenso in der Überarbeitung eines
Gesuchentwurfes v.Bredows durch H. Andersen hervor. Dort gelang es H. Andersen
in sehr viel knapperen Ausführungen die Wesenszüge der Arbeitsweise der Schule
Schlaffhorst-Andersen präziser zu formulieren und hob auch hier den
künstlerischen Charakter hervor: Die
Arbeitsweise der Schule beruht auf sehr realen Einsichten in das Naturgeschehen
im menschlichen Organismus, gewonnen durch intensives Studium für
künstlerische, gesangliche und sprachliche Betätigung. Beständig erneuerte
Erfahrung bestätigte die Tatsache, dass durch bewusste, nach physisologischen
Gesetzen geregelte Schulung der untrennbar zusammenhängenden Atmungs- und
Stimmfunktionen neue, bisher noch nie genutzte Aufbaumöglichkeiten für den
gesamten geistig- und leiblich-seelischen Organismus des Einzelnen wie seiner
Nachkommenschaft gewonnen werden. Das Wesen der Arbeit sei ganz und gar auf die Weckung und Erhaltung
innerer Kräfte, auf Verbindung von Natur und Geist in Sprache, Gesang und
Bewegung gerichtet.
H. Andersen
hegte erheblich Bedenken, ob Gräfin Bredow die geeignete Person für einen
„richtigen“ Neuanfang im Kleinen sei: Was
nun die Wiedergeburt unserer Schule anbetrifft, so können Sie sich wohl denken,
liebes Fräulein Goebel, wie die mir im Kopf und Herzen herumgeht! So, wie sie,
die Schule, war, kann sie natürlich nicht wieder werden ‑ vorläufig.
Ganz klein müssen wir wieder anfangen und abwarten, ob es von selber wächst. So
war es immer bei uns. Ob Gr[äfin] Br[edow] die geeignete Persönlichkeit
dazu ist, den richtigen Anfang zu finden, steht dahin. Nach ihren ehemaligen
wahnwitzigen Ideen zu urteilen, dürfte man es bezweifeln. Alles, was sie bisher
in dieser Angelegenheit versucht hat, war nicht praktisch, auch nicht
verständnisvoll in bezug auf das hauptsächlich Erforderliche und ist darum auch
mißglückt. Das ,,Schicksal“ bestätigt meine Überzeugung. Daß sie jetzt mit der
,,Politik“ verkracht ist, wissen Sie wohl auch schon. Nun will sie sich, glaube
ich, mit aller Ungestümheit doch wieder unserer Schule zuwenden, und das
beängstigt mich gradezu. Es ist mir bei all ihren Unternehmungen (selbst bei
der damaligen Verlegung der Schule nach S[eefeld]) zuviel menschlicher Wille
dabei und demgegenüber zu wenig ‑ ich möchte sagen: Musik. Oder nennen Sie es
meinetwegen: Göttliche Führung und Fügung. Da ich sie aber beileibe nicht kränken
möchte, muß ich mich nun meinerseits der Göttlichen Fügung unterwerfen
und dem Schicksal überlassen, ob ihr etwas Brauchbares und Ersprießliches
gelingt.
Als die
Vorstellungen über die Schulneugründung konkreter wurden und absehbar war, daß
Gräfin Bredow die Geschicke der Schule im Alleingang bestimmen würde, regte
Hedwig Andersen an, ein Komitee aus der gesamten Lehrerschaft zu gründen, so
daß alle gemeinsam an dem neuen Werden
der Schule teilhaben und daß eine gemeinsame Kenntnisnahme der Entwicklungen,
die die Schule nun nehmen werde, haben könnten.
Auf der zweiten Arbeitszeit in Hohenlimburg im August 1948 wurde diese Idee in
größerem Kreise diskutiert und befürwortet und führte schließlich zur Gründung
der „Lehrervereinigung der Gesamtschule
Schlaffhorst-Andersen“ (Gründungsversammlung am 19.04.1949, Satzung vom
09.02.1950; im Folgenden LV).
Die
Geschäftsführerin der Seefelder Schule und 2.Vorsitzende der GdF, Gräfin Bredow
ließ sich dadurch jedoch nicht bremsen. Die von der Regierung Detmold am
15.02.1949 erteilte Genehmigungsurkunde für die Gesellschaft der Freunde der
Schule Schlaffhorst-Andersen e.V. Sitz Celle schrieb den von ihr stammenden
Plan der Privatschule für Sprech- und Musikerzieher mit dem nunmehr offiziellen
Namen „Schule Schlaffhorst-Andersen in Lieme, Kreis Lemgo“ als Status quo fest.
Als offizielle Leiterin trat Hedwig Andersen zwar in Erscheinung, ihre Aufgaben
sollte aber tatsächlich Anita Grauding wahrnehmen. Diese Schule hatte von H.
Andersen aus betrachtet, nicht mehr viel mit der Schule Schlaffhorst-Andersen
gemein: Nun stellen Sie sich, bitte, vor,
wie einem Menschen zumute ist, der 50 Jahre lang gearbeitet hat, um eine
wichtige Sache auf die Beine zu bringen, plötzlich sieht, wie sie auf den Kopf
gestellt wird!! Das zu ertragen und richtig einzuschätzen, muß man erst lernen.
Ich kann mich
indessen noch nicht so sehr auf die Ereignisse, die dies Jahr uns bringen soll,
freuen. Die Schule, die die liebe Gräfin da zusammenorganisiert hat, ist nicht
die Schule Schlaffhorst-Andersen, sondern ein Abklatsch einer sogenannten
,,Musikakademie“, so heißt das ja wohl jetzt, was man früher schlechtweg
,,Konservatorium“ nannte, nur, daß hierin noch mehr Instrumentallehrer
fungierten. Oder glauben Sie, liebes Fräulein Goebel, vielleicht, daß für unsere
Schule eine Geigenlehrerin nötig ist, oder ein Extraschulfach „Stimmgesundheit“?
Wo doch jeder Ton, der gesungen, gesprochen, gespielt wird, nichts anderes
als Gesundheit, d.h. naturgemäße Funktion, bezweckt und erzeugt.
,,Handfertigkeit“ als Schulfach für eine Atem-, Sprech- und Gesangschule“ als
Schulfach anzupreisen, ist doch lächerlich geradezu! Das gehört notwendig in
eine Kindergärtnerinnenausbildung, aber nicht in eine spezifische Gesangschule,
wo die einzige Fingerfertigkeit die auf einem Klavier erzeugte ist. Dahingegen
soll eine Gesangschülerin nur einmal in der Woche eine Gesangstunde haben.
Lachhaft! Man sieht von weitem, daß der Mensch, der diese „Organisation“ gemacht
hat, nichts von der Sache versteht. Sie werden sagen: Warum hat Frl. Andersen
ihre Bedenken nicht früher gemeldet? Nun, wenn man den Prospekt erst erhält,
wenn er schon beim Drucker ist, und dazu die Bemerkung: es dürfte sich nur um kleine
Änderungen handeln ...
Gelegentlich
der Schuleröffnung (18. April 1949) kamen die Mitglieder des Freundeskreises
und der Lehrerschaft in Lieme zusammen. Bei dieser Gelegenheit brachen alte
Fragen wieder hervor und neue kamen hinzu. Sollten Lehrkräfte der Schule
Mitglieder des Vorstandes der GdF sein
oder überhaupt der GdF angehören? Was ist die Schule Schlaffhorst-Andersen?
Welche Position soll die in der Gründung befindliche LV spielen?
Die Frage, was
unter der „Schule Schlaffhorst-Andersen“ zu verstehen sei, wurde folgendermaßen
beantwortet: Die Schule
Schlaffhorst-Andersen lebt über all dort, wo mindestens eine Lehrkraft
arbeitet. Die Schule in Lieme ist das „Mutterhaus“, ein Teil des Gebildes. ...
Der schroffe Gegensatz zwischen Lehrer und Schüler besteht nicht, wir sind alle
Schüler.
Die Auskunft
zur Stellung der LV fiel ähnlich pragmatisch aus: Der neu zu gründende Lehrerverband soll freie Hand haben, er soll
möglichst stark gemacht werden. Alle pädagogischen Fragen sollen vom Verband
der Lehrkräfte behandelt werden. Die medizinischen Dinge sollen von der
Gesellschaft der Freunde behandelt werden. Man kann alle Menschen, die interessiert
sind, zusammenfassen, personelle Union, sachliche Trennung. Ämterhäufung ist,
wie im wirtschaftlichen Leben, so auch hier von Vorteil. Personelle
Verschmelzung von Gesellschaft und Lehrerschaft, aber sachliche Trennung. Es
kann ein Problem weitergereicht werden und gelöst werden.
Beschlüsse wurden
zu diesen Fragen nicht gefaßt. Es zeigte sich nachfolgend, daß die Fragezeichen
noch nicht beseitigt waren als sich am folgenden Tag die Lehrer zur Gründung
des Lehrerverbandes versammelten. An den von den Wilhelm Frhr. Schenck zu
Schweinsberg vorbereiteten Satzungen wurde kritisiert, das die Kernfrage, das
Verhältnis von Stammschule, Zweigschule oder Zentralschule nicht gelöst sei.
Speziell müsse die neue Liemer Schule hervorgehoben werden. Es wurde eine
Vertretung gewählt, die die Satzungen nach Maßgabe der Versammlung in einigen
Punkten überarbeiten sollte. Mit der Unterschrift von Hedwig Andersen am 9.
Februar 1950 traten die Satzungen in Kraft. Der Verein wurde vorerst nicht eingetragen.
Die Satzungen definierten der LV einen Platz neben der GdF und schufen den Begriff
der Gesamtschule Schlaffhorst Andersen: 1.a)
Zur Wahrung des Geisteserbes der Gesamtschule
Schlaffhorst-Andersen für Atmung, Sprache und Gesang, wie es in dem Lebenswerk
von Fräulein Clara Schlaffhorst und Fräulein Hedwig Andersen Gestalt gewonnen
hat, tritt neben die „Gesellschaft der Freunde“ eine Vereinigung der Lehrer.
Die Lehrerschaft fühlt sich in ihrer Gesamtheit zur Fortführung dieses ihr
anvertrauten Geisteserbes berufen und verpflichtet, mißbräuchliche Verwendung
des Namens der beiden Gründerinnen zu verhindern. Über
die Interessenvertretung hinaus sollte die LV der Verbindung untereinander
dienen und bei der Anerkennung und Erteilung von Lehrdiplomen mitwirken.
Die durch das Verhalten von
Gräfin Bredow mitverschuldete katastrophale finanzielle Lage der Schule ließ
die enge Verquickung des Mutterhauses mit der GdF als sehr fragwürdig erscheinen,
so daß die LV ‑ als dies im Spätsommer 1949 offenbar wurde ‑ sich zum Handeln
veranlaßt sah. So erhob die Forderung auf
Trennung zwischen dem Vermögen der Gesellschaft der Freunde und dem der
Hauptschule in Lieme sowie der Neuwahl des im April 1949 gewählten Vorstandes.
Im weiteren Verlauf der Überlegungen zeigte sich, daß dies nur unter ganz
erheblichen Belastungen für die in Lieme tätigen Lehrkräfte möglich sein würde.
Die LV erklärte daraufhin im Mai 1950: Die
Lehrervertretung hält zwar grundsätzlich an dem Idealziel fest, dass die
Gesellschaft der Freunde nicht nur eine Schule, sondern alle Schulen fördern
solle, welche im Sinne von Fräulein Schlaffhorst und Fräulein Andersen
arbeiten. Die Verwirklichung dieses Ideals ist aber im gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht möglich. Aus diesem Grunde zieht die Vertretung der Lehrervereinigung die
in ihrem Schreiben vom 19. Oktober 1949 gemachten Vorschläge zurück.
***
Nun der Brief von Frau Selbmann. Auch ich
finde es nicht richtig, jetzt solche Fragen anzuschneiden. Ich habe ihr das
auch geschrieben, wenn auch nicht mit diesen Worten. Frl. Grauding schreibt mir
auch verwundert darüber. Man sollte doch jetzt die Schule möglichst in Ruhe
arbeiten lassen, der Geist derselben wird ja doch von den Lehrerinnen getragen
u[nd] bestimmt, und an dem
zweifelt ja auch Frau S[elbmann] nicht. Die Gräfin arbeitet
wie ein Dienstmädchen einstweilen u[nd]
das wird ihr gut tun und ihren Tatendrang in richtige Bahnen lenken.
In den 50er Jahren
verschwanden aus verschiedenen Gründen die Zweighäuser der Schule
Schlaffhorst-Andersen. Zunächst wurde bei der Gründung der LV die Schule von
Ilse Töpfer (Berlin-Nikolassee) nicht mehr als Zweigschule anerkannt. Ilse
Krüger mußte 1951 ihr Kinderheim in Weimar schließen. Marie Selbmann starb 1958
in Rotenburg. Als die Schule 1959 den Pachtvertrag in Lieme nicht verlängern
wollte, stellte Anka Schulze ihr Haus uneigennützigerweise zur Verfügung. Der
Erlös des Verkaufes ihres Hauses ermöglichte dann 1961 den Ankauf von Schloß
Eldingen bei Celle, so daß nun nur noch die Schule in Eldingen und daneben die
selbständigen (oder angestellten) Lehrkräfte existierten.
Doch bevor
diese Entwicklung ihren Abschluß genommen hatte, war Hedwig Andersen in
Schönborn bei Eutin am 28. März 1957 im Alter von 90 Jahren verstorben. Als
Erbin hatte sie in Übereinstimmung ihrer Mitarbeiterin
und geliebten Freundin Clara Schlaffhorst die GdF eingesetzt. Insbesondere
sollten die Erträge aus den zukünftigen Neuauflagen des Werkes von Leo Kofler:
„Die Kunst des Atmens“ über die GdF mittelbar oder unmittelbar dem Haupthaus
der Schule in Lieme zugute kommen, während die LV die Erträge aller Neuauflagen
des Werkes Atmung und Stimme zugunsten der Lehrerschaft verwenden sollte. Ein
Mitglied des Vorstandes sollte den schriftlichen Nachlaß (Briefe) daraufhin
durchsehen, was davon erhaltenswert sei und den unbrauchbaren Rest vernichten.
Diesem Wunsch wurde leider nicht entsprochen, sondern die Absender durch einen
Rundbrief der LV befragt, ob sie ihre Briefe zurück wünschten. So wurde diese
Dokumentation des Lebensabends von Hedwig Andersen zerteilt und größtenteils
vernichtet, anstatt sie geschlossen für die Zukunft aufzubewahren.
Ihren Schülern
und allen Freunden legte sie als besonderes Vermächtnis ans Herz, das Werk, das
sie mit ihrer Freundin Clara Schlaffhorst in ihrem langen gemeinsamen Leben geschaffen
haben, zu bewahren und weiter zu führen:
Eine jede neue Generation unserer Schüler muß unsere Gedanken auf ihre eigene
Weise neu in sich leben und gestalten. Doch welches sind die Werte, die
Gedanken des „Werkes“. Aus den schriftlichen Hinterlassenschaften von C.
Schlaffhorst und H. Andersen sind nur Andeutungen zu entnehmen. So äußerte H. Andersen
in der Übergangszeit nach dem 2. Weltkrieg: Geistige
Reife, Herzensbildung, höchste Reinheit und Höhe der Lebens-, Welt- und
Kunstanschauung und die Fähigkeit, den Unterschied zwischen Geist- und
Naturseele zu erleben und zu erfassen, diese Anforderungen setzen voraus, daß
man nicht zu jugendlichen Personen selbst wenn sie musikalisch begabt erscheinen,
die Lehrberechtigung für unsere Arbeit anvertrauen darf. Sie wissen Alle, daß
ich diese Anforderungen in Übereinstimmung mit meiner geliebten Freundin Clara
Schlaffhorst, ausspreche und niederschreibe, und daß es mehrere Jahre des
Studiums bedarf, um sie zur Entwicklung zu bringen.
Daß
mit „dem Werk nicht allein die Arbeit(sweise) gemeint ist, geht aus einem Brief
Clara Schlaffhorsts von 1941 hervor: Es
scheint, als ob in uns Beiden die Zeit für uns selbst gekommen ist, nachdem wir
unser ganzes Leben für Andere da waren und unsere Kraft dem „Werk an sich“
gehörte. Mit dem schulgemäßen Arbeiten an dem Einzelnen konnte man schon fertig
werden; aber damit war dem Werk noch nicht alles gegeben; sondern es hieß das
Schöpferische Wesen zu finden, und als Solches der Erfüllung Tür und Tor zu
öffnen. Da haben sich dann noch ganz andere Ziele aufgegeben, für die wir erst
einmal selbst leben sollen. Und so sorgt nun die Natur in uns, daß wir Muße
finden, uns zu leben. Dazu braucht jeder Zeit für sich; diese neben all den
andern Aufgaben zu finden, das ist nicht einfach.
Nach
dem Tod der beiden Schulgründerinnen und der Aufgabe aller Zweigschulen konzentrierten
sich die Aktivitäten auf die Ausbildungsstätte in Eldingen. Die vollständige Verschmelzung
von Schule und GdF war scheinbar unumstößlich. Als für die staatliche Anerkennung
der Schule (als Ergänzungsschule) eine spezielle Bilanz erforderlich wurde,
wurde für das Geschäftsjahr 1969 erstmals eine getrennte Rechnung für Schule
und GdF eingeführt, doch schon bald zur „Vereinfachung der Geschäftsführung“
wieder eingestellt. Genauso erscheint das Vermögen des von der GdF gegründeten
Zweigvereins „Kinderheim der Gesellschaft der Freunde der Schule
Schlaffhorst-Andersen“
in den Bilanzen der GdF.
Werner
Brandis war seit Beginn seiner Tätigkeit im Vorstand der GdF (2. Vorsitzender
1970-1976) bestrebt, auf einen engeren Zusammenschluß der GdF und der LV
hinzuwirken. Er
unterbreitete dem Vorstand der GdF 1973 einen Satzungsentwurf, der die beiden
Vereinigungen in einem Verein zusammenschließen sollte. Die LV sollte als
Beirat unter weitgehender Beibehaltung seiner Funktionen eingegliedert werden
und den gemeinsamen Vorstand in fachlichen Fragen beraten.
Im Oktober 1976 stand die Vereinigung von GdF und LV auf Antrag von Heidi Noodt
auf der Tagesordnung der Mitgliederversammlung der GdF.
Margarete Saatweber erklärte, daß sich die LV als Berufsverband verstehe, der
selbständig handeln können müsse. W. Brandis verteidigte den Antrag damit, daß Lehrerverband und Trägerverein sich zu
weit auseinanderleben und nicht selten oppositionell zueinander handeln.
Die Versammlung beschloß zwar, eine Kommission, die sich um die Vereinigung der
beiden Vereine kümmern sollte, zu bilden, die anwesenden Vorstandsmitglieder
der LV erklärten aber sofort, daß sie ihrerseits keine solche Kommission bilden
werde.
Diese
Kontroverse zwischen GdF und LV ist im Zusammenhang mit den damaligen Verhältnissen
zu sehen. In der LV wurde 1975 mit M. Saatweber und Verena Rauschnabel ein
deutlich verjüngter Vorstand gewählt, dessen erklärtes Hauptziel die
Berufsanerkennung war. Die Lehrervereinigung begriff sich zunehmend als Berufsverband,
dessen Interessen durch den geringeren Sachverstand für den Beruf des ASSL beim
Vorstand der GdF keine angemessene Vertretung finden konnte. Als dann zum
Herbst 1976 ein Wechsel in der Eldinger Schulleitung anstand und erstmals in
der Geschichte der Schule die Leitung einer Person ohne Schlaffhorst-Andersen
Ausbildung übertragen. Der Vorstand sah sich deshalb heftigsten Protesten von
verschiedenen Seiten ausgesetzt. Schülerstreit, Kündigungen einiger in Eldingen
tätigen Lehrkräfte etc. begleiteten die Auseinandersetzungen. Verschärft wurde
die Situation durch die wirtschaftliche Lage der GdF, die auf absehbare Zeit
nicht mehr zahlungsfähig sein würde. Deshalb waren verschiedene Versuche
unternommen worden, den Anschluß an eine andere (staatliche) Einrichtung zu
finden. Auf der obengenannten Mitgliederversammlung wurden von Udo Derbolowsky
dann zwei Perspektiven entwickelt. Zum einen empfahl U. Derbolowsky nun endlich
mit der Arbeitsgemeinschaft für Atempflege (AfA) zu kooperieren. Die bisherige
Kooperation war ausschließlich auf individuelles Engagement weniger Lehrer(innen)
beschränkt gewesen. Sein Ziel war es, den Beruf des ASSL auf diese Weise bekannter
zu machen und durch die Verbindung mit den Pneopäden
der Berufsgruppe mehr Gewicht zu verschaffen, wozu die GdF nicht in der Lage
sei. Trotz der Gegenstimmen, die in der Verbindung mit der AfA einen
Niveauverlust befürchteten, wurde der Vorstand mit der Auslotung gemeinsamer
Zielsetzungen beauftragt.
Zum
andern brachte U. Derbolowsky ein Angebot vom Präsidenten des Christlichen Jugenddorfwerk
Deutschlands, Arnold Dannenmann, mit, die Schule Schlaffhorst-Andersen in das
CJD zu integrieren. Bevor jedoch ein Beschluß in bezug auf Gespräche mit dem
CJD gefaßt werden sollte, so war die Versammlung der Meinung, müßte geklärt
werden, ob sich das Angebot an den Trägerverein oder die Lehrerschaft wende.
Der Hinweis, daß beide Vereinigungen nun endlich einmal in der Lage seien,
etwas miteinander zu unternehmen, blieb im Raum stehen. Trotz weitreichender
Zugeständnisse seitens des CJD an die Eigenständigkeit und
Eigenverantwortlichkeit der Lehre der Schule, herrschten (und herrschen nach
wie vor) Zweifel, ob die 1977 erfolgte Übernahme der Trägerschaft und die damit
verbundene „berufsfremde“ Schulleitung für die Schule Schlaffhorst-Andersen
akzeptabel sei.
Die
GdF konnte sich nun ‑ wie vor 1938 ‑ wieder anderen Aufgaben widmen, wie den Unterstützungen
der Schülerinnen und Schüler oder ASSL-Fortbildungen.
V.
Rauschnabel hatte sich 1976 (u.ö.) angeboten, Material und
Schlaffhorst-Andersen-Publikationen zusammen zu tragen und selbst etwas zu
publizieren, sofern man sie für eine bestimmte Zeit (1½ J.) dafür bei voller
Bezahlung vom Unterrichten freistelle. Dazu kam es schon aufgrund der fehlenden
Gelder nicht. Ein „Schlaffhorst-Andersen-Archiv“ gab es damals noch nicht. Es
bestand allerdings die Meinung, daß vielleicht auch viele bereit seien, dafür
zu spenden, sofern ein festumrissenes Konzept vorgelegt werden könne.
Im
Übernahmevertrag mit dem CJD vom Jahr 1977 wurde „das Archiv“ der GdF im Schloß
Eldingen als Besitz und Eigentum der GdF vorbehalten, darunter ist vermutlich
der Nachlaß von Anka Schulze zu verstehen.
1979
stellte Ingegard Karsten-Emge mehrere Ordner mit Fotos und Dokumenten zu einer
„Chronik“ zusammen. Sie wurde offensichtlich später ergänzt. Schon lange zuvor
begann Roswitha von Lingelsheim für die LV mit der Sammlung von
handschriftlichen Aufzeichnungen, Briefen, Fotos und anderen Dokumenten aus dem
Kreise der Schlaffhorstschülerinnen. Daneben sammelten immer auch andere ASSL
historisches Material. Seit 1985 besteht eine Arbeitsgruppe (Ursula Fischer,
Dietlind Jacobi, Anita Karnatz, Annekati Pfendsack und Verena Rauschnabel),
die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die
bestehenden schriftlichen Ausarbeitungen über die Arbeitsweise
Schlaffhorst-Andersen zur Veröffentlichung vorzubereiten sowie vorhandene
Dokumente zu archivieren.
Seit 1986 befindet sich die von der Lehrerversammlung zusammengebrachte
Sammlung in der Schule Schlaffhorst‑Andersen (Bad Nennorf). Seit 1986/87 bemüht
sich Verena Rauschnabel um die Registrierung der Dokumente und die Übertragung
der Handschriften in eine les- und
speicherbare Maschinen-Schrift. Sowie die Ergänzung der Sammlung.
Parallel dazu wurden von der Studienleitung der Schule (M. Saatweber) weitere
Materialien zusammengetragen und mithilfe von Schülern geordnet.
Die
Darlegung hat gezeigt, daß die zahlreichen personellen und finanziellen
Verflechtungen schon immer Befürworter und Gegner hatte; auch daß die
Bezeichnung als Schule Schlaffhorst-Andersen je nach persönlichem Empfinden
oder Opportunität ausgelegt werden konnte (bzw. kann), während für
Außenstehende die Komplexität kaum erkennbar war (ist). Es läge im Interesse
der Sache, eine möglichst vollständige ‑ und das bedeutet aus Sicht des
Historikers auch über den engen Rahmen der Lehrweise hinausgehende ‑
Dokumentation der Schule Schlaffhorst-Andersen im weitesten Sinne anzustreben,
an der alle betroffenen Interessentengruppen zu beteiligen sind. Es kann dabei
nicht um irgendwelche ‑ wie auch immer begründeten ‑ Eigentumsrechte gehen, und
das mehr oder weniger zufällig zusammengekommene Material als Privatbesitz
einer Interessentengruppe ansehen. Hedwig Andersen legte die Bewahrung des
„Werkes“ in die Hände aller ihrer Schüler und Freunde. Daraus resultiert
eine gemeinsame Verantwortung: des Berufsverbandes als Vereinigung
ausgebildeten ASSL, der Ausbildungssätte, die Grundgedanken und Arbeitsweisen
zu vermitteln hat, des CJD als heutigem Schulträger, wie auch des Freundeskreises,
dessen Aufgabe und Ziel heute die Förderung der Ausbildung wie des Gesamtwerkes
darstellt. Die Eigenständigkeit, Legitimität oder Bedeutung der verschiedenen
Gruppen sollen damit weder infrage gestellt noch geschmälert werden. Es sollte
nur endlich damit begonnen werden, sich nicht mehr gegenseitig zu blockieren
und die vorhandenen Kräfte und Bestrebungen zusammenzuführen. Der Freundeskreis
ist mit der Veröffentlichung der Chronik bereits in Vorlage getreten. Von
fleißigen Arbeiten innerhalb des Berufsverbandes ahnt man mehr als man weiß.
Das CJD hat in Verbindung mit der Ausbildungsstätte (und dem Arbeitsamt)
ebenfalls zur Dokumentation von Schlaffhorst-Andersen beigetragen.
Es
muß nicht alles Material in Buchform veröffentlicht werden, allerdings ist
einiges zeitgeschichtlich Interessantes darunter, was über den engeren
Schlaffhorst-Andersen-Kreis hinaus Interesse finden würde. Wichtig ist doch vor
allem für die alle Gruppen betreffende zukünftigen Bestrebungen, daß man sich
über die Entwicklungen und deren zeitlichen Bedingungen umfassend und leicht
informieren kann. Die Grundlagen dafür zu schaffen ist der wichtigste Punkt und
heute auch kein technisches Problem mehr.
Chronik GdF und LV
1926 Juli Gründungsversammlung der Gesellschaft der Freunde
der Rotenburger Schule (Schlaffhorst ‑ Andersen), erster Vorstand: 1. Prof. Dr.
Arthur Franz, 2. Dr. Walter Werner, Schriftf. Hans Reichel, Kassenw. Richard
Ziemer
1928 01 20 Die Gesellschaft der Freunde der Rotenburger
Schule (Schlaffhorst-Andersen) „stellt sich unter anderen zunächst die
folgenden Aufgaben:
Behörden, Lehrer, Aerzte,
Musiker u.a. für die Rotenburger Arbeit zu interessieren,
jungen Leuten, die
hervorragend für die Rotenburger Arbeit geeignet sind, die Ausbildung zu
ermöglichen,
räumliche Erweiterung von
Mutterhaus und Versuchsschule herbeizuführen,
weitere Kreise durch
Tagungen, Vorträge, Chorkonzerte u.s.w. mit der Rotenburger Arbeit
bekanntzumachen.“
1929 12 25 „Seit im Dezember 1927 die Gesellschaft der
Freunde der Rotenburger Schule ins Leben gerufen wurde, sind 2 Jahre vergangen.
Wenn bisher noch keine ordentliche Mitgliederversammlung einberufen wurde, so
lag dies an den wirtschaftlichen Verhältnissen, die größte Sparsamkeit
verlangten. Der Vorstand der Gesellschaft der Freunde hat aber in dieser Zeit
weiter stille Arbeit geleistet zur Erreichung der angestrebten Ziele. In
verschiedenen Eingaben an das Ministerium ist es gelungen die Behörden für die
Rotenburger Arbeit zu interessieren.“
1931 01 07 Walter Werner, 2. Vors., tritt aufgrund von
Querelen im Vorstand (Differenzen zwischen Vorstand und Haupthaus) zurück („Es
stellt sich immer mehr der Zustand heraus, dass die Gesellschaft bzw. der
Vorstand über die Köpfe von Frl. Schlaffhorst und Andersen hinweg arbeitet. ...
Ich kann der Gesellschaft außerhalb unmittelbarer Unterstützung der Damen bei
ihrer schweren opferreichen Arbeit keine selbständige Existenzberechtigung
zusprechen“)
1932 10 „... von Herrn Prof. Franz wurde in sehr
bewegten Worten ausgeführt, daß die Not der Zeit, die alle Kräfte im Beruf
auf’s Äußerste anspannt, den einzelnen Herren nicht Zeit läßt zu Ehrenämtern,
das ja, da die Entwicklung nach außen erst angebahnt werden soll, viel Zeit in
Anspruch nimmt. Herr Prof. Franz erklärt im Namen des Vorstandes, daß derselbe
zu seinem Bedauern sich außerstande sieht, eine Wiederwahl anzunehmen.“ Neuer
Vorstand: 1. Generalintendant Vollmer, 2. Dr. Hans Künkel, Schriftf. Anita
Grauding, Kassenw. Dora Idler.
1934 09 Neuer Vorstand: 1. Dr. Wilhelm Menzel, 2.
Maria Gräfin Bredow, Schriftf. Anita Grauding, Kassenw. Dora Idler.
1937 05 17 „Der Vorsitzende, Herr Dr. Menzel, begründet
den Antrag des Vorstandes, der dahin geht, der engen Zusammenarbeit und dem
herzlichen Einvernehmen zwischen der Gesellschaft und den beiden Gründerinnen
der Schule durch die in § 3 der Satzungen vorgesehene Ernennung zu
Ehrenmitgliedern der Gesellschaft die angemessene Form zu geben.“ ...
„Es liegt ein Antrag von Fräulein Ilse Toepfer,
Berlin auf Änderung der Zusammensetzung des Vorstandes, da die Arbeit des
Vorstandes in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung ungenügend, ja, in mancher
Hinsicht sachlich schädlich gewesen sei. Der Antrag wird im Wortlaut verlesen.
Frau von Arnim, Berlin, die von Fräulein Toepfer mit der Vertretung beauftragt
ist, erläutert den Antrag näher. Da Fräulein Toepfer nicht zugegen ist, enthält
sich der Vorstand vor der Abstimmung jeder Stellungnahme gegen den Antrag. Die
Abstimmung ergibt 16 Stimmen für den Antrag, 2 Stimmenthaltungen und 168
Stimmen gegen den Antrag. Der Antrag ist damit abgelehnt.
Im Namen des Vorstandes stellt Gräfin Bredow den
Antrag auf Wiederwahl des Vorstandes mit folgender Begründung:
1.) Der Vorstand hat das Vertrauen von Fräulein Schlaffhorst
und Fräulein Andersen.
2.) Die Arbeitsleistung des Vorstandes hat den gerechterweise
zu stellenden Forderungen entsprochen.
3.) Diese Arbeitsleistung ist ermöglicht durch reibungslose
persönliche Zusammenarbeit des gesamten Vorstandes. Alle wichtigen Maßnahmen
sind gemeinsam beraten und beschlossen worden. Erforderte bei rasch zu
fassenden Entschlüssen die räumliche Trennung die Einzelhandlung von
Vorstandsmitgliedern, so hat sie stets die nachträgliche Billigung des
Gesamtvorstandes erhalten.
4.) Die großen Anforderungen an Personen- und Sachkenntnis
bedingen möglichste Stetigkeit der Geschäftsführung.“
Wiederwahl des Vorstandes
1937 10/11 Die Gesellschaft der Freunde übernimmt die
wirtschaftliche Regelung (das Risiko) der Chorangelegenheiten für 1938/39,
verlangt dafür aber Mitbestimmung bei Veranstaltungsorten und Programmgestaltung.
Daraus ergab sich die grundlegende Frage, in wie weit Gemeinsamkeit
erstrebenswert bzw. Selbständigkeit Notwendig sei.
1938 10 01 Die Gesellschaft der Freunde übernimmt die
Wirtschaftsführung des Mutterhauses in Hustedt.
1948 08 Neugründung der GdF
1949 Die Neugründung von Lieme wurde mit Mißtrauen beäugt, da
die knappen Finanzmittel der Gesellschaft nur zu einer Förderung dieser Schule
ausreichten; andere Lehrkräfte fragten, ob sie nicht auch unter die Schule
Schl-And. fielen und gefördert werden sollten. Es wurde deshalb von Seiten der
LV zunächst eine Vermögenstrennung zwischen GdF und Lieme beantragt.
1949/50 Gründung der LV: Anerkennung der
Stammschule als wesentlichem Ausbildungsbetrieb und von 3 Zweigschulen
(Selbmann, Schulze, Krüger), Überwachung der Ausbildung (Prüfungskommission)
Ende Chroniken Freundeskreis und Lehrervereinigung (Kröger)