Übungsbeispiele für Altersgruppe 3-6 J. (I. Reiners)
Altersgruppe 3-6jährige
Unterrichtsreihe im Kindergarten
Im folgenden
handelt es sich um eine Unterrichtsreihe, die über einen Zeitraum von einem
halben Jahr sich erstreckte
Die
Schwerpunkte bei diesen Gruppenstunden lagen in folgenden Bereichen:
Sprecherziehung,
musikalisch-rhythmische Elemente, Singen, Bewegung, Atemschulung und der
achtungsvolle Umgang mit sich selbst und seinen Gefährten. Alles wurde
natürlich in einem sehr spielerischen Rahmen verwirklicht.
Wir waren zwei
Anleitende, und die feste Gruppe, die dann einmal wöchentlich eine dreiviertel
Stunde mit uns spielte und arbeitete, bestand aus 12 Kindern im Alter von 4 -6
Jahren.
Die Kinder
machten einen fröhlichen und lebhaften Eindruck, es brachte natürlich ein jedes
seine persönlichen Eigenarten mit. Im sprachlichen Bereich waren auch einige
Auffälligkeiten zu erkennen. Dyslalien verschiedenster Art zeigten sich. Ein
mehr wohl entwicklungsbedingtes Stottern bei einem Kind wurde uns durch die
Eltern mitgeteilt, was aber in den Stunden bei uns nicht zum Tragen kam. Und
ein sogenanntes Förderkind war dabei, das auf Grund seiner ausländischen
Herkunft in dieser Gruppe mitmachen sollte, um eine Verbesserung mit der
deutschen Sprache zu erlangen. Ein Kind zeigte auch deutlich Schwierigkeiten im
sozialen Umgang mit seinen Spielkameraden. Es kapselte sich häufiger von dem
gemeinsamen Spiel ab oder ging einzelne Kinder immer wieder recht aggressiv an,
so daß wir dann auch eine Phase über Spiele auswählten, die gruppenintegrative
Anteile förderten und diese unserem Programm anpassten. Die Arbeitsweise
Schlaffhorst-Andersen bietet auch gerade für diese Altersgruppe einige durchaus
sehr entwicklungsanregende Möglichkeiten. Die Problematik der heutigen
kindlichen Entwicklung, in unserer modernen Gesellschaft, ist ja in den letzten
Jahren von vielen pädagogischen und soziologischen Richtungen recht deutlich
aufgezeigt worden. Es gibt auch viele gute Ansätze in der modernen Pädagogik,
die diese Defizite, sei es nun im motorischen oder sprachlichen Bereich, mit speziellen
Übungsangeboten zu beheben versuchen. Auch wir ließen in unserer Arbeit so
manche gute Inspiration einfließen, doch bleibt die Grundidee und das zu Grunde
liegende Hauptanliegen unsere Vorgehensweise bestehen.
In dieser
Altersgruppe erreicht man die Kinder natürlich am besten über das spielerische
Vorgehen. Was ja vielleicht auch nur ein anderer Ausdruck ist für das im
Augenblick ganz da zu Sein: Zwischen seiner Innen- und der Außenwelt einen
fließenden Kontakt entstehen lassen, wahrnehmen und entsprechend reagieren auf
die Möglichkeiten, die sich von einem zum anderen Moment auftun. Und genau in
diesem Fluss, der dann ein wirkliches Lernen ermöglicht, lässt sich auch gut
immer wieder der Fokus auf die feinen Vorgänge an der Atmung, als innere
Bewegung, und den äußeren Bewegungsabläufen richten. Es ist nun heute allgemein
bekannt, wie grundlegend die motorische Entwicklung für die sprachliche
Entwicklung ist. Doch dass auch gerade eine gesunde Funktionsweise des
Atemgeschehens, für sowohl die motorische als auch die sprachliche und
natürlich auch stimmliche Entwicklung, von großer Wichtigkeit ist, kommt in
vielen anderen pädagogischen Richtungen zu kurz oder ist sogar ganz unbekannt.
Nicht zuletzt sollte auch noch die ausgleichende Wirkung auf das psychische
oder auch seelisch-emotionale Empfinden erwähnt werden, die von der
natürlich-flexiblen Atemspannkraft ausgeht. Unsere Angebote waren daher sehr
vielfältig angelegt, doch hatten wir als Anleitende immer auch unser Augenmerk
auf die Umsetzungsfähigkeit des einzelnen Kindes. Wir versuchten sie jeweils in
ihrer Ganzheit zu betrachten und zu erkennen, wie das Angebot gerade auf ihre
Entfaltungsfreude und Beweglichkeit, ihren Stimmklang oder aber dem nach außen
hin sichtbaren Teil des Atemvorganges wirkte. Wobei ein Teilausschnitt auch
immer als Ausdruck des Ganzen wahrgenommen werden kann. Für die Kinder waren
die Angebote ein Erfahrungsfeld, das jeder nach seinen Möglichkeiten ausfüllte.
Wir sprachen nicht dabei über die Geschehnisse an der Atmung und dem
Bewegungsapparat oder die Anbahnung eines richtigen S-Lautes und den
rhythmischen korrekten Schwingevorgang, sondern versuchten die Übungen immer
wieder so anzubieten, daß ein jedes Kind für sich etwas herausziehen konnte und
somit Stück für Stück mehr diesen Fluss zwischen der inneren und äußeren
Bewegung zu entwickeln vermochten.
Übungssammlung
Spiele in denen schwingende und kreisende Bewegungen mit einbezogen werden:
— Begrüßungs- und Abschiedslieder
werden mit diesen Bewegungsformen gestaltet;
— die Gruppe schwingt (wiegt) ein
in der Mitte stehendes Kind, dazu wird ein Wiegenlied gesungen (wir hatten
einen kleinen melodiösen Vers gedichtet, in Pentatonik);
— Paarschwingen: In Handfassung
oder an Reifen, Seitschwingen und auch mit Vor- und Rückbewegung, dazu wieder
ein Lied singen;
— mit der Gruppe am großen
Rundseil zusammen schwingen, dazu Singespiele;
— im eigenen Stand schwingen
lassen, wie ein Uhrpendel hin- und herschwingen, aber auch wie ein Uhrzeiger
kreisen;
— Sprechmalen
Atem- und Artikulationsspiele:
— Sprechverse und Singspiele, gut
auch mit vielen Geräuschanteilen, wie Pustegeräusche, Schnalzen, Zischen, aber
auch stimmlicher Dynamik
— Ballspielrunden, wo bei
Bewegungsspielen Verse, einzelne Laute und Silben mit in das Spiel einbezogen
werden
— Pustespiele mit Wattebausch,
Luftballon und Chinabällchen (Papierbällchen)
— Flaschendrehen mit
Mundmotorikkarten (aus der logopädischen Praxis)
— Sprechmalen
Spiele für die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und kinästhetischen
Wahrnehmung, sowie der Schulung des Hörens
— schwingende und kreisende
Bewegungen spielerisch gestaltet
— Tastspiele mit verschiedenen
Medien, für die Füße und Hände
— Spiele mit dem Raum, durch
verschiedene Aufgabenstellungen, die sich mit diesem befassen und den Kindern näher
bringen, dabei auch mal Teile von diesem abgrenzen und die Kinder sich mit
diesem Raum beschäftigen lassen
— Wahrnehmungsspiele im Liegen,
wobei die Kinder dann nur lauschen oder riechen und fühlen
— Spiele mit unterschiedlicher
Bewegungsdynamik; feine, gröbere, schnelle und langsamere Bewegungen, sich
strecken und zusammenziehen u.s.w.
— gruppendynamische Spiele; mit
Berührungsqualitäten, sich nähern und entfernen, einander zuhören, zusammen
Geschicklichkeitsübungen ausführen
— Bewegungsaufgaben mit musikalischer
Begleitung
— Singspiele und Sprechverse mit
Bewegungsgestaltung
— Wettspiele,
Geschicklichkeitsspiele
— rhythmische Sing- und
Bewegungsspiele
Genauere Anleitung einzelner Spiele und Übungsabläufe
Ein Kind wiegen
— Für 6-8 Kinder pro Kreis,
— einen engen Kreis um ein Kind
bilden,
— die Kinder berühren das Kind in
der Mitte mit beiden Händen, am besten im Schulterbereich, und geben dem
mittigen Kind dadurch Sicherheit.
— Nun wird es langsam hin- und
hergeschwungen, vor und rück aber auch mal zu den Seiten,
— die Gruppe summt dazu eine
Melodie von einem Wiegenlied, erst leise, dann kann es auch richtig gesungen
werden.
(Wir haben
eine pentatonische Melodie erfunden und folgenden Text dazu gesungen: „schumm,
schumm, schumm, wir wiegen dieses Kind!)“
— Das Spiel hat mehr eine
beruhigende Wirkung auf die Kinder,
— sie können aber auch ein Gefühl
von Geborgenheit dabei entwickeln, was von den Kindern auch gerne so angenommen
wird.
Paarschwingen in Handfassung
‑ 2 Kinder stehen sich
gegenüber und reichen sich die Hände,
— sie kommen in ein leichtes
Seitschwingen, (zu Anfang wird das von den Kindern oft mühelos gleich
umgesetzt, später kann auch das Vor- und Zurückschwingen mit einbezogen
werden).
— Dazu wird ein fröhlicher
Sprechvers gesprochen oder ein kurzer Singevers gesungen.
— Je fröhlicher der Sprechvers,
umso ausgelassener ist dann auch nach einer Weile die Stimmung, sodass man die
Kinder im Bann halten sollte, um sie einen längeren Zeitabschnitt damit sich
auseinandersetzen zu lassen.
— Sie zeigen aber auch Freude an
diesem gemeinsamen sich in Schwingung Bringen.
Paarschwingen mit Gymnastikreifen
— Wie beim Schwingen in
Handfassung, hierbei wird die Schwingeamplitude häufig größer, da ein weiterer
Raum sich zwischen den Kindern mit dem Reifen bildet. Dieses sollte man dann
auch nicht einschränken beim Seitschwingen, beim Vor- und Rückschwingen
erübrigt es sich, da die Kinder sonst aus dem Gleichgewicht kommen.
— Beide
Paarschwingeformen können gut als Vorübungen fürs Sprechmalen eingesetzt
werden:
l. da die schwingende Bewegung
erst im Ganzkörperlichen entwickelt werden sollte,
2. und weil man verschiedene
Sprechverse schon dabei bekannt machen kann.
Uhrpendel - Uhrzeiger
— Die Kinder stehen, ein jedes
für sich
— ganz langsam und nur ein klein wenig
schwingen sie vor und zurück, wie das Pendel einer Standuhr.
— Dazu kann gesummt werden auf
/m/, oder ein /Bim-Bam/ im Sekundabstand gesungen werden.
— Für die kreisende Bewegung
bietet sich das Vorstellungsbild des Uhrzeigers an.
— Dazu sollten die Kinder sich
mit den Füßen im Boden gut verankert fühlen,
— auch hier sollte eine langsame
nicht übertriebene Kreisbewegung über den Fußknöcheln entstehen, der Uhrzeiger
darf sich ruhig in beide Richtungen drehen und somit auch mal rückwärts gehen.
— Dazu kann wiederum auf /m/
gesummt werden.
— Auch diese Übung hat oft mehr
eine beruhigende Wirkung auf die Kinder, doch mögen sie auch gerade das Summen
dazu, was wiederum ein inneres Erleben bei ihnen anregt.
Ballspielrunden
1.
— Die Gruppe sitzt zusammen auf
dem Boden im Kreis.
— Es wird ein kurzer Sprechvers
eingeübt in der ganzen Gruppe gemeinsam. Der Phantasie beim Dichten eines
Sprüchleins sollte da keine Grenzen gesetzt sein, es können aber auch gängige
Kinderverse sein.
— Wenn das Sprüchlein sitzt,
werden dazu verschiedene Aufgaben mit dem Ball ausgeführt: z.B.
a) Die Anleitende lässt den Ball
einmal um sich herumrollen und spricht den Vers dazu, dann rollt der Ball zu
einem Kind, was ebenfalls diese Aufgabe so ausführt, welches dann den Ball zum
nächsten Kind weiterrollen lässt, bis so alle Kinder es einmal probiert haben,
dann kommt wieder eine neue Ballbewegung dazu.
b) Der Ball wird einmal
hochgeworfen, und beim Auffangen spricht man den eingeübten Vers. Der Ball wird
im Kreis weitergereicht oder einem Kind zugeworfen.
c) Im Stehen auf einem Bein wird
der Ball mit dem freien Fuß gekreist, dazu wird gesprochen.
So kann man
sich noch andere Bewegungen mit dem Ball ausdenken zu diesem Sprechvers.
2.
— Es werden nur einzelne Laute
oder Silben mit Ballbewegungsaufgaben verbunden.
— Mit
„rolle-rolle-rolle-rolle-.....“ wird der Ball zum nächsten Kind hinübergerollt.
Er kann einmal durch den Kreis gerollt werden, oder aber man steht auf und
rollt den Ball einmal selbst um den Kreis und übergibt ihn dann dem Nächsten.
— So können eine Vielzahl von
Lautverbindungen mit den verschiedensten Bewegungen verbunden werden.
Z.B: Mit
„hepp“ oder „hopp“ wird der Ball hochgeworfen und wieder aufgefangen, oder er
wird dem nächsten Kind dabei zugeworfen.
Er kann auch
um den Kreis einmal herumgeprellt werden, und dazu wird mit jedem Auftippen des
Balles ein „hipp, hopp, schwupp, schwapp oder flopp“ gesprochen.
Diese
Ballspielrunden fordern von den Kindern eine gewisse Geschicklichkeit und
Koordinationsvermögen. Durch die Kombination von Bewegung und Sprache wird die
Atmung noch zusätzlich auf die unterschiedlichsten Weisen in ihrer Atemflussqualität
angeregt. Es ist sehr sinnvoll Bewegungen zu finden, die den jeweiligen
Charakter der Lautverbindungen noch unterstützen. So wird z.B. beim Hochwerfen
oder Prellen des Balles eine Lautverbindung wie, „hepp, flopp, schwapp, hopp“,
genommen. Dieses unterstützt die Atemflusstendenz, die für diese Lautverbindung
charakteristisch ist, in diesem Fall die Impulshaftigkeit.
Es wird hierbei
wieder deutlich, dass Sprache nicht von Atmung zu trennen ist und dass auch die
äußere Bewegung eine wichtige Rolle spielt, bei diesen sich gegenseitig
ergänzenden Faktoren. Es stellt die Verknüpfung von Grob- und Feinmotorik dar,
an dem sich das Kind so gut üben kann.
Flaschendrehen mit Mundmotorikkarten:
Dieses haben
die Kinder immer wieder gerne gespielt, da das um die Wette mal Fratzen Schneiden
großen Spaß macht.
— Man benötigt dazu ein Kartenset
mit Mundmotorikkarten, wie sie in der logopädischen Praxis verwendet werden,
und eine Flasche oder einen Gymnastikkegel.
— Die Gruppe sitzt im Kreis auf
dem Boden, eines der Kinder darf beginnen die Flasche zu drehen.
— Das Kind, auf das die Flasche
dann bei Stillstand zeigt, darf eine Karte aus dem Kartenstapel nehmen. Die
darauf abgebildete Mundmotorikübung macht es dann vor, der Rest der Gruppe
macht es ihm dann nach.
Für manche
Kartensets sind noch Hilfsmittel zusätzlich nötig, z.B. Luftballons oder
Holzspatel. Dieses muß man dann entsprechend bereithalten oder die Karten
aussortieren.
Tastspiele mit verschiedenen Medien:
— Es werden die verschiedensten
Medien auf dem Fußboden verteilt.
(z.B. Seile,
Stäbe, Reissäckchen, Eutonieholz, verschiedene Bodenmatten, Bälle in
unterschiedlichen Größen und Härtegraden, ...)
— Nun sollen die Kinder durch den
Raum gehen und mit ihren Füßen die verschiedenen Materialien untersuchen.
— So nach und nach werden dann
andere Gangarten dabei ausprobiert. Rückwärtsgehen, seitlich gehen, schnell und
langsam, mit geschlossenen Augen (dabei kann auch ein Kind das andere
führen),
Bewegung mit musikalischer Begleitung, „Zauberflöte“:
— Wir haben meistens eine
Blockflöte genommen, es kann aber auch eine Zaubertrommel oder eine Begleitung
mit dem Klavier dazu kommen.
— Während die Zauberflöte spielt,
sollen sich die Kinder in einer bestimmten Weise dazu bewegen, wenn die Flöte
schweigt, müssen die Kinder in ihrer Bewegung still stehen, immer gerade so wie
sie sind. Und wenn es auf einem Bein ist mit weit von sich gestreckten Armen,
sollen sie doch versuchen, so zu verharren und sich nicht zu bewegen.
— Als Bewegungsvorgaben nimmt man
die Bewegungsarten von Tieren, oder aus dem Märchenreich mögliche Wesen (Riesen
und Zwerge...). Es können durch Eigenschaften Anweisungen gemacht werden:
„Bewegt euch, als würdet ihr fliegen, durch den Raum!“ (Auch schnell,
kriechend, hüpfend, auf Zehenspitzen, ganz gestreckt, winzig klein, langsam,
schleichend)
— In dem Moment, in dem die
Kinder dann ganz still stehen sollten, hatten wir einen bestimmten Satz: „Wenn
die Zauberflöte wieder spielt, dann bewegen sich die Kinder als .... !“
Bei diesem
Spiel können die Kinder sich gut in ihren verschiedenen Bewegungsmustern
ausprobieren und sie auch erweitern. Man sollte natürlich die
Bewegungsbegleitung der jeweiligen Bewegungsart anpassen, in Rhythmus und
Klang. Je mehr man die Kinder durch sein Spiel unterstützt, umso mehr haben sie
den Anreiz ihre Bewegungen zu intensivieren.
30.05.00
Ines Reiners
Ende Übungsbeispiele für Altersgruppe 3-6 J. (I. Reiners)