Überblick (Kröger)
Schlaffhorst
‑ Andersen
in der Erziehungsarbeit an Kindern und Jugendlichen im Rückblick.
Ausgangspunkt und theoretischer Ansatz
Bereits 1898 wandte sich H.
Andersen (1866-1957) mit einem kleinen Aufsatz in der Zeitschrift des
Froebelverbandes, Der Kindergarten, an die Erzieher und wies auf die Bedeutung
der Atemgymnastik für die Erziehung schon im Kleinkindalter hin. Entstanden war
der Aufsatz aus der Beschäftigung mit dem im englischsprachigen Raum damals
schon verbreiteten umfangreichen Werk Leo Koflers (1837-1908) »The Art of Breathing«, daß in ihrer
gemeinsam mit ihrer Freundin Clara Schlaffhorst (1863-1945) erarbeiteten
Übersetzung 1897 erstmals in Deutschland erschien. H. Andersen und C.
Schlaffhorst ließen sich 1898 als Musik- und Atemgymnastik- bzw.
Gesangslehrerin in Berlin nieder. Zur selben Zeit veröffentlichte Hermann Lietz
(1868-1919) seine pädagogischen Gedanken (»Emlohstobba«,
1897) und gründete sein erstes Landerziehungsheim bei Ilsenburg am Harz (1898).
Wenige Jahre zuvor war das Buch »Rembrandt
als Erzieher« (1890) von Julius Langbehn erschienen, von dem eine
Kunsterziehungsbewegung ausgelöst wurde. Sie manifestierte sich in den
Kunsterzieher Tagen (1901-1903-1905) und wurde auf musikalischem Gebiet
weitergetragen in den Musikpädagogischen Kongressen (ab 1904) und fand nach dem
1.Weltkrieg ihre Fortsetzung in den (Reichs-) Schulmusikwochen (1921-1929).
H. Andersen
forderte in mehreren Aufsätzen (1908-1915), die Atmung als Grundlage und
Ausgangspunkt jeder Erziehung zu nehmen und den „ganzen Menschen“, nämlich
seinen Geist, seinen Körper und ‑ was in der Regel unbeachtet blieb ‑ seine
Seele zu berücksichtigen. Als Ziel der Erziehung formulierte H. Andersen eine
harmonische Entwicklung von Gehirn- und Körperfunktion, der Psyche und der
Natur des Menschen. Um dorthin zu gelangen, sollte die Belehrung über die
Atmung so frühzeitig wie möglich beginnen, am besten schon im Kindesalter.
Gemeinsam mit ihrer Freundin C. Schlaffhorst fand sie einen Weg in der Beobachtung
der eigenen Atmung, der bewußten Wiederherstellung der natürlichen
Gesetzmäßigkeit bei der Einatmung und bewußten Beherrschung der für die Sprache
notwendigen Kunstgesetze bei der Ausatmung.
H. Andersen über die
Einbeziehung der Atmung in den Schulunterricht (1915)
Bei allem Tun,
besonders aber beim Anfangsunterricht auf jedem Gebiete müßte darauf geachtet
werden, daß die Atmung nicht ins Stocken oder auf falsche Bahnen gerät.
Besonders wichtig ist in dieser Richtung der Leseunterricht.
In demselben
Sinne wie beim Lesen könnte auch in allen andern Fächern der Atmung der Kinder
mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden. Beim Schreiben und Rechnen z.B. hört die
Atmung fast ganz auf. Das dürfte nicht sein. Es sollte dem Lehrer viel
wichtiger sein, daß die Kinder ruhig weiter atmen, als daß sie die Buchstaben
schreiben lernen.
Zwei Fächer
sind es noch, die sich ganz besonders dazu eignen, die Atmung zur Grundlage des
Unterrichts zu machen: der Turn- und der Gesangunterricht. Keine Bewegung
dürfte beim Turnen gemacht werden ohne Übereinstimmung mit der bei ihr
notwendigen Atembewegung. Es ist nicht gleichgültig, ob bei einer
Körperbewegung ein- oder ausgeatmet oder der Atem angehalten wird und in
welcher Art dies geschieht.
Mehr als in
allen andern Unterrichtsfächern kann naturgemäß im Gesangsunterricht für die
Atmung getan werden, und zwar hier in erster Linie für die Beherrschung der
Ausatmung. Angebahnt kann dies Bestreben schon im Lese- und Sprachunterricht
werden. Beim Singen aber werden den inneren Muskeln durch die für die Tonhöhen
nötigen Stimmbandspannungen noch viel mannigfaltigere Spannungsmöglichkeiten
gegeben als beim Sprechen. Handelt es sich in anderen Stunden zum Teil darum,
daß die Atmungstätigkeit nicht einschlummert, so wird man beim Singen immer
mehr darauf hinarbeiten müssen, daß nicht zu
viel eingeatmet wird; denn nichts ist schädlicher für die Stimmbänder
als Überluft, die beim Ton entweder ungenützt als wilde Luft durch die Stimmbänder
gedrängt oder zu unnatürlichen Kraftleistungen der Stimme benutzt wird.
1920
kritisierte C. Schlaffhorst, daß die ganze heutige moralische Erziehung in dem
Bestreben gipfele, den Menschen für den Kampf zu stählen, den er gegen seine
eigene ungeformte Sinnlichkeit zu führen habe. Da sie sich aber nur an die
Psyche wende und die Natur des Organismus außer acht ließe, so sei die ganze
Riesenarbeit trotz unsäglicher Mühen von seiten der Eltern, der Schule und
Kirche doch oft von sehr geringem Erfolg gekrönt.
C.
Schlaffhorst begrüßte die mannigfachen Reformen und die Einführung von Spiel,
Sport, Tanz, Turnen, Wandervogelbewegung usw. Alles zielte darauf hin, der
einseitigen Ausbildung in allen geistigen Disziplinen auch eine ausgleichende
Bildung des Körperlichen hinzuzufügen. Ja, es hatte längere Zeit fast den
bedrohlichen Anschein, als würde man nun aus einem Extrem ins andere fallen und
sich ganz in der Betonung des Körpers verlieren, wie es früher mit der Bildung
des Geistes geschehen war. Doch verloren alle diese Bestrebungen viel von ihrem
Nutzen, weil dabei weder die Atembewegung beachtet wird, noch der Rhythmus der
äußeren und inneren Muskeln ein richtiger ist. Würde das der Fall sein, so
wären alle diese Reformen ein ganz hervorragendes Mittel zur Erziehung der Natur im Gegensatz zur Erziehung des
Menschen.
In ihren
Bestrebungen stellte sie sich die Frage, wie man einen Weg zur Erziehung der Natur
im Menschen finden könne, der für alle Menschen gangbar sei und fand ihn
schließlich in der Gesangskunst: Die Gesangkunst ist eine Kunst, die so in der
organischen Tätigkeit des Körpers wurzelt, die durch die Mitwirkung der Atmung,
der Sprache, der Musik so zu gleichen Teilen an die Seele, an den Geist und an
den Körper mit seinen Sinnen gebunden ist, daß sie in erster Linie dazu berufen
ist, Gleichgewicht und Harmonie zwischen diesen drei Komponenten des menschlichen
Wesens herzustellen.
Das Kinderheim
C.
Schlaffhorsts Schwester, Marie
Selbmann-Schlaffhorst (1881-1958), eröffnete 1918 in Rotenburg/Fulda, ein
Kinderheim. Ihr war schon früher die Idee gekommen, daß die Entwicklung aus dem
Rhythmus der Atmung heraus bei Kindern anfangen müßte, daß dadurch Kräfte
gehoben werden könnten, die ganz neue und beglückende Möglichkeiten für die
Erziehung der Jugend bringen würden. Die Rotenburger
Schule für Kinder und Jugendliche erwuchs aus dem Bemühen, die gesamte Rotenburger
Arbeit, die von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen begonnen worden ist und
von einer Atem-, Sprech- und Gesangskunst ausgeht, der Lebensbildung und dem
Schulunterricht dienstbar zu machen. Die ersten Schüler litten unter Asthma
oder waren in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt bzw. gestört. Bei diesen
Kindern zeigte sich die günstige Wirkung der natürlichen Atmung in
„moralischer“ und „geistiger“ Beziehung.
Aufnahme
fanden erholungsbedürftige Kinder und Jugendliche vom 6. bis 20. Lebensjahre an.
Sofern geeignetes Personal dafür vorhanden war, wurden auch Kinder vor dem 6.
Lebensjahre aufgenommen. Aufnahme war während des ganzen Jahres und für
beliebige Dauer möglich. Falls es sich um einen Erholungsaufenthalt handeln
sollte, wurden 4-5 Wochen als genügend angesehen. Sollte den Kindern jedoch
eine ihr weiteres Leben bestimmende Grundlage durch die Rotenburger Arbeit
zuteil werden, empfahl M. Selbmann den Aufenthalt nicht unter einem halben Jahr
zu bemessen. Gemeinsam war den meisten Kindern der Grund ihres Dortseins,
nämlich daß es ihnen bei der üblichen Schulerziehung irgendwo fehlte.
In die Arbeit
des Kinderheims war der Schulunterricht unter Berücksichtigung der Lernziele
derjenigen Schulen integriert, welchen die Kinder angehörten. Er wurde wesentlichen
von Atem-, Sprech- und Gesangunterricht befruchtet und in Art und Umfang in
Rücksicht auf den Entwicklungsstand der einzelnen Kindern erteilt. Das
Grundprinzip in dieser Einrichtung glich Goethes Entwurf in der Pädagogischen Provinz: „Bei uns ist der
Gesang die erste Stufe der Ausbildung; alles andere schließt sich daran und
wird dadurch vermittelt...“.
1932 wurde das
Kinderheim als Pädagogisches Landheim für
Kinder und Jugendliche ‑ von nun an unter der Leitung von Ilse Krüger
(1894-1985) ‑ in das Haus Waldeck oberhalb des Luftkurortes Herchen/Sieg
verlegt. I. Krüger nahm dort regelmäßig 10 bis 15 Kinder, in den Ferien ein
vielfaches davon, ab einem Alter von drei Jahren auf und setzte hier die Arbeit
in der bewährten Form bis 1935 weiter fort. Für die Weiterentwicklung bot die
absolute Ländlichkeit jedoch zu wenig Möglichkeiten. Die fehlenden schulischen
und beruflichen Bildungsmöglichkeiten veranlaßten dann den Umzug nach
Oberweimar, wo I. Krüger bis 1951 ihr „Landheim“ weiter betrieb. Die pädagogische
Arbeit richtete sie darauf aus, die Kinder individuell zu fördern und dabei
gleichzeitig das Sozialverhalten zu schulen.
Die Schule
Unter dessen
entstand 1933 im Haus von M. Selbmann in Rotenburg eine private Mittelschule
für Jungen und Mädchen, bei der in verschiedenen Unterrichtsfächern (Deutsch,
Turnen und Singen) nach Möglichkeit die Grundsätze der Schule
Schlaffhorst-Andersen zugrundegelegt wurden. Sie sollte nach M. Selbmanns
Willen außer der in allen Mittelschulen üblichen geistigen Ausbildung auch die
in jedem Kinde liegenden Anlagen zur praktischen Tätigkeit wecken und
entwickeln. Die Mittelschule wurde mit einem Internat verbunden. Weitere Pläne
sahen im Anschluß an die Abschlußprüfung für Mädchen eine Ausbildung in Kinderpflege
und Haushalt vor. Eine besondere Methode im Betreiben der Wissenschaftsfächer
wurde nicht verfolgt. Als gesund empfand W. Warneck, der Leiter der
Schule, die zwischen den Lehrplananforderungen und den auf reinen Organismus
hinstrebenden Gedanken der Arbeit an Atmung und Stimme bestehende Spannung. Sie
schaffe, so W. Warneck, Reichtum und Wirklichkeitsbindung.
In seinem
ersten Jahresabschlußbericht zog W. Warneck folgende Bilanz des ersten Jahres:
Wir haben keine vom Stande anderer Schulkinder unterschiedenen rein geistigen,
will lieber sagen intellektuellen Fortschritte zu verzeichnen, nein, ‑ wir
haben ja gerade das einseitig Intellektuelle mit Vorliebe die Kosten für das
von uns getragene Vorwärtsschwingen der Kinder bezahlen lassen. Ein volles
geistiges Wachsen ist bei dem ganz ungedrängten Einfließenlassen der Arbeit an
Atmung und Stimme erst in vielleicht ein, zwei Jahren zu erwarten, wenn der
Einfluß der Arbeit zum schöpferischen Bestandteil des jungen Wesens
eingewachsen ist, beim einen mehr, beim andern weniger. Der Hinweis für diese
Möglichkeit ist aber eben durchaus schon gegeben in Gestalt einer bedeutend
geweiterten Aufgeschlossenheit, einer Aufnahmebereitschaft, ja Aufnahmelust.
Per Gesetz
wurden 1938 alle privaten Schulen geschlossen. Davon war auch die Schule in
Rotenburg betroffen, so daß die Früchte der Arbeit nur ansatzweise zu ernten
waren.
Neben Schule
und Kinderheim unternahmen es einzelne ausgebildete Lehrerinnen der Schule
Schlaffhorst‑Andersen und Lehrkräfte, die in die Arbeitsweise eingeführt waren,
die Arbeit an Atmung und Stimme in den Schulunterricht verschiedener
Schulformen und die Berufsausbildung (beispielsweise von Kindergärtnerinnen)
immer wieder bescheinigten erstaunlichem Erfolg einzubeziehen.
Die
Schule Schlaffhorst-Andersen macht sich die Erziehung des Menschen in seiner
Gesamtheit durch die Arbeit an Atmung und Stimme zur Aufgabe. Hier liegt der
Zugang zu den schöpferischen Kräften der Natur im Menschen, durch deren
Verwirklichung und Formung das Eigenleben des Einzelnen für ein lebendige
Gemeinschaft des Volkes fruchtbar wird. [1932]
R.K.
(Sehr viel ausführlicher noch
wird über die Kinderarbeit
von Rüdiger Krüger im Beitrag „Pädagogik bei
Schlaffhorst-Andersen“ berichtet Heidi Noodt, Februar 2010.)
Ende Überblick (Kröger)
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