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Pädagogik bei Schlaffhorst-Andersen (Kröger)
Schlaffhorst
‑ Andersen
in der Erziehungsarbeit an Kindern und Jugendlichen.
Ein historischer Rückblick.
Von
Rüdiger Kröger
Dieser kleine Beitrag beruht im wesentlichen
auf einer Zusammenstellung von zeitgenössischen Texten und Dokumenten. Deshalb
finden sich sehr viele Zitate. Sie enthalten wiederholt Bezeichnungen und
Begriffe, die unserm heutigen Sprachgebrauch nicht mehr entsprechen und
eigentlich zu übertragen wären. Im Interesse der Authentizität ist dies nicht
geschehen ‑ H. Andersen und C. Schlaffhorst sprechen aus ihrer eigenen Zeit
heraus.
1. Ausgangspunkt und theoretischer Ansatz
Bereits 1898 wandte sich H. ANDERSEN (1866-1957) mit einem
kleinen Aufsatz in der Zeitschrift des Froebelverbandes, Der Kindergarten, an
die Erzieher und wies auf die Bedeutung der Atemgymnastik für die Erziehung
schon im Kleinkindalter hin. [vgl. Schürhaus 1986, 64] Entstanden war der
Aufsatz aus der Beschäftigung mit dem im englischsprachigen Raum damals schon
verbreiteten umfangreichen Werk Leo
Koflers (1837-1908) »The Art of Breathing«, das in ihrer
gemeinsam mit ihrer Freundin Clara
Schlaffhorst (1863-1945) erarbeiteten Übersetzung 1897 erstmals in
Deutschland erschien. H. ANDERSEN und C. SCHLAFFHORST ließen sich 1898 als
Musik-, Atemgymnastik- und Gesangslehrerinnen in Berlin nieder. Zur selben Zeit
veröffentlichte Hermann Lietz
(1868-1919) seine pädagogischen Gedanken (»Emlohstobba«, 1897) und gründete
sein erstes Landerziehungsheim bei Ilsenburg am Harz (1898). Wenige Jahre zuvor
war das Buch »Rembrandt als Erzieher« (1890) von Julius Langbehn erschienen, von dem
eine Kunsterziehungsbewegung ausgelöst wurde. Sie manifestierte sich in den
Kunsterzieher Tagen (1901-1903-1905) und wurde auf musikalischem Gebiet
weitergetragen in den Musikpädagogischen Kongressen (ab 1904) und fand nach dem
1.Weltkrieg ihre Fortsetzung in den (Reichs-) Schulmusikwochen (1921-1929).
1910 schafften
sich H. Andersen und C. SCHLAFFHORST durch einen Umzug nach
Neubabelsberg die Möglichkeit, Schüler in ihrem Hause aufnehmen zu können. Im
gemeinsamen Leben fanden sie einen Weg zur intensiven Arbeit mit ihren
Schülern, wie er ähnlich in den Landerziehungsheimen, jedoch mit dem
Unterschied einer längeren Aufenthaltsdauer, gegangen wurde. Ihre Schüler kamen
aus allen Gesellschaftskreisen und Altersgruppen. Viel wurde auch mit Kindern
gearbeitet.
H. Andersen nahm bis in den ersten Weltkrieg hinein mit mehreren Aufsätzen an der
Diskussion um die Verbesserung des Musikunterrichts in der Schule teil
(Monatsschrift für Schulgesang, 1908-1915). Dabei ging es ihr jedoch nicht um
„symptomhafte Korrekturen“, sondern um die grundsätzliche Fundierung der
Erziehung überhaupt. Sie forderte, die Atmung als Grundlage und Ausgangspunkt
jeder Erziehung zu nehmen und den „ganzen Menschen“, nämlich seinen Geist,
seinen Körper und ‑ was in der Regel unberücksichtigt blieb ‑ seine Seele zu
berücksichtigen. Was sich H. ANDERSEN im Einzelnen darunter vorstellte, sei
hier in ihren eigenen Worten zusammengestellt:
... die Atmung ist die wichtigste Lebenstätigkeit,
und die Funktionen aller andern lebenswichtigen Organe hängen wesentlich von
den Atmungsbewegungen ab. Diese Belehrung muß so frühzeitig wie möglich
beginnen, am besten schon bei Kindern, die schon allein durch gutes Beispiel
leicht auf den richtigen Weg zu bringen sind. Ich weiß aus Erfahrung, daß
Kinder sich mehr für ihre Körpertätigkeiten interessieren als Erwachsene und
daß sie vorzügliche Selbstbeobachter sind. Der erste Sprachunterricht des
Kindes im Hause, der erste Lese-, Turn-, Gesangunterricht in der Schule sollte
von diesem Gesichtspunkt aus geregelt sein. Es ergeben sich hierbei bisher noch
nie ausgenutzte Entwicklungsmöglichkeiten, denn im Zwerchfell liegt eine
ungeheure Naturkraft, die seit Bestehen der Menschheit durch Nichtbeachtung und
Unterdrückung lahmgelegt worden ist. Wenn man heutzutage von einer gewissen
Degeneration der Menschen sprechen kann, so liegt diese zum größten Teil in den
Atmungsmuskeln. Beobachtung der eigenen Atmung, bewußte Wiederherstellung der
natürlichen Gesetzmäßigkeit bei der Einatmung und bewußte Beherrschung der für
die Sprache notwendigen Kunstgesetze bei der Ausatmung, mit einem Wort:
Erhebung der animalisch unbewußten Körpertätigkeit zur bewußt geregelten
Geistestätigkeit — das ist der Weg, um die Atmungsmuskeln zu der Kraft und
Leistungsfähigkeit zu erziehen, deren sie den Anforderungen des Seelenlebens
und der gesteigerten Geistestätigkeit gegenüber in immer höherem Maße bedürfen. [Andersen 1908, 36]
Jedem aufmerksamen Beobachter wird wohl schon häufig
bei entsprechenden Gelegenheiten die merkwürdige Manier aufgefallen sein, in
der Kinder beim Aufsagen von Gedichten und Lektionen, beim Singen, ja selbst
beim gewöhnlichen Sprechen und Erzählen Luft zu holen oder vielmehr zu
schnappen pflegen. Die Einatmung geschieht dabei ausnahmslos durch den meist
weit aufgerissenen Mund und verursacht ein hörbares Geräusch, ja oft einen
lauten Ton. Auch findet sie viel zu häufig statt. Es gehört zu den größten
Seltenheiten, daß Kinder einen Satz oder eine musikalische Phrase sinngemäß in
einem Atem bis zu Ende sprechen oder singen; selbst kurze Sätze werden oft noch
mehreremal an ganz ungehörigen Stellen durch rasches Absetzen und Einatmen
unterbrochen. Es scheint diesen Unmanieren bisher wenig Beachtung zuteil
geworden zu sein, denn man findet sie ziemlich allgemein bei Kindern jeden Alters,
Standes und Geschlechts. Und doch ist die Atmung der Kinder ernstester
Aufmerksamkeit wert, da sie von tief einschneidender Bedeutung für die
körperliche und geistige Entwicklung des Kindes ist.
Kein besseres Mittel gibt es, um ein Kind mit
lebhafter Phantasie und unruhigem Temperament in geregelte Bahnen des Denkens
und Formen des Sprechens zu bringen, als die Erziehung zu geregelten
Atmungsverhältnissen, sowohl in der Ein- wie der Ausatmung. Jeden Satz zu Ende
denken, jedes Wort zu Ende sprechen und dabei jeden Atemzug ruhig bis zu Ende
ausatmen, diese drei Dinge müssen, Hand in Hand gehend, dem Kinde zur
Gewohnheit werden, soll eine harmonische Entwicklung von Gehirn- und
Körperfunktion das Ziel der Erziehung sein. [Andersen 1909, 241 und 244]
... so kann die Atmung doch noch in weit höherem
Maße bei der Erziehung wie beim Unterricht für die körperliche, geistige und
seelische Entwicklung nutzbar gemacht werden. Bei allem Tun, besonders aber
beim Anfangsunterricht auf jedem Gebiete müßte darauf geachtet werden, daß die
Atmung nicht ins Stocken oder auf falsche Bahnen gerät. Besonders wichtig ist
in dieser Richtung der Leseunterricht.
In demselben Sinne wie beim Lesen könnte auch in
allen andern Fächern der Atmung der Kinder mehr Aufmerksamkeit zugewendet
werden. Beim Schreiben und Rechnen z.B. hört die Atmung fast ganz auf. Das
dürfte nicht sein. Es sollte dem Lehrer viel wichtiger sein, daß die Kinder
ruhig weiter atmen, als daß sie die Buchstaben schreiben lernen.
Zwei Fächer sind es noch, die sich ganz besonders
dazu eignen, die Atmung zur Grundlage des Unterrichts zu machen: der Turn- und
der Gesangunterricht. Keine Bewegung dürfte beim Turnen gemacht werden ohne
Übereinstimmung mit der bei ihr notwendigen Atembewegung. Es ist nicht
gleichgültig, ob bei einer Körperbewegung ein- oder ausgeatmet oder der Atem
angehalten wird und in welcher Art dies geschieht.
Mehr als in allen andern Unterrichtsfächern kann
naturgemäß im Gesangsunterricht für die Atmung getan werden, und zwar hier in
erster Linie für die Beherrschung der Ausatmung. Angebahnt kann dies Bestreben
schon im Lese- und Sprachunterricht werden. Beim Singen aber werden den inneren
Muskeln durch die für die Tonhöhen nötigen Stimmbandspannungen noch viel
mannigfaltigere Spannungsmöglichkeiten gegeben als beim Sprechen. Handelt es
sich in anderen Stunden zum Teil darum, daß die Atmungstätigkeit nicht
einschlummert, so wird man beim Singen immer mehr darauf hinarbeiten müssen,
daß nicht zu viel eingeatmet wird;
denn nichts ist schädlicher für die Stimmbänder als Überluft, die beim Ton
entweder ungenützt als wilde Luft durch die Stimmbänder gedrängt oder zu
unnatürlichen Kraftleistungen der Stimme benutzt wird.
Andererseits aber gibt ihm die Beherrschung des
Atems, wie der Gesang sie verlangt, ein positives Mittel zur Erziehung und
Beherrschung seiner Natur in die
Hand. An der Psyche des Kindes wird ja vom ersten Tage an mehr als genug
herumerzogen, an der Natur nie. Daher
erklärt es sich, daß alle diese mühevollen Erziehungsbestrebungen so oft
erfolglos bleiben. Die Natur des Menschen — das ist nicht sein Charakter, seine
Geistesbeschaffenheit, sondern seine Herz-, Blut- und Nervenbeschaffenheit,
seine Organtätigkeit. Daß alles dieses einen großen und bestimmenden Einfluß
auf den Charakter, die Triebe, Leidenschaften und Begierden hat, weiß man
längst. Aber wer hätte je daran gedacht, daß es möglich wäre, durch bewußte
Regelung und Erziehung der ersteren erzieherisch auf die letzteren einzuwirken?
[Andersen 1915,
136 und 154-158 (auszugsweise)]
1920 wandte
sich C. SCHLAFFHORST mit einem Zeitschriftenbeitrag an die Öffentlichkeit. Sie
kritisierte, daß die ganze heutige moralische Erziehung in dem Bestreben
gipfele, den Menschen für den Kampf zu
stählen, den er gegen seine eigene ungeformte Sinnlichkeit zu führen hat. Da
sie sich aber nur an die Psyche wendet und die Natur des Organismus
außer acht läßt, so ist die ganze Riesenarbeit trotz unsäglicher Mühen von
seiten der Eltern, der Schule und Kirche doch oft von sehr geringem Erfolg
gekrönt. In der Tat steht man dem Gebiet des menschlichen Organismus, das wir
als „Natur” bezeichnen wollen und allem, was aus ihrem Wollen, Fühlen und
Denken entspringt, ziemlich verständnis- und hilflos gegenüber. Die einseitige Bevorzugung
des psychischen Denkens, Fühlens und Wollens bei der Erziehung hat diese
Naturkräfte nicht in ihr Bereich gezogen und sie nicht entwickelt und nutzbar
gemacht, sondern sie stets zurückzudrängen gesucht, ja man kann sagen, daß die
Psyche auf Kosten der Natur groß geworden ist. [Schlaffhorst 1920, 127] In
ihren Bestrebungen stellte sie sich die Frage, wie man einen Weg zur Erziehung
der Natur im Menschen finden könne, der für alle Menschen gangbar sei und fand
ihn schließlich in der Gesangskunst: Die
Gesangkunst ist eine Kunst, die so in der organischen Tätigkeit des Körpers
wurzelt, die durch die Mitwirkung der Atmung, der Sprache, der Musik so zu
gleichen Teilen an die Seele, an den Geist und an den Körper mit seinen Sinnen
gebunden ist, daß sie in erster Linie dazu berufen ist, Gleichgewicht und
Harmonie zwischen diesen drei Komponenten des menschlichen Wesens herzustellen.
[ebd.]
Zur
Verwirklichung dieses Ziels ist es nach C. SCHLAFFHORST notwendig, das ganze
Leben wieder zu dem von ihr als ursprünglich (und kosmisch) erkannten Rhythmus
von Ausdehnung, Zusammenziehung und Ruhe (Anspannung ‑ Abspannung ‑ Lockerheit)
zurückzuführen und mit der Atmung zu verbinden: Die Dreiteiligkeit der Bewegungen muß später beim Trinken, Essen,
Gehen, Sprechen, Laufen, Turnen auch hier wieder in Verbindung mit dem innern
Rhythmus der Atmung, durchgeführt werden. [ebd., 129] Sie begrüßte die
mannigfachen Reformen und die Einführung von Spiel, Sport, Tanz, Turnen,
Wandervogelbewegung usw. Alles zielte
darauf hin, der einseitigen Ausbildung in allen geistigen Disziplinen auch eine
ausgleichende Bildung des Körperlichen hinzuzufügen. Ja, es hatte längere Zeit
fast den bedrohlichen Anschein, als würde man nun aus einem Extrem ins andere
fallen und sich ganz in der Betonung des Körpers verlieren, wie es früher mit
der Bildung des Geistes geschehen war. Doch verloren alle diese
Bestrebungen viel von ihrem Nutzen, weil
dabei weder die Atembewegung beachtet wird, noch der Rhythmus der äußeren und
inneren Muskeln ein richtiger ist. Würde das der Fall sein, so wären alle diese
Reformen ein ganz hervorragendes Mittel zur Erziehung der Natur im Gegensatz zur Erziehung des
Menschen. [Schlaffhorst/Andersen 1924, 92; Schlaffhorst 1920, 129]
Die Stimme verhilft uns zum Finden der Lungentätigkeit
und zur Belebung der Atmungsmuskulatur; die innere Bewegung ist wichtiger als
die äußere und darf bei keiner Beschäftigung, sei sie körperlicher oder
geistiger Art, ins Stocken geraten. [Schlaffhorst 1922b, 80]. Sie stellt
auch das Ventil für alle körperlichen, seelischen und geistigen Erregungen des
Menschen dar. Beim Säugling äußert sich dies noch durch unartikuliertes
Schreien. Die später beginnende Tätigkeit
des Sprechens ersetzt den Schrei in seiner Wirkung auf die Atmungsmuskulatur
nicht im Entferntesten; einen gleichwertigen, ja noch höher zu bewertenden Ersatz kann nur der Gesangton bilden, und
zwar auch nur der Gesang, der bei den
verschiedenen Tonhöhen die rhythmische Bewegung der Stimme berücksichtigt.
[Schlaffhorst/Andersen 1924, 94] Vor allem durch die Schule (Stillsein und Stillsitzen),
aber auch durch angestrengtes intellektuelles Arbeiten wird der Gebrauch der
Stimme unterdrückt. An eine
systematische, den natürlichen Gesetzen der Stimmtätigkeit entsprechende
Entwicklung des Stimmorgans auf der Basis einer richtigen Atmung und
Artikulation denkt Niemand. [Schlaffhorst 1920, 30]
Als Krönung
der Erziehungsbestrebungen, die mit der Entwicklung der Atmungs- und
rhythmischen Bewegungen beginnen sollten, ist es nach C. SCHLAFFHORST anzusehen,
die rhythmischen Atmungs- und Körperbewegungen beim Sprachunterricht an die
richtigen Artikulationsbewegungen anzuschließen, während der Gesangsunterricht
die Rhythmik der Stimmbewegung zu regeln hätte. Von alledem geschieht beim Schulunterricht nichts, da man nicht weiß,
daß jeder Vokal im Artikulations-, jeder Konsonant im Atmungs-, jeder Ton im
Stimmapparat seinen ihm eigentümlichen Rhythmus hat. Der Gesang- und Sportunterricht
wird nicht vom physiologisch-psychologischen, sondern nur vom verstandesmäßigen
oder musikalisch-sinnlichen Standpunkt aus erteilt.
Zu Beginn der
zwanziger Jahre waren die erzieherischen Bestrebungen nicht nur unter Gesangskünstlern
bekannt, sondern auch in reformpädagogischen Kreisen. Wie sich durch einen
Studienaufenthalt von Harleß, einem Mitarbeiter von Paul Geheeb aus der
Odenwaldschule im Jahr 1920 belegt. Auf der vom Zentralinstitut für Erziehung
und Unterricht veranstalteten Tagung Künstlerische Körperschulung (1922)
war C. SCHLAFFHORST vertreten und schloß ihren Vortrag mit folgender Forderung
ab: Die Erziehung des kommenden
Geschlechts muß unter den Gesichtspunkt gestellt werden, daß durch die Kunst,
den Gesang, erst einmal eine wahre Natürlichkeit hergestellt und damit die
Kluft, die bei uns zwischen Geist und Körper, zwischen Ich und Natur klafft,
überbrückt wird. Nicht als ob aus jedem Kinde ein Künstler für die
Öffentlichkeit gemacht werden sollte, Künstler können überhaupt nicht gemacht
werden, sondern die Kunst, die die Natur in uns, aber auch ausnahmslos in jeden
von uns hineingelegt hat, herausholen und durch sie zum Leben zu kommen ‑ das
möge die Richtschnur für die Schulreformpläne der Zukunft sein.
[Schlaffhorst 1922b, 80]
Diese
Forderung konkretisierte sie inhaltlich mit H. ANDERSEN bei einer anderen Tagung
des Zentralinstituts einige Jahre später. Es
muß eine der Hauptaufgaben der künftigen
Erziehung sein, dem Menschen frühzeitig das Bewußtsein von seinem inneren Leben
zu wecken, um ihn für den immer schwerer werdenden Lebenskampf auszurüsten. Er
muß die lebengestaltenden Kräfte seiner Seele, die Natur in sich in Form, Inhalt und Bewegung
kennen, verstehen und achten lernen; er muß Ehrfurcht vor ihnen haben, so daß
er selbst bewußt an dieser Gestaltung mitarbeiten könnte, anstatt ihr, wie
bisher immer in seiner Unterbewußtheit entgegenzuarbeiten. [Schlaffhorst/Andersen
1926a, 104]
2. Arbeit im Kinderheim
Marie Selbmann-Schlaffhorst (1881-1958), eine examinierte Kinderheimvorsteherin,
eröffnete 1918 in Rotenburg/Fulda, wohin ihre Schwester C. SCHLAFFHORST und H.
ANDERSEN bereits 1916 ihre Schule verlegt hatten, ein Kinderheim. Wie sie
später mitteilte, war ihr ‑ als C. SCHLAFFHORST und H. ANDERSEN ihr Werk mit
der Kofler-Übersetzung »Die Kunst des Atmens« anfingen ‑ die
Idee gekommen, daß die Entwicklung aus
dem Rhythmus der Atmung heraus bei Kindern anfangen müßte, daß dadurch Kräfte gehoben
werden könnten, die ganz neue und beglückende Möglichkeiten für die Erziehung
der Jugend bringen würden. [Selbmann 1926, 211] Die Rotenburger Schule für Kinder
und Jugendliche ist ... aus dem Bemühen erwachsen, die gesamte Rotenburger Arbeit, die von Clara
Schlaffhorst und Hedwig Andersen begonnen worden ist ... und von einer Atem-,
Sprech- und Gesangskunst ausgeht, der Lebensbildung und dem Schulunterricht
dienstbar zu machen. [Selbmann/Krüger 1930] Die ersten Schüler waren idiotische und asthmatische Kinder. Auch
bei psychopathischen Kindern zeigte
sich die günstige Wirkung der natürlichen
Atmung in moralischer und geistiger Beziehung. Leider konnte mit den anormalen Kindern nicht
weitergearbeitet werden. Sie bedeuteten
für die gesunden Kinder eine große Störung und hätten besonderer Lehrer und
Räume bedurft. Zu einer solchen Erweiterung fehlten ... jedoch die Mittel.
[Selbmann 1926, 212]
Aufnahme
fanden erholungsbedürftige Kinder und Jugendliche vom 6. bis 20. Lebensjahre
an. Sofern geeignetes Personal dafür vorhanden war, wurden auch Kinder vor dem
6. Lebensjahre aufgenommen. Aufnahme war während des ganzen Jahres und für
beliebige Dauer möglich. Falls es sich um einen Erholungsaufenthalt handeln
sollte, wurden 4-5 Wochen als genügend angesehen. Sollte den Kindern jedoch
eine ihr weiteres Leben bestimmende Grundlage durch die Rotenburger Arbeit
zuteil werden, empfahl M. Selbmann den Aufenthalt nicht unter einem halben Jahr
zu bemessen. [Selbmann/Krüger 1930] So ergab es sich, dass die anwesenden
Kinder ganz verschieden lange da
waren. Gemeinsam war den meisten jedoch der Grund ihres Dortseins, nämlich daß es ihnen bei der üblichen Schulerziehung
irgendwo fehlte. [Ilda v.Wolf während der Rotenburger Woche
1926; vgl. Franz 1928, 142]
In die Arbeit
des Kinderheims war der Schulunterricht unter Berücksichtigung der Lernziele
derjenigen Schulen integriert, welchen die Kinder angehörten. Er wurde
wesentlichen von Atem-, Sprech- und Gesangunterricht befruchtet und in Art und
Umfang in Rücksicht auf den Entwicklungsstand der einzelnen Kinder erteilt.
[Selbmann/Krüger 1930] C. SCHLAFFHORST äußerte sich 1922 über das Grundprinzip
in dieser Einrichtung: In dieser Schule
gilt, was Goethe in der Pädagogischen Provinz
sagt: „Bei uns ist der Gesang die erste
Stufe der Ausbildung; alles andere schließt sich daran und wird dadurch
vermittelt. Der einfachste Genuß, sowie die einfachste Lehre werden bei uns
durch Gesang belebt usw. Indem wir die Kinder üben, Töne, welche sie
hervorbringen, mit Zeichen auf die Tafel zu schreiben, zu lernen und nach Anlaß
dieser Zeichen sodann sie in ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text
darunterzufügen, so üben sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller
zum Recht- und Schönschreiben als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach
reinen Maßen, nach genau bestimmten Zahlen ausgeübt und nachgebildet werden
muß, so fassen sie den hohen Wert der Maß- und Rechenkunst viel geschwinder als
auf andere Weise. Deshalb haben wir denn unter allem Denkbaren die Musik zum
Element unserer Erziehung gewählt, denn von
ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten.” Wir fügen hinzu:
nicht nur Hand, Ohr, Auge, d.h. die Sinne, die sich mit der Außenwelt
beschäftigen, werden geschult, sondern ein ganz neuer Sinn, der innere Muskelsinn, wird durch den Gesang
geweckt und erzogen, der zur Entwicklung seelischer
Kräfte führt. [Schlaffhorst 1922b, 80; ergänzend Schlaffhorst 1923b, 34-35]
1932 wurde das
Kinderheim als Pädagogisches Landheim für Kinder und Jugendliche ‑ von
nun an unter der Leitung von Ilse Krüger
(1894-1985) ‑ in das Haus Waldeck (zuvor Internatshaus
des evangelischen Pädagogikums Godesberg) oberhalb des Luftkurortes
Herchen/Sieg verlegt. [Krüger 1932] I. Krüger nahm dort regelmäßig 10 bis 15
Kinder, in den Ferien ein vielfaches davon, ab einem Alter von drei Jahren auf
und setzte hier die Arbeit in der bewährten Form bis 1935 weiter fort. Für die
Weiterentwicklung bot die absolute Ländlichkeit jedoch zu wenige Möglichkeiten.
I. Krüger berichtete: Die Dorfschule kam
für unsere Schulkinder nicht in Frage, für die jungen Mädchen fehlten ebenso
die beruflichen Weiterbildungen, und nicht zuletzt sprach der Wunsch mit, der
Arbeit auf eigenem Grund und Boden eine dauernde Stätte bereiten zu dürfen.
[Krüger 1935] Sie erwarb deshalb in Oberweimar ein Grundstück, wo sie bis 1951
ihr „Landheim“ weiter betrieb. In einem umfangreicheren Bericht einer
Praktikantin [NN
1937] wird die pädagogische Arbeit sichtbar, die darauf gerichtet ist, die
Kinder individuell zu fördern und dabei gleichzeitig das Sozialverhalten zu schulen.
3. Arbeit in der Schule
Unterdessen
entstand 1933 im Haus von M. Selbmann in Rotenburg eine private Mittelschule
für Jungen und Mädchen (nach Lehrplan V für preußische Mittelschulen), bei der in verschiedenen Unterrichtsfächern
[gemeint sind Deutsch, Turnen und Singen, vgl. Selbmann 1934] nach Möglichkeit die Grundsätze der Schule
Schlaffhorst-Andersen zugrundegelegt wurden. Sie sollte nach M. Selbmanns
Willen außer der in allen Mittelschulen
üblichen geistigen Ausbildung auch die in jedem Kinde liegenden Anlagen zur
praktischen Tätigkeit wecken und entwickeln. Der Leiter der Schule, Dr.
Walther Warneck, war zuvor in einem Oberrealschul-Landerziehungsheim tätig. Die
Mittelschule wurde mit einem Internat verbunden, in welchem den Zöglingen neben
einer liebevollen Pflege eine Erziehung
zuteil werden soll, die sowohl der Natur als auch dem Menschen im Kinde durch
die Arbeit an Atmung und Stimme gerecht zu werden hofft. Weitere Pläne
sahen im Anschluß an die Abschlußprüfung (nach der Obersekunda) für Mädchen
eine Ausbildung in Kinderpflege und Haushalt vor. [Selbmann 1933]. Eine
besondere Methode im Betreiben der Wissenschaftsfächer wurde nicht verfolgt.
Der geistige Stand der Schüler, die hauptsächlich Rotenburger Schulen
entstammten, entsprach dem einer Normalschule. Als gesund empfand W. Warneck
die zwischen den Lehrplananforderungen und den auf reinen Organismus
hinstrebenden Gedanken der Arbeit an Atmung und Stimme bestand. Sie schaffe, so
W. Warneck, Reichtum und Wirklichkeitsbindung. [Warneck 1933]
In seinem
ersten Jahresabschlußbericht zog W. Warneck folgende Bilanz des ersten Jahres: Wir haben keine vom Stande anderer
Schulkinder unterschiedenen rein geistigen, will lieber sagen intellektuellen
Fortschritte zu verzeichnen, nein, ‑ wir haben ja gerade das einseitig Intellektuelle
mit Vorliebe die Kosten für das von uns getragene Vorwärtsschwingen der Kinder
bezahlen lassen. Ein volles geistiges Wachsen ist bei dem ganz ungedrängten
Einfließenlassen der Arbeit an Atmung und Stimme erst in vielleicht ein, zwei
Jahren zu erwarten, wenn der Einfluß der Arbeit zum schöpferischen Bestandteil
des jungen Wesens eingewachsen ist, beim einen mehr, beim andern weniger. Der
Hinweis für diese Möglichkeit ist aber eben durchaus schon gegeben in Gestalt
einer bedeutend geweiterten Aufgeschlossenheit, einer Aufnahmebereitschaft, ja
Aufnahmelust. [Warneck 1934, 72]
Im Neuland des
Schulalltags zeigte sich die Notwendigkeit, die Methoden den sich wandelnden
Verhältnissen immer wieder anzupassen. So
trat nach der im Anfang unwillkürlich geübten individuelleren Bemühung vor zwei
Jahren deutlicher und deutlicher die Notwendigkeit einer stärkeren
Zusammenfassung hervor. Diese wurde gefunden in den täglichen gemeinsamen
Morgenübungen. So im richtigen Zeitpunkt eingesetzt haben sie bald einen ersichtlichen
Einfluß auf die Kinder ausgeübt im Hinblick auf eine Lösung aus der
Einseitigkeit in Richtung auf eine Gesamtspannung der gegebenen Kräfte. ...
Innerhalb der Morgenübungen wiederum trat nach längerer Zeit dann die
Möglichkeit gelegentlicher geschlossener Uebungen (Uebungen im geschlossenen
Ring) auf ‑ ein Beginnen, das bei Schulkindern, vor allem Jungen, nur dann
Erfolg verspricht, wenn man eine gewisse innere Gewähr des Gelingens hat, da
man ja stets darauf achten muß, daß alles bei noch soviel Fröhlichkeit ernst genommen
wird. [Warneck 1937, 13]
Die
politischen Verhältnisse verhinderten die Weiterführung der Schule. 1938 wurden
alle privaten allgemeinbildenden Schulen geschlossen.
Neben Schule
und Kinderheim unternahmen es einzelne ausgebildete Lehrerinnen der Schule
Schlaffhorst‑Andersen und Lehrkräfte, die in die Arbeitsweise eingeführt waren,
die Arbeit an Atmung und Stimme in den Schulunterricht verschiedener
Schulformen und die Berufsausbildung (beispielsweise von Kindergärtnerinnen)
immer wieder bescheinigten erstaunlichem Erfolg einzubeziehen.
4. Quellen-
und Literaturangaben:
Andersen 1908
Hedwig Andersen: Gibt
es einen männlichen und einen weiblichen „Atmungstypus“? In: Monatsschrift für
Schulgesang, 3. Jg. 1908, Heft 2, 31-36
Andersen 1909
Hedwig Andersen: Die
Atmung der Kinder beim Sprechen und Singen. In: Monatsschrift für Schulgesang,
3. Jg. 1909, Heft 11, 241-245
Andersen 1915
Hedwig Andersen: Die
Atmung bei der Erziehung. In: Monatsschrift für Schulgesang, 10. Jg. 1915, Heft
6, 132-138 und Heft 7 154-159
Franz 1928
Arthur Franz
(Hg.): Die Rotenburger Woche. Öffentliche Arbeitswoche der Rotenburger Schule
für Atmungs- Sprech- und Gesangskunst / 26.-31. Juli 1926. Neun Vorträge und
ein Bericht. Leipzig 1928
Krüger 1932
Ilse Krüger:
Bericht über das Sommerhalbjahr 1932 „Haus Waldeck“. Landheim für Kinder und
Jugendliche (Schule Schlaffhorst-Andersen). In: Mitteilungen für die Freunde
der Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 1 (1932), 12-14
Krüger 1935
Ilse Krüger:
Haus Waldeck, Herchen (Sieg). In: Mitteilungen für die Freunde der Schule
Schlaffhorst-Andersen, Heft 7 (1935), 21-22
NN 1937
Auszug aus
der Ausarbeitung einer Schülerin der Oberstufe des Seminars für
Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen in Weimar. Mitteilungen für die Freunde der
Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 9 (1937), 16-21
Schlaffhorst 1920
Clara Schlaffhorst:
Gesang- und Atemkunst im Dienste körperlich-sittlicher Erneuerung. In: Das Neue
Deutschland. Hg. von Adolf Grabowsky. Gotha, 8. Jg., 1920, Heft 7, 127-131
Schlaffhorst 1922b Clara Schlaffhorst: Die
Bedeutung der Atmung. Vortrag bei der Tagung für Körperschulung in Berlin. In:
Künstlerische Körperschulung, hrsg. von Ludwig Pallat und Franz Hilker. Breslau
11923, 71-80 bzw. 31926, 116-127
Schlaffhorst 1923b Clara Schlaffhorst: [Die
Welt der Natur in uns.] Auszug aus einem Vortrag, gehalten in der
Volkshochschule Kassel [1. Dezember 1923]. In: Vorträge (1923), 29-35
Schlaffhorst/Andersen 1924 Clara Schlaffhorst / Hedwig Andersen:
Vortrag bei dem Lehrgang für Jugendpflege. Wegscheide bei Bad Orb, d. 8.8.1924.
In: Atmung und Stimme (1928), 91-95
Schlaffhorst/Andersen 1926a Clara Schlaffhorst / Hedwig Andersen: Entwicklung
der gestaltenden Kräfte aus dem Rhythmus der Atmung. Vortrag, gehalten beim Zentralinstitut
für Unterrichtswesen, Berlin, 26.4.1926. In: Atmung und Stimme (1928), 96-112;
desgl. in: Atmung und Stimme (1951), 57-71
Schürhaus 1986
Barbara Schürhaus: Musikerziehung
im Vorschulalter zwischen 1900 und 1933. Ein Beitrag zur Geschichte der
Musikerziehung. (Europäische Hochschulschriften, Reihe XI, Band 286). Frankfurt
am Main - Bern - New York
Selbmann 1926
Marie
Selbmann-Schlaffhorst: Die Entwicklung der gestaltenden Kräfte aus dem Rhythmus
der Atmung. In: Künstlerische Körperschulung, hrsg. von Ludwig Pallat und Franz
Hilker. Breslau 31926, 211-216
Selbmann 1933
Marie
Selbmann-Schlaffhorst: Haus Selbmann. In: Mitteilungen für die Freunde der
Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 2 (1933), 32-33
Selbmann 1934
Marie
Selbmann-Schlaffhorst: Die Privatmittelschule in Rotenburg (Fulda). In:
Mitteilungen für die Freunde der Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 5 (1934),
101
Selbmann/Krüger 1930 Marie Selbmann-Schlaffhorst / Ilse
Krüger: Rotenburger Schule für Kinder und Jugendliche in Rotenburg a. Fulda.
(Rotenburg 1930)
Warneck 1933
Walther Warneck: Die
Rotenburger Privat-Mittelschule im Hause Selbmann. In: Mitteilungen für die
Freunde der Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 3 (1933), 53-55
Warneck 1934
Walther Warneck:
Jahresabschlußbericht der Privatmittelschule Rotenburg/Fulda. In: Mitteilungen
für die Freunde der Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 4 (1934), 72-74
Warneck 1937
Walther Warneck:
Arbeit an Atmung und Stimme (Schlaffhorst-Andersen) und die private
Mittelschule in Rotenburg / Fulda. In: Mitteilungen für die Freunde der Schule
Schlaffhorst-Andersen, Heft 10 (1937), 11-19
Die Atemgymnastik bei der Erziehung (1898)
Gibt es einen männlichen und einen weiblichen Atmungstypus? (1908)
36
Aus apdem Gesagtenap ergibt sich, daß
gerade in den Eigenschaften, die den Menschen über das Tier erheben, die Gefahr
liegt, sich vom natürlichen Atmungstypus zu entfernen. Die Gefahr ist umso
größer, als dies ganz unbewußt und oft auch lange scheinbar ungestraft geschieht,
und daß es erst ernster Erkrankungen der Lunge, der Stimme, der Nerven — oder
der Absichtaq,
Gesang zu studieren bedarf, um den Menschen aus dieser Unbewußtheit aufzurütteln.
arHier
täte wahrlich Belehrung not, denn die Atmung ist die wichtigste
Lebenstätigkeit, und die Funktionen aller andern lebenswichtigen Organe hängen
wesentlich von den Atmungsbewegungen ab. Diese Belehrung muß so frühzeitig wie
möglich beginnen, am besten schon bei Kindern, die schon allein durch gutes
Beispiel leicht auf den richtigen Weg zu bringen sind. Ich weiß aus Erfahrung,
daß Kinder sich mehr für ihre Körpertätigkeiten interessieren als Erwachsene
und daß sie vorzügliche Selbstbeobachter sind. Der erste Sprachunterricht des
Kindes im Hause, der erste Lese-, Turn-, Gesangunterricht in der Schule sollte
von diesem Gesichtspunkt aus geregelt sein. Es ergeben sich hierbei bisher noch
nie ausgenutzte Entwicklungsmöglichkeiten, denn im Zwerchfell liegt eine
ungeheure Naturkraft, die seit Bestehen der Menschheit durch Nichtbeachtung und
Unterdrückung lahmgelegt worden ist.ar Wenn man heutzutageas von einer atgewissen
Degenerationat
der Menschen sprechen kann, so liegt diese zum größten Teil in den
Atmungsmuskeln. Beobachtung der eigenen Atmung, bewußte Wiederherstellung der
natürlichen Gesetzmäßigkeit bei der Einatmung und bewußte Beherrschung der für
die Spracheau
notwendigen Kunstgesetze bei der Ausatmung, mit einem Wort: Erhebung der
animalisch unbewußten Körpertätigkeit zur bewußt geregelten Geistestätigkeit —
das ist der Weg, um die Atmungsmuskeln zu der Kraft und Leistungsfähigkeit zu
erziehen, deren sie avden
Anforderungen des Seelenlebens und der gesteigerten Geistestätigkeit gegenüber
in immer höherem Maße bedürfenav.
Die Atmung der Kinder beim Sprechen und Singen (1909)
241
Jedem
aufmerksamen Beobachter wird wohl schon häufig bei entsprechenden Gelegenheiten
die merkwürdige Manier aufgefallen sein, in der Kinder beim Aufsagen von
Gedichten und Lektionen, beim Singen, ja selbst beim gewöhnlichen Sprechen und
erzählen Luft zu holen oder vielmehr zu schnappen pflegen. Die Einatmung
geschieht dabei ausnahmslos durch den meist weit aufgerissenen Mund und
verursacht ein hörbares Geräusch, ja oft einen lauten Ton. Auch findet sie viel
zu häufig statt. Es gehört zu den größten Seltenheiten, daß Kinder einen Satz
oder eine musikalische Phrase sinngemäß in einem Atem bis zu Ende sprechen oder
singen; selbst kurze Sätze werden oft noch mehreremal an ganz ungehörigen
Stellen durch rasches Absetzen und Einatmen unterbrochen. Es scheint diesen
Unmanieren bisher wenig Beachtung zuteil geworden zu sein, denn man findet sie
ziemlich allgemein bei Kindern jeden Alters, Standes und Geschlechts. Und doch
ist die Atmung der Kinder ernstester Aufmerksamkeit wert, da sie von tief
einschneidender Bedeutung für die körperliche und geistige Entwicklung des
Kindes ist.
244
Kein besseres
Mittel gibt es, um ein Kind mit lebhafter Phantasie und unruhigem Temperament
in geregelte Bahnen des Denkens und Formen des Sprechens zu bringen, als die
Erziehung zu geregelten Atmungsverhältnissen, sowohl in der Ein- wie der
Ausatmung. Jeden Satz zu Ende denken, jedes Wort zu Ende sprechen und dabei
jeden Atemzug ruhig bis zu Ende ausatmen, diese drei Dinge müssen, Hand in Hand
gehend, dem Kinde zur Gewohnheit werden, soll eine harmonische Entwicklung von
Gehirn- und Körperfunktion das Ziel der Erziehung sein. Die Hauptaufgabe fällt
hierbei naturgemäß dem Elternhause zu, denn der Gebrauch des Atems wird mit der
Sprache zugleich erlernt, und zwar kann zunächst nur durch gutes Beispiel auf
das Kind eingewirkt werden. Es lernt ja in diesem Alter alles durch unbewußte
Nachahmung, und wenn der Erwachsene es sich z.B. zur Regel machen würde, beim
Vorsprechen eines Wortes den Mund stets erst einen Augenblick zu schließen, um
einzuatmen, so würde das Kind sich dieses ebenso selbstverständlich angewöhnen,
wie es sich das Aufreißen des Mundes und das hörbare Luftschnappen mit angewöhnt.
Die Atmung bei der Erziehung (1915)
132
Die Atmung ist
so wichtig, daß sie zum Ausgangspunkt, zur Grundlage der ganzen Erziehung, der
häuslichen wie der Schulerziehung, gemacht werden sollte. Sie sollte die erste
und vornehmste Sorge aller derer sein, denen das körperliche und geistige
gedeihen unserer Jugend anvertraut ist.
136
So
wirkungsvoll nun solche Übungen, wenn sie richtig gemacht werden, für ndie Erfrischung
zwischen den einzelnen Stunden auchn sein können, so kanno die Atmung doch noch in weit höherem
Maße bei der Erziehung wie beim Unterricht für die körperliche, geistige und
seelische Entwicklung nutzbar gemacht werden. Bei allem Tun, besonders aber
beim Anfangsunterricht pauf
jedem Gebietep
müßte darauf geachtet werden, daß die Atmung nicht ins Stocken qoder auf falsche
Bahnenq
gerät. Besonders wichtig ist in dieser Richtung der Leseunterricht.
154
In demselben
Sinne wie beim Lesen könnteaz auch in allen andern Fächern der Atmung der
Kinder mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden. Beim Schreiben und Rechnen z.B.
hört die Atmung fast ganz auf. Das dürfte nicht sein. baEs [155] sollte dem Lehrer
viel wichtiger seinba,
daß die Kinder ruhig weiter atmen, als daß sie die Buchstaben schreiben lernen.
Allebb
Lehrer, die dies lesen, werden vor Entsetzen die Hände übermbc Kopf
zusammenschlagen und rufen: „Das fehlte uns noch! Wir werden so schon kaum mit
dem Pensum fertig!! Ja, ist es denn bdfür die Kinder wichtiger, daß siebd das „Pensum“
ableisten, oderbd*
daß sie lebensvoll und gesund die Schule verlassen?
Zwei Fächer
sind es noch, die sich ganz besonders dazu eignen, die Atmung zur Grundlage des
Unterrichts zu machen: der Turn- und der Gesangunterricht. Keine Bewegung
dürfte beim Turnen gemacht werden ohne Übereinstimmung mit der bei ihr
notwendigen Atembewegung. Es ist nicht gleichgültig, ob bei einer Körperbewegung
ein- oder ausgeatmet oder der Atem angehalten wird und in welcher Art dies
geschieht.
156
Mehr als in
allen andern Unterrichtsfächern kann naturgemäß im Gesangsunterricht für die
Atmung getan werden, und zwar hierbz* in erster Linie für die Beherrschung der
Ausatmung. caAngebahnt
kann dies Bestreben schon im Lese- und Sprachunterricht werdenca. Beim Singen aber
werden den inneren Muskeln durch die für die Tonhöhen nötigen
Stimmbandspannungen noch viel mannigfaltigere Spannungsmöglichkeiten gegeben
als beim Sprechen. Handelt es sich in anderen Stundenca* zum Teil darum,
daß die Atmungstätigkeit nicht einschlummert, so wird man beim Singen immer
mehr darauf hinarbeiten müssen, daß nicht zu
viel eingeatmet wird; denn nichts ist schädlicher für cbdie Stimmbändercb als Überluft, die
beim Ton entweder ungenützt als wilde Luft durch die Stimmbändercc gedrängt oder zu
unnatürlichen Kraftleistungen der Stimme benutzt wird.
157
Andererseits
aber gibt ihm die Beherrschung des Atems, wie der Gesang siedm verlangt, ein
positivesdn
Mittel zur Erziehung und Beherrschung [158] doseiner Naturdo in die
Hand. An der Psyche des Kindes wirddp ja vom ersten Tage an mehr als genug
herumerzogen, an der Natur nie. Daher
erklärt es sich, daß alle diese mühevollen Erziehungsbestrebungen so oft erfolglos
bleiben. Die Natur des Menschen — das ist nicht sein Charakter, seine Geistesbeschaffenheitdq, sondern seine
Herz-, Blut- und Nervenbeschaffenheit, seine Organtätigkeit.dr Daß alles dieses
einen großen und bestimmenden Einfluß auf den Charakter, die Triebe, Leidenschaften
und Begierden hat, weiß man längst. Aber wer hätte jeds daran gedacht, daß
es möglich wäre, durch bewußte Regelung und Erziehung der dtersteren
erzieherisch auf die letzterendt einzuwirken?
Gesang- und Atemkunst im Dienste körperlich-sittlicher Erneuerung
(1920)
127
Unsere ganze
heutige moralische Erziehung gipfelt in dem Bestreben, den Menschen für den
Kampf zu stählen, den er gegen seine eigene ungeformte Sinnlichkeit zu führen
hat. Da sie sich aber nur an die Psyche wendet und die Natur des Organismus
außer acht läßt, so ist die ganze Riesenarbeit trotz unsäglicher Mühen von
seiten der Eltern, der Schule und Kirche doch oft von sehr geringem Erfolg
gekrönt. In der Tat steht man dem Gebiet des menschlichen Organismus, das wir
als ”Natur” bezeichnen wollen und allem, was aus ihrem Wollen, Fühlen und
Denken entspringt, ziemlich verständnis- und hilflos gegenüber. Die einseitige
Bevorzugung des psychischen Denkens, Fühlens und Wollens bei der Erziehung hat
diese Naturkräfte nicht in ihr Bereich gezogen und sie nicht entwickelt und
nutzbar gemacht, sondern sie stets zurückzudrängen gesucht, ja man kann sagen,
daß die Psyche auf Kosten der Natur groß geworden ist. Kein Wunder, daß diese
sich dafür durch Krankheit und moralische Auswüchse rächt.
In meinem
Beruf als Gesanglehrerin habe ich jahrzehntelang an diesen Fragen studiert: Wie
findet man einen Weg zur Erziehung der Natur — wie wertet man die Kräfte um,
die aus dunkler, geheimnisvoller Tiefe oft mit elementaler Gewalt hervorbrechen
und alle Dämme, die der Menschengeist aufgebaut hat, niederzureißen. Die
Erfahrungen, die ich bei diesem Forschen gesammelt habe, führten mich zu einem
System, das sich sowohl bei Kindern, wie bei Erwachsenen vielfach bewährt hat,
so daß ich mich veranlaßt fühle, meine Ideen niederzuschreiben, in der
Hoffnung, daß sie eine Ergänzung aller bisherigen Erziehungsbestrebungen
bilden.
Die
Gesangkunst ist eine Kunst, die so in der organischen Tätigkeit des Körpers
wurzelt, die durch die Mitwirkung der Atmung, der Sprache, der Musik so zu
gleichen Teilen an die Seele, an den Geist und an den Körper mit seinen Sinnen
gebunden ist, daß sie in erster Linie dazu berufen ist, Gleichgewicht und
Harmonie zwischen diesen drei Komponenten des menschlichen Wesens herzustellen.
Rhythmisierung -> Anspannung — Abspannung — Ruhe
129
Die
Dreiteiligkeit der Bewegungen muß später beim Trinken, Essen, Gehen, Sprechen,
Laufen, Turnen auch hier wieder in Verbindung mit dem innern Rhythmus der
Atmung, durchgeführt werden.
... So kann
man ganz frühzeitig damit beginnen, die einseitigen Lustgefühle in Unlustgefühle
umzusetzen und dadurch die Zirkulation des Blutes zu regeln. Denn dies ist bei
uns Deutschen ganz besonders nötig. Das deutsche Blut ist von Hause aus
schwerfällig und temperamentlos im Gegensatz zum Geist und zu den Sinnen. Die
Erkenntnis dieser Tatsache, daß das Blut schwerfällig ist, hat zu mannigfachen
Reformen und zur Einführung von Spiel, Sport, Tanz, Turnen, Wandervogelbewegung
usw. geführt. Dies ist mit Freuden zu begrüßen, und doch verlieren alle diese
Bestrebungen viel von dem unendlichen Nutzen, den sie auch in bezug auf die
Regelung des geschlechtlichen Lebens haben könnten, weil dabei weder die Atembewegung
beachtet wird noch der Rhythmus der äußeren und inneren Muskeln ein richtiger
ist. Würde das der Fall sein, so wären alle diese Reformen ein ganz
hervorragendes Mittel zur Erziehung der Natur
im Gegensatz zur Erziehung des Menschen.
... Auch
später im Leben des Erwachsenen sollte die Stimme das Ventil für alle seine körperlichen,
seelischen und geistigen Erregungen bleiben, denn sie ist uns als solches von
der Natur gegeben. Statt dessen unterdrückt man sie, soviel man kann, im
Säuglingsalter durch den Lutschbeutel, im Kindesalter durch das ewige Berufen zum
Stillsein, in der Schule durch das angestrengte geistige Arbeiten und
Stillsitzen. Demgegenüber bilden die zwei Gesangstunden in der Woche kein
genügendes Gegengewicht. An eine systematische, den natürlichen Gesetzen der
Stimmtätigkeit entsprechende Entwicklung des Stimmorgans auf der Basis einer
richtigen Atmung und Artikulation denkt Niemand.
130
Das wäre die
Krönung der Bestrebungen, die mit der Entwicklung der Atmungs- und rhythmischen
Bewegungen begonnen haben. Den rhythmischen Atmungs- und Körperbewegungen
müssen sich beim Sprachunterricht die richtigen Artikulationsbewegungen anschließen,
während der Gesangunterricht die Rhythmik der Stimmbewegung zu regeln hätte.
Von alledem geschieht beim Schulunterricht nichts, da man nicht weiß, daß jeder
Vokal im Artikulations-, jeder Konsonant im Atmungs-, jeder Ton im Stimmapparat
seinen ihm eigentümlichen Rhythmus hat. Der Gesang- und Sportunterricht wird
nicht vom physologisch-psychologischen, sondern nur vom verstandesmäßigen oder
musikalisch-sinnlichen Standpunkt aus erteilt und so erleben wir, daß die
Gesangskunst, die als edelste Kunst dazu berufen ist, den Menschen zu erheben,
ihn nur noch mehr in den sinnlichen Sumpf herunterzieht.
... Überhaupt
müßte die Kunst in Deutschland noch viel mehr das ganze Volk durchdringen, denn
mehr als jedes andere Volk der Welt hat der Deutsche künstlerische Anlagen in
seiner Natur (siehe ”Rembrandt als Erzieher”)
und die Sehnsucht danach in seiner Psyche. Könnte man ihn nur noch mehr durch
Kunst erziehen, so würde man ihm die Menschwerdung von innen heraus
erleichtern.
Die
Wiederherstellung des natürlichen Lebensrhythmus (1922)
825
Und wenn dann
die Schulzeit beginnt mit dem Zwang des Stillsitzens, des Aufmerkens und des
Aufnehmens des Lehrstoffes dann geht auch der körperliche und geistige Rhythmus
unter, weil er in eine bestimmte dem Organismus oft ganz unnatürliche Form
gezwängt wird. Diejenigen Kinder, die sich nachhaltig gegen diese Form wehren,
das sind im Sinne der Schule die schlechten Schüler, ”die schwarzen Schafe”,
aber es sind diejenigen die die stärkste Naturkraft haben, und die — allen
Prophezeiungen der Lehrer zum Trotz — meist die tüchtigsten Menschen werden.
Die Bedeutung
der Atmung. (Vortrag beim Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, Tagung:
Künstlerische Körperschulung. Berlin, 1922)
79
Wir selber
haben im Privatunterricht viel mit Kindern gearbeitet, aber auch im Klassenunterricht
aller Schulgattungen läßt sich vieles davon mit gutem Erfolg anwenden dn**, wie uns Lehrer
und Oberlehrer versichert habendn**. Im Schreib-, im Lese-, im Turn-, im Gesangsunterricht
kann die äußere Bewegung mit der inneren Lebensbewegung nach dem Gesetz des
dreiteiligen Lebensrhythmus sehr gut verbunden werden. [80] dn***Schreibproben, die uns eine
Oberlehrerin einschickte, ergaben eine überraschende Änderung der Handschrift.
Dieselbe Oberlehrerin berichtete uns am Schlußdo des Schuljahres, daß ihre Klasse
beim Abschiedsfest aus eigenem Antrieb das Zigarettenrauchen abgelehnt hättedp, dem alle anderen
Schülerinnen und auch die anwesenden Lehrerinnen frönten. Diese Kinder
verließen das Fest um 12 Uhr, während alle anderen bis zum hellen Morgen
weitertobten. Mehrere Oberlehrer haben uns gesagt, daß sie den größten Wert
dieser Atmungs- und Stimmerziehung in dem Einfluß auf die Regelung des Geschlechtslebens
erblickten und daß sie sie allein schon aus diesem Grunde für ein hochbedeutendes
Erziehungsmittel hielten.dn***
Es besteht
bereits in Rotenburg eine kleine Schule, in der erholungsbedürftige Kinder nach
diesen Grundsätzen erzogen und unterrichtet werden. In dieser Schule gilt, was Goethe in der Pädagogischen Provinz sagt: „Bei uns
ist der Gesang die erste Stufe der
Ausbildung; alles andere schließt sich daran und wird dadurch vermittelt“; die
Stimme verhilft uns zum Finden der Lungentätigkeit und zur Belebung der
Atmungsmuskulatur; die innere Bewegung ist wichtiger als die äußere und darf
bei keiner Beschäftigung, sei sie körperlicher oder geistiger Art, ins Stocken
geraten. Der eigentliche Schulunterricht baut sich darauf auf dp*, und das hat zur
Folge, daß der Schulrat die Kinder geistig fast zu weit vorgeschritten fand,
obgleich nicht nur lernbegabte, sondern auch recht unbegabte darunter waren.
Klettern, Turnen, Schlittschuhlaufen u.dgl.dq brauchen unsere Kinder nicht erst zu
lernen, das können sie von selbst, und noch nie ist ein Unfall dabei
vorgekommen, weil sie eine große Sicherheit im Gebrauch ihrer Glieder und Sinne
haben. dp*
... Ich sagte
schon am Anfang, daß es sich bei der Atmung nicht nur um eine rein technische Frage
handelt, sondern daß das ganze Leben, die Gestaltung der geistigen, drkörperlichen und
seelischendr
Physiognomie, im weiteren Sinne also die Gestaltung des ganzen Schicksals von
ihrer Gestaltung abhängt. Wir haben es zuerst bei Sängern, dann bei Kindern,
dann bei Kranken, dann bei Gymnastik- und anderen Lehrern, schließlich fast bei
allen anderen Berufen erfahren müssen: in dem Maße, wiedr* mit Hilfe der
Stimme die Atmung in Ordnung gebracht wards, fand der Mensch sein Selbst ds*, und damit die
Kraft, den Kampf mit dem Leben siegreich zu bestehen. Das muß doch schließlich
das letzte Ziel der Erziehung sein. dtDas hat die bisherige Erziehung nicht vollbracht.
Wir sehen unser Volk am Boden liegen, und die Besten teils unterliegen, teils
verzweifelt nach neuen Wegen, neuen Kraftquellen für die Jugend, für die
Zukunft unseres Volkes suchen. Aber die politische und wirtschaftliche Not ist
nicht die schlimmste, viel schlimmer ist der moralische Tiefstand, die
seelische Schwäche und Hilflosigkeit, die uns auf Schritt und tritt begegnet.
Für die Aufrichtung der Seele zu sorgen, das ist bei der Erziehung der
kommenden Geschlechter das Wichtigste. Die Seele findet ihr Recht nur in der
echten Kunst. Mit unserem Geist haben wir uns alle Elemente, Erde, Luft und Wasser
dienstbar gemacht, aber die Seele hat Schiffbruch gelitten, weil wir uns nie um
sie und ihr Recht bemüht haben.
... dyDer Typus des
wahren Deutschen ist also noch nicht in die Erscheinung getreten.dy Die Erziehung des
kommenden Geschlechts muß unter den Gesichtspunkt gestellt werden, daß durch dzdie Kunst, den
Gesangdz,
erst einmal eine wahre Natürlichkeit hergestellt und damit die Kluft, die bei
uns zwischen Geist und Körper, zwischen Ich und Natur klafft, überbrückt wird.
Nicht als ob aus jedem Kinde ein Künstler für die Öffentlichkeit gemacht werden
sollteea,
Künstler können überhaupt nicht gemacht werden, sondern die Kunst, die die
Natur in uns, aber auch ausnahmslos in jeden von uns hineingelegt hat,
herausholen und durch sie zum Leben zueb kommen ‑ das möge die Richtschnur für die
Schulreformpläne der Zukunft sein.
Vortrag (Volkshochschule Kassel, 1923)
30
Es tut gerade
jetzt not, einen Weg zu finden, den alle gehen können, und dieser eine Weg führt über den Sozialismus.
Gemeint ist nicht der Sozialismus, der sich parteipolitisch äußert und durch
setzen will, oder wie er sich in Feuerköpfen ausmalt, sondern derjenige, der zu
einem sozialen Gesetz hinüberleitet.
Darunter verstehen wir eine Art zu leben, d.h. den Odem so in sich
aufzunehmen und in lebendige Kräfte umzusetzen, daß daraus die einzig wahre Art
des Handelns und des Sprechens, der aufrechte Gang, kurz: das wahre Menschtum,
das Höhenmenschtum, zu dem wir Deutschen berufen sind, hervorgeht. Diesen Weg
könnten und müßten alle gemeinsam gehen, sogar Idioten, Taube, Blinde,
Schwerkranke, ebensogut wie Kerngesunde, sofern in ihnen nur die Sehnsucht nach
richtiger Willensbetätigung schlummert. Vorbedingung ist ein offener Sinn für
die Wunder des Lebens und Sterbens in uns, dann erschließt sich dem inneren
Auge und Ohr eine neue Welt.
34
In der
Volkshochschule ließe sich sicher dieser hier entwickelte soziale Gedanke
verwirklichen. Wichtiger wäre es allerdings, ihn schon in der Volksschule
wirken zu lassen, damit endlich Goethes
Forderung, die er in der Pädagog. Provinz äußert, verwirklicht werde: ”Bei uns
ist der Gesang die erste Stufe der Ausbildung, alles andere schließt sich daran
und wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genuß, sowie die einfachste Lehre
werden bei uns durch Gesang belebt usw. Indem [35] wir die Kinder üben, Töne, welche sie
hervorbringen, mit Zeichen auf die Tafel zu schreiben, zu lernen und nach Anlaß
dieser Zeichen sodann sie in ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text
darunterzufügen, so üben sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller
zum Recht- und Schönschreiben als man denkt, und da diese alles zuletzt nach
reinen Maßen, nach genau bestimmten Zahlen ausgeübt und nachgebildet werden
muß, so fassen sie den hohen der Wert der Maß- und Rechenkunst viel geschwinder
als auf andere Weise. Deshalb haben wir denn unter allem Denkbaren die Musik
zum Element unserer Erziehung gewählt, denn
von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten.” Wir fügen hinzu:
nicht nur Hand, Ohr, Auge, d.h. die Sinne, die sich mit der Außenwelt
beschäftigen, werden geschult, sondern ein ganz neuer Sinn, der innere Muskelsinn, wird durch den Gesang
geweckt und erzogen, der zur Entwicklung seelischer
Kräfte führt.
Vortrag (bei dem Lehrgang für Jugendpflege. Wegscheide bei Bad Orb,
1924)
91
Denn Kräfte
sind im deutschen Volk noch genug vorhanden. Es ist auch schon überall das
Bestreben erkennbar, sie zu sammeln und auf einen richtigen Weg zu lenken.
Dieses Bestreben mußte natur[92]gemäß
mit der Bildung der Jugend den Anfang machen und ist somit recht eigentlich
eine Angelegenheit der Erziehung. Und zwar ist es charakteristisch, daß die Einsicht
von der Notwendigkeit eines Wandels auf diesem Gebiet nicht nur bei denen, die
zu Führern und Leitern der Jugend berufen sind, erwachte, — sondern auch ganz
unabhängig davon bei der Jugend selbst.
Wandervogel,
Gymnastik, Landerziehungsheim, Schulreformen, Einführung von Spiel und Sport
und Handfertigkeitsunterricht — alles zielte darauf hin, der einseitigen
Ausbildung in allen geistigen Disziplinen auch eine ausgleichende Bildung des
Körperlichen hinzuzufügen. Ja, es hatte längere Zeit fast den bedrohlichen
Anschein, als würde man nun aus einem Extrem ins andere fallen und sich ganz in
der Betonung des Körpers verlieren, wie es früher mit der Bildung des Geistes
geschehen war.
Zum Glück ist
aber in jüngster Zeit wieder eine Wendung eingetreten und man erinnert sich,
daß es noch einen dritten, fast den wichtigsten Bestandteil der menschlichen
Wesenheit gibt, den man nicht ungestraft vernachlässigen darf, der aber bisher
immer noch am wenigsten beachtet wurde, — die Seele. Diese Wendung erkennen wir
daran, daß man immer mehr anfängt, sich um die Atmung zu kümmern. Die Atmung
ist die Seele des Organismus. Körper und Geist werden ja erst zu einer lebenden
Einheit verbunden durch die Einkehr der Seele, des göttlichen Odems, in das
neugeborene Wesen.
94
Die später
beginnende Tätigkeit des Sprechens ersetzt den Schrei in seiner Wirkung auf die
Atmungsmuskulatur nicht im Entferntesten; einen gleichwertigen, ja noch höher zu bewertenden Ersatz kann nur der
Gesangton bilden, und zwar auch nur der
Gesang, der bei den verschiedenen Tonhöhen die rhythmische Bewegung der Stimme
berücksichtigt. und eben der Gesangton ist die beste Atemübung, der ideale
Widerstand:
1. Gegen die Erschlaffung der Bauchmuskulatur und
des Zwerchfells.
2. Der einzige Weg zur genügenden
Kohlensäureentleerung der Lungen, die den Sauerstoffhunger des Blutes bedingt,
durch den
3. ein vertiefter Einatmungsimpuls für das
Zwerchfell hervorgerufen wird.
Durch solche
Stimmübung erzieht man, wie ich aus eigener vielfacher Erfahrung sagen kann,
die Atmungsorgane zur Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitskeime, man erzieht
den Menschen zu größter, geistiger
und körperlicher Konzentrationskraft, das ist Leistungsfähigkeit, und die Natur im Menschen zu der rhythmischen [95] Gesetzmäßigkeit, mit
der er wohl geboren wird, die er aber bei der psychischen
Erziehung verliert. Dies alles natürlich besonders dann, wenn diese Erziehung
schon im jugendlichen, ja kindlichen Alter beginnen kann. Darum sollten es sich
alle, die mit der Belehrung der Jugend betraut sind, angelegen sein lassen:
1. Die Jugend zum Bewußtsein der Bedeutung der Atmung und zum Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der
eigenen Atmung zu bringen,
2. sie vor falscher
Atmung zu bewahren.
Wenn die Atmung falsch ist, muß mit Notwendigkeit
auch das Sprechen, Denken, Fühlen und Wollen falsch sein. Gerade durch diese
geistig-seelischen Fähigkeiten, als frei denkendes, fühlendes, wollendes Wesen
ist ja der Mensch mehr als alle anderen Geschöpfe in Gefahr, sich von der
vitalen Gesetzmäßigkeit zu entfernen. Das psychische Leben greift immerfort
störend in das seelische Leben ein.
Entwicklung der gestaltenden Kräfte aus dem Rhythmus der Atmung.
(Vortrag beim Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht. Berlin, 1926)
96
Der
Gegenstand, aüber
den ich heute zu Ihnen sprechena will, ist ein so weit- und tiefgreifender, daß ich
den Mut dazu nur finde, weil die Not, die ich schon lange kenne, jetzt so angewachsen
ist, daß sie auch von anderen gesehen, ja allgemein
empfunden wird. Allgemein wenigstens auf dem Gebiet, wo man sich der
Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft des deutschen Volkes bewußt ist,
daß die Gestaltung der deutschen Zukunft im wesentlichen von der Gestaltung des
deutschen Wesens abhängt. Dies ist
das Gebiet der Schulerziehung.
Worin besteht nun die Not? bMeine sehr verehrten
Zuhörer, b
ich sehe die Not darin, daß die Erziehung bei uns sich niemals um die
körperlichen und seelischen Kräfte gekümmert hat, sondern nur auf Schulung des
Geistes bedacht war, und daß infolgedessen in der Gesamterscheinung des
Deutschen kein Gleichgewicht zwischen Geist, Körper und Seele zu finden ist.
Aber auch auf dem geistigen Gebiet werden nicht alle Richtungen gleichmäßig
gepflegt, sondern es wird vorwiegend das Denken
geschult, das Wollen wird in falsche Bahnen gelenkt und das Fühlen läßt man
einfach wild wachsen. Dazu kommt noch ein Übelstand,
der in der Schule, namentlich in den höheren Schulen unvermeidlich ist: durch
das stundenlange Sitzen während der wichtigsten
Entwicklungsjahre verkümmert die wichtigste
Lebenstätigkeit, die Atmung und mit ihr die Stimme, und somit ist das
eigentlich bewegende Element, die Seele, im Kind gebunden.
100
Wir brauchen
für unsere Zukunft, für unsere Jugend etwas, wodurch das Loch zwischen Geist
und Körper, zwischen Mensch und Natur, zwischen Sein und Schein nicht noch mehr
aufgerissen, sondern ausgefüllt wird. Es ist eine leere Quinte
da, die nur einen unbefriedigenden Zusammenklang ergibt. Zur Herstellung einer
vollständigen Harmonie, die einen bestimmten Charakter hat, fehlt die
vermittelnde Terz, die den Abgrund überbrückt und die Extreme verbindet.
Diese Aufgabe
erfüllt die Atmung, die lebenweckende und lebenerhaltende seelische Bewegung, weil sie die einzige
von allen wichtigen Lebenstätigkeiten ist, die nicht nur der Natur, sondern
auch dem Menschen gehorcht, die nicht nur unwillkürlich
arbeitet, sondern auch willkürlich
zu beeinflussen ist. In der Atmung erwacht das Leben des Individuums und
überträgt sich von ihr aus auf alle Organe: Herz, Verdauungsapparat, Gehirn; Blutbeschaffenheit Blutzirkulation, alles
hängt von der Atmung ab und [101]
stockt, sobald sie stockt.
Alles kann man durch sie hemmend oder anregend beeinflussen und zu rhythmischem
Tun erziehen. Hier ist der Angelpunkt, von dem aus man überhaupt die Natur im Kind erziehen kann, und das ist
es, wonach wir trachten müssen, denn es ist ebenso wichtig wie die Erziehung
des Menschen im Kind. Ja, es sollte bei der ganzen Erziehungsarbeit im
Vordergrund stehen, denn es macht viel Mühe bei der Erziehung des Menschen überflüssig.
Sie werden
fragen: Was verstehen Sie unter der ”Natur in uns”, im Menschen oder im Kind? Mit ein paar Worten erklären läßt sich der Begriff
Natur ebensowenig wie etwa der Begriff Leben. Natur kann nicht erklärt,
sie muß erlebt werden und wird schließlich von jedem anders erlebt. oDaher möchte ich Sie alle, meine lieben Zuhörer,
anregen, selbst danach zu forschen und zu versuchen, etwas davon in sich zu erleben.o Wir können die
Natur in uns als Inhalt, als Form oder als Bewegung erkennen und erleben. Inhaltlich offenbart sie sich uns als
Geist, der alles Geschaffene durchdringt, in
der Bewegung als Rhythmus, der in allem Erschaffenen schwingt, und in der Form durch die Urformen, die allem
Seienden zugrunde liegen.
Alle drei:
Geist, Rhythmus, sowie Urformen finden wir auch in unserm menschlich-tierischenp Organismus. Von den Urformen
will ich hier nur die drei wichtigsten nennen: die Fläche, den Kegel, das Band.
Die Fläche
sehen wir im Zwerchfell verkörpert, die Kegelform in der Lunge, das Band in den
Sehnen, von denen uns hier am meisten das Stimmband angeht.
104
Es muß eine
der Hauptaufgaben der künftigen
Erziehung sein, dem Menschen frühzeitig das Bewußtsein von seinem inneren Leben
zu wecken, um ihn für den immer schwerer werdenden Lebenskampf auszurüsten. Er
muß die lebengestaltenden Kräfte seiner Seele, die Natur in sich in Form, Inhalt und Bewegung
kennen, verstehen und achten lernen; er muß Ehrfurcht vor ihnen haben, so daß
er selbst bewußt an dieser Gestaltung mitarbeiten könnte, anstatt ihr, wie
bisher immer in seiner Unterbewußtheit entgegenzuarbeiten.
Begrüßungsrede [zur Tagung der Rotenburger Schule für Atmungs- Sprech-
und Gesangskunst] (Celle, 1928)
3
Das Deutschtum
ist noch nicht im ganzen Umfange vorhanden; zwei Drittel aller Werte,
beziehungsweise Nervenkomplexe, schlummern [4] noch den Dornröschenschlaf
in der deutschen Seele. Was geschieht in der Erziehung, um diese zwei Drittel
zum Leben und Blühen zu bringen? Leider wenig. Wir müssen anerkennen, daß viel
gesucht und probiert wird, aber die Wege, die gegangen wurden, sind nur
geeignet, eine Mechanisierung des einen bisher schon lebendigen Drittels zu
bewirken. Der allgemeine Examenszwang, der wie ein Fluch auf jedem, aber auch
jedem Berufe liegt, bedeutet nicht nur eine ungeheure Belastung des Wirtschaftskontos
der Eltern, sondern was noch viel schlimmer ist, des Lebenskontos der Jugend.
Die weibliche
Jugend wird von dieser Überspannung der Nervenkräfte in gleichem Maße betroffen
wie die männliche; und dies ist für die Zukunft des Volkes noch verhängnisvoller. Naturgemäß werden die Kräfte, die das Gehirn braucht, den
übrigen Organen, Insonderheit den Organen, die der Bestimmung des Weibes dienen,
entzogen. Ich möchte nicht den Anschein erwecken, als glaubte ich, unsere
weibliche Jugend könnte die Gehirnarbeit nicht leisten; sie wäre weniger klug
als der männliche Teil. Im Gegenteil. Es gibt sicher viele Mädchen, die die
Examensarbeit geistig mit größerer Leichtigkeit bewältigen können als manche Knaben.
Was aber sagt
die Natur in ihnen dazu? Wird der innerste Lebensnerv gekräftigt und für die
vielseitigen Ansprüche, die allein schon das äußere Leben heute stellt, tüchtig
gemacht? Mit nichten! Dieses vollzieht sich heute nicht mehr in den Grenzen der
Leistungsmöglichkeit eines Organismus, der schon beim Beginn seiner Laufbahn,
d.h. nach Abwicklung aller notwendigen Examina, in seinem innersten Kern
ausgesogen, ja oft geknickt ist. Im Beruf geht dann die Überspannung weiter. In
jedem Beruf wird heute über
Überlastung geklagt. Liegt es daran, daß heute von jedem einzelnen mehr
verlangt wird als früher, oder daran, daß der einzelne heute weniger
leistungsfähig ist?
Beides ist
wohl der Fall. Jedenfalls vollzieht sich die Arbeit, die Leib und Seele schon
bei den Vorbereitungen zum Beruf
leisten müssen, nicht im richtigen Gleichgewicht; es ist nirgends dafür gesorgt
worden, daß der Mensch Bewußtsein und Gefühl für die Natur und ihren Rhythmus
erlangte, und so tritt er schon mit verkrampften Nerven in den Beruf ein, und
hier geht die Verkrampfung immer weiter, weil der Mensch der Natur in sich
vollkommen verständnislos gegenübersteht.
5
Um dieser
Zerrissenheit abzuhelfen, gäbe es nur den
Weg, daß die körperliche, geistige und seelische Erziehung aller Stände auf
eine einheitliche Grundlage gestellt
würde. Die Grundidee wäre die, daß nicht die Psyche
im Menschen, sondern die Natur im
Menschen und ihr Rhythmus zum Ausgangspunkt bei der Erziehung genommen werden
muß.
... Noch vor
sechs Jahren wurde bei der großen Gymnastik-Tagung in Berlin vom ärztlichen
Vertreter der Regierung öffentlich ausgesprochen, Atemübungen wären [6] eine ganz nützliche
Leibesübung, aber man dürfe nur nicht eine Weltanschauung darauf gründen. Welch
eine kurzsichtige, engherzige Einstellung gegenüber einem Gebiet von so
fundamentaler Bedeutung, nicht nur für diesen oder jenen einzelnen, der
zufällig an Asthma leidet oder seine Stimme verloren hat, sondern für die
gesamte Menschheit, für die Zukunft des deutschen Volkes! Es ist wohl jedem
klar, daß das deutsche Volk heute an einer Wende in seinem Entwicklungsleben
steht. Soll es auf dem Wege der Technisierung, des Rekordtaumels immer weiter
und weiter der Mechanisierung zugetrieben werden, oder soll sein Sinn so
gelenkt werden, daß es mehr seiner inneren Stimme lauschen, sich auf seine
Naturkräfte besinnen, seine seelische Bestimmung
erkennen und pflegen lernt?
7
Der Lehrer muß
an die Musik anknüpfen, die ein jedes
Kind, mag es musikalisch gelten oder nicht, in seinem Innern trägt: An die
Schwingung seiner Organe, an den Rhythmus seines Blutes, an die Atmung seiner
Seele; er muß geradezu am Kind selbst Studien machen und vor allen Dingen ihm
das musikalische Gesetz nicht eher aufpropfen, ehe die Stimme in ihrem
physiologischen Gesetz sicher oder, mit anderen Worten, ehe die Seele so
erstarrt ist, daß sie sich durch den Zwang des Gehirns nicht mehr unterdrücken
läßt; dann erst bedürfte sowohl musikalische als auch jede andere geistige
Disziplin an das Kind herangebracht werden. Wer es nicht erlebt hat, der kann
sich keine Vorstellung davon machen, welch einen ungeheuren Einfluß diese Art
der Musikerziehung hat. Wir haben es schon bei ganz kleinen zweijährigen
Kindern erfahren, welche erstaunlichen Veränderungen in ihrer geistigen
Entwicklung vor sich gingen, nachdem wir sie durch die Stimme mit ihrem
Körperleben verbanden. In einer gesetzmäßig geregelten Stimmbewegung ist es
möglich, die schon durch Vererbung überkommene Zerrissenheit der Naturseele
wieder zusammenzuknüpfen. Hand in Hand mit einem so verständnisvoll arbeitenden
Lehrer lernt jedes Kind allmählich seine Er[8]ziehung selbst zu lenken. Es sieht Talente in sich
erwachsen, produktive Kräfte, von denen es bisher kein Bewußtsein hatte. Dies
erleben wir, natürlich nicht in dem Maße wie bei Kindern, aber bei stetem
Studium um so andauernder auch bei Erwachsenen, je bis ins höhere Alter hinein.
Die
artikulatorische Gesetzmäßigkeit der Sprachlaute (1935)
6
Sehr wichtig
ist es, mit Kindern im ersten Schuljahr diese und die folgenden Uebungen mit
allen Sprachlauten zu machen, aber nicht, wie das gewöhnlich geschieht, mit
gewaltsam gepreßter oder gestoßener Ausatmung, sondern mit leisem Stimmeinsatz
und ruhiger Atemführung. Schon oft haben uns Lehrer und Lehrerinnen bei der
Durchnahme gerade dieser Uebungen gesagt: ”Das machen wir aber in der Schule
mit unseren Kindern ganz falsch”.
Stimme als Urphänomen (1936)
7
Die einseitige
Erforschung der Ernährungsverhältnisse wie sie heute üblich ist, ohne Beachtung
und Lehre des gesetzmäßigen Vorganges der Luftnahrung und ihrer kunstgemäßen
Verwendung für die Muttersprache und den deutschen Volksgesang vermittels der
Stimme als Urphänomen, bleibt zu sehr im Einzelnen stecken und erfaßt nicht
genug die Einheit von Körper, Seele und Geist. Das, was dem Körper als
Richtschnur für sein äußeres Wachstum gegeben wird, fördert im besten Fall sein
Wohlsein. Aber damit ist eine Entfaltung seines Innenlebens und seine
Entwicklung zu geistiger Größe, mit einem Wort zum höheren Menschtum, wie es
das Erziehungsideal des nationalsozialistischen Staates ist, noch nicht angebahnt.
Das deutsche Volk braucht neue Richtlinien für die Schulung der inneren und äußeren
Kraft, um harmonische Persönlichkeiten aus seiner Mitte hervorzubringen, die
ihm Impulse geben, die großen Kunstwerke unserer Dichter, Denker und Musiker
aus dem Herzen heraus lebendig werden zu lassen. So wächst über jeden einzelnen
hinaus die große Menschheitsidee als Allgemeingut aller bis in die
Unendlichkeit hinein. Der Deutsche kommt nur
durch das Gesetz zur Freiheit.
Die Stimme des Menschen (1937)
6
Aus der
Verpflichtung, dem heranwachsenden Geschlecht, — das neuen Zielen zustrebt — asauch den
neuerkanntenas
Weg zur Erziehung des menschlichsten Organs, der Stimme, zu zeigen, darf der
nicht länger schweigen, der sein ganzes Leben diesem Aufbau gewidmet hat. Und
so sagen atwir
es und mit uns alle, die uns bei dieser Arbeit zu helfen bereit sindat: Der Weg der
Erziehung durch Atmung, Sprache und Stimme müßte den staatlichen Schulen zu
Grunde gelegt werden. avZu
guten Ergebnissen führt er av*bereits in unserer Versuchsschule, der Mittelschule
in Rotenburg, sowieav*
in der Arbeit verschiedener Berufslehrerinnen. In der Hauptsache standen und
stehen uns bis jetzt leider nur die Ferien für die Arbeit an den Schulkindern
und Lehrern zur Verfügung;av awsie
könnte aber, von Klasse zu Klasse dem übrigen Unterricht angereiht, ein
wertvolles Hilfsmittel der Schulungs- und Erziehungsarbeit werden.aw Denn gerade die
Kinder sind die eifrigsten Förderer des ihnen vom Schöpfer verliehenen
Lebensgefühls.
Marie Selbmann
211
vor
fünfundzwanzig Jahren, hatte ich die Idee Ehe ich im Jahre 1918 anfing, diese
Idee praktisch auszuführen, hatten auch Klara Schlaffhorst und Hedwig Andersen
schon Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern gemacht, die mir nun zugute kamen.
Ihnen und noch manchen andern Menschen, die ich hier nicht alle aufzählen kann,
habe ich es zu verdanken, daß ich durch sieben Jahre schwerster
wirtschaftlicher Bedrängnisse meine Tätigkeit aufrecht erhalten konnte, aus der
heraus ich nun sagen darf: Unsere ganze
Erziehung gestaltet sich um auf Grund einer natürlichen Atmung: die geistige,
die seelische und die leibliche Erziehung.
213
Durch
täglichen systematischen Unterricht im Gesang lernen unsere Schüler ihre Stimme
erst finden, dann lieben und schließlich gebrauchen. Die Stimmen erreichen nach
einem Vierteljahr der Arbeit bei uns den Umfang von drei Oktaven, die Kinder
lesen und sprechen mit schwingender Stimme, ohne Ermüdung und Hemmung. Ihr
Lesen zeugt von geistiger Gestaltungskraft, Wärme des Gefühls und Sinn für die
Phrasierung. Bei einem Zusammensein von zwanzig Kindern wird niemals ein
Schreien und Johlen sein.
214
Aber nicht nur
zum Singen brauchen wir die Stimme, sondern auch zum Lesen. Die Kinder, die
gelernt haben mit ihrer Stimme zu lesen, erfassen das Gelesene beseelter, alles
Mechanische ist ihnen fremd. Demzufolge ist auch die Rechtschreibung eine
bessere, und die Schrift selbst ist gut und deutlich. Höchst verderblich für
eine Schrift ist das Schnellschreiben [215] in der Schule, denn durch die Im Schnellschreiben
liegende Hetze wird der natürliche Rhythmus nicht beachtet. Wir haben die
Erfahrung gemacht, daß jede schlechte Schrift durch systematisch durchgeführten
Unterricht im rhythmischen Atmen sich gebessert hat. Der natürliche
Lebensrhythmus, der allem Unterricht der Rotenburger Schule zugrunde liegt,
darf auch beim Schreibunterricht nicht außer acht gelassen werden. Die Kinder
lernen ihn erst in ihren Körperbewegungen erleben, dann in den Bewegungen der
Artikulationsorgane beim Sprechen und Singen, zuletzt lernen sie ihn durch die
Stimme auf die Atmung zu übertragen. Kinder ohne diese Vorbereitung Atemübungen
machen zu lassen, halte ich für einen Unfug.
216
Ob das Kind
schreibt, liest, spricht, singt, spielt oder ißt, in jedem Fall wird darauf
acht gegeben, daß die innere Bewegung der Atmung durch die psychische
Aufmerksamkeit nicht gestört oder gehemmt wird. Dadurch erreichen wir eine
doppelte Klugheit, eine psychische und eine physische Klugheit, und die
Konzentrationskraft, die in der Schule allgemein vermißt wird. Die Freudigkeit
der Kinder beim Lernen ist so groß, daß es für sie keine größere Strafe gibt,
als eine Lehrstunde zu verlieren.
... Ich
deutetete schon vorher an, daß die Kinder den natürlichen Lebensrhythmus zuerst
bei Körperbewegungen zu erleben
imstande sind. Bei täglichen Übungen morgens im Garten geht unser Streben
dahin, die Schüler durch äußere Bewegung, die wir mit ihnen machen, zum
Bewußtsein der aufbauenden Kräfte des Odems zu bringen. Ist dieses Bewußtsein
erst erreicht, so geht jede äußere Bewegung Hand in Hand mit einer Atembewegung
und drückt das Leben aus, das wir am Anfang ihres Hierseins sehr vermissen und
wozu die Kinder eigentlich geschaffen sind. Im Gegensatz zu den Übungen, die
zur Schulung des Körpers dienen sollen, arbeiten wir an dem Aufbau des Leibes
durch den Odem und schließen später erst die Körperübungen an. Die Bedeutung
der Erziehung, die auf die Entwicklung der Atmung und Stimme aufgebaut ist wird
erst dann ganz zu übersehen sein, wenn die so erzogenen Kinder zu Persönlichkeiten
herangereift sein werden. Durch sie wird sich ein neues Menschentum offenbaren,
nachdem heute schon der allgemeine Sehnsuchtsschrei geht.
Franz (Hg.): Die Rotenburger Woche
143
Frau Marie
Selbmann-Schlaffhorst gab Vormittag 10 Uhr im Zeichensaal eine Probestunde;
durch die große Zuhörerschar in dem gleichen und in dem benachbarten Raum wurde
die Aufgabe für die Leiterin und für die Kinder etwas erschwert. Trotzdem
arbeiteten und antworteten die Kinder frisch und unbefangen. Frau Selbmann
zeigte Sing-, Sprech- und Schreibübungen. Ausatmen, Summen, Laut, Sprache und
Gesang wurden in ihrer Stufenfolge durchgenommen. Auch beim Schreiben sollte in
der Hand- und Armführung auf physiologische Zusammenhänge mit dem Atem
Rücksicht genommen werden. Übungen zur „verbundenen” Schreibbewegung wurden
gezeigt. „Verbundene” Bewegungen sich solche Bewegungen der Glieder, welche die
Atembewegung nicht hemmen, sondern zu ihr in Beziehung stehen. Aus der Finger-
und Armbewegung beim Schreiben und noch deutlicher aus den Schriftzügen kann
man erkennen, ob die Schreibbewegung „verbunden” oder „unverbunden” gewesen
ist. Es ist klar, daß der Schulunterricht hieraus Nutzen ziehen kann. Beim
Tönen und Vokalsingen kommt es auf die richtige Spannungen an, die im
jugendlichen Organismus erzeugt werden. An Sprechübungen nach Jul. Hey wurde
gezeigt, wie der artikulierte Stimmgebrauch und die „tönende“ Sprache gepflegt
wird. Leichtere Gedichte wurden einzeln und in Gruppen gesprochen. Die Anfänger
können nicht so viel von dem Inhalt zum [144] Ausdruck bringen wie die Fortgeschrittenen. Das
gleiche gilt von den Liedern; es wurden Einzel- und Chorgesänge vorgetragen.
Die Aussprache nach dieser
Arbeitsstunde der Kinder war besonders ergebnisreich, weil die Einwände des
Gegners (Gesanglehrer Bode-Rotenburg) scharf formuliert waren, und dadurch dazu
anregten, das Ziel der Rotenburger Kinderausbildung zu erörtern, das von der
Kritik nicht berücksichtigt worden war. Die Kinder waren bei der Debatte
natürlich nicht anwesend.
Die Vorwürfe des Herrn Bode
waren die folgenden:
1. Warum sitzt die Lehrerin
am Klavier? wenn sie selbst begleitet, kann sie die feinen Regungen der Kinder
nicht beobachten.
2. Die Singübungen gehen
durch drei Oktaven, die Kinder haben von Natur nur den Umfang der mittleren
Lage.
3. Die Pausen werden zu
lange abgewartet; das ist unmusikalisch.
4. Der flackernde Ton ist
ein Beweis für schlechte Atmung.
5. Jede Musikkraft beruht in
dem Verbindungsstück zwischen zwei Tönen. Um das zu lernen, wäre hier die
Tonika-Do-Methode dringend zu empfehlen.
Er fügt hinzu, daß er mit
Klassen von fünfzig Kindern bessere Erfolge aufzuweisen hat in Treffsicherheit,
Aussprache, schönem Stimmklang, musikalischer Schulung.
Zuerst antwortet Ilda von
Wolf: „Das soll hier kein Konzert sein, sondern es soll Einblick in die Arbeit
gegeben werden. Die Kinder hier sind ganz verschieden lange da; sie sind fast
alle hergekommen, weil es ihnen bei der üblichen Schulerziehung irgendwo
fehlte; zum Teil sahen sie jämmerlich aus, als sie herkamen. Hier soll ihnen in
kurzer Zeit das gegeben werden, was sie draußen nicht bekommen können.“
Lore Reyer deutet (zu Punkt
3) darauf hin, daß Rhythmus und Takt an und für sich nichts miteinander zu tun
haben.
Frau Kühling-Kassel: „Ich
glaube verstanden zu haben, daß es hier nicht darauf ankommt, Musik (P.5) und
musikalischen Takt (P.3) um ihrer selbst willen den Kindern beizubringen. Die
Kinder haben erfaßt, was dahinterliegt. Als Mutter hat mich das beglückt. Ein
Kind hat mich mit seinem Abendlied zu Tränen gerührt. Ich habe mich darüber
gefreut, daß die Kinder so hoch singen. [145] Ihre Art zu Atmen bringt die Kinder dazu, daß sie
hoch singen können, ohne daß es ihnen schadet, ohne daß es quiekst und pfeift.
So erreichen sie mühelos, was mich nach jahrelangem Gesangsunterricht
anstrengt. Sie kommen auf natürliche Weise zu hohen Tönen.”
Hans Martin-Leipzig (zu
P.1), meint, es wäre falsch, beim Unterrichten einen anderen spielen zu lassen.
Beim Spiel am Flügel hat die Lehrerin die Kinder im Auge.
Marie Selbmann-Schlaffhorst
betont, daß sie nicht nur als Musiklehrerin, sondern als Mutter mit den Kindern
arbeitet, weil sie ihre not mitfühlt. „Auch wenn ich die Kinder nicht sehe, fühle
ich sie in den Stunden.“
Clara Schlaffhorst: „Wie
groß der Umfang der Kinderstimme sein kann, ist noch nicht erwiesen. Was heute
in der Gesangszunft als richtig gilt, ist nicht maßgebend. Es könnten erst maßgebende
Resultate festgestellt werden, wenn man Untersuchungen an richtig atmenden Kindern
anstellen würde. Daran arbeiten wir aber in erster Linie, daß die Kinder
richtig atmen lernen. Denn leider ist es so, daß heute auch schon Kinder falsch
oder ungenügend atmen, besonders wenn sie schon die Schule besucht und
Schulgesangsunterricht genossen haben. Die Innervation, d.h. die Verbindung vom
Nervenzentrum zum ausführenden Muskel, in diesem Fall Atmungs- und Stimmuskel,
funktionieren nicht richtig. Das konnten Sie noch deutlich an dem Flackern der
Stimme bei dem Kinde hören, das erst ganz kurze Zeit bei uns ist.
Der richtigen Innervation
zuliebe stellen wir das Musikalische zunächst hinten an, der Atmungsrhythmus
der Kinder ist uns wertvoller als der Takt des Musikstücks, und dabei werden
die Kinder gesund, blühend, lebensvoll und finden frühzeitig ihr Selbst, dabei
singen sie so, daß es zu Herzen geht. Darin besteht ja ihre Not, daß sie dies
alles nicht haben, ehe sie zu uns kommen, und diese seelische Not ist noch
größer als die körperliche. Um aber das Seelische herauszuhören, dazu braucht
man besondere Ohren, nämlich nicht musikalisch (P.5), sondern physiologisch
(auf die Stimmfunktionen) eingestellte Ohren.
Man verlangt immer
Vollendetes, auch schon von den Kindern. Wir haben keine Möglichkeit das zu
vollbringen, was uns als Voll[146]endung vorschwebt, denn die Kinder sind meist nur einige
Wochen im Jahre bei uns. Wenn wir den üblichen Schulgesang hören, ist er für
unsere Ohren auch nicht vollendet. Wir wollen hier auch nichts vollendetes
herausstellen, sondern nur Ihnen einen Einblick in unser Forschen geben, denn
wir sind noch immer am Forschen und halten unsere Arbeit auch heute noch nicht
für vollendet.”
Die rhythmische Stunde der
Kinder am Dienstag Nachmittag bot wieder ein ganz anderes Bild. in der luftigen
Turnhalle der Große Kreis der Zuschauenden, in der Mitte Frau Marie Selbmann,
ums sie die fröhlichen, leichtgekleideten und leichtbeschuhten Kinder. Es ist
schwer zu sagen, woran es lag, daß alle Zuschauer durchaus teilnahmen. Es ist,
als ob sich das innere Leben, das man durch bestimmte körperliche Bewegungen
freizumachen versucht, anderen mitteilte. Atemübungen und rhythmische Übungen,
Schwingen, Kreisen, Tönen, Gehen, Laufen, Hüpfen fügten sich zu einem Ganzen.
Das Ballspiel, das Seilziehen (Kraft vom Zwerchfell aus), das Seilspringen (wer
falsch atmete, verfehlte den Sprung) usw. zeigten die Anwendung der Rotenburger
Grundsätze auf Kinderspiele. Keine Anstrengung und Ermüdung zeigte sich,
sondern Belebung und Erfrischung. Nach einem längeren Dauerlauf ‑ der übrigens
reizend aussah‑, machte eine Ärztin die Mitteilung, daß sie bei keinem Kinde
eine übertrieben beschleunigte Herztätigkeit feststellen könne. Daß mehrere
dieser lustig springenden Kinder noch vor nicht zu langer Zeit als kränkliche und
bedauernswerte Wesen nach Rotenburg gebracht worden waren, erhöhte das
Interesse für die Vorführungen.
Ende Pädagogik bei Schlaffhorst-Andersen (Kröger)
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