Historisches

Einführender Überblick

 

 

Aussprüche von Clara Schlaffhorst

Goebel, Elisabeth / Seyd, Waltraut: Schule Schlaffhorst-Andersen. Versuch einer Darstellung des Werkes von Clara Schlafffhorst und Hedwig Andersen. [1945/6]

[1] Das Folgende ist entstanden aus einem Bedürfnis nach Klarheit. Es ist ein Versuch, das Werk Clara Schlaffhorsts und Hedwig Andersens, wie wir es in den Jahren von 1935 bis 1945 erleben durften, darzustellen. Unsere Überlegungen galten auch dem „Erbe“, dem, was nach dem Tode Clara Schlaffhorsts verblieben ist, um als Grundlage einer neu zu errichtenden Schule zu gelten.

Wenn wir im Text zumeist nur den Namen Clara Schlaffhorst setzen, so ist Hedwig Andersen immer mit gemeint; es sei an dieser Stelle gesagt, daß überall und zu jeder Zeit, wo Clara Schlaffhorst mit einer Idee ihr Werk bereicherte, Hedwig Andersen untrennbar mit ihr verbunden und eins war, ja, vieles ist wohl in Beiden zugleich wach geworden und wurde dann in die Tat umgesetzt. Uns Schülern bot sich der Eindruck, daß Clara Schlaffhorst den ständig sich erneuernden und verjüngenden Geist, Hedwig Andersen das ruhig bewahrende, vertiefende Wissen verkörperte.

Clara Schlaffhorst, 1863-1945, gehört zu jenen bedeutenden Erscheinungen der Jahrhundertwende, die ein besonderes Empfindungsvermögen für die Notwendigkeiten und Aufgaben ihrer Zeit mitbrachten.

Der um sich greifende Materialismus hatte auf gesundheitlichem Gebiet eine ständig wachsende Degeneration zur Folge: die Instinkte schwächten sich ab, und die Denkkräfte verlagerten sich zu Ungunsten der vitalen Kräfte auf die Seite des Intellekts.

Clara Schlaffhorst erkennt, wie negativ sich dieses gestörte Gleichgewicht auf den Menschen auswirkte. Ihre Aufgabe erkennt sie darin, sich der vernachlässigten Seite ‑ der vitalen Kräfte ‑ zuzuwenden. Sie nennt diese Seite des Menschen seine „Natur“ oder „Das Naturhafte“ und stellt den „Menschen“ in Gegensatz dazu. Hier ist es notwendig, eine Terminologie ihrer Ausdrucksweise zu geben, weil in den folgenden Ausführungen diese Begriffe in dem angeführten Sinne verstanden werden müssen.

Persönlichkeit

„Mensch“

„Natur“

umfaßt das organische Leben im Menschen, zeigt sich als „Geist, der die Organe belehrt, sich ihrer Art und ihrem Zweck gemäß zu betätigen;

dem „Geist gegenüber steht der „Intellekt“, das materialistische, rein verstandesmäßige Denken, das hemmend und schädigend auf die Lebensvorgänge einwirkt;

als „Seele, göttlicher Odem, (pneuma) der dem Menschen bei der Geburt eingeblasen wird und ihn „zur lebendigen Seele“ macht,

der „Seele“ gegenüber steht die Psyche“, der Inbegriff menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens.

[2] als „Leib“, lebendiger Organismus, durchwoben von „Geist“ und „Seele“ im obigen Sinne. Das „unsichtbare“ (Novalis)

dem „Leib gegenüber steht der „Körper“, die Materie, der Stoff, verlassen von „Geist“ und „Seele“ preisgegeben den zerstörenden krankmachenden Kräften, das „Sicht- und Fühlbare“

Eine harmonische Persönlichkeit kommt nach Clara Schlaffhorst erst dort zustande wo eine Durchdringung von „Natur“ und „Mensch“ in dem oben gezeigten Sinne stattgefunden hat.

Aus der Erkenntnis heraus, daß der Mensch“ der „Natur“ zumeist störend und kräftemindernd entgegentritt, mußte Clara Schlaffhorst die „Natur“ dem „Menschen“ vorziehen. Sie enthält die eigentlichen Lebenskräfte, und nur ihr ist es möglich sie ständig zu erneuern.

Durch eigene Not (Stimmschäden bei Ausübung ihres Berufes) wird sie auf ein intensives Studium der Atmung verwiesen. Sie erkennt die Möglichkeit der unmittelbaren Beeinflusung der Atmung durch die Stimme, ja, ein vollendetes Atemleben ohne Wechselwirkung mit der Stimme ist ihr nicht denkbar.

Es handelt sich um ein Bewußtmachen von Vorgängen, die sonst unbewußt ablaufen und hier liegt für Clara Schlaffhorst die eigentliche Aufgabe des „Menschen“, bewußt an der „Natur“ in ihm, den Regenerationskräften zu arbeiten.

Das Neue, das diese Arbeit von anderen Atemsystemen abhebt ist die Erkenntnis der „unwillkürlichen, aber bewußten Einatmung“.

Diese Atmung als Lebensrhythmus in dreiteiligem Ablauf in Parallele zu andern dreiteiligen Lebensrhythmen gesehen zu haben, ist eine weitere bahnbrechende Erkenntnis Clara Schlaffhorsts.

So sind ihr die Wege gewiesen, durch Atmung und Stimme an der Erneuerung der Lebenskräfte zu arbeiten und den Erscheinungen von Krampf und Schlaffheit, die ihr ständig an ihren Schülern auffallen, entgegenzutreten. Sie erhebt diese Erkenntnisse zum Lebensprinzip ‑ damit ist der „Schule“ die Richtung gewiesen ‑ und lebt von nun an der Überzeugung, durch ihre Arbeit an der „Natur“ neue Wege zur „Persönlichkeitsbildung“ zu beschreiten.

 

Nach dem Gesagten versteht es sich, daß diese „Schule“ inselhaften Charakter haben mußte. In ländlicher Abgeschiedenheit „fern den Geräuschen der Außenwelt“, finden Lehrende und Schüler die nötige Ruhe, um sich auf die Arbeit „am Inneren“ zu konzentrieren. Das Leben in der Schule wird getragen und gestaltet durch die Ideen und Erkenntnisse Clara Schlaffhorsts. So ist eine Gesetzmäßigkeit im Tageslauf zu erkennen, die dem Leben der Schüler und Lehrenden Form und Richtung verleiht.

Beim Erwachen nach der Nachtruhe wird das Bewußtsein sogleich auf die inneren Lebensvorgänge gelenkt. Durch Atem- und Stimmübungen werden die Funktionen, der Organe angeregt und für die Aufgaben des Tages vorbereitet.

Vor dem Frühstück finden, im Freien Atemübungen in Einzelbehandlung statt, die eine erste Überprüfung des Schülers durch den Lehrenden bedeuten und eine Lenkung und Steigerung des vorher allein Erfahrenen bewirken.

Zweimal in der Woche finden Übungen im Kreise statt, bei denen es darauf ankommt, das allein Erfahrene in der Gemeinschaft zu erproben. Nach allen Übungen wird dem Schüler eine Zeit der Besinnung nahegelegt.

[3] Im Anschluss an diese Übungen setzt die erste stimmliche Unterweisung ein. Die Schüler versammeln sich, und aus ihrer Mitte hat ein Einzelner eine selbstgewählte Sprechübung von Julius Hey vorzusprechen. Dabei soll sich zeigen, wie weit sich der Schüler bewußt mit den Lebensvorgängen in Verbindung setzen und sie durch die Stimme zum Ausdruck bringen kann. Auch hier wieder ist der Sinn der Übung eine Lebenssteigerung, die sich in einer vertieften unwillkürlichen Einatmung nach vollendeter Übung kundtut. Die anschließend gemeinsam gesprochene Übung gibt jedem Gelegenheit, das soeben Gehörte für seinen eigenen Stimmvorgang zu erproben.

Auch in der Ernährung finden sich Clara Schlaffhorsts Gedanken wieder. Das Frühstück beginnt mit frischem Obst, dem trockenes Brot zur Anregung der Speicheldrüsen beigegeben wird. Danach ißt man Butter und Marmeladenbrot und trinkt Mehlsuppe mit Milch. Jedes Zusammensein mit den Lehrenden bedeutet ein Unterwiesenwerden. Jede Bewegung soll mit der Atembewegung in Verbindung gebracht werden, so beim Essen die Kau- und Schluckbewegung, der Umgang mit Tasse und Eßgeräten. Ein Tischdienst, der einschenken und anreichen muß, ist eingerichtet, um auch bei alltäglichen Bewegungen eine Verbindung zum Atemleben aufzuzeigen.

Bei den Tischgesprächen wird seitens der Lehrenden darauf geachtet, daß das bei den vorherigen Übungen Erworbene nicht durch eine „psychische“ Einwirkung gestört wird.

Nach dem Frühstück werden die Stunden verteilt, der Plan liegt immer nur für einen Tag fest. Der Schüler erhält täglich zwei Gesangstunden, von denen eine in Nacharbeiten der ersten bedeutet. Im Wechsel werden außerdem noch jeweils eine Sprech- oder Klavierstunde erteilt. Vor dem Mittagessen finden allgemeine Atemübungen im Freien statt. Nach den Unterrichtsstunden muß der Schüler liegend ruhen, um das Erlebte nachwirken zu lasse. Es wird ihm außerdem nahegelegt, vor- und nachmittags spazieren zu gehen, und zwar allein, um sich auf das Innere zu konzentrieren. Die nun noch verbleibende Freizeit des Tages verbringt der Schüler mit Üben und Lernen. Das Mittagessen beginnt statt mit Suppe wieder mit frischem Obst. Danach folgen ein Gemüsegang und Nachtisch. Die Kost ist gemischt: einmal in der Woche Fleisch, einmal Fisch und ein Rohkosttag sind die Regel. Nach dem Essen ist bis halb 4 allgemeine Mittagsruhe, die möglichst nicht zu Spaziergängen benutzt werden soll. Nach dem Abendessen finden sich Lehrende und Schüler zu etwa einstündigem Gespräch oder gemeinsamer Lesung zusammen. Um zehn Uhr spätestens hat im Hause absolute Ruhe zu herrschen.

Es wird dem Schüler, speziell dem Neuangekommenen, nahegelegt, nachts das Fenster nur ein wenig zu öffnen, und den tiefen Schlaf durch zu reichliche Sauerstoffzufuhr nicht zu beunruhigen.

Der Gleichklang des Woche wird unterbrochen durch zwei andersgeartete Tage, an denen am Vormittag Gruppenstunden gegeben werden. Am Nachmittag findet man sich zusammen, um die Schüler in Einzeldarbietungen singen, sprechen und spielen zu hören. Die Beurteilung erfolgt durch Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen unmittelbar nach jeder Leistung, Jeder Schüler zeigt den jeweiligen Stand seiner Entwicklung auf, und das Programm steht unter keinem gemeinsamen Gesichtspunkt. Am Samstag als Ausklang der Woche findet eine Feierstunde statt, bei der die Lehrenden vorsprechen, vorsingen und vorspielen.

Der Sonntag ist absoluter Ruhetag: es darf nicht geübt oder musiziert werden. Außer einem gemeinsamen Spaziergang und den gemeinsamen Mahlzeiten verbringt jeder den Tag für sich.

 

Clara Schlaffhorst ist in erster Linie Forscherin. Sie lernt an Hand eines reichen Schülerkreises im Laufe der Jahre immer kla[4]rer die Atemtypen erkennen, die sie auf immer direkterem Wege zu einem Idealtyp führen möchte. Besonders interessieren sie Krankheiten und Anomalien im Atem- und Stimmbereich, die sie vor besondere Gegebenheiten stellen auch Schwachsinnige, deren Organfunktionen durch das Denken nicht beeinträchtigt werden, stehen ihrem Forscherherzen besonders nahe. Wir erlebten mehrfach, wie sie mit schwachsinnigen Kindern arbeitete.

Zu ihrem nie endenden Forschungsdrang gesellt sich das Bewußtsein einer inneren Berufung, dem Menschen zu einem „neuen Werden“ zu verhelfen.

Begabt mit einer seltenen Fähigkeit zur intuitiven Schau innerer Organvorgänge, ist für sie der Augenblick der persönlichen Begegnung mit dem Schüler immer das Entscheidende. Erkenntnisse aus Büchern und Lehren anderer nimmt sie eklektisch hinzu, sie auf ihre Weise deutend und auf Formeln bringend.

Den starren Zwang einer Methode lehnt sie ab, da sie nur mit Lebensvorgängen zu tun hat. Ihr Bewußtsein ist ständig auf die Regenerationskräfte in ihr selbst gerichtet, und sie arbeitet unausgesetzt an ihrer Steigerung. Je mehr es ihr gelingt, an sich unbewußte Vorgänge in die Bewußtseinssphäre zu heben, desto klarer erkennt sie auch die Gegebenheiten im Schüler. So empfindet sie sich dem Schüler gegenüber als die Wissende und Gebende. In ihm treten ihr die verschiedensten Anlagen entgegen, von denen sie die kräftigen mehr ruhen läßt, um sich gleich an die zurückgedrängten und geschwächten zu wenden. So glaubt sie eine gleichmäßige Entwicklung zur Totalität anzulegen und zu fördern.

Dabei verlangt sie vom Schüler eine passive Haltung, ein Bereit- und Gestimmtsein. Eine Aktivität des „Menschen“ würde ihre Einwirkung nur stören. Dem Schüler verbleibt nur eine Einkehr in sich selbst. Er muß lernen, Empfindungen von den inneren Vorgängen in sich wachzurufen, um seinerseits ein sich steigerndes Bewußtsein dieser Vorgänge zu erhalten. Eine lange Zeit der Übung ist dazu erforderlich, und die am längsten in ihrer Arbeit stehenden Schüler sind am meisten imstande, ihre Ideen zu verwirklichen. Dabei gibt es aber keinen erlernbaren Stoff, der nach einer bestimmten Zeit zum Abschluß des Gelernten führt, es bedarf immer erneuter Überprüfung und Auffrischung auch praktischer Übungen von Seiten eines andern Geübten.

Es ist für Clara Schlaffhorst als Trägerin ihrer Ideen eine Selbstverständlichkeit, daß für alle, die mit ihrer Person in Berührung kommen, dieses Erlebnis ausschlaggebend für ihren weiteren Lebensweg ist, ja, eine Existenzfrage bedeutet. Daraus ergibt sich ein Meister-Schüler-Verhältnis, das sich zum Meister-Jünger-Verhältnis steigern kann. Dieser persönliche Kontakt wird bei jeder räumlichen Trennung unterbrochen ist brieflich nur schwer aufrechtzuerhalten. Deshalb ist ein Neuaufnehmen des Kontaktes notwendig, worauf sie auch bei den am längsten ausgebildeten Schülern ‑ die in ihren Augen immer Schüler bleiben ‑ Wert legt, weil sie davon überzeugt ist, daß überall außerhalb der Schule die durch sie erworbenen Kräfte verbraucht werden und nur bei ihr erneuert werden können. Diese Tatsache erhellt die Bedeutung, die jeder Schüler seinem Besuch der Schule beimißt, und die Atmosphäre einer Strenge und Reinheit der Ideen ist dazu angetan, ihm die Bedeutung seines Aufenthaltes immer klarer werden zu lassen.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der Ausbildungszeit keine Grenzen gesetzt werden können, sowie aus dem Meister-Jünger-Verhältnis sich für Clara Schlaffhorst die Schwierigkeit ergibt, eine Lehrzeit als abgeschlossen anzusehen und die Lehrbefähigung auszusprechen. Die Ausbildungsschülerin wird nach persönlichem Ermessen von Clara Schlaffhorst zur Helferin ernannt und arbeitet einmal im Jahr drei Monate in der Schule, indem sie mit einigen zugewiesenen Schülern selbständig übt, nachdem sie jeweils in deren Unterrichtsstunden bei Clara Schlaffhorst hos[5]pitiert hat. Nebenbei erhält sie weiter ihren Einzelunterricht als Schülerin. In der Zeit ihrer Abwesenheit von der Schule erprobt sie ihre Erfahrungen und ihre Lehrfähigkeit in Familien und Kinderheimen.

 

Gegenstand des Unterrichts ist die „Natur“ im Menschen, mehr seine konstitutionellen Anlagen als sein Können und Vermögen. Er muß versuchen, diese Anlagen, dieses Naturhafte in sich von seinem Ich zu trennen und sich als ein „Es“ zu sehen, sonst bewirken die aufgedeckten Schwächen und Fehler der „Natur“ in ihm ein Abwerten seiner Person. Durch die Tatsache, daß der „Mensch“ seine „Natur“ als zu ihm gehörig zu bejahen gewohnt war, kann es vorkommen, daß er sich in seinem persönlichen Wertgefühl getroffen sieht, da sich ja die Arbeit gerade seinen schwachen und nicht den starken Seiten zuwendet.

Die Denkkräfte unterstützen die Unterrichtsarbeit insofern, als sie auf Bilder und Symbole gerichtet werden, die in reicher Abwandlung geboten werden. So können sie (die Denkkräfte) nicht mehr hemmend auf die Lebensvorgänge wirken; auf ein Bild konzentriert, lassen sie den anderen Kräften unter Führung des Lehrenden freie Entfaltungsmöglichkeiten. Da der Unterricht in einer Sphäre der Persönlichkeit hinabreicht, die nicht logisch erfaßbar ist, könnte logisches Denken nur störend wirken.

Somit ist der Typ des Schülers festgelegt, der sich mehr weiblich empfangend als männlich aktiv zu verhalten hat. Wir finden in dem Schülerkreis vorwiegend Frauen, männliche Mitarbeiter sind meist Künstlernaturen, die mit dem Spürsinn für die Notwendigkeit, sich mit den regenerierenden Kräften in Verbindung zu setzten, begabt sind. Bleiben die Schüler so die Empfangenden, ist es verständlich, daß jede Eigenwilligkeit im Tun oder Denken störend auf die Arbeitsatmosphäre und das Meister-Schüler-Verhältnis wirken muß. Aus diesem Grunde ist auch das selbständige Üben sehr eingeschränkt.

Als ideale Mitarbeiter erwiesen sich allmählich die Menschen, die in äußerster Werktreue und strenger Reinheit den von Clara Schlaffhorst vorgezeichneten Weg zu gehen vermögen. Ihre Begabung muß auf der Seite des Empfindungsvermögens und Spürsinns für das organische Leben anderer Menschen liegen, nicht dürfen andere Begabungen oder fachliche Interessen sie davon ablenken.

Die folgenden Ausführungen sind nur für den bereits Unterwiesenen bestimmt:

Die von Kofler übernommenen Atemübungen.

1. Übung:  Hauchartiges Ausatmen auf a.

2. Übung:  Abgesetztes Ausatmen, die Luft entströmt durch die kleinstmögliche Lippenöffnung auf pf, in den Pausen wird der Atem durch die geschlossenen Lippen gehalten.

Variante:    In den Pausen kein Anhalten der Luft, sondern weiteres Ausströmen durch die Nase.

Variante:    In den Pausen kurze Luftaufnahme durch die Nase, (kein Einziehen!) bis die Lunge gefüllt ist und die Luft durch den weit geöffneten Mund entweicht.

3. Übung:  Langsames Einschlürfen der Luft durch die kleinstmögliche Lippenöffnung. Hierauf Ausatmung durch weitgeöffneten Mund und zur Beruhigung der Lunge Übg. 2, erste Form.

Variante:    Das Zäpfchen bleibt so locker, daß beim Einschlürfen die Luft durch Nase u. Mund zu gleichen Teilen einströmt.

4. Übung:  Auf der Höhe der Einatmung wird der Atem gehalten, nachdem vorher durch die Nase eingeatmet wurde, der Mund bleibt zu [6] Variante: Halten der Luft bei geöffnetem Munde.

10. Übung: (Farinelli) Einatmen durch kleinstmögliche Lippenöffnung (siehe 3) momentanes Zurückhalten, dann Ausatmen ebenfalls durch kleinste Lippenöffnung. Übg. 2 erste Form anchließen.

Ausatmungsübung: geflüstertes e; mit gehobener Zunge durch den Mund einatmen, aus wie Übg. 1.

Ausatmungsübungen auf allen Strömungskonsonanten einzeln, dann auch innerhalb einer Ausatmung in folgender Reihenfolge: h ‑ f ‑ ss ‑ sch ‑ vorderes ch ‑ hinteres ch.

Atemübungen in Verbindung mit Artikulationsbewegungen: Ausatmen auf geflüstertem u-Pause ‑ Geflüstertes i ‑ einatmen mit gehobener Zunge.

Dreigeteilte Ausatmung: warmer Hauch aus der Lunge ‑ durch weiche Lippenöffnung ‑ bei ab Gespanntem Zäpfchen, Mund zu!

 

Die hauptsächlichen Übungen beim Schwingen.

Die Füsse ruhen auf dem Erdboden, der Körper schwingt frei in der Vertikalebene, vor und zurück, auch seitlich. Das Schwingen wird unterstützt durch antagonistische Bewegungen des Lehrenden, in dessen Hand die Führung der Bewegung und das Ausmaß der Schwingung liegen. Ausgehend von der Atembewegung des Schülers, vertieft er sie einerseits durch Steigerung des Spannungsverhältnisses zwischen Lehrer und Schüler, andererseits dadurch, daß er äußere, die innere Bewegung hemmende Muskelspannungen löst. Im Schüler wird die Empfindung geweckt, daß er eine Waagerechte durchmißt, die der waagerechten Lage von Stimmband und Zwerchfell entspricht.

Kreisen:

In kreisenden Bewegungen erlebt der Schüler ein Unendliches, während beim Schwingen die räumliche Abgrenzung im Anfang und Ende der Linie lag. Der Kreis entspricht der totalen Rundung des Zwerchfells. Erst wenn es in der gesamten Fläche spannfähig ist, wirkt die Kreisbewegung total. Weiter wird eine Beziehung zum großen Blutkreislauf durch das Kreisen aufgenommen.

Rhythmus:

Ausgehend vom dreigeteilten Lebensrhythmus, der aus der Atombewegung heraus erkannt wurde, werden alle Muskelpartien in diesem Rhythmus von Zusammenziehung, Streckung und Lockerheit bewegt. So steht jede Bewegung in innigster Beziehung zum Atemleben.

Entscheidend ist immer wieder die Beobachtung der „unwillkürlichen, aber bewußten Einatmung“, die auf jede Übung zu folgen hat, weil jede vom Menschen gewollte und gemachte Einatmung nur äußere Muskelpartien und kleinste Teile der eigentlichen Atemmuskulatur (Zwerchfell, Zwischenrippenmuskeln) erfaßt. Angestrebt wird das in seiner gesamten Fläche gleichmäßig arbeitende Zwerchfell, das seine Innervationen vorwiegend vom n. phrenicus erhält. (Medizinische Einzelheiten werden in einer besonderen Arbeit gebracht).

Wenn sich keine Gelegenheit zur Unterweisung und zum Schwingen zu zweien bietet, muß der Schüler auch allein versuchen, sich durch diese Übungen mit den Regenerationskräften zu verbinden. Wirkungsvoller ist das Schwingen mit dem Gegenüber auf jeden Fall. Der Unterweisende muß sich ganz auf die Kräfteverhältnisse des anderen einstellen, damit sich diese unter seiner Hilfe entwickeln.

Diese Hilfe wird durch Widerstände gegeben, die der Helfenden aus der Kraft seiner Atemmuskulatur schöpft. Sie wendet sich direkt an die Atemkräfte des Gegenübers und reagiert unmittelbar auf jede falsche Muskelanspannung, die eigne Schwäche der inneren [7] Atemmuskulatur verdecken will.

Solange der Übende noch äußere Muskeln anspannt, fehlen ihm die Empfindungen für die innere Muskulatur; die Schulung sucht diese Empfindungen wachzurufen, damit das Bewußtsein eine Beziehung zu den eigentlichen Lebensvorgängen aufnimmt und von ihnen vollständig ausgefüllt wird. Damit schwindet dem Übenden das Belastetsein durch körperliche Schwere, und er erlebt ein freischwebendes Kräftegleichmaß.

Allgemeine Übungen im Kreis:

Das Schwingen im Kreis setzt schon eine längere Einzelunterweisung voraus. Jedes Glied des Kreises muß schon ein entwickeltes Bewußtsein seiner inneren Kräfte haben, um die Nachbarglieder nicht zu belasten oder als lastend zu empfinden, ebenso ein Einfühlungsvermögen, um sich dem Spannungsgrad des Kreises anzupassen.

Auch diese Übungen bauen sich auf Schwingen, Kreisen und Rhythmus auf. Dadurch, daß mehrere Menschen zu gleicher Zeit gemeinsam ihre Kräfte auf ein Ziel richten, kommt eine Summierung und Steigerung zustande, die in Einzelübungen nie erreicht werden kann. Einzigartig an diesen Übungen ist die Erscheinung, daß die Bewegungen so mit der Atmung übereinstimmen, daß ohne Befehle eine Gleichzeitigkeit der Atmung bei allen Übenden selbstverständlich ist.

An die Atemübungen schließt sich eine leichte Klopfmassage auf den Brustkorb an.

Diese gemeinsamen Kreisübungen werden in zwei Arten ausgeführt: im Freien oder im Raum mit Klavierbegleitung. Der Klavierspielende improvisiert und geht dabei inhaltlich und formal auf die Atembewegungen ein. Die Bewegungsstunden klingen aus in allgemeinem „Tönen“: Jeder singt frei und unbeschwert angehaltene Töne und Skalen auf verschiedenen Vokalen und Klingern. Angestrebt wird dabei ein harmonisches Zusammenklingen.

 

Die Gesangsstunden.

Nach Clara Schlaffhorsts Erkenntnis hat die Stimme besondere Möglichkeiten, auf die Atmung einzuwirken. Sie gehört zu gleichen Teilen dem „Menschen“ und der Natur“ an und ist der Mittler zwischen beiden. Sie wird als „Widerstand gegen die Atmung“ benutzt. Dieser Widerstand ist am stärksten bei einem längere Zeit angehaltenen Ton. Es folgt darauf eine vertiefte unwillkürliche Einatmung. Das Ziel einer jeden Stunde ist, durch so vertiefte Atemzüge die Atemmuskulatur gekräftigt und den gesamten Stoffwechsel angeregt zu haben.

Clara Schlaffhorst erkennt bei jedem Schüler an der Stimme die Gegebenheiten des Atemlebens. Dieses hat zwei hauptsächliche Arten der Äusserung, die zwei Atemtypen entsprechen, diese treten in vielen Abstufungen auf.

Der eine Typ will nur die Luft aufnehmen, hält sie fest und wird dadurch leicht gestaut, was sich bis zu asthmatischen Erscheinungen steigern kann, während der andre Typ zur ständigen Luftabgabe tendiert, was sich entsprechend zu schwindsüchtigen Erscheinungen steigern kann. Beide Typen sind positiv und negativ zu werten. Selbstverständlich wirken sich diese typischen Veranlagungen auf den ganzen Menschen aus und sind in mit dem Atemleben am engsten Verbundenen am meisten zu hören.

Der erstgenannte Typ neigt im Körperbau starker zu Muskel und Knochenbildung (gewölbter breiter Brustkorb) [8] Die Stimme hat metallischen K1ang. Der zweitgenannte ist in Knochen- und Muske1veranlagung eher zierlich, weich, die Stimme zart und schwingend.

Der erste, von Clara Sch1affhorst vielfach „Spannungstyp“ genannt, oft als „Schwingungstyp“ bezeichnet, neigt zu Schlaffheiten.

„Die Schwingungen der Stimme lösen den Krampf, be1eben jede Schlaffheit“. (Clara Schlaffhorst)

Jede Gesangstunde beginnt damit, daß der Schüler aus seiner vorhandenen Luftfülle heraus einen Ton auf den Vokal a von sich gibt. Nun beginnt die Beeinflussung von „Natur“ und „Mensch“ durch die Stimme. Damit das intellektuelle Denken nicht die Lebensvorgänge stört gibt Clara Schlaffhorst Bilder zu Hilfe, die das Denken mit ihren Inhalten gänzlich ausfüllen. Erstrebt wird während der Tonbildung, daß die Luft restlos zu Klang verarbeitet wird. Das ist nur bei exakt arbeitender Atemmuskulatur möglich. Dabei muß der Lehrende aber spüren können, wie weit diese Atemmuskulatur wirklich vorhanden und wie weit sie noch heranzubilden ist. So dienen die Gesangstunden anfänglich nur zur Förderung und Ausbildung der Atemmuskulatur. Voraussetzung für den inneren Aufbau ist der Einsatz der vorhandenen Kräfte, während jede Überbeanspruchung nur zu Krampf und nachfolgender Schlaffheit führt.

Da für Clara Schlaffhorst jeder Mensch mit einem „vollendeten Stimmorgan“ geboren wird, versteht es sich, daß jedem Menschen die Möglichkeit zu singen gegeben ist, ja, noch mehr, die Stimme ist für Clara Schlaffhorst die eigentliche Weckerin und Erhalterin der Lebenskräfte. Deshalb gilt es, jedem Schüler seine Stimme, die oft recht verdeckt und versteckt ist, wiederzufinden.

Also wird bei Clara Schlaffhorst die Stimme nicht gebildet und erzogen für den Ausdruck eines künstlerischen Wollens, sondern sie soll in erster Linie Ausdruck der Persönlichkeit des harmonischen Zusammenwirkens von „Mensch“ und „Natur“ in dem oben aufgezeigten Sinne. (Selbstverständlich kann diese anfängliche Ausbildung und Erziehung der Stimme Grundlage für später sich anschließende künstlerische Ausbildung sein, wenn sich die Begabung zusätzlich als geeignet erweist.)

Hier wird auch verständlich, daß es sich bei Clara Schlaffhorst nicht um eine Stimmbildung im Sinne eines ausgesprochenen Stimmcharakters, der als „Fach“ einzuordnen ist, handelt, sondern sie strebt die allseitig ausgebildete, „Menschenstimme“ an.

Das Übungsmaterial besteht aus einer Reihe von Übungen, die Clara Schlaffhorst von ihrem Lehrer Julius Hey übernommen hat und selbsterprobten, die sie im Laufe der Jahre als wesentlich und hilfreich erkannt hat. Da es sich nicht um das Erwerben einer Gesangstechnik handelt, fallen alle diesbezüglichen Übungen wie Triller, Koloraturen, Staccati, Treffübungen, Resonanz- und Umfangsübungen etc. fort. Das Problem des Einregisters, das alle Gesangspädagogen seit je beschäftigt, gilt für sie durch die Vorstellung der Septime als gelöst. Sie kämpft damit gegen die Vorstellung „hoch-tief“, die durch das Liniensystem der Notenschrift entstanden ist und schaltet eine waagerechte Vorstellung ein, die der waagerechten Lage des Stimmbandes entspricht.

[9] Eine unmittelbare Beeinflussung des Zwerchfells und der übrigen Träger der Atemfunktion erreicht sie durch zahlreiche Vorstellungen, die ein Empfinden und Bewußtwerden von den Funktionen dieser Organe wecken. Aufgebaut sind diese Vorstellungen durchweg aus der Erkenntnis der Wirkung antagonistischer Prinzipien, die aus der Zweiheit ein Drittes hervorwachsen lassen Dieses Dritte, die Mitte zwischen zwei Polen, beispielsweise zwischen Spannung und Abspannung die „Lockerheit“ ist ihr angestrebtes Ziel. So arbeitet sie unentwegt aufbauend an beiden Polen, und diese Arbeit hinterläßt nach jeder Gesangsstunde ein gesteigertes Lebensgefühl und Leistungsfreudigkeit.

Die Sprecherziehung.

Um den Sprechunterricht zu charakterisieren, geben wir einen Aufsatz von Hedwig Andersen wieder, in dem ihre Erkenntnisse als bleibend gültige Tatbestände dargelegt werden. Wir verweisen auf Heft 7 der Mitteilungen der Freunde der Schule Schlaffhorst Andersen 1935 „Die artikulatorische Gesetzmäßigkeit der Sprachlaute“.

Der Klavierunterricht

Aufgebaut und geleitet von Hedwig Andersen, ist der Klavierunterricht für alle Ausbildungsschüler Pflicht.

Selbstverständlich ist er durchdrungen von den Ideen der Schule. Der dreigeteilte Bewegungsrhythmus wird in der Fingerbewegung zugrundegelegt. Die Arm- und Schultermuskulatur soll sich in der Bewegung passiv verhalten. Die Atmung muss in gleichmässig tiefen Atemzügen ablaufen, größere seelische Erregungen sollen sich nur in vertiefter Atmung, aber nicht in gestörtem Ablauf zeigen. Das Bewusstsein des Atemlebens soll während des Spiels erhalten bleiben und nicht durch andere Bewusstseinsinhalte verdrängt werden. Der Spielende sitzt aufgerichtet mit freier Kopfhaltung, damit alle Atmungsorgane (Stimme, Lunge, Zwerchfell) in ihrer Form erhalten bleiben. Auch hier wird das antagonistische Prinzip methodisch angewandt, z.B. bei Aufwärtsbewegung der Tonleiter die Vorstellung des sich senkenden Zwerchfells. Für den Anfangsunterricht benutzt H. Andersen die Schule von Ramann-Volkmann, weil sie von kleinen gesungenen Einheiten ausgeht, dabei die Stimme betätigend und sich lange Zeit auf das Fünffingerspiel beschränkt. Die Anschlagsprobleme (legato, staccata, piano, forte) werden nie von der Arm- u. Handbewegung, sondern stets von der Atmung ausgehend gelöst.

Wie beim Singen steht auch beim Klavierspielen nicht das Erwerben einer Technik im Vordergrunde, sondern es wird auch im Klavierspiel eine Möglichkeit zur Regeneration gesehen. So wird jedes künstlerische Wollen (Dynamik, Agogik, Tempo) in Grenzen gehalten. Daraus ist ein neues Klangergebnis gewachsen: das Spiel klingt frei und ohne jede Hemmung, der Ausdruck ist ohne individuelles künstlerisches Wollen, der Anschlag sachlich nüchterner, neutraler Frische. Dieser ungestörte Ablauf ‑ gleichsam wie ein Naturgeschehen eignet sich am besten zur Wiedergabe alter Klaviermusik, in der ein individueller künstlerischer Ausdruck noch nicht gewollt wird. Dieser Ablauf ermöglicht weitergehend ein von musikalischen Gedanken unbelastetes Spiel, was eine wichtige Voraussetzung beim Improvisieren ist, und es werden Improvisationen zu den allgemeinen Bewegungsstunden auf diese Weise auch von musikalisch und klavieristisch wenig Begabten ohne Schwierigkeiten geleistet.

Bei den Liedbegleitungen wird weitgehend auf den Singenden eingegangen (Pausen zur ruhigen Einatmung). Nicht das Kunstwerk zu gestalten, ist das erste [10] Anliegen sowohl des Singenden wie seines Begleiters, sondern es handelt sich auch hier wieder um ein gemeinsames Bewusstesin von den Lebenskräften und deren Darstellung beim Spielen und Singen.

Das Erbe

Das bisher Gesagte entstammt eigner Anschauung und Arbeit in den letzten 10 Jahren der Schule Schlaffhorst Andersen, die im Kriege 1942 noch übersiedelte von Hustedt bei Celle nach Seefeld in Pommern. Das Jahr 1945 löschte gleichzeitig das Bestehen der Schule und das Leben Clara Schlaffhorsts aus.

Eine Schule, die derart von einer Persönlichkeit getragen und durchdrungen wurde, steht bei deren Ableben vor der Frage, wo nun die Kräfte liegen, die ihr aufs neue Basis und Existenz geben können. Wie schon gesagt wurde, lag in der Person Clara Schlaffhorsts die Idee der Unterweisung von Mensch zu Mensch begründet.

Sie hat aus diesem Grunde kein eindeutiges schriftliches Unterrichtsmaterial hinterlassen. Das Erbe ruht in den Händen der von ihr persönlich ausgebildeten und anerkannten Lehrkräfte. In ihnen lebt das Bewußtsein von der Notwendigkeit regenerierender Arbeit fort. Einige von ihnen haben viele Jahre unmittelbar unter den Augen von Clara Schlaffhorst, ständig von ihr unterrichtet und gefördert, in der Schule gelebt und an der Heranbildung des Nachwuchses mit ihr gemeinsam gearbeitet. Es liegt nahe, daß sie diese Ausbildungsarbeit wieder aufnehmen.

1) Was ist es nun, das sie dem Nachwuchs zu übermitteln haben?

a) muß man nicht einen Unterschied machen zwischen den Erkenntnissen Clara Schlaffhorsts, die aus den Gegebenheiten ihrer Zeit zu verstehen sind und solchen, die eine Reihe von Generationen gültig sein können?

b) in wieweit haben sich die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen manche von ihren Vorstellungen und Bildern fußen, verschoben?

2) Wie müssen die Menschen geartet sein, die sich im besonderen für eine Weitergabe der Arbeit eignen?

3) Kann durch die Arbeit in der „Natur“ der „Mensch“ so umfassend gebildet und gefördert worden, daß eine „Persönlichkeit“ entsteht?

4) Welche Besonderheiten im Stil der Schule resultieren aus der Art der Persönlichkeit Clara Schlaffhorsts und sind nicht wiederholbar?

Zu 1)

Unter Nachwuchs wollen wir zunächst alle Schüler verstehen, die sich überhaupt in die Unterweisung der Schule stellen. Aus dem Namen der Schule „für Atem- Sprech- und Gesangskunst sind mancherlei falsche Einstellungen zur Schule und zum Werk Clara Schlaffhorsts aufgekommen. Zum Erlernen einer Kunst gehört u.a. ‑ aber als sehr wesentlich das Übermitteln einer umfassenden Technik. Daß diese Vermittlung weitgehend fehlte, weil sie nicht gewollt wurde, haben wir oben dargelegt.

Die Schule will auf diesen Gebieten kein Berufskünstlertum auf den Gebieten des Atmens, Singens und Sprechens heranbilden und herausstellen. Sie will eine Lebenshaltung vermitteln, die jedem Menschen zur Erhaltung seines Lebens und zur Steigerung seiner Leistung verhelfen kann.

Diese Haltung besteht darin, daß alle Bewegungen und Tätigkeiten des täglichen Lebens im Einklang mit dem dreiteiligen Atemrhythmus stehen, daß bei jedem gesprochener [11] Wort eine Arbeit an der Stimme und an den Atemkräften hörbar wird und daß auch die Leistung im Großen einem Rhythmus unterliegt, der ihr immer wieder eine Regenerationsmöglichkeit schafft und den Abbau speziell der Nervenkräfte verhindert. An aufrechter Haltung, freiem Gang und schwingender reiner Sprache sollen die Menschen erkennbar sein, die durch solche Lebensschule gegangen sind. Daß diese Arbeit als Grundlage für jeden Beruf gelten kann, wird nun verständlich; daß sie schon in die Kindererziehung eingebaut werden sollte, wäre wünschenswert.

Um den Menschen in seiner Gesamtheit, seinen Bewegungen, seiner Sprache, seiner Einstellung zum Leben zu erfassen, bedarf es einer Schule, eines Hauses, in dem er allseitig geformt werden kann. In dieser Schule müssen Lehrende tätig sein, die als bedeutendstes Erbe Clara Schlaffhorsts mitbringen: die Fähigkeit zu hören, welche stimmlichen Vorgänge sich beim Singen und Sprechen abspielen und den Blick und das Empfindungsvermögen für die Funktionen der Atemorgane.

Der Lehrweg, den sie einschlagen, ist bestimmt durch ihre eigene Lernzeit bei Clara Schlaffhorst und die Aufzeichnungen, die sie sich privat während dieser Lernzeit gemacht haben. Manches aus diesen Aufzeichnungen ist aber nur als augenblickliche Hilfe einer einmaligen Situation zu werten und nicht als wissenschaftlich haltbare These oder Realität. Manches ist auch von der Wissenschaft überholt und hat an Bedeutung verloren. Clara Schlaffhorst selbst hat ja im Laufe der über 40 Unterrichtsjahre vieles geändert und verworfen, was ihr zeitweilig bedeutungsvoll erschienen war. Gültigkeit behalten für eine Reihe von Generationen dürften aber einige Grundideen, die wir in folgendem noch einmal zusammenstellen.

1. Der dreigeteilte Lebensrhythmus (übertragen auf alle Bewegungen der Muskeln und Organe)

2. Die Idee des Antagonismus (Zwerchfell-Stimme, Zwerchfell-Lunge)

3. Die unwillkürliche aber bewußte Einatmung.

4. Wirkung und Einfluß der Stimmschwingungen auf den gesamten Stoffwechsel.

Allem voran aber ist die Erkenntnis zu setzen, daß eine Erziehung zum Bewußtmachen an sich unbewußter Vorgänge einzusetzen hat.

Es muß nun noch einmal auf die bereits erwähnten Bilder eingegangen werden, die Clara Schlaffhorst dem Schüler gab, um das Denken richtig zu lenken und die von den von jetzt ab Lehrenden auch wieder benutzt werden.

Da sind die geometrischen Figuren, die im Laufe der Jahre als wirksame Hilfe erkannt wurden: Punkt, Linie, Kreis, einfache Spirale, Doppelspirale, gleichseitiges Dreieck, Quadrat.

Die Reihenfolge des dreigeteilten Lebensrhythmus von Spannung, Abspannung, Lockerheit, genommen aus dem musikalischen Dreiertakt (der leichten auftaktigen 3, der betonten volltaktigen eins und der mittleren schwebenden zwei) hat Clara Schlaffhorst auf vielerlei Formeln übertragen, z.B. „Werden-Sein-Vergehen“. Das ist aus ihrer Freude heraus zu verstehen, immer neue Entsprechungen zu entdecken. Für den Nachfolgenden ist es wichtig, über der Vielfalt der Deutungen nicht die Einmaligkeit der Grundform zu verkennen.

Auch geometrische Körper werden um ihrer Bildwirkung willen benutzt. Sie sollen die Möglichkeit einer vollendeten Form der Organe veranschaulichen.

Bild der Septime mit allen Varianten ist die Projektion der 7 Töne g-a-h-c-d-e-f [12] in die Stimmebene. Man darf die Septime nicht als körperliche Realität auffassen, d.h. daß in Wirklichkeit das g hinten auf dem Stimmband angesungen wird und alle andern 6 Töne in einer räumlichen Entfernung folgen, sondern es hat sich gezeigt, daß die Vorstellung dieser Tonfolge innerhalb einer Ebene von außerordentlich günstiger Wirkung auf die Tonerzeugung ist. Es wäre noch eine stattliche Reihe von Bildern zu nennen, die sich als Varianten der Septime auf der Siebenzahl aufbauen. Sie alle haben ihre Bedeutung im Unterricht für die Entwicklung der Schüler bewiesen, sie werden an andrer Stelle zu nennen sein. Hier sei daran erinnert, daß letzten Endes alle Bilder zurückzutreten haben vor der wachen Empfindung des richtigen Ablaufs von Atmung und Stimme.

Zu erwähnen sind noch Bilder, in denen Clara Schlaffhorst Wortformen und Begriffe aus den Gebieten der Theologie, Philosophie, Psychologie, Biologie und von Weltanschauungen benutzte. Da sie aus ihren Zusammenhängen herausgelöst sind, entbehren sie der wissenschaftlichen Grundlage und tragen nicht sonderlich zur Verdeutlichung der eigentlichen Ideen bei.

Clara Schlaffhorsts Terminologien sind in Gefahr, durch die Nachfolgenden und durch Schüler, die nur wenig persönliche Unterweisung von ihr erfuhren, mit anderen als von ihr verstandenen Inhalten gefüllt zu werden. Es liegt nahe, daß in einer fast 50jährigen Arbeitszeit sich mehrere konzentrische Kreise um Clara Schlaffhorst gebildet haben, deren innerster mit Schülern, die in ständiger Verbindung zu ihr standen, sehr klein, deren äußere sehr groß waren. Zu diesen im äußeren Kreise stehenden gehören Menschen, die sich schnell einiger Begriffe bemächtigten und die Terminologien mit subjektiven Inhalten füllten.

Es liegt eine Besonderheit darin, daß die praktischen Atemübungen (das Schwingen) nicht in bestimmten vorgeschriebene Handgriffen zu bestehen haben, ebenfalls, daß die Sprech- und Gesangstunden keinem bestimmten Ablauf unterliegen, sondern es ist die jedesmalige neue Aufnahme und Empfindungsfähigkeit des Lehrenden für die inneren Gegebenheiten des Schülers notwendig.

Zur Reinhaltung des Werkes von Clara Schlaffhorst sind daher nur die Lehrkräfte befähigt, deren Unterweisung frei von aller Schablone, aber auch frei von subjektiver Umbiegung des Gedankengutes, gleichsam dienend dem „Geiste“ der Schule, geartet ist.

zu 2:

Entsprechend muß eine Auswahl getroffen werden hinsichtlich des Nachwuchses der Ausbildungsschüler. Nach dem Gesagten leuchtet es ein, daß man nicht auf Menschen mit besonderen Talenten und Begabungen sehen muß, sie werden immer nach fachlicher Ausbildung verlangen. Wie schon oben angedeutet, ist es im Laufe der Jahre immer wieder vorgekommen, daß solche Schüler, durch den Namen der Schule veranlaßt, eine fachliche Ausbildung ihrer Talente und Begabungen (Schauspieler und Sänger) vermißten, und es sei deshalb an dieser Stelle ernstlich der Vorschlag gebracht, die Schule hinfort nicht mehr für „Atem- Sprech- und Gesangskunst“ zu nennen, sondern einfach „Schule Schlaffhorst-Andersen“, da sie durch ihre Begrenzung im angedeuteten Sinne einmalig wird und es zu keiner Verwechslung mit andern Instituten kommen kann.

Soweit bei den Übungen musikalisches Tun verlangt wird, ist es nicht auf besondere Musikalität angewiesen. Was von einer fertig ausgebildeten Lehrkraft verlangt wird, kann von einer durchschnittlichen Musikalität erreicht werden.

Wünschenswert und eigentlich Voraussetzung für die [13] spätere Lehrtätigkeit ist die Gesundheit der Organe und eine entwickelbare intuitive Fähigkeit, das Gegenüber in seiner Organtätigkeit, den Funktionen, auf zunehmen.

Die pädagogische Begabung muß in einer gewissen Unermüdlichkeit, das Erworbene weiterzugeben und das „Falsche“ richtig zu stellen ‑ kurz, am „Leben“ zu arbeiten, bestehen.

Charakterlich verlangt der Beruf des Lehrenden, seine Person in den Dienst des Schlaffhorst-Werkes zu stellen, sich von ihm formen zu lassen, sein Lehen danach einzurichten.

Zu 3:

Anschließend an unsere terminologischen Betrachtungen am Anfang dieses Artikels kommen wir noch einmal auf die „Persönlichkeitsbildung“ zurück.

Clara Schlaffhorst glaubt, durch die restlose Verarbeitung der Luft beim Singen und Sprechen eine Vollendung in der Stoffwechseltätigkeit zu erreichen, die belebend auf alle Organe, einschließlich Gehirn, wirkt. Diese Belebung fordert ein organverbundenes Denken. Die „Psyche“ lebt nicht mehr ihr Eigenleben und wirkt nicht störend, sondern ruht im allgemeinen Seelenbereich und wird von ihm gespeist.

Die Lehrtendenz Clara Schlaffhorsts wendet sich vorwiegend an die Seite der „Natur“, ohne auf den „Menschen“ besonders einzugehen. Sie möchte dabei erreichen, daß die „Natur“ ohne Störung durch den „Menschen“, d.h. durch „menschliches Erleben oder Denken“ gedeihen und in ihren Funktionen ablaufen kann. Da ihr bei den meisten Schülern, mit denen sie arbeitete, der „Mensch“ im Übergewicht gegenüber der „Natur“ entgegentrat, mußte sie diese Seite bewußt zurückstellen und sich der anderen zuwenden. Sie war dabei der festen Überzeugung, daß, wenn sie die „Natur“ stärkte und in ihren Funktionen entwickelte, der „Mensch“ ohne besondere Erziehung ihrerseits, seine Formung erführe und somit die „Persönlichkeit“ in ihrem Sinne entstehe.

Es hat sich aber gezeigt, (und ist eine von der Psychologie anerkannte Tatsache) daß eine Seite in Menschen, die keine Beachtung und Formung erfährt und der kein Stoff zur Betätigung geboten wird, in Gefahr ist, entweder zu verkümmern oder sich in Formlosigkeit zu verlieren und Auswüchse zu zeitigen.

Wenn einem Menschen der Aufbau seiner Kräfte als tägliches Lebens- und Arbeitsziel vor Augen gestellt wird, so liegt es nahe, daß er von einer Angst erfaßt wird, diese Kräfte bei jeder Leistung, die von ihm verlangt wird, zu verbrauchen und zu verlieren. Sein Sinn richtet sich ausschließlich auf Erhaltung dieser Kräfte und seiner selbst. Das kann führen zu einer egozentrischen Haltung der Welt und ihren Aufgaben gegenüber. Das kann weiter führen zu einer dieser Haltung verwandten Haltung: einem Gefühl des Auserwähltseins, da ja nur in diesem Kreis Kenntnisse solcher Art vermittelt werden. Auserwählt auch deshalb, weil er eine Bereicherung seiner Bewußtseinsinhalte erfahren hat, deren Fehlen er bei den andern Menschen als Dumpfheit und Unentwickeltsein empfindet.

Berechtigt ist dieses Gefühl des Auserwähltseins überall da, wo der Mensch sich verpflichtet fühlt, den andern Menschen aus ihrer „Dumpfheit“ herauszuhelfen. Die Verpflichtung liegt in dem Willen zur gesteigerten Leistung. Fehlt dieses letzte Erlebnis, fehlt der wohl wesentlichste Schritt in der Persönlichkeitsbildung.

Es stellt sich nun die Frage, ob die Persönlichkeitsbildung erfüllt wird auf einem Wege, auf dem vorwiegend an der „Natur“ gearbeitet wird, die andre Seite aber, der „Mensch“ keine Formung erfährt. Wird nicht die Blickrichtung zu sehr eingeengt durch das unmittelbar zu erreichende [14] Ziel, wo doch wesentliche Formung beim Menschen passiert durch Mittelbares, so die Begegnung mit andern Menschen, die nichts von dieser Arbeit wissen. Gehört nicht zur Persönlichkeitsbildung die Disziplinierung im Sittlichen, durch die jeder Mensch jedem Menschen eine Bereicherung bedeutet, auch wenn er nicht schwingend spricht, richtig atmet, ihm sogar negativ gegenübertritt und ihm „Kraft nimmt“?

Es ist nun noch zu erwähnen, wie sich der durch die Schlaffhorstarbeit gebildete Mensch zur Kunst verhält. Es werden in der Ausbildung Kunstwerke herangezogen (Lieder, Gedichte, Klaviermusik) die auch zur Darstellung gelangen. Nach dem Gesagten ist es einleuchtend, daß auch hier wieder in erster Linie auf einen ungestörten Ablauf der Funktionen und ein gesteigertes Atemleben der größte Wert gelegt wird. Im Gegensatz zu einer künstlerischen Leistung, bei der das Atemleben restlos dem Gestaltungswillen des Ausführenden folgt wird hier eine Leistung erreicht, bei der Stimm- und Sprachgebung vom Atemleben gesteuert und bestimmt werden. Wenn ein solcher Ablauf der Funktionen, ungestört durch künstlerischen Willen, einmal in Erscheinung tritt, wird er außerordentlich bejaht und hervorgehoben, gerade weil er so selten eintritt. Meist entspricht die Stärke und Gesundheit der Organe nicht dem künstlerischen Wollen, und es entsteht eine Disharmonie zwischen Wollen und Können, für die ein bei Clara Schlaffhorst Geschulter besonders empfindlich ist.

Den Zugang zu dieser Art Stimm- und Sprachgebung finden die Menschen leicht, bei denen eigner künstlerischer Wille fehlt und bei denen keine Störungen durch eigenes „psychisches“ Leben und Denken eintreten. Wie schon beim Klavierspiel bemerkt wurde, hat sich auch ein eigenes Stimm- und Sprachideal herausgebildet: der Ton ist frei von subjektiver Färbung, ihm fehlen Vibrato Tremolo, er hat etwas Unpersönliches, wie ein Instrumentalton, etwa einer Oboe. Es fehlt der sinnlich schwellende Wohlklang, er ist vorzüglich geeignet für die Wiedergabe vorbachscher Kirchenmusik und die gegebene Grundlage für den Volksliedgesang. Bei der Verschmelzung mehrerer in der Art geschulter Stimmen gibt er die Möglichkeit eines idealen Chorklanges.

In der Sprachbildung liegt der Hauptwert in einer dialektfreien, gutdurchgearbeiteten und kultivierten Alltagssprache. Märchenerzählen und volkstümliche Dichtung sind auch hier die Gebiete, wo diese Sprache Erfüllung und Vollendung bringen kann.

Für alle Zweige des Künstlerberufes, die subjektive Inhalte und Gestaltungen in Stimm- und Sprachgebung verlangen, ist diese Tongebung unzureichend, wohl aber könnte ihr eine künstlerische Ausbildung aufgestockt werden, wenn die nötigen Begabungen hinzukommen.

zu 4:

Das anfangs geschilderte Gesicht der Schule ist geprägt durch Persönlichkeit und Leben Clara Schlaffhorsts. Als Mensch der Jahrhundertwende lag ihr ein gewisses Pathos, das ihren persönlichen Lebensstil kennzeichnet. Besondere Ehrfurcht zollte sie den Künstlern ihrer Zeit, sie galten ihr als begnadete Menschen, deren Zeitgenossen es ein Bedürfnis war, ihnen königlich zu huldigen. So ist es zu verstehen, wie es zu dem anfangs geschilderten strengen, oft weihevollen und feierlichen Stil in der Schule kam.

Daß dieser Stil heute als vergangen angesehen werden muß, bedarf keiner weiteren Worte. Es ist verständlich, wenn die Lehrenden, die jahrelang mit Clara Schlaffhorst [15] und Hedwig Andersen gelebt haben, ihnen und ihrem Werk äußerste Treue bewahren wollen, indem sie an dem Stil des Hauses und der Unterrichtsweise bis ins einzelne festhalten. Die heute Lebenden sind aber durch eine Reihe von Wandlungen gegangen, die sie zwangsweise zu einer völlig anderen Einstellung den Dingen und der Zeit gegenüber geführt haben. Durch Kriege, die Not und Elend im Gefolge hatten, ist ihr Sinn für das Wesentliche geschärft worden, das Bedürfnis, nach äußerem Glanz, Namen, Persönlichkeitskult ist weitgehend abhanden gekommen. Ein Suchen und eine Sehnsucht nach geistigen und religiösen Werten ist bei vielen wach geworden, soziale und charitative Aufgaben verlangen ein Zurückstellen der eigenen Person.

Dieser Wandlung und Sinnesänderung Rechnung zu tragen, ist die Aufgabe derer, die Clara Schlaffhorsts Werk in Form einer neuen Schule wieder ins Leben rufen wollen. Wird man den alten Stil beibehalten, so wird sich das bei den Nachwuchsschülern hemmend auswirken, und es wird ihnen eine Entwicklung vorenthalten, die ihnen unbedingt zuteil werden muß. Man tut also Clara Schlaffhorst kein Urrecht, wenn man Zeitgebundenes ihrer persönlichen Art nicht wiederholt, im Gegenteil, ihr Werk wird unberührt davon bestehen können. Es muß also ein in jeder Beziehung sachliches Verhältnis, bar jeden Persönlichkeitskultes zwischen Lehrenden und Schüler angestrebt werden. Ebenso ist eine gewisse hierarchische Ordnung und Abstufung von „Anfänger“, „Fortgeschrittenem“, „Ausbildungsschüler“, „Hilfslehrer“, „einfacher Lehrer“ und „Meister“ nicht angebracht.

Die Beibehaltung des Tagesplanes ist durchaus zu vertreten. Ergänzend für den Klavierunterricht wäre das Fach Improvisation für die rhythmischen Stunden einzufügen, ebenso sollten den Ausbildungsschülern die psychologischen Voraussetzungen der Kindheit und Jugend vermittelt werden, damit Sie bei der Menschenbeurteilung eine Hilfe hätten. Sobald sie zu unterrichten beginnen, müßte ein regelrechter Lehrprobenplan mit Hospitieren seitens der Lehrenden für sie eingerichtet werden.

Wo sollen die aus ausgebildeten Lehrkräfte nun eingesetzt werden? Da die Arbeit ‑ wie schon dargelegt, als Lebensgrundlage für jeden Menschen und jeden Beruf angesehen werden muß, würde es für jede Fachschule eine Bereicherung sein, eine solche Lehrkraft zur Verfügung zu haben, die den Studierenden den Sinn solchen Arbeitens an sich selbst aufzeigt und ihnen zu gesteigerter Leistung verhilft.

Besonders fruchtbar ist die Arbeit an Pädagogischen Akademien, Schausspiel- und Predigerseminaren, Konservatorien, Rhythmikseminaren, Werk- und Meisterschulen, Kindergärtnerinnenseminaren etc. Die Arbeit mit Kindern soll in einer Sonderdarstellung gezeigt werden, hier noch einige Vorschläge für Übungsmaterial im Singen, Sprechen und Klavierspiel.

Liedgut, das zur Arbeit mit Schülern geeignet ist: Jödes Sammlung „Frau Musika“ enthält eine stattliche Reihe von Volksliedern aller Zeiten, ebenso volkstümliche Kunstlieder von J.A.P. Schulz, Reichardt, Zelter.

Robert Franz, Schumann, Brahms, Schubert sind soweit zu benutzen als sie sich in schlichten, volksliednahen Tönen äußern. Vorbachsche geistliche und weltliche Lieder und Arien (Krieger, Albert, Selle, Erlebach, Telemann, Schemellische Sammlung).

Aus dem großen Gesangshey eignet sich eine Reihe. Für den Chorgesang kommt je nach Besetzungsmöglichkeiten alle Literatur in Frage. Besonders sei auf den zeitgenössischen a-capella-Stil verwiesen.

Für den Sprechunterricht nennen wir den „kleinen Hey“, Gedichte von Eichendorff, Keller, Meyer, Storm, Droste, Hebbel, die allgemeingültige und volkstümliche Inhalte und Sprachgebungen enthalten und kein besonders persönlichen und [16] differenzierten Ausdruck verlangen. Beim Vorsprechen halte man sich von allzu bekannten Texten, die von anerkannten Künstlern gesprochen werden, fern. Übungen im Märchenerzählen seien besonders empfohlen.

Klaviermusik:

Hier sei auf die vorbachsche Klaviermusik hingewiesen (Froberger, Kerll, Fischer, Kuhnau, Rameau, Couperin, Daquin, Telemann u.a.) Beim Vorspielen von Bach und Händel hüte man sich vor zu bekannten Stücken. Dasselbe gilt für die Klassik und alle Nachfolgenden. Überall da, wo die Wiedergabe einen individuellen künstlerischen Ausdruck verlangt, muß der Schüler die dazu nötige Begabung mitbringen. Im anderen Falle wird man einmal dem Kunstwerk nicht gerecht, zum andern bleibt der Schüler in der irrtümlichen Hoffnung befangen, seine Wiedergabe sei schon die richtige, und er ist in Gefahr, auch in andern Fällen das Urteilsvermögen zu verlieren.

Literatur:

Leo Kofler, „Die Kunst des Atmens“, Leipz. 1897

Clara Schlaffhorst, Hedwig Andersen, „ Entwicklung der gestaltenden Kräfte aus dem Rhythmus der Atmung“. Vortrag, gehalten 1926 in Celle

H. Andersen, „Die artikulatorische Gesetzmäßigkeit der deutschen Sprachlaute“ in Heft 7 der „Mitteilungen für die Freunde der Schule Schlaffhorst Andersen 1935

Clara Schlaffhorst, „Stimmorgan und Stimmphenomen“ in Heft 11 der gleichen Reihe

Clara Schlaffhorst, „Die Stimme des Menschen“ in Heft 11 der gleichen Reihe 1939

 

geschrieben 1945/6 von Elisabeth Goebel und Waltraut Seyd



Ende Aussrpüche von Clara Schlaffhorst
 

 


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