Aussprüche von Clara
Schlaffhorst
Goebel, Elisabeth / Seyd, Waltraut: Schule
Schlaffhorst-Andersen. Versuch einer Darstellung des Werkes von Clara Schlafffhorst
und Hedwig Andersen. [1945/6]
[1] Das Folgende ist
entstanden aus einem Bedürfnis nach Klarheit. Es ist ein Versuch, das Werk Clara
Schlaffhorsts und Hedwig Andersens, wie wir es in den Jahren von 1935 bis 1945
erleben durften, darzustellen. Unsere Überlegungen galten auch dem „Erbe“, dem,
was nach dem Tode Clara Schlaffhorsts verblieben ist, um als Grundlage einer
neu zu errichtenden Schule zu gelten.
Wenn wir im
Text zumeist nur den Namen Clara Schlaffhorst setzen, so ist Hedwig Andersen
immer mit gemeint; es sei an dieser Stelle gesagt, daß überall und zu jeder
Zeit, wo Clara Schlaffhorst mit einer Idee ihr Werk bereicherte, Hedwig
Andersen untrennbar mit ihr verbunden und eins war, ja, vieles ist wohl in
Beiden zugleich wach geworden und wurde dann in die Tat umgesetzt. Uns Schülern
bot sich der Eindruck, daß Clara Schlaffhorst den ständig sich erneuernden und
verjüngenden Geist, Hedwig Andersen das ruhig bewahrende, vertiefende Wissen
verkörperte.
Clara
Schlaffhorst, 1863-1945, gehört zu jenen bedeutenden Erscheinungen der
Jahrhundertwende, die ein besonderes Empfindungsvermögen für die
Notwendigkeiten und Aufgaben ihrer Zeit mitbrachten.
Der um sich
greifende Materialismus hatte auf gesundheitlichem Gebiet eine ständig
wachsende Degeneration zur Folge: die Instinkte schwächten sich ab, und die
Denkkräfte verlagerten sich zu Ungunsten der vitalen Kräfte auf die Seite des
Intellekts.
Clara
Schlaffhorst erkennt, wie negativ sich dieses gestörte Gleichgewicht auf den
Menschen auswirkte. Ihre Aufgabe erkennt sie darin, sich der vernachlässigten
Seite ‑ der vitalen Kräfte ‑ zuzuwenden. Sie nennt diese Seite des Menschen
seine „Natur“ oder „Das Naturhafte“ und stellt den „Menschen“ in Gegensatz
dazu. Hier ist es notwendig, eine Terminologie ihrer Ausdrucksweise zu geben,
weil in den folgenden Ausführungen diese Begriffe in dem angeführten Sinne
verstanden werden müssen.
|
Persönlichkeit
|
|
„Mensch“
|
„Natur“
|
|
umfaßt das organische Leben im
Menschen, zeigt sich als „Geist, der die Organe belehrt, sich ihrer Art und
ihrem Zweck gemäß zu betätigen;
|
dem „Geist gegenüber steht der
„Intellekt“, das materialistische, rein verstandesmäßige Denken, das hemmend
und schädigend auf die Lebensvorgänge einwirkt;
|
|
als „Seele, göttlicher Odem,
(pneuma) der dem Menschen bei der Geburt eingeblasen wird und ihn „zur
lebendigen Seele“ macht,
|
der „Seele“ gegenüber steht die
Psyche“, der Inbegriff menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens.
|
|
[2] als „Leib“, lebendiger Organismus,
durchwoben von „Geist“ und „Seele“ im obigen Sinne. Das „unsichtbare“
(Novalis)
|
dem „Leib gegenüber steht der
„Körper“, die Materie, der Stoff, verlassen von „Geist“ und „Seele“
preisgegeben den zerstörenden krankmachenden Kräften, das „Sicht- und
Fühlbare“
|
Eine
harmonische Persönlichkeit kommt nach Clara Schlaffhorst erst dort zustande wo
eine Durchdringung von „Natur“ und „Mensch“ in dem oben gezeigten Sinne
stattgefunden hat.
Aus der Erkenntnis
heraus, daß der Mensch“ der „Natur“ zumeist störend und kräftemindernd
entgegentritt, mußte Clara Schlaffhorst die „Natur“ dem „Menschen“ vorziehen. Sie enthält die eigentlichen Lebenskräfte,
und nur ihr ist es möglich sie
ständig zu erneuern.
Durch eigene
Not (Stimmschäden bei Ausübung ihres Berufes) wird sie auf ein intensives
Studium der Atmung verwiesen. Sie erkennt die Möglichkeit der unmittelbaren
Beeinflusung der Atmung durch die Stimme, ja, ein vollendetes Atemleben ohne
Wechselwirkung mit der Stimme ist ihr nicht denkbar.
Es handelt sich
um ein Bewußtmachen von Vorgängen, die sonst unbewußt ablaufen und hier liegt
für Clara Schlaffhorst die eigentliche Aufgabe des „Menschen“, bewußt an der
„Natur“ in ihm, den Regenerationskräften zu arbeiten.
Das Neue, das
diese Arbeit von anderen Atemsystemen abhebt ist die Erkenntnis der
„unwillkürlichen, aber bewußten Einatmung“.
Diese Atmung
als Lebensrhythmus in dreiteiligem Ablauf in Parallele zu andern dreiteiligen
Lebensrhythmen gesehen zu haben, ist eine weitere bahnbrechende Erkenntnis
Clara Schlaffhorsts.
So sind ihr die
Wege gewiesen, durch Atmung und Stimme an der Erneuerung der Lebenskräfte zu
arbeiten und den Erscheinungen von Krampf und Schlaffheit, die ihr ständig an
ihren Schülern auffallen, entgegenzutreten. Sie erhebt diese Erkenntnisse zum
Lebensprinzip ‑ damit ist der „Schule“ die Richtung gewiesen ‑ und lebt von nun
an der Überzeugung, durch ihre Arbeit an der „Natur“ neue Wege zur
„Persönlichkeitsbildung“ zu beschreiten.
Nach dem
Gesagten versteht es sich, daß diese „Schule“ inselhaften Charakter haben
mußte. In ländlicher Abgeschiedenheit „fern den Geräuschen der Außenwelt“,
finden Lehrende und Schüler die nötige Ruhe, um sich auf die Arbeit „am
Inneren“ zu konzentrieren. Das Leben in der Schule wird getragen und gestaltet
durch die Ideen und Erkenntnisse Clara Schlaffhorsts. So ist eine
Gesetzmäßigkeit im Tageslauf zu erkennen, die dem Leben der Schüler und
Lehrenden Form und Richtung verleiht.
Beim Erwachen
nach der Nachtruhe wird das Bewußtsein sogleich auf die inneren Lebensvorgänge
gelenkt. Durch Atem- und Stimmübungen werden die Funktionen, der Organe
angeregt und für die Aufgaben des Tages vorbereitet.
Vor dem
Frühstück finden, im Freien Atemübungen in Einzelbehandlung statt, die eine erste
Überprüfung des Schülers durch den Lehrenden bedeuten und eine Lenkung und
Steigerung des vorher allein Erfahrenen bewirken.
Zweimal in der
Woche finden Übungen im Kreise statt, bei denen es darauf ankommt, das allein
Erfahrene in der Gemeinschaft zu erproben. Nach allen Übungen wird dem Schüler
eine Zeit der Besinnung nahegelegt.
[3] Im Anschluss an diese
Übungen setzt die erste stimmliche Unterweisung ein. Die Schüler versammeln
sich, und aus ihrer Mitte hat ein Einzelner eine selbstgewählte Sprechübung von
Julius Hey vorzusprechen. Dabei soll
sich zeigen, wie weit sich der Schüler bewußt mit den Lebensvorgängen in
Verbindung setzen und sie durch die Stimme zum Ausdruck bringen kann. Auch hier
wieder ist der Sinn der Übung eine Lebenssteigerung, die sich in einer
vertieften unwillkürlichen Einatmung nach vollendeter Übung kundtut. Die
anschließend gemeinsam gesprochene Übung gibt jedem Gelegenheit, das soeben
Gehörte für seinen eigenen Stimmvorgang zu erproben.
Auch in der
Ernährung finden sich Clara Schlaffhorsts Gedanken wieder. Das Frühstück
beginnt mit frischem Obst, dem trockenes Brot zur Anregung der Speicheldrüsen
beigegeben wird. Danach ißt man Butter und Marmeladenbrot und trinkt Mehlsuppe
mit Milch. Jedes Zusammensein mit den Lehrenden bedeutet ein Unterwiesenwerden.
Jede Bewegung soll mit der Atembewegung in Verbindung gebracht werden, so beim
Essen die Kau- und Schluckbewegung, der Umgang mit Tasse und Eßgeräten. Ein
Tischdienst, der einschenken und anreichen muß, ist eingerichtet, um auch bei
alltäglichen Bewegungen eine Verbindung zum Atemleben aufzuzeigen.
Bei den
Tischgesprächen wird seitens der Lehrenden darauf geachtet, daß das bei den
vorherigen Übungen Erworbene nicht durch eine „psychische“ Einwirkung gestört
wird.
Nach dem
Frühstück werden die Stunden verteilt, der Plan liegt immer nur für einen Tag
fest. Der Schüler erhält täglich zwei Gesangstunden, von denen eine in
Nacharbeiten der ersten bedeutet. Im Wechsel werden außerdem noch jeweils eine
Sprech- oder Klavierstunde erteilt. Vor dem Mittagessen finden allgemeine
Atemübungen im Freien statt. Nach den Unterrichtsstunden muß der Schüler
liegend ruhen, um das Erlebte nachwirken zu lasse. Es wird ihm außerdem
nahegelegt, vor- und nachmittags spazieren zu gehen, und zwar allein, um sich
auf das Innere zu konzentrieren. Die nun noch verbleibende Freizeit des Tages
verbringt der Schüler mit Üben und Lernen. Das Mittagessen beginnt statt mit
Suppe wieder mit frischem Obst. Danach folgen ein Gemüsegang und Nachtisch. Die
Kost ist gemischt: einmal in der Woche Fleisch, einmal Fisch und ein Rohkosttag
sind die Regel. Nach dem Essen ist bis halb 4 allgemeine Mittagsruhe, die
möglichst nicht zu Spaziergängen benutzt werden soll. Nach dem Abendessen
finden sich Lehrende und Schüler zu etwa einstündigem Gespräch oder gemeinsamer
Lesung zusammen. Um zehn Uhr spätestens hat im Hause absolute Ruhe zu
herrschen.
Es wird dem
Schüler, speziell dem Neuangekommenen, nahegelegt, nachts das Fenster nur ein
wenig zu öffnen, und den tiefen Schlaf durch zu reichliche Sauerstoffzufuhr
nicht zu beunruhigen.
Der Gleichklang
des Woche wird unterbrochen durch zwei andersgeartete Tage, an denen am
Vormittag Gruppenstunden gegeben werden. Am Nachmittag findet man sich
zusammen, um die Schüler in Einzeldarbietungen singen, sprechen und spielen zu
hören. Die Beurteilung erfolgt durch Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen
unmittelbar nach jeder Leistung, Jeder Schüler zeigt den jeweiligen Stand
seiner Entwicklung auf, und das Programm steht unter keinem gemeinsamen Gesichtspunkt.
Am Samstag als Ausklang der Woche findet eine Feierstunde statt, bei der die
Lehrenden vorsprechen, vorsingen und vorspielen.
Der Sonntag ist
absoluter Ruhetag: es darf nicht geübt oder musiziert werden. Außer einem
gemeinsamen Spaziergang und den gemeinsamen Mahlzeiten verbringt jeder den Tag
für sich.
Clara
Schlaffhorst ist in erster Linie Forscherin. Sie lernt an Hand eines reichen
Schülerkreises im Laufe der Jahre immer kla[4]rer die Atemtypen erkennen, die sie auf immer
direkterem Wege zu einem Idealtyp führen möchte. Besonders interessieren sie
Krankheiten und Anomalien im Atem- und Stimmbereich, die sie vor besondere
Gegebenheiten stellen auch Schwachsinnige, deren Organfunktionen durch das
Denken nicht beeinträchtigt werden, stehen ihrem Forscherherzen besonders nahe.
Wir erlebten mehrfach, wie sie mit schwachsinnigen Kindern arbeitete.
Zu ihrem nie
endenden Forschungsdrang gesellt sich das Bewußtsein einer inneren Berufung,
dem Menschen zu einem „neuen Werden“ zu verhelfen.
Begabt mit einer
seltenen Fähigkeit zur intuitiven Schau innerer Organvorgänge, ist für sie der
Augenblick der persönlichen Begegnung mit dem Schüler immer das Entscheidende.
Erkenntnisse aus Büchern und Lehren anderer nimmt sie eklektisch hinzu, sie auf
ihre Weise deutend und auf Formeln bringend.
Den starren
Zwang einer Methode lehnt sie ab, da sie nur mit Lebensvorgängen zu tun hat.
Ihr Bewußtsein ist ständig auf die Regenerationskräfte in ihr selbst gerichtet,
und sie arbeitet unausgesetzt an ihrer Steigerung. Je mehr es ihr gelingt, an
sich unbewußte Vorgänge in die Bewußtseinssphäre zu heben, desto klarer erkennt
sie auch die Gegebenheiten im Schüler. So empfindet sie sich dem Schüler
gegenüber als die Wissende und Gebende. In ihm treten ihr die verschiedensten
Anlagen entgegen, von denen sie die kräftigen mehr ruhen läßt, um sich gleich
an die zurückgedrängten und geschwächten zu wenden. So glaubt sie eine
gleichmäßige Entwicklung zur Totalität anzulegen und zu fördern.
Dabei verlangt
sie vom Schüler eine passive Haltung, ein Bereit- und Gestimmtsein. Eine
Aktivität des „Menschen“ würde ihre Einwirkung nur stören. Dem Schüler
verbleibt nur eine Einkehr in sich selbst. Er muß lernen, Empfindungen von den
inneren Vorgängen in sich wachzurufen, um seinerseits ein sich steigerndes
Bewußtsein dieser Vorgänge zu erhalten. Eine lange Zeit der Übung ist dazu
erforderlich, und die am längsten in ihrer Arbeit stehenden Schüler sind am
meisten imstande, ihre Ideen zu verwirklichen. Dabei gibt es aber keinen
erlernbaren Stoff, der nach einer bestimmten Zeit zum Abschluß des Gelernten
führt, es bedarf immer erneuter Überprüfung und Auffrischung auch praktischer
Übungen von Seiten eines andern Geübten.
Es ist für
Clara Schlaffhorst als Trägerin ihrer Ideen eine Selbstverständlichkeit, daß
für alle, die mit ihrer Person in Berührung kommen, dieses Erlebnis
ausschlaggebend für ihren weiteren Lebensweg ist, ja, eine Existenzfrage
bedeutet. Daraus ergibt sich ein Meister-Schüler-Verhältnis, das sich zum
Meister-Jünger-Verhältnis steigern kann. Dieser persönliche Kontakt wird bei
jeder räumlichen Trennung unterbrochen ist brieflich nur schwer
aufrechtzuerhalten. Deshalb ist ein Neuaufnehmen des Kontaktes notwendig,
worauf sie auch bei den am längsten ausgebildeten Schülern ‑ die in ihren Augen
immer Schüler bleiben ‑ Wert legt, weil sie davon überzeugt ist, daß überall
außerhalb der Schule die durch sie erworbenen Kräfte verbraucht werden und nur
bei ihr erneuert werden können. Diese Tatsache erhellt die Bedeutung, die jeder
Schüler seinem Besuch der Schule beimißt, und die Atmosphäre einer Strenge und
Reinheit der Ideen ist dazu angetan, ihm die Bedeutung seines Aufenthaltes
immer klarer werden zu lassen.
Aus dem
Gesagten ergibt sich, daß der Ausbildungszeit keine Grenzen gesetzt werden können,
sowie aus dem Meister-Jünger-Verhältnis sich für Clara Schlaffhorst die
Schwierigkeit ergibt, eine Lehrzeit als abgeschlossen anzusehen und die
Lehrbefähigung auszusprechen. Die Ausbildungsschülerin wird nach persönlichem
Ermessen von Clara Schlaffhorst zur Helferin ernannt und arbeitet einmal im
Jahr drei Monate in der Schule, indem sie mit einigen zugewiesenen Schülern
selbständig übt, nachdem sie jeweils in deren Unterrichtsstunden bei Clara
Schlaffhorst hos[5]pitiert
hat. Nebenbei erhält sie weiter ihren Einzelunterricht als Schülerin. In der
Zeit ihrer Abwesenheit von der Schule erprobt sie ihre Erfahrungen und ihre
Lehrfähigkeit in Familien und Kinderheimen.
Gegenstand des
Unterrichts ist die „Natur“ im Menschen, mehr seine konstitutionellen Anlagen
als sein Können und Vermögen. Er muß versuchen, diese Anlagen, dieses
Naturhafte in sich von seinem Ich zu trennen und sich als ein „Es“ zu sehen,
sonst bewirken die aufgedeckten Schwächen und Fehler der „Natur“ in ihm ein
Abwerten seiner Person. Durch die Tatsache, daß der „Mensch“ seine „Natur“ als
zu ihm gehörig zu bejahen gewohnt war, kann es vorkommen, daß er sich in seinem
persönlichen Wertgefühl getroffen sieht, da sich ja die Arbeit gerade seinen
schwachen und nicht den starken Seiten zuwendet.
Die Denkkräfte
unterstützen die Unterrichtsarbeit insofern, als sie auf Bilder und Symbole
gerichtet werden, die in reicher Abwandlung geboten werden. So können sie (die
Denkkräfte) nicht mehr hemmend auf die Lebensvorgänge wirken; auf ein Bild
konzentriert, lassen sie den anderen Kräften unter Führung des Lehrenden freie
Entfaltungsmöglichkeiten. Da der Unterricht in einer Sphäre der Persönlichkeit
hinabreicht, die nicht logisch erfaßbar ist, könnte logisches Denken nur
störend wirken.
Somit ist der
Typ des Schülers festgelegt, der sich mehr weiblich empfangend als männlich
aktiv zu verhalten hat. Wir finden in dem Schülerkreis vorwiegend Frauen,
männliche Mitarbeiter sind meist Künstlernaturen, die mit dem Spürsinn für die
Notwendigkeit, sich mit den regenerierenden Kräften in Verbindung zu setzten,
begabt sind. Bleiben die Schüler so die Empfangenden, ist es verständlich, daß
jede Eigenwilligkeit im Tun oder Denken störend auf die Arbeitsatmosphäre und
das Meister-Schüler-Verhältnis wirken muß. Aus diesem Grunde ist auch das
selbständige Üben sehr eingeschränkt.
Als ideale
Mitarbeiter erwiesen sich allmählich die Menschen, die in äußerster Werktreue
und strenger Reinheit den von Clara Schlaffhorst vorgezeichneten Weg zu gehen
vermögen. Ihre Begabung muß auf der Seite des Empfindungsvermögens und
Spürsinns für das organische Leben anderer Menschen liegen, nicht dürfen andere
Begabungen oder fachliche Interessen sie davon ablenken.
Die folgenden
Ausführungen sind nur für den bereits Unterwiesenen bestimmt:
Die
von Kofler übernommenen Atemübungen.
1. Übung: Hauchartiges Ausatmen
auf a.
2. Übung: Abgesetztes Ausatmen,
die Luft entströmt durch die kleinstmögliche Lippenöffnung auf pf, in den
Pausen wird der Atem durch die geschlossenen Lippen gehalten.
Variante: In den Pausen kein
Anhalten der Luft, sondern weiteres Ausströmen durch die Nase.
Variante: In den Pausen kurze
Luftaufnahme durch die Nase, (kein Einziehen!) bis die Lunge gefüllt ist und
die Luft durch den weit geöffneten Mund entweicht.
3. Übung: Langsames Einschlürfen
der Luft durch die kleinstmögliche Lippenöffnung. Hierauf Ausatmung durch
weitgeöffneten Mund und zur Beruhigung der Lunge Übg. 2, erste Form.
Variante: Das Zäpfchen bleibt
so locker, daß beim Einschlürfen die Luft durch Nase u. Mund zu gleichen Teilen
einströmt.
4. Übung: Auf der Höhe der
Einatmung wird der Atem gehalten, nachdem vorher durch die Nase eingeatmet
wurde, der Mund bleibt zu [6]
Variante: Halten der Luft bei geöffnetem Munde.
10. Übung: (Farinelli) Einatmen
durch kleinstmögliche Lippenöffnung (siehe 3) momentanes Zurückhalten, dann
Ausatmen ebenfalls durch kleinste Lippenöffnung. Übg. 2 erste Form anchließen.
Ausatmungsübung: geflüstertes e; mit gehobener Zunge durch den Mund
einatmen, aus wie Übg. 1.
Ausatmungsübungen auf allen Strömungskonsonanten einzeln, dann auch
innerhalb einer Ausatmung in folgender Reihenfolge: h ‑ f ‑ ss ‑ sch ‑ vorderes
ch ‑ hinteres ch.
Atemübungen in Verbindung mit Artikulationsbewegungen: Ausatmen auf
geflüstertem u-Pause ‑ Geflüstertes i ‑ einatmen mit gehobener Zunge.
Dreigeteilte Ausatmung: warmer Hauch aus der Lunge ‑ durch weiche
Lippenöffnung ‑ bei ab Gespanntem Zäpfchen, Mund zu!
Die
hauptsächlichen Übungen beim Schwingen.
Die Füsse ruhen
auf dem Erdboden, der Körper schwingt frei in der Vertikalebene, vor und
zurück, auch seitlich. Das Schwingen wird unterstützt durch antagonistische
Bewegungen des Lehrenden, in dessen Hand die Führung der Bewegung und das
Ausmaß der Schwingung liegen. Ausgehend von der Atembewegung des Schülers,
vertieft er sie einerseits durch Steigerung des Spannungsverhältnisses zwischen
Lehrer und Schüler, andererseits dadurch, daß er äußere, die innere Bewegung
hemmende Muskelspannungen löst. Im Schüler wird die Empfindung geweckt, daß er
eine Waagerechte durchmißt, die der waagerechten Lage von Stimmband und
Zwerchfell entspricht.
Kreisen:
In kreisenden
Bewegungen erlebt der Schüler ein Unendliches, während beim Schwingen die
räumliche Abgrenzung im Anfang und Ende der Linie lag. Der Kreis entspricht der
totalen Rundung des Zwerchfells. Erst wenn es in der gesamten Fläche spannfähig
ist, wirkt die Kreisbewegung total. Weiter wird eine Beziehung zum großen
Blutkreislauf durch das Kreisen aufgenommen.
Rhythmus:
Ausgehend vom
dreigeteilten Lebensrhythmus, der aus der Atombewegung heraus erkannt wurde,
werden alle Muskelpartien in diesem Rhythmus von Zusammenziehung, Streckung und
Lockerheit bewegt. So steht jede Bewegung in innigster Beziehung zum Atemleben.
Entscheidend
ist immer wieder die Beobachtung der „unwillkürlichen, aber bewußten
Einatmung“, die auf jede Übung zu folgen hat, weil jede vom Menschen gewollte
und gemachte Einatmung nur äußere Muskelpartien und kleinste Teile der
eigentlichen Atemmuskulatur (Zwerchfell, Zwischenrippenmuskeln) erfaßt.
Angestrebt wird das in seiner gesamten Fläche gleichmäßig arbeitende
Zwerchfell, das seine Innervationen vorwiegend vom n. phrenicus erhält.
(Medizinische Einzelheiten werden in einer besonderen Arbeit gebracht).
Wenn sich keine
Gelegenheit zur Unterweisung und zum Schwingen zu zweien bietet, muß der
Schüler auch allein versuchen, sich durch diese Übungen mit den
Regenerationskräften zu verbinden. Wirkungsvoller ist das Schwingen mit dem
Gegenüber auf jeden Fall. Der Unterweisende muß sich ganz auf die
Kräfteverhältnisse des anderen einstellen, damit sich diese unter seiner Hilfe
entwickeln.
Diese Hilfe
wird durch Widerstände gegeben, die der Helfenden aus der Kraft seiner
Atemmuskulatur schöpft. Sie wendet sich direkt an die Atemkräfte des Gegenübers
und reagiert unmittelbar auf jede falsche Muskelanspannung, die eigne Schwäche
der inneren [7] Atemmuskulatur
verdecken will.
Solange der
Übende noch äußere Muskeln anspannt, fehlen ihm die Empfindungen für die innere
Muskulatur; die Schulung sucht diese Empfindungen wachzurufen, damit das
Bewußtsein eine Beziehung zu den eigentlichen Lebensvorgängen aufnimmt und von
ihnen vollständig ausgefüllt wird. Damit schwindet dem Übenden das Belastetsein
durch körperliche Schwere, und er erlebt ein freischwebendes Kräftegleichmaß.
Allgemeine Übungen
im Kreis:
Das Schwingen
im Kreis setzt schon eine längere Einzelunterweisung voraus. Jedes Glied des
Kreises muß schon ein entwickeltes Bewußtsein seiner inneren Kräfte haben, um
die Nachbarglieder nicht zu belasten oder als lastend zu empfinden, ebenso ein
Einfühlungsvermögen, um sich dem Spannungsgrad des Kreises anzupassen.
Auch diese
Übungen bauen sich auf Schwingen, Kreisen und Rhythmus auf. Dadurch, daß
mehrere Menschen zu gleicher Zeit gemeinsam ihre Kräfte auf ein Ziel richten,
kommt eine Summierung und Steigerung zustande, die in Einzelübungen nie
erreicht werden kann. Einzigartig an diesen Übungen ist die Erscheinung, daß
die Bewegungen so mit der Atmung übereinstimmen, daß ohne Befehle eine
Gleichzeitigkeit der Atmung bei allen Übenden selbstverständlich ist.
An die
Atemübungen schließt sich eine leichte Klopfmassage auf den Brustkorb an.
Diese
gemeinsamen Kreisübungen werden in zwei Arten ausgeführt: im Freien oder im
Raum mit Klavierbegleitung. Der Klavierspielende improvisiert und geht dabei
inhaltlich und formal auf die Atembewegungen ein. Die Bewegungsstunden klingen
aus in allgemeinem „Tönen“: Jeder singt frei und unbeschwert angehaltene Töne
und Skalen auf verschiedenen Vokalen und Klingern. Angestrebt wird dabei ein
harmonisches Zusammenklingen.
Die Gesangsstunden.
Nach Clara
Schlaffhorsts Erkenntnis hat die Stimme besondere Möglichkeiten, auf die Atmung
einzuwirken. Sie gehört zu gleichen Teilen dem „Menschen“ und der Natur“ an und
ist der Mittler zwischen beiden. Sie wird als „Widerstand gegen die Atmung“
benutzt. Dieser Widerstand ist am stärksten bei einem längere Zeit angehaltenen
Ton. Es folgt darauf eine vertiefte unwillkürliche Einatmung. Das Ziel einer
jeden Stunde ist, durch so vertiefte Atemzüge die Atemmuskulatur gekräftigt und
den gesamten Stoffwechsel angeregt zu haben.
Clara
Schlaffhorst erkennt bei jedem Schüler an der Stimme die Gegebenheiten des
Atemlebens. Dieses hat zwei hauptsächliche Arten der Äusserung, die zwei
Atemtypen entsprechen, diese treten in vielen Abstufungen auf.
Der eine Typ
will nur die Luft aufnehmen, hält sie fest und wird dadurch leicht gestaut, was
sich bis zu asthmatischen Erscheinungen steigern kann, während der andre Typ
zur ständigen Luftabgabe tendiert, was sich entsprechend zu schwindsüchtigen
Erscheinungen steigern kann. Beide Typen sind positiv und negativ zu werten.
Selbstverständlich wirken sich diese typischen Veranlagungen auf den ganzen
Menschen aus und sind in mit dem Atemleben am engsten Verbundenen am meisten zu
hören.
Der erstgenannte
Typ neigt im Körperbau starker zu Muskel und Knochenbildung (gewölbter breiter
Brustkorb) [8] Die
Stimme hat metallischen K1ang. Der zweitgenannte ist in Knochen- und
Muske1veranlagung eher zierlich, weich, die Stimme zart und schwingend.
Der erste, von
Clara Sch1affhorst vielfach „Spannungstyp“ genannt, oft als „Schwingungstyp“
bezeichnet, neigt zu Schlaffheiten.
„Die
Schwingungen der Stimme lösen den Krampf, be1eben jede Schlaffheit“. (Clara
Schlaffhorst)
Jede
Gesangstunde beginnt damit, daß der Schüler aus seiner vorhandenen Luftfülle
heraus einen Ton auf den Vokal a von sich gibt. Nun beginnt die Beeinflussung
von „Natur“ und „Mensch“ durch die Stimme. Damit das intellektuelle Denken
nicht die Lebensvorgänge stört gibt Clara Schlaffhorst Bilder zu Hilfe, die das
Denken mit ihren Inhalten gänzlich ausfüllen. Erstrebt wird während der
Tonbildung, daß die Luft restlos zu Klang verarbeitet wird. Das ist nur bei
exakt arbeitender Atemmuskulatur möglich. Dabei muß der Lehrende aber spüren
können, wie weit diese Atemmuskulatur wirklich vorhanden und wie weit sie noch
heranzubilden ist. So dienen die Gesangstunden anfänglich nur zur Förderung und
Ausbildung der Atemmuskulatur. Voraussetzung für den inneren Aufbau ist der
Einsatz der vorhandenen Kräfte, während jede Überbeanspruchung nur zu Krampf
und nachfolgender Schlaffheit führt.
Da für Clara
Schlaffhorst jeder Mensch mit einem „vollendeten Stimmorgan“ geboren wird,
versteht es sich, daß jedem Menschen die Möglichkeit zu singen gegeben ist, ja,
noch mehr, die Stimme ist für Clara Schlaffhorst die eigentliche Weckerin und
Erhalterin der Lebenskräfte. Deshalb gilt es, jedem Schüler seine Stimme, die
oft recht verdeckt und versteckt ist, wiederzufinden.
Also wird bei
Clara Schlaffhorst die Stimme nicht gebildet und erzogen für den Ausdruck eines
künstlerischen Wollens, sondern sie soll in erster Linie Ausdruck der
Persönlichkeit des harmonischen Zusammenwirkens von „Mensch“ und „Natur“ in dem
oben aufgezeigten Sinne. (Selbstverständlich kann diese anfängliche Ausbildung
und Erziehung der Stimme Grundlage für später sich anschließende künstlerische
Ausbildung sein, wenn sich die Begabung zusätzlich als geeignet erweist.)
Hier wird auch
verständlich, daß es sich bei Clara Schlaffhorst nicht um eine Stimmbildung im
Sinne eines ausgesprochenen Stimmcharakters, der als „Fach“ einzuordnen ist,
handelt, sondern sie strebt die allseitig ausgebildete, „Menschenstimme“ an.
Das
Übungsmaterial besteht aus einer Reihe von Übungen, die Clara Schlaffhorst von
ihrem Lehrer Julius Hey übernommen hat und selbsterprobten, die sie im Laufe
der Jahre als wesentlich und hilfreich erkannt hat. Da es sich nicht um das
Erwerben einer Gesangstechnik handelt,
fallen alle diesbezüglichen Übungen wie Triller, Koloraturen, Staccati,
Treffübungen, Resonanz- und Umfangsübungen etc. fort. Das Problem des Einregisters, das alle Gesangspädagogen
seit je beschäftigt, gilt für sie durch die Vorstellung der Septime als gelöst. Sie kämpft damit gegen
die Vorstellung „hoch-tief“, die durch das Liniensystem der Notenschrift
entstanden ist und schaltet eine waagerechte Vorstellung ein, die der
waagerechten Lage des Stimmbandes entspricht.
[9] Eine unmittelbare
Beeinflussung des Zwerchfells und der übrigen Träger der Atemfunktion erreicht
sie durch zahlreiche Vorstellungen, die ein Empfinden und Bewußtwerden von den
Funktionen dieser Organe wecken. Aufgebaut sind diese Vorstellungen durchweg
aus der Erkenntnis der Wirkung antagonistischer Prinzipien, die aus der
Zweiheit ein Drittes hervorwachsen lassen Dieses Dritte, die Mitte zwischen
zwei Polen, beispielsweise zwischen Spannung und Abspannung die „Lockerheit“
ist ihr angestrebtes Ziel. So arbeitet sie unentwegt aufbauend an beiden Polen,
und diese Arbeit hinterläßt nach jeder Gesangsstunde ein gesteigertes Lebensgefühl
und Leistungsfreudigkeit.
Die Sprecherziehung.
Um den
Sprechunterricht zu charakterisieren, geben wir einen Aufsatz von Hedwig
Andersen wieder, in dem ihre Erkenntnisse als bleibend gültige Tatbestände
dargelegt werden. Wir verweisen auf Heft 7 der Mitteilungen der Freunde der
Schule Schlaffhorst Andersen 1935 „Die artikulatorische Gesetzmäßigkeit der
Sprachlaute“.
Der
Klavierunterricht
Aufgebaut und
geleitet von Hedwig Andersen, ist der Klavierunterricht für alle
Ausbildungsschüler Pflicht.
Selbstverständlich
ist er durchdrungen von den Ideen der Schule. Der dreigeteilte
Bewegungsrhythmus wird in der Fingerbewegung zugrundegelegt. Die Arm- und
Schultermuskulatur soll sich in der Bewegung passiv verhalten. Die Atmung muss
in gleichmässig tiefen Atemzügen ablaufen, größere seelische Erregungen sollen
sich nur in vertiefter Atmung, aber nicht in gestörtem Ablauf zeigen. Das
Bewusstsein des Atemlebens soll während des Spiels erhalten bleiben und nicht
durch andere Bewusstseinsinhalte verdrängt werden. Der Spielende sitzt
aufgerichtet mit freier Kopfhaltung, damit alle Atmungsorgane (Stimme, Lunge,
Zwerchfell) in ihrer Form erhalten bleiben. Auch hier wird das antagonistische
Prinzip methodisch angewandt, z.B. bei Aufwärtsbewegung der Tonleiter die Vorstellung
des sich senkenden Zwerchfells. Für den Anfangsunterricht benutzt H. Andersen
die Schule von Ramann-Volkmann, weil sie von kleinen gesungenen Einheiten
ausgeht, dabei die Stimme betätigend und sich lange Zeit auf das
Fünffingerspiel beschränkt. Die Anschlagsprobleme (legato, staccata, piano,
forte) werden nie von der Arm- u. Handbewegung, sondern stets von der Atmung
ausgehend gelöst.
Wie beim Singen
steht auch beim Klavierspielen nicht das Erwerben einer Technik im
Vordergrunde, sondern es wird auch im Klavierspiel eine Möglichkeit zur
Regeneration gesehen. So wird jedes künstlerische Wollen (Dynamik, Agogik,
Tempo) in Grenzen gehalten. Daraus ist ein neues Klangergebnis gewachsen: das
Spiel klingt frei und ohne jede Hemmung, der Ausdruck ist ohne individuelles
künstlerisches Wollen, der Anschlag sachlich nüchterner, neutraler Frische.
Dieser ungestörte Ablauf ‑ gleichsam wie ein Naturgeschehen eignet sich am
besten zur Wiedergabe alter Klaviermusik, in der ein individueller
künstlerischer Ausdruck noch nicht gewollt wird. Dieser Ablauf ermöglicht
weitergehend ein von musikalischen Gedanken unbelastetes Spiel, was eine
wichtige Voraussetzung beim Improvisieren ist, und es werden Improvisationen zu
den allgemeinen Bewegungsstunden auf diese Weise auch von musikalisch und
klavieristisch wenig Begabten ohne Schwierigkeiten geleistet.
Bei den Liedbegleitungen wird weitgehend auf den
Singenden eingegangen (Pausen zur ruhigen Einatmung). Nicht das Kunstwerk zu
gestalten, ist das erste [10]
Anliegen sowohl des Singenden wie seines Begleiters, sondern es handelt
sich auch hier wieder um ein gemeinsames Bewusstesin von den Lebenskräften und
deren Darstellung beim Spielen und Singen.
Das Erbe
Das bisher
Gesagte entstammt eigner Anschauung und Arbeit in den letzten 10 Jahren der
Schule Schlaffhorst Andersen, die im Kriege 1942 noch übersiedelte von Hustedt
bei Celle nach Seefeld in Pommern. Das Jahr 1945 löschte gleichzeitig das
Bestehen der Schule und das Leben Clara Schlaffhorsts aus.
Eine Schule,
die derart von einer Persönlichkeit
getragen und durchdrungen wurde, steht bei deren Ableben vor der Frage, wo nun
die Kräfte liegen, die ihr aufs neue Basis und Existenz geben können. Wie schon
gesagt wurde, lag in der Person Clara Schlaffhorsts die Idee der Unterweisung
von Mensch zu Mensch begründet.
Sie hat aus
diesem Grunde kein eindeutiges schriftliches Unterrichtsmaterial hinterlassen.
Das Erbe ruht in den Händen der von ihr persönlich ausgebildeten und
anerkannten Lehrkräfte. In ihnen lebt das Bewußtsein von der Notwendigkeit
regenerierender Arbeit fort. Einige von ihnen haben viele Jahre unmittelbar
unter den Augen von Clara Schlaffhorst, ständig von ihr unterrichtet und
gefördert, in der Schule gelebt und an der Heranbildung des Nachwuchses mit ihr
gemeinsam gearbeitet. Es liegt nahe, daß sie
diese Ausbildungsarbeit wieder aufnehmen.
1) Was ist es
nun, das sie dem Nachwuchs zu übermitteln haben?
a) muß man
nicht einen Unterschied machen zwischen den Erkenntnissen Clara Schlaffhorsts,
die aus den Gegebenheiten ihrer Zeit zu verstehen sind und solchen, die eine
Reihe von Generationen gültig sein können?
b) in wieweit
haben sich die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen manche von ihren
Vorstellungen und Bildern fußen, verschoben?
2) Wie müssen
die Menschen geartet sein, die sich im besonderen für eine Weitergabe der
Arbeit eignen?
3) Kann durch
die Arbeit in der „Natur“ der „Mensch“ so umfassend gebildet und gefördert
worden, daß eine „Persönlichkeit“ entsteht?
4) Welche
Besonderheiten im Stil der Schule resultieren aus der Art der Persönlichkeit
Clara Schlaffhorsts und sind nicht wiederholbar?
Zu 1)
Unter Nachwuchs
wollen wir zunächst alle Schüler verstehen, die sich überhaupt in die
Unterweisung der Schule stellen. Aus dem Namen der Schule „für Atem- Sprech-
und Gesangskunst sind mancherlei
falsche Einstellungen zur Schule und zum Werk Clara Schlaffhorsts aufgekommen.
Zum Erlernen einer Kunst gehört u.a. ‑ aber als sehr wesentlich das Übermitteln
einer umfassenden Technik. Daß diese
Vermittlung weitgehend fehlte, weil sie nicht gewollt wurde, haben wir oben
dargelegt.
Die Schule will
auf diesen Gebieten kein Berufskünstlertum auf den Gebieten des Atmens, Singens
und Sprechens heranbilden und herausstellen. Sie will eine Lebenshaltung vermitteln, die jedem
Menschen zur Erhaltung seines Lebens und zur Steigerung seiner Leistung
verhelfen kann.
Diese Haltung
besteht darin, daß alle Bewegungen und Tätigkeiten des täglichen Lebens im
Einklang mit dem dreiteiligen Atemrhythmus stehen, daß bei jedem gesprochener [11] Wort eine Arbeit an
der Stimme und an den Atemkräften hörbar wird und daß auch die Leistung im
Großen einem Rhythmus unterliegt, der ihr immer wieder eine
Regenerationsmöglichkeit schafft und den Abbau speziell der Nervenkräfte
verhindert. An aufrechter Haltung, freiem Gang und schwingender reiner Sprache
sollen die Menschen erkennbar sein, die durch solche Lebensschule gegangen
sind. Daß diese Arbeit als Grundlage für jeden Beruf gelten kann, wird nun
verständlich; daß sie schon in die Kindererziehung eingebaut werden sollte,
wäre wünschenswert.
Um den Menschen
in seiner Gesamtheit, seinen Bewegungen, seiner Sprache, seiner Einstellung zum
Leben zu erfassen, bedarf es einer Schule,
eines Hauses, in dem er allseitig geformt werden kann. In dieser Schule müssen
Lehrende tätig sein, die als bedeutendstes Erbe Clara Schlaffhorsts mitbringen:
die Fähigkeit zu hören, welche stimmlichen Vorgänge sich beim Singen und
Sprechen abspielen und den Blick und das Empfindungsvermögen für die Funktionen
der Atemorgane.
Der Lehrweg,
den sie einschlagen, ist bestimmt durch ihre eigene Lernzeit bei Clara
Schlaffhorst und die Aufzeichnungen, die sie sich privat während dieser
Lernzeit gemacht haben. Manches aus diesen Aufzeichnungen ist aber nur als
augenblickliche Hilfe einer einmaligen Situation zu werten und nicht als
wissenschaftlich haltbare These oder Realität. Manches ist auch von der
Wissenschaft überholt und hat an Bedeutung verloren. Clara Schlaffhorst selbst
hat ja im Laufe der über 40 Unterrichtsjahre vieles geändert und verworfen, was
ihr zeitweilig bedeutungsvoll erschienen war. Gültigkeit behalten für eine
Reihe von Generationen dürften aber einige Grundideen, die wir in folgendem
noch einmal zusammenstellen.
1. Der
dreigeteilte Lebensrhythmus (übertragen auf alle Bewegungen der Muskeln und
Organe)
2. Die Idee
des Antagonismus (Zwerchfell-Stimme, Zwerchfell-Lunge)
3. Die
unwillkürliche aber bewußte Einatmung.
4. Wirkung und
Einfluß der Stimmschwingungen auf den gesamten Stoffwechsel.
Allem voran
aber ist die Erkenntnis zu setzen, daß eine Erziehung zum Bewußtmachen an sich
unbewußter Vorgänge einzusetzen hat.
Es muß nun noch
einmal auf die bereits erwähnten Bilder eingegangen werden, die Clara
Schlaffhorst dem Schüler gab, um das Denken richtig zu lenken und die von den
von jetzt ab Lehrenden auch wieder benutzt werden.
Da sind die
geometrischen Figuren, die im Laufe der Jahre als wirksame Hilfe erkannt
wurden: Punkt, Linie, Kreis, einfache Spirale, Doppelspirale, gleichseitiges
Dreieck, Quadrat.
Die Reihenfolge
des dreigeteilten Lebensrhythmus von Spannung, Abspannung, Lockerheit, genommen
aus dem musikalischen Dreiertakt (der leichten auftaktigen 3, der betonten
volltaktigen eins und der mittleren schwebenden zwei) hat Clara Schlaffhorst
auf vielerlei Formeln übertragen, z.B. „Werden-Sein-Vergehen“. Das ist aus
ihrer Freude heraus zu verstehen, immer neue Entsprechungen zu entdecken. Für
den Nachfolgenden ist es wichtig, über der Vielfalt der Deutungen nicht die
Einmaligkeit der Grundform zu verkennen.
Auch
geometrische Körper werden um ihrer Bildwirkung willen benutzt. Sie sollen die
Möglichkeit einer vollendeten Form der Organe veranschaulichen.
Bild der Septime mit allen Varianten ist die
Projektion der 7 Töne g-a-h-c-d-e-f [12] in die Stimmebene. Man darf die Septime nicht als
körperliche Realität auffassen, d.h. daß in Wirklichkeit das g hinten auf dem
Stimmband angesungen wird und alle andern 6 Töne in einer räumlichen Entfernung
folgen, sondern es hat sich gezeigt, daß die
Vorstellung dieser Tonfolge innerhalb einer Ebene von außerordentlich
günstiger Wirkung auf die Tonerzeugung ist. Es wäre noch eine stattliche Reihe
von Bildern zu nennen, die sich als Varianten der Septime auf der Siebenzahl
aufbauen. Sie alle haben ihre Bedeutung im Unterricht für die Entwicklung der Schüler
bewiesen, sie werden an andrer Stelle zu nennen sein. Hier sei daran erinnert,
daß letzten Endes alle Bilder zurückzutreten haben vor der wachen Empfindung
des richtigen Ablaufs von Atmung und Stimme.
Zu erwähnen
sind noch Bilder, in denen Clara Schlaffhorst Wortformen und Begriffe aus den
Gebieten der Theologie, Philosophie, Psychologie, Biologie und von
Weltanschauungen benutzte. Da sie aus ihren Zusammenhängen herausgelöst sind,
entbehren sie der wissenschaftlichen Grundlage und tragen nicht sonderlich zur
Verdeutlichung der eigentlichen Ideen bei.
Clara
Schlaffhorsts Terminologien sind in Gefahr, durch die Nachfolgenden und durch
Schüler, die nur wenig persönliche Unterweisung von ihr erfuhren, mit anderen
als von ihr verstandenen Inhalten gefüllt zu werden. Es liegt nahe, daß in
einer fast 50jährigen Arbeitszeit sich mehrere konzentrische Kreise um Clara
Schlaffhorst gebildet haben, deren innerster mit Schülern, die in ständiger
Verbindung zu ihr standen, sehr klein, deren äußere sehr groß waren. Zu diesen
im äußeren Kreise stehenden gehören Menschen, die sich schnell einiger Begriffe
bemächtigten und die Terminologien mit subjektiven Inhalten füllten.
Es liegt eine
Besonderheit darin, daß die praktischen Atemübungen (das Schwingen) nicht in
bestimmten vorgeschriebene Handgriffen zu bestehen haben, ebenfalls, daß die
Sprech- und Gesangstunden keinem bestimmten Ablauf unterliegen, sondern es ist
die jedesmalige neue Aufnahme und Empfindungsfähigkeit des Lehrenden für die
inneren Gegebenheiten des Schülers notwendig.
Zur Reinhaltung
des Werkes von Clara Schlaffhorst sind daher nur die Lehrkräfte befähigt, deren Unterweisung frei von aller
Schablone, aber auch frei von subjektiver Umbiegung des Gedankengutes,
gleichsam dienend dem „Geiste“ der Schule, geartet ist.
zu 2:
Entsprechend
muß eine Auswahl getroffen werden hinsichtlich des Nachwuchses der
Ausbildungsschüler. Nach dem Gesagten leuchtet es ein, daß man nicht auf
Menschen mit besonderen Talenten und Begabungen sehen muß, sie werden immer nach fachlicher
Ausbildung verlangen. Wie schon oben angedeutet, ist es im Laufe der Jahre
immer wieder vorgekommen, daß solche Schüler, durch den Namen der Schule
veranlaßt, eine fachliche Ausbildung ihrer Talente und Begabungen (Schauspieler
und Sänger) vermißten, und es sei deshalb an dieser Stelle ernstlich der
Vorschlag gebracht, die Schule hinfort nicht mehr für „Atem- Sprech- und
Gesangskunst“ zu nennen, sondern
einfach „Schule Schlaffhorst-Andersen“, da sie durch ihre Begrenzung im
angedeuteten Sinne einmalig wird und es zu keiner Verwechslung mit andern
Instituten kommen kann.
Soweit bei den
Übungen musikalisches Tun verlangt wird, ist es nicht auf besondere Musikalität
angewiesen. Was von einer fertig ausgebildeten Lehrkraft verlangt wird, kann
von einer durchschnittlichen Musikalität erreicht werden.
Wünschenswert
und eigentlich Voraussetzung für die [13] spätere Lehrtätigkeit ist die Gesundheit der Organe
und eine entwickelbare intuitive Fähigkeit, das Gegenüber in seiner
Organtätigkeit, den Funktionen, auf zunehmen.
Die
pädagogische Begabung muß in einer gewissen Unermüdlichkeit, das Erworbene
weiterzugeben und das „Falsche“ richtig zu stellen ‑ kurz, am „Leben“ zu
arbeiten, bestehen.
Charakterlich
verlangt der Beruf des Lehrenden, seine Person in den Dienst des
Schlaffhorst-Werkes zu stellen, sich von ihm formen zu lassen, sein Lehen
danach einzurichten.
Zu 3:
Anschließend an
unsere terminologischen Betrachtungen am Anfang dieses Artikels kommen wir noch
einmal auf die „Persönlichkeitsbildung“ zurück.
Clara
Schlaffhorst glaubt, durch die restlose Verarbeitung der Luft beim Singen und
Sprechen eine Vollendung in der Stoffwechseltätigkeit zu erreichen, die
belebend auf alle Organe, einschließlich Gehirn, wirkt. Diese Belebung fordert
ein organverbundenes Denken. Die „Psyche“ lebt nicht mehr ihr Eigenleben und
wirkt nicht störend, sondern ruht im allgemeinen Seelenbereich und wird von ihm
gespeist.
Die Lehrtendenz
Clara Schlaffhorsts wendet sich vorwiegend an die Seite der „Natur“, ohne auf
den „Menschen“ besonders einzugehen. Sie möchte dabei erreichen, daß die
„Natur“ ohne Störung durch den „Menschen“, d.h. durch „menschliches Erleben
oder Denken“ gedeihen und in ihren Funktionen ablaufen kann. Da ihr bei den
meisten Schülern, mit denen sie arbeitete, der „Mensch“ im Übergewicht
gegenüber der „Natur“ entgegentrat, mußte sie diese Seite bewußt zurückstellen
und sich der anderen zuwenden. Sie war dabei der festen Überzeugung, daß, wenn
sie die „Natur“ stärkte und in ihren Funktionen entwickelte, der „Mensch“ ohne
besondere Erziehung ihrerseits, seine Formung erführe und somit die
„Persönlichkeit“ in ihrem Sinne entstehe.
Es hat sich
aber gezeigt, (und ist eine von der Psychologie anerkannte Tatsache) daß eine
Seite in Menschen, die keine Beachtung und Formung erfährt und der kein Stoff
zur Betätigung geboten wird, in Gefahr ist, entweder zu verkümmern oder sich in
Formlosigkeit zu verlieren und Auswüchse zu zeitigen.
Wenn einem
Menschen der Aufbau seiner Kräfte als tägliches Lebens- und Arbeitsziel vor
Augen gestellt wird, so liegt es nahe, daß er von einer Angst erfaßt wird,
diese Kräfte bei jeder Leistung, die von ihm verlangt wird, zu verbrauchen und
zu verlieren. Sein Sinn richtet sich ausschließlich auf Erhaltung dieser Kräfte
und seiner selbst. Das kann führen zu einer egozentrischen Haltung der Welt und
ihren Aufgaben gegenüber. Das kann weiter führen zu einer dieser Haltung
verwandten Haltung: einem Gefühl des Auserwähltseins, da ja nur in diesem Kreis
Kenntnisse solcher Art vermittelt werden. Auserwählt auch deshalb, weil er eine
Bereicherung seiner Bewußtseinsinhalte erfahren hat, deren Fehlen er bei den
andern Menschen als Dumpfheit und Unentwickeltsein empfindet.
Berechtigt ist
dieses Gefühl des Auserwähltseins überall da, wo der Mensch sich verpflichtet fühlt,
den andern Menschen aus ihrer „Dumpfheit“ herauszuhelfen. Die Verpflichtung
liegt in dem Willen zur gesteigerten Leistung. Fehlt dieses letzte Erlebnis,
fehlt der wohl wesentlichste Schritt in der Persönlichkeitsbildung.
Es stellt sich
nun die Frage, ob die Persönlichkeitsbildung erfüllt wird auf einem Wege, auf
dem vorwiegend an der „Natur“ gearbeitet wird, die andre Seite aber, der
„Mensch“ keine Formung erfährt. Wird nicht die Blickrichtung zu sehr eingeengt
durch das unmittelbar zu erreichende [14] Ziel, wo doch
wesentliche Formung beim Menschen passiert durch Mittelbares, so die Begegnung
mit andern Menschen, die nichts von dieser Arbeit wissen. Gehört nicht zur
Persönlichkeitsbildung die Disziplinierung im Sittlichen, durch die jeder
Mensch jedem Menschen eine Bereicherung bedeutet, auch wenn er nicht schwingend
spricht, richtig atmet, ihm sogar negativ gegenübertritt und ihm „Kraft nimmt“?
Es ist nun noch
zu erwähnen, wie sich der durch die Schlaffhorstarbeit gebildete Mensch zur
Kunst verhält. Es werden in der Ausbildung Kunstwerke herangezogen (Lieder,
Gedichte, Klaviermusik) die auch zur Darstellung gelangen. Nach dem Gesagten
ist es einleuchtend, daß auch hier wieder in erster Linie auf einen ungestörten
Ablauf der Funktionen und ein gesteigertes Atemleben der größte Wert gelegt
wird. Im Gegensatz zu einer künstlerischen Leistung, bei der das Atemleben
restlos dem Gestaltungswillen des Ausführenden folgt wird hier eine Leistung
erreicht, bei der Stimm- und Sprachgebung vom Atemleben gesteuert und bestimmt
werden. Wenn ein solcher Ablauf der Funktionen, ungestört durch künstlerischen
Willen, einmal in Erscheinung tritt, wird er außerordentlich bejaht und
hervorgehoben, gerade weil er so selten eintritt. Meist entspricht die Stärke
und Gesundheit der Organe nicht dem künstlerischen Wollen, und es entsteht eine
Disharmonie zwischen Wollen und Können, für die ein bei Clara Schlaffhorst
Geschulter besonders empfindlich ist.
Den Zugang zu
dieser Art Stimm- und Sprachgebung finden
die Menschen leicht, bei denen eigner künstlerischer Wille fehlt und bei
denen keine Störungen durch eigenes „psychisches“ Leben und Denken eintreten.
Wie schon beim Klavierspiel bemerkt wurde, hat sich auch ein eigenes Stimm- und
Sprachideal herausgebildet: der Ton ist frei von subjektiver Färbung, ihm
fehlen Vibrato Tremolo, er hat etwas Unpersönliches, wie ein Instrumentalton,
etwa einer Oboe. Es fehlt der sinnlich schwellende Wohlklang, er ist vorzüglich
geeignet für die Wiedergabe vorbachscher Kirchenmusik und die gegebene
Grundlage für den Volksliedgesang. Bei der Verschmelzung mehrerer in der Art
geschulter Stimmen gibt er die Möglichkeit eines idealen Chorklanges.
In der
Sprachbildung liegt der Hauptwert in einer dialektfreien, gutdurchgearbeiteten
und kultivierten Alltagssprache. Märchenerzählen und volkstümliche Dichtung
sind auch hier die Gebiete, wo diese Sprache Erfüllung und Vollendung bringen
kann.
Für alle Zweige
des Künstlerberufes, die subjektive Inhalte und Gestaltungen in Stimm- und
Sprachgebung verlangen, ist diese Tongebung unzureichend, wohl aber könnte ihr
eine künstlerische Ausbildung aufgestockt werden, wenn die nötigen Begabungen
hinzukommen.
zu 4:
Das anfangs
geschilderte Gesicht der Schule ist geprägt durch Persönlichkeit und Leben
Clara Schlaffhorsts. Als Mensch der Jahrhundertwende lag ihr ein gewisses
Pathos, das ihren persönlichen Lebensstil kennzeichnet. Besondere Ehrfurcht
zollte sie den Künstlern ihrer Zeit, sie galten ihr als begnadete Menschen,
deren Zeitgenossen es ein Bedürfnis war, ihnen königlich zu huldigen. So ist es
zu verstehen, wie es zu dem anfangs geschilderten strengen, oft weihevollen und
feierlichen Stil in der Schule kam.
Daß dieser Stil
heute als vergangen angesehen werden muß, bedarf keiner weiteren Worte. Es ist
verständlich, wenn die Lehrenden, die jahrelang mit Clara Schlaffhorst [15] und Hedwig Andersen
gelebt haben, ihnen und ihrem Werk äußerste Treue bewahren wollen, indem sie an
dem Stil des Hauses und der Unterrichtsweise bis ins einzelne festhalten. Die
heute Lebenden sind aber durch eine Reihe von Wandlungen gegangen, die sie
zwangsweise zu einer völlig anderen Einstellung den Dingen und der Zeit
gegenüber geführt haben. Durch Kriege, die Not und Elend im Gefolge hatten, ist
ihr Sinn für das Wesentliche geschärft worden, das Bedürfnis, nach äußerem
Glanz, Namen, Persönlichkeitskult ist weitgehend abhanden gekommen. Ein Suchen
und eine Sehnsucht nach geistigen und religiösen Werten ist bei vielen wach
geworden, soziale und charitative Aufgaben verlangen ein Zurückstellen der
eigenen Person.
Dieser Wandlung
und Sinnesänderung Rechnung zu tragen, ist die Aufgabe derer, die Clara
Schlaffhorsts Werk in Form einer neuen Schule wieder ins Leben rufen wollen.
Wird man den alten Stil beibehalten, so wird sich das bei den Nachwuchsschülern
hemmend auswirken, und es wird ihnen eine Entwicklung vorenthalten, die ihnen
unbedingt zuteil werden muß. Man tut also Clara Schlaffhorst kein Urrecht, wenn
man Zeitgebundenes ihrer persönlichen Art nicht wiederholt, im Gegenteil, ihr
Werk wird unberührt davon bestehen können. Es muß also ein in jeder Beziehung
sachliches Verhältnis, bar jeden Persönlichkeitskultes zwischen Lehrenden und
Schüler angestrebt werden. Ebenso ist eine gewisse hierarchische Ordnung und
Abstufung von „Anfänger“, „Fortgeschrittenem“, „Ausbildungsschüler“,
„Hilfslehrer“, „einfacher Lehrer“ und „Meister“ nicht angebracht.
Die
Beibehaltung des Tagesplanes ist durchaus zu vertreten. Ergänzend für den
Klavierunterricht wäre das Fach Improvisation für die rhythmischen Stunden einzufügen,
ebenso sollten den Ausbildungsschülern die psychologischen Voraussetzungen der
Kindheit und Jugend vermittelt werden, damit Sie bei der Menschenbeurteilung
eine Hilfe hätten. Sobald sie zu unterrichten beginnen, müßte ein regelrechter
Lehrprobenplan mit Hospitieren seitens der Lehrenden für sie eingerichtet
werden.
Wo sollen die
aus ausgebildeten Lehrkräfte nun eingesetzt werden? Da die Arbeit ‑ wie schon
dargelegt, als Lebensgrundlage für jeden Menschen und jeden Beruf angesehen
werden muß, würde es für jede Fachschule eine Bereicherung sein, eine solche
Lehrkraft zur Verfügung zu haben, die den Studierenden den Sinn solchen
Arbeitens an sich selbst aufzeigt und ihnen zu gesteigerter Leistung verhilft.
Besonders
fruchtbar ist die Arbeit an Pädagogischen Akademien, Schausspiel- und
Predigerseminaren, Konservatorien, Rhythmikseminaren, Werk- und Meisterschulen,
Kindergärtnerinnenseminaren etc. Die Arbeit mit Kindern soll in einer
Sonderdarstellung gezeigt werden, hier noch einige Vorschläge für Übungsmaterial
im Singen, Sprechen und Klavierspiel.
Liedgut, das
zur Arbeit mit Schülern geeignet ist: Jödes Sammlung „Frau Musika“ enthält eine
stattliche Reihe von Volksliedern aller Zeiten, ebenso volkstümliche
Kunstlieder von J.A.P. Schulz, Reichardt, Zelter.
Robert Franz,
Schumann, Brahms, Schubert sind soweit zu benutzen als sie sich in schlichten,
volksliednahen Tönen äußern. Vorbachsche geistliche und weltliche Lieder und
Arien (Krieger, Albert, Selle, Erlebach, Telemann, Schemellische Sammlung).
Aus dem großen
Gesangshey eignet sich eine Reihe. Für den Chorgesang kommt je nach
Besetzungsmöglichkeiten alle Literatur in Frage. Besonders sei auf den
zeitgenössischen a-capella-Stil verwiesen.
Für den
Sprechunterricht nennen wir den „kleinen Hey“, Gedichte von Eichendorff,
Keller, Meyer, Storm, Droste, Hebbel, die allgemeingültige und volkstümliche
Inhalte und Sprachgebungen enthalten und kein besonders persönlichen und [16] differenzierten
Ausdruck verlangen. Beim Vorsprechen halte man sich von allzu bekannten Texten,
die von anerkannten Künstlern gesprochen werden, fern. Übungen im
Märchenerzählen seien besonders empfohlen.
Klaviermusik:
Hier sei auf
die vorbachsche Klaviermusik hingewiesen (Froberger, Kerll, Fischer, Kuhnau,
Rameau, Couperin, Daquin, Telemann u.a.) Beim Vorspielen von Bach und Händel
hüte man sich vor zu bekannten Stücken. Dasselbe gilt für die Klassik und alle
Nachfolgenden. Überall da, wo die Wiedergabe einen individuellen künstlerischen
Ausdruck verlangt, muß der Schüler die dazu nötige Begabung mitbringen. Im
anderen Falle wird man einmal dem Kunstwerk nicht gerecht, zum andern bleibt
der Schüler in der irrtümlichen Hoffnung befangen, seine Wiedergabe sei schon
die richtige, und er ist in Gefahr, auch in andern Fällen das Urteilsvermögen zu
verlieren.
Literatur:
Leo Kofler,
„Die Kunst des Atmens“, Leipz. 1897
Clara
Schlaffhorst, Hedwig Andersen, „ Entwicklung der gestaltenden Kräfte aus dem
Rhythmus der Atmung“. Vortrag, gehalten 1926 in Celle
H. Andersen,
„Die artikulatorische Gesetzmäßigkeit der deutschen Sprachlaute“ in Heft 7 der
„Mitteilungen für die Freunde der Schule Schlaffhorst Andersen 1935
Clara
Schlaffhorst, „Stimmorgan und Stimmphenomen“ in Heft 11 der gleichen Reihe
Clara
Schlaffhorst, „Die Stimme des Menschen“ in Heft 11 der gleichen Reihe 1939
geschrieben
1945/6 von Elisabeth Goebel und Waltraut Seyd
Ende Aussrpüche von Clara Schlaffhorst
|