Unterrichtsprotokolle von Hedwig Andersen (1908)
Auszüge aus Briefen von
Schlaffhorst [maschinenschriftlich]
NL Johanna Wiesike
Hustedt 28. I. 29
Seien Sie sicher, daß uns Ihr persönliches Wohlergehen höher
steht als das Werk.
Hustedt 1. VI. 30
Die Geduld, die wir haben lernen müssen, wird auch von Euch
verlangt werden, ebenso das Schweigen, und so findet Ihr hoffentlich draußen in
der Welt das, was Euch keine Schule oder keine Liebe, und wäre sie übergroß,
geben kann. Hoffentlich bleibt Ihnen wie uns Gottes Hilfe und sein Segen treu.
Er alleine nimmt die Liebe im ganzen Umfang so auf, wie er sie uns gibt.
Hustedt 20. 10. 30
Wenn der liebe, gütige Gott und Vater mich leben läßt, dann sind
wir alle noch einmal vereint.
11 II. 30
Erst kommt doch das Leben, dann die Liebe und dann noch viele
andere und zuletzt die Kunst. ... Das Gottesgesetz wird Ihnen wohl jetzt einen
Weg zeigen, ihm vertraue ich und seinem Schutz.
Hustedt 17. 2. 31
Ihr Einsegnungsspruch spricht wahr: „Welche der Geist Gottes
treibt, die sind Gottes Kinder.“ Nur wenn es sie „treibt“, und das dies in
Wahrheit geschehen wird, des bin ich sicherer als vor einem halben Jahr, weil
sie jetzt durch den Odem doppelt mit Gottvater verbunden sind. Seine Stimme
werden Sie nun vernehmen, die für alles, was sie beginnen werden auch endlich
Ihre Stimme werden wird. Die alte, die sie so oft irre geführt hat, ist wohl
für alle Zeiten dahin:
27. 9. 31
Was sich da aus der Tiefe meines Wesens herausschälte - es waren
Quadersteine von einem Bau, den uralte Väter aufgerichtet haben und so geht es
fort und fort, und wir selber stehen immer nur am selben Ort: beim Arbeiten.
Gesegnet sei solch Tun, das Schätze gräbt, die aus alter Zeit
stammen, und sie der jungen Welt, die alle Tage neu werden muß, offenbaren.
1. 11. 31
Erfüllt kann Ihr Wunsch nur werden, wenn Einer es will. Mein
Wille war stets dahin gerichtet, denn anders wäre mir die Art meiner
Offenbarungen nie gekommen. Aber der Mensch ist ja nur das Werkzeug! Und dies
Werkzeug konnte in mir selbst bisher noch nicht dahin gelangen, wo es hinsteuerte.
„Natur ließ mich gesunden, sie lassen mich nicht ruhn“. Das war bisher. Nun ist
aber etwas in mir zur Reife gekommen, ... was gegen alle Enttäuschungen zu
leben beginnt.
13. 9. 37
Nie ist es mir eingefallen, Euch „technisches Können“
einzubläuen; alle Offenbarungen, die mir von Gott gesandt wurden, gab ich Euch
im Vertrauen auf ein dereinstiges Erwachen in ihm.
28. 5. 33
Wer hat sich seiner Zeit von Ihrem nur Nervensingen fortgebracht
und sich wund und müd geredet, daß „Blut ein besonderer Saft ist“, und zwar
schon zu Hypokrates Zeiten.
Wer ist noch heute bekümmert, daß ihr Blut nicht die
Innervationen regelt? Noch immer nicht.
Sowohl behufs Atmung, als auch Artikulation, Sinnes- und
Stimmfunktionen? Was sind das alles insgesamt? Körperfunktionen.
Wie kann von Geistig~Seelischem die Rede sein, wenn die
Funktionen versagen d.h. nicht das leisten, was man von einem Kunstgesang
erwarten muß. Woher kommen alle meine Ideen, die mir und allen, deren Glauben
stark genug ist, die Arbeit erleichtern, die der Körper auszuführen hat, wozu er allein
bestimmt ist? Nur aus dem Blut, das nach Betätigung förmlich schreit, kann „die
Idee vom Menschen“ zur Tat werden.
Blutandrang, das heißt Blut ohne geregelten Stoffwechsel, also
ohne Auswirkungsmöglichkeit, kann zu keiner fortwirkenden Kraft führen.
Auf Blut als solches kommt es nicht an,
sondern auf dessen Zusammensetzung, also darauf, wie es ernährt wird und selbst
ernährt. Kohlensäure-Anhäufung enthält keine aufbauenden Kräfte. „Natur hat nur
wenige Triebfedern - ihren Rhythmus. - Gesetze gibt es viele, die sich alle
untereinander bekämpfen. Welches den Sieg davon tragen wird, hat noch niemals
festgestellt werden können. Was das Blut an Verderben zutage fördert, kann man
in dieser Zeit deutlich hören und sehen. „Das Gesetz an sich“ kann durch die
Kräfte des Blutes erhöht werden, aber erst muß es vorhanden sein. Das ist
natürlich ein Idealzustand, den man meiner Erfahrung nach, nur erreicht, wenn
an einer Harmonie zwischen Nerven, Blut und Atmung gearbeitet wird,
28. 4. 36
Was glauben Sie denn, steht unser Ringen um die Erfüllung unserer
Idee durch die Tat nicht in Gottes eigenen Händen? Ist nicht auch der kleinste
Weg unserer großen Arbeit aus seinem Geist erstanden? Kann es, wenn der Trotz
des Schülers endlich in Gehorsam umgewandelt ist, ein anderes Ziel geben, als
das, wonach Sie sich und mit Ihnen alle guten Deutschen sehnen, ein anderes
Sein, als wie es jeder von Euch unter Seinem Beistand erlebt? Das ja eben ist
der einzige Beweis von der ewigen Treue zur Arbeit - das Dienen für den
Schöpfer.
Mein Herz und das meiner Freundin leidet bebend täglich und
stündlich, daß es nicht alle sind, die unsere Arbeit nur so und nicht anders
erkennen und anerkennen.- Dann nur wäre der Sieg über alles Gemeine möglich.
Brief vom 16. August 37
Der sehr persönliche auch über Septime
Weihnacht 1941
Die Religion muß als roter Faden von Anbeginn durch das ganze
Studium gehen. Darum meine Not mit Euch - die Natur zu finden, die ohne Gottes
Gnade nie in die Erscheinung tritt. Von „der jungen Menschenseele“ verlange ich
es nicht, sondern von der 1000 Jahre und mehr alten und doch jungen Naturseele.
Denn deren Not ist übergroß, weil sie von all den Millionen Wesen und den durch
sie gelebten Kulturen - heute nur noch Zivilisation - nie bewußt erlebt und
vernunftgemäß behandelt wurde. Die größte Mühe hat man damit, die sogenannten
„Menschen“ von ihrem selbst so hoch eingeschätzten Ich-Bewußtsein fort zu
bringen. ... Im Chor sind Wissenschaft, Religion und Kunst schon wirksam.
Fehlen tut immer noch das eigentliche Handwerkszeug: Luft, Stimme, Laut und
damit das Können.
Ein Thema - gegeben von H.
Andersen 1. 4. 1942
Zusammenhang der stimmlichen Entwicklung mit naturgemäßer Atmung
und kunstgemäßer Sprecherziehung.
Chr. Morgenstern: Sich vorbereiten, sich zubereiten, den Acker
lockern für das beste Korn ist alles.
Diese Worte Christian Morgensterns lassen uns bescheiden
erkennen, daß jede höchste Lebensoffenbarung, alles tiefste und reichste
Schaffen ohne unser Wollen und Wissen aus eines Menschen Brust aufbricht, - ein
Geschenk höherer Mächte - empfangen - und den Menschen wiedergegeben, daß aber
dieser Lebensgeist in uns wirksam sein kann, dazu bedarf es oft des Schreitens
von Stufe zu Stufe, des Wachsens und Entwickelns in vollem Bewußtsein aller
Kräfte und Gegenkräfte, im Erkennen und Erleben aller aufbauenden und
zerstörenden Elemente in und um uns.
15. 5. 38 (Handschriftlicher Nachtrag von Johanna Wiesike)
Vielleicht wurde es mir so außerordentlich schwer gemacht, damit
mein Gehirn in mir selbst, wie nun auch in allen Menschen, die durch Not zu uns
finden, alle Ecken und Winkel gründlich durchlüftete, neues Leben atmen lernte.
Keine Zelle des Leibes - der Seele - des Geistes kann unberührt bleiben von dem
reinsten Odem
Ende Unterrichtsprotokolle von Hedwig Andersen (1908)
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