Brief Ottmer über Geburtstag
Schlaffhorst
Margarete Ottmer an ihre Mitschülerinnen
Original: Forschungsstelle
Schlaffhorst-Andersen Bad Nenndorf: Briefsammlung. Gekürzter Abdruck:
Mitteilungen für den Freundeskreis der Schule Schlaffhorst-Andersen, Heft 18
(1/88), 10-11
Am 16.10.1939.
Hustedt - Jägerei
Clara Schlaflhorst’s
Geburtstag!
Wißt Ihr noch im letzten
Jahr der 75ste! Der Chor war da ‑ die Tschechei war unser ‑ unser Dirigent kam
gerade aus dem Militärdienst zu uns.
Und diesmal Krieg.
Wochen der Spannung im
vorauf. Eine Insel des Friedens ist Hustedt. Wenn nicht Radio und Post wären,
was merkten wir ‑‑‑ ja ‑ doch. 10 Minuten kaum ‑ nein 4 Minuten von uns liegt
der Flugplatz ‑ wir sind Gefahrenzone I. Wie ein Damoklesschwert hängt dieses
Wort über uns: Unser Anwesen ist beschlagnahmt ‑ Räumung wenn der Befehl kommt ‑
300 Soldaten liegen dort in Baracken, 1100 sollen in bälde kommen. Man will
abwarten, die Damen wollen nicht fort ‑ Frl. Schlaffhorst meint nirgends
arbeiten zu können. Maria Bredow hat ihr Haus angeboten und wollte es dort
möglich machen die Schule weiter zu führen ‑ Aber nein, Schlaffhorst will nicht
fort ‑ bis vor 8 Tagen hatte sie großen Mut ‑ beinah war es, als glaubte sie ‑
den Krieg bannen zu können ‑ die Stunden waren wunderbar ‑ streng ‑ wahnsinnig
oft ‑ Stimmgesetz ‑ Luftaufnahme ‑ Ton für Ton ‑ Wort für Wort ‑ doch seit 8
Tagen ist ihr Mut sehr wankend ‑ ihr Gedärme ist nicht zur Ruhe zu bringen. Sie
hat Angst. In allen Dingen, in denen sie nicht Meisterin ist und ihr Geist sich
dem Höchsten verbinden kann, ist sie die 76jährige Clara Schlafhorst, die
fassungslos ist der Wirklichkeit der Welt gegenüber. ‑ Und dennoch, im
gegebenen Augenblick wird sie vielleicht auch darin noch Meisterin. Hoffentlich
kommt die Räumung nicht so plötzlich, daß man in 2 Stunden raus muß. Andersen
ist viel weltgewandter. Sie möchte fort ‑ nach Rotenburg, packt auch schon. ‑
und die Schule?? ‑ Anita ist in Sorge um ihre Verwandten. 10 Schiffe mit
Deutschen aus Lettland sollen schon unterwegs sein. Ein grandioser Zukunftsplan
- aber wen es jetzt betrifft. ... ...
Man meint, die Welt ist noch
nie so dunkel gewesen.
Und dennoch! Wir arbeiten!
Ihr dort ‑ wir hier. Es ist schon etwas Besonderes um unser Werk und um die
Auffassung, die uns eingehämmert wird. Manchmal dünkt sie einem zu schwer ‑ zu
gehalten. Aber Kunst ist so und es gab wohl lange keine Stätte, wo so um das
Wesen, um den Kern des Schöpferischen gerungen wurde: als Schule. Die
meisten, die herkommen, kommen nicht um dieses Sinnes willen ‑ sondern einfach
um normal atmen zu lernen ‑ besser zu sprechen ‑ freier zu singen. Die Gedanken
fassen darum das, was dahinter steht, so schwer und die meisten legen es noch
falsch aus. Wie schwer ist es selbst uns, und wird es uns oft
noch, die wir auch nicht kamen, um dieses inneren
Sinnes willen. Wennschon wir jetzt getragen sind davon. Aber die Darstellung im
Leben und in der Arbeit die man doch als Vertreterin geben müßte hapert doch
noch immer. Man will wohl immer noch zu viel Persönliches und ist zu abhängig
von seinem Ich gebundenen Ziel. ‑
Ja, heute ist Schlaffhorst’s
Geburtstag! Wie Ihr ihn wohl alle begeht? Wir haben ihr am Vorabend „Guten
Abend, gut’ Nacht“ gesummt.
Selbmann, Schü, Anita,
Harling, Stampa, Gertz, Ottmer, Kühl, Lahusen, Seyd. Vorher am Abend haben wir
aus dem Inselbüchlein v. Ricarda Huch: Quellen des Lebens .. die dreifache
Kraft Gottes und über das Böse ‑ gelesen.
Schenck, Herr Lowes, Frl.
Fette, Frau Lore Schröter, Schmittchen aus Braunschweig, Armin Proske sind noch
da.
Heute morgen sang der Chor
um ½ 8: Befiehl du deine Wege (1. 2, 4) dann standen wir um 9 Uhr Spalier und
sangen einen Kanon: Wir gratulieren, liebes Fräulein Schlaffhorst. Nach den
Sprechübungen, die im festlichen gelben Zimmer gesprochen wurden, ‑ sogar Rosen
standen auf dem Tisch und Veilchen, ging's an den Frühstückstisch. Geschmückt
mit den roten Cronsbeeren
und vor jedem Platz stand eine Kerze. Wir durften nämlich nur 1
Kerze anzünden! Da wollten wir jeder eine!
So, Ihr Lieben ‑ nun kann
Schü weitererzählen. Schön daß sie da ist. Lebt wohl! Was wird sein, wenn der
Brief bei jedem von Euch ankommt. Ach betet, daß die Damen hier bleiben können
oder den Mut fassen, an einen Ort zu gehen, an dem die Schule weitergehen kann.
Im Augenblick krankt die
Hälfte von uns an Schleimhaut Zuständen oben und unten!! Man meint, es komme
mit von dem Fett, was wir bekommen. ‑ Ach, das will man ja gern ertragen, wenn das
furchtbare Ringen nicht weiterginge ‑ oder, wenn es weitergehen muß, die
Stimmung im Volk stark bleibt, durchhalten zu wollen.
Wie wenig Menschen sind doch
da, die die innere Entwicklung und das Wachwerden als wichtiger anschauen wie
die äußere Macht! Und dennoch, Vasall Englands zu werden ‑ brr, danke. ... Goebel ist in einer
Säuglings- und Entbindungsabteilung. Edith Schmidt pflegt in Preetz. Steiner geht es besser
‑ sie hatte eine Darmfistel und dann war ihr Dünndarm an der Bauchwand angenäht. ‑ bei
andern führe letzteres gar nicht immer zu Komplikationen ‑ aber unsere Arbeit kann
keine Unnatur leiden. Sie stößt sie ab. ‑ Ilse
Töpfer hat wieder ein Häuschen in Nikolassee ‑ Lonny war 2½ Woche da. Sehr
nett, trennte sich mit Schmerzen War so elend kam mit schwerem Bronchialkatharr
‑ ging gut. hat auch bei Anita gearbeitet.
Ilda v. Wolf geht es
garnicht gut. Inge Kahl meint (bitte meint nur) sie habe wohl Leukämie.
Selbmann ist sehr nett.
Anita und Harling geben
schöne Stunden. ‑ Seid nicht neidisch auf Gertz und mich. Wir hatten es dringend nötig und
darum hat’s der liebe Gott uns gegeben. Ich wäre nicht hier ohne das Geld, was
ich eigentlich zu einer Reise geschenkt bekommen habe (nach Belgien).
Viel liebe Grüße Euch allen
von
Eurer Grete.
Ende Brief Ottmer über Geburtstag
Schlaffhorst
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