Historisches

Unterricht

 


 

Tagebuch J. Wiesike (1938)

Johanna Wiesike: Tagebuchaufzeichnungen aus Hustedt 28. IX. - 17. XI. 1938[1] [Abschrift]

Briefe an Johanna Wiesike; teilweise abgedruckt: Chronik der Schule Schlaffhorst-Andersen: Nachtrag Johanna Wiesike. In: Mitteilungen für den Freundeskreis der Schule Schlaffhorst‑Andersen, Heft 29, 1995, 9-14

28. IX.

Es ist Abend geworden, und der Tag hat mir keine Minute zum Eintragen gelassen. Dazu kommt, daß man all die Tage jetzt in unerhörter Spannung und fortwährend unter dem Druck der Kriegsgefahr steht. Morgen scheint die letzte Möglichkeit einer friedlichen Lösung zu sein, wenn Chamberlain, Daladier, Mussolini und Hitler zu einer Einigung kommen sollten. Man fragt sich dauernd, was kann sonst geschehen? Aber niemand vermag es auszudenken, wie dieser Kampf ums Ganze sich gestalten wird. Jedes Planen und Vorsorgen ist vergeblich. Der Gedanke an unsern Chor tritt dabei noch ganz zurück.

Ist es möglich, daß alles Gute in der Welt sinnlos sein kann, daß es sang- und klanglos zu Grunde gehen kann, um den Menschen als Bestie erstehen zu lassen? Muß die Menschheit solch ein Stadium durchmachen, um zu neuer und wahrer Sehnsucht zu kommen? Ich kann es nicht glauben. Der Schöpfungsgedanke ist doch ein ewiger und setzt eine fortwährende Erneuerung voraus, so sehr wir Menschen auch unsere Kräfte vergeuden und sie an eine Zeitlichkeit verschwenden. Aber es gibt noch genug Menschen voll Sehnsucht und Ahnungen von einem höheren Leben. Sie allein sind noch dem Schöpfer verbunden und haben damit den Zugang zu unerschöpflichen Quellen für neue Kräfte, die allen Menschen zugute kommen können. Es gibt kein Ungefähr auf der Welt, alles hat seinen tiefen Sinn, und nach diesem wird auch unser Schicksal bestimmt sein.

29. IX.

Was für ein wunderbarer Abend das heute wieder ist! Der Mond ist schon sichelförmig und breiter als neulich. Die Luft ist klar und milde, noch ganz gesättigt von der Sonnenwärme des Tages. Die andern sind alle zu dem Feuer gegangen, das sie jetzt wieder Nacht für Nacht auf dem Flugplatz brennen. Es ist phantastisch schön, wenn die riesigen Kiefernzweige hineinprasseln und ein leuchtender Funkenregen nach allen Seiten stiebt.

Ich blieb heute allein zurück, bin ziemlich müde, wollte noch ins Buch schreiben und scheue es auch in so großem Kreis etwas so Stimmungsvolles auf mich wirken zu lassen. Vielleicht wäre ich auch mitgegangen, wenn St. nicht dabei gewesen wäre. Es ist gut, daß er übermorgen abreist. Er hat heute zu persönlich zu mir gesprochen. Es ist mein alter Fehler, Menschen dazu anzuregen, mich mehr als objektiv mit ihnen zu beschäftigen und an ihre Lebensprobleme zu rühren. Es ist auch immer der gleiche Typ von Männern, mit denen mir das passiert, zart, sensibel, von den meisten als weich und unmännlich empfunden. Doch ist das nur ihr suchendes, oft schwankendes Wesen, das sich noch nicht gefunden hat und nun von innen heraus einen Halt erstrebt, in dem das äußere Leben wurzeln könnte. Solche Menschen leben nie in festen Umrissen, sondern immer auf dem Sprung u[nd] immer bereit, sich neuen Möglichkeiten hinzugeben. Ich erinnere mich dabei an H.W. [v. Wispern], der vor 3 Jahren hier war. Es war ein lehrreicher Fall für mich. Wie habe ich diesem Menschen zu helfen versucht. Er wollte einfach nicht mehr leben, und als er nach 7 Wochen fortging, hatte er Glauben und Hoffnung zu neuem Anfang. Das Wecken dieser neuen Kräfte hatte er Frl. Schlaffhorst zu verdanken. Aber er war deswegen noch nicht bereit, sie voll Verantwortung auf sich zu nehmen und sie einzusetzen. In stundenlangen Gesprächen fanden wir erst Sinn und Ziel für ihn. Als er schließlich abreiste, da war es, als ob er ein neues Leben beginnen könne. Man kann im andern Kräfte bewußt machen, aber wie er sie einsetzt, das ist seine Sache. Hilfe gibt es nur, so weit, wie etwas Gemeinsames zwischen den Menschen ist. Aber sein Schicksal hat jeder persönlich. Bei Hölderlin fand ich neulich diese herrlichen Worte: „Es bleibt uns überall noch eine Freude. Der echte Schmerz begeistert. Wer auf sein Elend tritt, steht höher. Und das ist herrlich, daß wir erst im Leiden recht der Seele Freiheit fühlen.“

30. IX.

Was für ein Tag das heute ist! Überall ist Freude und Begeisterung, daß die entsetzliche Kriegsgefahr einmal wieder überwunden zu sein scheint. Man wagt es noch kaum zu glauben, daß ein internationales Zusammenwirken mit friedlichen Zielen wirklich möglich sein soll in dieser Welt voll Haß. Möge es nun wirklich zu dem führen, was allen Menschen Erlösung und neuen Mut zum Leben gibt. Eben kommen wir vom Flugplatz vom Feuer. Auch dort die Freude bei den Arbeitern. Alle Gesichter sind hell und froh geworden und sehen zuversichtlich in die Zukunft. Es ist eine ganz warme Nacht, wir sitzen auf Moos und Tannennadeln, und um uns herum prasseln die brennenden Zweige und schleudern ganze Garben von Funken in den dunkeln Himmel. Stundenlang könnte ich so zusehen, wie die Flammen an den Ästen entlang züngeln, bis sie schließlich in die Menge der Nadeln fallen und dann alles auf einmal fressen. Heute war ich allein mit Irmgard v.Harling da, wir sprechen dann gern mit den beiden Arbeitern, die so nette Leute sind und immer gern wissen möchten, was denn eigentlich in unserer Schule so vor sich geht. Sie staunen vor allem immer, daß man in solcher Einsamkeit leben mag und kein Verlangen nach den Vergnügungen der Stadt hat. Ihre Arbeitszeit ist von nachm. 6 Uhr bis morgens um 6. Es muß seltsam sein, so Nacht für Nacht dort in Dunkelheit und Schweigen zu arbeiten. Man sollte glauben, daß die Menschen selbst auch davon stiller und innerlicher würden.

1. X.

Sonnabend Abend! Es ist der schönste Moment der Woche und nirgends empfindet man das mehr als hier, denn nirgends hat man so ein regelmäßiges Arbeitsleben wie hier. Das Singen am Nachmittag ist schon so ein herrlicher Auftakt. Das Abendbrot danach ist sogar festlicher als sonst, und dann kommt der freie Abend der Woche! Ich bin jetzt zwar die andern Abende der Woche auch höchst selten im gelben Zimmer, aber am Sonnabend ist das noch was anderes. Da sehe ich nur zum Gute-Nacht-Sagen hinein, und es ist stets dasselbe rührende Bild, wenn die beiden Alten auf dem Sofa sitzen und vom Singen sprechen und von dem, was sie eben bewegt.

3. X.

Heut hat nun mein Helferinnendasein begonnen und ich muß sagen, daß es mich gleich wieder unendlich beglückt, an der Musik arbeiten zu können. Die ganze Zeit gab ich doch. nur Sprechstunden, gewiß riesig gern, aber die Musik hat mir immer schrecklich gefehlt, und ich kam selbst so wenig zum Singen. Jetzt übe ich doch zumindest in den Stunden mit den Schülern, und das geht bei mir von jeher am besten. Für mich allein hab ich ja noch nie was Gescheites gefunden, für andere immer. Zunächst wird es nicht viel zu helfen geben, denn wir gehen nun auch mit Riesenschritten auf den Chor los. Heut ist Frau v. Arnim gekommen, Gertz ist schon da, morgen kommt Frau Bleul, u.s.w. Es ist ja doch schön, wenn wir alle wieder beisammen sind. So ganz anders als mit neuen Menschen. Das geplante Konzert in Kiel wird hoffentlich ausfallen, die Umstände dort sind zu ungünstig. ‑‑‑‑‑‑ Gestern kamen Anita Grauding und Gräfin Bredow. Es hat ja nun die Übergabe von Haus und Hof an die Gesellschaft der Freunde stattgefunden. Bredow macht viel Zukunftsmusik, was ja begreiflich ist. Ihr ganzes Sinnen und Trachten geht auf eine Schule hinaus, was mir ja in einer Hinsicht auch am Herzen liegt. Sie wird die Schule nicht ohne mich machen wollen, und so sehr mich der Gedanke einerseits begeistert, so ist er mir andrerseits noch unvorstellbar, denn es würde ja ein völliges Festlegen für mich bedeuten und jegliches Aufgeben persönlicher Ziele. Aber es steht alles noch in beträchtlicher Ferne. So lange Hustedt besteht, wird ein neues Unternehmen nicht in Frage kommen. Und ich werde bis dahin wissen, ob ich eine solche Aufgabe auf mich nehmen kann oder doch einen eigenen Weg gehen muß.

4. X.

Ditilein macht hier jetzt schlechte Tage durch, da ich so viel zu tun habe und sie so viel allein lassen muß. Heute ist sie mal wieder mit Harling spazieren gegangen, auch ganz brav mitgelaufen, da sie sah, daß ich keine Anstalten machte. Ach, wie sie jetzt langgestreckt im Körbchen liegt, hingegeben schlafend schön, angestrahlt vom warmen Ofen. Es ist wirklich ein Bild der Ruhe und des Friedens. Übrigens hat sich Schlaffi neulich ungeheuer verdient gemacht. Goebel hat das Gespräch gehört und erzählte mir davon. Es war wohl die Rede von der Besetzung der Zimmer gewesen. Vorläufig wohnt Goebel ja noch im Bauernhaus, aber dann, meinte Schlaffi zu Hedschi, könnte ich doch mit Diti dort wohnen. Sie hat wohl nicht grade eine klare Zustimmung bekommen, aber auch kein striktes „Nein“! --- Ich bin sehr froh, langsam komme ich auch wieder ins Singen hinein. Es war mir diesmal sehr schwer, den Anschluß wieder ganz zu finden. Wie überhaupt mein ganzes Hiersein diesmal so anders ist. Ich könnte noch jeden Tag abreisen, ohne mit der Wimper zu zucken. Vielleicht wird das nun anders, wenn der Chor kommt. Übrigens sagte mir Bredow noch, daß die Sache mit Krüger nun durchgefochten ist und daß ich also ab Januar unser Weimarer Haus wenigstens für ein Vierteljahr führen werde. Krüger ist dann in Hustedt. Ich freue mich sehr darauf und bin bloß gespannt, wann Krüger mir davon schreiben wird. Wahrscheinlich werde ich Weihnachten nun bloß sehr kurz nach Wiesbaden zu den Eltern können und noch einige Zeit nach Weimar müssen um mit Krüger alles zu besprechen. Anfang Januar haben wir erst noch einmal Chorzeit. Und danach wird der Wechsel gleich sein müssen. Das gibt dann schon einmal eine Kostprobe von der Verantwortung, die man mit einem ganzen Haus auf sich nimmt.

8. X.

Vier Tage habe ich nicht eintragen können, aber es war einfach nicht möglich, zu ruhigem Schreiben zu kommen. Am 6. war ich mit Irmgard v.Harling u. Diti in Celle. Wir mußten beide zum Frisör u[nd] Irmgard dann ein Kleid kaufen, wozu sie meinen Beistand brauchte. Da wir über mittag in Celle waren, also ohne Mittagbrot, entschädigten wir uns bei Wellhausen mit Bergen von Kuchen. O, wie tat das gut! Und Diti hatte einen reizenden kleinen Verehrer in einem jungen stichelhaarigen Terrier, der sie recht geräuschvoll anhimmelte, sodaß es gut war, daß wir bald nach seiner Ankunft das Lokal verließen. Unsern notwendigen Zug konnten wir über alldem nicht erreichen, sodaß wir uns schließlich in ein Auto stürzen mußten, was Diti am selbstverständlichsten hinnahm. ‑‑‑‑ Bis auf 3 Leute ist der ganze Chor nun da. Wir haben gestern das erste Mal gemeinsam geübt. Ach, es ist doch schon gut, mit diesen vertrauten Menschen zusammenzusein, es tut uns allen wohl.

9. X.

O je, war das ein Sonntag! Nichts als Regen den ganzen Tag und ich hatte mich so drauf gefreut, mal endlich mit Diti ganz ausgiebig laufen zu können. Statt dessen goß es von früh bis spät. Um ½ 4 hörte es etwas auf mit regnen und die gute Irmgard holte Diti gleich ab zum Läufchen, denn ich erwartete die Rundbriefler zum Nachmittagstee.

Wir haben auch heute am Sonntag Chor geübt, und zwar ist Schlaffhorst mit ungewöhnlicher Intensität dabei. Sie ist überhaupt wieder unvergleichlich frischer und angeregter, seitdem der Chor wieder da ist. Es ist kolossal, welche Anregung sie selbst dadurch immer wieder erfährt. Ich dagegen fühle mich die letzten Tage garnicht sonderlich frisch und wohl, bin viel müde, habe Mühe, immer in der Gemeinschaft zu bleiben. Dabei sind es besonders lebhafte Tage, die uns noch bevorstehen. Nächsten Sonntag ist Schlaffis 75.Geburtstag, das gibt ein großes Fest.

11. X.

Es wird doch nicht immer mit dem täglichen Einschreiben zu machen sein. Die Tage sind augenblicklich wieder furchtbar voll. Täglich Chor üben und außer meinen eigenen Stunden habe ich noch Menschen bei denen ich zuhören und mit denen ich singen soll. Das ist ziemlich viel. Ich bin auch die Tage von ungeheurer Müdigkeit, könnte schrecklich viel schlafen. Fast wünschte ich, ich könnte bis Weihnachten nur für mich hier sein, nicht Helfen. Aber das geht ja nun nicht mehr und muß durchgehalten werden. Die Chorstunden bei Schlaffhorst sind wundervoll. Heute nachm[ittag] hat sie ganz besonders hervorragend gearbeitet. Was kann sie nur alles aus der Sprache herausholen! Ich bewundere immer wieder, wie sie ganz genau weiß, was der einzelne von uns zu leisten imstande ist. Das weiß sie besser als wir selbst und gibt dann, nicht eher ruh, als bis sie das wirklich zu hören bekommt. So kommt man sich selbst ganz unwahrscheinlich vor und fühlt sich über sich selbst hinausgehoben, eben weil sie die äußerste Anforderung an uns stellt. Natürlich haben wir ja auch solch Vertrauen zu ihr, daß wir schon wissen, sie verlangt nichts Unmögliches, u[nd] so wächst das eigene Zutrauen ganz von selbst dabei. Ich bin hinterher oft ganz ärgerlich, daß man selbst meist so kleinmütig ist und sich so nötigen und drängen läßt zu dem, was man schließlich ganz selbstverständlich u[nd] mühelos zu leisten vermag. Meist ist es der Kopf, der einen davon zurückhält, das alte falsche Denken, fern von jeder Kristallisation. Wie unerhört denkt sie alle Texte durch, wie holt sie aus jedem Wort das heraus, was dahinter steht und wie erreicht sie auf diese Weise einen geistvollen Ausdruck, der niemals gemacht, sondern nur innerlich gelebt werden kann! Könnte man nur ungezählte Lieder noch mit ihr studieren, man trüge einen unverlierbaren Besitz damit heim! Es gibt ganz gewiß keinen einzigen Menschen außer ihr, der die Sprache so vollendet zu gestalten weiß.

17. X.

Seit Tagen nichts eingetragen und auch heute bin ich so müde, daß ich gleich ins Bett muß. Der Geburtstag gestern war wunderschön, aber auch sehr anstrengend. Und der Sonnabend bereits auch schon. Ich muß noch viel schlafen, sonst komme ich nicht gut durch die Chorwoche. Prof. Högner ist jetzt da.

18. X.

Ich will versuchen, ein wenig nachzuholen von den vergangenen Tagen. Am Sonnabend vorm[ittag] war ich mit Frl. Andersen in Celle, zu Besorgungen. Das ist immer ein zweifelhaftes Vergnügen, da man sie nicht allein gehen lassen kann. Mit seinen eigenen Besorgungen kommt man dabei immer zu kurz. Auch ist das viele Herumlaufen für meine Beine stets eine beträchtliche Strapaze. Kurz vor 1 Uhr waren wir glücklich wieder hier. Da waren Meyer zu Schwabedissens bereits mit dem Auto hier, um Frl. Schlaffhorst schon zu gratulieren, da sie am Sonntag nicht kommen konnten. Sie brachten eine herrliche Glasvase mit gelben Orchideenzweigen mit, die wirklich zauberhaft darin aussahen. Ich hätte nie gedacht, daß Schlaffi sich über so etwas so unbeschreiblich freuen könnte. Sie war richtig beglückt davon.

Gleich nach Tisch kam Maria von Bredow und so kam ich nur zu ganz kurzem Hinlegen, denn sie eröffnete mir, daß sie bereits um ½ 4 Meyers zu einer Besprechung und zum Tee in mein Zimmer gebeten hatte. Natürlich mußte ich alles dafür richten, und als es fertig war, ging ich mit Diti an die Bahn, um die Krügerin abzuholen. Das war eine herzliche Wiedersehensfreude. Aber zu meinem Schrecken kam noch jemand anders mit demselben Zug an: Prof. Emge aus Berlin mit seiner Frau. Er ist der Lehrer von Vera Steiner, die ihn eigentlich verlassen hat, um bei uns weiterzuarbeiten. Er begreift das aber noch nicht ganz. Seine Frau interessiert sich sehr für unsere Arbeit, war Mittwoch zum Vorsingen da und schleppte nun unangemeldet ihren Mann mit, und dies ausgerechnet am heiligen Sonnabend, wo Schlaffhorst sich eigentlich nie sprechen läßt. Sie empfing ihn aber doch und hat wohl mancherlei geredet mit ihm. Er kam direkt und sehr erfüllt vom internationalen Stimmkongreß in Frankfurt. Vom folgenden Vorsingen schien er sehr angetan. Er äußerte später, daß wir Frl. Schlaffhorst in Watte packen und unbeschreiblich hüten müßten, denn sie wäre ein seltener und kostbarer Mensch. Natürlich hat er in der kurzen Zeit nur einen oberflächlichen Eindruck von uns erhalten können. Ich bin sicher, daß es sonst allerhand Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Einiges kam schon bei Tisch zur Sprache. Nach dem Abendbrot war dann noch Probe der Geburtstagsaufführungen, die natürlich viel lustiger ausfiel als am Sonntag selbst. Vom Geburtstag erzähle ich mehr im Brief. Der Tag war jedenfalls wunderschön, und ich habe selten so mit dem Herzen feiern können wie da. Es war auch so anheimelnd für mich, daß die Krügerin da war, sodaß ich wieder große Sehnsucht nach Weimar bekam. Gestern, Montag früh, fuhr sie schon wieder fort. Uns verschlang ja dann auch gleich wieder die Chorarbeit. Es gab noch Besprechungen mit Högner und dem Chor untereinander. Prof. Högener kam übrigens Sonntag früh an, als wir noch am Frühstückstisch saßen. Seit gestern dirigiert er uns. Ich finde ihn recht gut. Natürlich muß er erst sehr Fühlung nehmen mit uns, es ist ihm im Augenblick gewiß vieles fremder an uns, als er noch zugibt. Er hat eine bescheidene Art und weiß sich aber trotzdem durchzusetzen. Ich könnte mir denken, daß wir eine ganz gute Ehe mit ihm schließen werden. Schlaffi ist bei den Proben dabei, und so ist die Arbeit bisher sehr ergiebig. Wir singen ja auch ein wunderschönes Programm, lauter alte Sachen. Von rechtswegen müßten sie herrlich klingen, aber es ist noch nicht ganz so weit.

Die Januarreise wird schon heftig besprochen. Ich bin jetzt Schriftführerin für den Chor, das wird allerhand Arbeit geben. Dessau ist für den 12.1. geplant. Das Solisten-Singen soll lieber in Leipzig sein. Idler hat dort einen noch größeren Kreis, 2 Tage hintereinander ist zuviel für Dessau. Gestern fand ich wieder einen so tröstlichen herrlichen Spruch bei Hölderlin, den ich auch für den Mittagstisch aufschrieb: „Wir trennen uns nur, um inniger einig zu sein, göttlicher friedlich mit allem, mit uns. Wir sterben, um zu leben“: ‑‑‑ In diesem Sinne kann ich täglich an den Tod denken, ohne Furcht oder Unbehagen zu haben. Wieviel ist doch in uns, daß des Sterbens wert ist, ja, das überhaupt sterben muß, damit alles Bessere wirklich lebendig und kraftvoll werden kann. Alles was vergangen ist, trägt die Gewähr in sich für eine bessere Zukunft. O, so viel muß noch vergehen in mir!

21. X.

Ausgezeichnete Generalprobe heute, sehr fein mit Högener gearbeitet. Es ist überhaupt eine Freude, mit ihm zu singen. Seine Kritik hinterher war tadellos. Man freut sich direkt auf die Konzerte mit ihm. Irmel Wilmans kam zum Zuhören. Ich freue mich sehr, daß sie am Sonntag hier ihre Ausbildungszeit beginnt. Morgen letzter Chortag. Es war auch eine unglaublich konzentrierte Woche.

25. X.

Mein armes Tagebuch kommt jetzt immer beträchtlich zu kurz. Kein Gedanke daran, daß ich jetzt immer täglich einschreiben könnte. So will ich wenigstens in großen Zügen das Geschehen nachholen. Für die im Januar geplante solistische Veranstaltung war ein Vorsingen und Sprechen, um die Programmgestaltung besser übersehen zu können. Im Zusammenhang damit gab es einen Zusammenstoß mit Frl. Schlaffhorst, in dem das Problem unsres Singens mit den musikalischen Anforderungen der Öffentlichkeit stark zum Ausdruck kam. Wir sind darüber zu dem Entschluß gekommen, diese Veranstaltung ganz privat zu halten, nur für Idlers Schüler, da für fremde Zuhörer der Weg der Schule noch zu wenig hervortritt und diese garnicht wissen können, was wir eigentlich wollen und was sie heraushören sollen. Ich finde diese Lösung die einzig mögliche und mußte Schlaffhorst in allem sehr beipflichten. Leider hat die Anstrengung der Chortage sie so mitgenommen, daß sie seit Sonnabend mittag zu Bett liegt. Gestern war Herr Güthenke aus Gütersloh da und hat eine Blinddarmentzündung festgestellt, Gottlob ungefährlich, aber er hat 8 Tage Bettruhe verordnet. Sie liegt nun da wie ein grollender Löwe. Heute früh war ich zu einer kurzen Besprechung bei ihr. Sie ist eine sehr ungeduldige und anspruchsvolle Kranke. Hoffentlich hält sie die Verordnungen überhaupt ein. Im Grunde genommen ist es ein Segen, daß sie auf diese Weise überhaupt zur Ruhe gezwungen wird nach den anstrengenden Wochen, denn von selbst hätte sie sie sich nicht gegönnt, zumal wir das Haus schon wieder voller Menschen haben. Sonntag/Montag ist der Chor abgereist. Es ist immer eine empfindliche Lücke, wenn er fort ist. Aber wir haben keine Zeit zum Nachdenken darüber. Sonntag kamen gleich 7 neue Menschen und so sind wir wieder mittendrin in der Arbeit. Ich muß sogar ehrlich gestehen, daß diese Tage ohne Schlaffhorst ein gewisses Aufatmen für mich bedeuten. Dieses ständige Übergewicht von ihr, diese Strenge und Unerbittlichkeit ihrer Anforderungen an uns, die ich ja aus vollem Herzen nur bejahe, aber noch lange nicht immer erfüllen und ertragen kann, hat sich mir diesmal wie ein Alpdruck auf die Seele gelegt, einfach in der Erkenntnis, noch nicht genügend Kraft zu haben, sein Leben auf die einfachste Formel zu bringen. Ich weiß selbst so genau daß alles noch nicht richtig ist, aber ich kann halt nicht anders, ich kann mir noch nicht gewaltsam das Herz aus dem Leib reißen, das noch an so vielem Unnötigen hängt. ‑‑‑‑ Am Sonntag bin ich mit Diti ins Bauernhaus gezogen. Es ist nun doch sehr schön so, für mich weniger Rennerei, für Diti weniger Alleinsein. Sie ist auch sehr lieb und ruhig, bellt viel weniger, als ich fürchtete.

28. X.

Schlaffhorst soll morgen zum ersten Mal aufstehen, sie wird sich noch recht elend fühlen und unten gewiß nicht sichtbar sein. Aber es ist doch schön, daß es ihr so viel besser geht und die ganze Sache harmlos verlaufen ist. Gewiß hat sie wieder in der Zeit des Liegens viel Neues entdeckt, das pflegt immer so zu sein. ‑‑‑ Wir haben inzwischen friedlich weitergearbeitet. Es ist jetzt eine Gesanglehrerin aus Stuttgart hier, die kann sich garnicht genug tun in Lobpreisungen über meine Stimme. Ach, wenn ich den Leuten immer glauben wollte, dann säße ich vielleicht nicht mehr hier, sondern suchte mein Heil draußen oder irgendwo. Diesen Herbst waren besonders viele hier, die mir weismachen wollten, ich müßte draußen singen. Einen kleinen Stich ins Herz gibt es ja doch immer noch, und wenn ich dann bedenke, für wie unfertig mich Schlaffhorst immer noch ansieht und wie sehr ich das selbst fühle, dann möchte ich alles hinwerfen, mich in einem Winkel einrollen und von der ganzen Welt nichts mehr wissen. Immer dieses Bewußtsein, so meilenweit fern zu sein von dem, was man als Ideal im Herzen trägt und so oft der Zweifel daran, ihm je nahe zu kommen! Ich weiß nicht, es kommt mir vor, als sei es lange, lange her, daß ich mal froh und unbeschwert durch die Welt lief und so viel Vertrauen hatte zu mir und meinem guten Stern. Aber jetzt ist immer alles so mühsam, und das Hoffen ist wie ein Notbehelf, da der Augenblick nichts Besseres zu geben hat. Am frohesten bin ich vielleicht noch bei der Arbeit selbst, wenn ich mit anderen singe und sehe, wie da was lebendig wird, wie der Organismus arbeitet und schafft und der Mensch dabei aus seinen Grenzen gehoben wird. Es ist so geheimnisvoll, was da vor sich geht, und es geht ein Glück davon aus, was mich immer mit dem betreffenden Menschen verbindet. Doch hinterher spüre ich immer, daß ich mehr eingesetzt habe, als ich durfte. Ich bin oft wie zerschlagen.

29. X.

Obgleich Schlaffhorst noch liegt, haben wir heute nachm[ittag] doch vorgesungen, und es ist mir garnicht schlecht dabei gegangen. Heute vorm[ittag] habe ich sogar regelrecht Stunde bei ihr gehabt. Sie lag noch zu Bett und ich habe in einem Nebenzimmer gesungen bei offenen Türen. Zuerst hielt ich es für unmöglich, daß etwas Gescheites dabei herauskäme und wollte am liebsten garnicht zu ihr. Ich habe überhaupt eine solche Scheu, den Mund aufzumachen. Es kommt mir alles so schlecht und ungenügend an mir vor, daß ich jeder Kritik aus dem Weg gehen möchte. Aber nachher ging es mir doch so gut bei Schlaffhorst, daß ich wirklich was von der Stunde gehabt habe.

Sie hat mir auch hinterher noch einiges von ihren neuen Erkenntnissen gesagt, die sich merkwürdigerweise mit vielem decken, was ich jetzt oft gedacht habe. Es hängt mit dem Lebensrhythmus zusammen: Werden-Sein-Vergehen. Immer wieder komme ich zu diesem Letzten, dem Vergehen, zurück, und ich kann nicht anders sagen, als daß ich mich mit aller Innigkeit um den Tod bemühe. Er ist noch viel zu wenig in mein Leben getreten oder zu unbewußt. Als kleines Kind schon wußte ich, daß mein Vater tot war und ich nahm das hin, nicht anders, als ich die Tatsache seines Lebens hingenommen hätte. Ich kannte ja kein Gegenteil davon. Später habe ich das Sterben lieber Menschen natürlich bewußter erfahren, aber sie waren eigentlich immer so alt, daß ihr Tod immer etwas ganz Natürliches war. Doch ist mir immer ein unheimliches Gefühl dabei angekommen, Beerdigungen haben mich von jeher unbeschreiblich aufgewühlt und mich innerlich an eine Stelle geführt, vor der ich auswich. Es hat da etwas nicht gestimmt in mir, mein Verlangen nach Leben ist jahrelang grenzenlos gewesen und wahllos habe ich es an mich gerissen. Heute lerne ich, daß nur das Leben gilt, das ich bewußt aufzunehmen imstande bin. Alles andere ist unverläßlich und kann jederzeit wieder im Nebel versinken. Es wird dadurch zu einem Hemmnis, das einem den Weg zum „Weiter“ versperrt. Nur das Leben tritt ins Bewußtsein, das dem Tod gegenübersteht, das ihm abgerungen wird, das ihn genau so bejaht wie sich selbst und darum bereit ist, in ihn einzugehen, um neu und herrlicher daraus zu erstehen. Immer wieder wird dieses Gesetz eintreten, und die Menschen, die es nicht erkennen und freiwillig auf sich nehmen (wie Elena Duse in ihren späten Jahren es tat!), müssen es eben in schweren Schicksalsschlägen erleben. Und dann gehören sie sogar noch zu den Auserwählten, den Glücklichen, die vom Schicksal, vom Leben belehrt werden, da es etwas von ihnen zu fordern hat, da es ihre Erkenntniskraft voraussetzt. Aber bedenkt man die Unzahl der Indifferenten, der Indolenten, die nur „ein trüber Gast“ sind auf „dieser dunklen Erde“, da sie es nicht kennen das „Stirb und Werde!“

1. XI.

Frl. Schlaffhorst geht es Gottlob wieder besser, sodaß sie auf ist und auch schon wieder unterrichtet. Aber sehr elend sieht sie noch aus. Ich habe mich in der Woche ohne sie direkt ein wenig erholt und bin sogar stimmlich dabei vorwärts gekommen, habe gestern üben können wie lange nicht. Ach käme ich doch endlich wieder auf einen grünen Zweig und aus der ewigen Unzufriedenheit mit mir selbst heraus!

Gestern war hier im Bauernhaus großes Scheuerfest. Wir hatten die ganze Woche die Maler in den gegenüberliegenden Zimmern gehabt und wurden gestern von ihnen gereinigt. Dieses Schwemmfest animierte mich so, daß ich beschloß, Diti zu baden, was dann auch am Nachmittag geschah. So lieb ist sie dabei, hält so schön still! Und hinterher so besonders weich und mollig. Wir sind unzertrennlich und die liebevolle und wärmende Gegenwart des kleinen Geschöpfes ist mir grade in diesen Wochen, wo ich oft so mutlos und unfroh bin, eine unbeschreibliche Wohltat. Dieses kleine Leben geht so in mich ein, daß alles Grübeln und Zweifeln vergeht, wenn sein Köpfchen auf meiner Schulter liegt oder wenn es sich behaglich grunzend an meinem Fußende im Bett dehnt und die vollendete Zufriedenheit ausstrahlt. Diti führt ja jetzt auch ein Schlemmerleben, das nur unterbrochen wird von dem Reinemachen des Zimmers, das sie nach wie vor mit unbeschreiblicher Wut und entsprechendem Gebell begleitet. Da tobt sich ihr cholerisches Temperament für den ganzen Tag aus. Sonst ist nur Liebe um sie herum. Und eitel Sonnenschein.

9. XI.

Seit Tagen nichts eingetragen. Aber es läuft ja auch alles so sehr in seinem festgelegten Arbeitsgang ab, daß nichts Erwähnenswertes dazwischen gewesen wäre.

Das Haus ist voll und ich habe viele Menschen zum üben, bin viel bei Schlaffhorst zum Zuhören, was sehr schön ist, habe selber herrliche Stunden gehabt und fühle mich überhaupt besser. In solcher Zeit neuen Werdens bin ich oft wie von einem Schleier umgeben und stoße nur mühsam zu andern Menschen vor, wenigstens außerhalb der Stunden. So bin ich da auch weniger mitteilsam und habe Mühe, die nötigsten Briefe zu schreiben.

27. XI.

Eben komme ich aus meiner Stunde bei Schlaffi und bin so erfüllt und wie neugeboren davon, daß ich es hier wenigstens vermerken muß. Wie ist diese Frau nur unbeschreiblich! Sie ist imstande einen zu verdoppeln und zu verdreifachen, sodaß einem selbst angst und bange werden kann vor all den Kräften, die man da in sich spürt, und zwar so leiblich, im höchsten Sinne des Wortes, (nicht stofflich), daß es einem plötzlich wie Schuppen von den  Augen fällt und man sich nur fragt, warum man sein halbes Leben so in Dunst und Nebel zubringt. So wenig Schlaffhorst von ihren Schülern als Menschen weiß, so viel weiß sie aber von ihren inneren Möglichkeiten. Es ist doll, mit welcher unerschütterlichen Sicherheit sie immer das Äußerste von uns verlangt, während wir immer noch zaghaft und ahnungslos sind über das, was wir zu geben imstande sind. Sie weiß es und ist unerbittlich und ungnädig, wenn wir aus Feigheit, Torheit oder Trägheit noch nicht dahin finden. Aber wenn es dann da ist, das Ganze; das wirkliche Schaffen, das weibliche wie männliche Kräfte im Geist und Organismus voraussetzt, dann ist auch bei ihr nur eine Seligkeit und grenzenlose Freude. Schon vor 14 Tagen hatte ich eine Stunde bei ihr, die sie selbst so bewegte, daß ihr, während sie mich begleitete, die dicken Tränen übers Gesicht liefen aus Freude darüber, daß ihre Idee, ihre Lebensarbeit doch noch so leibhaftige Erscheinung annahm. Und heute waren wir voll ebensolcher Freude, ich vielleicht noch mehr als damals, da es heute meinem Ideal noch näher war. Ach, es ging wirklich mal alles in mir auf und ich fühlte mich genau als Fels im rauschenden Strom. Nichts auf der Welt hätte mich umwerfen können! Wenn man es nun lernt, mit diesen Kräften auch zu leben, nicht bloß zu singen ‑‑‑ es muß doch alles ein Kinderspiel werden und kein Ende abzusehen, immer Größeres und Schöneres zu entdecken.

Über den Sternen ist meine Welt,
Dort, wo nirgends ein Stäubchen fällt,
Wo der Sonnenwagen zieht seine Bahn,
Wo die Seele vergißt im seligen Wahn.
Wer ist’s, der sie beflügelt, ihr Schwingungen gibt?

Der Geist ist’s, der sie nur in Freiheit liebt.
Allvater selbst nahm Not und Qual von ihr.
Sie gab ihm ihr Leben als Dank dafür,
Und fliegt nun singend ohn Raum und Zeit
Hin zu dem Lichte der Ewigkeit.

                             Clara Schlaffhorst

Dörenhof im Juni 1934

 

Es muß auch das Innengeschehen unserer Seele, dessen Zeichen das äußere Wort ist, selbst Wort genannt werden. Ob dabei der Name „Wort“ eher dem Laut der Stimme gebühre oder dem innerseelischen Begriff, das ist hier gleichgültig. Deutlich ist gleichwohl, daß, was der Laut der Stimme bezeichnet, das Innengeschehen der Seele früher ist als das nach außen lautende Wort: dieses ist von jenem verursacht. Wollen wir also wissen, was das innere Wort des Geistes sei, dann müssen wir zusehen, was durch den Laut der Stimme bezeichnet werden soll.

Thomas v. Aquin


Anlage: Friedrich Högner an Johanna Wiesike [gekürzte Abschrift]

Briefe an Johanna Wiesike

Professor Friedrich Högner
Landeskirchenmusikdirektor

München, 29.7. 1941

Liebes Fräulein Wiesike!

Da ich Sie am Freitag verfehlt habe, möchte ich Ihnen auf diesem Wege herzlichst für Ihre treffliche Mitarbeit danken. Sie haben dort viele Herzen für sich gewonnen und Sie haben vielen ein Ahnung darüber aufgehen lassen , daß die Arbeit an der Stimme nicht nur eine unumgängliche technische Angelegenheit für den Sänger ist. Bei der ganzen Arbeit einer Singwoche ‑ nicht nur bei der Stimmbildung ‑ aber muß man sich an das Gleichnis Jesu am einfachen Ackerfeld halten, wo der Samen des Sämanns zum Teil verloren geht, zum Teil gute Frucht bringt („das aber vom guten Land, sind die das Wort hören und bringen Frucht in Geduld“). Sie haben es ja selbst bei manchen Leuten gemerkt, daß sie spürten, was die Stimmbildung will, während die reinen Kopfmenschen noch lange nicht so weit sind. Auf dem Waitzackerhof hatten wir nun Leute, die zum 3. oder 4. Male auf unsere Singwoche kamen; das ist doch wohl ein Zeichen, daß diese Menschen ein Verlangen haben, daß ihnen weitergeholfen wird, und daß sie glauben, daß dieses Verlangen bei uns befriedigt wird. Man muß eben Geduld mit den Leuten haben, sie sind dankbar dafür, und danken einem auch das, wenn man nicht gleich zuviel oder alles verlangt. Ich war Ihnen sehr dafür dankbar, daß Sie nicht gleich alles haben wollten und daß Sie das eingesehen haben, daß man nicht einfach eine Hustedter Woche aus so einer „Singwoche für alle“ machen kann, wo die Menschen mit den verschiedensten Voraussetzungen und Erwartungen kommen. ‑ Im Übrigen möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck geben, daß Sie auf der Singwoche den einen oder anderen persönlichen Schüler gewonnen haben möchten und daß Sie sich bei uns wohlgefühlt haben möchten. Ihre Ruhe war jedenfalls für die Zusammenarbeit sehr wohltuend. Wenn ich wieder zu Ihnen zur Stunde komme, hoffe ich, daß Sie mir aber auch meine Fehler sagen, die ich beim Einstudieren von der stimmlichen Seite her machte. ‑ Seien Sie selbst bestens gegrüßt und nochmals herzlichst bedankt von

Ihrem sehr ergebenen Friedrich Högner

 



[1]            Die Aufzeichnungen entstanden, als meine Freundin Emmy Neiendorff mit dem Schiff nach Amerika gefahren war und ich mit ihrem kleinen Dackel Diti nach Hustedt kam. Frl. Andersen wollte mich nicht mit dem Hund im Areal der Schule haben, so wurden wir beim Bauern Behrens untergebracht. [J.W.]



Ende Tagebuch J. Wiesike (1938)
 

 


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